Teuflischer Pakt: Machteliten und Maschinen #NEO15 Session

Machteliten-Hacking

Im Internet der Dinge infiltriert Software heute jede fast jede Maschine:

„Das Universum kommunizierender Objekte expandiert weiter. Und damit werden unehrliche Menschen und korrupte Organisationen mehr denn je versucht sein, ihre Produkte nach eigenen Wünschen zu impfen. Nennen wir das einfach mal ‘Lügen zweiter Ordnung’. Und Benutzer können das nicht mehr erkennen. Denn leider wächst den Maschinen keine lange Nase. So wird Wahrheit oder Lüge plötzlich ein Schlüsselfaktor in der Mensch-Maschine-Interaktion. Und es taucht schlagartig die Frage auf, ob und wie man Maschinen ethisches Verhalten beibringen könnte. Ein sehr verzwicktes Problem. Und es führt zu Verwicklungen, für die wir heute noch nicht mal Denkfiguren haben. Es wird Zeit, die zu entdecken”, so Brightone-Analyst Stefan Holtel im Gespräch mit dem Soziopod-Blogger Patrick Breitenbach auf der Next Economy Open in Bonn.

Wenn Konzerne wie Psychopathen agieren

Beim VW-Skandal ist dieser Teufelspakt zwischen lügenden Maschinen und Maschinisten im Brennglas zu beobachten. Beim Wolfsburger Autogiganten ist es eine Kombination von autoritären Kommandostrukturen, Erfolgsdruck und Hörigkeit. Nur so können teuflische Effekte entstehen, die kaum noch unter Kontrolle zu bringen sind. Mit gesundem Menschenverstand könne man das Verhalten der VW-Topmanager nicht begründen, so Holtel. Bei VW handelt man total irrational, da es höchst naiv sei, bei Manipulationen in Millionen Fahrzeugen nicht mit der Aufdeckung zu rechnen. Jetzt ist der Schaden maximal.

Die Ursachen für den Diesel-Gate basieren auf den Organisationsstrukturen, die sich in fast allen Weltkonzernen finden lassen: Geschlossene und egozentrische Einheiten agieren wie ein Psychopath: Unberechenbar, unkontrolliert und beziehungsunfähig. Das Fundament sind autokratische Top-Manager, die mit emotionalen Ausbrüchen ihre Belegschaft zu Ja-Sagern degradieren. Ein Konzern sei nichts anderes als ein Psychopath, bemerkt Holtel in dem Fachgespräch im Rheinischen Landesmuseum. Diese Erkenntnis hilft vor allem dem gemobbten Mitarbeiter weiter, weil er Abstand finden kann zwischen sich und der Konzernstruktur.

„Mit Psychopathen zu interagieren ist schwierig. Man kann keine Vertrauensbasis aufbauen, man weiß nie, was im nächsten Augenblick passiert“, sagt der Brightone-Spezialist für Künstliche Intelligenz.

Mythos der Unfehlbarkeit: Maschinen als symbolisches Kapital

Für die Überlebensstrategie innerhalb des Konzerns mag diese Erkenntnis hilfreich sein, auch wenn eine Portion Fatalismus dabei herausspringt oder die innere Kündigung. In den Machtbeziehungen zur Außenwelt ist diese Konstellation äußerst problematisch. Patrick Breitenbach warnte vor einer Akkumulation von Macht, die von psychopathischen Organisationen ausgeht. Konzerne akkumulieren nicht nur ökonomisches Kapital, sondern soziales Kapital über Beziehungen, Netzwerke und Eliten, kulturelles Kapital über Informationsvorsprünge und symbolisches Kapitel über Expertentum und Maschinen. Gefährlich sei vor allem die Anhäufung von symbolischem Kapital über Maschinen, die wir für wahrhaftig und präzise halten.

Wir schreiben den Maschinen Fähigkeiten wie Rationalität und Unfehlbarkeit zu.

„Das speist sich unseren täglichen Erfahrungen. Niemand rechnet Excel-Tabellen. 2007 gab es im Intel-Prozessor einen Hardware-Fehler, der dazu führte, dass Excel falsch rechnete. Es gibt diese systemischen Fehler sehr häufig, aber Menschen sind kaum in der Lage, diese Risiken einzuschätzen“, erklärt Holtel.

Mit den Fähigkeiten von kognitiven Maschinen wie IBM Watson sei es für Menschen schwer, auf Augenhöhe zu interagieren. Das wertet der Brightons-Analyst als Bedrohung. IBM und Co. verkaufen uns das mit Narrativen der Weltverbesserung und stellen sich kaum den kritischen Fragen. Sie wollen neue Märkte erobern und damit Milliarden machen. Aus wirtschaftlichen Gründen sei das nachvollziehbar, aus politischer, gesellschaftlicher und psychologischer Sicht ist das hoch brisant.

Warum wir IBM-Watson und Co. dekonstruieren müssen

„Wir werden von Systemen ummantelt, die immer mehr Fähigkeiten haben, von denen wir nicht mehr wissen, was sie mit uns tun. Digitale Assistenten, wie die Spracherkennungs-Software Siri sind erst der stümperhafte Anfang von dem, was noch kommen wird“, warnt Holtel.

So werde IBM-Watson in einer verbesserten Version in sieben oder acht Jahren auf unseren Smartphones passen und uns durchs Leben dirigieren. Wir haben dem nichts entgegenzusetzen, weil uns schlichtweg die Fähigkeiten in Schulen und Hochschulen nicht vermittelt werden, um Big Data-Anwendungen und diskriminierende Algorithmen, die beispielsweise unsere Kreditwürdigkeit herunterstufen oder Prämien für Krankenversicherungen hoch stufen, forensisch unter die Lupe zu nehmen. Die Politik müsste ein Checks-and-Balance-Regelwerk schaffen, um zwischen Mensch und Maschine einen Machtausgleich herzustellen und den Machteliten einen Missbrauch der Maschinen-Intelligenz zu erschweren, fordert Breitenbach.

Wir sollten zudem die Übertreibungen von Extremisten der Künstlichen Intelligenz im öffentlichen Diskurs dekonstruieren. Mit der Verteufelung von Technik kommt man dabei nicht weit. Was denkbar ist, wird umgesetzt. Und Macht ist eine Konstante in unserem Leben. Wer das ignoriert, dem wird es schwerfallen, eine Rezeptur im politischen Diskurs hervorzuzaubern. Gefragt seien vor allem Gegen-Narrative zur Entlarvung der wahren Absichten der manipulativen Maschinisten.

Der entmündigte Bürger

Es sei völlig inakzeptabel, diese Technologien zum Entmündigen des Bürgers zu nutzen, proklamieren die Digital Manifest-Autoren in einem Beitrag für Spektrum Wissenschaft.

„Big Nudging und Citizen Scores missbrauchen zentral gesammelte persönliche Daten für eine Verhaltenskontrolle, die totalitäre Züge trägt. Dies ist nicht nur unvereinbar mit Menschenrechten und demokratischen Prinzipien, sondern auch ungeeignet, eine moderne, innovative Gesellschaft zu managen. Um die eigentlichen Probleme zu lösen, sind vielmehr bessere Informationen und Risikokompetenz gefragt.“

Für persönliche Daten, die über uns gesammelt werden, sollte es ein Recht auf Kopie geben, liebwerteste Gichtlinge von Schufa und Konsorten.

