Die irre Kritik von Gründerszene über den Soziologen Harald Welzer

Erste lesen, dann rezensieren, liebwerteste Gründerszene-Redaktion
Erste lesen, dann rezensieren, liebwerteste Gründerszene-Redaktion

„11 irre Thesen zur Digitalisierung – und unsere Erwiderung“, mit dieser klickgeilen Überschrift hat Gründerszene.de im vergangenen Jahr am 29. April auf einen Vorabdruck des Buches „Die smarte Diktatur – Der Angriff auf unsere Freiheit“ von Harald Welzer im Spiegel reagiert. Fast hätte mich die „Replik“ vom Kauf des neuen Opus abgehalten. Aber nur fast. Ich finde es problematisch, auf Grundlage eines höchst fragmentarischen Appetithäppchens substanzielle Aussagen über einen Band mit 319 Seiten zu treffen – erschienen übrigens im S. Fischer Verlag.

Gründerszene hat sich dann gerade mal mit 11 Zitaten aus dem Welzer-Text auseinandergesetzt. In der Tat gibt es da einiges zu kritisieren. Etwa die vielfach in anderen Medien veröffentlichte Losung:

„Am besten schmeißen Sie Ihr Smartphone überhaupt weg und besorgen sich – die gibt’s noch für Rentner – gute alte Handys, die nichts können.“

Entsprechend locker kann man eine Erwiderung formulieren, die ich natürlich auch so schreiben würde:

„Im Schutze seiner behaglichen Eigentumswohnung und Pensionszusagen kann sich Herr Welzer das in seinem Alter ganz sicher leisten. Die meisten anderen Menschen, gerade junge Leute, sind darauf angewiesen, sich zu vernetzen. Die Zukunft wird digital. Ein Rückzug aus der digitalen Sphäre kommt einem ökonomischen und intellektuellen Selbstmord gleich und bedeutet einen Verzicht, die persönlichen Chancen zu nutzen und seine Zukunft zu gestalten.“

Gleiches gilt für das Welzer-Zitat zur Social Web-Abstinenz:

„Ich fühle mich von Shitstorms gegen mich in sozialen Netzwerken nicht betroffen, weil ich nicht in sozialen Netzwerken bin. Mir muss ein Nazi extra einen Brief schreiben, das machen aber nur die ganz alten. Sehr einfach.“

Berechtigte Replik von Gründerszene:

„Glückwunsch. Das ist das Prinzip, nachdem sich Kinder beim Versteckspiel die Augen zu halten, weil sie denken, dass sie dann nicht entdeckt werden können. Funktioniert übrigens in den seltensten Fällen. Mag sein, dass ein 57-jähriger deutscher Professor in der Lage ist, sich einfach aus allem raus zu halten. Es gibt aber eine Menge Menschen, die auf Vernetzung und frei erhältliche Informationen wirtschaftlich angewiesen sind. Shitstorms können übrigens manchmal ziemlich erfrischend sein. Gegenthese: Gerade ein Soziologie-Professor sollte in den Netzwerken vertreten sein. Ist ziemlich interessant dort.“

Soweit, so wohlfeil. Als die Zitate-„Schnipsel“-Jagd publiziert wurde, war das „irre“ Buch von Welzer schon zwei Tage auf dem Markt. Die Bilderbuch-Redaktion von Gründerszene hätte zumindest analog oder auch digital in dem Opus blättern können, um sich nicht nur auf die Kurzversion im Spiegel zu konzentrieren, die am 23. April erschien.

Was die Vorschläge zur digitalen Abstinenz anbelangt, greift Welzer zu kurz. Man kann beispielsweise auf die propagandistisch ausgerichtete Netz-Gegenöffentlichkeit von rechten Nationalisten nicht mit digitaler Enthaltsamkeit reagieren, sondern muss sich Gedanken für die Gestaltung einer digitalen Öffentlichkeit für eine offene Gesellschaft machen, wie es in meinem Gespräch mit Stephan Porombka zum Ausdruck kam.

