Siegburger Livestreaming-Lesung im Quadrat und warum man Seeromane nicht am Meer lesen sollte

Lesung

„Herzlich willkommen, meine Damen und Herren, hier im R², der Literaturbuchhandlung in Siegburg, dieser schönen zwischen Bergischem Land und Siebengebirge gelegenen Stadt, und draußen im World Wide Web, wo der heutige Abend live zu verfolgen ist – zu Gast sind in Persona hier vor Ort der Wirtschaftsjournalist und Blogger mit einer allerdings deutlichen Affinität zu Kultur und Literatur Gunnar Sohn und via Video-Live-Schaltung Hannes Schleeh, Medienberater, Landwirtschaftskenner, Social-TV-Experte und designierter Leiter des Existenzgründerzentrums in Ingolstadt. Die beiden betreiben seit etwa genau 2 Jahren das Bloggercamp-TV, eine Live-Diskussionssendung im Internet zu einer Vielfalt von Themen – und resultierend u. a. aus diesen Erfahrungen haben sie nun im Hanser Verlag ein Buch publiziert, das wir Ihnen heute vorstellen wollen: Live Streaming mit Hangout on Air – Techniken, Inhalte, Perspektiven für ein kreatives Web TV“, so leitete Wortspiele-Blogger Wolfgang Schiffer die erste Lesung unseres Fachbuches ein.

Ein eher technisches Buch in einer ambitionierten Literaturbuchhandlung vorstellen, wo über Kafka, Schiller, Goethe, George, über philosophische Weltprobleme, Kunst, Musik und Lyrik gesprochen wird? Und das mit einem Moderator, der sich im Hörspiel und der Literatur bestens auskennt, auf dem Feld von Bits und Bytes aber nicht zu Hause ist? Oder in den Worten des früheren WDR-Hörspielchefs:

„Mein Name ist Wolfgang Schiffer, ich habe das Vergnügen, mich mit den beiden Autoren zu unterhalten und Sie durch die Präsentation des Buchs zu führen, aber ob dies auch für Sie ein Vergnügen wird – da mache ich mal aus Selbstschutz ein kleines Fragezeichen, denn mit mir hat man, wie man so schön sagt, den Bock zum Gärtner gemacht, will sagen, als hauptberuflich derzeit nur noch als Lyriker und Übersetzer tätiger Mensch habe ich a) – wiewohl ich in dem Buch sogar Erwähnung finde – von den vielfältigen Möglichkeiten des Internets selbst nur eine äußerst begrenzte Ahnung und b) stehe ich mit jeglicher moderner Technik auf Kriegsfuß: ich muss einen Rechner nur etwas länger anschauen, schon reagiert er in der Regel mit äußerst ungewollten Arbeitsschritten, im Ernstfall verweigert er seine Arbeit sogar ganz. Wir wollen hoffen, dass Letzteres heute Abend nicht der Fall ist, und dass mein Unwissen sich auch für alle anderen weniger Versierten produktiv, sagen wir mal, zumindest in ein Grundwissen über das spannende Instrument des Live Streamings wandelt.“

Genau das macht den Charme solcher Veranstaltungen aus. Das Antizyklische, Deplatzierte und Überraschende regt zum Nachdenken an. Es legt Schichten frei, die man sonst nicht sieht, wie es Ulrich Raulff in seinem herrlichen Buch „Wiedersehen mit den Siebzigern – Die wilden Jahre des Lesens“ ausdrückt:

„Instinktiv hatte ich begriffen, dass man Seeromane nicht am Meer und Schweizer Autoren nicht in den Alpen lesen soll.“

So verlief denn auch der Abend in Siegburg. Man muss sich erklären, kann nichts voraussetzen und darf die Zuhörer nicht mit Fachjargon nerven. „Was ist Live-Streaming? Was ist Hangout on Air? Der Namen klingt ja zuerst einmal ein wenig merkwürdig, vielleicht sogar abschreckend…Kann das ein jeder? Und was braucht man dazu an technischem Equipment?“, so lauteten die ersten Fragen von Wolfgang Schiffer. Hannes und meine Wenigkeit sind da hoffentlich keine Antworten schuldig geblieben.

