Der verzweifelte Kampf der Gestern-Medien: Murdoch, Döpfner, Hombach und das Versagen der Verlagsmanager

Kreative ZerstörungHandelsblatt-Blogger Thomas Knüwer sieht die Medienmacher Murdoch, Döpfner, Hombach & Co. in einem Gefangenendilemma. Die verzweifelten Initiativen gegen die Kostenlosmentalität der Internetnutzer würden in eine Sackgasse laufen. Die „spieltheoretischen“ Szenarien beschreibt Knüwer wie folgt:

„a) Alle verschließen ihre Inhalte hinter Bezahlwänden. Eine mittelschwere Strafe wäre das, denn sie würden alle auf substanzielle Werbeeinnahmen verzichten. Gleichzeitig bestünde die Hoffnung, dass die Nutzer reichlich Abos abschlössen, um qualitativ gute Inhalte zu bekommen.

b) Nur einige der Angebote werden kostenpflichtig. Diese gehören dann zu den Verlierern, denn die anderen ziehen Leser und Werbung ab. Und die Leser würden sich mit Recht fragen, warum sie an der einen Stelle für etwas zahlen sollen, was sie an der anderen gratis bekommen.

c) Keiner installiert Bezahlinhalte – dann sind wir in der aktuellen Situation“, so Knüwer.

Allein würden es die Medienmacher nicht schaffen, deshalb würden sie wie WAZ-Chef Bodo Hombach eine konzertierte Aktion der Verlage favorisieren. „Das ist bemerkenswert: Denn so etwas könnte als Ausnutzen der Machtposition interpretiert werden. Entschließen sich die Verlage tatsächlich, gemeinsam Bezahlwände zu errichten, könnte ein Kartellverfahren nicht uninteressant werden“, vermutet der Handelsblatt-Blogger.

Aber selbst wenn sich alle Gefangenen zur Kooperation entschließen würden, dürfte sie die Höchststrafe ereilen. „Verschwinden die Angebote hinter Bezahlwänden, darf trotzdem über das, was sie berichten, berichtet werden. So etwas nennt sich Pressefreiheit und ist in einem Werk namens Grundgesetz festgemauert worden. Und das bedeutet: Sind Der Westen, Spiegel Online oder Focus.de nur noch gegen Abo zu lesen, werden zahlreiche Billiganbieter auf den Markt kommen, die über deren Geschichten berichten“, so Knüwer.

Eine ausweglose Reaktion. Und ist mit dieser Strategie der Niveauverlust des klassischen Journalismus zu stoppen? Die Schwächen der Gestern-Medien werden mit einer Mauertaktik nicht beseitigt.
Vor einigen Wochen hat WAZ-Verlagschef Bodo Hombach in einem Beitrag für die Zeitschrift Cicero noch die hausgemachten Probleme der klassischen Medien beklagt. Sie müssten Gelenkstelle zwischen allen Räumen des öffentlichen Lebens sein, Drehscheibe für Ideen, Arena, Forum, Nische und Nest, Rumpelkammer für Exkurse ins Fantastische, frech, präzise, zivil, Sendbote zwischen Ein- und Ausgeschlossenen, Dolmetscher zwischen oben und unten, Gestern und Morgen, Rand und Mitte, Vor- und Nachdenker, Instrument der Auseinandersetzung und des Zusammengehens, aktuell, flexibel, empfindsam und hart, mit Leidenschaft und Kühle, Katheter für sozialen Problemstau, Kompostecke für Kulturabfall, Schredder für Abgelegtes, Abgenutztes, Abgestandenes, Seismograf für feinste Beben auf der nach oben offenen “Richter-Skala” des Geistes, offen für jede Bitte, aber verschlossen für jeden Befehl. Also all das, was man in der Blogosphäre schon wahrnehmen kann durch die Vielfalt, durch das kreative Chaos und der Inspiration der Basis. Kein Territorialverhalten, keine selektive Nachrichtenauslese, kein Auflagendruck, kein Bestreben nach dem absoluten Medienscoop.

Die klassischen Medien “jagen im Rudel”, so Hombach”. “Kampagnenjournalismus muss nicht mehr organisiert werden. Es ergibt sich wie von selbst. Die Neidhammel umkreisen den Sündenbock”. In vielen Blättern und Sendern werden Agenturberichte ungeprüft übernommen. “Man hört und sieht und liest denselben Bericht. Das empfinden die meisten als Bestätigung. Mancher glaubt sogar dem selbst erfundenen Gerücht, wenn es zu ihm zurückkehrt”.

