„Ich denke, man kann mit Fug und Recht behaupten, dass Schumpeter heute unter den Ökonomen, wenn nicht als der wichtigste, so doch als der bei weitem prominenteste Vertreter eines evolutionären Ansatzes in der Ökonomie gilt. In diesem Beitrag soll die Frage beantwortet werden, was damit gemeint ist, wenn man Schumpeter als Begründer und Vertreter der evolutionären Ökonomie bezeichnet“, so Professor Heinz D. Kurz, Direktor des Schumpeter-Zentrums in Graz zu seiner Session auf der Next Economy Open am 1. Dezember, um 16 Uhr. Man hört, sieht und streamt sich zur #BonnSchumpeterLecture.
Social Media und Messenger: Facebook nach wie vor mit hoher Nutzung – das sind Ergebnisse der ARD/ZDF-Onlinestudie 2022: Jede oder jeder Zweite nutzt in einer normalen Woche Social Media. In der jüngsten Altersgruppe greifen neun von zehn Personen mindestens einmal in der Woche auf Social-Media-Angebote zurück, ab 70 Jahren nur eine von zehn.
Bei mindestens wöchentlicher Nutzung liegt Facebook mit 35 Prozent vor Instagram mit 31 Prozent. Mit Abstand folgen TikTok (14 Prozent) und Snapchat (13 Prozent). Bei unter 30-Jährigen liegt Instagram (also auch Facebook) mit 74 Prozent deutlich vor Snapchat (47 Prozent), TikTok (44 Prozent) und Facebook (42 Prozent). In der mittleren Altersgruppe (30-49 Jahre) behält Facebook seine führende Position vor Instagram, TikTok, Twitter, Pinterest und Snapchat. Ab 50 Jahre wird Social Media signifikant weniger genutzt.
72 Prozent nutzen täglich Messenger-Dienste, bei den Jüngeren sind es 90 Prozent. Zu WhatsApp (also auch Facebook oder Meta) gibt es weiterhin keine quantitativ relevante Konkurrenz (68 Prozent tägliche Nutzung).
Mehr als 75 Prozent greifen auf Internet-Suchmaschinen zurück. Fast genauso viele schreiben und lesen mindestens einmal pro Woche private E-Mails. Die jüngste Altersgruppe interessanterweise mehr als die Zielgruppen ab 50 Jahren. Ein Drittel liest Newsletter und knapp vier von zehn Personen nutzen Online-Nachschlagewerke wie zum Beispiel Wikipedia.
„Aktuell gehen Analysten wie der amerikanische Digitalexperte Scott Rosenberg (3) vom Beginn einer neuen Entwicklungsphase von Social Media aus, in der es den Plattformen wichtiger wird, den Menschen attraktive Inhalte aus der ganzen Welt in die Timeline zu spielen und die Bedeutung des sogenannten Social Graph, sprich die Netzwerke zwischen den Usern, zurückzufahren. Etwas überspitzt formuliert bekommt man auf seiner Timeline so eher zu sehen, was eine Schildkröte in Korea macht als was der Nachbar zu einem lokalpolitischen Thema denkt. Wenn dies die Zukunft sein sollte, sind die Implikationen für Medienhäuser nachhaltig, weil die Massentauglichkeit einzelner Beiträge noch viel wichtiger wird als etablierte Communitys, die sich mit vertrauenswürdigen Marken verbinden.“
Die Herausforderung für Medienhäuser bestehe dann darin, dass jeden Tag von Neuem nur der Content und sein virales Potenzial über den Publikumserfolg entscheiden und nicht – wie bisher – die Interaktionen der Nutzerinnen und Nutzer und die etablierten Beziehungen zu den Angeboten.
Facebook sei mit 35 Prozent mindestens wöchentlicher Nutzung allen Unkenrufen zum Trotz weiterhin auf Platz 1, gefolgt von Instagram, das von 31 Prozent regelmäßig genutzt wird. „Beide erzielen, wie auch viele andere Plattformen, im Jahr 2022 starke Reichweitengewinne, die primär auf die Methodenoptimierung beim Stichproben-Setup zurückgeführt werden müssen: Die Festnetz- und Mobilfunkstichprobe wurde 2022 durch einen Onlinepanel-Anteil ergänzt, was insbesondere bei Jüngeren zu einer besseren Abbildung der Nutzungsrealität führt“, schreibt Koch (siehe auch den Methodenhinweis am Ende des Blogbeitrages).
Mit 14 Prozent komme TikTok auf weniger als die Hälfte der regelmäßigen Nutzung von Instagram, gefolgt von Snapchat mit 13 Prozent. Twitter und Pinterest erreichen jeweils 10 Prozent. Fünf weitere Plattformen, darunter die beruflichen Netzwerke und der Neuling in der Abfrage – ‚reddit‘ – rangieren deutlich unter 10 Prozent. Die Soziodemografie zeigt, dass Pinterest in ungefähr gleichem Maße einen Nutzungsschwerpunkt bei Frauen hat wie Twitter bei Männern. Auch Twitch und reddit scheinen mehrheitlich männliche Nutzer zu haben. Außerdem ist augenfällig, dass bei ab 50-Jährigen nur Facebook hohe Reichweiten erzielt“, erläutert Koch. Meine Rede.
Wer in der Netzöffentlichkeit irgendetwas bewirken will – in der Unternehmenskommunikation, in der politischen Bildung, bei der politischen Willensbildung, bei der Herausbildung der öffentlichen Meinung – kommt an Facebook und Instagram nicht vorbei, ob einen das passt oder nicht. Es sind privatisierte Öffentlichkeiten, die wie ein Supermarkt funktionieren. Es gelten die AGBs und algorithmischen Regeln der Plattform-Anbieter. Wer sich dort zurückzieht, ist dann halt nicht mehr Teil der relevanten Netzöffentlichkeit. Ich bin übrigens noch nie bei meinen publizistischen Aktivitäten vom Mark-Zuckerberg-Konzern behindert worden, obwohl ich nun einige harte Stücke über Zuck und Co. fabriziert habe.
Da ist auch diese Passage des Koch-Beitrags relevant:
„Aus dem Alltagsgebrauch ist die Frage bekannt, was man auf eine einsame Insel mitnehmen würde. Die Metapher der Inselfrage steht auch in der Markt- und Medienforschung für den Stellenwert bzw. die Unverzichtbarkeit von Dingen. Im Rahmen der ARD/ ZDF-Onlinestudie 2022 wurde die Frage – im Ablauf der Befragung hinter den Reichweitenfragen – folgendermaßen umgesetzt: ‚Wenn Sie sich nun für ein einziges dieser Social-Media-Angebote entscheiden müssten: Welches dieser Angebote würden Sie weiterhin nutzen?‘ Befragt wurden alle Personen, die mindestens zwei der sieben Plattformen im Fragenkatalog mindestens einmal im Monat nutzen. Während die Präferenzen in der Gesamtbevölkerung scheinbar ausgewogen sind, 35 Prozent würden sich für Facebook und 37 Prozent für Instagram entscheiden, zeigt die Differenzierung nach Altersgruppen ein ganz anderes Bild (vgl. Abbildung 3): Junge Menschen (14-29 Jahre) würden sich zu 48 Prozent für Instagram entscheiden (jeweils 14 % für Snapchat und Facebook), dagegen 69 Prozent der ab 50-Jährigen für Facebook sowie 11 Prozent für Instagram und 9 Prozent für Twitter. Die 30- bis 49-Jährigen spiegeln die gleichwertige Präferenz für Instagram und Facebook der Gesamtbevölkerung wider.„
In einer Nachfrage wurde dann noch ermittelt, warum sich die User jeweils für diese eine Plattform entscheiden würden, wenn sie nur noch eine nutzen könnten. Dafür konnten sie bis zu neun vorgegebene Gründe auswählen. Für Facebook sind mit Zustimmungswerten von 75 Prozent und mehr diese drei Dimensionen die relevantesten: „weil es Spaß macht“, „weil Familie und Freunde dort sind“ und weil die Beiträge gut gefunden werden. Es folgen mit 62 bis 55 Prozent Zustimmung: „weil ich auf Facebook gut informiert werde“, „weil mir die Videos gut gefallen“, „weil mir die Stimmung bzw. Atmosphäre gut gefällt“ und „weil ich die Kommentare auf Facebook gut finde“. Ein gutes Drittel gibt als Grund an, auf Facebook regelmäßig etwas zu posten und nur 22 Prozent wählen den Grund „wegen der Promis, Stars und Influencer, denen ich folge“.
Instagram-Fans nutzen die Plattform besonders gerne, um Promis, Stars und Influencern zu folgen. Sie schätzen gute Beiträge, Videos und die gute Stimmung. Auf Facebook sind die persönlichen Kontakte deutlich wichtiger als die zu Influencern.
Bei der Interpretation der diesjährigen Ergebnisse sind die methodischen Anpassungen der Studie zu beachten. Vor allem jüngere Menschen sind immer schwerer über Telefonbefragungen zu erreichen. Um weiterhin repräsentative Daten für die gesamte Bevölkerung erheben zu können, wurde daher ein Teil der Studienteilnehmer über ein repräsentatives Onlinepanel rekrutiert und befragt. Durch diesen sogenannten „Mixed Mode“-Ansatz wird die Validität der Daten weiter verbessert – beim Vergleich mit den Daten der Vorjahre ist dieser Methodenwechsel zu beachten.
