Innovationsmacht China und die Strategem-Blindheit des Westens

„They are starting to out-innovate the home-grown competition“ mit diesem Satz endet die Cover Story des neuesten „Economist“ mit dem Titel „Who’s afraid of Huawei?“. Wird China die neue Innovationsmacht? Mit dieser Frage beschäftigt sich am Freitag, den 31. August die Innovationskonferenz des Schweizer Beraters Bruno Weisshaupt.

Grund genug mit ihm ein Interview zu führen – auch als Vorbereitung meiner Mittwochskolumne für das Debattenmagazin „The European“. Der Netzwerkausrüster „Huawai“ spielt in dem Gespräch natürlich auch eine Rolle. Angesicht der Tatsache, dass ALU und NSN vor dem Aus stehen, bleibt nur noch Ericsson als ernsthafte Konkurrenz übrig. Wenn China in der Kommunikations-Infrastruktur ein Monopol erreicht hat, werden sie dann – so wie der Westen in den letzten Jahrzehnten – im Gegenzug so in den Westen investieren, dass hier eine effektive Konkurrenz hochkommt, oder wird der Westen abhängig?

Wer macht denn die Musik im zukunftsträchtigen Mobile Business? Die Taktgeber sind hier Apple und Google. Von den verstaubten Telcos ist wenig zu sehen. Das kann man jährlich auf der Mobile World in Barcelona erleben. Es reicht eben nicht aus, eine Digitaleinheit zu gründen, um an der Expansion der Netz-Ökonomie zu partizipieren. Dabei gibt es viel zu tun. Das werden vor allem die Netzausrüster wie Huawei offensiv angehen: die Digitalisierung aller Wirtschaftszweige. Die Antworten von Weisshaupt werte ich für meine Kolumne aus.

In der westlichen Welt scheint man zu meinen, „Hintergrundwissen über die Volksrepublik China sei überflüssig, es genüge, von Fall zu Fall die Tagesereignisse zu verfolgen und mit westlichen Alltagswissen ad hoc zu reagieren“, so die Erfahrung von Professor Harro von Senger. Der Sinologe ist einer der Hauptredner der Schweizer Tagung und spricht über das Thema: „Vom Gleichziehen zum Überflügeln: China auf dem Weg zur Innovation – eine Standortbestimmung 2012“.

Mit der Forschung des China-Kenners beschäftige ich mich nun schon seit einigen Jahren. Immer noch zählt es wohl zu den Kardinalfehlern westlicher Politiker und Manager, die Bedeutung der Strategem-Kunde in der Außen- und Innenpolitik Chinas zu unterschätzen. Dabei hat Harro von Senger alles sehr genau dokumentiert:

„Welche Rolle das Gesetzesrecht in der Volksrepublik China spielt und welchen Stellenwert es in diesem Land hat, stelle ich in ‚Supraplanung’ deutlich dar. Wenn man die Verfassungsartikel zur Kenntnis nehmen und in ihrer vollen Tragweite begreifen würde, dann würde vieles, was in der politischen Tagespraxis geschieht, durchschaubar und leicht vorhersehbar werden. Aber leider werden offizielle Dokumente der Volksrepublik China im Westen regelrecht boykottiert und planmäßig nicht gelesen oder mit einem Lacher abgetan.“

In Anlehnung an Gottfried Wilhelm Leibniz plädiert von Senger dafür, dass die westliche Belehrungsgesellschaft sich in eine Lerngesellschaft im Verhältnis zu China wandeln sollte. Der Westen müsse den tief verwurzelten Kulturhochmut ablegen und sich darum bemühen, das amtliche Denken in der Volksrepublik China, insbesondere das Bezugssystem der Kommunistischen Partei Chinas von innen heraus besser zu verstehen. Europa und die USA seien nach der chinesischen Strategemkunde eine leichte Beute und eine optimale Spielwiese für die Anwendung des Strategems Nummer 33: Das Strategem des Zwietrachtsäens.

Als Beispiel führt von Senger den Dalai-Lama-Besuch bei Bundeskanzlerin Angela Merkel vor einigen Jahren an, der dazu führte, dass Chinas Führer reihenweise Termine mit Deutschen absagten. Der damalige französische Präsident Nicolas Sarkozy wurde demgegenüber höchst freundlich empfangen und mit Aufträgen in Höhe von 20 Milliarden Euro überschüttet. Beliebt bei Machtkonflikten sind auch Ausmünzungs-Strategeme:

„Sie dienen der Ausnutzung einer eigens herbeigeführten oder sich ohne eigenes Dazutun ergebenden Wirklichkeits-Konstellation, zum Beispiel Strategem Nummer 20: ‚Das Wasser trüben, um die ihrer klaren Sicht beraubten Fische zu fangen‘, schreibt von Senger in seinem Opus „36 Strategeme für Manager“ (erschienen bei Hanser).

Oder das Strategem Nummer 19: „Unter dem Kessel das Brennholz wegziehen“. Das Brennholz ist die Kraftquelle, die das Wasser im Kessel zum Sieden bringt. Das Wasser erkaltet, sobald man das Brennholz entfernt. Es wirkt als Kraftentziehungs-Strategem. Man nimmt jemanden den Wind aus den Segeln, gräbt ihm das Wasser ab, entzieht ihm den Boden. Als Strategemprävention hält der Sinologe von Senger eine genaue Überprüfung aller denkbaren Szenarien gegnerischer Eingriffe für essentiell.

Firmenübernahmen oder politische Interventionen gegen Internetzensur wird die KP China niemals zulassen. Sie stehen im Widerspruch zu den machtpolitischen Strategemen. Die Prinzipien sind simpel:

„Vom Import zum Export, vom Lernen zur Neuschöpfung“.