Kompensieren Bezahlmodelle für Internet-Content diese Schwächen? Wohl kaum. Die Gründe für den Niedergang der Printmedien hat Journalismus-Professor Stephan Ruß-Mohl in einem Beitrag für „Druckreif“ gut zusammengefaßt: „Die Verlagsmanager haben sich an entscheidenden Stellen verkalkuliert. In der ‚guten, alten‘ Zeit hatten die meisten Blätter regionale oder lokale Oligopole oder Monopole, also eine marktbeherrschende Stellung. Damit konnten sie bei den Anzeigenpreisen kräftig zulangen. Über Jahrzehnte hinweg erzielten sie Traumrenditen, von denen nicht nur viele Verleger, sondern auch so manche Redakteure in ihren Nischen wie die Maden im Speck lebten. Im Internet herrscht dagegen Wettbewerb. Der Konkurrent, der auf dieselben Anzeigenkunden hofft, ist nur einen Mausklick entfernt. Deshalb schrumpfen bei den Werbeumsätzen die Margen, aus denen sich früher Redaktionen großzügig finanzieren ließen“, so Ruß-Mohl. Für die Werbetreibenden seien das paradiesische Zustände. Sie könnten ihre Zielgruppen ohne allzu große Streuverluste über das Internet sehr viel besser erreichen und müssten das Geld nicht mehr zum Fenster rausfeuern. Und noch ein Trend schröpft die Verlage: Wer nach einer neuen Freundin Ausschau hält oder sein Auto zum Verkauf anbietet, kann online inzwischen gratis oder für wenig Geld seine Ziele erreichen. Hier hilft die Silo-Taktik der Verlagsmanager nicht weiter. Die entsprechenden Portale laufen auch ohne Nachrichten-Content!

Offensichtlich fehlt vor allen Dingen den Medienmachern in Deutschland eine klare Strategie. Zu lange haben sie das Thema heruntergespielt. Sie haben über Jahre das eigene Niedergangs-Szenario verdrängt, kritisiert Ruß-Mohl.

dummy_bigNoch deutlicher hat Dummy-Herausgeber Oliver Gehrs die Systemkrise der großen Verlage auf den Punkt gebracht. „Die großen Verlage sind nur auf ihre Rendite erpicht. Sie wollen keine Innovationen machen. Sie haben alle journalistischen Spielwiesen, die wirklich Spaß machen, gestrichen, weil sie nicht den Renditezielen entsprachen. Ich habe eine denkbar schlechte Meinung von dieser Medienlandschaft, vor allem im Printbereich“, sagte Gehrs beim Medienforum Mittweida schon vor zwei Jahren! Verlage hätten es verschlafen, wirkliche Marken im Internet zu etablieren. Die Online-Auftritte seien lange Zeit nur Abflussrohre der Printausgaben gewesen.

Die Massenblätter seien dazu verdammt, immer den kleinsten Nenner zu finden. Sie müssten an den Studienrat in Heidelberg und an die 25-Jährige in Berlin-Mitte denken. Dieser Spagat würde nicht mehr funktionieren. „Wenn man den Stern oder den Spiegel liest, kriegt man ständig gesellschaftliche Zustände beschrieben, die es so gar nicht gibt. Zumindest nicht in diesen großen gesellschaftlichen Clustern. Diese Gesellschaft, die da abgebildet wird, ist so nicht mehr existent. Etwa die Neue Bürgerlichkeit. Die kann man finden, aber auch genau das Gegenteil. Oder die Neue Gemütlichkeit in Berliner Kneipen (Stern-Bericht). Auch das kann man antreffen. Man könnte aber schreiben, die Neue Kühle in Berliner Kneipen. Es gibt mittlerweile so viele Lebensstile, die nebeneinander existieren. Die Welt wird immer dialektischer“, erklärte Gehrs. Massenmedien würden noch immer dem großen gesellschaftlichen Kanon hinterherlaufen. Die Zeit für hohe Printauflagen mit einer Million Auflage sei vorbei. Die großen Tanker mit ihrem Themen-Mainstream ohne Trennschärfe könnten die reale Welt immer weniger abbilden. In Zukunft werde es immer mehr Publikationen geben, die vielleicht 80.000 Leser erreichen. Das sei das Dilemma der großen Verlage, die nur in Dimensionen von 250.000 aufwärts rechnen. Ein Heft wie Dummy werde es bei Gruner & Jahr, Burda oder Bauer nie geben. Diese Konzerne könnten nicht in kreativen Einheiten denken. Da müsse jeder als Profit Center dazu beitragen, dass die Verlagsbosse auch schön in ihren Dienstwagen fahren können. Die Verlagskonzerne seien nicht in der Lage, gesellschaftliche Veränderungen zu spüren und publizistisch abzubilden.