Kompetenzsouveränität ist nach Ansicht von Barbara Engels vom Institut der deutschen Wirtschaft die Voraussetzung für die Handlungsfähigkeit sowie Innovations- und Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Wirtschaft:
„Die Stärkung der digitalen Kompetenzen in der Gesellschaft ist somit eine zentrale Aufgabe, um die Digitalisierung der Wirtschaft in Deutschland nachhaltig voranzutreiben. Dabei geht es nicht nur um Kompetenzen für den Arbeitsmarkt, sondern auch um Kompetenzen, um als Privatperson an der Digitalisierung teilzuhaben.“ Thema hatten wir ja auf der DigitalX in Kölle:
Im Auftrag des Bundesministeriums für Wirtschaft und Klimaschutz wurden in einem Index die Stärken und Schwächen von Unternehmen bei der Digitalisierung analysiert. Besonders schwach schneidet die Branche für Logistik und Verkehr ab. Der Indexwert in der Branchengruppe Verkehr und Logistik sinkt von 75,4 auf 70,1 Punkte. Die Branchengruppe erreicht ihr bestes Ergebnis in der Kategorie Prozesse, ihr schlechtestes bei den Forschungs- und Innovationsaktivitäten. Die Prozesse sind die einzige Kategorie, in der Verkehr und Logistik einen überdurchschnittlichen Wert erzielt. Sie gewinnt dort 20,2 Punkte hinzu. Verluste werden bei Produkten (minus 32,0 Punkte), Geschäftsmodellen (minus 20,1 Punkte) und in der Qualifizierung (minus 6,8 Punkte) verzeichnet. Verkehr und Logistik bilden 2021 wie auch 2020 das Schlusslicht in der Kategorie Innovationslandschaft. Das ist betrüblich. Gerade bei der Organisation der Verkehrswende, bei der Elektrifizierung und beim autonomen Fahren sollten eigentlich hohe Investitionen für Forschung und Innovation auf der Tagesordnung stehen. Mich verwundert das überhaupt nicht. Besonders in der Logistik werden uns bei Innovationen Potemkinsche Dörfer vorgeführt. Dazu starte ich übrigens eine neue Kolumne für den Haufe Verlag. Start 15. Dezember. Titel: Mythen der Innovation. Aber das nur am Rande erwähnt.
Vor allem große Unternehmen mit 250 und mehr Beschäftigten verzeichnen im Jahr 2021 im Vergleich zu 2020 Zuwächse. Ihr Indexwert steigt von 199,6 auf 205,2. Sie bleiben die am stärksten digitalisierte Unternehmensgrößenklasse und erreichen weiterhin einen mehr als doppelt so hohen Indexwert wie die kleinen Unternehmen.
Mittlere Unternehmen mit 50 bis 249 Beschäftigten verlieren Indexpunkte. Ihr Indexwert sinkt von 125,9 auf 119,4. Noch nie haben so viele kleine und mittlere Unternehmen ihre ursprünglichen Investitionspläne nicht wie vorgesehen umgesetzt. Das belegt eine Studie der KfW. Es dominieren kleinere Investitionsvorhaben zur Anpassung und Aufrechterhaltung des Geschäftsbetriebs. Firmenchefin Kerstin Hochmüller sieht dennoch die Perspektiven für den Mittelstand positiv. „Besonders im technischen Sektor sehen wir eine hohe Investitionsbereitschaft.“
Familienunternehmen würden generell vorsichtiger agieren. „Wir hatten Jahre des Wachstums, wo Kapazitäten extrem ausgelastet waren. Bevor man das nächste Investment tätigt, schaut man sich sich die aktuellen Geschehnisse genau an“, so Hochmüller vom Antriebsmotorenhersteller Marantec. Wenn sich das Krisenszenario abschwächt, geht die Firmenchefin von einem gewaltigen Investitionsschub aus. Generell ist für die Marantec-Chefin der Zeitpunkt gekommen für Kooperationen und Netzwerke. „Wir müssen jetzt Dinge tun, die wir vorher nicht für nötig gehalten haben.“ Besonders Mittelstandsunternehmen seien bereit, ins Risiko zu gehen. Optimismus ist dabei ein Kriterium für die Bereitschaft für Neuinvestionen, betont die KfW-Chefvolkswirtin Dr. Fritzi Köhler-Geib. „Wenn wir die Barrieren wegräumen, ist mit einem Nachholwachstum zu rechnen. Die Auftragsbücher sind so gut gefüllt, wie noch nie.“ Allerdings seien weitere Anstrengungen vonnöten: Aus- und Weiterbildung, Gründergeist, Innovationskraft, Wirtschaftsförderung, finanzielle Unterstützung. „Hier muss Deutschland jetzt einiges tun, um Weltspitze zu bleiben“, fordert Köhler-Geib.
„Was wird aus jemandem, dessen Fähigkeiten plötzlich nichts mehr wert sind? Dass es dank technischen Fortschritts irgendwann insgesamt mehr Jobs gibt als vorher, ist für den einzelnen Betroffenen ja nur ein schwacher Trost. Dachte man zumindest bislang. Eine neue Studie des deutschen Forschers Christian Dustmann stellt diesen Glauben jedoch auf den Kopf. Dustmann, der Institutsleiter am University College London ist und zu den führenden Arbeitsmarktökonomen auf der Welt zählt, hat mit zwei Ko-Autoren genau verfolgt, was passiert, wenn sich neue Technologien in der Arbeitswelt etablieren. Das zentrale Ergebnis: Die betroffenen Jobs verschwinden zwar tatsächlich. Doch die Arbeitnehmer bleiben in der Regel in den Unternehmen beschäftigt. Sie erledigen hinterher sogar anspruchsvollere Aufgaben und verdienen im Schnitt etwas mehr Geld als vorher“, schreibt die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung.
Die wichtigsten Erkenntnisse: Technologische Innovationen führen nicht dazu, dass alte Betriebe von neuen, innovativeren verdrängt werden. „Vielmehr findet der Wandel weg von Routinetätigkeiten hin zu anspruchsvolleren Tätigkeiten zum allergrößten Teil innerhalb von Unternehmen statt. Im zweiten Schritt schauten sich die Forscher genauer an, was innerhalb der Unternehmen passiert. Da wird es besonders interessant: Die Unternehmen, die neue Technologien einsetzen, verstärken nämlich zugleich die Weiterbildungsangebote für ihre Mitarbeiter.“
Zudem sollte man den Verheißungen der „Voll“-Automatisierung, die in Pressemitteilungen verkündet werden, nicht ständig auf den Leim gehen. Beispielsweise in der Intralogistik. Wer mehr als 250 Millionen Produkte von hunderttausenden Anbietern im Onlinehandel anbietet, wird sich schwertun mit der Vollautomatisierung. Die wäre im Investment wohl unbezahlbar.
Gleiches gilt für Künstliche Intelligenz und sonstigen digitalen Services. Immer schön hinter die Kulissen schauen und das Innovationstheater in Rechnung stellen.
In der #ZPSpätschicht hatten wird das ja thematisiert: Kollege Roboter: Zukunft der Arbeit im Maschinenbau. Kollege Roboter wird dringend gebraucht, um den Wandel der Wirtschaft in den nächsten 15 Jahren zu bewältigen. Die Baby-Boomer gehen in Rente und es fehlen mehr als fünf Millionen Erwerbstätige. Jobkiller-Szenarien durch Automatisierung, Robotik oder Künstliche Intelligenz sind die Vorbehalte, die oftmals vorherrschen.
Siehe auch:
Christian Dustmann, Michele Battisti und Uta Schönberg: Technological and Organizational Change and the Careers of Workers. Erscheint im Journal of the European Economic Association.
Die Weltanschauung der Demeter-Gemeinschaft, die sich seit Jahrzehnten der so genannten biologisch-dynamischen Wirtschaftsweise verpflichtet fühlt, ist mehr als problematisch. Hinter dem Begriff „Biodynamik“ steht unverblümt das esoterisch-okkulte Weltbild von Rudolf Steiner, dem Begründer der Anthroposophie. Auf Grundlage seiner Lehren bemüht man sich, die landwirtschaftliche Praxis mit dem zu verbinden, was für unsere normalen fünf Sinne verborgen ist. Ein Paradies für tautologische Märchenerzählungen. Nach dem Motto: Wenn ich die Nichtexistenz Gottes nicht beweisen kann, ist es der Beweis für die Existenz Gottes. Damit lässt sich alles und nichts begründen.
Die Steiner-Apologeten widmen sich dem „Unsichtbaren“: Es geht um „Mondrhythmen im Pflanzenwachstum“, „übersinnliche Erkenntnismethoden“ und um die astralischen Kräfte des Rindermistes, die bei der Vergärung aus dem Mist herausgetrieben werden. Zur „biologisch-dynamischen Landwirtschaft“ nach Steiner zählt auch das Vergraben von Kuhhörnern im Acker bei Vollmond. Die obskuren Vorstellungen für die Agrarwirtschaft sind eingebettet in ein nicht minder sonderliches Weltbild. Danach vollzog sich die Menschheitsentwicklung nacheinander auf sieben „Planeten“. Laut Steiner gab es keine Evolution. Vielmehr bildeten sich irgendwann „Lemurier“ und „Atlantier“ heraus, und aus letztgenannten die „Arier“, zu denen der selbst ernannte Meister sich selbst und die kultivierten Westeuropäer zählte – nicht aber die „verkümmerten Menschen“, deren
Nachkommen heute noch als so genannte wilde Völker gewisse Teile der Welt bewohnen. Unverholen predigte Steiner rassistisches und antisemitisches Gedankengut. Das Judentum, schrieb er, „als solches hat sich aber längst ausgelebt, hat keine Berechtigung innerhalb des modernen Völkerlebens, und dass es sich dennoch erhalten hat, ist ein Fehler der Weltgeschichte“.