„Aber wieso kann es ein jeder? Es ist doch eine Art Rundfunk… Gibt es denn da keine rechtlichen Barrieren? Braucht man dazu keine Lizenz? Wir haben doch, das weiß ich als ehemaliger öffentlich-rechtlicher Radiomensch, Rundfunkgesetze? Rundfunkstaatsverträge? Und Landesmedienanstalten, die penibel über deren Einhaltung wachen? Ich habe Eurem Buch entnommen, dass Ihr am Anfang durchaus derlei Genehmigungsprobleme hattet, die Euch letztlich sogar in Kontakt mit Philipp Rösler, dem damaligen Wirtschaftsminister, und mit der Kanzlerin Angela Merkel gebracht haben – und Mediengeschichte haben schreiben lassen… Vielleicht sagt Ihr etwas dazu, und Du Gunnar, magst uns vielleicht etwas vorlesen aus dem entsprechenden Kapitel des Buchs? Es hat den Titel: ‚Wie wir Kanzlerin Merkel besiegten‘.“

Das tat ich dann brav, obwohl Wolfgang der viel bessere Vorleser ist. Dann folgte ein Stückchen Emanzipationstheorie. Im Prinzip gehe ein Traum in Erfüllung, den vor allem so manche Schriftsteller bereits in der Pionierzeit des Radios gehabt haben…

„Und natürlich auch später noch! Bertolt Brecht zum Beispiel war einer derjenigen, die das Radio schon sehr früh zu einem Kommunikationsapparat gewandelt sehen wollten, in dem alle Menschen eine Stimme haben, indem er, der Apparat, die Trennung zwischen Produzent und Rezipient überwindet…Sind wir jetzt auf dem Weg dahin? Oder anders gefragt: für wen macht man es, und wer beteiligt sich denn tatsächlich“, fragte Wolfgang.

Schließlich landeten wir auch bei Literatur.

„Verändert das Instrument des Live-Streamings den Umgang mit Literatur oder sogar deren Entstehung und deren Charakter? Es gibt ja inzwischen Thesen, die sagen, dass vielen Menschen der Genuss eines Buches nicht mehr ausreichend sei – der Leser will auch an seinem Entstehungsprozess teilhaben können, er will das gemeinsame Erlebnis… Vielleicht teilt Ihr uns hierzu kurz Eure Gedanken mit…“

Stichworte der Diskussion: Arbeitsprozesse der Schwarmintelligenz / wenn Literatur Software wird / Medien verändern die Gesellschaft / Literatur-Diskussionen / virtuelle Literatursalons.

Und schön waren denn auch die Abschiedsworte unseres wortmächtigen Moderators:

„Alles, was dieses Buch, über das wir hier reden, an Technik-Empfehlungen, Erläuterungen, Anleitungen und Möglichkeiten für alle möglichen Formen des Live-Streamings und Web-TVs enthält – für den Laien wie für den bereits etwas erfahreneren Profi – das können wir hier in der gebotenen Zeit gar nicht vorstellen – da hilft nur eigenes Lesen, zu dem wir sie, meine Damen und Herren, mit diesen ersten Eindrücken hoffentlich animiert haben.“

Wir hoffen auf weitere überraschende Präsentationen unseres Buches. Nun kaufet denn unser Opus und erfreut die Welt mit weiteren Formaten für Jedermann-TV.

Axel-Eggebrecht-Preis und Günter-Eich-Preis: Mehr Aufmerksamkeit für die Radiokunst

Radio

Seit rund 14 Jahren vergibt die Medienstiftung der Sparkasse Leipzig im Bewusstsein und in der Tradition der Rolle, welche die Stadt in der friedlichen Revolution von 1989 auf dem Weg zur Wiedervereinigung Deutschlands inne gehabt hat, den Preis für die Freiheit und Zukunft der Medien.