Auch diese Analyse zeigt deutlich, dass die Verlagskrise hausgemacht ist!

P.S. Handelsblatt-Redakteur Thomas Knüwer bekommt im Buch „Die Alpha-Journalisten 2.0“ von Weichert und den Ehrentitel „Der Nestbeschmutzer“, weil er seit Jahren über die Defizite der Printwelt bloggt und mit „Indiskreation Ehrensache“ auch bei seinen Kollegen regelmäßig aneckt. Siehe auch „Blogger-Zoff im Handelsblatt“. Vielleicht wäre die Bezeichnung „Der Hellseher“ angebrachter.

Zum Niedergang der Tageszeitungen interessante Statistik.

free journalism!

Fragmentierung der Medienbranche.

Mediennutzungsanalyse.

Basic, Alphonso, Niggemeier, Knüwer und Co.: Die neuen Alpha-Journalisten

Alpha-JournalistenDie Stephan Weichert und Christian Zabel haben ein neues Buch vorgelegt über die Alpha-Journalisten 2.0. Tauchten in ihrem ersten Werk über die Alpha-Journalisten der klassischen Medien noch die üblichen Verdächtigen wie Stefan Aust, di Lorenzo, Diekmann, Illner, Jauch oder Plasberg auf, sind es jetzt Knüwer, Don Alphonso, Niggemeier, Basic oder Sixtus. So ändern sich die Zeiten, auch wenn es Hans Urlich Jörges nicht wahrhaben will: „Die guten Redaktionen sollten ihre Siele geschlossen halten, damit der ganze Dreck von unten nicht durch ihre Scheisshäuser nach oben kommt“, mit solchen Sätzen stellt man nur seine technologische Inkompetenz unter Beweis. Die Suada zwischen der Print- und Onlinewelt verkennt die systemischen Veränderungen, egal, welche Alpha-Tierchen nun gerade saisonal zu den Stichwortgebern zählen. Siehe auch meinen Blogbeitrag „Blogger-Zoff im Handelsblatt: Knüwer und die Identitätskrise des Printjournalismus – Warum sich die Streithähne des Düsseldorfer Wirtschaftsblattes mit dem Luhmannschen Zettelkasten beschäftigen sollten“.

„Die «Alpha-Journalisten 2.0» verändern den klassischen Journalismus – auch den, der noch ganz analog zu den Kunden gebracht wird. Die publizistische Plattform der digitalen Bohémiens, das Internet, ist dabei nicht einfach ein neues, höher entwickeltes Medium; vielmehr saugt es alle bestehenden Massenmedien in sich auf, deutet sie um und definiert ihre Ausdrucksformen und ihre publizistische Wirkung neu. Es ermöglicht neue Formen der journalistischen Produktion, Distribution und vor allem Interaktion. So sind die Enthüllungen von Bildblog.de nicht Ausfluss einer grossen Redaktion von investigativen Journalisten, sondern sie stammen grossenteils von Lesern, die dem Boulevardblatt meist kritisch gegenüberstehen. Ohne die externe Hilfe wäre ein solches Produkt gar nicht möglich, wie Deutschlands bekanntester Blogger, Bildblog-Gründer Stefan Niggemeier, selber sagt“, so Weichert und Zabel.

Während sich Journalisten zunehmend mehr als neutrale Vermittler denn als Kontrolleure der Macht begreifen, zeichne sich die Blogger-Szene durch Nonkonformismus, gesteigerte Meinungsfreude und oft auch durch Ablehnung langatmiger redaktioneller Prozesse aus. Die meisten Wortführer im Internet seien begnadete Netzwerker; der von Markus Beckedahl ins Leben gerufene Blogger-Kongress „re:publica“ ermöglicht ein bundesweites Networking über die Online-Hochburgen in Berlin, Hamburg und München hinaus.

„Die Alpha-Journalisten 2.0 stehen den klassischen staatlichen Strukturen reserviert gegenüber. Die Jungen nehmen Sicherheitsversprechen im Zeitalter der Globalisierung nicht für bare Münze. Zudem setzen sie stärker auf Eigeninitiative und Unternehmertum denn auf korporatistische Karrierewege. Wenn die Sozialstandards langfristig nicht zu halten sind – so die Devise –, dann will man wenigstens Freiheit haben“, schreiben die Autoren in der Einleitung des Buch, die in der NZZ abgedruckt wurde.

