Über Welterklärungs-Gurus und eine Welt ohne Weltbilder

Für eine Welt ohne Weltbilder: Foto im Innenraum der Buchhandlung Bernstein in Siegburg
Für eine Welt ohne Weltbilder: Foto im Innenraum der Buchhandlung Bernstein in Siegburg

Ob es sich um Big Data-Gurus, Algorithmen-Bastler, Quantenphysiker an der Wall Street, neurowissenschaftliche Klecks-Kundler, NSA-Verdächtigungsexperten, Konjunkturforscher oder sonstige Weltformel-Priester handelt. Sie alle gebärden sich in einer anmaßenden und arroganten Weise als Wissende des großen Ganzen. Hinter dieser Fassade verbirgt sich ein mechanistisches Verständnis auf dem Niveau von Thomas Hobbes. Der Philosoph des politischen Absolutismus machte sich eine bereits gängige Vorstellung aus dem 16. Jahrhundert zu eigen, wenn er zu verstehen gab, der Staat, der Zusammenschluss der Menschen zu einer Einheit, eben der „Staatskörper“, sei wie jeder Körper eine Maschine, ein von einem Uhrwerk angetriebener Automat. An dieser Betrachtung der Welt hat sich bis heute wenig geändert.

„Ich kann die Aufregung von Geisteswissenschaftlern verstehen, wenn Technologen simple Modelle von menschlichem Verhalten in die Welt setzen. Das ist in der Tat bedenklich. Hier modelliert man den Menschen als Objekt der Maschine. So wird man der Komplexität seines Verhaltens und Denkens nicht gerecht“, sagte der Internetexperte Christoph Kappes im ichsagmal-Interview.

Leider werden auch die Sozialwissenschaften von dieser mechanistischen Weltsicht immer mehr infiziert – häufig von Renegaten aus der Naturwissenschaft.

„Jede Betrachtung gesellschaftlicher Prozesse hat es mit Fallzahlen zu tun, die niedriger sind als die Zahl der Faktoren, die als Erklärung in Frage kommen. Damit aber gibt es für jeden gegenwärtigen Zustand unvermeidlich mehr als eine gültige Erklärung, und jeder zukünftige Zustand erscheint als einmaliges Resultat eines einmaligen Zusammenwirkens einer Vielzahl von Faktoren, als Unikat (Kappes spricht von Singularität, gs), für das es keine Normalverteilung gibt und dessen Besonderheiten deshalb nicht auf allgemeine Gesetzmäßigkeiten reduziert werden können“, schreibt Wolfgang Streeck, Direktor am Kölner Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung, in dem Sammelband „Wissenschaftliche Politikberatung“, erschienen im Wallstein Verlag).

Trotzdem versuchen die Welterklärungs-Priester, unser Handeln zu beeinflussen oder sogar zu steuern. Wenn Menschen das durchschauen, passiert allerdings genau das Gegenteil. Solche Dinge bleiben eben nicht geheim. Instrumente zur Verhaltenskontrolle oder Verhaltensmanipulation werden über kurz oder lang bemerkt. Man erkennt die Absichten und verhält sich absichtsvoll anders. Streeck verweist auf die Hawthorne-Experimente (1924 bis 1932). Forscher wollten herausgefunden haben, dass Arbeiterinnen auch ohne Lohnerhöhung schneller und besser arbeiten, wenn man freundlich zu ihnen ist (wie großzügig, gs) und die Wände gelb anstreicht.

„Aber nachdem sich unter den Beschäftigten herumgesprochen hatte, dass das Management mit seinen guten Worten und der gelben Farbe nur Geld sparen sollte, kam es zu Lohnforderungen und einem Streik“, führt Streeck aus.

Die Geltung derartiger Modell und Theorien könne durch ihr Bekanntwerden schnell wieder außer Kraft gesetzt werden!

Markus Gabriel

Die philosophische Grundierung für eine Renaissance des Geistes liefert Professor Markus Gabriel in seinem provokativen Opus „Warum es die Welt nicht gibt“.

Seine Thesen breitete er in einer neuen Gesprächsreihe „R²-Katheder“ der Siegburger Verlagsbuchhandlung Bernstein aus. Eine schöne Steilvorlage für meine The European-Mittwochskolumne. Arbeitstitel: Wider die Welterklärer.

