Über die Notwendigkeit der digitalen Alphabetisierung #NEO15

Alles vorbereitet für den netzökonomischen Käsekuchen-Diskurs
Alles vorbereitet für den netzökonomischen Käsekuchen-Diskurs

“Innovation & Transformation”, “Digital Information Management” und “Digital Process Management” werden von Unternehmen als wichtigste Handlungsfelder der digitalen Transformation erachtet. Doch kaum ein Drittel attestiert sich selbst hohe Kenntnisse zu diesen und anderen Digitalisierungsthemen. Fast ebenso gering ist die Quote der Unternehmen, die digitale Fähigkeiten so etabliert haben, dass sie fest in Arbeitsabläufen integriert sind. Das sind Ergebnisse einer Studie, die die Managementberatung Detecon gemeinsam mit dem SOA Innovation Lab durchgeführt hat und die auf der Next Economy Open in Bonn intensiv diskutiert wurde.

Nach einer Erhebung von Crisp Research sind die digitalen Kenntnisse der Manager noch bescheidener: Demnach haben gerade einmal sieben Prozent der Entscheider in Deutschland das Zeug zum Digital Leader, schreibt Michael Kroker in seinem Blog:

Digital Loser im Management

“Die große Mehrheit der 503 befragten Geschäftsführer und IT-Entscheider ist noch auf einem Anfängerniveau: 71 Prozent sind laut der Umfrage ‘Digital Beginner’ – vielleicht sollte man besser Digital Loser statt Leader sagen.”

Zudem gibt es eine große Diskrepanz zwischen Selbsteinschätzung und den tatsächlichen Kompetenzen für Digitalisierung.

“So halten sich sechs von zehn Entscheidern für digital kompetent, das heißt sie sehen ihre digitalen Fähigkeiten als stark oder sehr stark ausgeprägt. Tatsächlich verfügen aber nur 26 Prozent der Befragten über jene Kompetenzen”, so Kroker.

Da kann es nicht verwundern, wenn wir mit digitalen Produkten und Diensten auf den Weltmärkten nur mit unterdurchschnittlichen Leistungen glänzen – gemessen an Umsätzen, Nachfrage und Exporten. Hier führen die USA mit deutlichem Abstand, gefolgt von Südkorea und China. Dahinter folgen Japan und Großbritannien.

Die deutsche Internet-Wirtschaft setzte 2014 Güter und Dienstleistungen im Wert von knapp über 100 Milliarden Euro um. Gemessen am Bruttoinlandsprodukt entspricht dieser Wert einem Anteil von mickrigen 3,5 Prozent.

Geeks, Hacker und Genies fehlen in deutschen Unternehmen

Wie kann man aber Digitalkompetenz erwerben, ohne mit den Werkzeugen der digitalen Sphäre in Berührung zu kommen, fragt sich das Notiz-Amt. Thomas Knüwer verweist auf das neue Buch “The Innovators – How a Group of Hackers, Geniuses, and Geeks Created the Digital Revolution” des Steve Jobs-Biografen Walter Isaacson. Menschen könnten nichts im Internet erfinden. Sie erweitern eine Idee, die schon existiert:

“Die besten Innovatoren waren die, die die Flugbahn technologischer Veränderungen verstanden und den Staffelstab von Innovatoren vor ihnen übernahmen.”

Wer Innovationen im digitalen Zeitalter erzeugen will, müsse nicht nur auf der Höhe der Zeit sein, schreibt Knüwer in seinem Blog “Indiskretion Ehrensache”:

“Er muss am schneidenden Rand der Entwicklung sein, dem ‘Cutting Edge’.”

Am Beispiel der Verlagsbranche sieht Knüwer wenig Erfreuliches. Es sei eine Binse, dass Fische vom Kopf her stinken.

“Doch in Unternehmen läuft es eben so: Wenn der Chef etwas tut, wird sehr genau hingesehen. Erst recht in unsicheren Zeiten, wenn der eigene Job durch Abbau-Runden bedroht ist. Für mich ist der kontinuierliche Aufstieg der ‘Washington Post’ die Bestätigung, dass Medienkonzerne nur dann überleben können, wenn im Top-Management und der Redaktionsleitung Menschen frei agieren können, die eine hohe Digitalkompetenz mitbringen – und in Deutschland ist genau das nicht der Fall”, moniert Knüwer.

