Souveränität ohne Substanz – Wie Europa sich in digitale Traumlandschaften flüchtet #Digitalgipfel

Es gibt Begriffe, die kehren in der europäischen Politik wieder wie alte Gespenster, die die Zeit vergessen hat. „Digitale Souveränität“ gehört dazu. Jacques Chirac hatte sie schon auf den Lippen, als die EU im Jahr 2000 beschloss, der „dynamischste wissensbasierte Wirtschaftsraum der Welt“ zu werden. Die Realität war damals schon ernüchternd. Heute ist sie ernüchternder.

Und doch stehen in Berlin – flankiert von Bundesdigitalminister Karsten Wildberger, dem französischen Minister für industrielle und digitale Souveränität Roland Lescure, der EU-Vizepräsidentin für Tech-Souveränität Henna Virkkunen, einem ganzen Saal aus Staatssekretären, Cloud-Strategen, Digitaldirektorinnen, Startup-Förderern und schließlich den beiden Schlusspunktrednern Friedrich Merz und Emmanuel Macron – wieder führende Vertreter aus Politik, Verwaltung und Wirtschaft auf der Bühne, um über nichts Geringeres zu sprechen als die Wiedergewinnung einer europäischen digitalen „Souveränität“, die man inzwischen fast schon wie eine verlorene Autonomie behandelt.

Doch kaum ein Begriff hat einen größeren Abstand zwischen Pathos und Wirklichkeit.

Die Ökonomie der Abhängigkeit

Wer heute über digitale Souveränität spricht, tut gut daran, sich an das zu erinnern, was Europa partout verdrängen möchte: Wir waren nie autonom. Wir werden nie autonom sein. Und wir sind damit erstaunlich gut gefahren.

Die Fertigungstiefe deutscher Industrie sinkt seit den 1960er Jahren. Die internationale Arbeitsteilung ist keine Episode, sondern die Grundlage unseres Wohlstands. Seit Jahrzehnten lebt die deutsche Exportwirtschaft davon, dass ihre Produkte auf globalen Lieferketten, fremden Vorleistungen und ausländischer Technologie aufbauen.

Heute gilt:

  • Die fortgeschrittensten KI-Modelle stammen aus den USA und China.
  • Die dafür benötigten Chips kommen aus Taiwan, Südkorea oder Arizona.
  • Selbst „europäische Cloudanbieter“ stützen sich auf amerikanische oder asiatische Technik.
  • Neun von zehn deutschen Unternehmen geben offen zu, dass sie ohne Digitalimporte aus dem Ausland kaum betriebsfähig wären.
  • Würden US-Cloudanbieter heute ihre Systeme für Europa abschalten, wäre ein Großteil der deutschen Wirtschaft binnen Monaten handlungsunfähig.

Trotzdem will man morgen erneut die große Erzählung einer technologischen Selbstbehauptung ausrollen – so, als ließe sich ein halbes Jahrhundert globaler Integration per Gipfelbeschluss zurückdrehen.

Das Fediverse als politischer Fluchtpunkt

Kaum eine Szene zeigt diesen europäisch-digitalen Eskapismus so klar wie das jüngste Papier über „dezentrale Social-Media-Plattformen als Chance für ein resilientes Informationsökosystem“, geschrieben von Björn Staschen, Sascha Foerster, Clara Ruthardt und Charlotte Freihse. Man liest es und ahnt: Europa verwechselt erneut seine Arena.

Das Papier lobt ActivityPub, das Fediverse, mastodon.social, öffentlich-rechtliche Instanzen, universitäre Servercluster. Es empfiehlt Förderprogramme, Governance-Prozesse, digitale Gemeingüter. Es feiert die Idee, dass die Antwort auf TikTok und Meta in einer föderierten Struktur aus Tausenden von Servern liegen könnte.

Doch die strukturelle Realität spricht eine andere Sprache:

  • Diese Plattformen existieren ganz oben im technologischen Stack.
  • Darunter liegen Betriebssysteme, Chips, Netzwerktechnik, Cloudinfrastrukturen, Appstores – fast vollständig außerhalb europäischer Kontrolle.
  • Jede Mastodon-Instanz läuft auf Hardware aus den USA oder Asien und wird über Mobilplattformen aus den USA ausgeliefert.
  • Netzwerkeffekte sind unerbittlich: TikTok, Instagram und YouTube operieren im Milliardenmaßstab – Mastodon im unteren siebenstelligen Bereich.

