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Wie viel Zukunft steckt in der Zukunftsstrategie der Bundesregierung und wie viel Beteiligung wird ermöglicht? @ronzhei1 @BMBF_Bund @acatech_de @DIHK_News @ZDH_news @Der_BDI @foresight_lab

Merkel-Gipfel mit Männern in dunklen Anzügen: Foto von Hannes Schleeh

Anfang nächsten Jahres will die Bundesregierung wohl eine Zukunftsstrategie Forschung und Innovation vorstellen. Es gibt zwei Entwürfe vor: Einer mit Korrekturmodus und einer ohne. Interessant, wenn man das vergleicht. Ein Aspekt – egal in welchem Modus – wird Klaus Burmeister von der D2030-Initiative erfreuen: Man will die Einbindung der Gesellschaft und relevanter Akteure stärken. Da hätte man doch direkt bei der Erarbeitung der Strategie anfangen können.

„Zivilgesellschaftliche Akteurinnen und Akteure sowie Bürgerinnen und Bürger (wo liegt eigentlich der Unterschied zwischen den Akteurinnen und Akturen und den Bürgerinnen und Bürgern? gs) spielen eine wichtige Rolle, um eine zukunftsorientierte und gesellschaftlich relevante Forschungs- und Innovationspolitik zu ermöglichen. Wir wollen auch künftig innovative Beteiligungsformate wie den Bürgerrat Forschung nutzen. Die grundlegenden Fragen, die Bürgerinnen und Bürger an die Wissenschaft haben, bestärken uns bereits in unserer forschungs- und innovationspolitischen Schwerpunktsetzung. Daher werden wir Impulse aus dem IdeenLauf im Wissenschaftsjahr 2022 Nachgefragt! in unsere Arbeit einfließen lassen und weitere Beteiligungsoptionen einführen. Zudem wollen wir auch Dialogformate zur Einbindung verschiedener Interessengruppen und Stakeholder bei der Erarbeitung von neuen Strategien, Programmen und Initiativen fest etablieren, wie beispielsweise den Stakeholder-Dialog zur Deutschen Agentur für Transfer und Innovation (DATI) oder die Workshop-Reihe zur Startup-Strategie Platzhalter BMWK was da wohl noch eingefügt wird…. Denn der Dialog mit Akteurinnen und Akteuren des Innovationssystems ist für uns von großer Bedeutung, um verschiedene Erfahrungen und Sichtweisen auszutauschen, Ideen zu schärfen und miteinander abzustimmen.“

Unter „Beteiligung an Forschung und Innovation stärken – Neue Erkenntnisse zu Innovationen machen“ steht: „Innovationsförderung und Transfer sowie die Stärkung des Gründungsgeschehens gehören zu den zentralen Aufgaben der Forschungs- und Innovationspolitik. Zukunftsfähigkeit und Innovationskraft hängen maßgeblich davon ab, wie gut der Transfer von Ideen, Wissen und Technologien zwischen Wissenschaft, Wirtschaft, Politik und Gesellschaft in die Anwendung gelingt. Wissenschaftliche Exzellenz und Transfer bzw. Grundlagenforschung und anwendungsorientierte Forschung sind dabei kein Widerspruch, denn angewandte Forschung und Innovation werden ermöglicht und befördert durch erkenntnisorientierte Forschung. Trotz vielfältiger Transferförderprogramme zur Verbesserung des Forschungstransfers bleiben in Deutschland die wirtschaftliche und gesellschaftliche Verwertung von Ideen, deren Umsetzung in neue Geschäftsmodelle, die Skalierung von Sozialen Innovationen ebenso wie die Gründungskultur bisher hinter ihren Möglichkeiten zurück. Die Gründe dafür sind vielfältig: Barrieren im Wissenschaftssystem, administrative Hindernisse, mangelnde Risikobereitschaft oder mangelnde Unterstützung bzw. mangelnde Anerkennung für Transferaktivitäten. Wir wollen Transfer massiv stärken – damit Forschungsergebnisse zu Innovationen werden und Wohlstand und Lebensqualität in Deutschland langfristig gesichert wird. Wir betrachten dabei den gesamten Innovationsprozess – von der Grundlagenforschung als Ausgangspunkt neuartiger Möglichkeiten bis zum Transfer und zur Entwicklung marktfähiger und gesellschaftlicher Neuerungen. Dabei wollen wir sowohl die Entwicklung von Innovationsökosystemen als auch individuelle forschungsbasierte Transferschritte und Innovationen fördern. Bis 2025 wollen wir den Anteil des Wagniskapitals am BIP auf XX % (da wird eine Zahl wohl noch gewürfelt, gs) steigern. [Kennzahlen werden im Layout der Strategie optisch hervorgehoben] Bestehende Lücken auf dem Weg von der Idee zum am Markt etablierten Produkt schließen wir zusammen mit Partnern aus der Wirtschaft, um vielversprechenden jungen Unternehmen zu jeder Zeit Zugang zu Kapital und Know-How zu sichern. Wir setzen hierzu insbesondere auch auf das Paket aus Innovationsregionen, Transferbrücken, der Deutschen Agentur für Transfer und Innovation (DATI) und der Bundesagentur für Sprunginnovationen (SPRIND).“

Wie Beteiligung machbar wäre, zeigen ICANN und ein Vorschlag von Wikimedia Deutschland.