„Es sollte gesetzlich geregelt sein, dass diese Kopie in einem standardisierten Format automatisch an eine persönliche Datenmailbox gesandt wird, über die jeder Einzelne die Verwendung der Daten steuern kann. Für einen besseren Schutz der Privatsphäre und um Diskriminierung zu vermeiden, wäre eine unautorisierte Verwendung der Daten unter Strafe zu stellen. So könnte man selbst entscheiden, wer welche Informationen für welchen Zweck wie lange nutzen darf.“

Wenn der Bundesgerichtshof aber die Offenlegung dieser Daten und die undurchsichtigen Algorithmen als Geschäftsgeheimnis einstuft, wie beim Schufa-Urteil, wird es schwerfallen, auch nur annähernd für Klarheit zu sorgen, wenn Maschinen lügen, denunzieren und Existenzen ruinieren. Die juristischen Fakultäten sollten daher überlegen, Informatik und Big Data-Forensik als Pflichtfach einzuführen, damit solche Urteile bald der Vergangenheit angehören.

Live-Hangout: Wirtschaftsirrtümer, Abwrack-Politik und die Dematerialisierung der Volkswirtschaft #NEO15 #wmbn

Auf zur #NEO15 am 9. und 10. November in Bonn.

Ständig wird einem von Lobbyisten und Regierungspolitikern eingetrichtert, wie wichtig die Industrie sei als Stabilitätsfaktor der Konjunktur. Das debattierten wir mal wieder kräftig beim Webmontag in Bonn.

Länder wie Frankreich hätten es da nicht so gut. Die gallische Wirtschaft sei weitgehend deindustrialisiert, produziere nichts mehr Gescheites oder müsse wie Peugeot Citroën von chinesischen Konzernen aufgefangen werden. Was da wohl noch mit VW passiert. Ein anständiger industrieller Anteil wird als Voraussetzung für eine ausgewogene ökonomische Entwicklung gesehen. Die VWL-Berater flöten es Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel ins Ohr: Es müsse wieder mehr produziert, gebaut, geschraubt werden. Das war auch nach der Finanzkrise das Allheilmittel.

Abwrack-Politik

Abwrackprämie statt Investitionen in Wissensberufe oder den Ausbau der digitalen Infrastruktur. So konnte der Industriesektor seinen Anteil an der Wertschöpfung bei 25 bis 26 Prozent stabilisieren. Gleiches gilt für die Zahl der Industriebeschäftigten. Für die globalen Märkte hat sich Deutschland auf Luxusautos, Maschinenbau und Chemie spezialisiert – allerdings mit einer sinkenden Fertigungstiefe im eigenen Land. Wird ein großer industrieller Sektor auch künftig noch von Vorteil sein, fragt sich der Wirtschaftspublizist Henrik Müller. Diese trügerischen Stärken können sich sehr schnell und gut in Schwächen umkehren.

“Osteuropäische, später asiatische Volkswirtschaften, allen voran China, industrialisierten sich im Zeitraffer. Davon profitierte Deutschland wie kein anderes Land: Weil es hierzulande noch potente Firmen gibt, die Fabriken mit Maschinen ausstatten oder gleich ganze Fabriken errichten, weil es Infrastrukturanbieter wie Siemens gibt, die etwa ganze Bahnsysteme zu installieren in der Lage sind, weil es Luxusautohersteller gibt, die die neuen Reichen in den Schwellenländern mit Statussymbolen versorgen. Kurz: Deutschland hat all das noch im Angebot, was es anderswo längst nicht mehr gibt – weil der Strukturwandel in den 1980er und 1990er Jahren hierzulande verzögert ablief.”

Wissensintensive Dienstleistungen als Wettbewerbsfaktor

Wenn sich aber der Aufholprozess in diesen Schwellenländern abschwächt, was derzeit der Fall ist, wenn ausländische Autohersteller lernen, die Bedürfnisse der neuen Mittelschichten zu befriedigen, dann fragt sich, wer denn künftig die Kunden der deutschen Industrie sein sollen. Der Niedergang des Wolfsburger Konzerns könnte das im Zeitraffer beschleunigen. Generell wird die Industrie in der Massenproduktion an Bedeutung verlieren.

“Wirtschaft und Gesellschaft wachsen über das Produzieren und Konsumieren von physischen Produkten hinaus und verlegen sich aufs Dienen und später aufs Wissen. Dienstleistungen, zunehmend auch wissensintensive Dienstleistungen dominieren heute in allen entwickelten Ländern die Wirtschaftsstrukturen. Es werden nicht mehr zuvörderst physische Güter hergestellt, viel wichtiger sind Leistungen an Mensch oder Materie”, schreibt Müller in seinem Opus “Wirtschaftsirrtümer”.

Postindustrielle Arbeitsplätze

Gesundheit, Bildung, Freizeit, Ernährung, Haushaltsservices, Vernetzungskonzepte, Apps oder Cloud-Technologien werden wichtiger.

“Auch Deutschland hat diese Entwicklung seit den 1970er Jahren durchgemacht, allerdings ist sie im Zuge der Globalisierung zum Stillstand gekommen. Um 1997 hat sich die industrielle Produktion stabilisiert. Die absolute Zahl der produzierenden Beschäftigten ist dabei in den vergangenen Jahren in etwa stabil geblieben. Die beeindruckenden deutschen Beschäftigungsgewinne haben in anderen Sektoren stattgefunden. Im Jahr 1995 waren ein Viertel der Arbeitnehmer mit Produzieren beschäftigt, heute sind es nur noch ein Fünftel. Beschäftigungszuwächse konnten vor allem die Unternehmensdienstleister verbuchen, teils durch Outsourcing von Aktivitäten aus traditionellen Industriekonzernen sowie Informations-und Kommunikationsservices”, so Müller.

Er sieht keinen Grund, dass die Schwellenländer einen fundamental anderen Weg gehen werden. Wir sollten uns deshalb neue Vorbilder suchen, die besser dastehen als wir selbst. Schweden zum Beispiel.

“Das skandinavische Land genießt ein höheres Wohlstandsniveau als Deutschland (eine Differenz von 2.000 US-Dollar pro Kopf). Beschäftigungsstand, Lebenserwartung und Lebenszufriedenheit sind höher, die Einkommensverteilung gleichmäßiger. Staat und Wirtschaft geben einen größeren BIP-Anteil für Forschung und Entwicklung aus als alle anderen OECD-Länder (außer Finnland): Stabil zwischen 3 und 4 Prozent des BIP. Das Vertrauen ins politische System ist hoch. Um nur einige Wohlfahrtsindikatoren zu nennen. Man muss Schweden nicht in allen Facetten als vorbildlich ansehen, aber dass das Land ökonomisch und gesellschaftlich gegenüber Deutschland einen Vorsprung hat, ist offensichtlich. Schwedens Wirtschaft ist hochgradig wettbewerbsfähig, was sich in ähnlich hohen Leistungsbilanzüberschüssen niederschlägt, wie sie Deutschland verzeichnet”, weiß Müller.

Folgt man der Litanei der Industrievertreter, dürfte es das nicht geben. Denn Schweden habe einen vergleichsweise kleinen industriellen Sektor: 20 Prozent trägt die Industrie noch zum BIP bei, deutlich weniger als im Jahr 2000. Die Zahl der Jobs, im produzierenden Gewerbe, ist von 19 auf 15 Prozent der Gesamtbeschäftigung gefallen.