Auf der Suche nach twitternden Chefs

Als Indikator sieht er die Social Web-Aktivitäten von Geschäftsführern, Herausgebern und Chefredakteure der Verlage. Sozusagen der minimalste Status für digitale Aktivitäten, also facbooken, twittern oder bloggen. Das Ergebnis ist erschreckend. Wenn jetzt die Abwehr-Rhetoriker vom Dienst wieder fabulieren, dass die Hochrangigen Besseres zu tun hätten als zu twittern, kontert Knüwer mit der Notwendigkeit von Erfahrungswissen. Der Sinn von digitalen Werkzeugen erschließt sich erst aus der Nutzung, egal ob es um die Wirkung der Vernetzung bei Facebook geht, das Magenumdrehen beim Nutzen der Virtual Reality-Brille Oculus Rift oder die Beschleunigung eines Tesla.

Amazon und Apple essen ihr eigenes Hundefutter

Am Erfolg von Amazon kann man ablesen, wie wichtig Erfahrungswissen ist. Jeff Bezos ist ein manischer Mikro-Digitalmanager bei der Steuerung seines Unternehmens. Er hat als einer der ersten Führungskräfte begriffen, dass Produkte und Dienste ohne digitale Plattformen nutzlos werden. Oder präziser formuliert: Ein Produkt, das über keine Plattform verfügt, wird immer ersetzt werden durch ein äquivalentes Produkt, das mit einer Plattform ausgestattet ist. Die goldene Regel im Silicon Valley lautet dabei: Eat your own dogfood.

Apple-Topleute verstehen viel von Accessibility, also der Bedeutung der Entwicklungsarbeit Dritter und – sie essen ihr eigenes Hundefutter. Die machen ein ziemlich gutes Hundefutter!

Wir werden darüber um 16 Uhr diskutieren via Hangout on Air. Ihr könnt mitdiskutieren mit dem Hashtag #NEO15

Man hört, sieht und streamt sich.

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Wenn Müller nur Müllerchen rekrutiert – Die Seilschaften-Politik der Deutschland AG #NEO15 @th_sattelberger @breitenbach

Sattelberger-Keynote auf der #NEO15 „Wir haben es mit einer Verrohung von Führung zu tun.“
Sattelberger-Keynote auf der #NEO15 „Wir haben es mit einer Verrohung von Führung zu tun.“

Technologische Innovationen nutzen nach Auffassung von Lars Vollmer überhaupt nichts, wenn das Management veraltet ist. Aber genau da fangen die Probleme an. Im Kern dominieren auf den deutschen Chefetagen immer noch paternalistische SOZIAL-Technologien auf dem Kenntnisstand des letzten und mit einem Menschenbild des vorletzten Jahrhunderts.

Management-Denken 1.0 ist für diesen Zustand eher die harmlose Beschreibung der Gemengelage der Deutschland AG. Man braucht sich nur die Keynote von Thomas Sattelberger auf der Next Economy Open in Bonn anzuschauen.

Als ehemaliger Personalvorstand in Unternehmen wie Daimler, Continental, Lufthansa und Telekom plauderte er im Rheinischen Landesmuseum aus dem Nähkästchen. 50 Prozent der DAX-Konzerne stecken in einer akuten Krise oder sind an die Grenzen ihres Geschäftsmodells gelangt. Aus der blühenden Bankenlandschaft ist eine am staatlichen Tropf hängende Commerzbank und eine um ihre globale Wirkung ringende Deutsche Bank geworden. Bei den ehemaligen Energie-Giganten E.ON und RWE werde an der Börse schon der Exitus durch spekuliert. Viele große Spieler stehen mit dem Rücken zur Wand und sind unfähig, sich zu transformieren.

Wie soll das in einem Inzucht-System auch gelingen, wenn Müller nur Müllerchen rekrutiert. Seilschaften sichern sich ihre Karrieren in den obersten Chefetagen ab. Die Denkschulen für Manager und Ingenieure sind auf Berechenbarkeit und Planungsillusionen aufgebaut. Sie scheuen Experimente und blockieren Investitionen in ungewohnte Territorien, die zu schlechteren Quartalszahlen führen könnten. Es geht um Effizienz sowie um die Bewahrung von Margen und nicht um neue Geschäftsmodelle.

Reaktionäre Denkmodelle und Altherren-Dünkel

Zu beobachten am maroden Telekom-Konzern, der sich als Avantgarde der Besitzstandswahrer jetzt sogar die Startup-Szene zur Brust nehmen will. Wer keinen Vorfahrtschein für den bevorzugten Datentransport im Internet einlöst, muss halt Geschäftsanteile an den ehemaligen Monopolisten abdrücken. Die Digitale Transformation zelebriert der Magenta-Laden nicht mit attraktiven Datendiensten, sondern mit einem dümmlichen politischen Lobbyismus.

Die reaktionären Denkmodelle aus der Zeit der Massenproduktion, in denen man ausgebildet und sozialisiert wurde, stellt man nur ungern auf den Kopf. Höttges, Zetsche & Co. wird es allerdings nicht gelingen, mit diesem Altherren-Dünkel über die Runden zu kommen.

„Bei den DAX-Konzernen gibt es 29 Absteiger seit 1988, von denen 24 dauerhaft verschwunden sind. Der Lebenszyklus der deutschen Konzerne wird immer kürzer. Nur vier Prozent der DAX-Vorstände verfügt über unternehmerische Erfahrung. Da hilft dann auch der Silicon Valley-Tourismus nichts. Da kommt man hin, macht große Augen, kommt zurück, fällt in die alte Max Werberscher Bürokratie hinein und repetiert die alten Routinen“, moniert Sattelberger.

Alter Mittelstand

Im Mittelstand sieht es nicht viel besser aus. Nur sechs Prozent der sogenannten Hidden Champions wurden nach 1964 gegründet. 94 Prozent der Top-Mittelstandsfirmen sind älter als 50 Jahre. Konsequenz: Die Investitionsbereitschaft von Inhabern sinkt mit zunehmendem Alter rasant. Von den Unternehmern über 60 Jahren investiert laut einer KfW-Analyse nur noch rund jeder Dritte. Die anderen ziehen sich aus der Weiterentwicklung ihres Unternehmens zurück. Das gefährdet den künftigen Geschäftserfolg, bremst die Modernisierung und reduziert das gesamtwirtschaftliche Wachstum. Sinkt die Wettbewerbsfähigkeit, sind häufig auch Arbeitsplätze gefährdet.

Verschärft wird der Status quo durch die miserable Reproduktionsquote von neuen und frischen Unternehmen jenseits von Nagelstudios und Shops zur Haarverlängerung. In Europa sind wir bei den Firmenneugründungen fast das Schlusslicht. Nur Frankreich schneidet schlechter ab. Und nur acht Prozent der deutschen Startups hat mit Mathematik, Naturwissenschaften oder Technik zu tun.

Sattelberger wünscht sich den Tod der Personalfunktion

Was wir in Konzernen und im industriellen Mittelstand erleben, sind häufig reine Abwehrschlachten.

„Der VW-Skandal ist geprägt von einem Endkampf des innovationsärmsten Automobil-Unternehmens um den Verbrennungsmotor“, sagt Sattelberger.

Die Dieselgate-Machenschaften seien beispielhaft für die Führungskultur in Konzernen und patriarchalisch geprägten Mittelständlern:

„Filz wie bei der Fifa oder der Kommunistischen Partei. Zuvor waren es Siemens, ThyssenKrupp, Deutsche Bahn, Telekom, Münchner Rück/Ergo, Deutsche Bank, Infineon und Daimler. Das hat etwas mit den systemstabilisierenden Mechanismen geschlossener und einfältiger Organisationen zu tun, mit tradierten Machtkernen Wirtschaft, Politik und Gesellschaft. Es hat leider auch etwas mit der Erfüllungsgehilfen-Politik des Personalmanagements zu tun“, erklärt Sattelberger, der sich als ehemaliger Personalvorstand in DAX-Konzernen den Tod oder das Ende der klassischen Personalfunktionen wünscht.

Nur so sei eine Revitalisierung der Wirtschaft möglich. Die noch nicht im Sozialprodukt messbare Schieflage vieler Firmen hängt auch mit der mangelhaften Koalitionsfähigkeit der Veränderer zusammen. Die Graswurzelbewegungen, die von außen Druck ausüben könnten, schottet sich in Silos ab. Sattelberger fordert deshalb eine Große Koalition von digitaler APO und Offline-Rebellen, um die geschlossenen Systeme zu knacken, die sich nur über Beförderungs- und Rekrutierungsmechanismen über Wasser hält.