Als wunderlichen Esoterik-Schabernack kann man die Steiner-Ideologie deshalb nicht werten. Dahinter steckt mehr. So schickte die Anthroposophische Gesellschaft 1934 einen offiziellen Brief an Adolf Hitler, in dem das Gemeinsame der beiden Weltanschauungen und Steiners arische Herkunft betont werden. Der NS-Staat förderte die biologisch-dynamischen Prinzipien unter einem neuen Begriff: „Lebensgesetzliche Landbauweise“.
Für viele in der Demeter-Gemeinschaft ist Biolandbau viel mehr als eine besondere Produktionsmethode, es ist eine Weltanschauung. Davon wissen die meisten Kunden allerdings nichts, wenn sie ein paar biologisch-dynamische Karotten kaufen. Rudolf Steiner ist einer der Fixsterne am Biohimmel. Deshalb sollte man sich seine Lehre ein wenig genauer anschauen, wenn man die Hintergründe der Biolandwirtschaft verstehen will.
Wo der Unsinn hingehen kann, recherchierte ich in den 1990er Jahren beim Thema Mehrweg. Auslöser war ein Leserbrief in der taz. Da beschwerte sich ein Leser über einen Reformladen, der die Annahme einer Mehrwegverpackung ablehnte. Wie sich herausstellte, beruhte dieses Mehrwegsystem und auch die Bepfandung auf Freiwilligkeit – so wurde zumindest die Annahmeverweigerung begründet.
Rapunzel träumte damals vom Mehrweg. Genau wie die Zwergenwiese, der Ziegenhof oder der Rosengarten. Alle verkündeten und verkünden hehre Botschaften über ökologischen Landbau, gesunde Ernährung und umweltgerechten Konsum. So werden wir von den Rapunzels dieser Welt ermahnt, unsere Wurst im Supermarkt nur mit der berühmten Tupperware-Dose zu kaufen. Frühmorgens bringen wir artig die Backware im Jutebeutel nach Hause, um nicht Ärger mit den umweltbewegten Nachbarn zu bekommen. So war es auch naheliegend, Naturkost-Produkte in Mehrwegverpackungen anzubieten.
Eines hatten Rapunzel und Co. nicht bedacht: Mehrwegsysteme sollten hohe Rücklaufquoten erreichen und sind nur bei kurzen Vertriebswegen ökologisch sinnvoll. Daran ist die Naturkost-Industrie kläglich gescheitert. Dass das mit großen Hoffnungen gestartete brancheneigene Projekt zur Müllvermeidung nicht funktionierte, hatte eine ganze Reihe von Gründen. Einer der wichtigsten: Um bei der Rücklaufquote zuzulegen, hätten die Hersteller weitere Millionen investieren müssen, resümierte der Naturkostverband in einer Pressemitteilung. Millionenausgaben zugunsten der Umwelt, das ging den Ökofunktionären zu weit. Wo kämen die biodynamischen Denker denn hin, wie Coca Cola oder Bierbrauereien auch noch Geld in moderne Abfüllanlagen, Rücknahmelogistik und intelligente Verpackungen zu investieren. Der ökologische Anspruch und das gute Gewissen müssen genügen, um Käufer in die Bioläden zu treiben. Wer ökologisch korrekt einkaufen will, steht über diesen Dingen.
Umweltexperten sehen das etwas kritischer. Die Organisation des Mehrwegsystems der Naturkostfirmen war von Anfang an dilettantisch. Es standen bundesweit kaum Spülstationen zur Verfügung. Es gab keine standardisierten Kästen, häufig wurde überhaupt kein Pfand erhoben und es gab keine dezentrale Erfassung der Gläser. “An den Verbrauchern hat es nicht gelegen”, bestätigte Hans-Josef Brzukalla, der mit seiner Arbeitsgemeinschaft für Abfallvermeidung (Afa) für den Aufbau des Mehrwegsystems verantwortlich war. Die Rücklaufquote der Gläser erreichte nach Angaben der Afa nur 50 Prozent. Nach Meinung der Naturkostbranche war die erreichte Quote ökologisch völlig unzureichend. Das zeigt ein einfaches Rechenexempel. Wenn von tausend Gläsern im ersten Rücklauf nur 500 zurückkommen, so ist bei gleichbleibender Schwundquote nach wenigen Umläufen nur noch ein Glas übrig. Aus Mehrweg wird Einweg. Von den 40 bis 50 Umläufen, die häufig von Mehrweganbietern in der Öffentlichkeit verbreitet werden, lag man weit entfernt. Um schmutzige und ökologisch ausgeschleckte Honiggläser wieder keimfrei sauber zu bekommen, mußten Rapunzel-LKW bis zu 800 Kilometer zurücklegen, um zur Reinigungsstation am Bodensee zu gelangen. Diesel und Rußpartikel im Dienst für die Umwelt. Einige hundert Kilometer Transportweg hatten die Brummis dann noch vor sich, um wieder zum Abfüllbetrieb zu gelangen. Standardisierte Mehrweg-Kästen konnte man mit der Lupe suchen. Vielfach wurden die Gläser in Kartons transportiert, was die Schwundquote noch erhöhte.
Trotz dieser verheerenden ökologischen Bilanz bedauerte damals der Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) das klägliche Scheitern des Mehrwegsystems. Das sei eine verheerende Signalwirkung für die gesamte Lebensmittelbranche. Walter Jungbauer nannte diesen Schritt “ökologisch betrüblich und politisch das absolut falsche Signal”. Der Naturkosthandel hänge üblicherweise die ökologische Messlatte sehr hoch. Wegen seines Anspruchs und des Vertrauens, das seine Kundschaft in ihn setzt, dürfe er sich deshalb im Verpackungsbereich “keine Blöße geben”, sagte Jungbauer.
Die Verpackungsindustrie sieht das anders: Logistikprobleme beim Transport der Mehrweggläser, Schäden bei der Lieferung, eine mangelnde Rückführung der Gläser, hoher Spülaufwand, lange und damit umweltbelastende Vertriebswege hätten den Mehrweggedanken ad absurdum geführt.
Die niedersächsische Walter Lang Imkerhof GmbH stellte der Afa ein niederschmetterndes Zeugnis aus. Fruchtaufstriche, die unter dem Markenzeichen “Allos” in den Verkauf gehen, wurden in den vergangenen Jahren in den Afa-Mehrweggläsern angeboten. “Wir mußten es jedoch wegen seiner gravierenden logistischen Mängel aufgeben. Es fehlte ein einheitliches Pfandsystem mit geeigneten Pfandkisten. Der Betrieb der Spülanlagen war somit ineffizient. Den Kostenfaktor hat Allos durch ein Gutachten prüfen lassen. Dabei lag das Afa-Pfandglas rund 50 Prozent über dem Preis von Neuglas”, so eine Sprecherin von Allos. Für das Abfüllen von Fruchtprodukten war das Afa-Glas völlig ungeeignet. Kleine, oft kaum sichtbare Schäden hätten immer wieder zu Reklamationen wegen Schimmelbildung oder Gärung geführt. Die Liste der Mängel ist lang. “Die Praxis sah so aus, daß ein Großteil der im Rücklauf gesammelten Afa-Gläser aus den verschiedensten Gründen im Altglascontainer landeten”, so die Allos-Sprecherin.
Da helfen wohl auch Abfüllungen bei Vollmond nicht weiter.
Joseph Wilhelm, Gründer und Geschäftsführer von Zwergenwiese und Rapunzel Naturkost, agitiert gegen Impfen und gegen Abtreibungen, verbreitet Verschwörungsthesen zu COVID19 und sieht das Virus als "intelligentes Wesen", das seine Aufgabe "im großen Spiel der Naturkräfte" erfülle. pic.twitter.com/8dg5rnZ4cJ
Im Gefolge des Werturteilstreits hat sich die Mehrheit der Ökonomen der Ansicht angeschlossen, die Wirtschaftswissenschaften hätten nicht über die Ziele des Wirtschaftens zu befinden, sondern dienten allein einer Aufklärung über den intelligentesten Gebrauch knapper Mittel, erläutert Professor Claus Dierksmeier vom Weltethos-Institut im ichsagmal.com-Interview. In der Ökonomik geht es um qualitative Bedingungen, die auch ganz anders gestaltet werden können, meint der Astrophysiker und Naturphilosoph Harald Lesch. Der Mensch ist viel mehr als die Summe von Daten, die die Wirklichkeit gewichten und somit manipulieren. Es gibt in der Ökonomik keine störungsfreie Laborsituation. „Die Wirklichkeit wird durch qualitative Entscheidungen bestimmt“, sagt Lesch. Mit den Methoden der Himmelsphysik, wo im luftleeren Raum alles funktioniert, kommen wir in der Gesellschaft nicht weiter. Jeder ist gefordert, seine Entscheidungen zu begründen. Es geht immer um Wertentscheidungen. Auch jeder ökonomische Formelkonstrukteur ist gefordert, seine Weltsicht zu erklären. Wer sich verweigert, Ziele für ein gutes Leben darzulegen, ist nicht in der Lage, einen wissenschaftlichen Diskurs zu pflegen.