“Aber das skandinavische Land verfügt über eine große Stärke, die Deutschland nicht hat: Es verdient sehr erfolgreich im Handel mit Dienstleistungen. Mehr als 20 Milliarden US-Dollar Überschuss erwirtschaftete Schweden 2011 mit dem Verkauf von Services, Patenten und Lizenzen – viermal so viel wie noch 2004. Deutschland hingegen machte im selben Zeitraum ein Defizit im Dienstleistungshandel von knapp 32 Milliarden US-Dollar”, führt Müller aus.

Der Handel mit hirnintensiven Dienstleistungen und der Verkauf von Wissen ersetzen in Schweden zunehmend den Handel mit physischen Produkten – postindustrielle, hochproduktive Aktivitäten mit großem Input von Wissen. Dafür sind andere Qualifikationen und ein anderes Umfeld vonnöten. Mit der dualen Berufsausbildung auf IHK-Niveau kommt man nicht mehr weit. Ralf T. Kreutzer und Karl-Heinz Land sprechen gar vom digitalen Tsunamie der “Dematerialisierung”, der selbst den so hochgelobten Maschinenbau bedrängt. Wie viel Industrie wird also noch in der Netzökonomie stecken?

Das diskutiere ich mit Professor Kreutzer zur Vorbereitung der Next Economy Open in einem ichsagmal.com-Bibliotheksgespräch. Freitag, den 23. Oktober, um 12:15.

Mitdiskutieren über den Frage-Button oben rechts auf dem Web-Player der Google Plus-Seite oder via Twitter mit dem Hashtag

Man hört, sieht und streamt sich 🙂

Werbung einfach wegwischen – Überlegungen zum AdBlocker-Streit

Lesestoff für die Next Economy Open
Lesestoff für die Next Economy Open

Der Anteil von Internet-Nutzern, die sich über Filtersysteme gegen die Cookie-Attacken von öligen Werbe-Anbietern wappnen will, wächst überproportional. Allerdings darf nicht verschwiegen werden, dass auch das Geschäftsgebaren der so genannten AdBlocker nicht ganz sauber erscheint. Das Angebot des „Whitelisting“, bei dem sich Publisher von der Werbeblockade freikaufen können, sei aus Sicht des Axel Springer Verlages ein erpresserisches Vorgehen.

Die Nerven liegen blank, wie man an der Anti-AdBlocker-Strategie von Bild.de erkennen kann. Wer AdBlocker einsetzt, wird von den Inhalten des Tratsch-Mediums ausgeschlossen. Ich kann das verkraften. Beim Boulevard-Blatt sieht die Sache anders aus. Meedia geht davon aus, dass Bild.de seine Spitzenposition bei der „Reichweite“ einbüßt. Zur Zeit liege der Anteil der Werbeverweigerer, die Bild.de mit AdBlockern ansteuern, bei 20 bis 23 Prozent.

Der Medienrezipient scheint in diesem Machtkampf wohl nur eine untergeordnete Rolle zu spielen.

Tinder-Shopping

In der aktuellen Ausgabe von GDI-Impuls wird eine interessante Alternative ins Spiel gebracht. Das Ganze nennt sich Tinder-Shopping und lehnt sich an dem Auswahlmechanismus der Dating-App Tindr an. Das Prinzip ist simpel: Wisch nach links: gefällt nicht, Wisch nach rechts: gefällt.

„Du magst Sneakers, neonfarbig und nicht geschnürt? Schon poppen die ersten Angebot auf dem Screen aus. Ein kleiner Wisch nach links, und du lässt jedes Produkt fallen, das dir nicht gefällt. Hast du einer Marke zehnmal eine Abfuhr erteilt, verschwindet sie für immer von deinem Screen: ‚Shop until they drop“, schreiben Judith Mair und Bitten Stetter.

Der Kunde entscheidet über den individuellen Zuschnitt der Angebote von Produkten und Diensten. Das setzt die Werbeindustrie kräftig unter Druck, denn sie müssen es in diesem Szenario schaffen, den Nerv des App-Anwenders genau zu treffen – ansonsten droht die Verbannung vom Smartphone-Screen. Publisher und Werber müssen sich vom Spam-artigen Zumüllen aller Kommunikationsplattformen verabschieden, wenn sie Kunden nicht verlieren wollen.

„Matchmaking“ ist das Zauberwort. Anbieter, Mittler und Kunden sollten steuern können, wo und mit welchen Inhalten sie zueinander finden. Jan Steinbach und Uwe Freese von Xengoo schmieden für die Blogosphäre an so einem Projekt:

„Der Schlüssel dazu sind Transparenz der Interessen und klare Strukturen für die Zusammenarbeit“, sagt Steinbach. Erste Ideen werden auf der Next Economy Open am 9. und 10. November in Bonn vorgestellt.

Ausführlich nachzulesen in meiner heutigen The European-Kolumne.

Siehe auch:

BILD.de sperrt Adblock-User aus

Vielleicht sollten wir Projekte im Netz einfach mehr unterstützen – etwa Mobile Geeks.

Die Ideenlosigkeit der Excel-Manager – Reporting Orgien bringen keine Innovationen #NEO15 @Staeudtner @editor_page @KlausMJan

Matchen - Moderieren - Managen zur Next Economy Open in Bonn
Matchen – Moderieren – Managen zur Next Economy Open in Bonn

Die vernetzte Wirtschaft braucht neue Managementmethoden, so das Credo des Netzökonomie-Campus in Bonn. Mit dem „Kosten-senken-und-Zeit-sparen-Mantra“ der deutschen Führungskräfte kann man keinen Blumentopf mehr gewinnen.

Die Technologie sei dabei nicht das Problem, es sei die systemimmanente Dummheit des Managements, die uns drosselt, so Buchautor Gunter Dueck im „HBM“-Interview (Januar-Special zum Thema „Leadership – Wie geht Führung im Zeitalter digitaler Transformation?“).

In den Führungsmethoden setzt man auf Konditionierung und nicht auf Partizipation sowie Offenheit. Die Wirtschaftswelt tut immer noch so, als seien Menschen und Märkte vollkommen rational und steuerbar sowie die Welt um uns herum vollkommen logisch, bestätigt Dueck:

„Die Ur-Annahmen über den Menschen als Stimulus-Response-Blackbox sind noch immer die Grundlage heutiger Management- und Incentive-Systeme.“

Statt auf die Potenziale ihrer Mitarbeiter zu setzen, verstecken sich die Excel-Führungskräfte hinter Berichtsorgien und Kennzahlen-Management.

„Der dauernde Druck und die ständigen Vorgaben zwingen die Leute dazu, sich den halben Tag Gedanken darüber zu machen, wie sie es schaffen, am ,Ende des Tages‘ – Lieblingsformulierung der Manager – gut dazustehen. Mit Strategieentwicklung, dem Fördern von Innovation und Kreativität oder Personalführung – den eigentlichen Kernaufgaben einer Führungskraft – hat das herzlich wenig gemein“, erläutert Dueck.

Eine Organisation im Optimierungswahn über bürokratische Prozesse fördert die kollektive Dummheit in Unternehmen. Exzellenz, Aufbruchstimmung und visionäres Denken lässt sich nicht verwalten „oder in Listen und Tabellen organisieren – und schon gar nicht aus Vergangenheitsdaten extrahieren“, moniert Dueck. Bestleistungen erzeugt man nicht mit Kontrollen, sondern mit Freude und Leidenschaft.

Das klassische Managementwerkzeug aus dem Industriezeitalter reicht für die Bewältigung der digitalen Transformation nicht aus, resümiert die Käsekuchen-Runde des Netzökonomie-Campus.

