Antizyklisch agieren: Harvey Nash-Chef Nadolski weitet Geschäft aus

Harvey Nash-Deutschlandchef Udo Nadolski
Harvey Nash-Deutschlandchef Udo Nadolski
Harvey Nash-Chef Udo Nadolski hatte schon im November 2008 eindrücklich davor gewarnt, wegen der Krisenberichterstattung mit Schockstarre zu reagieren und Investitionen zu stoppen: „Die wirtschaftliche Dynamik ist nicht nur abhängig von äußeren Faktoren wie Steuerlast oder Arbeitsgesetzen, sondern in hohem Maß auch von Psychologie. Für die Konjunkturentwicklung ist es relevant, wie es zu gleichgerichteten Verhaltensweisen der Bevölkerung bei jenen Faktoren kommt, die Expansion und Rezession beeinflussen; denn erst der Gleichschritt erzeugt die Durchschlagskraft, verstärkt die Wirkung so sehr, dass der Konjunkturverlauf einen schicksalhaften Rang erhält. Als Ursache ist ein sozialpsychologischer Faktor herausgearbeitet worden – Ansteckung. Sie wird ausgelöst durch übereinstimmende Motive der Wirtschaftsakteure, gemeinsame, unter bestimmten Umständen erweckte Vorstellungen, Nachahmung, Übertragung von Gefühlen und überspringende Stimmung…Deshalb sollten wir uns in der Realwirtschaft vom Chorheulen der Wölfe verabschieden und antizyklisch agieren. Investieren, konsumieren, Firmen gründen, zukunftsfähige Produkte und Dienstleistungen entwickeln. Die wirtschaftliche Prosperität ist abhängig von der Summe der Einzelentscheidungen“, so die Ausführung von Nadolski im vergangenen Jahr. Nach einem Bericht der Nürnberger Zeitung (NZ) lässt er jetzt auch Taten folgen. Mit der Übernahme des Mobilfunk-Teams von Alcatel-Lucent habe Harvey Nash ein attraktives Geschäftsfeld in der Hand. „Nash hat den Mobilfunk-Bereich mit fast allen Mitarbeitern übernommen. Denen wurde der Wechsel zum neuen Arbeitgeber vom bisherigen kräftig versüßt. Für eineinhalb Jahre bekommen die Mitarbeiter einen Bonus, der das Gehalt praktisch verdoppelt. Und: Nash wickelt nicht ab, sondern baut den Standort nach Aussagen von Nadolski aus: Seit Oktober wurden rund 20 Arbeitsplätze geschaffen. Zusätzlich sind 50 Externe beschäftigt“, so die NZ.

Zielgröße für Nürnberg seien 250 Beschäftigte, die von etwa 100 Spezialisten in einem Test- und Entwicklungszentrum in Vietnam unterstützt werden sollen. In Nürnberg habe man ein hochqualifiziertes Entwicklungsteam mit 170 Ingenieuren« in einem Marktsegment übernommen, in dem Ingenieursmangel herrsche. Alles Fachleute für sogenannte „embedded software“, also „für hardware-nahe Programmierung“. Dieses Know-how sei auch abseits des bisherigen Schwerpunkts Kommunikationstechnik heiß begehrt. Es werde praktisch überall gebraucht, etwa in der Medizin, Luftfahrt oder Verkehr. Potenzielle Kunden seien Siemens und Nokia sowie asiatische Anbieter. Einen ersten Auftrag der schwedischen Firma Ericsson habe Nadolski schon eingefahren. Ein großer Vorteil sei das hochmoderne Funknetz in Nürnberg. „Bei uns lassen sich neue Anwendungen, wie zum Beispiel Kommunikationsfunktionen im Auto oder neue Handy-Familien, inklusive des Netzwerkes komplett simulieren. Das kann kein kommerzieller Anbieter“, so Nadolski gegenüber der NZ.

