Die leeren Versprechen der App-Economy

Die App ist nicht tot, wie es das Digitale Quartett als These diskutierte, sie war wohl noch nie so richtig lebendig. Zu dieser Einschätzung neigt jedenfalls Bernd Stahl, Netzwerkspezialist von Nash Technologies in Stuttgart. Ein Versprechen habe die App-Economy bislang nicht eingelöst:

„Die Kombination von Apps zu größeren Applikationen. Da ist noch nichts passiert. Jede App ist autark und macht nicht viel mit anderen Diensten. Es gibt zwar einige einfache Kombinationen wie den Kalender auf dem iPhone. Aber so richtig begeistert hat mich das nicht. Man sieht nichts von komplexeren Software-Architekturen wie man das in der traditionellen Software-Entwicklung kennt. Da ist noch ziemlich viel Luft nach oben. Die Frage ist, ob die App-Anbieter sich überhaupt in diese Richtung bewegen“, so Stahl.

Es müsste möglich sein, ein größeres System in einem Framework aus vielen Applikationen zusammen zu bauen. Also die Überwindung der Software-Krise durch die Schaffung von einfach nutzbaren Apps.

„Irgendwie klappt es mit der Modularisierung von Apps nicht so, wie man sich das anfänglich vorgestellt hat“, sagt Stahl.

Es sei immer noch eine große Aufgabe, die komplexen Anwendungen nach den Grundsätzen der Vereinfachung für Massenanwendungen zu gestalten. Ein Aspekt, den Bernd Stahl beim virtuellen Blogger Camp am Mittwoch, den 28. November um 18,30 Uhr vortragen wird.

Abstürzende Applikationen, Fehlanzeige bei Service-Apps und überforderte Entwickler, die mit irgendwelchen Tools ihre Kunden in die mobile Welt heben wollen. Es gibt sehr viel Schrott auf dem Markt der mobilen Applikationen, kritisiert auch Ralf Rottmann vom Kölner Unternehmen Grandcetrix in Köln:

„Man sieht, wie sich die Entwicklungen der 80er und 90er Jahre wiederholen. Jeder kann leicht auf den App-Zug aufspringen und super leicht Entwickler werden. Wie man bei GeoCities damals blinkende einfache Webseiten gesehen hat, weil das eine einfach zugängliche Technologie war, sieht man es heute bei Apps.“

Da seien sehr viele Laienspieler am Werk. Gleichzeitig führe dieser vermeintliche Goldrausch auch dazu, dass jeder erst einmal auf den Zug aufspringt.

„Es werden oft irgendwelche Apps in den Store geschoben, in der Hoffnung den nächsten Millionen-Seller entdeckt zu haben. Die Erfahrung zeigt, dass das so nicht funktioniert. Es sind Softwareentwicklungsprojekte und es gelten die gleichen Mechaniken und Mechanismen wie bei der ganz normalen und klassischen Softwareentwicklung auch“, sagt Rottmann im ichsagmal-Interview.

Wenn es um anspruchsvolle Aufgaben für den Unternehmensalltag geht, bietet die App-Economy noch nicht sehr viel. Netzexperten sehen hier Änderungsbedarf. In Deutschland sieht es bei Apps für Transaktionen, After-Sales, Produktanfragen oder Möglichkeiten für Beschwerden noch düster aus.

Natürlich gebe es heutzutage viele Kundencenter-Apps, die Standardfunktionen aufweisen. In der Regel würden die Unternehmen in den Call Center-Strukturen mit wilden Prozessen operieren, die nicht ineinander greifen. Diese Kulturen könnten für mobile Anwendungen und soziale Netzwerke nichts leisten. Es wirke sich sogar kontraproduktiv aus, da die Missstände im Service jetzt öffentlich werden.

„Ich kenne selber viele Call Center, in denen es mittlerweile eine Twitter-Truppe gibt. Diese vier Mitarbeiter sind meisten nicht in den Prozess integriert, bedienen einen anderen Kanal und das heißt dann Multi Channel-Strategie. Die Serviceindustrie redet seit 20 Jahren über Multichannel und will die Kunden über verschiedene Touch Points abzuholen. Solange ich nicht den kulturellen Wandel im Unternehmen mache, nützt das nichts. Es wird nur eklatanter. Durch Social Media kann jeder heute sehr schnell sehr laut werden. Deshalb liest man mehr über Service, der nicht funktioniert und man bekommt es viel mehr mit. Wenn ich telefoniere, dann erzähle ich es nur meinem engen Netzwerk. Wenn es über Twitter läuft, dann erzähle ich es unter Umständen tausendfach“, erläutert der App-Experte von Grandcentrix.

Die Verschlafenheit in vielen Chefetagen liege wohl auch an der mentalen Verfassung der so genannten Digital Immigrants oder Digital Ignorants, moniert Heinrich Welter von Genesys:

„Nur wer sich selbst intensiv mit dem Möglichkeiten neuer Geräte wie dem iPhone oder iPad beschäftigt, kann verstehen, welche fundamentale Änderung durch die Multi-Modalität der Geräte in Verbindung mit Nutzerfreundlichkeit, Haptik, Interface und Spaßfaktor entsteht. Hier geht es nicht darum, bunte Alternativen zu bestehenden Services zu bieten, sondern Services vollständig neu zu erfinden.“

So eine Art Kundenversteher-App, die Ityx-Manager Andreas Klug beim ersten virtuellen Blogger Camp ins Spiel gebracht hat.

„Warum gibt es keine Smartphone-App ‚Ich will einen Stromanschluss haben’. Ich tippe den Dienst an und werde durch ein Menü geführt. Im Dialog mit der App wird sofort festgestellt, was ich als Kunde möchte. Einen Anschluss anmelden, kündigen oder ummelden, Kontodaten abgleichen, den Zählerstand fotografieren, einen Dauerauftrag einrichten, Umzug organisieren oder einen Anbieterwechsel vornehmen“, so Klug.

Das Ganze stehe gebündelt in einer virtuellen Akte jederzeit zur Verfügung und kann personalisiert verarbeitet werden.

„Es wird mir ein Preis vorgeschlagen und der Makler sorgt dafür, dass ich am nächsten Tag einen Stromanschluss habe. Mit Künstlicher Intelligenz kann man diese Daten auslesen und punktgenau bearbeiten wie bei der Anfertigung eines Maßanzuges. Das muss kein Servicemitarbeiter mehr machen. Ich bin sogar davon überzeugt, dass viele Mitarbeiter im Kundendienst solche Dinge schlechter bearbeiten als Maschinen. In der App-Economy könnte man den Kunden sehr viel mehr bieten, um das Warteschleifen-Syndrom vom Tisch zu fegen“, erklärte Klug in dem Live-Hangout mit Hannes Schleeh, Dirk Elsner, Frank Schulz, Andreas Prokop und Robert Redl.