Der Autobauer Local Motors zeigt eindrucksvoll, wie man die netzökonomischen Hebel bedienen sollte. Die amerikanische Firma verfügt gerade mal über ein gutes Dutzend fest angestellter Fachleute, die in der Lage sind, ein Fahrwerk oder einen Antrieb zu entwickeln.

„Doch das Kernteam kann sich darauf verlassen, dass zu den Fahrzeugen, die Local Motors entwickelt, mehrere Tausend Experten ihr Wissen beisteuern. Nur arbeiten diese eben nicht in einer Werkshalle oder Büroetage, sondern im Netz. Eine Online-Community, die mehr als 36.000 Autofans und Fachleute rund um die Welt vernetzt, ist das Herzstück des Unternehmens“, so Willms Buhse.

Alle Baupläne sowie Entwürfe stehen im Netz und sind als CAD-Dateien einsehbar. Jeder darf die quelloffene Software nutzen und verbessern, wie man das sonst nur von Linux kennt.

„Mal steuern autobegeisterte Designer aus Rumänien, Brasilien oder Uganda Entwürfe für die Form eines Karosserieteils zu einem Fahrzeug bei, dann wieder lassen professionelle Fahrzeugentwickler aus Frankreich oder den USA in ihrer Freizeit ihr Wissen zur Konstruktion von Motorelementen in ein kollaboratives Entwicklungsprojekt einfließen. So kann Local Motors Fahrzeuge sehr viel schneller realisieren als ein klassischer Autobauer“, führt Buhse aus.

Bei Branchenriesen wie Daimler werde dagegen Besuchern aus Sorge vor Industriespionage sogar dann die Kamera am Smartphone mit Klebeband versiegelt, wenn man dort nur Konferenzräume besucht.

„Mithilfe des Internets können Menschen ihr Wissen teilen und mehren – und somit altgediente Hierarchien und Systeme ergänzen oder gar überwinden“, meint Buchautor Buhse.

Mit offenen und flüssigen Strukturen könnte man auch die Silicon-Valley-Größen wie Apple oder Google schlagen, die fast wie eine Sekte geführt und abgeschottet werden. Was Local Motors schafft, könnte auch deutschen Unternehmen gelingen.

„Während neue Serien und Modelle in der klassischen Autoindustrie eine Vorlaufzeit von fünf bis sieben Jahren haben, dauerte es beim Rally Fighter nur 18 Monate, bis aus der 2-D-Zeichnung und der Konzeptstudie ein Fahrzeug wurde, das ein Kunde abholen konnte. Doch damit nicht genug: Local Motors ist nicht nur schneller, sondern benötigt auch nur den Bruchteil des Kapitals eines klassischen Herstellers, um aus einer Konzeptstudie ein Fahrzeug zu machen. Lediglich 3,6 Millionen Dollar waren für die Entwicklung des Rally Fighters notwendig. Weil die Entwicklungs- und Produktionskosten für jedes Fahrzeug gering sind, brauche Local Motors nach eigenen Angaben lediglich 1000 verkaufte Autos, um damit Geld zu verdienen“, bemerkt Buhse.

Selbst das amerikanische Verteidigungsministerium habe das Hummer-Nachfolgemodell von der Local-Motors-Community konzipieren lassen. Ein Monat wurde für die Entwicklung angesetzt und drei Monate für die Ausführung. Soweit sind deutsche Unternehmen noch nicht.

„Meistens gehen Firmen von einer vorgegebenen Strategie aus, für die Projekte maßgeschneidert und umgesetzt werden. Dieses Vorgehen gibt dem ‚Treibstoff des 21. Jahrhunderts‘, der Kreativität wenig Raum. In Zeiten, in denen Expertise immer schneller veraltet, wird es wichtiger, Ideen und Zufällen eine Chance zu geben“, erläutert Jürgen Stäudtner, Innovationsberater von Cridon, in seiner Studie .

So etwas könnte sehr gut in offenen Systemen gelingen.

„Projekte können Phasen überspringen, neu in Phasen starten ohne in vorherigen Phasen bewertet worden zu sein oder extern durchgeführt werden. Klassicherweise bezieht sich Open Innovation darauf, dass man Partner oder Universitäten in die eigene Innovation einbezieht. Damit kehrt ein neues Paradigma in Firmen ein: ‚Proudly developed elsewhere‘ gibt externen Ideen den gleichen Stellenwert wie internen“, so Stäudtner.

Wie man Software fürs Ideen-Management einsetzen kann, demonstriert Stäudtner in einem kleinen Webinar, das wir via Hangout on Air live übertragen haben.

Ab Ende September werden wir so eine Plattform auch für die Bonner Next Economy Open am 9. und 10. November nutzen, um im Vorfeld schon Ideen, Projekte, Initiativen und Diskussionen zu identifizieren und mit Teilnehmern zu matchen. Das könnte Entwicklungen einleiten, die bis Anfang November realisiert und vorgestellt werden. Oder es könnten erste Überlegungen gefördert werden, um auf der NEO15 neue Projekte zu starten. Schließlich ist unser Leitmotto „Matchen – Moderieren – Managen“ 🙂

Siehe auch:

„Industrie 4.0 ist eine Beruhigungspille für den Mittelstand“

Auch „Open“: Jetzt basteln Google und Twitter eine Open-Source-Version von Facebooks „Instant Articles“

Ist wohl fahrlässig: Self Driving Car: Porsche & General Motors nehmen Entwicklung von Googles selbstfahrendem Auto nicht ernst.

Zur Google-Metamorphose: Blaupause für die Next Economy #Alphabet #NEO15 @netzpiloten #NotizAmt

Presseclub leider ohne blauen Dunst wie zu Zeiten von Werner Höfer
Presseclub leider ohne blauen Dunst wie zu Zeiten von Werner Höfer

Für meine neue Kolumne „Das Notiz-Amt“ bei den Netzpiloten habe ich mir nach langer Zeit wieder einmal den ARD-Presseclub angeschaut, der sich mit der neuen Holdingstruktur von Google auseinandersetzte.

Mit Marina Weisband, Mario Sixtus, Phillip Banse und Miriam Meckel war das sonntägliche Stelldichein in der Tradition von Werner Höfer auch gut und ungewöhnlich bestückt. Drei profunde Netzkenner und eine Vertreterin der klassischen Printmedien sprachen unaufgeregt über die Konsequenzen, die sich aus der Metamorphose des Suchmaschinen-Giganten ableiten lassen.

Google orientiert sich fortan an Berkshire-Hathaway-Holding des milliardenschweren Investors Warren Buffet und beendet damit das Dasein als Gemischt-Warenladen. Mit den neuen Führungsstrukturen kann man sich jetzt auf einzelne Sparten konzentrieren. Das Brot- und-Butter-Geschäft ist mit über 90 Prozent Umsatzanteil immer noch die Werbung via Adwords und Adsense. Mit dem Überbau “Alphabet” stärkt man den Glauben an das große Wachstum in den wilden Projekten, mit denen noch kein Cent verdient wird. Das operative Geschäft bleibt bei Google unter dem neuen Chef Sundar Pichai.

Bei einer Marktkapitalisierung von rund 440 Milliarden US-Dollar einen so radikalen Schnitt zu machen, ist für Miriam Meckel ungewöhnlich – zumindest in Deutschland und Europa. Hier werde eine neue Stufe in der digitalen Ökonomie gezündet, die man sich sehr genau anschauen sollte. Google entwickelt eine Blaupause für den radikalen Weg in die vernetzte Wirtschaft und zeigt, wie das funktionieren kann. Es erleichtert das Schrotflinten-Prinzip in den Aktivitäten außerhalb des Werbegeschäfts, betont der elektrische Reporter Sixtus:

“Sie schießen ganz viele Kugeln in ganz viele Richtungen ab und hoffen, dass irgendeine Kugel treffen wird.“

Das ist wohl der einzig gehbare Weg für die digitale Transformation.