Wer glaubt, die europäische Öffentlichkeit werde souveräner, indem Behörden auf dezentralen Plattformen posten, verwechselt Demokratiepädagogik mit Industriestrategie.

Es ist nicht falsch – aber es ist politisch irrelevant.

Die Geister der Vergangenheit

Dieses Muster ist nicht neu. Europa hat eine lange Tradition, statt Technologie zu bauen, Narrative über Technologie zu zimmern.

  • Chirac träumte von europäischen Netzen.
  • Berlin und Paris investierten in das deutsch-französische Regierungsprojekt Quaero, das als europäische Antwort auf Google gedacht war – und schließlich sang- und klanglos verschwand.
  • Brüssel war überzeugt, mit Datenschutz die Plattformmächte einhegen zu können.
  • Und nun setzt man darauf, „digitale Commons“ und föderierte Dienste könnten die amerikanisch-chinesische Technologiedominanz ausgleichen.

Währenddessen bringen Fachleute wie Veronika Grimm, Gabriel Felbermayr oder Hermann Simon sinnvolle Vorschläge:

Nicht Autarkie, sondern Resilienz.
Nicht Abschottung, sondern Diversifizierung.
Nicht moralische Reinheit, sondern industrielle Realität.

Denn echte digitale Souveränität entsteht nicht in Interfaces, sondern in tiefen Schichten:

  • Halbleiter
  • Rechenzentren
  • Energie
  • Rohstoffe
  • Lieferketten
  • KI-Basismodelle
  • industrielle Cloudarchitekturen
  • Logistik
  • Automatisierung

Europa romantisiert die Oberfläche, während es die Tiefe ignoriert.

Der Kontinent der großen Konferenzen

Der Digitalgipfel in Berlin ist die perfekte europäische Inszenierung: Panels zu Cloud-Souveränität, Wettbewerbsfähigkeit, Digital Commons, der EUDI-Wallet, KI-Ökosystemen, Startup-Skalierung, fairen Märkten. Alles in noblen Worten, alles von kompetenten Menschen, alles politisch makellos.

Doch jenseits der Bühne stellt sich die Realität unbeeindruckt dagegen:

  • Europas Halbleiterproduktion ist marginal.
  • Europäische KI-Basismodelle sind im Aufbau, aber nicht global führend.
  • Cloud-Souveränität existiert als Konzept, nicht als Markt.
  • Die USA und China setzen Standards, Europa implementiert sie.
  • Europas Regulierungsarchitektur ist komplexer als seine Produktlandschaft.
  • Die Innovationsgeschwindigkeit liegt weit hinter globalen Konkurrenten.

Das Programm zeigt Ambition – und offenbart zugleich den Mangel an industrieller Masse.

Europa ist der Kontinent der großen Zukunftskonferenzen.
Was fehlt, ist die Zukunft.

Ein anderer Begriff von Souveränität

Die entscheidende Frage lautet nicht: Wie werden wir unabhängig?
Sondern: Wie bleiben wir handlungsfähig in einer Welt, in der niemand unabhängig ist?

Souveränität bedeutet:

  • Wahlfreiheit statt Zwangsbindung.
  • Multicloud statt Monocloud.
  • Partnerschaften statt Abhängigkeiten.
  • Redundanzen statt Illusionen.
  • Resiliente Lieferketten statt rhetorischer Selbstbehauptung.
  • Zugang zu Basistechnologien statt Symbolpolitik.

Europa kämpft derzeit für eine Identität, die es nie hatte: die des autarken, technologisch selbsttragenden Raums. Doch unsere Stärke war immer eine andere: die Fähigkeit, globale Verflechtungen produktiv zu gestalten.

Souverän ist nicht, wer auf niemanden angewiesen ist.
Souverän ist, wer auf niemanden allein angewiesen ist.

Die eigentliche Frage

In Wahrheit steht in Berlin eine viel größere Frage im Raum als die nach der „digitalen Souveränität“:

Kann Europa lernen, seine eigenen Illusionen abzulegen?