Straftatbestand Datenverbrechen #NSA

Das NSA-Big-Data-Big-Brother-Problem
Das NSA-Big-Data-Big-Brother-Problem

In der Netzgemeinde wird wieder geklagt. Was müsse an Enthüllungen über die verdachtsunabhängige Total-Überwachung der liebwertesten NSA-Gichtlinge noch ans Tageslicht gelangen, um den millionenfachen Widerstand zu formieren? Nichts regt sich. Keine Empörung bei Onkel Alfred oder Tante Frieda. Mist. Wieder eine Niederlage für die politischen Aktivisten der digitalen Sphäre. So schnell sollten die Netzaktivisten aber nicht in die Luft gehen.

Warum soll man denn bei den Protesten mitmachen, wenn mich hämische Kommentare über mein sorgloses Mitmachen bei Google oder Facebook begleiten? Soll ich erst einen Internet-Führerschein beim Chaos Computer Club machen, um mich gegen die Schnüffelattacken zu wehren? Das geht an der Lebensrealität vieler Menschen vorbei. Ich möchte weiterhin frei und unbeschwert durchs Netz wandern, ohne in der dümmlichen NSA-Big Data-Maschinerie zu landen.

Die Vorhersagen der automatischen Denunzianten-Systeme sind so präzise wie die Konjunkturprognosen der Wirtschaftsforschungsinstitute. Vielleicht sollte man in Zukunft völkerrechtlich den Tatbestand von Datenverbrechen mit einer Beweislastregel für staatliche und private Organisationen aufnehmen, um sich gegen die Big Brother-Algorithmen wehren zu können.

Bevor wir netzpolitisch wieder ins Jammertal fallen, sollten sich die Akteure dort bewegen, wo das Widerstandspotenzial zur Zeit am größten ist: In der Wirtschaft! Dazu mehr in meiner morgigen The European-Kolumne.

Siehe auch:

Die Methode Pofalla

NSA-Preisträger von Google kritisiert den US-Geheimdienst

Update: Hier geht es zur Kolumne.

Warum man Microsoft und Co. zum #PRISM-Verhör bitten sollte

Muskeln gegen PRISM-Überwachung zeigen
Muskeln gegen PRISM-Überwachung zeigen

Die Enthüllungen von Edward Snowden zu den Überwachungstätigkeiten der NSA haben nach Ansicht des bwlzweinull-Bloggers Matthias Schwenk weitreichende Folgen für den deutschen Mittelstand.

„Denn dieser kann jetzt davon ausgehen, dass seine Daten und Geschäftsgeheimnisse nicht sicher sind.“

Eine zweifelhafte Rolle im Zusammenwirken mit dem staatlich organisierten Verdachts-Totalitarismus spielen die amerikanischen Technologie-Konzerne, denen man jetzt stärker auf die Nerven gehen sollte.

Wie wäre es, wenn Chefeinkäufer von deutschen und europäischen Unternehmen die „Kundenbetreuer“ oder gar die Geschäftsführung von Microsoft und Co. zum Rapport bitten würden, um Aufklärung von den US-Konzernen in ihrem Zusammenwirken mit der NSA zu verlangen? Geschieht das nicht, sollten man sich nach Alternativen umschauen. Strafe über Kündigung von Verträgen. So als kurzfristige Maßnahme:

„Anbietern amerikanischer Software genauer auf den Zahn fühlen. Kritisches Nachfragen bei IT-Häusern und dem Vertrieb amerikanischer Software-Unternehmen ist für den Mittelstand jetzt oberstes Gebot. Auch wenn es in vielen Fällen keine echten Alternativen gibt, sollte Druck ausgeübt werden. So kann etwa mit der zeitlichen Verschiebung von Investitionen gedroht werden, was den Software-Vertrieb empfindlich treffen kann“, schreibt Matthias.

Also volle Zustimmung für seine Forderungen, die er im ichsagmal-Interview zur Vorbereitung meiner The European-Kolumne am nächsten Mittwoch ausführlich erläuterte. Am Montag folgen wohl weitere Interviews.

Wer hat denn noch weitere Vorschläge in seinem Giftschrank? Was tut den amerikanischen Internet-Giganten so richtig weh, wenn man schon politisch nichts gegen die Obama-Regierung unternimmt?