Von den „neuen“ Journalisten werde erwartet, dass sie wie selbstverständlich mit Tönen, Texten und Bewegtbildern balancieren. Die Fähigkeit, diese Darstellungsformen zu kombinieren, avanciere zur Schlüsselqualifikation. „Der Journalismus, das lässt sich nach diesem Einblick in die Verfasstheit der Alpha-Journalisten 2.0 festhalten, erfährt den wohl dramatischsten Umbruch seit der Erfindung des Fernsehens“, resümieren Weichert und Zabel.

Stephan Weichert ist Professor für Journalistik und Studiengangleiter an der Macromedia Hochschule für Medien und Kommunikation in Hamburg. Christian Zabel ist Assistent des Vorstandsvorsitzenden der Deutschen Telekom AG und arbeitete zuvor als freier Journalist. „Die Alpha-Journalisten 2.0. Deutschlands neue Wortführer im Porträt“ ist im Verlag Herbert von Halem erschienen.

Jakob Augstein: Düstere Prognosen für Tageszeitungen

Omas Zeitung liegt im Sterben
Omas Zeitung liegt im Sterben
Seit Jahren büßen Tageszeitungen an Auflage ein und wandert Werbung ins Internet ab. Die Folge: Verlage verdienen immer weniger mit Anzeigen und sind immer stärker auf – stetig sinkende – Vertriebserlöse angewiesen. Die größte Bedrohung jedoch: Immer weniger junge Menschen kaufen Zeitungen. Warum auch, wenn Lokalblätter den Nachrichtenwert einer Konservendose haben.

„Die Zeitungen ändern sich?“ war das Diskussionsthema des „Medientreffpunkts Mitteldeutschland“. Jakob
Augstein beurteilte die Perspektiven für Tageszeitungen als „düster bis tief schwarz“, so der Geschäftsführer der Wochenzeitung „Der Freitag“ und Mitgesellschafter der Spiegel-Verlagsgruppe. Die Zeitungen änderten sich eben nicht, führte er aus: „Die Beharrungskräfte in den Redaktionen und die Abhängigkeit von alten Erlösmodellen stehen einer Anpassung an die neuen Verhältnisse im Weg.“

Uwe Vorkötter, Chefredakteur der Frankfurter Rundschau, schilderte den Weg der Tageszeitungen ins Internet: In einer ersten Phase hätten die Verlage Zeitungsinhalte einfach ins Netz gestellt. Heute gebe es
Zusatzangebote wie Themendossiers oder Fotostrecken – „eine verlängerte Zeitung“. Als eigenes Produkt und eigene Marke aber hätten die Verlage das Onlinemedium noch nicht begriffen. Die Markenbildung hält auch Augstein für eine der wichtigsten Aufgaben von Online-Zeitungen. Inhalte verschiedener Anbieter müssten sich
„viel stärker“ voneinander unterscheiden, sagte er. „Von spiegel.de bis zu sueddeutsche.de ist es heute nur ein Klick. Die Trennschärfe ist nicht groß genug.“ Augstein setzt auf die Kommunikation mit den Lesern: „Journalisten müssen vom hohen Ross des Dozierens runterkommen.“ Mehr Beteiligung der Medienkunden klingt doch irgendwie nach Jeff Jarvis. Siehe auch „das Ende der Zeitungspapier-Ära“.

Mit seiner Forderung nach mehr Inhalt, die von den Zeitungsnutzern selbst gestaltet werden, erntete Augstein Widerspruch beim Chefredakteur von sueddeutsche.de, Hans-Jürgen Jakobs. Journalisten seien als
Garanten für sicher recherchierte Texte unabdingbar. Daran kann ja kein Zweifel bestehen. Nur die Printjournalisten sind halt nicht mehr die exklusive Quelle der wirklich harten Nachrichten!

Technikskepsis in Deutschland behindert Entfaltung des Internets – Entscheider müssen für positives Meinungsklima sorgen

Weit verbreitete Attitüden und Verhaltensweisen hindern Deutschland daran, das volle Potenzial des Webs auszuschöpfen. Mit dieser Einschätzung wagen die Macher des Blogs „Netzwertig“ einen Blick auf die Internetagenda 2009. Dem Internet komme in diesem Jahr eine große Bedeutung bei der Bewältigung der negativen Folgen der Finanzkrise zu. „Bisher fungierte das Internet als Bereicherung für unseren Alltag und als Ergänzung zu den bestehenden Kommunikations- und Medienkanälen. In seiner nächsten Phase wird das Web jedoch vom komplementären zum substituierenden Kanal, der jeden Bereich unserer Gesellschaft betreffen und verändern wird“, so Netzwertig-Autor Martin Weigert. Verzweifelte Versuche, alte, sich bereits auflösende Strukturen aufrecht zu erhalten, seien zum Scheitern verurteilt und daher am besten zu unterlassen. „Die in allen Kreisen und Schichten anzutreffende, grundsätzliche Skepsis gegenüber jeder Innovation ist ein gravierendes Hindernis auf dem Weg zum Hochtechnologieland der Zukunft“, moniert Weigert.