Kann es akzeptieren, dass es seine Zukunft nicht gewinnt, indem es im Fediverse moralisch sauberer wird, sondern indem es tiefere industrielle Fundamente erneuert?
Kann es seine politischen Reflexe überwinden, die seit Jahren dieselben sind – Regulierung, Rahmen, Ombudspersonen, Konsortien – und stattdessen dorthin investieren, wo Wertschöpfung tatsächlich entsteht?

Die Antwort wird nicht auf der Bühne gesprochen.
Sie zeigt sich erst, wenn Europa begreift, dass Souveränität kein Gipfelthema ist –
sondern ein industrielles Projekt.

Bis dahin bleibt der Kontinent seiner Tradition treu:
Er produziert große Diskurse – und kleine Wirklichkeiten.

Scheitern in Unternehmen 95 Prozent der KI-Projekte?

Marcus, danke für deinen LinkedIn-Beitrag zur viel zitierten MIT-Studie: „Immer wieder flackert diese Studie auf, nach der angeblich 95 Prozent der KI-Pilotprojekte in Unternehmen scheitern. Man sollte sich allerdings mal die Mühe machen, das Dokument zu lesen.“ Freundlicherweise hast Du einen Link gesetzt. Ich habe das Dokument mittlerweile gelesen. Exakt an dieser Stelle lohnt der Blick in andere Quellen. Und vor allem: in die realen Nutzungsdaten aus Unternehmen, die KI tatsächlich einsetzen, nicht nur pilothaft ausprobieren.

Wir haben für die neue Zukunftsmacher-Studie 55 digitale Vorreiter, Familienunternehmen, Hidden Champions und Weltmarktführer ausführlich interviewt – also Tiefeninterviews mit Verantwortlichen, die KI tatsächlich in Produkten, Services und Prozessen betreiben. Die Stichprobe ist bewusst gewählt. 39 % Top-1000-Familienunternehmen, 35 % Weltmarktführer, 13 % KMU und 7 % Konzerne. Knapp drei Viertel der Befragten sind Familienunternehmen im besten Sinne: kundenorientiert, langfristig denkend, innovationsstark. Genau diese DNA macht sie zu Zukunftsmachern. Die Führungsebene ist klar sichtbar. 30 % Head of Data & AI, 24 % CEOs, 20 % CDOs. Mit anderen Worten: Hier sprechen die Gestalter der Transformation. Dass gerade Data-&-AI-Experten die größte Gruppe stellen, ist ein Signal: KI ist nicht mehr Beiwerk, sondern Herzschlag. Die Liste liest sich wie ein Who’s Who der deutschen Wirtschaft: DuMont, Falke, FIEGE, Miele, Stihl, Schüco, Ströer. Dazu Traditionsunternehmen wie die Hansgrohe oder die Hörmann Gruppe. Die Botschaft ist klar: Künstliche Intelligenz ist längst kein Nischenthema mehr. Sie durchdringt alle Branchen – von der vernetzten Industrieanlage bis zur personalisierten Fan-Experience.

Ergebnis in einem Satz:

Nein – 95 Prozent der KI-Projekte scheitern NICHT.
Das Gegenteil ist der Fall: KI liefert im Mittelstand längst messbare Wirkung.

Ein paar harte Daten aus der Studie:

Produktivität: +22 % im Durchschnitt

Die befragten Unternehmen berichten im Schnitt von 22 % Produktivitätssteigerung – und zwar bereits heute.

Beispiele aus der Studie:

  • Drees & Sommer: KI-Arbeitsräume rechnen sich nach 60–70 Nutzungen – ROI in Tagen, nicht in Jahr.
  • KI-gestützte Qualitätsinspektionen bringen sechsstellige Einsparungen.
  • Fraisa: Tausende unstrukturierte Bestellungen werden automatisch verarbeitet.

Skalierung statt Pilotwüste

Der Mittelstand ist längst aus der „Pilotfalle“ raus.
64 % berichten von messbaren Effizienzgewinnen, teils bis zu 80 %.
KI läuft quer durch Vertrieb, Service, Produktion, Engineering, Backoffice.