Wedelt nicht mehr mit US-Fähnchen! Warum Europa endlich erwachsen werden muss

Die paranoide Supermacht
Die paranoide Supermacht

„Mein Gott, jetzt wissen sie alles über uns“, kreischt eine hysterische Verteidigungsministerin namens Jackson in dem Science Fiction-Filmstreifen „Der Tag, an dem die Erde stillstand“, der am Montag im ZDF ausgestrahlt wurde – just in time. Die Niederlage der Großmacht USA scheint besiegelt, da Außerirdische über das Anzapfen eines militärischen Satelliten die geheimsten Geheimnisse der selbst ernannten Weltpolizei abgesaugt haben.

Mit diesem Wissen könnten die hybriden Eindringlinge alles ausschalten: Das Rote Telefon des Präsidenten, die Spionagewerkzeuge der NSA und die gesamte Flugabwehr. Nicht nur der Central Park sei dem Untergang geweiht, sondern die gesamte Menschheit. Merkwürdig, dass Ufos bevorzugt in New York landen – aber das liegt wohl an der Nabelschau einer Supermacht. Und was die hyperintelligenten kosmischen Wesen können, kann die amerikanische Administration schon lange.

„Wir suchen nicht nur nach der Daten-Nadel im Heuhaufen, sondern kassieren über eine Verwanzungsinvasion gleich den kompletten Heuhaufen.“

Denn Wissen ist Macht – fünf Euro ins Phrasenschwein.

Nur Pilotfische sind keine Feinde

Bis auf willfährige Bündnispartner wie Großbritannien, Kanada, Australien und Neuseeland steht jeder im Verdacht, insgeheim ein Feind zu sein – auch wenn noch so viele Fähnchen beim Empfang des US-Präsidenten gewedelt werden, wie jüngst vor dem Brandenburger Tor.

„Ähnlich eifrig wie in China, dem Irak und Saudi-Arabien überwachen die Amerikaner in Deutschland. Genau 50 Jahre nach Kennedys Ich-bin-ein-Berliner-Rede müssen wir einsehen: Wir sind ein Ziel, keine Verbündeten. Hier zerbricht ein deutsches Weltbild”, schreibt Jakob Augstein in seiner wöchentlichen Kolumne für Spiegel-Online.

Ausführlich nachzulesen in meiner heutigen Kolumne für das Debattenmagazin „The European“: EUROPA ALS NAIVER PARTNER DER USA – Schafsköpfige Einfaltspinsel.

Vom Irrgarten der Geschlechter bis zur Illusion der Vollbeschäftigung: Die neue The European-Printausgabe

The European-Printausgabe

In der Titel-Geschichte „Voll beschäftigt“ debattiert die Printausgabe des Debattenmagazins „The European“ über die Zukunft der Arbeit. Was bedeutet es, wenn Roboter unsere Jobs übernehmen? Mit dabei sind Persönlichkeiten wie dm-Gründer Götz Werner, Wirtschaftsnobelpreisträger Robert Solow und HWWI-Direktor Thomas Straubhaar.

Verpasst, verdrängt, vergessen: 23 Jahre nach der Wiedervereinigung, sind wir am gleichen Zeitpunkt wie damals die 68er. Gregor Gysi, Wolfgang Templin, Hans Modrow u.a. debattieren den Stand der Aufarbeitung der zweiten deutschen Diktatur. Dazu ein Gespräch mit dem BStU Roland Jahn.

Im Irrgarten der Geschlechter: Die Rollenbilder sind überholt, Mann und Frau müssen den Umgang miteinander neu lernen. Ganz unterschiedliche Ansätze verfolgen dabei Birgit Kelle, Nils Pickert und Merle Stöver. Die ehemalige Clinton-Beraterin Anne-Marie Slaughter erklärt im Gespräch, warum wir von Angela Merkel nicht erwarten dürfen, dass sie Frauenthemen anspricht.

Nullennummer: Daten sind der neue Rohstoff. Ob Big Data Gewinn oder Gefahr ist, darüber streiten Zeynep Tufekci, Mathew Ingram und Reinhard Clemens. Suchmaschinen-Guru Stephen Wolfram zeigt im Gespräch, was sich mit so riesigen Datenmengen anstellen lässt.

Die Grüne Gesellschaft: Deutschland wird immer grüner. Droht uns jetzt die Moralkeule? Es debattieren u.a. Stephan Grünewald, Wolfram Weimer und Rebecca Harms. Dazu ein Gespräch mit Grünen-Spitzenkandidat Jürgen Trittin.

Darüber hinaus gibt es Gespräche mit Mister Euro Jean-Claude Juncker, dem Regisseur und Nibelungenintendant Dieter Wedel sowie Robotik-Experte Hiroshi Ishiguro.

