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Schlagwort: Handelsblatt
Geist, Geld und verschwurbelte Ansichten über Blogger – Über das neue Buch des sueddeutsche.de-Chefs
Thomas Knüwer hat in seinem Blog die richtige Antwort auf das neue Buch von Hans-Jürgen Jakobs, Chef von sueddeutsche.de, gegeben. „Geist und Geld“ heißt das Werk und wird wohl sehr schnell ins moderne Antiquariat wandern. Warum sollten festangestellte Redakteure wie Knüwer oder Niggemeier nicht bloggen? Gibt es ein Reinheitsgebot für Blogger? Hier sieht Jakobs einen Unterschied zu den USA: „Auffällig ist, dass einige der bekanntesten deutschen Blogs von ausgewiesenen Journalisten gemacht werden, die bei fest etablierten Medienunternehmen arbeiten oder dort zumindest doch regelmäßig schreiben können.“
Was ist mit den US-Bloggern von großen Wirtschaftszeitschriften, von Fachmagazinen, von Publikationen wie Wired etc.? Querverbindungen von Printjournalisten zu anderen Formaten gab es doch schon zu allen Zeiten. Vor allen Dingen in den USA: Print-Chefredakteure mit eigener Fernsehsendung etc.
Jeder kann einen Blog aufmachen – das erweitert den Horizont.
Knüwer, Don Alphonso und blühende Blog-Landschaften in Deutschland
Handelsblatt-Redakteur Thomas Knüwer analysiert die deutsche Bloggerszene und sieht sehr viel Positives . So verweist er auf den neuen Blog von Don Alphonso, der unter dem Dach der FAZ unter dem Titel „Stützen der Gesellschaft“ über den Niedergang des Bürgertums sinnieren wird.
„Willkommen im Blog der besseren Gesellschaft oder dem, was heute davon übrig ist, in der finanziellen Sorglosigkeit und beim Klassenkampf von oben gegen Neureiche und andere Zumutungen, beim Niedergang von Religion und Stand, bei den Müttern aller Buffetschlachten und ihren Töchtern mit Ehekrisen, über die man nicht redet, wenn mehr als 10 Freundinnen zuhören, fahren Sie mit beim leicht illegalen Geldtransport in die Schweiz und zum Speckkauf nach Meran, seien Sie Gast beim großbürgerlichen Wertekanon und profitieren Sie von dessen Kleingedruckten, setzen Sie sich gefälligst gerade hin, bewundern Sie die Tischdecke und die Bücher, genießen Sie Tee und tantenmordende Torten von Goldrandgeschirr aus erfolgreichen Erbkriegen, und bemühen Sie im Gespräch nur angemessene Dünkel. Erkunden Sie eine Welt, in der die Stützen der Gesellschaft selbst Stützen brauchen, vom Kindermädchen über den Vermögensverwalter bis zum letzten, einsamen Schnaufer am Rollator in der Seniorenresidenz„, so die vielversprechende Ankündigung auf der Website der FAZ.
Spannend dürfte nach Ansicht von Knüwer auch werden, was aus Basic Thinking wird. „Rund 47.000 Euro hat also sein Server- und Web-Hosting-Unternehmen aus Köln hingelegt. Und es ist, wie ich finde, erstmal nicht so übel investiertes Geld. Denn für diese Summe hätte eine Firma mit – mit Verlaub und Entschuldigung an alle Server- und Web-Hosting-Unternehmen – solch einem vergleichsweise langweiligen Geschäftsfeld nicht diese Breitenwirkung in klassischen Medien erreichen können“, so Knüwer.
Zu seinen weiteren Favoriten zählen Weissgarnix oder der die sich in die Finanzkrise eingrabenden Querschüsse. „Auch der Journalistenschredder ist eine meiner subjektiven Entdeckungen 2008, ebenso der eigentlich über Medien schreibende Konsument Stefan Winterbauer. Und dann gibt es noch so hübsche, nicht auf Themen fokussierte Blogs wie Felis Wor(l)d„, resümiert Knüwer. Nicht fehlen in der Aufzählung darf der Blog Netzwertig – für ITK-Interessierte immer eine Fundgrube. Wenn es um politische Debatten geht, bringt die Achse des Guten immer wieder Beiträge, die quer zum Mainstream liegen.