Versuch und Irrtum für Zukunftsmärkte

Wer im technologischen Sektor in zehn Jahren noch überleben möchte, der müsse jetzt Produkte und Services für Märkte und für eine Nachfrage entwickeln, die es noch gar nicht geben kann. Wie das funktioniert, demonstrierte das Mountain-View-Unternehmen mit Google Maps, das vor zehn Jahren gestartet wurde. Erst 2007 war die Geburtsstunde des iPhone und erst danach entfaltete sich das mobile Internet. Damals galt noch das Blackberry als Krönung der Handy-Schöpfung. Als die mobile Revolution einsetzte, war Google mit einer wichtigen Anwendung sofort präsent. Das Wesen dieses Unternehmens unterscheidet sich von der Return on Investment- und Rentabilitäts-Denke in Teutonien.

“Die Gründer und Macher glauben an ihre Projekte, statt Gründe zu suchen, warum etwas nicht gehen kann“, erläutert Sixtus.

Suche, Mobilität, individualisierter öffentlicher Nahverkehr mit dem selbstfahrenden Auto, Vernetzung digitaler Infrastrukturen, Vernetzung von Städten, Robotik und industrielles Internet. Die Zukunftsthemen von Alphabet bauen auf die Daten-Intelligenz, die man sich seit der Gründung erarbeitet hat.

“Für das selbstfahrende Auto sind Karten unabdingbar. Nicht nur in 2-D, sondern auch in 3-D, wo selbst Ampeln und Bürgersteige abgescannt werden. Man braucht dafür die besten Daten-Ingenieure und die besten Daten“, so der Podcaster Philip Banse.

Deshalb rekrutiert Google die besten Genetiker, Hirnforscher, Elektrotechniker, Maschinenbau-Ingenieure (!), Chemiker und Forscher für Künstliche Intelligenz.

Die klügsten Köpfe arbeiten in Mountain View

Die klügsten Leute wollen bei Google arbeiten, konstatiert Marina Weisband. Mit flexiblen Arbeitszeiten, einem guten Betriebsklima, modernen Beteiligungsmodellen, genügend Freiraum für kreative Hobby-Leidenschaften und der Anwerbung von Mitarbeitern mit Migrations-Hintergrund sowie gebrochenen Lebensläufen bietet der Netz-Champion eine Diversität, von der deutsche Unternehmen meilenweit entfernt sind, auch wenn kluge Personalmanager wie Thomas Sattelberger das schon seit Jahren fordern.

Wir verplempern unsere Zeit mit industriepolitischen Scheindebatten, die schon vor drei Jahrzehnten nicht mehr zeitgemäß waren. Seit 1980 sind wir selbst nach den Maßstäben der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung kein Industrieland mehr. Auch der Begriff Industrie 4.0 führt in die Irre, weil er wirtschaftliche Aktivitäten immer noch nach Branchen sortiert.

Zukunftsentscheidend ist nicht mehr die Herstellung eines Kotflügels oder einer Einspritzpumpe, sondern die Verbindung von Daten, Software, Wissen und Algorithmen. Den Rest kauft man sich ein. Ausführlich im Notiz-Amt nachzulesen. Ab jetzt jeden Donnerstag – bei Sonne, Regen, Schnee, Wind und Wetter.

Das Thema wird uns auch auf der Next Economy Open #NEO15 in Bonn beschäftigen am 9. und 10. November.

Und auch morgen im Live-Hangout ab 16 Uhr.

Mitdiskutieren via Twitter-Hashtag oder den Frage-Button von Google Plus nutzen.

Wie die liebwertesten VWL-Gichtlinge die (netz-)ökonomische Wirklichkeit ausblenden #NEO15

Die VWL-Dünnbrettbohrer mit ihren ceteris paribus-Modellen würden fälschlicherweise Quantifizierung mit Wissenschaftlichkeit gleichsetzen.
Die VWL-Dünnbrettbohrer mit ihren ceteris paribus-Modellen würden fälschlicherweise Quantifizierung mit Wissenschaftlichkeit gleichsetzen.

Wolfgang Kasper, emeritierter Professor für Nationalökonomie der australischen Universität New South Wales, geht mit den Protagonisten der Wirtschaftswissenschaften hart ins Gericht. Die sogenannte Neoklassik operiere mit Scheinwissen. Politische Macht und unerwartete sowie schädliche Nebeneffekte von wirtschaftspolitischen Entscheidungen werden einfach wegdefiniert. Die VWL-Dünnbrettbohrer mit ihren ceteris paribus-Modellen würden fälschlicherweise Quantifizierung mit Wissenschaftlichkeit gleichsetzen. Die Modellschreiner und Makromechaniker bilden nach Ansicht von Kasper ein karriereförderndes Kartell. Lehrstuhlkandidaten, die Bürokraten und Minister-Aktivismus kritisieren, hätten nur geringe Chancen im undurchsichtigen universitären Ernennungsdickicht. So etablierten sich Professoren, die sich mit ökonometrischen Gefälligkeitsgutachten und Expertenrat in den Dienst von Politikern und Ministerien stellen. Wichtig wären Denkfabriken, Universitäten und Medien, die nicht vom Steuermäzenatentum abhängig sind.

Zudem brauche man eine Neuausrichtung der Wirtschaftswissenschaften:

„Das neoklassische Gedankengut stammt aus der Ära der Großindustrie mit Massenproduktion. Heute machen maßgeschneiderte Dienstleistungen zwei Drittel bis drei Viertel der Wirtschaftsaktivität aus. Und hier ist dezentrales Wissen der wichtigste Produktionsfaktor“, so Kasper.

Mit Mathematik und irgendwelchen unkritisch hingenommenen statistischen Schätzungen könne man leicht publizieren und promovieren.

„Und wo die Daten nicht ausreichen, da müssen eben ‚dummy variables’ und andere ökonometrische Tricks herhalten. Ich weiß aus eigener Erfahrung, wie ungern man einmal mühsam erlerntes ökonometrisches Wissenskapital ersatzlos abschreibt, auch wenn man merkt, dass die mathematische Ausdrucksweise ein armseliges, künstliches Esperanto darstellt, das für die wirtschaftspolitische Beratung bei weitem nicht das gleiche leisten kann wie das ordnungspolitische Idiom“, führt der Nationalökonom weiter aus.

Als lang gedienter Universitätslehrer und Institutsleiter weiß er, wie leicht das neoklassische VWL-Reportoire zu unterrichten ist.

„So kann man etwa mit dem Marshall’schen ‚ceteris paribus Kreuz’ von Angebot und Nachfrage oder dem makroökonomischen IS-LM Gleichgewicht ohne viel Anstrengung Vorlesungsstunden füllen und erspart den Studenten die Begegnung mit der viel komplexeren Realität, mit Wissen aus Soziologie, Geschichte, Psychologie, Institutionen oder Unternehmertum. Studenten ohne Lebenserfahrung finden die neoklassische Abstraktion zumeist befriedigend. Für das Examen reicht dies aus. Die meisten merken überhaupt nicht, dass sie um aufregende und anregende Wertediskussionen – etwa Freiheit versus Effizienz, oder Sicherheit versus Gerechtigkeit – betrogen werden.“

Erst später, wenn sie ihr Universitätswissen mit der Wirklichkeit konfrontieren, bemerken sie enttäuscht, dass sie mit völlig unbrauchbaren Modellen operiert haben. Man merkt es an den Fehlprognosen, die die Konjunkturforscher in jedem Jahr der Bundesregierung an die Hand geben.