Was MIT als „kein ROI nach sechs Monaten“ klassifiziert, ist in der Realität:
Ein zu kurzer Bewertungszeitraum.
Genau das räumen die MIT-Autoren selbst ein.

Investitionen: Jeder fünfte Digital-Euro fließt in KI

Wenn 95 % scheitern würden, wäre das nicht der Fall.

Die Realität:
Unternehmen investieren weiter – auch in unsicheren Zeiten.
KI wird integraler Bestandteil des Transformationsbudgets, nicht Experimentierraum.

Wertbeitrag 2028: +31 %

Die Unternehmen erwarten bis 2028 31 % direkten Wertbeitrag durch KI.
Damit ist KI der stärkste Wachstumshebel seit der ERP-Einführung.

Der entscheidende Punkt: Die 95 %-Erzählung misst die falsche Kategorie

Das MIT-Papier fragt:

„Haben Sie nach sechs Monaten einen messbaren ROI gesehen?“

Das ist kein Scheitern – das ist methodisch eine fragwürdig kurze Frist.
Für komplexe Systeme völlig ungeeignet.

Unsere Interviews zeigen:
Der Mittelstand misst KI nicht ausschließlich in harter EBIT-Kennzahl nach einem Halbjahr, sondern in
Zeitersparnis, Fehlerreduktion, Durchlaufzeitverkürzung, Skalierung, Servicequalität.

Würde man ERP, Lean, CRM oder SAP nach sechs Monaten an „ROI“ messen – 95 % wären ebenfalls „gescheitert“.

Die 95 %-Zahl ist kein empirischer Befund, sondern eine Interpretationsblase.
Die tatsächlichen Zahlen aus den Unternehmen zeichnen ein anderes Bild:

KI liefert – nicht irgendwann, sondern jetzt.
Nur nicht in der verkürzten Bilanzlogik eines 6-Monats-ROI.

Notiz am Rande: Auch der ServiceNow Enterprise AI Maturity Index konstatierte 2024 sinkende Reifegrade – auch ein Befund, der Schlagzeilen machte. Doch die Differenz liegt in der Methodik: ServiceNow befragte vor allem IT-Entscheider in großen Konzernen, mit starkem Fokus auf Tool-Nutzung. Unsere Studie ist in der Perspektive breiter: nicht nur IT, sondern Strategie, Produkte, Kultur, Führung. Ergebnis: kein Rückgang, sondern ein schichtweiser Aufbau von Reife. Der Maturity Gap zwischen Digital und KI ist real, aber er bedeutet Fortschritt – keine Regression.

Der Geschmack und seine Schatten: Ein Abend in Bonn mit Ulrich Raulff

Man betritt die Buchhandlung Böttger seit jeher wie einen Raum, der weniger verkauft als sammelt. Bücher, gewiss – aber eigentlich Atmosphären. An diesem Novemberabend, als Ulrich Raulff aus „Wie es euch gefällt“ las, geriet der Laden zu einer Art Resonanzkörper für etwas, das im öffentlichen Diskurs fast verschwunden ist: die genaue, langsame, unbestechliche Aufmerksamkeit für das Ästhetische.

Schon die Eröffnung war ein Hinweis darauf: Der Buchhändler Alfred Böttger spricht über die drei Notausgänge. Ironisch zunächst, aber zugleich vollkommen präzise. Geschmack, so wird später klar, ist ja selbst ein System von Ausgängen – Flucht vor dem Hässlichen, Absetzen vom Konformen, Flucht auch vor sich selbst. Guter Geschmack ist immer ein Versuch, einer drohenden inneren Enge zu entkommen.

Was Raulff dann entfaltet, ist nichts weniger als eine Genealogie dieser Fluchtdynamiken.

Die Kindheit des Blicks

Überraschend beginnt Raulff nicht bei Winckelmann, nicht in Rom, nicht im 18. Jahrhundert, sondern am Esstisch seiner Mutter. Teller, Gestecke, die unscheinbaren Dinge des Alltags – dort formiert sich der erste ästhetische Imperativ.