Nachtrag zu Konjunkturprognosen: Günter Ogger, Autor des Buches „Nieten in Nadelstreifen“ empfiehlt einen Dummschwätzer-Boykott
Als Reaktion auf meinen Blog-Beitrag zu den Forderungen von DIW-Chef Zimmermann schickte mir Bestseller-Autor Günter Ogger http://www.guenterogger.de folgende Mail:
Versuchen Sie es doch mal mit einer Initiative „Dummschwätzer-Boykott“:
Wenn man die Chefredakteure der sog. Leitmedien dazu verpflichtete, ab sofort die Nonsens-Verlautbarungen der Ökonomen und Analysten zu ignorieren, würde das zur Medienhygiene beitragen. Volkswirtschaft
ist nun mal keine Wissenschaft, sondern Religionsersatz. Wenn schon
Gesundbeterei erwünscht ist, dann sollte sie als solche deklariert werden und nicht im Gewand preusdowissenschaftlichen Geschwätzes daherkommen.
Freundliche Grüße,
Günter Ogger
Das sollten wir beherzigen. Weiterführend sind auch die Xing-Beiträge unter: https://www.xing.com/app/forum?op=showarticles;id=16477028;articleid=16478516#16478516
So schreibt Knut Eric Wingsch:
Die Experten, Politiker und Manager haben ihre Kopfnuss kassiert. Um alle Klischees zu bedienen bitte ich um Hinzufügung der Banker ;-))
Das die Experten, die über Experten, Politiker, Manager und Banker richten, sich selbst zu Experten stilisieren wird auffallend häufig nicht berücksichtigt oder nur dann, wenn es in die eigene Story passt. Komischerweise werden die Berufsgruppen nie gelobt, wenn alles bestens läuft und die Vorhersagen im positiven Sinne zutreffend sind – ist doch irgendwie eigenartig oder?
Und Michael R. RUOFF meint:
Glaube keinem Experten, er redet nur pro Auftraggeber.
Glaube keiner Prognose, sie sind alle zweckorientiert.
Glaube keiner Statistik und daraus abgeleiteten Analysen. Denn auch Statistiken sind oft gefälscht durch Weglassen und Ausgrenzen. Wer es noch nicht kennt, dem rate ich zur Lektüre: Walter Krämer, So lügt man mit Statistik.
Praktische Beispiele findet man jeden Tag in der FAZ, beim ZDF, im Spiegel und in den Regierungspublikationen. Vor allem in den Schaubildern. Beispiel: Ölpreisentwicklung in Dollar, Benzinpreiskurve in der gleichen Grafik in Euro. Sah dann so aus, als ob der Benzinpreis kaum sinkt.
„Get your facts first, and then you can distort them as you please“ (Mark Twain, 1835-1910)
Die Debatte wird uns wohl längere Zeit beschäftigen, Gruß GS
Blogger-Zoff im Handelsblatt: Knüwer und die Identitätskrise des Printjournalismus – Warum sich die Streithähne des Düsseldorfer Wirtschaftsblattes mit dem Luhmannschen Zettelkasten beschäftigen sollten
Handelsblatt-Redakteur Thomas Knüwer hadert mit seinem Berufsstand und sinniert über die Zukunft des klassischen Journalismus: „Es ist verständlich, dass sich mancher Kollege entwurzelt fühlt in diesen Tagen. Nichts scheint mehr so zu sein, wie es damals war. Und nicht mal dem eigenen Arbeitgeber scheint man vertrauen zu können, brachiales Vorgehen des Managements gegenüber Redaktionen sind nicht Ausnahme, sondern Regel geworden. Und um es klar zu sagen: So springt man nicht mit Menschen um. Doch es ist auch absehbar: Mit der bisherigen Arbeitsweise kommen wir Journalisten nicht weiter. Die Welt hat sich geändert – und wir uns nicht genügend mit“, bemängelt Knüwer in seinem Blog „Indiskretion Ehrensache“ http://blog.handelsblatt.de/indiskretion/eintrag.php?id=1981.
Viele Kollegen würden sich mit verwunderlicher Vehemenz weigern, überhaupt nur einen Blick zu werfen in die neuen Wege der Kommunikation. „Sie melden sich nicht mal unter falschem Namen bei StudiVZ, Facebook, Myspace oder Twitter an. Natürlich kann man der Meinung sein, all diese Dienste seien nur vorübergehende Mode. Doch selbst dann gehört es doch zu den journalistischen Pflichten, sich anzuschauen, was den Zeitgeist gerade umtreibt. Behauptet nicht jede Journalistenschule, ‚Neugier’ sei eine Berufstugend“, fragt sich Knüwer.