Gleiche Effekte erzeugt man mit der sozialen Intelligenz der vernetzten Kunden über Chats, selbsterklärende Youtube-Videos, öffentliche Dialogformen in Live-Hangouts, Foren, kompetente Facebook-Teams, Twitter-Nachrichten und smarte Web-Services. Unternehmen und Kunden sparen sich dann Zeit und Ärger.

Wie der Kundenservice vernetzt, intelligent und einfach auf die Beine gestellt werden kann und generell die Prinzipien der Vereinfachung bei der Bedienung von Produkten und Diensten beachtet werden, steht bei der ersten Session des Blogger Camps am 28. November um 18,30 Uhr im Vordergrund. Um 19,30 diskutieren wir dann über neue Konzepte der virtuellen Kommunikation. Man sieht und hört sich also spätestens in einer Woche.

Am Freitag gibt es von 15,30 bis 17,30 einen Live-Hangout vom Haus der Architektur in Kölle. Thema: Neue Medien in der Planung: Fluch und Segen – Offene Veranstaltung der Deutschen Akademie für Städtebau und Landesplanung NRW.

Auf Facebook hat sich übrigens spontan eine Initiative gebildet, um eine Qualitätsoffensive bei der App-Entwicklung anzustoßen. Vielleicht hat ja noch jemand, bei diesem Projekt mitzumachen.

Man freut sich ja schon über Kleinigkeiten in der App-Economy: Jetzt kann man den Beziehungsstatus auch über die Facebook-App ändern. Grandios.

Reaktion auf Twitter:

IT-Gipfel: Stelldichein von Männern in dunklen Anzügen und einer Dame im Hosenanzug #itg12

Männer in dunklen Anzügen gaben sich in Essen ein Stelldichein und scharten sich um eine Dame im Hosenanzug: Man nennt das Spektakel auch „Nationaler IT-Gipfel“, der jährlich in einer anderen Stadt zelebriert wird. Organisiert vom Bundeswirtschaftsministerium, veredelt mit weihevollen Auftritten des Bitkom-Präsidenten und der Bundeskanzlerin Angela Merkel.

Es ist eine Bühne für Schulterklopfereien und der Präsentation von neuen Broschüren über die Wunderwelt der Digitalisierung und Vernetzung. Dialog, Partizipation, Transparenz? Fehlanzeige. Klarheit über den Stellenwert der vernetzten Ökonomie, Politik und Gesellschaft steht bei diesem Schaulaufen der Eitelkeiten nicht an erster Stelle der Themenagenda. Im Gegenteil. So wurde mehrfach von Mitgliedern der Bundesregierung behauptet, man habe das Ziel des Breitbandausbaus erreicht. Ein schnelles Internet sei die Voraussetzung für die Szenarien, die auf dem Gipfeltreffen unter dem Stichwort „Intelligente Netze“ vorgestellt wurden.

Mit intelligenten Netzen versteht man Infrastrukturen, „die durch moderne Informations- und Kommunikationstechnologien neue Eigenschaften und innovative, übergreifende Anwendungen erfahren. Intelligente Netze nutzen die klassischen Breitbandnetze (Festnetz oder Mobilfunk) und entwickeln diese weiter, indem sie bereichsspezifische und bereichsübergreifend neue Anwendungen in den Feldern Energie, Verkehr, Gesundheit, Bildung und Verwaltung möglich machen“, so die Formulierung im feinsten Bürokratendeutsch, die ich der Studie „Gesamtwirtschaftliche Potenziale intelligenter Netze in Deutschland“ von Bitkom und Fraunhofer ISI entnommen habe.

In Wahrheit definiert sich der IT-Gipfel-Hofstaat von Frau Merkel den Breitbandstatus schön: Ein Megabit pro Sekunde (Mbit/s) sei schon so etwas wie eine Breitbandverbindung.

„Legt man diese Zahl zugrunde, sind nach einem neuen Expertenbericht zum Breitbandatlas des Wirtschaftsministeriums inzwischen 39,4 Millionen oder 98,7 Prozent der Haushalte mit einer Breitbandverbindung ausgestattet. Dieses Ziel habe man 2011 ‘mit leichter Verspätung’ erreicht, heißt es jetzt aus dem Wirtschaftsministerium”, so Spiegel Online-Redakteur Christian Stöcker.

Dass man sich mit diesen willkürlichen Festlegungen selbst in die Tasche lügt, ist wohl auch der Bundesregierung bewusst. Erst ab einer Downloadrate von 30 Megabit pro Sekunde könne man von Breitband sprechen, erklärt der Booz-Berater Roman Friedrich. In deutschen Ministerien seien diese Zusammenhänge schlichtweg nicht bekannt:

„Man ist stolz darauf, dass wir zwei Megabit haben. Was helfen uns zwei Megabit? Der Markt geht woanders hin“, kritisiert Friedrich.

Es gebe eine ganz starke Korrelation zwischen der Infrastruktur-Ausstattung eines Landes und dem Sozialprodukt.

„Hier fallen wir zurück. Im weltweiten Maßstab sinken unsere Investitionen für Festnetz, Mobilfunk und Breitbandkommunikation. Wir verschenken damit Wachstum. Das ist leider ein Ergebnis der Regulierung.”

Vielleicht sollten die Marktforscher von TNS-Infratest ihre Indikatoren etwas genauer justieren, bevor sie behaupten, dass die digitale Wirtschaft im internationalen Vergleich auf dem sechsten Platz steht. In puncto schnelles Internet sind wir im weltweiten Vergleich auf einem Abstiegsplatz.

Und was macht Wirtschaftsminister Rösler? Richtig. Wenn ich nicht mehr weiter weiß, gründe ich einen Arbeitskreis oder eine Arbeitsgruppe, die unter Ausschluss der Öffentlichkeit wieder neue Papierchen produziert, die als Hochglanzbroschüren auf dem nächsten IT-Gipfel ausgelegt werden.