Na ja. Bei DATI sieht es noch mager aus.

Bundesagentur für Sprunginnovationen flexibilisieren: Die Entwicklung von disruptiven Innovationen wird die Zukunft maßgeblich verändern. Mit der Gründung der Bundesagentur für Sprunginnovationen (SPRIND) haben wir den Boden für das Aufspüren und Fördern von Sprunginnovationen bereitet. Nun wollen wir die SPRIND mit aller Kraft weiterentwickeln und für die Zukunft aufstellen. Dazu soll sie ein eigenes Gesetz erhalten, das ihr weitere Freiheiten verschafft, um aus Deutschland und Europa heraus neue Wertschöpfung zu ermöglichen und einen großen gesellschaftlichen Nutzen zu erzielen. Im Ergebnis soll die SPRIND zukünftig jeder Innovatorin und jedem Innovator eine maßgeschneiderte Unterstützung für die Umsetzung der jeweiligen Idee mit Sprunginnovationspotenzial anbieten können. Sie steht für eine positive ‚Denkkultur des Scheiterns‘ in Deutschland. Damit Freiräume und Risikobereitschaft für neue Ideen entstehen und Innovationen in der gesamten Gesellschaft befördert werden können. Wir gehen davon aus, dass in den kommenden Jahren sichtbare Erfolge und neue Ansätze zur Förderung von marktumwälzenden Innovationen erkennbar werden. Wir werden die Entwicklungen durch ein kontinuierliches Monitoring bewerten, z.B. die Steigerung der durch die SPRIND an den Markt gebrachten Sprunginnovationen. [Kennzahlen werden im Layout der Strategie optisch hervorgehoben].“

Beim Monitoring bekomme ich direkt ein leichtes Magendrücken: Solche Dinge hab ich bei Projekten erlebt, die vom Auswärtigen Amt finanziert und evaluiert wurden: Geistige Onanie oder in den Worten des britischen Soziologen Michael Power: Wir leben in Audit-Gesellschaften, in denen immer mehr beobachtet und immer weniger gehandelt wird. Die Adepten dieser Evaluationsbürokratie schwallen in endlosen Monologen von perfekter Prozessoptimierung und Qualitätssicherungs-Maßnahmen und ernähren ganze Heerscharen von Beratern, die Inspektionen, Audits, Testate, Analysen, Klassifikationen und Zertifikationen wie warme Semmeln verkaufen. Am Schluss landen diese Berichte in der Ablage.

Erste Stellungnahmen zum Entwurf über die Zukunftsstrategie der Bundesregierung liegen bereits vor.

Etwa vom BDI:

„Es wäre aus unserer Sicht empfehlenswert, vor allem die Leitidee hinter der Zukunftsstrategie klarer herauszuarbeiten. Welche Vision für Deutschland verfolgt sie in erster Linie? Was müssen wir wann und mit welchen Mitteln und Ressourcen angehen, um uns mit Forschung und Innovation in die gewünschte Zukunft zu tragen? Hinter welchen Zielen wollen wir uns in Deutschland jetzt mit aller Kraft versammeln? Wie kann sie einen positiven ‚Ruck‘ erzeugen, der die Akteure in Bewegung setzt?“

„Es wäre insgesamt wünschenswert, wenn die Strategie immer auch die industrielle Perspektive der Umsetzung, Anwendung und Industrieforschung mitdenken würde. So wird beispielsweise die Datennutzung teils nur im Zusammenhang mit der universitären (Gesundheits-) Forschung betrachtet – in diesem Fall sollte auch die rechtssichere Zugänglichkeit von Daten für die industrielle Gesundheitswirtschaft Berücksichtigung finden, denn Daten werden die Grundlage für innovative Medizin/-produkte sein.“

„Es bedarf nicht nur auf der Ebene der Verwaltung und der Umsetzung bestimmter Missionen eines ressortübergreifenden Ansatzes, sondern bereits auf der Ebene der politischen Entscheidungen. Damit muss künftig vermieden werden, dass es zu Widersprüchlichkeiten oder Spannungsverhältnissen in den innovationspolitischen Zielen kommt. So wird die im wahrsten Sinne lebenswichtige forschende industrielle Gesundheitswirtschaft wirtschafts- und forschungspolitisch von BMBF und BMWK gefördert, aber gleichzeitig in den durch Arzneimittelinnovationen erzielbaren Umsätzen (und damit mittelbar möglichen Investitionen in Deutschland) durch ein Gesetz zur Kostendämpfung des Bundesministeriums für Gesundheit (BMG) beschnitten.