Die Verschiebung in der Kommunikation werde bleiben. „Und damit stehen viele Journalisten vor ihren möglichen Lesern wie Menschen, die sich nach Erfindung des Telefons weigern, dieses zu benutzen, weil es das Leben so hektisch mache – Briefe würden auch reichen. In diesen Tagen, Wochen, Monaten aber beginnen junge Menschen ihre berufliche Karriere, die so selbstverständlich über Social Networks, Blogs und Kurznachrichtendienste kommunizieren wie unsereins einst mit dem Telefon. Wie sollen wir ihnen die Welt einordnen, wenn wir uns in einer ganz anderen Galaxie bewegen? Noch dazu brauchen wir ihre Hilfe. Denn wie sollten immer kleiner werdende Redaktionen eine immer komplizierter werdende Welt einordnen – noch dazu immer schneller? Wir Journalisten müssen erkennen: Jeder Mensch ist Experte in irgendetwas. Gelingt es uns, gemeinsam mit diesen Experten zu recherchieren, wird unsere Arbeit besser werden, als je zuvor. Nur: Dafür müssen wir deren Kommunikationswege nutzen“, so Knüwer. Viele, viele seiner Kollegen müssten eine geistige 180-Grad-Wende vollführen.
Leicht werde das nicht. Und Hoffnung auf eine Kehrwendung hat Knüwer nicht. Vielleicht verwechselt der selbsternannte Online-Guru auch Eitelkeit mit Internetkompetenz. So kommentiert es jedenfalls der Gegen-Blogger Sönke Iwersen, der „pikanterweise“ aus derselben Redaktion stammt, wie FAZ-Redakteur Christian Geyer süffisant bemerkt.
„Lieber Thomas, bei aller kollegialer Zurückhaltung: mir ist kein Journalist bekannt, bei dem Selbstdarstellung und Realität derart auseinanderklaffen wie bei Dir. Vielleicht könntest Du die permanente Selbstbeweihräucherung mal kurz unterbrechen und erklären, warum Deine fantastische Verdrahtung über Xing, Facebook, Twitter und Co. so wenig journalistischen Mehrwert bringt. Wenn es tatsächlich so wäre, dass diese Kommunikationswege neue Infos erschließen – warum kommen die Scoops im Handelsblatt dann nicht von Dir, sondern immer von anderen Kollegen? Man kann Dir oft dabei zusehen, wie Du selbst in Konferenzen ständig mit Deinem Telefon herumdaddelst. Vielleicht twitterst Du nur grad, dass Du grad gern einen Keks essen würdest – wer weiß das schon. Jedenfalls führt das Ganze nicht dazu, dass Du das Blatt laufend mit Krachergeschichten füllst“, kritisiert Iwersen.
Bieterkampf bei Yahoo? Neues vom Telekomskandal? Untergang von Lycos? „Das alles wären doch Themen, zu denen Dir, dem hyper-vernetzten Journalisten, die Insidernachrichten zufliegen könnten. Tun sie aber nicht. Stattdessen stellst Du gern mal eine Nachricht als exklusiv vor, die morgens schon über Agentur lief oder in der New York Times stand. Ich verstehe einfach nicht, warum Du ständig diejenigen Kollegen runtermachst, von deren Geschichten Du selbst lebst“, kontert Iwersen. Eine große Zahl der Blogeinträge basiere auf Artikeln von Kollegen, „zu denen Du dann einfach Deinen Senf dazugibst. Ohne die von anderen recherchierten Grundlagen hättest Du da nichts zu schreiben. Du behauptest, die Journalisten müssten sich ändern und meinst damit wohl, sie müssten so werden wie Du. Es ist aber so, dass die meisten Kollegen gar kein Interesse daran haben, Nachrichten einfach nur wiederzukäuen, so wie Du. Es ist Dir ja unbenommen, in Deinem Blog eine Art Resteverwertung zu betreiben. Aber bitte verkauf das nicht als Zukunft des Journalismus“, kritisiert Iwersen und liefert unfreiwillig einen Beweis für die Kommunikationskraft der vernetzten Welt. Ohne den offen ausgetragenen Blogger-Zoff der Handelsblatt-Schreiber würden wir niemals einen so tiefen Einblick in den Redaktionsalltag klassischer Medien bekommen.
Und unabhängig von den internen Querelen zweier Zeitungsjournalisten über Recherchekompetenz, Schreibqualitäten und Agenda Setting-Storys stehen wir vor einem Paradigmenwechsel, den der Soziologe Niklas Luhmann mit seiner Old School-Zettelkasten-Arbeitsweise schon in den 1990er Jahre prognostizierte – ohne jemals in seinem Leben eine Computer-Tastatur berührt zu haben: Alle drei kulturellen Umbrüche, die der Schrift, des Buchdrucks und des Computers, stellt man sich am besten als „Katastrophen“ im mathematischen Sinne vor, als brutale Sprünge, die es einem System ermöglichen zu überleben, wenn es eigentlich aufhören müsste zu existieren.