Auffällig sind pseudo-wissenschaftliche Immunisierungsstrategien: Hans Albert hat das in seiner Schrift „Nationalökonomie als Soziologie der kommerziellen Beziehungen“ ausführlich dargelegt: „Eines der beliebtesten Mittel, ökonomische Aussagen zu tautologisieren und sie damit empirischer Überprüfung zu entziehen, ist die Verwendung der so genannten ceteris-paribus-Klausel. Wenn ein ökonomisches ‚Gesetz‘ unter Anwendung dieser Klausel formuliert wird, dann ist der mehr oder weniger offenkundige Zweck dieser Einschränkung der, dieses Gesetz vor Falsifikation zu schützen. Wenn ein dem ‚Gesetz‘ widersprechender Fall aufgezeigt werden kann, dient die Klausel sozusagen seiner ‚Rettung‘ durch Aufweis eines Faktors, der nicht konstant geblieben ist.“
Wenn Sprunginnovationen zu einem Umbruch von Volkswirtschaften beitragen, ist das durchaus mit dem klassischen Fortschrittsbegriff vereinbar. Wenn hingegen Volkswirtschaften in Routinen erstarren, wie die frühere Sowjetunion, wird das auch in der ökologischen Leistungsfähigkeit sichtbar. Der Ostblock brach zusammen, weil er eklatante Innovationsschwächen aufwies und kaum hochwertige Produkte am Weltmarkt konkurrenzfähig anbieten konnte. Das gilt auch bei Technologien zur Reduktion von Umweltschäden, die man in Deutschland beispielsweise durch die TA Luft angeschoben hat oder durch das Verbot, unbehandelten Abfall zu deponieren. Die Daten bekommt man über das Umweltbundesamt.
Als Gegenmittel zu den von Werturteilen getränkten Wirtschaftsprognosen empfehle ich den kritischen Rationalismus des Wissenschaftstheoretikers Hans Albert. Arpard-Andreas Sölter hat das in einer Albert-Hommage gut zum Ausdruck gebracht. Nichts gilt als unbezweifelbar. Rationale Kritik unterwirft sich weder dem Mainstream, Kampagnen oder dem politischen Konformismus. Sie überprüft ständig Glaubenssysteme, Aussagen, Thesen, Überzeugungen und Ansichten.
Anlässlich des 50. Jahrestages der Club of Rome-Studie „Grenzen des Wachstums“ blicken wir im ersten Teil der Veranstaltung zurück auf die Wirkung der Studie in den letzten 50 Jahre und ihre Aktualität heute. Wir tun dies mit einem profunden Zeitzeugen, dem Ökonomen und Systemwissenschaftler Prof. Dr. Erich Zahn, der damals zum Team von Dennis Meadows am MIT gehörte.
Im zweiten Teil der Veranstaltung richten wir unseren Blick auf die nächsten 50 Jahre. Im Gespräch mit drei renommierten Expert*innen wollen wir der Frage nachgehen: Was können wir heute schon wissen, um nötige Transformationspfade für die nächsten 50 Jahre zu beschreiten?
Wir tun dies für drei ausgewählte Handlungsfelder: Innovation, Nachhaltigkeit und Generationengerechtigkeit. Mit Statements von
Plant-based meat substitutes and other alternative proteins are gaining traction in the food market, according to a new study. Two-thirds said they had already tried alternative proteins in an international consumer survey conducted by the Boston Consulting Group (BCG) in seven countries, according to BCG and Blue Horizon, an investment firm involved in the study. They considered meat substitutes healthier than animal proteins, more than three-quarters said. Price, however, plays a significant role: soy products and other plant-based protein sources may not be more expensive than meat.
According to BCG, the average accepted price range is between 50 and 90 percent of animal originals. In the USA, China, Great Britain, the United Arab Emirates, Germany, France and Spain, 3700 consumers were surveyed. 515 people participated in Germany.
Farm animal agriculture is estimated to cause about 15 percent of global greenhouse gas emissions, the study says. By 2035, alternative proteins could account for 11 percent of the protein consumed by the world’s population, the authors estimate, as their consumption will increase rapidly. Other surveys assume even higher potentials. According to conservative calculations, it would be possible to reduce CO2 emissions from agriculture by almost one gigaton. According to the International Energy Agency (IEA), global CO2 emissions in 2021 were 36.3 gigatons.
„Awareness of alternative proteins has increased during the pandemic, along with increased availability and ever-improving quality of products. We continue to see great potential for the market,“ said Benjamin Morach, co-author of the BCG study.
The most important factor for the increased acceptance among is health: 76 percent of respondents buy substitute products because they consider them healthier than animal proteins. Almost 15 percent would even use alternative proteins almost completely or exclusively, provided the products were healthier and tasted better. Climate protection plays a very important role: more than 30 percent of respondents see environmental protection as the most important reason for switching to alternative proteins. This is also the case in my case. However, the respondents do not want to pay more.
„The products consumers see on the shelves today will soon be followed by a wave of cleaner, healthier and tastier alternative proteins as technology enables more and more innovation. We are seeing the rapid development of these technologies both in our own portfolio and in the broader food tech industry,“ said Björn Witte, CEO of Blue Horizon. He adds that this is leading to a better product range overall. This is also the view of the engineering sector: „In order to sustainably feed the growing world population while protecting the environment, it is important to drive the growth of alternative proteins,“ says Christian Traumann, Managing Director at MULTIVAC.
Important news for investors and innovators: switching to alternative proteins is the most capital-efficient and effective solution to address the climate crisis, because alternative proteins save the most emissions per US dollar invested. This makes them at least twice as effective as investments in decarbonizing cement, iron, steel, chemicals, or the transportation sector. That’s attracting more and more financiers. Capital invested in alternative proteins has risen from $1 billion in 2019 to $5 billion in 2021 – an annual growth rate of 124 percent. Investments here are increasingly global and no longer limited to venture capital. Witte believes this is the most capital-efficient way to avoid issuance and achieve a positive return.
„If we achieve 11 percent market penetration by 2035, we could save more carbon emissions than decarbonizing 95 percent of the aviation sector. The positive impact is absolutely huge, and the long-term drivers have never been stronger.“
Sensible and effective regulation is essential to ensure that the rapid innovation and growth of the alternative protein market delivers safe, healthy and transparent food to customers, he said. Around the globe, approval of products based on ferments and animal cells has accelerated recently. Israel led the way in 2015 when it announced that its food safety regulatory framework would also apply to alternative proteins. So here lie major challenges for retailers, the consumer goods industry, packaging manufacturers and mechanical engineering.
We discussed this in a panel of experts. Participants: Christian Traumann, Managing Director Multivac; Harald Suchanka, CEO Handtmann Filling & Portioning; Bernd Esser, Member of the Board BALPro + CEO Berief Food; Friedrich Büse, Founder & Partner Endori; Angela Wadenpohl, Reset Yourself.