Popper war ein Hacker der politischen Elite

Distanziert äußerte sich Sattelberger in Bonn über die Forderungen nach Leadership oder charismatischer Führung. Leider sei jetzt schon der kooperative Führungsstil auf dem Rückzug. Bevorzugt werde die autoritäre Seite, die zum Duckmäusertum wie bei VW beiträgt:

„Wir haben es mit einer Verrohung von Führung zu tun.“

Es sei ja wunderbar, wenn Arbeitsministerin Andreas Nahles schon von Arbeiten 4.0 spricht. Wir müssten aber erst einmal Reparaturen im alten Betriebssystem vornehmen. Menschen werden im Arbeitsleben leider immer noch wie Objekte behandelt wie in Zeiten der Dampfmaschine. Gefordert ist jetzt Diversität, um geschlossene Systeme aufzubrechen.

In einer Session der NEO15 plädierte Soziopod-Blogger Patrick Breitenbach im Streitgespräch mit dem Brightone-Analysten Stefan Holtel gar für ein Machteliten-Hacking. Man müsse Gegen-Narrative in die Organisation bringen. Die alten Eliten sind von einer Blase der Ja-Sager umgeben. Wie wäre es mit einer subversiven Injektion für kritisches Denken? Der Philosoph Karl Popper hatte eine sehr intensive Beziehung zum leider verstorbenen Altkanzler Helmut Schmidt. Das habe den früheren Regierungschef in seinem politischen Denken sehr stark geprägt.

„Popper war indirekt ein Hacker der politischen Elite“, bemerkt Breitenbach.

Man brauche zudem starke Metaphern, um bei den Entscheidern der Machtelite etwas anzurichten, ergänzt Holtel.

Um Peer-to-Peer-Prinzipien von Formaten wie der Next Economy Open in wirtschaftliche oder politische Organisationen zu bringen, braucht man also nicht nur digitale Werkzeuge.

Zuerst erschienen in meiner Notiz-Amt-Kolumne bei den Netzpiloten.

Knackige Statements im Live-Modus #ibmbcde @ConnyHeinke @wolflotter @sascha_p @axelopp ‏@haraldschirmer @olewin @digitalnaiv

Mobile Livestreaming-Studio auf der IBM BusinessConnect in Köln
Mobile Livestreaming-Studio auf der IBM BusinessConnect in Köln

Der Google-Dienst Hangout on Air eignet sich auch für mobile Szenarien. Periscope und Meerkat sind exzellent einsetzbar für spontane Stimmungsberichte, schnelle Sendekritik wie bei heute+ oder Making-of-Einblicke. Live-Hangouts punkten bei der nachhaltigen Wirkung von Ereignissen – linear gesendet mit einem Live-on-Tape-Effekt, da beim Start des Livestreams sofort der virtuelle Rekorder auf Youtube anspringt und die Konserve schon während der Ausstrahlung angelegt wird. Wer verspätet einen Hangout als Zuschauer anklickt, kann zurückspulen und danach wieder in den Live-Modus zappen.

Mit einem Laptop, vernünftigen USB-Mikrofonen oder einem Audio-Interface wie das Scarlett 2i2 von Focusrite für XLR-Mikrofone, einer externen Webcam, guter Beleuchtung und schnellem Internet ist das Livestreaming-Studio für unterwegs innerhalb von zehn Minuten aufgebaut.

Gigabit-Jubiläumssendung im Jahr 3995

Über Google+ wird die Veranstaltungsseite für die Live-Übertragung eingerichtet und fungiert wie eine Landing-Page. Sehr praktisch ist der Kalender, mit dem man Live-Hangouts terminieren kann. Es ist allerdings noch nicht möglich, eine Sendung für das Jahr 3995 zu fixieren. Zu diesem Zeitpunkt dürften wir das Merkel-Ziel der Gigabit-Gesellschaft erreicht haben, wenn wir uns beim Breitband-Ausbau weiterhin so anstrengen, wie in den vergangenen Jahren….. Für anstehende Konferenzen, Messen, Barcamps, Seminare, Lesungen, Workshops, Podiumsdiskussionen, Webinare und Kundenevents dürfte diese zeitliche Einschränkung kein Hindernis sein.

