IP-Kommunikation: Wenn die Leitung kracht, wie zu Omas Zeiten

Unzuverlässigkeit neues Merkmal des Internet-Zeitalters?
Unzuverlässigkeit neues Merkmal des Internet-Zeitalters?
Der Wechsel von hart verdrahteter Hardware hin zu geschmeidiger Software hat nach Ansicht von Technology Review-Blogger Ben Schwan viele Vorteile. Auf modernen Hifi-Anlagen läuft inzwischen Linux, so dass man, wenn es sein muss, auch Web-Sites von dort ausliefern könne. Das DSL-Modem könnte wahrscheinlich auch, wenn ein Grafikchip enthalten wäre oder ein Bildschirmanschluss, zu einer Runde Online-Doom einladen. Das DECT-Telefon kontaktiere den Server des Herstellers, um neue Bildschirmhintergründe herunterzuladen oder Börsenkurse anzuzeigen.

„Das Problem bei alledem: Niemand scheint sich angesichts dieser Internetisierung der Elektronik mehr darum zu kümmern, dass Geräte ihre grundsätzlichen Aufgaben zuverlässig und problemfrei erledigen – und zwar in jeder Situation, mit der der Anwender sie konfrontieren könnte. Nehmen wir beispielsweise das Festnetztelefon in einem modernen Haushalt mit günstiger Breitband-Flatrate. Das Gerät hängt nicht mehr an der Dose der Telekom, sondern an einem Router. Die Gespräche erfolgen nicht mehr über das nahezu unkaputtbare vermittelte Leitungsnetz, sondern per Voice-over-IP“, so Schwan. Bei einem Ausfall des Routers funktioniere dann gar nichts mehr. Streikt der Server beim Provider, schaut man auch dumm aus der Wäsche. „Und wenn man zufällig auf die Idee kommt, einen größeren Download mit voller Geschwindigkeit parallel zu einem Telefon durchzuführen, kracht es in der Leitung, wie weiland zu Omas Zeiten“, moniert der Technology Review-Autor.

Die Entwickler müssten ähnlich wie ihre Ingenieurvorbilder in früheren Jahrhunderten rigorose Qualitätssicherung betreiben. „Wir leben blöderweise in einem Beta-Zeitalter, in einem Zeitalter der Unzuverlässigkeit“, moniert Schwan. Die Frage ist nur, wie leidensfähig der Kunde noch sei.
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Andreas Rebetzky, Sprecher des cioforums in München, hält die Zuspitzung von Schwan für übertrieben. „Man sollte nicht denken, dass das ‚alte’ GSM-Telefon ohne Ausfälle gelaufen ist. Da steckte auch eine Menge IT dahinter. Es lieg am Anfang nicht gerade stabil, verfügbar und komfortabel. Die heutigen Netzkomponenten werden immer stabiler – trotz aller Spams und Virus-Attacken. Es gibt weniger Staus als auf einer Bundesautobahn“, meint Rebetzky, der hauptberuflich als CIO für den Balinger Technologiespezialisten Bizerba tätig ist. Etwas anders sehe es mit der Software aus. Hier würden häufig unreife Systeme auf den Markt kommen. Da heiße es dann: Warten, bis die ersten Bugfixes geliefert sind!

Innovationszyklen und Preisdruck machen Software fehleranfällig
Innovationszyklen und Preisdruck machen Software fehleranfällig
Dass in den komplexen Softwarelösungen häufiger Fehler auftreten, liege vor allen Dingen an den kurzen Innovationszyklen, so die Erfahrung von Marc Christopher Schmidt, Geschäftsführer des Reiseportals Triptivity in Bonn. „Die Anbieter schaffen es kaum noch, mit den Aktualisierungen für die Fehlerbeseitigung der alten Software hinterher zu kommen. Auch der Preisdruck ist nicht zu vernachlässigen. Internationale Telefongespräche für wenige Cent pro Minute, Internet Flat Rates für monatlich 15 Euro, das drückt auf die Qualitätssicherung. Unterm Strich erhält der Kunde zwar im Durchschnitt keine qualitativ hochwertigen und langfristig wertstabilen Produkte, wie früher etwa bei Leica-Kameras, Radios von Telefunken und Tonbandgeräte von Braun, aber dafür hat er die Chance, im Rhythmus von zwei oder drei Jahren eine Vielzahl von leistungsfähigen Geräten zu erwerben und immer wieder zu erneuern“, sagt Schmidt. Mit der vor zehn Jahren für umgerechnet 1.000 Euro erworbenen Digital-Kamera wolle heute niemand mehr Bilder machen. „Bei Lösungen für Unternehmen muss die Balance anders gewählt werden. Hier steht nicht der Marketing-Hype im Vordergrund, sondern die Zuverlässigkeit. Geschäftstelefonie sollte zu jeder Zeit fehlerfrei funktionieren. Beim Bürotelefon spielen hochauflösende Farbdisplays eine untergeordnete Rolle“, so Schmidt.