Außerdem Kolumnen von Katja Riemann, Jennifer Pyka, Alexander Wallasch, Heinrich Schmitz und Jörg Friedrich.

In unserer Sendereihe Bloggercamp Update hat TE-Chefredakteur Alexander Görlach die Sommerausgabe vorgestellt:

Und dann noch Eigenreklame für meine gestrige TE-Kolumne zum Thema: Twitter schlägt Thunfischmousse – WARUM DIE WIRTSCHAFT MEHR SOCIAL WEB WAGEN SOLLTE.

Jetzt live: #Bloggercamp Update-Gespräch mit The European-Chef Alexander Görlach über Algorithmen und Maschinen

Ab 17 Uhr. Über das Sommerheft mit dem Schwerpunkt „Endlich arbeitslos! Hurra, Maschinen übernehmen unsere Jobs.“

Leibniz wäre heute ein Nerd und Gamer: Eine Anregung für analoge Volkspädagogen

Wegweisende Nerds der Zukunft und Vergangenheit
Wegweisende Nerds der Zukunft und Vergangenheit

Unsere bildungsbürgerliche Elite kann vielleicht Schillers Glocke auswendig runterbeten, versagt aber bei der Unterscheidung von Bits und Bytes. Zeit für einen Besuch bei der Gamescom in Kölle – Onkel Christoph zeigt Euch Gamer in freier Wildbahn.

So leite ich meine The European-Kolumne zum Thema „Farmville statt Fontane“, obwohl ich Farmville gar nicht spiele. Aber die Alliteration klingt halt besser.

Wenn im Besserwisser-Biotiop der teutonischen Volkspädagogen die Digitalisierung wie eine ansteckende Krankheit und Informatik in der Schule als unnötiges Exotenfach stigmatisiert wird, könnten es die kulturkritischen „Leerer“ wenigstens mit einem Ausflug in das Barock-Zeitalter versuchen. Wie wäre es mit einem Exkurs in die Maschinenwelt und das Netzwerk eines gewissen Gottfried Wilhelm Leibniz? Theoria cum Praxi.

Was immer auch die Computertechnologie und Computertheorie an Umwälzungen hervorgebracht haben, alle ihre Themen und Motive sind bei Leibniz schon versammelt, so die Autoren Werner Kürzel und Peter Bexte in ihrem Opus: „Allwissen und Absturz – Der Ursprung des Computers“ (Insel Verlag).

Der Kombinatoriker Lullus

Leibniz knüpft mit seinen Überlegungen an die Kombinationskunst von Raimundus Lullus an, der im ausgehenden 13. Jahrhundert die erste Denkmaschine Europas konzipierte. Mallorca-Urlaubern sei ein Ausflug ins Kloster auf dem Berg Randa empfohlen.

Leibniz war von einem banalen Mechanismus fasziniert, der das ganze Geheimnis aller Wunderdinge beinhaltet, die die vielfältig einsetzbaren digitalen Geräte in unserem Alltag vollbringen. Die Gedankenspiele von Leibniz kreisten um eine Maschine, die zu einer fortdauernden Simulation unser ureigensten Fähigkeiten fähig ist.

Aufpassen, liebwerteste Gichtlinge des Bildungsbürgertum, jetzt geht es um die Einleitung meiner Kolumne. Leibniz entwickelt den Bauplan einer b i n ä r e n Rechenmaschine in seiner Niederschrift über das duale Zahlensystem – er war also 1679 schon sehr viel weiter als unsere analogen Volkspädagogen heute:

„…Eine Büchse soll so mit Löchern versehen sein, dass diese geöffnet und geschlossen werden können (heute Strom – Nicht-Strom). Sie sei offen an den Stellen, die jeweils 1 entsprechen, und bleibe geschlossen an denen, die 0 entsprechen. Durch die offenen Stellen lasse sie kleine Würfel oder Kugeln in Rinnen fallen, durch die anderen nichts. Sie werde so bewegt und von Spalte zu Spalte verschoben, wie die Multiplikation es erfordert. Die Rinnen sollen die Spalten darstellen, und kein Kügelchen soll aus einer Rinne in eine andere gelangen können, es sei denn, nach die Maschine in Bewegung gesetzt ist.“

Alle Zahlen und Stellen werden lediglich durch die Ziffern 0 und 1 repräsentiert. Ein differenziertes Transportsystem muss dafür sorgen, dass die Maschine richtige Resultate errechnen kann. Man könnte auch von einem Datenbus-Transportsystem sprechen und befindet sich im Zentrum der Informatik.