„Als Dachstrategie steht sie in der Verantwortung, mit dem Aufbau der DATI weder Doppelstrukturen zu schaffen, noch sich nur auf einen bevorzugten Transferstrang, wie zum Beispiel das Aufspüren vielversprechender Hochschulerfindungen, zu verengen. Um den Transfer aus der Forschung in Innovationen darüber hinaus weiter voranzutreiben und Technologien rasch erproben und skalieren zu können, müssen mehr Transferplattformen, Demonstrations- und Pilotanlagen, Reallabore sowie regionale Experimentierräume gefördert werden.“

acatech:

„Beim Planungshorizont bis 2025 sollte mehr auf konkrete Maßnahmen bzw. Gesetzesinitiativen verwiesen werden, um einen klaren Umsetzungspfad einzuschlagen. Wo dieser aktuell noch nicht erkennbar ist, wird eine Umsetzung in der laufenden Legislaturperiode unserer Einschätzung nach kaum oder nur sehr schwer gelingen. Die Benennung konkreter Umsetzungspfade garantiert, dass sich die Ziele, anders als stellenweise im aktuellen Entwurf, im machbaren Raum bewegen.“

„acatech teilt die Einschätzung, dass die Umsetzung von Invention zur Innovation verbessert werden muss. Entsprechend begrüßen wir die Ziele, das verfügbare Wagniskapital zu steigern, Ausgründungen zu fördern und Gründungen im High-Tech Bereich auszuweiten. Entscheidend dafür sind die Verbesserung der Rahmenbedingungen für unternehmerisches Handeln sowie die Bereitstellung einer leistungsfähigeren digitalen Infrastruktur und digitalisierten Verwaltung.“ Digitale Verwaltung, digitaler Staat???? Darauf warten wir seit über 20 Jahren.

Über allen Gipfeln Ist Ruh, In allen Wipfeln Spürest du Kaum einen Hauch; Die Vögelein schweigen im Walde. Warte nur, balde Ruhest du auch.

„Die regionale Transferförderung zu bündeln und insbesondere Hochschulen für Angewandte Wissenschaften sowie kleine und mittlere Universitäten zu adressieren, ist dem Ansatz nach richtig und sollte ressortübergreifend umgesetzt werden. Offen bleibt für uns aber, ob diese Transferförderung tatsächlich durch eine eigene Agentur erfolgen muss.“

Klare Worte vom Handwerk:

„Die Umsetzung innovativer Lösungen kann nur gelingen, wenn KMU und Handwerk ausreichend qualifizierte Arbeitskräfte zur Verfügung stehen und ein reger Nachschub an Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern gewährleistet ist. Zurzeit ist leider das Gegenteil der Fall: Seit Jahren spitzt sich die Lage an den Arbeitsmärkten zu, aus der Fachkräfteknappheit in einigen Gewerken zur Mitte der 2010er Jahre ist ein Fachkräftemangel in vielen Handwerksberufen geworden. Hierzu muss die Bundesregierung dringend das Fachkräfteeinwanderungsgesetz überarbeiten und eine Bildungswende herbeiführen. Daneben bedarf es vor allem einer Erhöhung der Innovationstätigkeit durch: – mehr staatliche und private Ausgaben für Forschung und Entwicklung, – einer Steigerung der Innovatorenquote, insbesondere in kleinen und mittleren Unternehmen und – eine deutliche Verstärkung des Transfers und der Skalierung von neuen Technologien.“

Zur Agentur für Sprunginnovationen schreibt DIHK:

„Der DIHK teilt die Ziele der SPRIND, jedoch sollte die Agentur neben den Forschungsinstituten auch Ansprechpartner für den hochinnovativen Mittelstand sein und auch bei diesen nach Ideen mit disruptivem Potenzial suchen. In der Zukunftsstrategie bleibt unklar, wie die Bundesregierung der SPRIND weitere Freiheiten verschaffen will.

Zur technologischen Souveränität Deutschlands und Europas: Das halte ich persönlich für eine Fata Morgana.

Übrigens: Richtig gute Vorschläge für eine Innovationsstrategie werden auf der Next Economy Open am 1. Dezember gemacht.

Siehe dazu auch den Bericht von Manfred Ronzheimer: Neue Strategien notwendig NGOs kritisieren die Zukunftsstrategie des Forschungsministeriums: Sie bleibe in der Logik stecken, zuvorderst die Wirtschaft zu stärken.

Wir brauchen jetzt einen Energy Moon Shot: In der Reaktion der Bundesregierung auf die Krise fehlt bislang die technologische Antwort. Wie sie aussehen sollte. Ein Gastbeitrag von Thomas Jarzombek.

Alle weiteren Stellungnahmen und den Entwurf zur Zukunftsstrategie findet Ihr auf der Website des BMBF.

Über den Autor

gsohn
Diplom-Volkswirt, Wirtschaftsblogger, Livestreamer, Moderator, Kolumnist und Wanderer zwischen den Welten.

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