Leere VoIP-Versprechen und überforderte „Softwarebubis“

Warum Unternehmer mit der Kommunikation über das Internet Protokoll hadern

VoIP für Mutti?
VoIP für Mutti?
Voice over IP ist ein Dauerbrenner in den Fachmedien für Informationstechnik und Telekommunikation. Von der Realität der Kommunikation in Privathaushalten und der Geschäftswelt erfährt der geneigte Leser wenig. Umfragen, Analysten und Branchenvertreter gehen in ihren VoIP-Prognosen häufig nur von Optionen und Wünschen aus. In Studien werden dann Fragen gestellt „Wird sich VoIP“ in den nächsten fünf Jahren durchsetzen“ oder „Halten Sie VoIP für sinnvoll“. Das sind die berühmten und empirisch höchst unseriösen Fragetechniken nach dem Prinzip „Wollen Sie arm oder reich sein?“. Schaut man sich das nackte Zahlenmaterial der Bundesnetzagentur an, bleibt von dem VoIP-Wortschwall der ITK-Szene nicht mehr viel übrig. Nach dem aktuellen Tätigkeitsbericht der Bundesnetzagentur kann man Ableitungen für 2007 vornehmen. Danach liegt der Anteil der VoIP-Nutzung bei mickrigen 8,6 Prozent. Für das vergangene Jahr schätzt das Wissenschaftliche Institut für Infrastruktur und Kommunikationsdienste (WIK) den Wert auf rund 10 Prozent.

„Für Geschäftskunden, die sehr häufig Nebenstellenanlagen betreiben, deren weitere Wartung durch die Lieferanten zu Ende geht, erwarte ich persönlich eine schnellere Migration zu VoIP als bei den Privatkunden, wenngleich die Nachfrage nach Lösungen für VoIP-Centrex dem Vernehmen der Anbieter nach enttäuschend ist. Hier liegen uns belastbare Zahlen jedoch nicht vor“, so WIK-Senior Consultant Dr. Thomas Plückebaum gegenüber NeueNachricht. Die Übertragung von Sprache, Bild und Daten über das Internet Protokoll ist kein Kinderspiel und mit reinen Modephrasen bewegt sich der Markt keinen Millimeter. Wenn man jeden Tag mit PR-Texten von Firmen bombardiert wird, die eine „nachhaltige und ganzheitliche VoIP-Strategie garantieren, Prozesse optimieren und implementieren, eine Vielzahl von Synergien realisieren und mit leistungsfähigen Tools basierend auf einem Netzwerk von Applikationen für geringere Kosten und einer höheren Effizienz sorgen“, darf man sich über die starre Haltung der Unternehmer gegenüber neuen Kommunikationstechnologien nicht wundern.

Spielzeug für Vati
Spielzeug für Vati
Und wenn man jetzt schon auf jedem sich bietenden Fachkongress vom Trend zur Unified Communications spricht, fehlt den Branchenexperten augenscheinlich eine gehörige Portion Wahrnehmungskompetenz: In neun von zehn Unternehmen dominiert nach wie vor die klassische Festnetz-Telefonie. Das belegt eine aktuelle Umfrage der Experton Group, die fast punktgenau die Erkenntnisse der Bundesnetzagentur wiederspiegelt. Entwickler und Hersteller der Telekom-Branche sowie Anwender müssen noch einen dornenreichen Weg zurücklegen, um VoIP auf breiter Front durchzusetzen. Man benötigt Anbieter mit Sachverstand, fundiertem Praxiswissen und einer exzellenten Expertise in der Telekommunikation. VoIP stellt langjährig eingeübte Telefongewohnheiten in Frage. „Über den Computer zu telefonieren und mit dem Telefon im Web suchen, das muss ein Anwender erst einmal verdauen“, so Dr. Jörg Fischer, Autor des Buches „VoIP-Praxisleitfaden“ (Hanser Verlag).

Ähnlich sieht es Andreas Rebetzky, Sprecher des cioforums in München: „Es ist ein weiter Weg von der Idee zur Umsetzung. Zudem verschieben sich notwendige Investitionen für VoIP durch die angespannte Wirtschaftslage. Die alte Telefonanlage tut es noch ein Jährchen, vielleicht mit ein wenig höheren Reparaturkosten“, sagt Rebetzky. Daher sei VoIP in den Vorstandsetagen erst einmal in die zweite Reihe gerückt. „Man konzentriert sich eher auf Prozessoptimierungen in der Logistik oder Bestellabwicklung. Dennoch: Die Zeit wird wiederkommen und wohl denen, die schon mit gereiften Konzepten in den Startlöchern stehen“, resümiert Rebetzky, CIO des Lebensmitteltechnologie-Spezialisten Bizerba.

Folgt man den Analysen des Beratungshauses Berlecon, hält zwar eine große Mehrheit der Entscheider in deutschen Unternehmen die Integration verschiedener Kommunikationskanäle und deren Einbindung in Geschäftsanwendungen für sinnvoll. Allerdings sind in vielen Unternehmen die notwendigen technischen Voraussetzungen gar nicht vorhanden: „Nur ein geringer Teil verfügt bisher über eine VoIP-Infrastruktur, wie etwa IP PBX oder gemeinsame Netze für Daten und Sprache. Von einer Sättigung ist der deutsche VoIP-Markt demnach noch weit entfernt und für die Anbieter gibt es noch erhebliche ungenutzte Potenziale zu aktivieren“, so Berlecon. „Was nutzen mir die effektvollen Powerpoint-Präsentationen über Unified Communications und die Versprechen einer schöneren Kommunikationswelt im IP-Zeitalter, wenn die Softwarebubis mit meiner alten TK-Anlage nichts anfangen können. Ich schmeiße doch meine gesamte Infrastruktur nicht über Bord“, klagt ein mittelständischer Firmenchef im Gespräch mit NeueNachricht.

Der Deutschland-Chef des ITK-Unternehmens Aastra, Andreas Latzel, kann den Unmut vieler Unternehmer verstehen. „Man sollte nicht das Blaue vom Himmel versprechen oder eierlegende Wollmilchsäue verkaufen. Wer die alte TK-Welt nicht versteht, besitzt keine Kompetenz, um Firmen in die IP-Welt zu transformieren. Der Philosoph Odo Marquard hat die technische Herausforderung treffend formuliert: Zukunft braucht Herkunft. Deswegen scheitern VoIP-Strategien, die den dritten vor dem ersten Schritt machen, wie es zur Zeit in der Software-Branche zu beobachten ist. Es geht um eine sehr komplexe Integrationsaufgabe. Innovation und Kontinuität gehören zusammen“, so das Credo von Latzel. Zunächst müsse man einige Hürde überwinden, um mit VoIP die gleiche Qualität und Sicherheit wie bei der klassischen Telefonie zu bieten.