„Die Ökonomen liefern mit ihren Modellen keine Aussagen über Kausalzusammenhänge, sie bieten lediglich mögliche Interpretationen vergangener Handlungen von Wirtschaftsakteuren“, schreibt Tobias Schmidt in der Zeitschrift Merkur.

Das Ganze ist eine Beschreibung vorhandener Datenreihen. Für die Zukunft folge daraus nichts, bemerkt der Merkur-Autor. Dennoch kommen solche Modell permanent zum Einsatz. Eine Zirkelschluss-Ökonomie mit Blick in den Rückspiegel unter Ausschaltung der wirtschaftlichen und politischen Realität.

Einen völligen Blindflug legen die liebwertesten Gichtlinge der Wirtschaftswissenschaften in netzökonomischen Fragen an den Tag. Die ungeheure Dynamik der digitalen Transformation mit ihren ständig neu aufkommenden Trends in der Informationstechnik und der Angriffslust der Internetkonzerne aus dem Silicon Valley stehen nicht auf den Lehrplänen von VWL und BWL. Wie sollte die Wettbewerbspolitik auf die Monopolstrategien von Google und Co. reagieren? Die Internet-Plattformen könnten machtpolitisch irgendwann zu einem Problem werden, warnt Professor Lutz Becker, Studien-Dekan der Fresenius Hochschule, im #BonnerSommerInterview.

Damit müssten wir uns gesellschaftlich auseinandersetzen, fordert Becker. Antworten von den unpolitischen Modellschreinern der wirtschaftswissenschaftlichen Institute sind da nicht zu erwarten. Gefragt wäre eher ein Ludwig Erhard des 21. Jahrhunderts mit netzökonomischer und soziologischer Expertise, der erkennt, wie man mit den großen Aggregationen des Silicon Valley ordnungspolitisch umgeht.

„Das nationale Kartellrecht ist mittlerweile ein zahnloser Tiger. AT&T ist im Vergleich zu Google aus nichtigem Anlass zerschlagen worden“, so Becker.

Das funktioniere im globalen Maßstab nicht mehr. Bislang gebe es keine Antworten auf die „Highlander-Märkte“ – also auf das Bestreben der amerikanischen Technologie-Konzerne nach absoluter Herrschaft: „Erst werden maximale Marktanteile angestrebt und erst danach fängt man mit der Abschöpfung an.“

Wie schnell sich Gewichtungen ändern ändern können, sehe man am iCar von Apple.

„Auf einmal sitzt selbst der Audi-Chef Rupert Stadler auf dem Beifahrersitz. Das haben diese Konzernchefs in der Geschichte der Automobilindustrie noch nie erlebt“, erläutert Becker.

Auch klassische Industrien werden durch die Plattform- und App-Ökonomie in neue oligopolistische Abhängigkeitsverhältnisse geraten, etwa durch 3D-Druck- und Robotik-Plattformen zu sehen.

Das Internet sei in vielen Bereichen zu einem Winner-takes-it-all-Markt geworden, schreibt der Kölner Ökonom Thomas Vehmeier:

„In dieser Welt ersetzt der ‘Wettbewerb um den Markt’ den ‘Wettbewerb im Markt’. Im Zentrum eines solchen Ökosystems sitzt ein Market Maker, alle anderen Unternehmen müssen ihre Strategien anpassen und degenerieren zu digitalen Pizzabring-Diensten.“

Für den herkömmlichen Reifenhändler oder Kleinverlag, für den ortsansässigen Apothekerbetrieb oder den Optiker seien das keine tauglichen Rezepte, um bei weiterlaufendem Bestandsgeschäft den Wandel einzuläuten. Diese Rezepte seien von der Realität in vielen Unternehmen zu weit weg und können daher nicht angegangen werden.

„Als Antwort bieten sich gegebenenfalls offene und multifunktionale Plattformen an, die mittelständischen Industrien im Sinne des Commons-Gedanken vor neuen ökonomischen Abhängigkeiten schützen, gleichzeitig neue Geschäftsmodelle sowie Zugänge zu internationalen Märkten eröffnen“, resümiert Becker, der mit seinen Studentinnen und Studenten auf der Next Economy Open am 9. und 10. November ein Forschungsprojekt vorstellen wird.

Bis November werden wir in Netzökonomie-Campus-Runden die Notwendigkeit einer ökonomischen Theorie des Internets auf die Tagesordnung setzen.

Man hört, sieht und streamt sich spätestens am Samstag, den 22. August, beim nächsten Netzökonomie-Campus in Hamburg.

Siehe auch:

APPLE PAY & CO KOMMEN: BLEIBT DA NOCH PLATZ FÜR ANDERE MOBILE-PAYMENT-ANBIETER?

Googles Umstrukturierung: Teilen und herrschen.

EIN PAAR GEDANKEN ZU GOOGLES “ALPHABET”.

Live-Hangout: Wie viel Smart Data steckt in Big Data? Autorengespräch mit Björn Bloching von @RolandBerger #NEO15

Über Datenstrategien, die Kunden wirklich wollen
Über Datenstrategien, die Kunden wirklich wollen

Die kalifornischen Nerds im Tal der radikalen Innovation dringen mit ihren digitalen Geschäftsmodellen und Software-Spielereien in nahezu jede Branche ein, schreiben Björn Bloching, Lars Luck und Thomas Ramge in ihrem neuen Buch „Smart Data“, erschienen im Redline Verlag. Während deutsche Führungskräfte in Meetings Worthülsen-Big-Data-Bullshit-Bingo spielen, klinken sich die amerikanischen Angebots-Aggregatoren und Datenauswerter in die Wertschöpfungsketten der klassischen Unternehmen ein und suchen den direkten Kontakt zu Geschäfts- und Privatkunden. Die drei „Smart Data“-Autoren nennen das Plattformisierung und Netzwerkeffekte:

„Der Clou an Plattformen in der digitalen Ökonomie ist: Sie können noch schneller und besser skalieren als Hersteller mit großer Marktmacht in klassischen Wertschöpfungsketten.“

Konsens-Mittelmaßkultur bringt keine technologische Expertise

Völlig unterschätzt werde eine neue Bugwelle, die auf kleine und große Unternehmen zukommt. TED-Talkerin Rachel Botsman nennt das „Collaborative Consumpition“:

„In Management-Etagen wird das Phänomen nach wie vor als Erscheinung mit begrenzter Branchen-Reichweite belächelt, der eigentliche Hebel dahinter wird aber nicht gesehen: Intelligente Kollektive drängen die Mittelsmänner aus der Wertschöpfung heraus – oder rollen wie im Beispiel Uber und Lyft gleich die ganze Branche auf“, erklären Bloching, Luck und Ramge.

Mit Konsens-Mittelmaßkultur, die hierzulande dominiert, wird man nicht die richtigen Antworten finden. Die drei Buchautoren erleben in ihren Gesprächen lähmende Orientierungslosigkeit bei den großen Noch-Champions, die nach und nach ihre unternehmerischen Ambitionen zurückschrauben.

Oder man wählt den Weg der politischen Protektion, um noch einigermaßen mit kleinen Margen zu überleben, wie die Netzbetreiber. Die politische Debatte um die Netzneutralität habe offenbart, dass es an guten Ideen für neue Geschäftsmodelle fehlt: „Denn hinter den unterschiedlichen Geschwindigkeiten im Netz steht ja nichts anderes als der Versuch, die Infrastrukturleistung, Daten zu leiten, höher zu bepreisen.“ Kein guter Plan für die Zukunft.

Was sich ändern muss, bespreche ich im Live-Hangout mit dem Smart Data-Co-Autor Björn Bloching.

Hashtag zum Mitdiskutieren ab 18 Uhr

Oder den Frage-Button von Google Plus nutzen – oben rechts am Video.

Man hört, sieht und streamt sich 🙂

Siehe auch:

Smart Data: Transparenz über Daten und Nutzungsrechte.

Wikileaks enthüllt Inhalte des geheimen TISA-Abkommens.

Über die Desorganisation der Netzbewegung und die Herrschaft der alten Eliten #DigitaleAPO @WinfriedFelser @th_sattelberger

Plädoyer für die digitale APO
Plädoyer für die digitale APO

Wenn wir nur auf die Technologie starren, kommen wir bei der Digitalisierung von Wirtschaft, Politik und Gesellschaft keinen Millimeter voran, so das Credo von Mister Unternehmer-Plattform Winfried Felser bei einer Diskussionsrunde von Interactive Cologne. Die Digitalisierung sei nur der Möglichmacher.

„Entscheidender ist die Änderung der Denkmuster. Wenn wir uns vom Ego-Denken nicht in Richtung Eco-Denken bewegen, passiert wenig. Die Meteoriteneinschläge sind nicht nur digital“, so Felser.

Digitale Fähigkeiten seien notwendig aber nicht hinreichend für die Transformationsfähigkeiten. Wenn wir weiterhin in Silos verharren und dabei ein wenig Facebook machen, ist das eben nur ein digitaler Zuckerguss, den ich in meiner The European-Kolumne beschrieben haben.

Wir brauchen Zugänge zu Wissen, Technologie, Diensten und Ideen in offenen und vernetzten Strukturen – ohne verkrustete Hierarchien, Seilschaften und Pseudoeliten. Was wir häufig in Deutschland erleben, ist das genaue Gegenteil. Die alten Eliten verbinden sich zur Absicherung ihrer Herrschaft bei gleichzeitiger Desorganisation der Gesellschaft. Je stärker das Internet die Vernetzung vorantreibt und jeder nicht nur Empfänger von Botschaften ist, sondern auch Sender, desto stärker versuchen sich die alten Eliten abzusetzen, damit es nicht zu einem übermäßigen Vordringen von „gewöhnlichen“ Leuten in die innere Welt der Cliquen und Klüngel kommt. Der Zugang zu den Netzwerken der Herrschenden bleibt versperrt. Nachzulesen im Standardwerk von Manuel Castells „Das Informationszeitalter I – Die Netzwerkgesellschaft“ und bei Winfried Felser.

Die Positionselite in Wirtschaft und Politik hilft bei der Desorganisation der Gesellschaft kräftig nach. Wie das funktioniert, konnte man beim Niedergang der Piraten beobachten. Es lag nicht nur an der inneren Zerstrittenheit. Das Establishment in Deutschland konfrontierte die netzpolitische Bewegung mit Themen, die nichts mit ihrer Kernkompetenz zu tun hatte. Leider sind die Piraten darauf reingefallen. Rettungsanker für Schlecker-Mitarbeiterinnen? Darauf hatten die Hasardeure der Weltmeere nicht sofort eine Antwort parat. Rente, Steuern, Mindestlohn, Afghanistan, Finanzkrise, Euro, Zebrastreifen, Verkehrsberuhigung in Pimpelhausen, Spontanvegetation an Straßenkreuzungen, Trittbrettfahrer beim Verpackungsrecycling, Sonnenfinsternis, Klimawandel, Stimmungsschwankungen in den Wechseljahren, Ausbreitung von gefährlichen Viren in Krankenhäusern: Zu all diesen Themen kamen von der Enterhaken-Partei keine Aussagen. Mit diesem recht simplen Trick konnten die Etablierten wieder zur Tagesordnung übergehen und die Digitalpolitik wieder zu einem Randereignis abstempeln.

Nach dieser Methodik verfahren auch einige Protagonisten der Wirtschaftswelt. Barcamps seien esoterischer Quatsch, Netzgemeinde oder Netzaktivisten klingen irgendwie nach Sekte. Alles dummes Zeug. Um auch in der digitalen Welt im vertrauten Klüngel-Kreis zu bleiben, gibt es ein paar Aktivitäten auf Facebook und Twitter – mehr nicht. Opium fürs Netzvolk.

Rein taktisch haben die etablierten Kräfte im Netz kräftig zugelegt, ihre digitale Kompetenz ist dennoch überschaubar. An dieser Schwachstelle sollten die Netzaktivisten ansetzen. Digitalisierung, Vernetzung und digitale APO sind gefragt 🙂 Wenn sich nichts tut, herrschen halt die alten Eliten weiter.

Auch das sollten wir ändern: Linkgeiz 2015 – kontinuierlich nachlassende Verlinkung der Bloggosphäre.

Siehe auch: Thomas Sattelberger und der Club der toten Dichter für unternehmerische Freidenker.

Doppelte Ignoranz: Monströse Netzszene und selbstverliebte Ingenieure #rp15 #Netzökonomie #nöccn

Wer ist monströser in der Digitalisierungsdebatte?
Wer ist monströser in der Digitalisierungsdebatte?

Von den wenigen netzökonomischen Impulsen, die jenseits der Lieblingsthemen der re:publica in Berlin in diesem Jahr vermittelt wurden, hat Ole Wintermann in einem Blogbeitrag die wichtigsten Erkenntnisse für die Wirtschaft zusammengetragen:

„Wir müssen gegen die Vorstellung der Traditionalisten argumentieren, die meinen, dass es sich bei den Folgen der Digitalisierung allein um eine Skalierung oder lineare Fortschreibung vorhandener Prozesse handeln würde.Es herrscht im Einklang damit ein relativ großes Unverständnis über die Bedeutung der digital ermöglichten Disruption und ihre Bedeutung für angestammte Tätigkeitsfelder eines Unternehmens oder auch einer Institution. Die Gesellschaft der zwei Geschwindigkeiten findet sich zunehmend auch innerhalb von Unternehmen. Die von Zuckerman beschriebene Systemkrise infolge von steigendem Misstrauen dürfte als Nächstes die Unternehmen treffen. Arbeiten 4.0 widerspricht systematisch (da dezentral, kreativ, flach, netzwerkbasiert, multikausal) dem in der deutschen Industrie sehr stark verankerten Ingenieurs-Denken. Dieser Widerspruch dürfte für Deutschland bald zum Problem werden. So wie der Wechsel auf digitale Plattformen die Macht der Kunden (Renzensionen, Transparenz, öffentlicher Druck) gegenüber den Konzernen gestärkt hat, wird Arbeiten 4.0 die Position der Arbeitnehmer gegenüber dem Arbeitgeber verändern.“

Sind deutsche Unternehmen auf diesen Wandel vorbereitet, fragt sich Wintermann. Ist die Netzszene darauf vorbereitet? Wer ist eigentlich das Monster in diesem Zustand des gegenseitigen Nichtverstehens? Diesen Aspekt behandelte Marco Petracca in einem bemerkenswerten re:publica-Vortrag mit einem Lagebericht aus den Chefbüros mittelständischer Industrieunternehmens. Die Hidden Champions des produzierenden Gewerbes blicken auf ihre Erfolgsgeschichten und können mit den Themen der Blogosphäre wenig anfangen.

