Einstein und die Irrfahrten seiner Kollegen

Eine Widmung an Otto Nathan, die Seite 746 eines Princeton-Bandes und Upton Sinclairs Gedankenradio führen in die politischen und wissenschaftlichen Grenzgebiete des 20. Jahrhunderts.

Nach dem literarischen Abend in der Emil-Figge-Bibliothek der Technischen Universität Dortmund blieb eine Frage offen. Albert Einstein hatte 1952 den ersten Band von „Socialism and American Life“ seinem Freund Otto Nathan geschenkt und vier Zeilen auf das Vorsatzblatt geschrieben:

Dem lieben Otto Nathan
Dem Freund und Heiligen
Dies Buch über die Irrfahrten
seiner Kollegen.

Oder heißt es am Ende „seines Kollegen“? Schon während der Dortmunder Veranstaltung war aufgefallen, dass ein einzelner Buchstabe die Bedeutung der Widmung verschieben könnte. Die wissenschaftliche Untersuchung des Autographs steht noch aus. Die philologische Akte bleibt also offen.

Ich wollte wissen, ob sich die Widmung aus dem Buch heraus lesen lässt. Also besorgte ich mir den ersten Band der 1952 bei Princeton University Press erschienenen Ausgabe und begann dort, wo man bei einem Geschenk gewöhnlich zu selten beginnt: im Inhalt.

Das Buch erklärt die Widmung

„Socialism and American Life“ ist kein sozialistisches Bekenntnisbuch. Das zweibändige Werk ging aus zwei jeweils einjährigen Studentenkonferenzen des Programms für amerikanische Zivilisationsgeschichte an der Universität Princeton hervor. Eine Förderung der Rockefeller Foundation ermöglichte die Mitarbeit zahlreicher Fachleute. Die Herausgeber Donald Drew Egbert und Stow Persons achteten nach eigener Auskunft darauf, Sozialisten und nichtsozialistische Forscher ungefähr gleichgewichtig zu beteiligen.

Schon das Vorwort beschreibt den politischen Drahtseilakt. Konservative würden dem Buch vorwerfen, den Sozialismus zu lehren. Marxistische Kritiker könnten monieren, dass viele Autoren weder Marxisten noch Sozialisten seien. Die Herausgeber nahmen beide Einwände in Kauf. Ihr Gegenstand sei zu vielgestaltig, um ihn aus einer einzigen Perspektive zu behandeln.

Der erste Band führt durch religiösen Sozialismus, christliche Gemeinschaften, Shaker, Oneida, Amana, utopische Kolonien, Marxismus, Gewerkschaften, Parteien, Ökonomie, Psychologie, Literatur und Kunst. Daniel Bell schreibt über Aufstieg und Niedergang des amerikanischen Marxismus, Sidney Hook über dessen philosophische Grundlagen, Paul Sweezy über marxistische Ökonomie. Will Herberg, George Hartmann und weitere Autoren untersuchen Organisationen, Mentalitäten und kulturelle Wirkungen.

Einstein schenkte Nathan folglich keinen Wegweiser zu einer feststehenden Lehre. Er schenkte ihm eine Kartographie politischer Versuche, Abzweigungen, Niederlagen und Selbsttäuschungen. Das Wort „Irrfahrten“ passt bereits zu dieser Anlage. Es muss keine pauschale Verwerfung des Sozialismus enthalten. Es kann die vielen Wege bezeichnen, auf denen eine europäische Idee in Amerika religiös, genossenschaftlich, gewerkschaftlich, intellektuell und parteipolitisch verwandelt wurde.

Einstein begegnet sich auf Seite 746

Im letzten Kapitel, „Socialism and American Art“, erscheint schließlich Albert Einstein selbst. Donald Drew Egbert schildert die kommunistischen Friedenskampagnen der späten vierziger Jahre und die im März 1949 in New York abgehaltene „Cultural and Scientific Conference for World Peace“. Zu den Unterstützern der Konferenz zählt der Text „famous noncommunists“ wie Thomas Mann und Albert Einstein.

Einstein erscheint in dem Werk weder als Physiker noch als Autor einer sozialistischen Theorie. Er tritt als politisch engagierter Nichtkommunist auf, dessen Friedensarbeit in das Raster des beginnenden Kalten Krieges gerät. Der Abschnitt behandelt die Konferenz im Umfeld sowjetischer Propagandapolitik, des Atlantikpakts, der amerikanischen Kommunistenverfolgung und des Verdachts gegen sogenannte Fellow Traveller. Auf diese Weise wird Einstein selbst zum Gegenstand jener ideologischen Vermessung, die der Band vornimmt.