Das System reagiert auf das Auftreten einer Störung, die alle seine Parameter überfordert, indem es auf eine neue Zustandsebene springt. Geschriebene oder gedruckte Texte machen es unmöglich, sich auf der Sachebene zu einigen, gerade weil sie dies versuchen und es deswegen so viele von ihnen gibt. Stattdessen einigt man sich auf der Ebene, zu beliebigen Sachen unterschiedliche Texte zuzulassen. Man streitet nicht darum, als Beobachter Recht zu haben, sondern man akzeptiert sich als Beobachter, der je nach der gewählten Unterscheidung manches sieht und vieles übersieht.
Mit der Computerkommunikation wird die Eingabe von Daten und das Abrufen von Informationen soweit getrennt, dass keinerlei Identität mehr besteht. Wer etwas eingibt, weiß nicht, was auf der anderen Seite entnommen wird. Die Autorität der Quelle wird entbehrlich, sie wird durch Technik annulliert und ersetzt durch Unbekanntheit der Quelle. Ebenso entfällt die Möglichkeit, die Absicht einer Mitteilung zu erkennen und daraus Verdacht zu nähren oder sonstige Schlüsse zu ziehen, die zur Annahme oder Ablehnung der Kommunikation führen könnten.
Die moderne Computertechnik greift auch die Autorität der Experten an. Fast jeder hat mittlerweile die Möglichkeit, die Aussagen von Wissenschaftlern, Journalisten, Unternehmern oder Politikern am eigenen Computer zu überprüfen. Die Art und Weise, wie Wissen in den Computer kommt, lässt sich zwar schwer überprüfen. Sie lässt sich aber jedenfalls nicht mehr in Autorität ummünzen. Zudem verlieren die klassischen Massenmedien ihre Selektionsmacht. Bislang war die redaktionelle Arbeit Mangelverwaltung. Die technische Verbreitungskapazität von Presse, Hörfunk und Fernsehen allein reichte nicht aus, um jedem, der etwas öffentlich mitteilen wollte, die Möglichkeit dafür einzuräumen: „Es gab schlicht nicht genügend Sendezeit, Frequenzen, Druckseiten und Zeitungsausgaben. Der Nachrichtenstrom musste in ein Rinnsal verwandelt werden“, schreibt Christoph Neuberger in einem Beitrag für den Sammelband „Die Google-Gesellschaft“.
Redaktionen, Verleger und Intendanten konnten bestimmen, welche Nachrichten und Meinungen veröffentlicht werden. Sie begleitete stets der Argwohn, dass sie ihre ‚Gatekeeper-Rolle’ nicht neutral ausüben, sondern missbrauchen. Während Unternehmen und Verbände ihren Einfluss auf den Journalismus durch PR-Strategien geltend machen konnten, waren nicht organisierte Interessen, Minderheiten oder Mehrheiten darauf angewiesen, dass der Journalismus sich ihrer Anliegen annahm.
Die kulturelle Katastrophe der Computer-Kommunikation ist noch in vollem Gange. Antworten haben weder Knüwer noch Iwersen. Vielleicht sollten sich beide einfach mal mit der Kommunikationswucht des Luhmannschen Zettelkasten beschäftigen, um sich gegenseitig mit neuen Erkenntnissen zu überraschen und die Unwägbarkeiten des Netz-Zeitalters zu verstehen.
Zur technischen Ausstattung des Soziologen-Zettelkastens gehörten noch hölzerne Kästen mit nach vorne ausziehbaren Fächern und Zettel im Oktav-Format. Alle Zettel hatten eine feste Nummer – es gab keine systematische Gliederung. Luhmanns Zettelkasten war also nicht systematisch geordnet. „Es gibt also keine Linearität, sondern ein spinnenförmiges System, das überall ansetzen kann. In der Entscheidung, was sich an welcher Stelle in den Zettelkasten hineintue, kann damit viel Belieben herrschen, sofern ich nur die anderen Möglichkeiten durch Verweisung verknüpfe“, sagte Luhmann. Seine Ideen ergaben sich aus den verschiedenen Kombinationsmöglichkeiten der Zettel zu den einzelnen Begriffen. „Insofern arbeite ich wie ein Computer, der ja auch in dem Sinne kreativ sein kann, dass er durch neue Kombination eingegebener Daten neue Ergebnisse produziert, die so nicht voraussehbar waren“, so Luhmann.
Wer sich verzetteln will, sollte auf http://www.verzetteln.de/ klicken.
Eine interessante Fortsetzung des Knüwer-Iwersen-Disputs findet man bei Niggemeier:
http://www.stefan-niggemeier.de/blog/thomas-knuewers-ende-der-debatte/