„Zivilgesellschaftliche Akteurinnen und Akteure sowie Bürgerinnen und Bürger (wo liegt eigentlich der Unterschied zwischen den Akteurinnen und Akturen und den Bürgerinnen und Bürgern? gs) spielen eine wichtige Rolle, um eine zukunftsorientierte und gesellschaftlich relevante Forschungs- und Innovationspolitik zu ermöglichen. Wir wollen auch künftig innovative Beteiligungsformate wie den Bürgerrat Forschung nutzen. Die grundlegenden Fragen, die Bürgerinnen und Bürger an die Wissenschaft haben, bestärken uns bereits in unserer forschungs- und innovationspolitischen Schwerpunktsetzung. Daher werden wir Impulse aus dem IdeenLauf im Wissenschaftsjahr 2022 Nachgefragt! in unsere Arbeit einfließen lassen und weitere Beteiligungsoptionen einführen. Zudem wollen wir auch Dialogformate zur Einbindung verschiedener Interessengruppen und Stakeholder bei der Erarbeitung von neuen Strategien, Programmen und Initiativen fest etablieren, wie beispielsweise den Stakeholder-Dialog zur Deutschen Agentur für Transfer und Innovation (DATI) oder die Workshop-Reihe zur Startup-Strategie Platzhalter BMWK was da wohl noch eingefügt wird…. Denn der Dialog mit Akteurinnen und Akteuren des Innovationssystems ist für uns von großer Bedeutung, um verschiedene Erfahrungen und Sichtweisen auszutauschen, Ideen zu schärfen und miteinander abzustimmen.“
Unter „Beteiligung an Forschung und Innovation stärken – Neue Erkenntnisse zu Innovationen machen“ steht: „Innovationsförderung und Transfer sowie die Stärkung des Gründungsgeschehens gehören zu den zentralen Aufgaben der Forschungs- und Innovationspolitik. Zukunftsfähigkeit und Innovationskraft hängen maßgeblich davon ab, wie gut der Transfer von Ideen, Wissen und Technologien zwischen Wissenschaft, Wirtschaft, Politik und Gesellschaft in die Anwendung gelingt. Wissenschaftliche Exzellenz und Transfer bzw. Grundlagenforschung und anwendungsorientierte Forschung sind dabei kein Widerspruch, denn angewandte Forschung und Innovation werden ermöglicht und befördert durch erkenntnisorientierte Forschung. Trotz vielfältiger Transferförderprogramme zur Verbesserung des Forschungstransfers bleiben in Deutschland die wirtschaftliche und gesellschaftliche Verwertung von Ideen, deren Umsetzung in neue Geschäftsmodelle, die Skalierung von Sozialen Innovationen ebenso wie die Gründungskultur bisher hinter ihren Möglichkeiten zurück. Die Gründe dafür sind vielfältig: Barrieren im Wissenschaftssystem, administrative Hindernisse, mangelnde Risikobereitschaft oder mangelnde Unterstützung bzw. mangelnde Anerkennung für Transferaktivitäten. Wir wollen Transfer massiv stärken – damit Forschungsergebnisse zu Innovationen werden und Wohlstand und Lebensqualität in Deutschland langfristig gesichert wird. Wir betrachten dabei den gesamten Innovationsprozess – von der Grundlagenforschung als Ausgangspunkt neuartiger Möglichkeiten bis zum Transfer und zur Entwicklung marktfähiger und gesellschaftlicher Neuerungen. Dabei wollen wir sowohl die Entwicklung von Innovationsökosystemen als auch individuelle forschungsbasierte Transferschritte und Innovationen fördern. Bis 2025 wollen wir den Anteil des Wagniskapitals am BIP auf XX % (da wird eine Zahl wohl noch gewürfelt, gs) steigern. [Kennzahlen werden im Layout der Strategie optisch hervorgehoben] Bestehende Lücken auf dem Weg von der Idee zum am Markt etablierten Produkt schließen wir zusammen mit Partnern aus der Wirtschaft, um vielversprechenden jungen Unternehmen zu jeder Zeit Zugang zu Kapital und Know-How zu sichern. Wir setzen hierzu insbesondere auch auf das Paket aus Innovationsregionen, Transferbrücken, der Deutschen Agentur für Transfer und Innovation (DATI) und der Bundesagentur für Sprunginnovationen (SPRIND).“
Bundesagentur für Sprunginnovationen flexibilisieren: Die Entwicklung von disruptiven Innovationen wird die Zukunft maßgeblich verändern. Mit der Gründung der Bundesagentur für Sprunginnovationen (SPRIND) haben wir den Boden für das Aufspüren und Fördern von Sprunginnovationen bereitet. Nun wollen wir die SPRIND mit aller Kraft weiterentwickeln und für die Zukunft aufstellen. Dazu soll sie ein eigenes Gesetz erhalten, das ihr weitere Freiheiten verschafft, um aus Deutschland und Europa heraus neue Wertschöpfung zu ermöglichen und einen großen gesellschaftlichen Nutzen zu erzielen. Im Ergebnis soll die SPRIND zukünftig jeder Innovatorin und jedem Innovator eine maßgeschneiderte Unterstützung für die Umsetzung der jeweiligen Idee mit Sprunginnovationspotenzial anbieten können. Sie steht für eine positive ‚Denkkultur des Scheiterns‘ in Deutschland. Damit Freiräume und Risikobereitschaft für neue Ideen entstehen und Innovationen in der gesamten Gesellschaft befördert werden können. Wir gehen davon aus, dass in den kommenden Jahren sichtbare Erfolge und neue Ansätze zur Förderung von marktumwälzenden Innovationen erkennbar werden. Wir werden die Entwicklungen durch ein kontinuierliches Monitoring bewerten, z.B. die Steigerung der durch die SPRIND an den Markt gebrachten Sprunginnovationen. [Kennzahlen werden im Layout der Strategie optisch hervorgehoben].“
Beim Monitoring bekomme ich direkt ein leichtes Magendrücken: Solche Dinge hab ich bei Projekten erlebt, die vom Auswärtigen Amt finanziert und evaluiert wurden: Geistige Onanie oder in den Worten des britischen Soziologen Michael Power: Wir leben in Audit-Gesellschaften, in denen immer mehr beobachtet und immer weniger gehandelt wird. Die Adepten dieser Evaluationsbürokratie schwallen in endlosen Monologen von perfekter Prozessoptimierung und Qualitätssicherungs-Maßnahmen und ernähren ganze Heerscharen von Beratern, die Inspektionen, Audits, Testate, Analysen, Klassifikationen und Zertifikationen wie warme Semmeln verkaufen. Am Schluss landen diese Berichte in der Ablage.
Erste Stellungnahmen zum Entwurf über die Zukunftsstrategie der Bundesregierung liegen bereits vor.
„Es wäre aus unserer Sicht empfehlenswert, vor allem die Leitidee hinter der Zukunftsstrategie klarer herauszuarbeiten. Welche Vision für Deutschland verfolgt sie in erster Linie? Was müssen wir wann und mit welchen Mitteln und Ressourcen angehen, um uns mit Forschung und Innovation in die gewünschte Zukunft zu tragen? Hinter welchen Zielen wollen wir uns in Deutschland jetzt mit aller Kraft versammeln? Wie kann sie einen positiven ‚Ruck‘ erzeugen, der die Akteure in Bewegung setzt?“
„Es wäre insgesamt wünschenswert, wenn die Strategie immer auch die industrielle Perspektive der Umsetzung, Anwendung und Industrieforschung mitdenken würde. So wird beispielsweise die Datennutzung teils nur im Zusammenhang mit der universitären (Gesundheits-) Forschung betrachtet – in diesem Fall sollte auch die rechtssichere Zugänglichkeit von Daten für die industrielle Gesundheitswirtschaft Berücksichtigung finden, denn Daten werden die Grundlage für innovative Medizin/-produkte sein.“
„Es bedarf nicht nur auf der Ebene der Verwaltung und der Umsetzung bestimmter Missionen eines ressortübergreifenden Ansatzes, sondern bereits auf der Ebene der politischen Entscheidungen. Damit muss künftig vermieden werden, dass es zu Widersprüchlichkeiten oder Spannungsverhältnissen in den innovationspolitischen Zielen kommt. So wird die im wahrsten Sinne lebenswichtige forschende industrielle Gesundheitswirtschaft wirtschafts- und forschungspolitisch von BMBF und BMWK gefördert, aber gleichzeitig in den durch Arzneimittelinnovationen erzielbaren Umsätzen (und damit mittelbar möglichen Investitionen in Deutschland) durch ein Gesetz zur Kostendämpfung des Bundesministeriums für Gesundheit (BMG) beschnitten.„
„Als Dachstrategie steht sie in der Verantwortung, mit dem Aufbau der DATI weder Doppelstrukturen zu schaffen, noch sich nur auf einen bevorzugten Transferstrang, wie zum Beispiel das Aufspüren vielversprechender Hochschulerfindungen, zu verengen. Um den Transfer aus der Forschung in Innovationen darüber hinaus weiter voranzutreiben und Technologien rasch erproben und skalieren zu können, müssen mehr Transferplattformen, Demonstrations- und Pilotanlagen, Reallabore sowie regionale Experimentierräume gefördert werden.“
„Beim Planungshorizont bis 2025 sollte mehr auf konkrete Maßnahmen bzw. Gesetzesinitiativen verwiesen werden, um einen klaren Umsetzungspfad einzuschlagen. Wo dieser aktuell noch nicht erkennbar ist, wird eine Umsetzung in der laufenden Legislaturperiode unserer Einschätzung nach kaum oder nur sehr schwer gelingen. Die Benennung konkreter Umsetzungspfade garantiert, dass sich die Ziele, anders als stellenweise im aktuellen Entwurf, im machbaren Raum bewegen.“
„acatech teilt die Einschätzung, dass die Umsetzung von Invention zur Innovation verbessert werden muss. Entsprechend begrüßen wir die Ziele, das verfügbare Wagniskapital zu steigern, Ausgründungen zu fördern und Gründungen im High-Tech Bereich auszuweiten. Entscheidend dafür sind die Verbesserung der Rahmenbedingungen für unternehmerisches Handeln sowie die Bereitstellung einer leistungsfähigeren digitalen Infrastruktur und digitalisierten Verwaltung.“ Digitale Verwaltung, digitaler Staat???? Darauf warten wir seit über 20 Jahren.
Über allen Gipfeln
Ist Ruh,
In allen Wipfeln
Spürest du
Kaum einen Hauch;
Die Vögelein schweigen im Walde.
Warte nur, balde
Ruhest du auch.