Die Konferenz fand vom 25. bis 27. März 1949 im Waldorf-Astoria statt. Zeitgenössische Programme führten Hunderte Unterstützer aus Wissenschaft, Kunst und Religion auf. Thomas Mann verteidigte damals seine Unterstützung des Friedensgedankens gegen den Verdacht kommunistischer Gefolgschaft. Er hatte an der Tagung nicht persönlich teilgenommen, Harlow Shapley aber ein Grußtelegramm geschickt. Mann erklärte anschließend, er sei weder Fellow Traveller noch Bewunderer der sowjetischen Politik; einen Krieg zwischen den Vereinigten Staaten und der Sowjetunion hielt er dennoch für eine Katastrophe.

Damit öffnet Seite 746 eine neue Lesart der Widmung. Sollte Einstein „seines Kollegen“ geschrieben haben, könnte er auf sich selbst zeigen. Nathan erhielte dann ein Buch über die Irrfahrten seines Freundes Einstein, der im Kalten Krieg zwischen Pazifismus, Sozialismusverdacht und antikommunistischer Klassifikation wanderte.

Lautet die Zeile „seiner Kollegen“, bleibt Einstein ebenfalls im Kreis der Gemeinten. Die „Kollegen“ wären dann nicht bloß Nathans sozialistische Fachgenossen. Gemeint sein könnten jene Wissenschaftler, Schriftsteller und politischen Intellektuellen, die für Abrüstung, Verständigung und gesellschaftliche Reform eintraten und dabei rasch als naive Helfer Moskaus galten.

Die Widmung bekäme einen doppelten Boden. Einstein machte sich womöglich über politische Irrtümer lustig. Ebenso gut konnte er die Etikettierungswut einer Epoche verspotten, die einen Pazifisten nur noch als Kommunisten, Antikommunisten oder nützlichen Idioten zu erfassen vermochte. Voraussetzung dieser Deutung bleibt, dass Einstein den Band zumindest durchgesehen und seine eigene Erwähnung entdeckt hatte. Plausibel ist das. Bewiesen ist es bislang nicht.

Zwei Autoren im ersten Heft der „Monthly Review“

Ein weiterer Fund rückt Nathan und Einstein noch enger zusammen. Im Mai 1949 erschien die erste Ausgabe der „Monthly Review“. Das Inhaltsverzeichnis verzeichnet Albert Einsteins Aufsatz „Why Socialism?“ und wenige Seiten später Otto Nathans Beitrag „Transition to Socialism in Eastern Europe“.

Drei Jahre vor der Widmung waren Einstein und Nathan damit im wörtlichen Sinn Kollegen: Autoren desselben sozialistischen Periodikums. Einsteins Essay war keine Verbeugung vor der sowjetischen Planwirtschaft. Er diagnostizierte im Kapitalismus eine Konzentration wirtschaftlicher Macht, die auch demokratische Institutionen aushöhlen könne. Private Kapitalinteressen kontrollierten nach seiner Analyse Parteien, Medien und Bildungswege. Den Sozialismus verstand er als Versuch, Produktion an gesellschaftlichen Bedürfnissen auszurichten.

Zugleich formulierte er eine Warnung, die jede einfache politische Zuordnung erschwert. Eine Planwirtschaft könne mit der vollständigen Versklavung des Individuums einhergehen. Die entscheidende Aufgabe bestehe deshalb darin, die Macht der Bürokratie zu begrenzen, individuelle Rechte zu schützen und ein demokratisches Gegengewicht zu sichern.

Auch deshalb passte „Socialism and American Life“ zu Otto Nathan. Der Ökonom war für Einstein Gesprächspartner, politischer Mitstreiter, Vertrauter und schließlich Nachlassverwalter. Das Albert-Einstein-Archiv beschreibt Nathan ausdrücklich als einen engen Mitarbeiter, der Einsteins linke Auffassungen über Politik und Gesellschaft teilte. Vassar College verwahrt Korrespondenzen, die ihre Zusammenarbeit in sozialen und politischen Fragen dokumentieren. In seinem Testament von 1950 ernannte Einstein Nathan zum alleinigen Testamentsvollstrecker und gemeinsam mit Helen Dukas zum Treuhänder seines Nachlasses.