Vielleicht sollte der ehemalige IBM-Cheftechnologe Gunter Dueck die Programmhoheit für das Gipfeltreffen übernehmen. Denn er spricht ja in klaren und eindeutigen Worten von der Notwendigkeit Dueck spricht von der von der Notwendigkeit einer „strukturkultivierenden Marktwirtschaft“. Der Staat müsse die Infrastrukturen auf die Zukunft ausrichten. Zu einem solchen Schritt würde sich niemand entschließen. Ein superschnelles Internet sei für die Wirtschaft und für die Transformation zur Wissensgesellschaft unabdingbar.

„Dieselben Leute, die die 60 Milliarden für die Zukunft nicht geben wollen, argumentieren wie selbstverständlich, dass der entscheidende Anstoß zu Deutschlands Wirtschaftswunder der energische und kompromisslose Ausbau des Autobahnnetzes in den 1960er-Jahren war, der für Deutschland eine moderne Infrastruktur schuf.“

Ein kompromissloser Ausbau des Internets hätte ähnlich dimensionierte positive Auswirkungen.

Ein großer Teil der Wertschöpfung wandere schon jetzt in die digitalisierte und vernetzte Ökonomie, erklärt Bernd Stahl, Netzwerkspezialist von Nash Technologies in Stuttgart. Da gehe schon vieles an Deutschland vorbei. Wenn schon Steuergelder für einen Kongress wie dem IT-Gipfel ausgegeben werden, sollte man zumindest den Mut haben, jedes Jahr einen Kassensturz über den Status der Digitalisierung und Vernetzung zu organisieren. Es fehlt eine offenen, transparente und streitlustige Kultur der Beteiligung. Etwa bei den vorbereitenden Tagungen der IT-Gipfel-Arbeitsgruppen. Die könnte man über Hangout On Air live ins Netz streamen, so das Resümmee von Hannes und meiner Wenigkeit in einem Hangout, den wir auf dem IT-Gipfel starteten.

Oder in den Worten des Microsoft-Managers Ralph Haupter (Herausgeber des Buches „Der digitale Dämon“):

„Wir brauchen eine beständige argumentative Auseinandersetzung aller Beteiligten – Piraten und IT-Manager, Datenschützer und datenhungrige Innenpolitiker, wissenschaftliche Koryphäen und geniale Nerds, Weltkonzerne und Hinterhof-Firmen. So unterschiedlich die Themen und Positionen der Autoren in diesem Buch sind, so gibt es doch einen gemeinsamen Nenner: Nur durch die Auseinandersetzung mit den gesellschaftlich, politisch und wirtschaftlich relevanten Fragen der digitalen Revolution kann ein gesellschaftliches Systemvertrauen geschaffen werden.“

Zu den erfrischenden Auftritten zählten übrigens Verena Delius von goodbeans und Christian Nagel von Earlybird Venture Capital.

Und natürlich die Begegnung mit Torsten Jensen 🙂

Ansonsten teile ich die Einschätzung von Markus Beckedahl: IT-Gipfel: Eine teure Alibi-Veranstaltung.

Unser Versprechen, auf dem IT-Gipfel wenigstens eine Reform des Rundfunkstaatsvertrages für eine Legalisierung von Livestreamings im Netz anzustoßen, haben wir ja erfüllt. Siehe unser IT-Gipfel-Resümee-Video. Das hat mir Spaß gemacht, der IT-Gipfel nicht.

Hangout On Air als „Killerapplikation“: Mein Social Media Breakfast-Resümee

Beim Besser Online-Kongress des DJV im Sommer hatte der Berater Christoph Salzig auf eine unterschätzte Größe bei Google Plus hingewiesen: Hangout On Air. Hier könnten sich ganz neue Formate zur Einbindung der Netzöffentlichkeit entwickeln. Den Livestreaming-Dienst wertet der Social Media-Experte Hannes Schleeh gar als Killerapplikation für Google. Und er hat recht. Beim heutigen Social Media Breakfast von Harvey Nash in München haben wir das unter Beweis gestellt. Es ging um den Einfluss von sozialen Medien auf die Unternehmensorganisation im allgemeinen und der IT im speziellen. Die zweistündige Veranstaltung war nicht nur kurzweilig, sie war meinungsfreudig, kontrovers und interaktiv.

Hannes war mit seinem mobilen Hangout On Air-Studie verantwortlich für Regie und Technik, meine Wenigkeit für die Moderation. Man kann mit dem Google Plus-Dienst Diskussionsrunden von Firmen, Verbänden, Medien oder Vereinen nicht nur live ins Netz heben und den Stream an vielen Stellen des Internets einbetten, sondern über die Youtube-Aufzeichnung, die wenige Minuten nach Ende der Liveübertragung vorliegt, unendlich reproduzieren und kommentieren. Inhaltlich habe ich die Keynote von Mirko Lange und die anschließende Paneldiskussion mit Mirko, Wolfgang Franklin vom cioforum, Peter Schmutzer von Intel Mobile Communications und Domminick Dommick von Payback noch nicht ausgewertet – das folgt in den nächsten Tagen.

Aber schon jetzt kann ich sagen, dass dieses Format Zukunft hat und von uns fortgesetzt wird. Neben dem Blogger Camp und dem virtuellen CIO-Gespräch werden Hannes und ich regelmäßig virtuelle Roundtable-Gespräche, Liveübertragungen von Kongressen, Vorträgen und Interviews auf die Beine stellen.

Wer da mitmachen möchte, ist herzlich eingeladen. Weitere Ideen sind natürlich auch willkommen. Wir könnten das in einem Hangout besprechen 🙂

Ich habe Prozesse, also bin ich: Ausblick das Expertengespräch in München #socialbreakfast

Umstrukturierung, Neuorganisation oder die Fokussierung auf Kernkompetenzen sind die semantischen Speerspitzen der Manager und überraschen auf ähnliche Weise wie Effizienz, Effektivität und das Prozessmanagement von Ideen, Innovationen und Kreativität – alles natürlich auf Basis der neuesten Solutions, Tools und Implementierungen. Manager wollen zu jeder Zeit kreativ, innovativ und effizient an ihrer Effektivität arbeiten. Das geht am besten mit ganzheitlichen Strategien, um den Kunden wieder stärker zu fokussieren und kostenoptimal den Return on Investment zu erarbeiten.

In Vorstandsetagen wird täglich in „Meetings“ nach der „Strategy“ gefahndet, um sich besser aufzustellen, neue Projekte einzukippen, „Commitments“ zu erzielen und am Markt durch „Empowerment“ den ultimativen USP zu erreichen. USP steht für „Unique Selling Proposition“ und ist in seiner Bedeutung profan: das einzigartige Verkaufsargument. Statt der hier aufgezählten Bullshit-Hitparade könnte man auch die Aussage „Kuchen“ aus der äußerst witzigen Sparkassen-Werbung setzen und wäre am Schluss genauso schlau wie vorher. Gunter Dueck hat in seiner legendären Kolumne in der Zeitschrift Informatik Spektrum wieder ein paar schöne Praxisbeispiele aufgeführt, die die Schattenseiten der Prozess- und Systemdiktatur in Organisationen beleuchten – etwa bei der Buchung eines Hotels für die Vorbereitung einer Geschäftsreise:

„Das Unternehmenssystem erlaubt keine Hotels über Y Euro pro Nacht. Leider ist das gute Hotel genau am Bahnhof zwei Euro (!) teurer. Ich muss oft in den Ort. Ich bestelle es trotzdem, es geht nicht. Ich bestelle es per Telefon, das geht. Es ist wie beim Arzt mit X. Ich entscheide X, aber es ist eine Ausnahme. Nun gibt es Ärger. Warum? Ich begründe: ‚Ich komme mit der Bahn zum Bahnhof. Wenn ich ein anderes Hotel nähme, müsste ich Taxi bezahlen, dann Taxi am nächsten Morgen zur Konferenz. Das ist viel teurer, außerdem kostet es die Zeit. Vom Bahnhof zur Konferenz-Messe Ost geht die U-Bahn. Es ist also billiger, spart Zeit und ist angenehm.'“

Und das Controlling reagiert eben mit Prozess-Diktatur. Das Ganze sei ja einsichtig und klar, aber es erzeugt zu viele Ausnahmen.

DIE SYSTEME und die Menschen hinter den Systemen mögen eben keine Ausnahmen.

„Jede Ausnahme versetzt irgendwie in Panik, weil sie viel Stress erzeugt. So viel, dass wir mehr und mehr einfach kuschen“, bemerkt Dueck in seinem Beitrag unter dem Titel „Suche nach dem gesunden Menschenverstand“ (Informatik Spektrum, Heft 5/2012 – alleine die Fachzeitschrift ist ein guter Grund, Mitglied der Gesellschaft für Informatik zu werden).

Wir seien Gefangene der Prozesse. Und die dort festgelegt Regeln lassen kaum Spielraum für Ausnahmen und Abweichung. Es könne nicht sein, so Dueck, dass ein Prozess alle Mitarbeiter zur Teilnahme an einem „Kickoff“ einlädt und die Präsenz zur Pflicht macht und ein anderer Prozess die dadurch erzwungenen Reiseanträge aus Spargründen ablehnt. Dueck plädiert für die Kreation von Prozessen mit gesundem Menschenverstand.

Wie die Prozessdiktatur von IT-Systemen zur Offenheit des Social Webs passt, diskutiere ich morgen in einer illustren Runde beim Social Media Breakfast von Harvey Nash. Hauptredner Mirko Lange, Geschäftsführer von talkabout. Für die Liveübertragung sorgt Hannes Schleeh als Mister Hangout On Air. Den Stream kann man sich von 9 bis 11 Uhr im Blog „Das virtuelle CIO-Gespräch“ anschauen. Hashtag für Twitter-Zwischenrufe während der Liveübertragung #socialbreakfast

Siehe auch meine Kolumne über die Ökonomie des Teilens.

Und die NeueNachricht-Meldung: Wie digitale Mitmachmedien die IT in Organisationen verändern

Lesenswert: Generation O-Promi: Was wenn immer mehr Mitarbeiter Online-Zelebritäten sind?

Und: Wann hat der Arbeitgeber Anspruch auf Herausgabe der Social Media-Accounts seiner Arbeitnehmer?

Wird auch das Fernsehen Opfer der zerstörerischen Kraft des Digitalen?

In der zweiten Session des Blogger Camps Ende Oktober äußerten sich die Teilnehmer des Live-Hangouts zu der Frage, welche Branchen, Berufe sowie Unternehmen von der zunehmenden Digitalisierung und Vernetzung weggespült werden.

Ziemlich einig war sich die Runde in den düsteren Prognosen bei der klassischen Tageszeitung, die sich in ihrer herkömmlichen Form nicht mehr halten kann und vielleicht nur als Begleitmedium überleben kann, wie Heinrich Bruns meinte. Auch Lars Mensel vom Debattenmagazin „The Euorpean“ betonte, dass man Meldungen an jeder Ecke des Internets abrufen könne. Für tägliche erscheinende Printmedien gebe es da wenig zu holen. Hintergrundmagazine mit einer etwas längeren Halbwertzeit hätten bessere Karten.

Firmen wie Apple, Amazon und Google, die eigentlich aus der IT-Ecke kommen, drängen verstärkt in branchenfremde Segmente. Blicklog-Blogger Dirk Elsner erwähnte die Angebote von Amazon und Google im Firmenkreditgeschäft. Banken würden hier keine Zuwächse mehr verzeichnen. Ich selbst führte das vernetzte Auto an. Siehe dazu auch die erste Session des Blogger Camps im Oktober.

Die PKW-Hersteller würden hier eher Partnerschaften mit Apple und Google eingehen zu Lasten der Netzbetreiber, die auch im Mobilfunkgeschäft bald das Nachsehen haben werden, wie Lars Mensel ausführte. Navigationsgeräte verschwinden aus den Verkaufsregalen und sogar ganze Berufszweige wie Radiologen fallen weg. Die Analyse von Bildern laufe automatisch und werde durch Software umgesetzt, glaubt Katja Andes von Ideacamp.

Generell werden wiederkehrende Prozesse im Alltagsleben vollständig automatisiert, so Andreas Klug von Ityx. Im Kundenservice brauche man sich in fünf Jahren nicht mehr mit Warteschleifen herumschlagen, da intelligente Systeme die Kundenwünsche perfekt antizipieren.

CD- und DVD-Player gehen die Wupper runter. Selbst Autohersteller setzen eher auf Streamingdienste wie Spotity, sagte Social Media-Berater Hannes Schleeh. Ähnliches wirke sich bei Videotheken aus, die ihre Existenzberechtigung durch On Demand- und Streamingangebote verlieren

Niemand sagte beim Blogger Camp den Niedergang des normalen Fernsehens voraus – auch ich nicht. Und selbst hier könnte es zu Umwälzungen kommen. Bislang wird ja das so genannte Social TV in der Kategorie des „Second Screen“ gesehen – also als Begleitmedium für TV-Sendungen, wo etwa über Twitter „Wetten, dass“ mit Markus Lanz hoch und runter kommentiert wird. In dieser Wundertüte steckt vielleicht mehr drin.