„Aus meiner Sicht weniger bekannt ist, dass zu dieser wichtigen Auszeichnung für unabhängigen, mutigen Journalismus neben weiteren Aktivitäten der Stiftung im Jahr 2007 zwei dezidierte Radiopreise hinzugekommen sind, die seither im jährlichen Wechsel verliehen werden: der Axel-Eggebrecht-Preis und der Günter-Eich-Preis“, schreibt der Wortspiele-Blogger und frühere WDR-Hörspielchef Wolfgang Schiffer.

Während der erstere Radiomacher auszeichnet, die mit ihrem Werk inhaltliche und ästhetische Maßstäbe gesetzt haben in der Entwicklung des Radio-Feature, sei der zweite den Hörspielschaffenden gewidmet, die sich in gleicher Weise um das Repertoire dieser Gattung verdient gemacht haben.

In diesem Jahr wurde unter tatkräftiger Beteiligung von Wolfgang Schiffer eine moderate Revision des Reglements der beiden Hörfunkpreise vorgenommen:

„Dem Axel-Eggebrecht-Preis, dessen Jury der österreichische Radio-Feature-Experte Richard Goll vorsteht, bin ich durch meine derzeitige Beiratstätigkeit für Hörfunkpreise in der Medienstiftung der Sparkasse Leipzig verbunden, beim Günter-Eich-Preis habe ich im Augenblick selbst das Vergnügen der Zusammenstellung und des Vorsitzes der Jury, die über die Preisvergabe an eine Persönlichkeit entscheidet, die sich um das Hörspiel verdient gemacht hat. Dass dieser Preis den Namen des Dichters und Hörspielautors Günter Eich trägt, hat schon Signifikanz. Günter Eich ist ja nicht nur durch seinen Lebensweg der Stadt Leipzig verbunden, er hat nach dem Zweiten Weltkrieg in der Tat die Hörspiellandschaft maßgeblich geprägt, indem er das Wort nicht nur aus üblichen Genre-Zuordnungen, sondern nach der Erfahrung des Nazismus vor allem (wie übrigens auch in seiner Lyrik) aus jeglicher ideologischen Verhaftung zu befreien suchte und ihm einen allein für die Kunstform des Radios gültigen Ton gab“, erläutert Schiffer im Interview mit Regina Wyrwoll.

Die Öffentlichkeitswirksamkeit der beiden Wettbewerbe soll nun verstärkt werden.

„Da es sich um Hörfunkpreise handelt, ist hier zu einer Verbesserung der Situation natürlich zunächst einmal das Medium Radio selber gefordert – aber auch die Medienseiten und Feuilletons vor allem überregionaler Zeitungen könnten hier eine gewichtige Rolle spielen“, erläutert Schiffer.

Mit Blick auf das, was vor Ort die Medienstiftung selbst tun könne, um die Preisträger einem größeren Publikum bekannt zu machen, ist bei den Konzept-Überlegungen eine erste Entscheidung bereits gefallen:

„Während die Preisverleihungen in der Vergangenheit zumeist als Einzelveranstaltungen stattfanden, zu denen besonders eingeladen wurde, werden sie künftig integraler Bestandteil des jährlichen Sommerfestes der Medienstiftung sein. Hier, im Beisein von mehreren hundert Persönlichkeiten aus Kultur, Gesellschaft und Politik, kommt den jeweiligen Preisträgern oder Preisträgerinnen dann ein Status als Ehrengast zu, verbunden mit einem Programmauftritt, der den Verdiensten um die Radiokunst, um die ‚Königsklassen‘ des Hörfunks, entspricht“, resümiert der Kölner Hörspiel-Experte.