Das Wort „Heiliger“ wirkt vor diesem Hintergrund weniger rätselhaft. Es kann liebevolle Ironie sein, gerichtet an einen Freund mit ausgeprägtem moralischem Ernst. Nathan kümmerte sich um Einsteins juristische und wirtschaftliche Angelegenheiten, engagierte sich politisch und arbeitete später an der Sammlung „Einstein on Peace“. Einstein verehrte den Freund und neckte den politischen Moralisten.

Der Satz wäre dann weder Abrechnung noch Glaubensbekenntnis. Er wäre ein privater Kommentar zwischen zwei linken Intellektuellen, die ihre eigenen Wege und die Irrtümer ihres Milieus genau genug kannten, um darüber lachen zu können.

Ein Geleitwort für das Undenkbare

Der zweite Weg führt zu Upton Sinclair. In der deutschen Ausgabe seiner Berichte über Gedankenübertragung steht ein kurzes Geleitwort Albert Einsteins. Schon der Wortlaut widerspricht der Vorstellung, Einstein habe Telepathie als naturwissenschaftliche Tatsache anerkannt.

Er schreibt, die dargestellten Ergebnisse lägen weit außerhalb dessen, was ein Naturforscher für denkbar halte. Zugleich hält er eine bewusste Täuschung durch Sinclair für ausgeschlossen. Dessen „bona fides“ und Zuverlässigkeit dürften nicht bezweifelt werden. Selbst falls die Beobachtungen auf unbewussten hypnotischen Einflüssen zwischen Personen beruhten, besäßen sie nach Einsteins Auffassung psychologisches Interesse. Deshalb solle die Fachwelt an dem Buch nicht achtlos vorübergehen.

Einstein bescheinigt Sinclair Aufrichtigkeit. Der Telepathie stellt er kein Echtheitszertifikat aus. Diese Unterscheidung ist für die Bewertung zentral. Ein glaubwürdiger Zeuge kann sich täuschen. Sorgfalt und Ehrlichkeit schützen weder vor unbewussten Hinweisen noch vor selektiver Erinnerung, Erwartungseffekten oder der nachträglichen Überbewertung gelungener Übereinstimmungen. Vertrauen in einen Beobachter ersetzt keinen experimentellen Wirkungsnachweis.

Sinclair berichtet in seinem späteren Vorwort, Einstein sei einer der engsten Freunde des Ehepaars gewesen, habe ihr Haus besucht und einige Versuche beobachtet. 1929 habe er Einstein die Korrekturfahnen geschickt und ihn um ein Vorwort für eine deutsche Ausgabe gebeten. Einstein habe zugesagt und an den Verlag geschrieben. Diese Angaben stammen von Sinclair selbst. Sie belegen zunächst dessen Erinnerung und sollten mit der erhaltenen Korrespondenz abgeglichen werden.

Das Buch zeigt, wie ernst die Beteiligten ihre Versuchsanordnungen nahmen. Zeichnungen wurden in verschiedenen Räumen angefertigt, Türen geschlossen, Gegenstände verpackt und Ergebnisse später verglichen. William McDougall, ein damals angesehener Psychologe, steuerte eine ausführliche Einführung bei. Das Feld der Parapsychologie lag in jener Zeit noch näher an den institutionellen Rändern der akademischen Psychologie als heute.

Aus heutiger Sicht reichen solche Vorkehrungen kaum aus. Die Versuche waren nicht in dem Sinne randomisiert, verblindet, statistisch ausgewertet und unabhängig repliziert, den eine belastbare experimentelle Prüfung verlangt. Das schmälert Sinclairs Ehrlichkeit nicht. Es begrenzt den Erkenntniswert seiner Resultate.

Die dritte Möglichkeit

Einstein faszinierte an dem Fall vermutlich weniger das Übersinnliche als das methodische Problem. Zwei einfache Antworten lagen bereit: Entweder existiert Telepathie, oder Sinclair betrügt seine Leser. Einstein weigerte sich, diese Alternative zu akzeptieren. Er führte eine dritte Möglichkeit ein: einen noch unbekannten psychologischen Einfluss, der weder klassische Telepathie noch bewusster Schwindel sein müsste.

Eine ähnliche Denkbewegung erscheint in seinem Sozialismus-Essay. Kapitalistische Machtkonzentration hielt er für gefährlich. Eine zentralisierte Planwirtschaft konnte nach seiner Überzeugung ebenfalls in Unfreiheit münden. Auch dort nahm er keine der fertigen Alternativen hin. Er suchte eine Ordnung, die soziale Planung mit individuellen Rechten und demokratischer Kontrolle verbindet.