„Die regionale Transferförderung zu bündeln und insbesondere Hochschulen für Angewandte Wissenschaften sowie kleine und mittlere Universitäten zu adressieren, ist dem Ansatz nach richtig und sollte ressortübergreifend umgesetzt werden. Offen bleibt für uns aber, ob diese Transferförderung tatsächlich durch eine eigene Agentur erfolgen muss.“
„Die Umsetzung innovativer Lösungen kann nur gelingen, wenn KMU und Handwerk ausreichend qualifizierte Arbeitskräfte zur Verfügung stehen und ein reger Nachschub an Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern gewährleistet ist. Zurzeit ist leider das Gegenteil der Fall: Seit Jahren spitzt sich die Lage an den Arbeitsmärkten zu, aus der Fachkräfteknappheit in einigen Gewerken zur Mitte der 2010er Jahre ist ein Fachkräftemangel in vielen Handwerksberufen geworden. Hierzu muss die Bundesregierung dringend das Fachkräfteeinwanderungsgesetz überarbeiten und eine Bildungswende herbeiführen. Daneben bedarf es vor allem einer Erhöhung der Innovationstätigkeit durch: – mehr staatliche und private Ausgaben für Forschung und Entwicklung, – einer Steigerung der Innovatorenquote, insbesondere in kleinen und mittleren Unternehmen und – eine deutliche Verstärkung des Transfers und der Skalierung von neuen Technologien.“
Zur Agentur für Sprunginnovationen schreibt DIHK:
„Der DIHK teilt die Ziele der SPRIND, jedoch sollte die Agentur neben den Forschungsinstituten auch Ansprechpartner für den hochinnovativen Mittelstand sein und auch bei diesen nach Ideen mit disruptivem Potenzial suchen. In der Zukunftsstrategie bleibt unklar, wie die Bundesregierung der SPRIND weitere Freiheiten verschaffen will.„
Zur technologischen Souveränität Deutschlands und Europas: Das halte ich persönlich für eine Fata Morgana.
Übrigens: Richtig gute Vorschläge für eine Innovationsstrategie werden auf der Next Economy Open am 1. Dezember gemacht.
Was im Jahresgutachten des Sachverständigenrats so drin steht:
In der Vergangenheit wurden Lieferketten häufig primär auf Kosten- und Zeiteffizienz optimiert („Just in time“), weniger jedoch auf ihre Resilienz gegenüber krisenbedingten Unterbrechungen, Produktionsengpässen und Materialknappheiten geprüft. Diese Probleme traten in der Corona-Krise und seit Beginn des russischen Angriffskrieges auf die Ukraine jedoch vermehrt auf. Probleme in einzelnen Wertschöpfungsstufen haben sich dabei schnell auf die gesamte Lieferkette übertragen (Wellbrock, 2022). Entsprechend sind sowohl wirtschaftliche Abhängigkeiten von einzelnen Lieferanten als auch die Fragilität internationaler Lieferketten ins politische und unternehmerische Bewusstsein gerückt.
Angesichts zunehmender geopolitischer Risiken dürften diese Herausforderungen auf absehbare Zeit relevant bleiben. Demnach stellt sich die Frage nach einer geeigneten Strategie zur Reduzierung wirtschaftlicher Abhängigkeiten, die mit einer Stärkung der wirtschaftlichen Resilienz einhergeht. Resilienz sollte dabei als die Fähigkeit verstanden werden, negative Auswirkungen von Schocks abzufedern und nach einem adversen Schock schneller zum ursprünglichen Wachstumspfad zurückzukehren; sie ist keine vollständige Vermeidung von Risiken. Kurzfristig kann ein resilienter Wachstumspfad größeren zyklischen Schwankungen ausgesetzt sein als ein risikominimierender Pfad. In der langen Frist bietet er aber ein höheres Wachstumspotenzial.
In der Diskussion um die Verringerung von Abhängigkeiten und die Stärkung der Resilienz von Lieferketten steht häufig die geografische Diversifizierung der Bezugsquellen an oberster Stelle (Baur et al., 2022). Verschiedene Analysen zeigen, dass diversifizierte Wertschöpfungsketten wesentlich zur Abfederung von Schocks und zur schnelleren Erholung der Wirtschaft beitragen (D’Aguanno et al., 2021; OECD, 2021b).
So einfach ist das nicht, gs:
Grundsätzlich liegt die Verantwortung für die Diversifizierung von Lieferbeziehungen bei den Unternehmen. Unternehmen können eine Diversifizierung einerseits durch die Beschaffung von Gütern und Dienstleistungen von verschiedenen Anbietern erreichen. Andererseits können sie, sofern sie als multinationale Unternehmen international aufgestellt sind, eine Diversifizierung durch Ansiedlung der Produktionsstandorte in verschiedenen Regionen erreichen. Letztere Option könnte, wenn sich die Standortbedingungen in Deutschland verschlechtern, einen Abbau der lokalen Arbeitsplätze zugunsten anderer Standorte zur Folge haben und aus nationaler Sicht politisch wie wirtschaftlich unerwünscht sein. Es ist daher zentral, geeignete wirtschaftliche Rahmenbedingungen zu setzen, die einen Verbleib internationaler Produktionsstätten im Inland für betroffene Unternehmen wirtschaftlich attraktiv machen, ohne dabei privatwirtschaftliche Risiken staatlich abzusichern.
Wertschöpfungsketten zu diversifizieren, impliziert jedoch keine zwangsläufige Rückverlagerung der Produktion nach Deutschland oder in benachbarte Länder („Nearshoring“ oder „Reshoring“).
Eine Simulationsstudie des ifo Instituts (Fuest et al., 2022) zeigt, dass sowohl „Reshoring“ als auch „Nearshoring“, also die Rückverlagerung in EU-Mitgliedstaaten, die Türkei oder Nordafrika, negative Folgen für die Wirtschaftskraft Deutschlands hätten. Kürzere Wertschöpfungsketten und lokale Produktion sind auch nicht unbedingt weniger anfällig für Störungen (Qiang et al., 2021). Eine Entkopplung der europäischen Wirtschaft vom Rest der Welt würde neben wirtschaftlichen Verlusten auch mit einem Verlust an Macht und Einfluss einhergehen, der geopolitische Krisen sogar noch verstärken könnte (Grimm, 2022a).
Aufgrund der geopolitischen Spannungen brachte US-Finanzministerin Janet Yellen das Prinzip des „Friendshoring“ ins Spiel (Yellen, 2022). „Friendshoring“ bezeichnet die Verlagerung von Handelsbeziehungen weg von strategischen Konkurrenten hin zu Partnern, die die eigenen, in diesem Falle demokratischen Werte und Prioritäten teilen (James, 2022). Es steht damit im Gegensatz zu dem lang gehegten Paradigma „Wandel durch Handel“. Aus Sicht vieler mittel- und osteuropäischer Partner markiert der russische Angriffskrieg aber ein Scheitern dieser Außenpolitik, die davon ausging, dass durch Handels- und Finanzbeziehungen andere Staaten in eine stabile internationale Ordnung eingebunden und von Rechtsstaatlichkeit und Demokratie überzeugt werden können (von Ondarza und Overhaus, 2022).
Handelsbeziehungen können jedoch auch dann zur Stabilität beitragen, wenn sie keinen Wandel hin zur Demokratie und Rechtsstaatlichkeit bei den Handelspartnern auslösen.
GS: Wandel durch Handel verändert zudem auch das Meinungsklima in autoritären Staaten – siehe die Metropolen in China, Gaming-Szene etc.
Trotz aller Beispiele für ein Scheitern wirtschaftlicher Verflechtungen als Mittel zur Aufrechterhaltung des Friedens zeigen Jackson und Nei (2015), dass die Entwicklung des Multilateralismus in der Vergangenheit militärische Konflikte abgewendet hat. Eine teilweise Rückkehr zum Protektionismus durch Friendshoring birgt das Risiko, den Abbau wirtschaftlicher Beziehungen zu „unfreundlichen“ und „unentschlossenen“ Staaten, die sich (noch) keinem Block zuordnen lassen, von demokratischen Staaten ungewollt voranzutreiben.
GS: Henry Kissinger sagte einmal: In der Außenpolitik gibt es keine Freunde, sondern nur Interessen.
Darüber hinaus gibt es selbst zwischen strategischen Partnern keine Garantie für fortwährende Verlässlichkeit, da politische Ereignisse zu raschen Verän- derungen der innen- und außenpolitischen Haltung führen können. Beispielhaft dafür steht der überraschende Rückzug der USA aus politischen Absprachen und völkerrechtlichen Verträgen sowie aus etablierten Organisationen und Koopera- tionsforen unter der Regierung Trump (Schaller, 2019). Das Konzept von Friend- shoring ist außerdem kontraproduktiv, wenn es um die Bereitstellung globaler öffentlicher Güter oder die Bekämpfung globaler Herausforderungen, wie etwa Pandemien oder den Klimawandel, geht (Europäische Kommission, 2021d).
Regierungen können die unternehmerische Risikovorsorge unterstützen, indem sie gezielt strategische Allianzen schließen. Im Fall von Lieferkettenunterbrechungen könnten sich somit beteiligte Staaten aushelfen. Ein geeignetes Rahmen- werk zur Bildung strategischer Allianzen, das neue Märkte zur Diversifizierung der Bezugsquellen und einen fairen und ausgewogenen Zugang zu kritischen Gü- tern eröffnen kann, bietet das multilaterale, regelbasierte Handelssystem (Europäische Kommission, 2021e). Auf europäischer Ebene ausverhandelte Handelsabkommen sollten deshalb zeitnah ratifiziert und derzeit laufende Verhandlungen zügig abgeschlossen werden. Dies gilt vor allem im Hinblick auf Handelsabkommen mit Afrika und Lateinamerika, deren Vorkommen kritischer Rohstoffe besonders hoch eingeschätzt werden. Trotzdem wurden Abkommen mit diesen Staaten oftmals zurückgestellt oder ihre Ratifizierung steht noch aus. Um die Diversifizierung der Lieferbeziehungen umfassender und schneller zu stärken, sollten mögliche Synergieeffekte genutzt werden. So gibt es beispielsweise neben der Beschaffung von Energieträgern oft Optionen, im Bereich kritischer Rohstoffe oder auch allgemein mit Blick auf Handelsabkommen gemeinsam Fortschritte zu erzielen, wie dies jüngst anlässlich des Besuchs des Bundeskanzlers in Kanada diskutiert wurde (Krapp et al., 2022).