Improvisationskunst

Mich reizt das Unperfekte beim Livestreaming. Es gleicht der Improvisationskunst von Jazz-Musikern, schreibt Umberto Eco. Es werden Bilder erzeugt und zur Ansicht gebracht ohne die Möglichkeit der Wiederholung. Als Operator stürzt man sich in ein Gestaltungsabenteuer. Es geht um Zufall, Handlung und Überraschungen, wie beim SocialTV-Konzept, das ich für die IBM BusinessConnect realisiert habe.

Wenn etwa brandeins-Autor Wolf Lotter Empfehlungen für das Arbeiten in der Ablenkungsgesellschaft gibt, die sich deutlich abheben von den Digitalisierungsstrategien der Unternehmen. Es geht Lotter um die Rückkehr zur Konzentration. Computer müssen uns die Zeit freischießen, um geistig arbeiten zu können. Das kommt im öffentlichen Diskurs zu kurz.

„Wir kommen aus der Fabrikgesellschaft, aus der Industriegesellschaft und denken die Digitalisierung immer noch falsch. Wir organisieren uns in den Routinen der Industrialisierung.“

Die Netzökonomie dürfen wir nicht mehr im Maschinen-Kopf denken, sondern als individuelle Problemlösungs-Gesellschaft. Deshalb ist die Metapher von der Universalmaschine irreführend. Nicht mehr Routinen und Prozesse sollten der Mittelpunkt der Informatik sein. Es muss etwas Neues kommen, nämlich die Unterstützung des personalisierten Wissensprozesses. Das Hamsterrad-Prinzip sollte nicht mehr den Arbeitsalltag bestimmen. Genauso wenig das Duckmäusertum, wie im Top-Management von VW, bemerkt Ole Wintermann von der Bertelsmann-Stiftung.

Das Social Web lebt von der Partizipation und von der Autonomie, entsprechend müsse auch die Arbeitswelt neu ausgerichtet werden. Also soziale Netze in das Unternehmensleben integrieren, wie es Cornelia Heinke (Bosch) und Harald Schirmer (Continental) im Live-Hangout-Gespräch skizziert haben.

Klar und unverblümt äußerten sich Sascha Pallenberg von Mobile Geeks und der Analyst Axel Oppermann zur Allianz von IBM und Apple.

Die früheren Rivalen werden zu einem Machtfaktor bei Business-Anwendungen in Konkurrenz zu Microsoft, SAP, Cisco und Salesforce.

„Wir haben hier einen weiteren wichtigen Player im Markt in der Kooperation von Hardware, Software und Software-Entwicklung. Hier muss sich jeder angegriffen fühlen, der in diesem Umfeld unterwegs ist“, so Pallenberg.

Knackige Aussagen, die nur im Live-Modus möglich sind. Entsprechend schmeckt am Schluss des Tages auch das SocialTV-Bier 🙂

Wir sehen, hören und streamen uns beim NextSendezentrum der Next Economy Open am 9. und 10. November in Bonn.

Ausführlich nachzulesen in meiner heutigen The European-Kolumne, die im Laufe des Tages erscheint.

Werbung einfach wegwischen – Überlegungen zum AdBlocker-Streit

Lesestoff für die Next Economy Open
Lesestoff für die Next Economy Open

Der Anteil von Internet-Nutzern, die sich über Filtersysteme gegen die Cookie-Attacken von öligen Werbe-Anbietern wappnen will, wächst überproportional. Allerdings darf nicht verschwiegen werden, dass auch das Geschäftsgebaren der so genannten AdBlocker nicht ganz sauber erscheint. Das Angebot des „Whitelisting“, bei dem sich Publisher von der Werbeblockade freikaufen können, sei aus Sicht des Axel Springer Verlages ein erpresserisches Vorgehen.

Die Nerven liegen blank, wie man an der Anti-AdBlocker-Strategie von Bild.de erkennen kann. Wer AdBlocker einsetzt, wird von den Inhalten des Tratsch-Mediums ausgeschlossen. Ich kann das verkraften. Beim Boulevard-Blatt sieht die Sache anders aus. Meedia geht davon aus, dass Bild.de seine Spitzenposition bei der „Reichweite“ einbüßt. Zur Zeit liege der Anteil der Werbeverweigerer, die Bild.de mit AdBlockern ansteuern, bei 20 bis 23 Prozent.