Ein Beispiel für Realitätsverdrängung lieferte beispielsweise ZDF-Sprecher Alexander Stock mit Blick auf die Original Channels von YouTube. Hierbei handelt es sich um werbefinanzierte und somit kostenfreie Spartenkanäle, die vor ein paar Wochen gestartet wurden:

„Eine Wirkung auf den TV-Markt werden diese webbasierten Plattformangebote nicht haben. Dafür ist die Internetnutzung am TV-Gerät zu gering.“

Die Reaktion von ARD-Programmdirektor Volker Herres geht in die gleiche Richtung:

„Für uns sind neue Themenkanäle keine Konkurrenz. Das Erste werde seine Schwerpunkte anlässlich des Starts des Youtube-Programms nicht verändern“.

Diese Einschätzung könnte sich rächen:

„Es ist besser, eine solche Herausforderung, die zu Beginn nur Teile des eigenen Geschäftsmodells gefährdet, früh anzunehmen und darauf zu reagieren. Denn gerade Werbekunden könnten an den zielgruppenspezifischeren Angeboten der YouTube-Channel einen großen Gefallen finden. Und jüngere Zielgruppen, die bereits heute regelmäßig Youtube nutzen, nehmen das Angebot gerne in Anspruch nehmen. Durch den individuellen Abruf verschiedener Clips kann man nicht nur ein individuelles Spartenprogramm erstellen. Es lässt sich sogar problemlos auf mobilen Geräten wie Handys und Tablet-PCs abrufen – und nicht nur bei Internet-tauglichen Smart-TVs. So besteht die große Wahrscheinlichkeit, dass sich für immer mehr Nutzer das klassische Lean-Back-TV zu einem Lean-Forward-TV entwickelt. Und man hat den Eindruck, dass beitragsfinanzierten TV-Anstalten darauf nicht vorbereitet sind“, so Professor Ralf T. Kreutzer, der im Frühjahr 2013 gemeinsam mit Microstrategy-Manager Karl-Heinz Land das Buch „Digitaler Darwinismus – der (stille) Angriff auf Ihr Geschäftsmodell und Ihre Marke – Welche Macht Social Media wirklich innewohnt“ (Gabler Verlag) herausbringt.

Die beiden Autoren wollen die verschlafenen Führungskräfte wachrütteln und dokumentieren, welche Auswirkungen die sozialen Medien und weitere online-basierten Entwicklungen auf etablierte Geschäftsmodelle und erfolgreich eingeführte Marken haben.

Weitere Dynamik dürfte aus Diensten wie „Hangout On Air“ von Google erwachsen. Hier ist Jedermann-TV ohne gigantische Budgets möglich. Mit Livestreaming und der automatischen Aufzeichnung über Youtube sei das eine Killerapplikation, meint Hannes Schleeh. Bislang ist das eher die stümperhafte Fortsetzung von Videokonferenzen mit nervigen Headsets (wie bei unserem Blogger Camp), schlechter Beleuchtung und blechernen Tönen.

Mit etwas besserer Technik und Übung wird sich da in Zukunft noch einiges bewegen. Erste Projekte wie Tech-Talk, Blogger Camp, Digitales Quartett oder Hangout-TV gibt es ja schon.

Was sonst noch zu erwarten ist, thematisieren wir in der zweiten Session des Blogger Camps am Mittwoch, den 28. November um 19,30 Uhr. Thema: Neue Konzepte der vernetzten Kommunikation – von virtuellen Messen bis zur Kundenberatung via Google Hangout.

Wer interessante Projekte vorstellen möchte oder schon Erfahrungen mit neuen Konzepten der virtuellen Kommunikation gemacht hat, kann gerne beim Hangout mitmachen. Bitte bei mir oder Hannes Schleeh frühzeitig melden, damit wir noch Test-Hangouts machen können.

Wie das Social Web die IT-Welt verändert #SocialBreakfast

Die Wirtschaft steht nach Ansicht des Blogger-Irokesen Sascha Lobo vor der Herausforderung, dass sich die Gesellschaft durch die digitale Vernetzung grundlegend verändert – in den Arbeitsprozessen, der Kommunikation und im Konsum. „Das Internet zwingt die Unternehmen von außen und von innen, das Potenzial der Vernetzung zu heben“, so Lobo in einem Interview mit der FTD.

So arbeiten viele Universitätsabsolventen mit völlig anderen Instrumenten, als es die meisten Unternehmen tun. Die Nachwuchstalente stellen sich die Frage, warum sich die Wirtschaftswelt nicht viel stärker mit Cloud-Anwendungen vernetzt: „Ihr kommt hier noch mit euren Faxgeräten um die Ecke, das mach ich nicht mit.“ Beim Kampf um die neuen Talente könne die Art der Kollaboration sehr relevant werden, so Lobo.

Hat die IT-Branche wirklich verstanden, was sich über Apps, Social Web, Cloud, Smartphone, Tablett-PC, mobiles Internet so alles ändert? Da dominierten bislang rieisge Projekt-Trümmer, wie Professor Lutz Becker von der Karlshochschule treffend bemerkt:

„Jetzt hat man eine stabile Infrastruktur und drum herum Satelliten, die sehr anpassungsfähig sind – nämlich Applikationen. Apps passen sich perfekt dem eigenen Nutzungsverhalten an. Genau diesen Aspekt hat die IT-Branche lange Zeit vernachlässigt. Und wir sind noch in der Lernphase.“

Und Harald Henn, Geschäftsführer von Marketing Resultant, meint zu diesem Thema:

„Der jetzigen Generation an Management und IT-Verantwortlichen fehlt die Vorstellungskraft und der Mut, sich eine App-Welt zu denken. Im Weltbild einer zentral gesteuerten IT Landschaft haben Satelliten-Anwendungen, die sich verselbständigen – noch – wenig Platz. Die Wirklichkeit im Markt und bei den Kunden schreitet viel schneller voran als die IT-Wirklichkeit in den Unternehmen. Das ist eine völlig ungewohnte Situation für die Unternehmen. Und dabei stehen wir erst am Anfang.“

Da lohnt doch eine intensive Diskussion, die ich jetzt regelmäßig in einer neuen Veranstaltungsreihe führen möchte: Im virtuellen CIO-Gespräch. Mit Interviews, Gastbeiträgen, Blogparaden, virtuellen Roundtable-Gesprächen, Veröffentlichung von Studien, Disputationen, Prognosen, Umfragen und vieles mehr. Einige Verbände, Unternehmen und Blogger haben schon Interesse an dieser Geschichte signalisiert.