Im Bestreben Unternehmen bei der Diversifizierung ihrer Beschaffungsstrategie zu unterstützen, könnten Regierungen die an wesentlichen Wertschöpfungsketten beteiligten lokalen und internationalen Akteure kartieren sowie Informationen über potenzielle Konzentrationen und Engpässe sammeln und mit beteiligten Akteuren austauschen (OECD, 2021b). WAS HEISST DAS KONKRET?
Die Zusammenarbeit zwischen der EU und den USA im Rahmen des Trade and Technology Council ist in dieser Hinsicht ein richtiger Ansatz. Sie zielt auf eine stärkere Belastbarkeit internationaler Lieferketten ab, etwa durch ein gemeinsames Frühwarn- und Überwachungssystem für Halbleiter-Wertschöp- fungsketten (Europäische Kommission, 2022c). Hat bislang wohl noch nicht so richtig funktioniert, oder?
Darüber hinaus arbeitet die Europäische Kommission an der Entwicklung eines Systems zur Überwachung von Lieferketten (Supply Chain Alert Notification, SCAN), das bei Politik und Wirtschaft zum besseren Verständnis der Lieferkettenstörungen führen kann (Amaral et al., 2022).
Energiekrise solidarisch bewältigen, neue Realität gestalten
In einer vergleichenden Analyse der US-amerikanischen und europäischen Pläne zur Sicherung des Rohstoffzugangs findet Ruiz Guix (2021) zahlreiche Gemeinsamkeiten, die das Potenzial für eine Zusammenarbeit böten. Dies gelte etwa beim Erstellen eines Forschungs- und Entwicklungsplans für Bereiche wie Recycling, beim Setzen von Nachhaltigkeitsstandards und der geologischen Kartierung sowie bei der Diversifizierung des Handels, der Festlegung von Prioritäten für internationale Investitionen und beim Ausbau der Lagerhaltung kritischer Rohstoffe (Reisch, 2022). Einen geeigneten Rahmen dafür könnte der Zusammenschluss der USA mit der Europäischen Kommission im Rahmen der Mineral Security Partnership bieten.
Wichtiges Fördermittel-Thema!!!
Investitionsgarantien des Bundes für ausländische Direktinvestitionen (ADI) deutscher Unternehmen in unsicheren Staaten zur Rohstoffversorgung sinnvoll. Allerdings werden diese Garantien bisher zumeist nicht in Industrien nachgefragt, die der Rohstoffförderung nahestehen (BMWK, 2022a). Hier besteht in erster Linie die Notwendigkeit, dass deutsche Unternehmen vermehrt (auch in Verbindung mit Joint Ventures) in die Rohstoffförderung eintreten. Der Staat könnte aktiv auf die Möglichkeit der Investitionsgarantie hinweisen. Ein Vorbild kann das dänische Trade Council sein, das aktiv und passiv verschiedene Dienstleistungen anbietet, die dänische Unternehmen unterstützen sollen, Exportmärkte zu erschließen. Eine Strategie des Trade Council ist, Unternehmen direkt zu kontaktieren, zu beraten und die Dienstleistungen anzubieten (Buus et al., 2021; Ministry of Foreign Affairs Denmark, 2022).
Ausbau europäischer Produktions- und Lagerkapazitäten:
Die seit der Corona-Pandemie vermehrt auftretenden Störungen internationaler Lieferketten sowie die Verstärkung geopolitischer Spannungen haben eine öffentliche Diskussion über die Notwendigkeit inländischer Kapazitäten ausgelöst. Das betrifft einerseits den Ausbau strategischer Lagerhaltung. Andererseits wird vermehrt ein Ausbau europäischer Produktionskapazitäten gefordert, sei es im Bereich der Halbleiter oder im Bereich der kritischen Rohstoffe. In den meisten Fällen wäre der Ausbau inländischer Kapazitäten, beispielsweise durch eine Rückverlagerung ausländischer Produktionsstätten ins Inland, zwar mit hohen Kosten verbunden. Trotzdem kann er in einzelnen Fällen zur Wahrung der strategischen Autonomie geboten sein, die nicht durch Schwachstellen internationaler Lieferketten beziehungsweise Entscheidungen einzelner Unternehmen beeinträchtigt werden sollte.
Seit den 60er Jahren geht die Fertigungstiefe in Deutschland zurück. Soll das umgekehrt werden?
Eine Verstärkung der Lagerhaltung strategisch wichtiger Produkte kann staatlich oder privat ausgestaltet werden. Aktuelle Störungen der Versorgung mit Gas zeigen, dass bei systemischen Krisen und in stark politisch beeinflussten Sektoren ein aktives staatliches Risikomanagement erforderlich ist (Fuest, 2022). Auf EU- Ebene wurden daher im Jahr 2022 für Gasspeicher konkrete Bevorratungsvorga- ben eingeführt, die sicherstellen sollen, dass Anbieter bis zum 1. November 2022 einen Füllstand von mindestens 80 % (beziehungsweise 90 % ab 2023) erreichen (Europäisches Parlament und Europäische Union, 2022).
Lagerhaltung ist in Deutschland steuerlich nachteilig. Dieser Nachteil könnte durch eine Anpassung der Steuergesetzgebung beseitigt werden, etwa durch eine Rohstoffbevorratungsrücklage. Vorschlag des @SVR_Wirtschaft Wie sehen Sie das @c_lindner?
Nach derzeitiger Gesetzgebung ist die Lagerhaltung in Deutschland allerdings steuerlich nachteilig, da sie das Umlaufvermögen erhöht und erst die Nutzung der Rohstoffe zu einem Betriebsausgabenabzug berechtigt. Dieser Nachteil könnte durch eine Anpassung der Steuergesetzgebung beseitigt werden, etwa durch eine Rohstoffbevorratungsrücklage, die sich nach den Anschaffungskosten der Rohstoffe bemisst und zu einem sofortigen Betriebsausgabenabzug berechtigt (Wachter et al., 2022b, 2022a). Was sagt der Bundesfinanzminister?
Sofern kritische Rohstoffe im Inland verfügbar sind, könnte der heimische Abbau eine Alternative zur Diversifizierung sein.
Welche Rohstoffe sind das??????
Sinnvoll wäre dieser Vorschlag: Statt wie noch 2020 rund zwei Prozent des Bruttoinlandsprodukts für Energie auszugeben, liegt der Anteil heute bei zehn Prozent.
Bereits vor Jahren hat die Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR) das Schiefergaspotenzial in Deutschland auf 1000 Milliarden Kubikmeter beziffert. Eine Menge, die für zehn Jahre unseren Gasbedarf vollständig deckt.
Im Bereich der kritischen Rohstoffe ist dementsprechend eine Abwägung zwischen dem Abbau heimischer Vorkommen zur Sicherung des Bedarfs einerseits und mangelnder Rentabilität sowie Umweltschutzbedenken andererseits notwendig (Flach et al., 2022). Das Argument mangelnder Rentabilität muss insbesondere dann hinterfragt werden, wenn internationale Rohstoffpreise das Resultat gezielter drittstaatlicher Eingriffe sind. Der Abbau und die Weiterverarbeitung heimischer Rohstoffe könnten nicht nur den Standort Europa stärken; sie könnten außerdem unter den in Europa üblichen Umwelt- und Sozialauflagen erfolgen, die in Drittstaaten nicht immer gegeben sind.
Mit Blick auf die Versorgungssicherheit wäre es hilfreich, deutsche und europäische Vorkommen kritischer Rohstoffe zu identifizieren. Dies könnte etwa durch das im Rahmen des EU Critical Raw Material Act geplante Netzwerk europäischer Rohstoffagenturen geschehen. Angestrebte Nutzungsänderungen der identifizierten Flächen, etwa von einer Brachfläche zur gewerblichen oder privaten Nutzung, sollten daher immer auch mit Blick auf die Rohstoffversorgung besonders geprüft werden. Darüber hinaus sollten die möglichen Folgen eines lokalen Rohstoffabbaus gegenüber globalen Folgen des Abbaus in Drittstaaten mit weniger strengen Umweltauflagen abgewogen werden. Gegebenenfalls müssten dann in Europa bestehende Umweltauflagen angepasst werden.
Die Beschleunigung von Planungs- und Genehmigungsverfahren könnte die unternehmerische Bereitschaft, in Rohstoffvorhaben zu investieren, erhöhen (Kullik, 2019). Dazu sollten die Verfahren aus einer Hand erbracht und in Behörden mit ausreichend starker personeller Ausstattung und Sachkompe- tenz gebündelt werden (Wachter und Hillmann, 2022). Gleichzeitig könnten langfristige Abnahmeverträge durch privatwirtschaftliche Unternehmen mit Ungebundenen Finanzkrediten oder ähnlichen Instrumenten unterstützt werden.