Aber so abstinent im Internet ist Welzer ja gar nicht, wie man an den Projekten von FuturZwei ablesen kann 🙂

Um den Welzer-Band zu würdigen, lohnt eine ausführliche Lektüre jenseits von Salamiwurst-Content. Vor allem jene Kapitel, die sich mit Originalquellen der digitalen „Vordenker“ beschäftigen. Und zu diesen Stellen würde ich gerne eine Stellungnahme von Gründerszene lesen, denn nach der Snack-Content-Bilderbuch-Klickreihe kam nichts Substanzielles mehr über die Schrift des streitlustigen Soziologen.

Etwa zu den sozialdarwinistischen Thesen, die in Magazinen wie Business Punk herunter geleiert werden – also sozusagen #JungunternehmerPornoheft Produktionen. Welzer benennt die trumpistischen Techno-Freaks, die mit demokratiefeindlichen Statements aufwarten und das mit Coolness-Habitus verkaufen. Etwa die Weisheiten des Trump-Unterstützers Peter Thiel. Er meint, Freiheit sei mit Demokratie nicht vereinbar; seit den 1920er Jahren seien immer mehr Menschen von Sozialleistungen abhängig (geworden) und Frauen gewannen neue Rechte – beides Gruppen, die bekanntermaßen schwer von libertären Positionen zu überzeugen sind – was dazu geführt hat, dass der Begriff kapitalistische Demokratie eine Art Oxymoron geworden ist. Was Thiel zelebriert, ist nach Meinung von Welzer Totalitarismus in Reinkultur und er zitiert hier wieder Thiel:

„Das Schicksal unserer Welt liegt vielleicht in den Händen eines einzelnen Menschen, der den Mechanismus der Freiheit erschafft (also die Freiheit von Herrn Thiel, gs) oder verbreitet, den wir brauchen, um die Welt zu einem sicheren Ort für den Kapitalismus zu machen.“

Das ist in der Tat totalitär und liegt auf der Linie der Machtanmaßung des neuen US-Präsidenten. Dazu zählt auch die bizarre Vorstellung, etraterritoriale Inselstaaten zu schaffen, in der Staatlichkeit, wie wir sie kannten, keine Rolle spielt. Selbstregierte Parastaaten sollen über das Seasteading Institute ins Leben gerufen werden, mitfinanziert von dem Trump-Lakaien Thiel. Von dort aus will man die Welt steuern. Vornehm ausgedrückt: „Competitive governance from the outside“.

Hedgefonds Milliardär Nicolas Berggruen schwebt gar eine Meritokratie nach chinesischer Machart vor. Zudem sollen die Stimmen von „wissenden“ Wählern höher gewichtet werden. Die minder Informierten – tja, was macht man mit diesen Leuten…? Auch in den „Parlamenten“ sitzen dann nur Wissende. Wie man die findet, skizziert der Google Außenminister Eric Schmidt im Verbund mit Jared Cohen. „Politikberater“ aus der Informatik und Kognitionspsychologie werden mit Big Data die richtigen politischen Persönlichkeiten herausfischen, mit Algorithmen die Reden und Texte auswerten, über Hirnscans die Reaktionen der Wunschpolitiker auf Stress oder Versuchungen testen und am Ende nur wissende Parlamentarier für die Meritokratie ausspucken. Liest eigentlich irgendjemand die Texte von Berggruen, Thiel, Schmidt & Cohen, die übrigens in Deutschland in sehr seriösen Verlagen erschienen sind (Herder, Campus und Rowohlt), fragt sich zurecht Harald Welzer. Wer nur Snack-Content mit bunten Bilderchen publiziert, ist dazu wohl nicht in der Lage. Welzer kredenzt noch ein paar Beispiele – etwa aus der Programmschrift von Schmidt-Cohen:

„Wir werden für unsere aktuellen und früheren virtuellen Beziehungen zur Rechenschaft gezogen werden….Das Verhalten unserer Bekannten wird positiv oder negativ auf uns zurückwirken….Da Informationen dazu tendieren, ans Licht zu kommen, sollten Sie also nichts abspeichern, das Sie nicht irgendwann in einer Anklageschrift oder auf der Titelseite einer Zeitung lesen wollen….In Zukunft wird dies nicht nur auf jedes geschriebene und gesprochene Wort zutreffen, sondern auch auf jede Internetseite, die Sie besuchen, auf jeden Freund in Ihrem Netzwerk, auf jedes Like, und auf alles, was Ihre Freunde tun, sagen und veröffentlichen“, schreiben die Silicon Valley-Google-Fuzzies.