Noch immer könnten Politiker, Professoren und andere Vertreter der gesellschaftlichen Elite in aller Öffentlichkeit fast schon stolz davon berichten, dass sie noch nie das Internet benutzt haben oder sich E-Mails von der Sekretärin ausdrucken lassen, ohne dass dies außerhalb der Blog- und Webwelt auf nennenswerte Kritik trifft. „Die Zeiten, in denen Deutschland sich allein aufgrund seiner Ingenieurskunst als innovatives Technologieland bezeichnen konnte, sind vorbei. Kein Weg führt mehr am Web vorbei, für niemanden, egal ob er/sie das möchte oder nicht. Entscheider können mithelfen, ein positives Klima der Aufgeschlossenheit und Neugier zu schaffen. Dazu müssen sie selbst mit gutem Beispiel voran gehen“, fordert Weigert.

Statt vom hohen Ross auf die im Internet publizierenden Hobby-Autoren in Blogs und Microblog herabzuschauen, müssten sich auch Journalisten mit deren Arbeit beschäftigen, alte Vorurteile und Hochmut ablegen und mit den qualitativ überzeugenden Online-Publikationen und ihren Machern in einen Dialog treten. Beide Seiten sollten die Gelegenheit nutzen, voneinander zu lernen und das neue Wissen weiterzuverbreiten.

„Tatsächlich wird das Internet häufig noch als komplementärer, optionaler Kommunikations- und Medienkanal betrachtet. Da weder die verfügbare Informationsmenge noch die mögliche Nutzungszeit noch das Budget der Anwender beliebig skalierbar ist, muss es zu einem substituierenden Effekt kommen“, bestätigt Lupo Pape, Geschäftsführer von SemanticEdge in Berlin, die Auffassung von Weigert. Die Frage sei nicht nur, wann dieser auftritt, sondern auch, wann er wahrgenommen wird. „Offensichtlich ist, dass gerade in bildungsstarken Schichten eine Verdrängung des TV-Konsums durch die Internetnutzung erfolgt. Das gleiche gilt für die Generation der Digital Natives. Und in den USA hat im Jahre 2008 das Internet als Nachrichtenquelle auch die Tageszeitungen überholt und rangiert nach dem Fernsehen auf Platz zwei“, so der Sprachdialogexperte Pape.

Die gängigen Geschäftsmodelle der Offlinewelt könne man nicht so einfach auf das Internet übertragen. Die Musikindustrie sei dafür ein gutes Beispie. „Mittlerweile haben die großen Musiklabels ihren Kampf gegen Musikpiraterie weitgehend eingestellt, und Apple – mit iTunes größter Online-Händler für Musik – wird zukünftig auf den Kopierschutz DRM verzichten. Neben der Thematik der profitablen Geschäftsmodelle verunsichert das Internet aber auch aus einem anderen Grund kommerzielle Anbieter: aufgrund der leichten Verbreitungsmöglichkeit von Informationen und Meinungen ist es extrem schwierig, die Kommunikation zu dominieren. Ein privater Blog kann ähnliche Auswirkungen auf die Meinungsbildung haben wie der Online-Artikel einer großen Redaktion oder der Videoclip einer TV-Sendung, im Internet sind Chancen und Risiken wesentlich gleicher verteilt als in anderen Medien“, erklärt Pape.

Drastisch formuliert: komplementäre genutzte Internetdienste werden nicht nachhaltig erfolgreich sein, sondern es werden substituierende Dienste sein. „Oder aber Dienste, die nur im Internet möglich sind, wozu auch Online Communities zählen. „Wie bei jedem massiven Technologiewechsel werden auch zwangsläufig die alten Marktführer im Kommunikations- und Medienbereich durch neue Anbieter ersetzt werden, nicht umsonst kämpfen die öffentlich-rechtlichen Hörfunk- und Fernsehsender so intensiv darum, mit Gebührenfinanzierung das Internet für sich erschließen zu können“, führt Pape weiter aus.