Wir starten am 9. November mit einem Social Media Breakfast des IT-Beratungshauses Harvey Nash in München.

Das Ganze geht von 9 bis 11 Uhr. Den Anfang macht talkabout-Geschäftsführer Mirko Lange mit einem Vortrag – im Anschluss diskutieren Mirko und IT-Führungskräfte in einem Panel über seine Thesen. Moderation: Icke. Der Hauptredner und die Panelrunde werden via Hangout On Air live übertragen. Aufgeteilt in zwei Sessions. Nach der Rede von Mirko muss sich ja erst das Podium neu sortieren.

Die Liveübertragung organisiert Hannes Schleeh, mit dem ich ja auch das virtuelle Blogger Camp veranstalte. Den Livestream kann man im Blog „Das virtuelle CIO-Gespräch“ anschauen. Weitere Infos folgen in den nächsten Tagen. Hashtag für die Twitter-Zwischenrufe während der Übertragung: #SocialBreakfast

Fragen, die Mirko aufwirft: Der fruchtlose Streit: Ist Social Media nun mehr Technologie oder mehr Kommunikation?; Spielverderber oder Enabler: Welche Rolle spielt die IT bei Social Media?; Social Media als Dialogtool: Wann stirbt die E-Mail?; Social Intelligence, Social Analytics & Social CRM: Verändert Social 
Media die IT?; Wo Technologie unverzichtbar ist: Wie können Unternehmen 
„Dialog“ skalieren?; Eine Frage des Timings: Wann ist der richtige Zeitpunkt, um auf 
neue Technologie zu setzen?; Der IT-Manager der Zukunft: Wie können Sie sich und Ihre 
Abteilung richtig aufstellen?

Was sollte man in der Panel-Diskussion noch aufgreifen? Für Vorschläge wäre ich dankbar.

Ob man die Digitalisierung mit Schutzrechten und Barrieren nach vorne bringt, ist allerdings mehr als fraglich.

Ökonomen live: Neues Talkformat startet heute

Das Neue wird von Führungskräften lieber delegiert: Zur Technologiekompetenz der deutschen „Wirtschaftselite“

„Zukunftsprojekte wie digitale Medien und soziale Netzwerke dominieren derzeitig die Innovationsprojekte der CIOs“, verdeutlicht Udo Nadolski, Deutschland-Chef des IT-Beratungshauses Harvey Nash. Sie seien nicht mehr als Verwalter der IT gefragt, sondern als Gestalter für das Kerngeschäft der Firmen. Kluge Vorstandschefs positionieren ihre CIOs denn auch auf der Chefebene. 37 Prozent der von Harvey Nash befragten IT-Manager berichten in Deutschland direkt an den Vorstandschef. Im Vergleich zum Vorjahr ist dies ein Zuwachs von elf Prozentpunkten. Allerdings steigen damit auch die Erwartungen an das Kompetenzprofil des IT-Fachpersonals.

Einen richtigen Ruck hat es aber in den meisten Organisationen noch nicht gegeben. Technologie sollte eigentlich keine Rolle spielen, wenn es um Geschäftsinteressen geht.

„Doch leider hat der CIO im Vergleich zum CEO noch immer keine große Bedeutung. Ich wünsche mir bei unseren Führungskräften mehr Technologiekompetenz. Viele CIOs wie CEOs tun es ab und delegieren das Neue lieber, statt sich neugierig darauf einzulassen. Anscheinend ist das ziemlich deutsch“, kritisiert der Berater und Blogger Klaus Eck.

Das gilt generell für Unternehmen und sicherlich auch für Behörden:

„Enterprise 2.0 und Social Media passen so gar nicht zu einer Philosophie der Mittelmäßigkeit, in der jeder unauffällig und scheinbar risikolos seinen Weg gehen kann. Durch die neuen Entwicklungen werden wir alle in unserem Schaffen sichtbarer. Diese Transparenz wirkt sich auf alle Bereiche in den Unternehmen aus und verändert diese langsam“, schreibt Eck.

Führungskräfte ohne Dirigentenstab

Entscheider würden oftmals auf eine Social Media-Nutzung verzichten, weil dieses Gedöns ihnen Angst macht.

„Sobald eine Führungskraft in Social Media aktiv wird, muss sie damit rechnen, auch mit unliebsamen Fragen konfrontiert zu werden. Das erfordert vom Einzelnen viel Mut und eine klare Haltung. Social Media basiert auf Kommunikation mit Menschen. Diese verhalten sich nicht immer logisch und nachvollziehbar“, betont Eck.

Und Unberechenbarkeit ist Gift für die Geisteswelt der Controlling-Süchtigen. Sozusagen die German-Angst vor dem Shitstorm. Ohne Dirigentenstab, Sprachregelungen, Powerpoint-Folien und Autorisierungsmaschinerie sind Manager nicht überlebensfähig.

Zu leicht erkennt man die Nacktheit des Kaisers hinter einer Fassade der Phraseologie. Das Führungspersonal der Deutschland AG ist völlig ungeeignet für Netzdiskurse, die nicht den Befehl-und-Gehorsam-Drehbüchern der Firmen-Generäle folgen.

Als Symbol dieser aalglatten Ikonen rhetorischer Leerformeln sehe ich Johann Holtrop, die Hauptfigur in dem neuen Roman von Rainald Goetz, der überhaupt keine Ähnlichkeiten mit so erfolgreichen Topleuten wie Thomas Middelhoff aufweist. Oder doch? Das Goetz-Werk ist ein erschreckendes Panoptikum der deutschen Wirtschaftselite. Holtrop ist auswechselbar. Ein Schnösel und Wichtigtuer, der sich mit den allerabgedroschensten Plattitüden durchs Leben boxt. Er erzählt überall zusammengelesenes, letztlich nur nachgeplappertes Zeug.

„Holtrop selbst merkte nicht, wem er was nachplapperte, wo er sich bediente und von wem er was übernommen oder gestohlen hatte“, so Goetz.

Das wird die Wissenschaftsministerin sehr gut nachempfinden können.