Der Medienrezipient scheint in diesem Machtkampf wohl nur eine untergeordnete Rolle zu spielen.

Tinder-Shopping

In der aktuellen Ausgabe von GDI-Impuls wird eine interessante Alternative ins Spiel gebracht. Das Ganze nennt sich Tinder-Shopping und lehnt sich an dem Auswahlmechanismus der Dating-App Tindr an. Das Prinzip ist simpel: Wisch nach links: gefällt nicht, Wisch nach rechts: gefällt.

„Du magst Sneakers, neonfarbig und nicht geschnürt? Schon poppen die ersten Angebot auf dem Screen aus. Ein kleiner Wisch nach links, und du lässt jedes Produkt fallen, das dir nicht gefällt. Hast du einer Marke zehnmal eine Abfuhr erteilt, verschwindet sie für immer von deinem Screen: ‚Shop until they drop“, schreiben Judith Mair und Bitten Stetter.

Der Kunde entscheidet über den individuellen Zuschnitt der Angebote von Produkten und Diensten. Das setzt die Werbeindustrie kräftig unter Druck, denn sie müssen es in diesem Szenario schaffen, den Nerv des App-Anwenders genau zu treffen – ansonsten droht die Verbannung vom Smartphone-Screen. Publisher und Werber müssen sich vom Spam-artigen Zumüllen aller Kommunikationsplattformen verabschieden, wenn sie Kunden nicht verlieren wollen.

„Matchmaking“ ist das Zauberwort. Anbieter, Mittler und Kunden sollten steuern können, wo und mit welchen Inhalten sie zueinander finden. Jan Steinbach und Uwe Freese von Xengoo schmieden für die Blogosphäre an so einem Projekt:

„Der Schlüssel dazu sind Transparenz der Interessen und klare Strukturen für die Zusammenarbeit“, sagt Steinbach. Erste Ideen werden auf der Next Economy Open am 9. und 10. November in Bonn vorgestellt.

Ausführlich nachzulesen in meiner heutigen The European-Kolumne.

Siehe auch:

BILD.de sperrt Adblock-User aus

Vielleicht sollten wir Projekte im Netz einfach mehr unterstützen – etwa Mobile Geeks.

Kakerlaken im Homeoffice: Psychologischer Mumpitz für die Arbeitswelt

Mehr wissenschaftliches Denken, werte Herren der Alltagspsychologie
Mehr wissenschaftliches Denken, werte Herren der Alltagspsychologie

„Forscher“ haben festgestellt, dass Kakerlaken schneller laufen, wenn ihnen Artgenossen dabei zuschauen. Mit dieser tierschürfenden Erkenntnis beglücken uns die Psychologen Volker Kitz und Manuel Tusch in einem Spiegel-Beitrag, der in ähnlicher Variante auch in ihrem Buch „Warum uns das Denken nicht in den Kopf will“. Mussten die kleinen Krabbeltierchen komplexere Aufgaben lösen, etwa den Weg aus einem Labyrinth finden, störten die Zuschauer. „Daraus entstand die Hypothese: Bei einfachen Aufgaben steigt die Leistung, wenn andere anwesend sind – bei schwierigen sinkt sie“, so Kitz und Tusch. Der Test funktioniert angeblich auch bei Menschen, behaupten die beiden literarischen Scherzkekse.

„Die Wissenschaftler sagen Probanden, sie müssten sich für ein Experiment eine bestimmte Laborkleidung anziehen – in Wahrheit geht es um das Umziehen selbst: Eigene Schuhe ausziehen, Laborsocken überziehen, Laborschuhe und Labormantel anziehen. Dann sagt man den Probanden, das Experiment finde leider doch nicht statt – sie könnten sich wieder umziehen. Schaut jemand demonstrativ zu, brauchen die Probanden für die ‚leichten‘ Aufgaben – die eigenen Schuhe aus- und wieder anziehen – 30 Prozent weniger Zeit als ohne Zuschauer. Und selbst wenn nur ‚zufällig‘ jemand im Raum ist und gar nicht aufmerksam hinschaut, sind sie immer noch fast 20 Prozent schneller als allein.“

Bei den ’schweren‘ Aufgaben – die ungewohnte Laborkleidung an- und wieder ausziehen – sei es umgekehrt:

„Hier brauchen die Probanden länger, wenn jemand aufmerksam zuschaut oder auch nur ‚zufällig‘ im Raum ist. Für jede Tätigkeit gibt es folglich eine richtige Umgebung: Routineaufgaben erledigen sich leichter im Großraumbüro, hinter einer gläsernen Bürotür oder im Café – und viel schwerer im Einzelbüro oder allein im Homeoffice. Wer vorwiegend komplexe Dinge zu erledigen hat, arbeitet hingegen zurückgezogen am besten.“

Was kann man von diesen biologistischen Kakerlaken-Weisheiten ableiten? Wer einfache Arbeiten verrichtet, sollte in Großraumbüros verfrachtet werden und wer anspruchsvollen Tätigkeiten nachgeht, sollte auch die Vorteile von Homeoffice-Arbeit genießen? Das haben Kitz und Tusch zwar nicht geschrieben, man könnte es im Personalmanagement aber so interpretieren, schließlich ist der Herr Tusch auch als „Coach“ unterwegs und der Herr Kitz verbreitet Erkenntnisse über die Büropsychologie.

Praktiker wie Thomas Dehler, Geschäftsführer des Dienstleisters Value5, halten solche Ableitungen für Mumpitz:

„Schon jetzt fürchten sich viele Arbeitnehmer davor, dass Führungskräfte und der Chef ihre Leistungen bei dezentraler Arbeit nicht wahrnehmen. Sie fürchten sich also, allein das Thema ‚Work at Home‘ für sich zu adressieren. Weiterhin spielt auch eine Rolle, dass dem Konzept ‚Homeoffice‘ häufig eine elitäre Konnotation anhaftet, also eher den Führungskräften vorbehalten ist. Zumindest ist es dort verbreiteter, als etwa bei den Leistungserbringern beim Service. Mit den Kakerlaken-Thesen wird so eine zweifelhafte Denkhaltung in den Führungsetagen sogar noch untermauert.“

Solche Ausflüge ins Tierreich gehen nach Auffassung von Dehler meistens schief:

„Es soll auch Versuche und Studien geben, wo man trainierten Springflöhen die Beine ausreißt. Es wäre dann vermessen zu sagen, wenn dieser Floh seine Beine verliert, verliert er auch sein Gehör, auf Anweisung zu springen.“

Menschliches Verhalten kann nicht auf Kakerlaken-Niveau erklärt werden. Als Beispiel können die so genannten Hawthorne-Experimente genannt werden. So wollten „Forscher“ herausgefunden haben, dass Arbeiterinnen auch ohne Lohnerhöhung schneller und besser arbeiten, wenn man freundlich zu ihnen ist und die Wände der Werkstatt gelb anstreicht. Nachdem sich jedoch unter den Beschäftigten herumgesprochen hatte, dass das Management mit seinem Schmusekurs und der Farbgestaltung nur Geld sparen wollte, kam es zu Lohnforderungen und einem Streik. Die Geltung solch dünner Theorien wird spätestens nach dem Bekanntwerden ihrer Absichten und Steuerungsinstrumente obsolet.

Zudem geht es den meisten Unternehmen beim Arbeiten in Großraumbüros nicht um Effekte der sozialen Erleichterung, sondern schlichtweg um mehr Kontrolle.

„Bewegt sich auch jeder? Klappert es? Dann ist es ja gut“, schreibt Wolf Lotter in der Zeitschrift brandeins mit dem Schwerpunktthema „Ruhe!“.

Niemand würde zugeben, dass es hier um Zwangssozialisation geht. Nein, in den Büro-Galeeren geht es natürlich um „bessere Kommunikation“ und „Teamarbeit“. In Wahrheit toben sich auf diesem Feld dubiose Sozialingenieure aus, die nicht einfach nur Arbeitsplätze optimieren wollen, sondern die Menschen gleich mit, kritisiert Lotter.

„Die kleinen, mit halbhohen Sichtschutz-Wänden abgetrennten Arbeitseinheiten in Großraumbüros haben wenigstens einen ehrlichen Namen: Raumzelle. Halb offener Strafvollzug sozusagen, denn wer nicht von anderen beobachtet werden will, der muss sich ducken und schön am Schreibtisch ’sitzen machen'“, wie es der brüllende Chef in Billy Wilders Komödie „Eins, zwei, drei“ unmissverständlich zum Ausdruck bringt.

So funktionieren vielleicht Automaten, aber keine Menschen.