Es geht um die Befolgung der Polaritätsnorm:

„Ausländisches für China nutzbar zu machen“.

In Peking wird man westliche Unternehmen nur tolerieren, solange sie den Zielen der KP nutzen und sich in die Gastrolle fügen. Hier kommt die Dialektik von Mao Tse Tung zum Einsatz:

„Alles Ausländische muss so behandelt werden wie unsere Speise, die im Mund zerkaut, im Magen und Darm verarbeitet, mit Speichel und Sekreten des Verdauungsapparates durchsetzt, in verwertbare und wertlose Bestandteile zerlegt wird, worauf die Schlacken ausgeschieden und die Nährstoffe absorbiert werden, sodass unser Körper Nutzen von der Speise hat; das Ausländische darf keineswegs mit Haut und Haaren roh verschlungen, kritiklos einverleibt werden.“

Professor von Senger empfiehlt den westlichen Politikern und Managern bei China-Geschäften dem Rat von Jesus zu folgen:

„Seid klug wie die Schlangen und sanft wie die Tauben“ (Matthäus 10, 16). „In der globalisierten Welt des 21. Jahrhunderts sollte der verborgene Schatz, der in dem bei uns unbekannten Ausspruch Jesu ruht, gehoben werden“.

Es sei unverzichtbar, sich ein optimales Listwissen anzueignen. Im politischen und wirtschaftlichen Wettbewerb unterliege die Listenblindheit der Listkompetenz. Das gelte für Politiker und Unternehmer. Ansonsten könnte vielleicht Chuck Norris helfen….

Aber statt sich mit der neuen Innovationsmacht China auseinanderzusetzen, verplempern wir leider unsere Zeit mit der endlosen Eurokrisen-Debatte, die sich Kreis dreht. Beispiel: Aufstand der Bundesbank nur vorerst verschoben?

Update zur China-Story. Interview mit Dr. Roman Friedrich von Booz & Co.

Software schlägt Hardware – auch bei HP


Mit dem radikalen Kurswechsel läutet HP-Chef Leo Apotheker nun wohl endgültig die Post-PC-Phase der IT-Branche ein. Der weltgrößte KarlssonComputerhersteller setzt in Zukunft auf Software und Dienstleistungen – ähnlich wie IBM. „Gleichzeitig teilte Hewlett-Packard mit, das Geschäft mit Smartphones und Tablets mit dem Betriebssystem WebOS zu stoppen. Sie konnten zuletzt mit erfolgreicheren Rivalen wie Apples iPhone und iPad sowie Geräten mit dem Google Betriebssystem Android nicht mithalten“, schreibt die FTD. Dabei klang Apotheker in einem Bericht in der Juli-Ausgabe des Manager Magazins über den angeblichen Niedergang von Apple doch noch so optimistisch: „Heute ist Apple obenauf, aber in ein paar Jahren kann das ganz anders sein.“ Kann. Er sagte aber auch: „Innerhalb der IT-Branche können sich die Dinge sehr schnell ändern. Es wird keine Monopole geben, und schon gar nicht solche von Dauer“, so Apotheker. Dabei meinte er auch den möglichen Abstieg des Steve Jobs-Imperiums. Nun kann man die Aussage des HP-Chefs auch ganz anders deuten:

Für die Maschinisten und Internetausdrucker in Deutschland dürfte der HP-Kurswechsel recht lehrreich sein. Nachzulesen in meiner Kolumne für Service Insiders: Insgesamt müsse Deutschland endlich erkennen, sich nicht nur über die Produktion von Gütern zu definieren. Es würden zu viele Maschinisten und Internetausdrucker den Ton angeben, so Bernhard Steimel von der Unternehmensberatung Mind Business: „Unternehmen, die sich nur über ihre herstellende Rolle definieren, haben ein Problem. Das Endgerät ist häufig nur noch das Tor zur Nutzung eines Dienstes. Es kann der Antrieb sein für neue Dienste, wie man das beim iPad derzeit erlebt. Ohne iTunes und die App-Economy wäre Apple niemals erfolgreich. Produkte und Anwendungen des Steve Jobs-Konzerns üben so viele Reize aus, dass im Moment pro Quartal 150 Millionen iOS-fähige Endgeräte verkauft werden. Das haut einen um. Apple pulverisiert gerade mit dem iPad den PC-Markt. Was wird denn passieren, wenn auch Fernseher mit dem Apfel-Symbol ins Portfolio aufgenommen und nahtlos in die Anwendungsmöglichkeiten von Apple integriert werden? Das dürfte den etablierten Herstellern einige Kopfschmerzen bereiten. Es geht am Ende des Tages natürlich um Produkte. Doch der Mächtige ist derjenige, der die bessere Software hat“, so die Überzeugung von Steimel.

Die Wertschöpfung von Apple liege klar bei den Applikationen. Analysten hätten berechnet, dass die angekoppelten Verkäufe nach dem Erwerb eine iPhones das Achtfache ausmachen. Das sei ein eindeutiger Befund für die Kraft von Software.
„Infrastrukturen des Wissens und Handelns fokussiert auf die Aufgaben der Kunden eingesetzt, führt zu den Systeminnovationen, welche die Trends für die Zukunft setzen werden. Die dabei entstehenden neuen Businessmodelle gestalten die Wertschöpfungsketten fundamental neu und verändern die Rollen aller Unternehmen im Markt grundsätzlich“, bestätigt Bruno Weisshaupt, Geschäftsführer des Beratungsbüros Origo in Schweiz.

Und kurzgefasst kann man das Ganze auch so resümieren: