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Wenn Wirtschaftsprognosen in Werturteilen ertrinken

Im Gefolge des Werturteilstreits hat sich die Mehrheit der Ökonomen der Ansicht angeschlossen, die Wirtschaftswissenschaften hätten nicht über die Ziele des Wirtschaftens zu befinden, sondern dienten allein einer Aufklärung über den intelligentesten Gebrauch knapper Mittel, erläutert Professor Claus Dierksmeier vom Weltethos-Institut im ichsagmal.com-Interview. In der Ökonomik geht es um qualitative Bedingungen, die auch ganz anders gestaltet werden können, meint der Astrophysiker und Naturphilosoph Harald Lesch. Der Mensch ist viel mehr als die Summe von Daten, die die Wirklichkeit gewichten und somit manipulieren. Es gibt in der Ökonomik keine störungsfreie Laborsituation. „Die Wirklichkeit wird durch qualitative Entscheidungen bestimmt“, sagt Lesch. Mit den Methoden der Himmelsphysik, wo im luftleeren Raum alles funktioniert, kommen wir in der Gesellschaft nicht weiter. Jeder ist gefordert, seine Entscheidungen zu begründen. Es geht immer um Wertentscheidungen. Auch jeder ökonomische Formelkonstrukteur ist gefordert, seine Weltsicht zu erklären. Wer sich verweigert, Ziele für ein gutes Leben darzulegen, ist nicht in der Lage, einen wissenschaftlichen Diskurs zu pflegen.

Auffällig sind pseudo-wissenschaftliche Immunisierungsstrategien: Hans Albert hat das in seiner Schrift „Nationalökonomie als Soziologie der kommerziellen Beziehungen“ ausführlich dargelegt: „Eines der beliebtesten Mittel, ökonomische Aussagen zu tautologisieren und sie damit empirischer Überprüfung zu entziehen, ist die Verwendung der so genannten ceteris-paribus-Klausel. Wenn ein ökonomisches ‚Gesetz‘ unter Anwendung dieser Klausel formuliert wird, dann ist der mehr oder weniger offenkundige Zweck dieser Einschränkung der, dieses Gesetz vor Falsifikation zu schützen. Wenn ein dem ‚Gesetz‘ widersprechender Fall aufgezeigt werden kann, dient die Klausel sozusagen seiner ‚Rettung‘ durch Aufweis eines Faktors, der nicht konstant geblieben ist.“

Das gilt übrigens vor allem für Zukunftsprognosen, ob sie nun optimistisch oder pessimistisch daherkommen. Etwa im Buch von Philipp Staab: Anpassung . Leitmotiv der nächsten Gesellschaft. 

Wenn Sprunginnovationen zu einem Umbruch von Volkswirtschaften beitragen, ist das durchaus mit dem klassischen Fortschrittsbegriff vereinbar. Wenn hingegen Volkswirtschaften in Routinen erstarren, wie die frühere Sowjetunion, wird das auch in der ökologischen Leistungsfähigkeit sichtbar. Der Ostblock brach zusammen, weil er eklatante Innovationsschwächen aufwies und kaum hochwertige Produkte am Weltmarkt konkurrenzfähig anbieten konnte. Das gilt auch bei Technologien zur Reduktion von Umweltschäden, die man in Deutschland beispielsweise durch die TA Luft angeschoben hat oder durch das Verbot, unbehandelten Abfall zu deponieren. Die Daten bekommt man über das Umweltbundesamt.

Als Gegenmittel zu den von Werturteilen getränkten Wirtschaftsprognosen empfehle ich den kritischen Rationalismus des Wissenschaftstheoretikers Hans Albert. Arpard-Andreas Sölter hat das in einer Albert-Hommage gut zum Ausdruck gebracht. Nichts gilt als unbezweifelbar. Rationale Kritik unterwirft sich weder dem Mainstream, Kampagnen oder dem politischen Konformismus. Sie überprüft ständig Glaubenssysteme, Aussagen, Thesen, Überzeugungen und Ansichten.

Über den Autor

gsohn
Diplom-Volkswirt, Wirtschaftsblogger, Livestreamer, Moderator, Kolumnist und Wanderer zwischen den Welten.

1 Kommentar zu "Wenn Wirtschaftsprognosen in Werturteilen ertrinken"

  1. Mit Werturteilen gespickt ist auch das Buch von Ulrike Herrmann: „Das Ende des Kapitalismus. Warum Wachstum und Klimaschutz nicht vereinbar sind – und wie wir in Zukunft leben werden.“ Für Herrmann ist klar: „Nur Verzicht sichert das Überleben – wie im Krieg.“ Dinge wie Windräder, Batteriespeicher und grünen Wasserstoff, könne es nur geben, wenn der Staat lenkt, forscht, finanziert und subventioniert. Zentral für ihr Buch ist die feste Überzeugung, dass diese Sicht der Dinge ohne realistische Alternative ist: „Viele Menschen hängen immer noch dem Irrtum an, dass sie die Wahl hätten.“ Der Wettbewerb ist ein Entdeckungsverfahren, nicht staatliche Ausgaben. Man braucht sich nur die Leistungen der öffentlichen Hand beim Digitalen Staat anschauen.

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