Potenziale biete beispielsweise die neue Technologie Long Term Evolution (LTE) oder 4G, also die vierte Mobilfunk-Generation. Das konnte man an der Ankündigung von Verizon ablesen, dem größten US-Mobilfunkanbieter, sein Netzwerk in den nächsten Jahren auf LTE umzustellen. Mobilfunk-Experte Dirk Zetzsche von der Harvey Nash-Tochter Nash Technologiesgeht davon aus, dass vor allen Dingen die Länder der westlichen Hemisphäre auf die LTE-Technologie setzen werden. Sein Unternehmen betreibe in Nürnberg bereits ein eigenes Netz für Feldtests der Netzbetreiber.

Generell werde der Trend zu vernetzten Welten für einen wirtschaftlichen Schub sorgen.
Davon geht auch die Studie „IT-Industrie 2020“ von A.T. Kearney aus. Zu den besonders wachstumsstarken IT-Sektoren zählt das Beratungsunternehmen die sogenannten Embedded Systems – IT-Komponenten, die in andere Produkte wie etwa Automobile oder Industrieanlagen integriert sind -, sowie Softwaresysteme. Beide Sektoren sollen bis 2020 um 8,5 beziehungsweise 6,2 Prozent pro Jahr wachsen – und dabei als Nachbrenner für die Gesamtwirtschaft fungieren.

Geklaute Mobilfunkwelten, LTE-Feldversuche in Nürnberg und kognitive Funktechnik

dsc_0008Technikjournalisten zufolge haben der Mobile World Congress in Barcelona und die Cebit in Hannover keine Impulse für die Mobilfunkwelt gebracht. Am Ende bleibe nur Enttäuschung und Ratlosigkeit: Keine spektakulären Ideen, wenig Neuvorstellungen und Inspirationen. „Was in diesem Jahr geboten wurde, war vor allem peinlich. Einer guckt vom anderen ab. Microsoft kommt mit seinem neuen Betriebssystem 7 für Taschencomputer nicht in die Puschen. Was macht der Konzern? Er präsentiert ein Interims-Release, Windows Mobile 6.5, und die wichtigste Neuerung ist die Möglichkeit, die Geräte nun besser mit dem Finger zu steuern. Abgeschaut bei HTC und seinem Touch Flo-System und natürlich bei Apples iPhone“, schreibt FAZ-Redakteur Michael Spehr. Auch der vom Handy aus erreichbare Marktplatz für Software stamme ursprünglich von Apple. Microsoft mit dem Windows Marketplace und Nokia mit dem Ovi Store würden nur nachahmen. „Wenn Apple neuerdings den Handy-Speicher mit seinem ‚Mobile Me’ ins Internet hinein erweitert, auf dass man mit iPhone und PC auf ein und denselben Datenbestand zugreife, heißt das Plagiat von Microsoft ‚My Phone’ und bei Nokia abermals ‚Ovi’. Die Zielrichtung der großen drei ist damit klar: Wer sich für eines dieser Konvergenzprodukte entscheidet, bindet sich fest an den betreffenden Anbieter, denn natürlich ist nichts untereinander kompatibel“, so Spehr. Insgesamt sei der Auftakt des Mobilfunkjahres 2009 ein Debakel.

„Diese Einschätzung kann ich nicht teilen. Man sollte sein Augenmerk auch nicht nur auf neue Handys oder Smartphones setzen oder welche Apple Store-Kopien sich durchsetzen werden. Vielmehr zeigte der Kongress in Barcelona dem geneigten Fachbesucher zum Beispiel eines: Die neue Technologie Long Term Evolution (LTE) oder 4G, also die vierte Mobilfunk-Generation kommt ins Laufen. Das konnte man zum Beispiel an der Ankündigung von Verizon ablesen, dem größten US-Mobilfunkanbieter, sein Netzwerk in den nächsten Jahren auf LTE umzustellen. Dabei haben Alcatel-Lucent und Ericsson den Zuschlag bekommen. Wie ich finde, eine gute Nachricht für die europäische Telekom-Branche. Nicht zu übersehen war auch die fulminante Präsenz von Ausrüstern aus Asien, allen voran China mit Huawei und ZTE, die eine zunehmende Konkurrenz für die europäischen und amerikanischen Platzhirsche darstellen. Die haben den Ernst der Lage jedoch erkannt“, erläutert Mobilfunk-Experte Dirk Zetzsche von Nash Technologies in Nürnberg. Er geht davon aus, dass vor allen Dingen die Länder der westlichen Hemisphäre auf die LTE-Technologie setzen werden. Sein Unternehmen betreibe in Nürnberg bereits ein eigenes Netz für Feldtests der Netzbetreiber.