Darin lässt sich ein gemeinsamer Zug erkennen. Einstein misstraute vorschnellen Ausschlüssen. Eine Beobachtung wurde nicht allein deshalb wertlos, weil die vorhandene Theorie sie nicht erklären konnte. Eine politische Idee wurde nicht allein deshalb richtig, weil sie ein reales Übel bekämpfte.

Diese Offenheit hatte ihren Preis. In der Physik war Einstein selbst in der Lage, aus begrifflicher Unruhe neue Theorien zu entwickeln. In der Psychologie musste er sich auf fremde Beobachtungen verlassen. Dort konnte sein Vertrauen in Sinclairs Integrität leichter zum Ersatz für eine experimentelle Prüfung werden.

Das Genie des Physikers machte ihn auf fremden Fachgebieten weder allwissend noch unfehlbar. Gerade das macht die Episode aufschlussreich. Wissenschaftliche Größe besteht nicht aus einer Sammlung immer richtiger Ansichten. Sie zeigt sich auch in der Bereitschaft, eine offene Frage auszuhalten. Einsteins Geleitwort dokumentiert beides: intellektuelle Neugier und eine methodische Schwäche.

Die Quantenphysik öffnet keine Hintertür

Die Verbindung zur Quantenphysik liegt nahe. Einstein hatte mit seiner Lichtquantenhypothese selbst einen Grundstein der Quantentheorie gelegt und später gegen zentrale Deutungen der Quantenmechanik gestritten. Verschränkte Teilchen erzeugen Korrelationen, die der klassischen Alltagserfahrung fremd erscheinen.

Daraus folgt kein physikalisches Modell der Gedankenübertragung. Quantenverschränkung ermöglicht nach dem No-Signalling-Prinzip keine kontrollierte Übermittlung von Nachrichten zwischen räumlich getrennten Personen. Offene Fragen zur Interpretation der Quantenmechanik schaffen keinen freien Platz für jede beliebige Fernwirkung.

Auch Ursache und Wirkung sind in der Quantenphysik keineswegs schlicht aufgehoben. Die Theorie liefert präzise Wahrscheinlichkeiten und überprüfbare Vorhersagen. Umstritten ist, wie diese mathematische Struktur ontologisch zu verstehen ist: als Kollaps, Viele-Welten-Struktur, relationale Beschreibung oder auf andere Weise. Diese Debatte erlaubt keine Übertragung vom Teilchenexperiment auf das menschliche Bewusstsein. Als literarische Nachbarschaft bleibt die Verbindung reizvoll. Der Physiker, der über Fernkorrelationen stritt, schrieb ein Geleitwort zu einem „Gedankenradio“.

Das Exemplar George Lichtheims

Mein antiquarisch erworbener Band besitzt eine eigene Geschichte. Auf der Provenienzseite steht eindeutig: This book from the library of George Lichtheim was given to Westfield College Library by his executors 1973.

Das Exemplar gehörte also George Lichtheim, dem 1973 verstorbenen Historiker und Kritiker des Marxismus. Die „New York Review of Books“ beschreibt ihn als Marx- und Marxismusforscher. Lichtheim war kein zufälliger Besitzer eines allgemeinen Nachschlagewerks. Der Band lag im Arbeitsbereich eines Autors, der sich über Jahrzehnte mit Geschichte, Begriffen und Widersprüchen des Sozialismus beschäftigte.

Später gelangte das Buch in den Bestand des Westfield College. Ein Ausleihzettel trägt noch einen Rückgabetermin aus dem April 1993. Der Umschlag des beiliegenden Materials wurde schließlich mit „Withdrawn from Stock – QMUL Library“ gestempelt. Dieses Exemplar bildet keine Provenienzbrücke zum Einstein-Nathan-Autograph. Es ist ein anderes Buch derselben Ausgabe. Für die Untersuchung dient es als Lese- und Vergleichsexemplar. Gerade diese Trennung erhöht seinen Wert. Der Dortmunder Band erzählt von Einstein und Nathan. Das Lichtheim-Exemplar zeigt, wie ein Fachhistoriker das Werk später benutzte.

„Dreams of Harmony“ als nachträgliches Kapitel

Auf der Innenseite des hinteren Buchdeckels ist eine großformatige Beilagentasche aus braunem Papier eingeklebt. Solche Dokumententaschen dienten in Bibliotheksbeständen dazu, lose Materialien dauerhaft einem bestimmten Band zuzuordnen. Der Stempel „WITHDRAWN FROM STOCK – QMUL LIBRARY“ dokumentiert die spätere Aussonderung aus dem Bestand der Queen Mary University of London. Ob die Tasche bereits während der Zugehörigkeit zum Westfield College angebracht wurde oder erst nach der Eingliederung in den Bestand von Queen Mary, lässt sich dem Exemplar bislang nicht entnehmen.

In dieser Tasche befand sich, sorgfältig gefaltet, ein großformatiger Ausschnitt aus dem „Times Literary Supplement“ vom 6. Oktober 1966. Die Überschrift lautet „Dreams of Harmony“. Der Beitrag bespricht Charles Nordhoffs klassische Darstellung kommunitärer Gesellschaften in den Vereinigten Staaten und Karl J. R. Arndts Studie über George Rapps Harmony Society.

Der Beileger gehört thematisch auffällig genau zu dem Princeton-Band. „Socialism and American Life“ widmet ganze Kapitel den religiösen Grundlagen des westlichen Sozialismus, den Shakern, der Oneida Community, Amana, den Rappiten, den Mormonen und den säkularen Utopisten. Der Text aus dem „Times Literary Supplement“ nimmt vierzehn Jahre später dieselben amerikanischen Gemeinschaftsexperimente erneut auf und bewertet die inzwischen erschienene Literatur.

Seine Funktion lässt sich daher recht gut eingrenzen. Der Ausschnitt war weder Bestandteil der ursprünglichen Ausgabe noch vermutlich ein zufällig zurückgelassenes Lesezeichen. Jemand hatte ihn bewusst in der eingeklebten Beilagentasche aufbewahrt und damit dauerhaft dem Buch zugeordnet. Der Beitrag wirkte wie eine nachträgliche Aktualisierung der älteren Gesamtdarstellung. Lichtheim, ein Bibliothekar oder ein späterer Benutzer verwandelte den Band auf diese Weise in ein offenes Arbeitsdossier, in dem neuere Forschung unmittelbar an die Darstellung von 1952 anschloss.

Für die Deutung von Einsteins Widmung besitzt der Ausschnitt keine unmittelbare Beweiskraft. Er erschien 1966 und befand sich in einem anderen Exemplar. Für die Geschichte der Lektüre ist er dennoch wertvoll. Er zeigt, dass „Socialism and American Life“ nicht als abgeschlossenes Monument im Regal stand. Das Buch wurde weitergeführt, ergänzt und mit jüngerer Forschung konfrontiert. Die eingeklebte Tasche wurde zu einem bibliothekarischen Gedächtnisfach.

Ob George Lichtheim selbst den Ausschnitt dort hinterlegte, lässt sich aus dem Exemplar nicht ermitteln. Ebenso offen bleibt, wer den damals anonym veröffentlichten Beitrag verfasste und ob Lichtheim in irgendeiner Verbindung zu ihm stand. Die Autorschaft könnte sich über das historische Archiv des „Times Literary Supplement“ klären lassen, das für zahlreiche ältere, ursprünglich namenlos erschienene Beiträge nachträglich die Verfassernamen erschlossen hat.

Drei Bücher bilden ein Forschungsdossier

Inzwischen liegen drei Überlieferungswege nebeneinander. Der Dortmunder Band wanderte von Einstein zu Nathan, später in den New Yorker Antiquariatshandel, von dort in Walter Grünzweigs Sammlung und schließlich in die Universitätsbibliothek Dortmund. Das Lichtheim-Exemplar ging aus einer Gelehrtenbibliothek an das Westfield College, später in den Bestand der Queen Mary University of London und über den Antiquariatshandel erneut in private Hände – also in meine Sammlung. Sinclairs Buch über telepathische Experimente trägt Einsteins Geleitwort durch mehrere Ausgaben und Übersetzungen.

Einstein schenkte Otto Nathan ein Werk, das beider politisches Arbeitsfeld behandelte. Drei Jahre zuvor hatten sie als Autoren in derselben Ausgabe der „Monthly Review“ gestanden. Im Princeton-Band begegnete Einstein auf Seite 746 seiner eigenen Friedensarbeit, eingeordnet in die Verdachtswelt des Kalten Krieges. „Irrfahrten“ kann deshalb die Wege der Sozialisten meinen. Das Wort kann ebenso die politische Reise Einsteins durch Pazifismus, Sozialismusverdacht und amerikanischen Antikommunismus bezeichnen. Es kann sogar die Irrfahrt der Zuschreibungen treffen, mit denen eine ideologisch aufgeladene Epoche ihre Intellektuellen sortierte. Der „Heilige“ Otto Nathan dürfte den Scherz verstanden haben. Und falls Einstein tatsächlich „seines Kollegen“ geschrieben hat, wäre der Kollege womöglich Albert Einstein selbst.