dsc_0011„Das klingt zunächst trivial, ist es aber nicht. Bei der Integration der Sprachkommunikation in die IT-Infrastruktur sind besondere Dinge zu berücksichtigen, wie etwa die Echtzeitanforderung und hohe Verfügbarkeit. Die klassische Telefonie bietet Leistungsmerkmale, an die sich die Anwender in vielen Jahren gewöhnt haben und so in der IT nicht vorkommen: Vermittlungsarbeitsplätze, verkettete Anrufweiterschaltung, Chefsekretärin-Funktion und ähnliches. Viele reine IP-Lösungen haben heute genau mit diesen Funktionen ihre Schwachstellen. Ob der Anwender hingegen die vielgerühmten neuen Funktionen der Unified Communications immer nutzen kann und möchte, steht auf einem ganz anderen Blatt. Das unterscheidet sich deutlich von Unternehmen zu Unternehmen, hängt von Firmenkultur, Demokratie der Arbeit, Hierarchie- und Entscheidungsmodell, von Branche und dem Arbeitsplatz selbst ab. Stark virtualisierte Unternehmen der Beratungsbranche, die mit wenigen festen Büroarbeitsplätzen und Desk Sharing auskommen, stehen eher klassisch arbeitenden Produktions- und Verwaltungsbetriebe gegenüber, wo das Telefon zum Telefonieren benutzt wird und es wenig bis gar nichts mit der IT zu tun hat“, erläutert Latzel.

Einen Trägheitsmoment bei Geschäftskunden sieht auch Bernhard Steimel von Mind Business Consultants. „Bei bereits getätigten TK-Investitionen sowie Miet- und Wartungsverträgen mit Laufzeiten von bis zu zehn Jahren geht man konservativ vor. Zudem wird die Kommunikation als unternehmenskritische Funktion angesehen und das Misstrauen in die Zuverlässigkeit der VoIP-Technik ist besonders im Mittelstand weit verbreitet. VoIP wird sich sicherlich durchsetzen. Die Frage ist nur, wie schnell“, so Steimel.

Cebit: IT-Champions für den Mittelstand gekürt

Die Initiative Mittelstand hat auf der Cebit die Gewinner für den INNOVATIONSPREIS-IT 2009 bekannt gegeben. Vor mehreren hundert Gästen aus Politik, Wirtschaft und Wirtschaft wurden die innovativsten und am besten für den Mittelstand geeigneten IT-Lösungen aus 2000 Bewerbungen geehrt. Zu den Gewinnern gehören Unternehmen wie Google, Grundig, QSC, Aastra oder Lancom Systems. So kürte die 60-köpfige Fachjury den Kommunikations-Server Aastra 800 zur besten Lösung in der Kategorie VoIP. „Mit dieser Prämierung hat auch die Initiative Mittelstand die besondere Leistungsfähigkeit, Flexibilität und Offenheit unseres Call Managers anerkannt. Aastra hat sich auf die Fahnen geschrieben, seine Kunden mit Hilfe offener Lösungen bestmöglich beim Optimieren ihrer Prozesse zu unterstützen – und hat dabei früher als andere Hersteller konsequent auf Standards wie VoIP und SIP gesetzt. In Krisenzeiten spielt die Garantie des Investitionsschutzes eine Hauptrolle. Die Ansprüche des Mittelstands an umfassende Lösungen für Unified Communications steigen. Die Software Aastra 800 macht sämtliche technische Möglichkeiten individuell angepasster Lösungen, die bislang großen Kunden vorbehalten waren, auch für klein- und mitteständische Unternehmen nutzbar“, so Thomas Stephan, Head of Product Management von Aastra. Die Kategorie Business Intelligence konnte das Steinbeis-Transferzentrum mit dem Management Monitor für sich entscheiden.

Bereits im sechsten Jahr haben die Initiative Mittelstand und der Huber Verlag für Neue Medien den INNOVATIONSPREIS-IT verliehen. TV-Moderator Markus Brock (SWR) führte durch die Veranstaltung aus dem NORD/LB-Forum. Die Hauptrede hielt Internet-Publizist Tim Cole und erklärte unter dem Titel „Das Ende der Eintagsfliege“ warum der Mittelstand nachhaltige IT-Innovationen braucht. Stellvertretend für alle von der Jury ermittelten 34 Kategorie- und 18 Landessieger wurden anschließend auf der Bühne die Preise in den Kategorien Green-IT, Telekommunikation, On Demand und IT-Security überreicht. Professor Norbert Pohlmann von der Fachhochschule Gelsenkirchen und Boris Groth, Geschäftsführer des Fraunhofer-Verbund Informations- und Kommunikationstechnik (IuK) repräsentierten die Jury aus Wissenschaftlern, Fachjournalisten und IT-Experten.