Ich möchte jetzt eigentlich gar nicht so viel über die Absetzung der ZDF-Show „Wetten, dass“ schreiben. Da sind Blogger wie Richard Gutjahr viel besser im Thema. Beim Durchwühlen meines digitalen Archivs stieß ich aber auf Ausführungen des TV-Journalisten Ranga Yogeshwar, die er vor einigen Jahren beim Fachkongress in Nürnberg machte und die zum Niedergang von klassischen TV-Formaten sehr gut passen.
„Mit meinem neuen iPhone habe ich das Rechenzentrum meiner Studienzeit in der Hosentasche. Mit der WDR-Sendung Quarks & Co erreichen wir rund 500.000 Podcast-Downloads im Monat. Hier erreichen wir Größenordnungen, wo wir im normalen TV-Programm als öffentlich-rechtliche Anbieter zwar sehr viele jungen Menschen verlieren, aber durch die Hintertür im Internet wieder zurückgewinnen. Das zeigt sehr deutlich, mit welchem Tempo der Wandel in Wirtschaft und Gesellschaft verläuft. Wenn Sie das Gefühl haben, es ging in den vergangenen Jahren schnell, dann legen Sie den Gurt an: Es wird noch schneller“, so Yogeshwar.
Der betrachtende Astronom
Den Epochenwechsel machte der Wissenschaftsjournalist an zwei Bildern des Malers Vermeer fest, die im Abstand von einem Jahr entstanden. Das Werk mit dem Titel „Der Astronom“ aus dem Jahr 1668 zeigte noch eine Welt, in der Menschen etwas betrachten.
„Der Astronom wagt nicht, etwas zu verändern. Ein Jahr später entsteht ‚Der Geograph’, der aktiv gestaltet und am Fortschritt arbeitet sowie das Schicksal in die eigenen Hände nimmt. Es gibt viele Kunsthistoriker, die sagen, dass es sich um ein Scharnierbild handelt. Es dokumentiert den gesellschaftlich-kulturellen Wandel dieser Zeit. Von einer kontemplativen Welt zu einer Epoche, die Dinge tut. Meine These ist, wenn Vermeer noch leben würde, müsste er heute ein drittes Bild malen, denn wir leben in einer Zeit, die wieder einem Scharnier entspricht“, sagte Yogeshwar in Nürnberg.
Vermeer: Der Geograph
Fortschritt sei im 17. Jahrhundert noch sehr langsam verlaufen. Das war eine Geschichte, die von einer Menschengeneration zur nächsten übermittelt wurde. Das ist ein großer Unterschied zu heute. Jeden Tag werden weltweit 20.000 wissenschaftliche Abhandlungen publiziert, jede Minute gibt es irgendwo auf der Welt eine neue chemische Substanz, die synthetisiert wird, alle drei Minuten gibt es eine neue physikalische Erkenntnis. Und das Tempo legt zu“, prognostizierte Yogeshwar.
Noch nie zuvor sei derart viel erfunden worden. Das Telefon brauchte rund 100 Jahre, bis es sich durchsetzte. Auf ein Ferngespräch nach Indien wartete Yogeshwar früher noch 48 Stunden und wenn die Leitung zustande kam, mussten seine Eltern schreien, um sich verständlich zu machen.
„Das Internet wächst in einer Dynamik, die man nicht mehr verstehen kann. Wer meint, das Internet zu verstehen, liegt falsch. So hat die Distribution in der Musikindustrie einen Einbruch von 30 Prozent erlebt. Und man darf sich fragen, ob der Job des Verlegers ein Auslaufmodell ist. Die letzte ‚Wetten, dass‘-Sendung hatte gut elf Millionen Zuschauer (das waren noch die guten Zahlen von Tommy Gottschalk, gs) und zählt zu den Einschaltquoten-Champions. Die Jeff Dunham-Show ist viel bekannter. Sein Internet-Video ‚Ahmed the Dead Terrorist’ hat über verschiedene Internetkanäle allein in England 96 Millionen Downloads erreicht. Die Musik spielt nicht mehr bei ‚Wetten, dass’, die Musik spielt im Web“, meinte Yogeshwar vor knapp fünf Jahren.