Siehe auch:

Die Irrfahrten der Bücher: Ein Abend in der Emil-Figge-Bibliothek führt von Einsteins Widmung an Otto Nathan über Mark Twain, Susan Sontag und Edgar Allan Poe bis zum Gedankenradio Upton Sinclairs und zum Bonner Bloomsday

Seite 746 – vollständige Übersetzung: ….unter den Unterstützern Henry Wallaces. Zu diesem Zeitpunkt waren viele der ursprünglichen nichtkommunistischen Mitglieder bereits zurückgetreten.²³⁹ Denn die Ablehnung der Kommunisten in den Vereinigten Staaten hatte erheblich zugenommen. Dazu trugen zum Teil die Erkenntnisse bei, die der Ausschuss des Repräsentantenhauses zur Untersuchung unamerikanischer Umtriebe im Jahr 1947 zutage gefördert hatte. Entscheidender waren jedoch die kommunistischen Aktivitäten in Griechenland, Italien und Frankreich sowie der kommunistische Staatsstreich in der Tschechoslowakei zu Beginn des Jahres 1948.

Am 20. Juli 1948 wurden elf führende Mitglieder der Kommunistischen Partei vom FBI verhaftet und auf Grundlage des 1940 verabschiedeten Smith Act angeklagt. Ihnen wurde eine Verschwörung mit dem Ziel vorgeworfen, den gewaltsamen oder gewalttätigen Sturz der Regierung der Vereinigten Staaten zu propagieren. Am 20. Juni 1951, ein Jahr nach dem Beginn der kommunistischen Aggression in Korea, wurden einundzwanzig weitere führende Kommunisten nach demselben Gesetz angeklagt. Unter ihnen befand sich V. J. Jerome, der Leiter der Kulturkommission der Partei.

Um diesem Wandel in der amerikanischen Öffentlichkeit entgegenzuwirken, begann der Kreml 1948, der Propaganda für den Weltfrieden erneut größere Bedeutung beizumessen. Kommunisten förderten nun eine ganze Reihe von „Friedenskongressen“ in verschiedenen Teilen der Welt. Zunächst gelang es ihnen dabei, die Unterstützung einer beträchtlichen Zahl von Liberalen zu gewinnen, darunter auch amerikanische Liberale.

Der erste dieser Kongresse fand im August 1948 in Breslau statt, das nun als Wrocław zu Polen gehörte. An ihm nahm eine amerikanische Delegation teil, der auch Vertreter der Künste angehörten. Sie lobten die russische „Friedenspolitik“ und griffen zugleich den „amerikanischen Imperialismus und seine Kriegspläne“ an.

Zu den späteren Kongressen gehörte die unter der Bezeichnung „Cultural and Scientific Conference for World Peace“ bekannte Kultur- und Wissenschaftskonferenz für den Weltfrieden. Sie trat im März 1949 in New York unter der Schirmherrschaft des „National Council of Arts, Sciences and Professions“ zusammen. Die Konferenz fand unmittelbar vor dem Abschluss des Atlantikpakts statt, gegen den sich die kommunistische Friedenskampagne teilweise richtete.

Zu den Unterstützern der Konferenz gehörten so bekannte Nichtkommunisten wie Thomas Mann und Albert Einstein. Einer der Redner war der linksgerichtete amerikanische Maler Philip Evergood. Ein weiterer Redner war Schostakowitsch, der als Mitglied einer großen sowjetrussischen Delegation teilnahm. Einige ausländische Delegierte, darunter der mexikanische Maler Siqueiros, wurden an der Teilnahme gehindert, weil ihnen das Außenministerium der Vereinigten Staaten die Visa verweigerte. Zur Begründung hieß es, sie seien aktive Mitglieder einer kommunistischen Partei.²⁴⁰

Ein Bestandteil dieser Friedenskampagne war der „World Peace Appeal“, der Weltfriedensappell, beziehungsweise die sogenannte „Stockholmer Friedenspetition“, die zur Unterzeichnung verbreitet wurde…

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