„Sind wir in der Netzszene nicht viel monströser? Wir treiben mit hoher Geschwindigkeit die digitalen Themen voran und vergessen schlichtweg, diese Leute in der Provinz abzuholen“, kritisiert Petracca.

Die Lebenswelten von Mittelstand und Netzaktivisten klaffen weit auseinander. Firmeninhaber, Techniker und Ingenieure haben eine eher verschlossene Mentalität und sehnen sich nach Stabilität, die man in der Provinz noch vorfindet. Die Kommunikation endet häufig am Ortsausgangsschild. Das steht nach Auffassung von Petracca im krassen Widerspruch zu dem, was wir im Netz machen.

„Wir reden über Dialog und den Austausch von Wissen. Viele Unternehmen tun sich hingegen schwer, das zu kommunizieren, was sie aus ausmacht. Das ist kulturell tief verankert. Mittelständler sind sehr stark von ihrer Leistung geprägt, von Innovationen und Patenten. Das soll aber keiner wissen. Wir sind angetrieben von Denkansätzen wie Sharing, Share Knowledge, Big Data und einer Kultur der Beteiligung. Da ist der Kollisionskurs vorprogrammiert.“

Betriebsgeheimnis soll Betriebsgeheimnis bleiben.

„Bei uns ist jede Information auch eine Transaktion“, erklärt Petracca.

Was auf Konferenzen wie der re:publica abläuft, sei hochgradig spannend, hat aber nur wenig mit dem Erfahrungshorizont der Hidden Champions zu tun. Was wir offerieren, passe nicht zu den Anforderungen der Unternehmen. Der Austausch wäre jedoch wichtig. Spätestens wenn die Betriebe auf Wettbewerbsprobleme stoßen, die die digitale Sphäre auslöst. Wenn etwa Kunden der Hidden Champions Anlagen direkt über chinesische Absatzmärkte oder indirekt über eine Plattform wie Alibaba ordern und das deutsche Unternehmen mit dem dreifachen Preis auf der Strecke bleibt.

Der blinde Fleck in der Digitalisierung liegt also nicht nur in der Wirtschaft, sondern auch an der Mangelhaftigkeit der netzökonomischen Kompetenz von digitalen Konferenzformaten. Wir sollten also weniger über die digitalen Vorzeigeprojekte von Red Bull, Coca Cola & Co. sprechen, sondern über digitale Strategien für Firmen wie EDAG Engineering in Fulda nachdenken.

Schöner Denkanstoß von Marco Petracca, den wir beim nächsten Netzökonomie-Campus mit Käsekuchen am Sonntag, den 7. Juni aufgreifen und auch bei unserem Kölner Barcamp für Netzökonomie im November vertiefen werden.

Siehe auch:

DIE DIGITALE UND INNOVATIVE SPALTUNG: ALTEN UNTERNEHMERN FEHLT DIE NETZ-ERLEBNISWELT – NETZÖKONOMIE-CAMPUS WILL DAS ÄNDERN.

rivva

Schaut Euch doch mal regelmäßig die „ökonomischen“ Themen auf Rivva an, die den Sprung in den News-Aggregator schaffen. Eher ärmlich.

Industrie 4.0 reicht als Konzept für den digitalen Wandel nicht aus – Wo sind die netzökonomischen Kompetenzen? #HM15 #Industrie40

So geht Digitalisierung
So geht Digitalisierung

„Mit der digitalen Vernetzung der Produktion wird sich unser Verständnis von Industrie so nachhaltig verändern wie niemals zuvor“, so VDMA-Präsident Reinhold Festge zur Eröffnung der Hannover Messe. Die deutschen Hersteller seien für diese globale Veränderung bestens gerüstet, betont der oberste Maschinenbau-Lobbyist.

„Für die deutsche Industrie formuliere ich dabei nicht weniger als den globalen Führungsanspruch.“

Klingt famos. Aber die Realität sieht anders aus.

Bisher wird nach Ansicht von Manfred Broy (Professor für Informatik an der Technischen Universität München) und Dietmar Harhoff (Direktor am Max-Planck-Institut für Innovation und Wettbewerb und Vorsitzender der Expertenkommission Forschung und Innovation) der Industrie 4.0-Ansatz nur von einigen wenigen Unternehmen gelebt.

„Viele der zumeist mittelständischen deutschen Produktionsunternehmen nehmen von der Thematik bisher kaum Notiz und sind bestenfalls ratlos“, schreiben Broy und Harhoff in einem Gastbeitrag für die Montagsausgabe der FAZ.

Die Autoren bemängeln eine konzeptionelle Einengung:

„Digitalisierung und das Internet der Dinge werden auf einen produktionstechnischen Teilbereich reduziert. Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, Teile der deutschen Industrie seien fast erleichtert, dass das ungewohnte und eher unheimliche Thema Digitalisierung durch das Zauberwort Industrie 4.0 seinen Schrecken verliert und gebannt scheint. Aber die Hoffnung der deutschen Industrie, dass mit Industrie 4.0 der Digitalisierung hinreichend Rechnung getragen ist, ist trügerisch.“

Übersehen werde bei der Ausrichtung auf Industrie 4.0, dass die Digitalisierung vor allem Kunden (auch Geschäftskunden! gs) und Märkte verändert. Kein Kundenzugang sei umfassender, enger und schneller als der über das Internet, über internetbasierte Dienste. Hinzu komme, dass die oft als technikfeindlich verpönten Deutschen in Scharen in die schöne neue Welt der Digitalisierung strömen – ob Smartphone, Google, Facebook oder Amazon – das Potential der digitalen Wunderwelt ist höchst attraktiv, gerade auch für deutsche Konsumenten.

Die schnellen Skaleneffekte, die sich international verbreiten, die Ortsungebundenheit des Netze und die beliebige Vervielfältigung von digitalen Diensten lässt sich auch durch deutsche Gerichtsurteile (der Fall Uber) nicht aufhalten, betonen die beiden Wissenschaftler.

„Die Stärken der deutschen Wirtschaft – exzellente Ingenieurleistungen und das Beherrschen technisch anspruchsvoller Produkte – drohen dadurch ein Stück weit ins Hintertreffen zu geraten.“

Die Produkte und Dienstangebote digitaler Technik seien näher am Menschen als jede andere Technik zuvor. Das alles weise darauf hin, das Industrie 4.0 allein kaum eine überzeugende Antwort auf den digitalen Wandel darstellen kann. Reichen die netzökonomischen Kompetenzen von Ingenieuren und IT-Führungskräften für diese Aufgaben aus?

Ich glaube nicht. Und was denkt Ihr? Knackige Statements für meine The European-Mittwochskomumne würden mich erfreuen – die müssten bis Dienstagmittag bei mir eintrudeln. Entweder hier als Kommentar oder via E-Mail an gunnareriksohn@gmail.com

Siehe auch:

Geht schon in die richtige Richtung: MINI Augmented Vision – BMW stellt Smartglasses fuer Autofahrer vor.

Leider auch ein Problem: Weniger Gründungen, weniger neue Konzepte: Willkommen in der Post-Startup-Ära.

Klingt nicht gerade nach einem Industrie 4.0-Siegeswillen: Deutsche Unternehmen verlagern Investitionen ins Ausland.