Mit Diensten wie Apple TV, Watchever, Netflix oder Amazon wird sich der Niedergang des linearen Fernsehprogramms verstärken. Das TV-Gerät wird wohl auch in Zukunft im Wohnzimmer stehen – also der Bildschirm. Die Inhalte bestimmen aber nicht mehr ARD, ZDF und Co., die Inhalte bestimmen die Zuschauer selber.
Er arbeitet durchschnittlich 8.5 Stunden pro Tag für das ZDF und davor und danach noch einmal gute vier bis fünf Stunden an den anderen Projekten. Um überhaupt wahrgenommen zu werden, müsse der ZDF-Mann jeden Tag Reichweite aufbauen.
„Ansonsten kann ich es auch gleich sein lassen, mich in den sozialen Netzwerken zu äußern – oder noch schlimmer: als Journalist generell Geschichten zu erzählen. Reichweite wiederum baue ich mir über gute Inhalte und aktives Kommunizieren dieser Inhalte auf. Für diese guten Inhalte muss ich recherchieren und stets aktuell informiert sein. Das kostet Zeit – und Nerven.“
Dazu komme der Druck, dass sich das Aufbauen von Reichweite bei Twitter und Facebook so verhält, dass mittelfristig nur der bekommt, der schon hat.
„Nicht anders jedenfalls ist zu erklären, dass sich über die letzen Jahre in Social-Media-Deutschland kaum neue Köpfe etablieren konnten. Und wer als Journalist nicht heute bereits eine solide Follower-Basis von mehreren Tausend Menschen aufgebaut hat, der wird es auch in den kommenden Monaten und Jahren wahrscheinlich nicht schaffen. Zu groß ist der Lemming-Effekt. Zu groß ist die Sättigung an Meinungs-Mandatsträgern auch hier erreicht. Pluralität hat klare Grenzen“, so Giesler.
So geht seine Erzählung weiter und mündet letztlich in einem verzweifelten Resümee:
„Mir geht dieser internetzentristische Dauer-Konkurrenzkampf ziemlich auf den Saque. Und ich kann nicht erkennen, dass er mir, meiner Filterbubble oder dem Journalismus insgesamt wirklich gut tun würde. Immer mehr beschleicht mich das Gefühl, dass ich als Journalist in diesem Spiel immer verlieren werde und Facebook, Google und Twitter immer gewinnen.“
Aber welches Spiel will denn Giesler gewinnen? Welche Reichweite soll es sein? Mit was vergleicht er sich? Was kann man den so als Staubkörnchen im Gefüge des menschlichen Daseins beanspruchen? Als Autor weiß ich nie so richtig, welche Story gut laufen wird, welche Resonanz auf mich einprasselt und welche Empfehlungen im Social Web ausgesprochen werden. Facebook, Google, WordPress und Co. sind für mich nur nützliche Katalysatoren, um meine Beiträge überhaupt publizieren zu können.
Ich bin nicht so vermessen, meine bescheidenen Blogpostings als relevant oder interessant einzustufen. Das wäre ein wenig egozentrisch. Und dieses Reichweiten-Geblubber der traditionellen Medien konnte ich schon früher nicht leiden. Über die empirische Tragfähigkeit der Quoten-Fliegenbein-Zählerei habe ich mich ja schon häufig ausgelassen. Auch das Gerede von Filterblasen, unangreifbaren Social Web-Champions und neuen Gatekeepern beeindruckt mich jetzt nicht sonderlich. Jeder Mensch konstruiert sich Realitäten, hat eingeschränkte Möglichkeiten der Informationsverarbeitung und benötigt selektive Verfahren, um Informationen aufnehmen zu können.
Mir ist es auch völlig egal, ob der Teufel immer auf den großen Haufen scheißt, weil es in der Logik des Netzes den einen großen Haufen nicht mehr gibt – also die berühmte Pareto-80-20-Verteilung. 20 Prozent aller Knoten im Netz vereinen 80 Prozent aller Links auf sich. Es gibt aber sehr viele 80/20-Verteilungen mit sehr geringen Schnittmengen. Systemingenieure, die sich über Netzwerke austauschen, unterscheiden sich von der Gaming-Community oder von Koch-Fans. Die politischen Netzaktivisten haben kaum Zugang zu den Stars der Youtube-Szene. In all diesen Netzwerken könnte Pareto mit seiner Formel fündig werden.