Im öffentlichen Diskurs finden die Chancen und Risiken des heimischen Rohstoffabbaus in Deutschland bislang wenig Beachtung. Mangelnde öffentliche Kommunikation über die Notwendigkeit und Folgen der Förderprojekte kann jedoch die gesellschaftliche Akzeptanz für heimische Rohstoffförderung und -verarbeitung schmälern, weshalb beteiligte Akteure, etwa Investoren oder die lo- kale Regierung, eine transparente Informationsstrategie verfolgen sollten. Die Akzeptanz der lokalen Bevölkerung könnte zudem erhöht werden, indem sie an den Gewinnen aus der Rohstoffförderung beteiligt wird. In Portugal wurde dafür eigens das Bergbaugesetz geändert: Gewinne aus dem Bergbau, die bisher allein dem Gesamtstaat zuflossen, werden nun bis zur Hälfte mit der lokalen Bevölke- rung geteilt (Handelsblatt, 2022). Ein ähnliches Modell wie in Portugal könnte, neben der Schaffung von neuen Arbeitsplätzen, die lokale Akzeptanz zu erhöhen.
Da ehemalige Kohlebergbauregionen besonders geeignet sind für den Abbau von Batterierohstoffen, bietet es sich an, die bestehenden Kompetenzen der lokalen Fachkräfte durch gezielte Aus- und Weiterbildung zu stärken (Europäischer Ausschuss der Regionen, 2021). Mögliche negative Folgen für die Umwelt nach Beendigung der Abbautätigkeiten könnten bereits vor Beginn des Abbaus finanziell abgesichert werden und die Nachnutzung der Flächen in enger Abstimmung von Behörden, Rohstoffunternehmen und Kommunen zügig erfolgen (Umweltbundesamt, 2022; Wachter und Hillmann, 2022).
Auch die europäische Recyclinginfrastruktur für kritische Rohstoffe kann stärker als Instrument zur Verringerung von Importabhängigkeiten genutzt werden. Diese Zielsetzung wurde im Aktionsplan für die Kreislaufwirtschaft als Baustein des European Green Deal formuliert (Europäische Kommission, 2020e) und auch die Bundesregierung nennt Recycling als einen wichtigen Baustein in ihrer Rohstoffstrategie (BMWi, 2019). Sie sollte insbesondere bei ressourcenintensiven Wirtschaftsbereichen wie der Textil-, Bau-, Elektronik- und Plastikindustrie intensiviert werden, um höhere Wiederverwertungsquoten innerhalb von Wirtschaftsbereichen zu erreichen und Kosten der Beschaffung durch kurze Recyclingwege zu verringern. Seltene Erden etc. – wäre machbar. Siehe digitaler Produktpass.
Recycling ist aber noch keine umfassende Lösung für alle Rohstoffe. Bislang ist bei vielen Rohstoffen keine Wiederverwertung ohne Qualitäts- oder Reinheitsverlust möglich. Auch kann aufgrund des gegenwärtig erzielbaren, eher niedrigen Wirkungsgrades beim Recycling im Verhältnis zu den für die Produktion benötigten Mengen nur wenig Material in den Produktionsprozess zurückgeführt werden, sodass Primärrohstoffe weiterhin benötigt werden (BGR, 2021).
Daher sind eine Weiterentwicklung und erweiterte Förderung der Recyclingwirtschaft in Europa geboten.
Mit entsprechenden Innovationen kann die Recyclingwirtschaft über die bisher gut funktionierende Wiederverwertung von Metallen hinaus einen großen Beitrag zum Ausbau der innereuropäischen Beschaffung von Rohstoffen leisten: Zum einen kann die Abhängigkeit von Drittstaaten verringert werden, zum anderen würde eine Recyclingwirtschaft nach europäischen Richtlinien zu höheren Sozial- und Umweltstandards führen als es in Drittstaaten gegenwärtig der Fall ist (UBA, 2019).
Infokasten im Jahresgutachten:
Recycling in Deutschland
Recycling von Rohstoffen bezeichnet deren Rückgewinnung aus Abfällen und die Rückführung in den Produktionsprozess. Im Gegensatz zu Primärrohstoffen, die hierzulande nicht vorkommen, können aus dem Recyclingprozess gewonnene Sekundärrohstoffe auch heimisch produziert werden. Wenngleich ein Recycling bislang nur in begrenztem Rahmen möglich ist, ist es ein sinnvoller Ansatz, eine weitere Diversifizierung bei der Beschaffung von Rohstoffen zu erreichen, und ein Weg zu nachhaltiger Produktion.
Deutschland ist ein Vorreiter in der Herstellung und Verwendung von Sekundärrohstoffen. Beispielsweise wurden im Jahr 2020 rund 44 % der deutschen Kupferproduktion und 45 % der Rohstahlproduktion aus Sekundärrohstoffen gewonnen. Allerdings sind verschiedene Stoffe unterschiedlich gut recycelbar. Metalle verändern ihre chemische Struktur in der Verarbeitung nicht, sind also gut recycelbar. Andere Stoffe wie etwa Gips verändern in der Verarbeitung ihre chemische Struktur und lassen sich nicht wieder in den Ausgangsstoff umwandeln. Allerdings gibt es Möglichkeiten, aus verarbeiteten und veränderten Stoffen Substitute zu den eigentlichen Rohstoffen herzustellen, Beispiele sind Recyclingglas und Baustoffe. (BGR, 2021)
Mit der momentan verfügbaren Technologie lässt sich noch kein genügend hoher Wirkungsgrad erzielen, sodass keine Primärrohstoffe mehr nötig wären. Auch sind viele grundsätzlich gut recycelbare Stoffe, insbesondere Seltene Erden, in so geringen Mengen und starken Legierungen verbaut, dass die Sammlung des Schrotts und die Weiterverarbeitung momentan noch zu sehr hohen Kosten führt (Wilts et al., 2014; BMWi, 2019; BGR, 2021).
Des Weiteren bestehen wettbewerbspolitische Hemmnisse beim Ausbau der Recyclingindustrie. Zumindest bis in die Mitte der 2000er-Jahre war die internationale Recyclingwirtschaft de facto monopolisiert und eine kompetitive Marktstruktur bildet sich nur langsam heraus (OECD, 2006; Wilts et al., 2014; Di Foggia und Beccarello, 2021). Es besteht daher die Notwendigkeit, dass Wettbewerbsorgane wie die Generaldirektion für Wettbewerb und Kartellrecht der Europäischen Kommission oder das Bundeskartellamt eine Unterdrückung des Marktein- trittes von Wettbewerbern durch bestehende Unternehmen verhindern.
Die Rohstoffstrategie der Bundesregierung nimmt Recycling schon in großem Umfang auf und adressiert viele der bislang hemmenden Punkte. Sie identifiziert drei Bereiche, die zu effizienten Recyclingprozessen führen: Alte, nicht mehr nutzbare Produkte müssen als Abfälle und Schrotte intensiv gesammelt und sortiert werden, die Recyclingtechnologien müssen weiterentwickelt werden, sodass der Wirkungsgrad des Recyclings und der Qualitätsgrad der gewonnenen Sekundärrohstoffe steigen und die Nachfrage nach recycelten Rohstoffen muss gelenkt werden (BMWi, 2019). So sollen Forschung und Entwicklung in der Aufbereitungstechnik gefördert werden, die insbesondere im Recycling von seltenen Erden zu höheren Wirkungsgraden führen können (BMWi, 2019).
Die Bundesregierung hat im Rahmen der Rohstoffstrategie eine Dialogplattform „Recyclingrohstoffe“ zwischen Wirtschaft, Wissenschaft und Verwaltung geschaffen, die die Versorgung Deutschlands mit Sekundärrohstoffen verbessern soll (BMWi, 2019; BGR, 2022).
Im Hinblick auf die Förderung des Übergangs zur Elektromobilität beim Individualverkehr muss zudem eine spezifische Recyclinginfrastruktur für Elektrofahrzeuge, insbesondere für die verbauten Batterien, geschaffen werden. Das BMWK hat im Jahr 2022 ein Projekt zum „Batterie-Ökosystem“ gefördert, das in einem Konsortium, unter anderem aus Automobilunter- nehmen, die vollständige Wertschöpfungskette der in Elektrofahrzeugen verbauten Batterien verfolgen soll (BMWK, 2022c). Eine Ausweitung dieses Projektes, um eine Wiederverwertungs- struktur für Elektrofahrzeuge aufzubauen, ist in der mittleren Frist geboten; dazu sollte der Pro- jektpartnerkreis um Recyclingunternehmen erweitert werden.
Auf europäischer Ebene existieren Bestrebungen das Recycling zu intensivieren und bis zum Jahr 2030 verbindliche Zielgrößen zu setzen (Europäisches Parlament, 2021b, 2021c). Eine konkrete, EU-weite Strategie fehlt aber bislang. Allerdings gibt es bereits vielfältige Start-up- Unternehmen beispielsweise zum Recycling von Elektrofahrzeug-Batterien und Baustoffen (Concular, 2021; Circunomics, 2022). Eine EU-weite Plattform zum Austausch dieser Unterneh-men könnte ermöglichen, frühzeitig vielversprechende Technologien zu erkennen und geeig- nete Fördermöglichkeiten zu entwickeln, ohne den wettbewerblichen Innovationsprozess zu verzerren.