So habe der Nokio-Chef Olli Pekka Kallasvuo eine Partnerschaft mit dem Erzrivalen Qualcomm angekündigt, um neue Handys zu bauen, basierend auf den Chipsätzen von Qaulcomm und Nokias S60 Plattform. „Alles in allem kein schlechter Auftakt in das Mobilfunkjahr 2009, auch wenn das kaffeekochende Smartphone und der einzigartige Superstore nicht gezeigt wurden“, meint Zetzsche im Gespräch mit NeueNachricht.

Allerdings klaffen zwischen den Funktionen der neuen Endgeräte und den angebotenen Diensten der Netzbetreiber noch Lücken, betont Aastra-Deutschlandchef Andrea Latzel. „Ob die eingebaute Kamera sechs, acht oder zwölf Megapixel Auflösung hat, spielt im Grunde keine Rolle, genauso wenig, ob das Betriebsystem des Smartphones Mac OS X, Windows Mobile, Symbian oder Android heißt. Insofern variieren die gezeigten Geräte den zur Verfügung stehenden Pool an Leistungsmerkmalen in beliebiger Kombination. Was aber auch nicht wundert, da die den technischen Plattformen der Handys zugrunde liegenden Prozessoren und Chips ziemlich gleich sind“, sagt Latzel. Die Rückkopplung der Leistungsmerkmale auf die angebotenen Dienste der Netzbetreiber entscheidet, ob Geräte in die Subventionierung über Mobilfunkverträge gehen oder nicht. „Und damit entscheidet sich, ob ein Gerät ein Massenmodell wird oder ein Nischenmodell in geringer Stückzahl bleibt. Die Situation um mobiles Fernsehen in Deutschland und das Mobile 3.0 Konsortium hat deutlich gezeigt, dass Technologie und Inhalte keine kommerzielle Chance haben, wenn die Netzbetreiber nicht in die Geschäftsmodelle involviert sind. Mit der Broadcast-Übertragung über DVB-H und der Lizenz im Besitz eines Konsortiums ohne Teilnahme der Mobilfunknetzbetreiber war im Grunde das Scheitern dieses Dienstes vorprogrammiert“, kritisiert Latzel.

Was derzeit weiter fehle, seien interessante und gleichzeitig für den Betreiber profitable Anwendungen. Apple habe das mit dem iPhone und iTunes exemplarisch vorexerziert, und damit auch die Netzbetreiber eingefangen. Wobei die Mobilfunknetzbetreiber nur als Vertriebsvehikel und Bitpipe für Apple dienen würden. Richtig Spaß wird der Mobilfunk erst machen, wenn man sich als Anwender über die kryptischen Abkürzungen wie GMS, GPRS, HSDPA, EDGE, Bluetooth, UMTS, WLAN oder LTE keine Gedanken mehr machen muss. Abhilfe könnte der so genannte „kognitive Funk“ schaffen: „Das Telefon der Zukunft sucht sich die schnellste oder billigste Verbindung automatisch aus – der Nutzer muss sich um lästige Details nicht mehr kümmern. Kommt man unterwegs zum Beispiel an einem offenen WLAN vorbei, schaltet das Handy nahtlos von der teuren UMTS-Verbindung auf WLAN um – und verbindet sich beim Verlassen des Netzes ohne Unterbrechung wieder mit UMTS“, berichtet die Zeitschrift „Technology Review“.

Bereits in drei Jahren könnte es nach Prognosen von Intel-Forscher Krishnamurthy Soumyanath erste Chips geben, in denen Ansätze von kognitiver Funktechnik enthalten sind. Das größte Problem sei nicht technischer, sondern wirtschaftlicher Natur. Man brauche völlig neue Vertragsmodelle, Bezahlsysteme und gegenseitige Vereinbarungen der Netzbetreiber.