Die philosophische Ästhetik hat diesen Ursprung fast immer vergessen: dass Geschmack – wie Sprache, wie Anstand, wie Scham – zuerst körperlich erfahren wird. Die kindliche Hand, die über ein scheußliches Läufchen fährt, spürt einen Ekel, der noch gar kein Urteil ist, sondern zunächst eine somatische Erkenntnis.

Damit ist der Weg zu Winckelmann schon gelegt. Denn bevor er die Griechen ästhetisch überhöh­te, war auch er ein Mann, der am „Eindruck“ ansetzt: am Blick, der sich wiederholt schult, bis er etwas sieht, das nicht mehr „Natur“, sondern Ideal ist.

Winckelmanns Paradox: Imitation als Überwindung

Mit jener eigentümlichen Lust, historische Gewissheiten zu versehren, zitiert Raulff die berühmteste aller Winckelmann-Linien:
„Der einzige Weg für uns, groß, ja unnachahmlich zu werden, ist die Nachahmung der Alten.“

Ein Satz wie eine ästhetische Guillotine. Er trennt ab, was die Moderne glauben wollte: dass Originalität ein solitärer Akt sei, ein Heraustreten aus Traditionen. Winckelmann aber wusste, was erst der 20. Jahrhundert-Formalismus wiederentdeckte: dass Stil immer eine Spannung ist – zwischen Unterwerfung und Abweichung, zwischen Regel und Riss.

Raulff zeigt präzise, wie Winckelmanns Nachahmungsideal selbst eine geheime Kunst des Bruchs enthält. Denn im letzten Drittel der Schrift, das fast niemand liest, beschreibt Winckelmann minutiös, wie die Großen kopierten: Michelangelo, Raphael, Poussin. Sie nahmen die Muster der Alten auf – um sie zu verletzen.

Der Geschmack, so Raulff, entsteht genau dort: im kontrollierten Fehler.

Holly Golightly: die andere Prophetin

Dass Raulff ausgerechnet Holly Golightly an die Seite Winckelmanns stellt, wirkt zunächst wie ein intellektuelles Vexierspiel. Doch in Wahrheit bringt er damit das Unaussprechliche in diese Ästhetik zurück: das Schwanken, die Melancholie, die fragile Komödie eines Lebens im Übergang.

Die Szene, die er liest – fünf Uhr morgens, ein Abendkleid, ein Coffee to go vor Tiffany’s – ist selbst schon eine kleine Theorie. Holly frühstückt nicht: sie therapiert. Die „Seance“, wie Raulff sagt, richtet sich gegen das „rote Elend“, die Depression, die nie beim Namen genannt wird.

Hollywood, nicht Griechenland, liefert mit dieser Figur die zweite große ästhetische Hebamme der Moderne:

Geschmack als Bewältigungsform. Stil als Selbstrettung. Eleganz als Gegenzauber zur Welt.

Holly wird damit – und Raulff spielt das mit großem Ernst aus – zum amerikanischen Echo des europäischen Imitationsparadoxons.
Sie kopiert auch: Kleines Schwarzes, Perlen, Sonnenbrille. Aber sie trägt die Kopie auf eine Weise, die sie aus dem Ornament herausreißt.

Das Weggehen, sagt Raulff, wird bei ihr zur Kunstform.
Und darin gleicht sie Winckelmanns Griechen mehr, als der Historiker eingestehen mag.

Henning Ritter: der geheime Architekt des Abends

Fast unmerklich schiebt sich eine dritte Figur in diesen Abend: Henning Ritter. Nicht als Zitatlieferant, sondern als Schattenintellektueller. Ritter gab Raulff einst jene merkwürdigen Londoner Ankaufslisten – Bücher über Interior Decoration, über die Ästhetik des Wohnens, über Räume als moralische Skulpturen.

Aus diesen Listen, sagt Raulff, sei spät klar geworden, dass er ein Testament vollstrecke. Ritter hatte das Buch über den Geschmack niemals geschrieben. Raulff schreibt es nun – und widmet ihm die Struktur: die Werkstatt hinter dem Text.

Dieser Gedanke ist so schön wie selten:
Dass Geschmack nicht dort entsteht, wo er sich zeigt, sondern dort, wo jemand an etwas herumarbeitet, das niemand sieht.