Durch diese Defizite entstand die besondere mimetische Energie, „die Holtrop das von außen anverwandelte, was ihm fehlte.“

Er implantierte der Außenwelt seine Ideen, indem er sie kopierte und zugleich so manipulierte, dass sie seine Ideen für ihre eigenen hielten. Ein genialer Blender, der es im Social Web so schwer hat, seine Selbstinszenierung am Leben zu erhalten. Senkrechtstarter wie Guttenberg können das bezeugen. Nachzulesen in meiner heutigen The European-Kolumne: Philosophie der Mittelmäßigkeit.

Dabei könnte die Wirtschaftswelt so viel schöner sein, wie es Ralf Schwartz treffend beschreibt. Gefordert seien Mut, Rückgrat und Selbstbewusstsein, unsere Persönlichkeit auszubilden, uns zu messen an ungeschriebenen Gesetzen:

„Der Vielfalt zu huldigen statt immer wieder nur dieser elenden Droge Einfalt. Ich kann so lange predigen wie ich will – zum Beispiel in der Kolumne der Wirtschaftswoche mit dem Titel ‚Werbung muss wieder Kunst werden’ – nichts wird passieren, wenn nicht der letzte meiner Punkte Realität wird und der Manager des Status Quo endlich zum Mäzen des Neuen wird.

 Warum Manager sich das nicht trauen? Nun, weil sie niemanden über sich wissen, der ihnen den Rücken freihält, wenn es eng wird. Niemanden, der ihnen Mut macht, sie Fehler und Erfahrungen machen lässt, zum Wohle des Produktes, der Marke, des Unternehmens.“

Genau das ist der Grund, warum wiederum diese Angsthasen ihren eigenen Mitarbeitern keinen Mut machen, ihnen keine Carte blanche geben, kein Spielfeld, um sich die Hörner abzustoßen und in neue Erfahrungen investieren. Stattdessen produzieren sie Ladenhüter.

Dieses Thema werden wir sicherlich in unserem virtuellen Blogger Camp am nächsten Mittwoch von 19,30 bis 20,00 Uhr aufgreifen (ausgestrahlt via Live-Hangout). Siehe auch: Von der zerstörerischen Kraft der digitalen Dauerdisruption. Ich bin mir übrigens sicher, dass der Dienst Hangout On Air zu einer Popularisierung von Google Plus auch in Deutschland beitragen wird. Zur Zeit ist das ja noch ein wenig lau. 

In einer Fachrunde in München, die ich am 9. November moderiere, dürfte das auch eine Rolle spielen.

Mein Auto ist eine App und die zerstörerische Kraft der digitalen Dauerdisruption #bc

Nach dem Erfolg des ersten virtuellen Blogger Camp am vergangenen Freitag haben wir uns entschlossen, dieses Format einmal im Monat fortzusetzen.

Der nächste Termin ist am Mittwoch, den 24. Oktober. Die erste Session geht von 18,30 bis 19,00 Uhr.

Thema: Mein Auto ist eine App: Über Vernetzungsintelligenz im Verkehr und Elektromobilität

Zweite Session von 19,30 bis 20,00 Uhr.

Thema: Von der zerstörerischen Kraft der digitalen Dauerdisruption (Sascha Lobo hat dazu eine sehr lesenswerte Kolumne geschrieben.– in diese Runde passt auch der Niedergang von dapd – Anregung von Heinrich Bruns und auch die Startup-Thematik von Hannes Schleeh).

In der nächsten Woche beginnen wir mit den Vorberichten und gehen etwas ausführlicher auf die zwei Themenblöcke ein. Wer sich als Experte von den Themen oder dem Thema angesprochen fühlt und in den Hangouts mitmachen möchte, sollte mich und Hannes Schleeh frühzeitig kontaktieren, damit wir Proberunden machen können. Nur mit guter Vorbereitung laufen die Sessions reibungslos über die Bühne. Zur Bedeutung von Webcam und Beleuchtung siehe auch die Ausführungen von Moritz Tolxdorff:

Hier noch einmal der Hinweis auf meinen zusammenfassenden Bericht über das erste Blogger Camp am vergangenen Freitag.

Schon vormerken. Blogger Camp im November am Mittwoch, den 28.11.2012. Und im Dezember am 17.12.2012 – wegen der Weihnachtsferien etwas früher. Der zeitliche Ablauf bleibt immer gleich. Für November und Dezember würde wir uns über Themen-Anregungen freuen. Hashtag für das virtuelle Blogger Camp ab sofort nur noch #bc (bcn bezog sich ja auf die ursprüngliche Planung des ersten Camps in Nürnberg). Vernetzt Euch!

Live-Hangouts und das Wiehern des altersschwachen Amtsschimmels

Thomas Knüwer hat recht, wenn er in einem Kommentar schreibt, dass die Landesmedienanstalten mit ihrem höchst merkwürdigen Rundfunk-Begriff bei Live-Hangouts auf der Rasierklinge der Lächerlichkeit wandeln.

„Zumindest was die Landesanstalt für Medien in NRW betrifft kann man den Dampf da wohl rauslassen. Auch jüngst auf der Medienkompetenz-Tagung in Düsseldorf signalisierte man klar, dass man die Sache mit Hangouts gelassen sieht. Wohl auch in der Erkenntnis, dass man sich schnell lächerlich machen könnte.“

Zum ersten Teil seiner Meinungsäußerung melde ich Widerspruch an: Solange der Rundfunkstaatsvertrag keine Klarheit schafft bei Livestreamings im Netz, bleibt man von dem Wohlwollen der Medienwächter in den Bundesländern abhängig. Mit der Sendelizenz, die wir für das virtuelle Blogger Camp beantragt haben, wollten wir diese Lachnummer politisieren und auf die Beschränktheit des deutschen Medienrechts aufmerksam machen. Und siehe da, die Bayern scheinen nicht ganz so gelassen zu reagieren, wie ihre Kollegen in Düsseldorf.

Auf der einen Seite formiert sich eine technologische Revolution und auf der anderen Seite wiehert immer noch der altersschwache Amtsschimmel. Nachzulesen in meiner heutigen The European-Kolumne mit dem überspitzten Titel: Im Knast statt On Air.

Als kleinen Beleg möchte ich die Blogger Camp-Sendegenehmigung der bayerischen Landeszentrale für Neue Medien ins Feld führen. Das Original des Schreibens hat freundlicher Weise Hannes Schleeh ins Netz gestellt.

Der liebwerteste Gichtling der Rechtsabteilung belehrt uns erst einmal über den Begriff des Rundfunks:

„Rundfunk im Sinne des Rundfunkstaatsvertrages ist ein linearer Informationsdienst, der für die Allgemeinheit und zum zeitgleichen Empfang bestimmt ist und die Veranstaltung und Verbreitung von Angeboten in Bewegtbild oder Ton entlang eines Sendeplans unter Benutzung elektromagnetischer Schwingungen zum Inhalt hat. Private Veranstalter bedürfen zur Veranstaltung von Rundfunk einer Zulassung, §20 Abs. 1 Satz 1 RStV. Bundesweite Fernsehangebote bedürfen der medienrechtlichen Prüfung durch die Kommission für Zulassung und Aufsicht (ZAK) sowie die Kommission zur Ermittlung der Konzentration im Medienbereich (KEK). Für die Prüfung eines bundesweiten Zulassungsantrages rechnen Sie bitte mit einem zeitlichen Aufwand von zwei bis drei Monaten (!) bis zur abschließenden gebührenpflichtigen Genehmigungserteilung.“

Verstöße gegen dieses prächtige Regelwerk der Echtzeitkommunikation können mit einer Geldbuße von bis zu 500.000 Euro geahndet werden.

„Nach unserer Einschätzung erfüllt Ihr Vorhaben die Kriterien des Rundfunkbegriffs. Insbesondere ist auch das Kriterium der Linearität gegeben“, führt Professor Roland Bornemann.

Und was für eine „Erleichterung“ versüßte uns den Tag der Ausstrahlung, dass uns die Medienanstalt mitteilte, ein zeitlich befristetes Pilotprojekt mit neuen Technologien, Programmen und Telemedien durchführen zu können.

„Auf dieser Grundlage genehmigen wir hiermit Ihr für den 28.09.2012 im zuvor genannten Zeitraum geplantes virtuelles Blogger Camp über Google Hangout. Die Genehmigung erfolgt mit der Auflage, uns im Anschluss an diese einmalige Veranstaltung über die Resonanz, die Akzeptanz, die technische Gegebenheit und Ihrer Erfahrung mit dem Hangout zu informieren. Bitte teilen Sie uns zudem mit, unter welcher Verlinkung das Hangout über Youtube abrufbar sein wird.“

Die Bayern sagen nun, was wir über Live-Hangouts machen, sei Rundfunk und die NRWler sagen das Gegenteil. Rechtssicherheit sieht anders aus.

Das kann der Professor auf meinem Blog gerne in Erfahrung bringen.

Aus einer Bierlaune ist die Idee für das Blogger Camp entstanden und sie führt uns direkt an die Nahtstelle der staatlichen Avantgarde für mediale Innovationen. Auf dem IT-Gipfel werden wir dem Bundeswirtschaftsminister wohl ein ziemlich dickes Papierbündel mit Änderungsvorschlägen in die Hand drücken. Wie er dann wohl mit den medienpolitischen Zuständigkeitsrangeleien fertig wird? Funktionieren doch auch die Medienanstalten der Länder nach dem Motto: Ich habe ein Amt, also bin ich. Trotzdem muss der Rundfunkstaatsvertrag geändert werden, aber Dalli Dalli.

Denn aufhalten lässt sich die neue Live-Hangout-Bewegung nicht. die Zuständigkeiten der Landesmedienanstalten für Jedermann-TV im Netz sind ein Anachronismus. Im Gegensatz zu den Pionierzeiten des deutschen Fernsehens mit dem Start des NWDR in den 50er Jahren, wo gerade einmal 300 Empfangsgeräte zur Verfügung standen, sind die Ausgangsbedingungen im Internet nahezu unbegrenzt. Man braucht keinen Ü-Wagen, keine Misch- und Sendeanlage, keinen Zugang zum Satelliten und auch kein teures Kamera-Equipment.

Ein vernünftiges USB-Mikro oder Headset, eine Webcam, Laptop und vernünftige Beleuchtung reichen aus und man startet ins visuelle Echtzeitgeschehen.

Ich bin mir sicher, dass wir in den nächsten Monaten eine Explosion von neuen Sendeformen im Web erleben werden und eine entsprechende Angebotsvielfalt von smarter Technik, um sich in den eigenen vier Wänden kleine Fernsehstudios zu zimmern. Auf der Software-Seite ist ähnliches zu beobachten.

Wahrscheinlich werden die Hersteller sogar ganze Hangout-Paketangebote auf den Markt werfen. Für Podcast-Studios gibt es so etwas ja schon seit Jahren.

Das ganze Thema der Sendelizenzen für Live-Hangouts ist übrigens genauso bescheuert geregelt wie die Rundfunkgebühren für PCs. Man sollte das Wort „Rundfunk“ einfach aus dem Duden streichen und die Medienpolitiker mit ihren elektromagnetischen Schwingungen ins Abseits stellen.

Eine schöne Zusammenfassung über die Reaktionen auf das Blogger Camp findet man bei Hannes Schleeh.

Update:

Fotos und Herstellerangaben zu meinem kleinen „Fernsehstudio“ findet man auf meinem Facebook-Account.

Da gibt es sicherlich viele Alternativen zu den Sachen, die ich nun gekauft habe. Wichtig sind ja auch die Anwendungsfelder. Beim Livestreaming von Kongressen, Sportereignissen und sonstigen etwas größeren Veranstaltungen muss wahrscheinlich mit anderen Webcams und Mikros gearbeitet werden. Wer da noch Tipps hat, sollte sie auf Facebook posten.

Ich freue mich auf die Fortsetzung des virtuellen Blogger Camps als ständige Einrichtung an jedem letzten Mittwoch des Monats. Start am 24. Oktober. Jeweils zwei Sessions. Die erste von 18,30 bis 19,00 und die zweite von 19,30 bis 20,00 Uhr. Technik und Admin macht Hannes Schleeh (man sollte ihn in die eigenen Google Plus-Kreise aufnehmen – Hannes ist auch bereit, vor den Live-Hangouts Testrunden durchzuführen und Ton, Bild und Beleuchtung zu überprüfen – hat sich in der Vorbereitung des ersten virtuellen Blogger Camps am vergangenen Freitag bewährt). Moderation: Icke.

Themenvorschläge für den 24. Oktober hochwillkommen. Bitte in den nächsten Tagen mitteilen, wer Lust zum Mitmachen hat. Für Publizität ist nach dem Erfolg des ersten Blogger Camps gesorgt! Kann man hier nachlesen.

Zudem machen wir ja auch Vor- und Nachberichte – in altbewährter Manier. So, noch einen schönen Tag der Einheit. Feiert kräftig.