Zwang zur Depublizierung abschaffen, Erlösmodelle für Kreative anbieten und ein ARD-Portal für Hörspiele sowie Feature

Der Radiomacher und Schriftsteller Wolfgang Schiffer in seiner Sturm-und-Drang-Zeit - lyrisches Frühwerk
Der Radiomacher und Schriftsteller Wolfgang Schiffer in seiner Sturm-und-Drang-Zeit – lyrisches Frühwerk

Auf vielen Feldern der Netzpolitik sollte man endlich anfangen, das digitale Fachwissen der Netzbewegung mit realpolitischem Sachverstand zu kombinieren, um neue Allianzen zu schmieden (Thema meiner morgigen The European-Kolumne). Etwa mit den Kulturschaffenden, die bei der Urheberrechtsdebatte auf der Strecke bleiben, da in erster Linie die Interessen der Verwerter bedient werden. Ähnlich wie Sascha Lobo kritisiert auch Wolfgang Schiffer, der frühere WDR-Hörspielchef und Literaturblogger, den Zwang zur Depublizierung.

„Ich halte das für einen Skandal. Die Staatsverträge sind auf Druck von außen geändert worden. Das Depublizieren betrifft ja nicht alleine visuelle oder akustische Tonträger, sondern selbst schriftliche Angaben und Pressetexte“, moniert Schiffer in der Premierensendung von Wortspiel-Radio.

Nur wenn man Werke zum ewig gültigen Kulturgut erkläre, bleiben sie auch auf Dauer im Netz – etwa Hörspiele und Radio-Feature.

„Aber das tun die öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten nicht zwingend. Wir hängen dieser Entwicklung aber auch in der Klärung von Urheberrechtsfragen ein ganzes Stück hinterher. Was wir dringend benötigen – und da ist die Politik gefragt – sind urheberrechtliche Vereinbarungen, die dieser veränderten medialen Situation, die der Moderne einfach mal Rechnung tragen. Denn im Umkehrschluss kann es eben nicht sein, dass alles, was einmal honoriert worden ist, für ewig im Internet steht und von allen genutzt werden kann, aber derjenige, der von seinen künstlerischen Potenzialen leben muss, kein Geld mehr sieht. Das ist kein Geschäftsmodell, das ist Scheiße“, kritisiert Schiffer.

Was Verlage übrigens auch häufig praktizieren, wenn sie Zweit-Verwertungsrechte verweigern. Die Gewichte haben sich von den Urhebern zu den Produzenten, Verlegern und Verwertern verschoben. Hier müsse man zu Korrekturen kommen, fordert Schiffer.

„Ich habe mich schon vor sieben Jahren dafür eingesetzt, dass wir die Hörspiele online anbieten und uns mit den Urhebern auf vernünftige Bezahlmodelle einigen. Inzwischen tun wir das vermehrt.“

Es gibt auch schon einige Beispiele im Netz, wo man gegen kleines Geld richtige gute Hörspiele und Feature abrufen kann – etwa die Plattform Hörspielpark.

Hier seien Ausnahmeverträge mit den Produzenten abgeschlossen worden – also den Rundfunkanstalten.

„Ich habe mich damals für die Ausnahmen sehr eingesetzt, um ein Modell kreieren zu können. Aber ich darf gleichermaßen auch sagen, dass die Initiatoren des Hörspielparks relativ glücklich wären, wenn sie unter ein großes Dach schlüpfen könnten. Der Dienst ist nicht sehr bekannt, er wird nicht ausreichend abgerufen und es ist ein mühsames Geschäft“, sagt Schiffer.

Die ARD sei die einzige mediala Konstruktion, in der Hörspiele und Feature überhaupt produziert werden. Man sollte sich dort von Insellösungen trennen, weniger auf so genannte Alleinstellungsmerkmale in den einzelnen Rundfunkanstalten beharren und endlich ein Portal schaffen, auf dem man alles findet. Das hätte eine viele größere Durchschlagskraft.

„Für die künstlerischen Werke, die in den ARD-Sendeanstalten geschaffen werden, sollte man den Zugang im Netz so einfach wie möglich gestalten“, resümiert Schiffer am Ende des Wortspiel-Radio-Gespräches.

Die zweite Sendung des Wortspiel-Radios kommt am 10. Oktober live von der Frankfurter Buchmesse, wenn die technischen Bedingungen es erlauben.

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