Die Möglichkeiten, eigene 80/20-Nischen zu finden, sind definitiv größer geworden. Eine Zementierung kann ich nicht verorten. Jeder hat die Möglichkeit, mit neuen Formaten auf Youtube erfolgreich zu sein oder den Livestreaming-Markt aufzumischen, der noch relativ unerschlossen ist. Die Frage ist halt nur, wie definiere ich Erfolg? Beim ZDF-Blogger sind es vielleicht Einschaltquoten wie bei „Wetten, dass“. Als Alleinunterhalter habe ich diesen Anspruch nicht. Hübsche Vorschläge, wie man sich im Netz positionieren kann, hat Christop Kappes in einem Carta-Kommentar gemacht:
Eine Imitation der Massenmedien sei nicht der richtige Weg – da liegt wohl das Vergleichsproblem, wenn man von Reichweiten-Anstregungen spricht.
„Der Weg führt über netzspezifische Formen und ist vor allem das Leben, Durchleben, Vorleben eines Prozesses. Ein Experiment mit mitunter überraschenden Ergebnissen, an dem alle lernen können.“
„Ein bisschen mehr Netzkultur – mehr als professionelles Feuilleton. Hier veröffentlichen zum Teil Medienwissenschaftler Texte, bei denen mir die Synapsen einschlafen. Warum nicht mal ein Internet-Mem mitmachen, zum Beispiel? How about einen Schuss Pop? Poppy Carta.“
Publikation:
„Weg vom Dokument, hin zu Personen und Prozessen. Beispiel: Aggregation des Umfelds machen, kuratieren. Personen stehen für Kompetenzen.
Beispiel: Auch mal das Schnelle, Assoziative, Hingeworfene. Es geht darum, einen Prozess in Gang zu halten. Das Perfekte, Fehlerfreie, das darf gern weiter das Ideal der Qualitätsmedien sein.“
Richtung:
„Wiki und Etherpad statt WordPress (dat werde ich jetzt nicht machen, gs).“
„Eine Oberfläche, bei der alle Beiträge logisch gleichrangig und vernetzt sind. Oder von vornherein ein verteiltes System vieler Blogs, die miteinander verzahnt sind.
Die Chance der Blogs sei, dass die Serialisierung aufgehoben wird, die mit ihren gleichen Ergebnissen so langweilt: „Eine Website ist ein flüssiges Produkt wie ein Bauplan, an dem viele gemeinsam arbeiten können, und das somit sich weiter verästelt, ausdifferenziert, entwickelt“, soweit ein paar Auszüge des Kommentars von Christoph Kappes.
Solche Vorschläge sollte man diskutieren und ausprobieren. Durchwursteln und schauen, was passiert.
Die Verzahnung vieler Blogs wäre übrigens ziemlich erstrebenswert. Kombiniert mit Netzwerk-Treffen, Video- und Audio-Formaten, einer gemeinsamen Vermarktung und anderen Dingen. Wäre übrigens auch ein Thema für meine geplanten Zettelkasten-Stammtische 🙂
Im Social Web wird gerade über das ZDF-Interview von Frau Slomka mit dem SPD-Parteivorsitzenden Sigmar Gabriel diskutiert. Hier nur mein kleiner Facebook-Ausschnitt. Aus guten Gründen. Es fehlt der TV-Journalistin wohl ein wenig die politische Bildung. Man kann das Verfahren der Sozialdemokraten beim Mitgliedsvotum über den Koalitionsvertrag kritisieren, gegen das Grundgesetz verstößt der von den Parteien zu verantwortende interne Willensbildungsprozess nicht.
Das kann über Ur-Abstimmungen laufen, Vollversammlungen, Bundesparteitage oder über Vorstandsbeschlüsse. Das regeln die Parteien über ihre Satzungen selbst. Und im Grundgesetz steht, die Parteien wirken an der politischen Willensbildung mit. Ich finde es übrigens gut, wenn Parteien den Mut finden, bei essentiellen politischen Fragen vom Delegierten-Prinzip abzurücken – etwa bei der Nominierung von Kandidaten zur Bundes- oder Landtagswahl. Dieser Spielraum sollte noch viel mehr genutzt werden.
Weit gewichtiger finde ich die Bedenken des CDU-Politikers und ehemaligen sächsischen Ministerpräsidenten Kurt Biedenkopf, die er in einem Gastbeitrag für das Handelsblatt formuliert hat (steht online leider nicht zur Verfügung):
„Strukturell kündigt sich mit der Superkoalition (GroKo finde ich besser, gs) ein in der Geschichte der Bundesrepublik bisher nicht erlebtes politisches Machtzentrum an. Es spricht dem Grundsatz der Gewaltenteilung Hohn. Mit ihm werden Parlament und Regierung zu einer Einheit verschmolzen, die nicht länger mit einer wirksamen parlamentarischen Opposition rechnen muss.“
Mit ihrer Mehrheit könne die GroKo die Verfassung ändern, die Relativierung der Schuldenbremse riskieren, ohne Widerstand im Bundestag zu befürchten. Da Union und SPD auch den Bundesrat dominieren, fällt ein weiterer Pfeiler zur Machtbegrenzung weg. Checks and Balances sind aber die Essenz des Grundgesetzes, die in den nächsten vier Jahren auf wackligen Beinen steht. Die gefährdete Gewaltenteilung sollte durch ein verstärktes Engagement der Bürgerschaft kompensiert werden, fordert Biedenkopf.
Also so eine Art APO-Elchtest für alles, was die GroKo auf die Agenda setzt – in Bloggercamp.tv haben wir das „Stiftung Märchentest“ genannt.
Was könnte man tun? Maximale Durchsichtigkeit der Entscheidungsprozesse fordern. Generell namentliche Abstimmungen beantragen bei relevanten Themen und die Aufbereitung des Verhaltens via Datenjournalismus – beim Leistungsschutzrecht war das sehr erhellend.
Zudem kann man sich da auch direkt auf den Koalitionsvertrag beziehen – was übrigens die Livestreaming-Community freuen wird.
Transparenter Staat
Die digitale Berichterstattung über den Bundestag und seine Sitzungen sowie über öffentliche Ausschusssitzungen und Anhörungen (z. B. in Streams) wollen wir ausbauen. So bald wie möglich werden wir Bekanntmachungen wie beispielsweise Drucksachen und Protokolle in Open Data tauglichen Formaten unter freien Lizenzbedingungen bereitstellen.
Welchen Sinn sieht Biedenkopf in einer Bürger-Opposition? Der Widerspruch der parlamentarischen Opposition wirkt in der Regel solidarisierend auf die Regierungsfraktionen – es fördert eher den Chor-Geist der GroKo. Bei einer außerparlamentarischen Opposition sieht das anders aus.
„Sie wird weniger parteipolitisch ausgerichtet sein und sich stärker als Vertretung von Interessen begreifen, die dem Gemeinwohl unmittelbarer verwandt sind.“
Zudem stehe das Machtmotiv nicht im Vordergrund. Daraus könne der Bürgeropposition ein Vertrauen zuwachsen, mit dem die Parlamentsopposition nicht ohne weiteres rechnen kann, meint Biedenkopf.
Bemerkenswerter Beitrag eines CDU-Politikers, der zu den wichtigsten Denkern dieser Partei zählt.
Die sich aus 17 Sachverständigen und 17 Abgeordneten aller Parlamentsfraktionen zusammensetzende Enquete-Kommission Internet und digitale Gesellschaft des Bundestags (EIDG) empfahl im Januar 2013 ausdrücklich die Aufhebung der im Rundfunkstaatsvertrag festgeschriebenen Depublikationspflicht.
Es waren bekanntlich die Leistungsschutz-Gichtlinge der Verlage und privaten Rundfunk-Anbieter, die sich gegen die öffentlich-rechtlichen Sender stellten und entsprechende Gesetzesänderungen verlangten.
Das Resultat ist höchst ärgerlich, wenn man sich das beschämend schlechte Angebot der Mediatheken von ARD und ZDF anschaut. Der Schwachsinn des Depublizierens entspricht nicht mehr dem Nutzungsverhalten der Medienkonsumenten. Ich entscheide selbst, wann und wo ich Angebote von öffentlich-rechtlichen Hörfunk- und Fernseh-Sendern wahrnehmen möchte. Der Grundversorgungsauftrag, den wir über Gebühren finanzieren, sollte auch für die digitalen Plattformen gelten – ohne irgendwelche Einschränkungen.
Es ist auch für die Autorinnen und Autoren – also für die Urheber – wichtig, ihre Werke dauerhaft im Netz präsentieren zu können. Etwa für Hörspiele.
„Unser Ziel ist, das Gesamtwerk ausgewählter Hörspielmacher zu fairen Preisen dauerhaft erhältlich zu machen. Es gibt immer wieder Hörer, die nach Hörspiel-Sendungen im Radio fragen, ob es das Hörspiel als CD oder Download zu kaufen gibt. Für sie und andere Interessierte wollen wir Autorenhörspiele zugänglich machen.“
Mit „Hörspielpark“ hat Plamper einen auf Nutzergebühren basierenden Netzvertrieb geschaffen, in dem er seine Produktionen und weitere Werke einer freien Anbietergemeinschaft von Hörspielmachern präsentiert: zum Vorhören, Downloaden oder als CD – und stets in bester Tonqualität, schreibt Wolfgang Schiffer in seinem Literaturblog „Wortspiele“.
Die Bezahlung läuft komfortabel über Paypal – der Preis pro Hörspiel liegt so um die fünf bis sieben Euro. Also sehr angemessen für ein weithin unterschätztes Genre des Kulturbetriebes in Deutschland.
Bei Durchstöbern der Hörspiele bin ich direkt auf ein ziemlich irres Stück gestoßen, das in Bonn spielt: Kein Mensch sagt mehr Beat. Rafael Jové kauft die unscheinbare Single mit dem Titel „Hans Daniels präsentiert Bonner Beatbands“ in einem Fürther Trödelgeschäft und findet auf ihr ein James Brown infiziertes Stück Funk, so roh und ungefiltert, wie man es aus Deutschland nie vermutet hätte. Jové reist der Geschichte dieser alten Schallplatte hinterher und er trifft alle, die mit ihr zu tun hatten: CDU-Wahlkämpfer, den ehemaligen Bonner Oberbürgermeister Hans Daniels, älter gewordene Musiker, Fans und Schallplattenhändler.
Warum wir uns stärker gegen die Pflicht zur Depublizierung stellen sollten, werde ich in einigen Interviews und Storys ausführlicher aufgreifen. Aber das ist eine kleine Überraschung – für die Leistungsschutz-Gichtlinge…..
„Einen Drucker anschließen? Den Büro-Kalender mit dem Handy synchronisieren? Oder gar Shareware installieren? Ohne Segen der IT-Abteilung ist da in Großunternehmen nichts zu machen. Zumindest offiziell nicht. Denn die sogenannte Schatten-IT ist schon längst Realität. Selbst programmierte Excel-Anwendungen, eigenmächtig beim Discounter gekaufte Hardware, Kommunikation mit Außendienstkollegen via Facebook-Chat oder Dateiversand über Skype: Im Schatten der offiziellen Computer-Infrastruktur blühen in Firmen kreative IT-Lösungen. Belastbare Zahlen gibt es zwar nicht – aber wer einmal ein Großunternehmen von innen gesehen hat, weiß, wie solche Schatten-IT entsteht. ‚Die Fachabteilung hat bestimmte Wünsche, die die IT-Abteilung des Unternehmens nicht oder nicht schnell genug erfüllen kann. Also wird die Fachabteilung selbst aktiv‘, sagt der Informatiker Christopher Rentrop, der sich wissenschaftlich mit dem Phänomen beschäftigt. ‚Und die IT-Abteilung schweigt, weil sie keine Zeit zur Bearbeitung hätte und gegenüber den Kollegen nicht als ‘Stasi’ erscheinen möchte'“.
Laut einer Studie des Marktforschers IDC würden Angestellte verstärkt private Geräte wie Smartphones oder Tabletts auch beruflich nutzen: Wer privat ein iPhone oder Android-Handy, bestimmte Apps oder Online-Dienste schätzen gelernt hat, komme eher auf die Idee, wie er diese für den Job einsetzen könnte und will auf deren Komfort nicht zugunsten eines von den IT-Experten der Firma in langwierigen Prozessen abgesegneten Geräts verzichten. Entsprechend wächst die Ungeduld der Nutzer – nicht nur wegen der IT-Restriktionen in Unternehmen, sondern auch beim Einsatz von sozialen Netzwerken während der Arbeitszeit. Das hatte ich an anderer Stelle bereits thematisiert.
Generell steigen dadurch die Anforderungen an CIOs. Vonnöten wäre mehr Offenheit bei den IT-Chefs für technologische Veränderungen, die das Web 2.0 losgetreten hat, fordert der Silicon-Blogger Siegfried Lautenbacher. „Statt auf Bedürfnisse zu schauen, bügelt die IT ein Standardmodell drüber. Das führt naturgemäss zu Frustrationen. Bis nämlich das neue Smartphone durchgetestet und auf Sicherheit überprüft ist, hat es der Anbieter schon längst wieder gekündigt. Bindet man das iPhone in die Standardprozesse des Unternehmens ein, ist der Spass auch gleich wieder vorbei. In solchem Denkraster sind Cloud & SaaS, Skype & Social Media, Tablets und ähnliche aus der Consumer IT importierten Werkzeuge die natürlichen Feinde der IT-Abteilung. Sie gelten als verwerfliche Schatten-IT. Umgekehrt schimpfen die Endanwender auf die starre unflexible IT“, führt Lautenbacher aus. Das anbrechende „Post-PC-Zeitalter“ werde indes alle zwingen, neu über die Beziehung zwischen der Kommunikationstechnologie in Unternehmen und dem Nutzer nachzudenken. Der Biergarten als lichter Ort der lockeren Liberalität wäre kein schlechtes Vorbild für die Zukunft der Unternehmens-IT. „Viel Self Service, viel Freiheit und alles an Infrastruktur, was der Nutzer braucht“, so das Credo von Lautenbacher.
Die nötige Offenheit müssten auch die Anbieter von Kommunikationstechnologie mitbringen, sagt Deutschland Jürgen Signer vom ITK-Spezialisten Aastra. Der Siegeszug von Smartphones und Tablet-PCs wirke sich auch auf die Geschäftswelt aus. „Es wird immer mehr Mitarbeiter in Unternehmen geben, die mobil arbeiten und höchst unterschiedliche Endgeräte einsetzen. Für unsere Lösungen ist es daher unabdingbar, hier eine Integrationsleistung zu bringen. Ein CIO tut sich in Zukunft keinen Gefallen, wenn er versucht, sich auf ganz wenige Standard-Endgeräte zu konzentrieren. Das wird er nicht durchhalten können gegen die Anwender. Es rücken viele junge Mitarbeiter nach, die technologisch das nachfragen, was sie auch privat schon lange nutzen. Ein CIO sollte diese Dienste in seine IT-Infrastruktur einbauen, sonst entstehen Probleme bei der Rekrutierung von neuem Personal“, erklärt Signer.
Morgen schreibe ich übrigens eine Story über den Geist im Smartphone. Kleiner Vorgeschmack: Für den Philosophen David Chalmers ist das iPhone zu einem Teil seines Geistes geworden, berichtet die neue Philosophie-Zeitschrift „Hohe Luft“ in ihrer ersten Ausgabe: Die Auslagerung unseres Gedächtnisses ins Internet wird allerdings nicht so kulturpessimistisch interpretiert wie von dem FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher. Eher werde der Geist erweitert. „Menschen haben Denkvorgänge zu allen Zeiten ausgelagert. Wir machen uns Notizen auf einem Blatt Papier, wir benutzen Taschenrechner, speichern Informationen in Büchern oder Archiven. Und doch gehen wir zumeist davon aus, dass das alles nur Werkzeuge sind. Es ist doch unser Geist, der denkt“, schreibt der Hohe Luft-Autor Thomas Vasek. Was das Ganze mit der Servicebranche zu tun hat, steht morgen auf wwww.ne-na.de.
Die 3sat-Sendung „neues“ beschäftigt sich an diesem Sonntag, um 16,30 Uhr mit folgenden Themen: Nach Eric Schmidt von Google hat nun auch Carol Bartz von Yahoo! vor einer Internetblase gewarnt, da die meisten der Einschätzungen kaum mehr etwas mit dem tatsächlichen Umsatz der jeweiligen Unternehmen zu tun haben. Wiederholt sich die Geschichte oder ist diesmal alles anders? Also Dotcom diesmal ohne Blase? neues geht diese Frage in der Sendung am 22. Mai nach.
Weitere Themen sind unter anderem: Weltmacht-Geldmacht „Facebook“, die digitale Oligarchie in Russland und der vermeintliche oder tatsächliche Einfluss von IT-Ikonen wie Steve Jobs auf die Wirtschafts- und Technikwelt. Zur Rolle und Unverzichtbarkeit von Steve Jobs für Apple war heute der ZDF-Redakteur Winfried Laasch in meinen eigenen vier Wänden und machte mit mir ein längeres Interview. Ein paar Schnipsel werden sicherlich auch am Sonntag gesendet. Guckst Du?
Die Mainzer Tage der Fernsehkritik versuchten in diesem Jahr, etwas über die Verschmelzung von Fernsehen und Internet zu sagen. Das Format war ermüdend, die meisten Beiträge warnten vor Qualitätsverlusten im Journalismus, Dialoge über Twitter und Facebook verliefen eher ins Nichts. Interaktiv sieht anders aus. Einige Tweets, die während der Tagung abgesetzt wurden, sind ein guter Stimmungsindikator.
Die Rede von Ranga Yogeshwar enttäuschte ebenfalls. Sein Plädoyer für Lotsen im Journalismus gegenüber den nicht oder nur schwer überprüfbaren Angeboten des Internets klangen nicht überzeugend. Welche Hohepriester sollen das denn übernehmen. Jeder muss sich heute mit seinen Leistungen einer Netzöffentlichkeit stellen, die sich nicht mehr dirigieren lässt. Deshalb ist die Reaktion von Weisshaupt61 verständlich.
„Mit meinem neuen iPhone habe ich das Rechenzentrum meiner Studienzeit in der Hosentasche. Mit der WDR-Sendung Quarks & Co erreichen wir rund 500.000 Podcast-Downloads im Monat. Hier erreichen wir Größenordnungen, wo wir im normalen TV-Programm als öffentlich-rechtliche Anbieter zwar sehr viele jungen Menschen verlieren, aber durch die Hintertür im Internet wieder zurückgewinnen. Das zeigt sehr deutlich, mit welchem Tempo der Wandel in Wirtschaft und Gesellschaft verläuft. Wenn Sie das Gefühl haben, es ging in den vergangenen Jahren schnell, dann legen Sie den Gurt an: Es wird noch schneller“, so Yogeshwar….Konsum, Produktion und Dienstleistungen seien mittlerweile weltweit abrufbar und jeder sollte sich fragen, ob das eigene Business in Zukunft woanders besser, schneller und günstiger gemacht werden kann. Mobilität zähle zum Megatrend der nächsten Jahre. „Wir werden zunehmend Kunden haben, die nicht mehr lokal verpflanzt sind, sondern sich permanent neu organisieren. Es sind intelligente Kunden, die sich nicht mehr abspeisen lassen. Sie sind besser informiert, sie sind schneller, kritischer und sie kommunizieren in einer völlig anderen Weise“, erklärte Yogeshwar. Noch nie zuvor sei derart viel erfunden worden. Das Telefon brauchte rund 100 Jahre, bis es sich durchsetzte. Auf ein Ferngespräch nach Indien wartete Yogeshwar früher noch 48 Stunden und wenn die Leitung zustande kam, mussten seine Eltern schreien, um sich verständlich zu machen.
„Das Medium Internet wächst in einer Dynamik, die man nicht mehr verstehen kann. Wer meint, das Internet zu verstehen, liegt falsch. So hat die Distribution in der Musikindustrie einen Einbruch von 30 Prozent erlebt. Und man darf sich fragen, ob der Job des Verlegers ein Auslaufmodell ist. Die letzte Wetten, dass-Sendung hatte gut elf Millionen Zuschauer und zählt zu den Einschaltquoten-Champions. Die Jeff Dunham-Show ist viel bekannter. Sein Internet-Video ‚Ahmed the Dead Terrorist’ hat über verschiedene Internetkanäle allein in England 96 Millionen Downloads erreicht. Die Musik spielt nicht mehr bei ‚Wetten, dass’, die Musik spielt im Web“, führte Yogeshwar damals aus – ohne Lotsen für Qualitätsjournalismus.
„Die Macht des Netzes wird immer größer. Das haben gerade Bundeskanzlerin Angela Merkel, CDU, und der zurückgetretene Bundesverteidigungsminister Karl Theodor zu Guttenberg, CSU, zu spüren bekommen. Binnen Tagen wurden immer neue Plagiatsvorwürfe erhoben, die Doktorarbeit des Ministers von der sogenannten ‚Schwarmintelligenz‘ auseinander genommen. Den halbherzigen Reaktionen von Merkel und zu Guttenberg folgten jeweils neue Protestwellen im Netz. Letztlich zeigte sich Guttenberg der Dynamik des Internets nicht gewachsen – er trat zurück. So geschieht hier im Kleinen was im Großen auch in der arabischen Welt die Herrschenden aus dem Amt fegt. Via Internet bilden sich in rasender Geschwindigkeit Bündnisse, formen sich Revolten“, so Frontal21 in einer Vorankündigung. Die Sendung läuft heute um 21 Uhr.
Als wichtige Herausforderung für 2011 sieht Markus Beckedahl von netzpolitik.org die Wahrung der Netzneutralität – zu recht. Denn die Zukunft des Internet steht auf dem Spiel: „Befördert es weiter alle Daten gleichermaßen, ohne auf Art und Inhalt zu achten oder werden künftig die Telekommunikationsunternehmen das Netz nach ihren Vorstellungen managen? Bleiben alle Teilnehmer gleichberechtigt oder konsolidieren wir jetzt den Markt und geben den Netzbetreibern viel Macht in die Hand zu entschieden, welche Inhalte künftig wie durch die Netze geleitet werden? Kann in Zukunft noch jeder frei twittern und frei ein Blog betreiben? Viele Beobachter befürchten, dass sich die Struktur des Netzes grundlegend ändern könnte und es zu einer Art Kabelfernsehen degeneriert“, so Beckedahl im Interview mit heute.de.
Die Platzhirsche würden schon heute versuchen, ihre Reviere zu sichern und die Konkurrenz vor vollendete Tatsachen zu stellen. „Setzt sich etwa die Telekom mit ihren Forderungen durch, wird sie künftig doppelt kassieren – erstens eine Gebühr vom Internetnutzer und zweitens eine Art Maut oder Datendurchleitungsgebühr von Anwendungs- und Inhaltsanbietern“, so Beckedahl. Sündenfälle gibt es ja schon im mobilen Web. Viele Verbraucher hätte es akzeptiert, dass die Telekom und Vodafone zum Beispiel Skype diskriminieren, weil sie durch diese Konkurrenz ihr eigenes Telefoniegeschäft gefährdet sehen. „Die Unternehmen sagen ihren Kunden, wer Skype nutzen möchte, muss einen Aufpreis bezahlen. Das heißt: Es wird Zugang zu Diensten per Aufpreis verkauft – was der Verbraucher aber bekommt, ist kein richtiges Internet mehr, weil es beschnitten ist“, kritisiert der Netzpolitik-Blogger.
Mich erinnert dieses Szenario an die Zollschranken im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation. Die Rivalität der einzelnen Landesfürsten und die zahlreichen Zollschranken beförderten die wirtschaftliche Rückständigkeit in den deutschen Kleinstaaten.