„Wenn die Zahlen auf ihre einfachsten Prinzipien mit 0 und 1 reduziert werden, dann herrscht überall eine wunderbare Ordnung.“

In der Reduktion der Zahlenwelt, schreiben Kürzel und Bexte, entsteht die universelle Matrix des Systems.

Leibniz konnte im 17. Jahrhundert digital denken – unsere Meinungsführer in Politik, Wirtschaft, Bildung und Gesellschaft können es nicht.

Sie sollten sich Anregungen beim Netznavigator, Nerd und Gamer des barocken Zeitalters holen.

Liebwerteste Gichtlinge und die antidigitale Besserwisser-Duftwolke

Auf der Suche nach politischer Kompetenz im Digitalen

Hier ein kleiner Ausblick auf meine morgige The European-Kolumne, die man so ab 9 Uhr abrufen kann. Über Kommentare und weitere Hangout-Interviews würde ich mich sehr freuen.

Man müsse jetzt sehr schnell einen Zugang zu Hochtechnologien vermitteln, fordert Gaming-Experte Christoph Deeg im ichsagmal-Interview.

Computerspiele seien dafür ein hervorragender Transmissionsriemen:

„Deutschland ist kein digitales Land und keine digitale Gesellschaft. Wir müssen endlich unsere Hausaufgaben machen. Politische Figuren wie Rösler würden in diese Thematik ständig mit einer Pseudo-Wirtschaftsförderung reingehen. Da ist nichts Neues und Modernes dabei.”

Es riecht nach volkspädagogischer Belehrung

Es fehle ein digitaler Masterplan. So sollte jede Schule Gaming in den Unterricht integrieren. Jede Schule, die Gaming nicht aktiv nutzt, ist nach Ansicht von Deeg keine gute Schule.

„Wir können Schule, Lernen, berufliche Weiterbildung und auch die Arbeitswelt durch Gamification besser machen. Das gilt auch für das Innovationsmanagement in Unternehmen. Und hier liegt der Knackpunkt in Deutschland. Wir müssen mehr über die positiven Erfahrungen aus der digitalen Welt sprechen und weniger kulturpessimistische Debatten über Technikfolgenabschätzung führen.“

Selbst aus vielen Lernspielen kriechen volkspädagogische Zeigefinger-Botschaften heraus. So wird schon Schulkindern vermittelt, was Ältere von der Digitalisierung halten: Das ist alles gefährliches Zeug und ohne Kindermädchen-Betreuung nicht zu bewältigen. Wer in Deutschland Leseförderung über das Spiel Pokémon vorschlägt, wird von verknöcherten Oberstudienräten als grenzdebiler Pausenclown geächtet.

Unsere bildungsbürgerliche Elite kann vielleicht Schillers Glocke auswendig runterbeten, versagt aber schon bei der Unterscheidung von Bits und Bytes. Wir müssen endlich ein digitalfreundliches Umfeld in allen Teilen der Gesellschaft schaffen. In einer erzkonservativen und brutal hierarchischen Welt fällt es schwer, die Potenziale der Digitalisierung aufzuzeigen. Gamification könnte ein Ansatz sein, diese verkrusteten Strukturen aufzubrechen.

Onkel Christoph begleitet Euch zur Gamescom

„Wir haben eine Alternativlos-Gesellschaft. Und das gilt für Politiker aller Parteien. Es gibt Vorgaben, die von Verwaltungsbeamten alternativlos umgesetzt werden. Was fehlt, ist eine Vision. Wie wollen wir in Zukunft arbeiten, leben und lernen? Und genau an dieser Stelle wird Gaming relevant. Hier zeigen die Menschen sehr genau, wie sie gerne arbeiten und kommunizieren wollen. Kommt zur Gamescom nach Köln, Onkel Christoph nimmt Euch an die Hand und zeigt Euch die lustigen Sachen. Ihr lernt Gamer in freier Wildbahn kennen und versteht, wie morgen die vernetzte Gesellschaft und die digitale Infrastruktur ausschauen müsste“, so Deeg.

Das gilt übrigens auch für die Telekom. Mit der Drosselpolitik des Magenta-Konzerns erreichen wir Verhältnisse wie in Detroit und zwar flächendeckend, so die Warnung von Deeg.

Eine reiche Industrienation wie Deutschland, die die digitale Revolution verschläft, bekommt spätestens in zwanzig Jahren gravierende Probleme und wird von Ländern wie Südkorea überrollt.