Wenn das von Leuten verkündet wird, so Welzer, deren Firma die größte und mächtigste Datenmaschine der Welt erschaffen, klingt das wie eine unverhohlene Drohung, die übersetzt aus der subjektlosen Technikwunderwelt der Zukunft in die irdische Gegenwart lautet:

„Wir haben Macht über dich, egal wer du bist und wer du zu sein glaubst! Also sieh dich vor!.“

Aber Schmidt-Cohen gehen noch weiter:

„Jede Anwältin, jede Lehrerin und jede Beamtin muss über ihre Vergangenheit Rechenschaft ablegen, wenn sie vorankommen möchte. Was würden Sie davon halten, wenn Ihr Zahnarzt am Wochenende lange Hasstiraden gegen Ausländer ins Internet stellt? Oder wenn der Fußballtrainer Ihres Sohnes nach seinem Studium zehn Jahre lang Touristen durch den Rotlichtbezirk von Bangkok geführt hat (hier geht wohl die Fantasie bei den Autoren durch, gs)? Unser neues Wissen über unsere Kollegen und Führungspersonen wird beispiellose Auswirkungen auf unsere Gesellschaft haben. Die Dokumente aus unserer Vergangenheit werden uns im Alltag und in der Arbeit verfolgen….“

Hier geht es nicht nur um totalitäres Gedankengut, hier formt man die totalitäre Herrschaft:

„Jeder wird zum potenziellen Richter und Denunzianten seines Nächsten“, schreibt Welzer.

Was sagt die Gründerszene denn zu den politischen Positionen der Silicon Valley-Ikonen? Wie beurteilt sie jetzt im Kontext des Buches die Vorschläge von Welzer zur Verteidigung der Freiheit?

Siehe auch meine Kolumnen zu diesem Thema: Google und die KP China – so groß sind die Unterschiede dann wohl doch nicht. Oder der genaue Titel: Wie brave Staatsbürger mit volkspädagogischen Algorithmen erzeugt werden.

Oder auch: Narrative Simulationen von digitaler Rebellion

Oder: Trump-Ideologie hinter der Bubblegum-Hippie-Fassade im Silicon Valley

In einem totalitären Klima des Denunziantentums passieren dann solche Sachen: Trump lässt Smartphones von Mitarbeitern nach Signal & Co. durchsuchen

Wäre ein probates Mittel gegen die Monopolsehnsüchte von Thiel & Co.: Rettet das dezentrale Netz #reclaimtheweb

Überwacht die Überwacher!

Tatort Geheimdienst
Tatort Geheimdienst

Patrick Breitenbach hat auf eine coole Aktion der Schweizer Wochenzeitung WOZ hingewiesen. Die Redaktion drehte den Spieß einfach mal um und spionierte das Privatleben von Markus Seiler, Chef des Nachrichtendiensts des Bundes (NDB), aus.

„Wir wollen wissen, was man über einen Menschen herausfinden kann, ohne dass man ihn wissen lässt, dass man etwas über ihn herausfinden will. Dies ist die Methode der Geheimdienste mit ihrer flächendeckenden, präventiven Überwachung, und wir wollen sie auf ihre Nummer eins in der Schweiz selbst anwenden.“

Also die Anwendung des verdachtsfreien Verdachtstotalitarismus staatlicher Überwachungs-Wichtigtuer. Was die drei Redakteure mit recht einfachen Mitteln herausfinden ist erstaunlich. Selbst bei der ehemaligen Klassenlehrerin von Seiler werden sie fündig. Gemeindemitglieder, in der die Familie Seiler regelmäßig zum Gottesdienst geht, erweisen sich als auskunftsfreudig. Nachbarn machen Angaben über den obersten Schweizer Schlapphut-Beamten. Ist das eine verwerfliche Aktion? Ganz und gar nicht.

