Auf der Entwicklerkonferenz „Google I/O“, die Ende nächster Woche in San Francisco stattfindet, präsentiert Google eine für TV-Anwendungen angepasste Version seines Handy-Betriebssystems, die als Dragonpoint bezeichnet wird. Laut „Bloomberg“ will der japanische Elektronikhersteller Sony auf der Google-Konferenz bereits neue Fernseher mit Android-Betriebssystem vorstellen. Die Möglichkeit, TV-Apps per Fernbedienung von der Couch aus zu kaufen, dürfte für Anbieter von Software und Inhalte ein einträgliches Geschäft werden. Nicht erwähnt wird, ob Dragonpoint auch den neuen Hybrid Broadcasting Broadband TV-Standard (HbbTV) beherrscht, der einheitliche Schnittstellen zwischen TV und Internet bereitstellt.
„Die Verschmelzung von Web und TV hat sich bereits in den letzten Jahren angekündigt. Unser Untersuchungen haben gezeigt, dass drei Kundenbedürfnisse diesen Trend treiben: Zeitsouveränität, Video-Nutzung aus dem Web auch im Wohnzimmer und der Bedarf das komplexe und vielfältige Web-Angebot zu strukturieren und so das ‚Beste‘ für sich aus dem Web zu holen. Aktuelle Markt-Prognosen für diese sogenannten Hybrid-TV Angebote sind sehr positiv“, so Christian Halemba von der Düsseldorfer Unternehmensberatung Mind Business. Allerdings bestehe die Gefahr, dass der Markt in einen Dornröschenschlaf fällt, weil Hersteller vielfach noch nicht das Nutzer-Erlebnis zum Ausgangspunkt der Produktentwicklung machen. „Bislang nutzen die Käufer der hybriden TV-Geräte nur unzureichend die Internet-Funktion“, beklagt Halemba. Später mehr auf NeueNachricht.
Mein Gott, fast jeden Tag lässt der FAZ-Neuro-Feuilletonist Frank Schirrmacher irgendeinen so genannten Experten zu Wort kommen lässt, der seine manischen Web-Ängste, Multitasking-Phobien und Hirntheorien bestätigt. Diesmal ist es ein Professor für Medizinische Psychologie mit dem Namen Ernst Pöppel. Facebook, Twitter, SMS und E-Mails würden uns in eine extreme Form der Überforderung stürzen – Schirrmacher-Theorem Nummer eins. Multitasking sei streng genommen grober Unfug und unmöglich – Schirrmacher-Theorem Nummer zwo. Man müsse lernen, davon Abstand zu nehmen. Diese Fähigkeit sei in den letzten Jahren leider sehr verlorengegangen. Viele Studenten seien in 45-Minuten-Vorlesungen schon nach zehn Minuten nicht mehr aufnahmefähig und schalten ab – Schirrmacher-Theorem Nummer drei.
Es würde helfen, wenn in Deutschland eine Stunde am Tag gar nicht telefoniert würde – schwachsinniger Vorschlag, der ein wenig an eine Forderung von Helmut Schmidt erinnert. Wie wäre es denn mal mit einem Tag ohne FAZ? Könnte man wesentlich schneller in die Tat umsetzen.
Es gebe die Angst, die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gruppe von Personen zu verlieren, ausgeschlossen zu sein. Allerdings spiele die Selbstinszenierung in solchen Netzwerken oft eine größere Rolle als die Kommunikation – ist das ein neues Phänomen, Herr Pöppel? Auch die Selbstinszenierung ist eine Form der Kommunikation. Studieren Sie mal die höfische Literatur des 17. und 18. Jahrhunderts. Jeder setzt sich mit bestimmten Methoden in Szene. Das sind schlichtweg Maßnahmen der Selbsterhaltung und können überaus amüsant sein: Vox, vultus und gestus galten im Barockzeitalter als essentiell, um in der Öffentlichkeit Wirkung zu erzielen und zu überzeugen. Gleiches praktizieren Sie doch auch, Herr Pöppel, mit folgender nett formulierten Polemik: „Facebook beispielsweise ist eine Art Selbstprostitution, eine Offenlegung von Intimität ohne Verpflichtungen. Man öffnet sich nicht wirklich, will sich aber zeigen. Es ist gewissermaßen Selbstkommunikation – ein öffentliches Tagebuch, das nur so tut, als wäre es Kommunikation.“
Gut gebrüllt, Pöppel. Wie viele Facebook-Profile oder Fan-Seiten haben Sie denn gesichtet? Wie lange haben Sie die Kommunikation auf Facebook beobachtet? Sie finden höchst eloquente Konversationen und zugleich dussligen Tratsch. Ein Querschnitt des Lebens. Sie finden zudem eine neue Öffentlichkeit, die es im 18. Jahrhundert in englischen Kaffeehäusern, in französischen Salons und deutschen Tischgesellschaften gab. Allerdings ohne snobistisch-elitären Anstrich und ohne hierarchische, räumliche, zeitliche oder finanzielle Barrieren. Da wird über Kunst, Literatur, Geschichte, Politik, Wirtschaft oder Musik diskutiert. Da gibt es Initiativen, um Persönlichkeiten wie Diane Budisavljević, die in der Nazi-Zeit vielen jüdischen Kindern das Leben rettete, wieder ins Gedächtnis zu bringen (in Serbien laufen Vorbereitungen auf Hochtouren, um das Leben dieser tapferen Frau zu verfilmen, kleiner Exkurs. Habe in Belgrad mit dem Filmproduzenten über dieses Projekt gesprochen – werde demnächst darüber berichten).
Bevor Sie die Schirrmacher-Thesen bestätigen, sollten Sie sich etwas genauer mit der Thematik beschäftigen, Herr Pöppel!
Microsoft schickt sich nach einem Bericht von Spiegel Online an, den Dialog zwischen Schirm und Sofasitzer auf eine neue Stufe zu heben. Die Bewegungssteuerung mit Arbeitstitel „Project Natal“ für Xbox 360 könnte es schaffen: „Interaktive digitale Medien so auf den Fernseher bringen, dass man sie dort tatsächlich nutzen will. Auf der Videospielmesse E3 im Juni in Los Angeles will der Konzern die ersten Anwendungen und Spiele für Natal präsentieren, gerade erst hat ein Microsoft-Manager aus Saudi-Arabien ausgeplaudert, dass das System im Oktober auf den Markt kommen soll. Und dazu, glaubt man Gerüchten, eine neue kleinere, hoffentlich auch leisere Version der Spielkonsole Xbox 360“, so Spiegel Online. Gedacht sei Natal in einem ersten Schritt für Videospiele, als Antwort auf den Erfolg von Nintendos Wii, als Konkurrent für Sonys ebenfalls für die E3 heiß erwartetes Bewegungskonzept mit dem Namen Move. „Sony und Nintendo haben sich aber, anders als Microsoft, vom Videospiel-Controller nicht verabschiedet: Beide Systeme kommen nicht ohne ein Stück Plastik in der Hand aus“, schreibt Spiegel Online.
Beim „Project Natal“ sei nicht mehr das Interface-Design, sondern „out of your face design“ das Gebot der Stunde, sagte mir Oliver Kaltner, Country Manager Entertainment & Devices bei Microsoft Deutschland, in einem Interview für die Zeitschrift absatzwirtschaft. „Was Nintendo mit der Wii geschafft hat, ist der Beleg für die These, dass es nicht mehr um die Hardware geht. Die Entwickler haben erkannt, dass ein Großteil der Kunden grundsätzlich am digitalen Spiel interessiert ist, aber Angst davor hat, Hardware in die Hand zu nehmen und steuern zu müssen. Der Zugang zum Spiel muss vereinfacht werden und die Hardware darf nicht im Wege stehen. Wir gehen jetzt deutlich in die nächste Generation, denn es ist überhaupt keine Hardware mehr im Spiel. Bei uns ist kein Controller mehr notwendig, zudem kommt das Element der Sprachsteuerung hinzu. Beides hat zum Ziel, möglichst viele Konsumenten zum interaktiven Spiel zu bewegen und als gesellschaftliches Erlebnis zu Hause werden zu lassen. Der Blamierungsfaktor strebt dann gegen null und geht weit über das Thema Gaming hinaus“, sagt der Country Manager im Gespräch mit der absatzwirtschaft. Natal sei der Weg zum „Gaming für Jederman“ unter Einbindung der Social Media Networks wie Facebook und Twitter. Es werde über das Spielerlebnis hinaus ein Eisbrecher für ein neues User Interface sein: „Die Kulturgeschichte des Spiels hat gezeigt, dass sie Einfluss genommen hat auf andere gesellschaftliche Entwicklungen. Dafür wird auch die Bewegungs- und Sprachsteuerung des „Projects Natal“ sorgen“, ist sich Kaltner sicher.
Microsofts Ansatz sei puristisch, so Spiegel Online: „Ein komplexes System aus Kameras, Infrarotsensor und Mikrofonen soll die Lage des Spielers und einzelner Körperteile im Raum erfassen, freihändig gewissermaßen. In einem ersten Test funktionierte das bereits erstaunlich gut: Ein auf dem Bildschirm dargestellter Avatar folgte jeder Körperbewegung des Spielers mit nur sehr geringer Verzögerung. Tritt ein zweiter Spieler neben den ersten, wird auch seine Körperposition innerhalb von Sekunden erkannt. Das nur zur Demonstration mitgebrachte Spiel ist eine ‚Breakout‘-Variante namens ‚Ricochet‘: Mit dem Körper, Armen, Beinen oder auch dem Kopf müssen Bälle gegen einen Wand geschubst und aufgestapelte Kisten abgeschossen werden. Das funktioniert ordentlich, wenn auch nicht völlig verzögerungsfrei, bringt einen auf jeden Fall ins Schwitzen.“
Besonders beeindruckend an Natal sei die Bedienung der Menüs: Die Bewegung eines Cursors mit bloßen Händen, das Auswählen und Aktivieren von Menü-Objekten klappe so intuitiv, als habe man seinen Fernseher schon immer so bedient. Bei Bedarf soll das System nicht nur die Bewegungen der Gliedmaßen, sondern auch die einzelner Finger erfassen können, Stimmen im Raum lokalisieren. Eine einfache Gesichtserkennungssoftware soll es außerdem ermöglichen, jedem Spieler gleich das richtige Benutzerkonto zuzuweisen. Von Anfang an soll Natal als Eingabemöglichkeit für die gesamte Xbox-Benutzeroberfläche einsetzbar sein. Das würde heißen, dass man künftig etwa seine Facebook-Bildergalerien mit einem Handwedeln durchblättern könnte.