Abschied von den Manfred Spitzer-Gichtlingen der Gesternwelt

Unsere Kinder werden uns dann die Pistole auf die Brust setzen und fragen, warum sie uns noch Rente bezahlen sollen, wo wir doch ihre Zukunft in einer bildungsbürgerlichen Besserwisser-Duftwolke vergeigt haben. Trendforscher Peter Wippermann ist immer wieder überrascht, wie jungfräulich die digitale Agenda unter den deutschen Dichtern und Denkern immer noch betrachtet wird im zwanzigjährigen Jubiläumsjahr des Internets. Eigentlich sollten wir in der aktiven Auseinandersetzung mit der Vernetzungsfrage schon sehr viel weiter sein.

„Selbst das Web 2.0 hat schon 2004 die Bühne betreten. Das mobile Internet steht auch schon seit einigen Jahren auf der Tagesordnung“, erläutert Wippermann im Smart Service-Talk.

Die Kerntreiber werden in teutonischen Diskursen immer noch links liegen gelassen. Die digitalen Technologien haben sich rasant weiter entwickelt. Gleiches gilt für die ökonomischen Modelle und für eine Generation, die mit interaktiven Medien aufgewachsen ist und mittlerweile zur Gruppe der Hauptkonsumenten zählt. Wir sind zu träge, um uns mit den Möglichkeiten der Vernetzung aktiv auseinanderzusetzen. Der Wirtschaft läuft Gefahr, diese Talente auf dem Arbeitsmarkt und in der Startup-Szene links liegen zu lassen. Hier schlummern gigantische Möglichkeiten, die sich allerdings nur in einer Kultur der Vernetzung entfalten können. Insofern wird es Zeit für einen digitalen Gesellschaftsvertrag, den wir politisch vereinbaren müssen, um uns von den rückwärtsgewandten Gefechten der liebwertesten Manfred Spitzer-Gichtlinge endgültig zu verabschieden.

Siehe auch:

20 Jahre Internet und wir sprechen jetzt von digitaler Revolution?

Bildung für das 21. Jahrhundert: D64 fordert eine Programmiersprache als zweite Fremdsprache!

DIGITALES QUARTETT: SIND WIR WIRKLICH DIE MY-GENERATION?

Das politische Widerstandspotenzial im Netz sollten die etablierten Politiker und Manager nicht unterschätzen, wie Sascha Lobo feststellt: Soziale Netzwehr: Erdogan wird wissen, weshalb er Twitter fürchtet.

Google Glass: What’s With All The Hate?

Siehe auch meine The European-Kolumne: http://www.theeuropean.de/gunnar-sohn/6879-angst-vor-googles-datenbrille

Heute um 19:30 Uhr #Bloggercamp-TV: Gamification und Netzpolitik

Bloggercamp

Als Reaktion auf meinen gestrigen Blogpost schrieb Klaus Eck:

„So langsam scheint das Thema doch seinen mühsamen Weg in die Öffentlichkeit zu finden und das ist gut so…“

Dem wollen wir weitere Taten folgen lassen und natürlich nicht bis zur Gamescom im August warten.

Siehe etwa meine heutige The European-Kolumne mit dem Titel: Spielende Veränderung – Gaming statt Hierarchien: Wie Computerspiele das politische System verändern könnten. Das Opus wird hoffentlich ordentlich im Social Web verbreitet und gibt Denkanstöße für den netzpolitischen Diskurs.

Heute Abend, von 19:30 bis 20:00 Uhr, geht es dann weiter mit einer Bloggercamp-Sendung, in der wir über „Gamification statt Hierarchien“ sprechen und auch Überlegungen anstellen, wie die Gaming-Community im Schulterschluss mit der Netzgemeinde aktiviert werden könnte etwa zur Drosselpolitik der Telekom. Meine Gäste sind Roman Rackwitz „Engaginglab – regime of competence“ sowie der Powergamer und Informatikstudent Constantin Sohn – also der Sohn vom Sohn. Hashtag für Zwischenrufe während der Livesendung wie immer .

Hannes Schleeh ist diesmal nicht dabei – er genießt seinen wohlverdienten Urlaub. Neid.

Roman wird auch beim GameCamp in München Ende Juni eine Session über Gamification anbieten.

Wer heute Abend noch spontan in der Hangout-Sendung dabei sein und mitdiskutieren möchte, kann sich gerne bei mir melden.