Man erkennt eher, welche Kleingeister sich in den Sicherheitsdiensten tummeln und ihre anerzogene Paranoia ausleben. Es gibt in den Geheimdiensten übrigens nicht nur äußere Feinde – also wir, die nicht in Sicherheitsbehörden tätig sind. Es gibt auch innere Feinde, die man in diesen Institutionen als viel gefährlicher einstuft. Ergebnis: Die Schlapphüte bespitzeln sich alle gegenseitig – sozusagen unter einem Dach. Da könnte man doch kräftig Sand ins Getriebe streuen mit den recht einfach umzusetzenden Recherchen der WOZ. Man gibt den inneren Feinden einfach nur ein wenig Nahrung, so dass die Schnüffler nicht mehr wissen, wo vorne und wo hinten ist.

Michael Seemann gab in seinem Beitrag für SPEX die richtigen Empfehlungen:

“Der Kontrollverlust hat nicht nur uns gegenüber den Geheimdiensten transparent gemacht, sondern auch die Geheimdienste gegenüber uns. Der Kontrollverlust macht alles und jeden transparent. Fragt sich also, wer dadurch mehr zu verlieren hat. Es kann in diesem Spiel nicht mehr darum gehen, Leute davon abzuhalten, Daten zu sammeln. Es muss darum gehen, den Geheimdiensten kein Monopol auf Daten zu gewähren. Ihre eigenen klandestinen Strukturen, die Deutungsmacht über die Realität, der Informationsvorsprung gegenüber der Restgesellschaft sind der Stoff, aus dem die Dienste ihre Macht beziehen. Ihre Macht zu brechen, heißt, sie ins Licht zu zerren, ihre Datenbanken zu öffnen und allen Zugang zu gewähren.”

Anti-Geheimdienst-Equipment
Anti-Geheimdienst-Equipment

Das Establishment hat viel mehr zu verlieren als jeder einzelne Internet-Nutzer. Die Zivilgesellschaft muss sich ihrer eigenen Macht nur bewusst werden.

“Nie war es so leicht, sich zu finden, sich auszutauschen, sich zu organisieren und sich zu vernetzen. Nie wurde die Kraft der Massen schneller und effektiver auf die Straße gebracht als heutzutage”, so Seemann.

Und selbst wenn man die Finanzkraft von Sicherheitsbehörden mit der Crowd vergleicht, können die staatlichen Schnüffler das Überwachungsspiel nicht gewinnen, wie Michael am Beispiel der NSA verdeutlicht:

„Die NSA hat jährlich ca. 10 Milliarden Dollar Budget zur Verfügung, um uns zu überwachen. Doch wir, die Restweltgesellschaft, geben allein dieses Jahr 3,7 Billionen Euro für Informationstechnologie aus. Im neuen Spiel haben wir mehr Köpfe, mehr Rechenpower, mehr Daten zur Verfügung, als die NSA je haben könnte, und mit dem Internet haben wir ein Instrument, all diese Kräfte zu organisieren. Die Zivilgesellschaft hat allen Grund für ein völlig neues Selbstbewusstsein. Eines, das sich nicht mehr durch alle vier Jahre angekreuzte Zettel ausdrückt, sondern unvermittelt, disruptiv und unkontrollierbar.“

Es gibt ja schon alle erdenklichen Watch-Dienste für Google, für Abgeordnete, für Politiker mit Promo-Viren-Syndrom. Warum nicht so etwas wie Spionage-Watch aufziehen?

Oder gibt es das schon? Habt Ihr weitere Ideen? Das würde ich gerne mit Euch in Live-Interviews via Hangout on Air diskutieren. Hinterlasst hier einen Kommentar oder kontaktiert mich per E-Mail: gunnareriksohn@gmail.com.

Die Aktionen von Richard Gutjahr gegen die Vorratsdatenspeicherung sind natürlich auch eine gute Sache.

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taz-Bericht zur WOZ-Aktion.