Wohnen, die intimste Form des Urteils

Gegen Ende, im langen Schwingen der Lesung, spricht Raulff über das Wohnen – als sphärische Aktivität, als ästhetisches Selbstgespräch. Wohnen, sagt er, sei die Stelle, an der die äußerste Nähe zur Welt und die äußerste Distanz zugleich entstehen: Man zeigt sich darin der Welt und entzieht sich ihr im gleichen Atemzug.

Winckelmann hätte vom „reinen Himmel“ gesprochen.
Holly Golightly hätte von Orangenkisten gesprochen.
Beide meinen dasselbe:

Der Raum wird zum Denkakt.

Der Abend als Erkenntnisfigur

Was bleibt nach diesem Böttger-Abend?

Kein triviales Loblied, kein akademisches Protokoll.
Sondern der Eindruck, dass Geschmack – dieses unterschätzte, belächelte, als bourgeoise Nebensache verschriene Phänomen – in Wahrheit eine anthropologische Grundkraft ist.

Geschmack ist Erinnerung.
Ist Trauma.
Ist Nachahmung.
Ist Abweichung.
Ist das ästhetische Nervensystem einer Kultur, die sich selbst zu verstehen versucht.

Und Raulff hat – mit Holly, mit Winckelmann, mit Ritter – gezeigt, dass die Geschichte des Geschmacks nicht von Mode handelt, sondern von unserer Vorstellung, wer wir sein könnten, wenn wir uns nur trauen würden, genau hinzusehen.

FORMULARE, FORMULARE, FORMULARE: Deutschland, du Papiergebirge – ein Land, das Innovation mit dem Durchreichen eines Leitz-Ordners verwechselt @Bundeskanzler @BMWE_ @KfW_Research

Deutschland. Fördermittel-Deutschland. Dieses seltsam zuckende Land zwischen Pathos und Papier. Die Republik beschwört Zukunft, während sie im selben Atemzug ganze Jahrgänge junger Gründer unter Akten erstickt. Die Ministerien rufen zum Fortschritt, aber die Realität riecht nach Kopierer-Wärme und Sachbearbeiter-Atem.

Ich habe das alles gesehen. In Tunesien fünf Jahre lang diese groteske deutsche Exportware namens Förderbürokratie erlebt: mehrstufige Formulare, Prüfberichte, Tabellen, die aussehen wie Sudoku für Gestörte. Und immer dieses stille Grundrauschen: Wir wissen, dass du uns bescheißen willst.

Die Kultur der Verdächtigungen, tief verwurzelt, wie ein Pilzbefall im Staatsapparat.

Die große Lüge: „Wir fördern euch!“

Bundespressekonferenzen brüllen im Wochenrhythmus: Milliarden hier! Programme da! Zukunft! Transformation! Wandel! Strukturpakete! Landwirtschaft! Kohleausstieg! Startup-Nation!

Ein episches Possenspiel.

Denn hinter jedem Scheck lauert das Monster:
Das Formular.

Nicht irgendein Formular, sondern der deutsche Endgegner: 24 Seiten, 17 Unterschriften, 39 Nachweise, 4 „Anlagen“, 2 Verwendungsnachweise, 1 Drohung mit Strafrecht.

„Drucken Sie das Formular aus, unterschreiben Sie es, scannen Sie es wieder ein.“
„Das Original bitte physisch aufbewahren.“
„Die Mittelabruf-Erklärung besteht aus zwei Dokumenten.“
„Sie bestätigen mit Ihrer Unterschrift auch die Richtigkeit der Angaben, die Sie noch gar nicht überblicken.“
„In Kenntnis der strafrechtlichen Bedeutung …“

Diffuses Droh-Geraune, wie aus einem Kafka-Roman. Oder aus einem Staat, der seine Unternehmer für potenzielle Kriminelle hält.

Mittelständler als Maskenträger im Strafkammerdrama

Man sieht ihn förmlich vor sich:
Grauer Anzug, grauer Morgen, graue Mappe, graues Gesicht.
Er will ein Forschungsprojekt starten.

Und landet in einem Albtraum aus Kreuzchen.

Jedes Formular ein elektrischer Schlag, jede Seite ein Verhörprotokoll.

Der Unternehmer Hans-Joachim Münch hat es klar gesagt:

„Es besteht die Gefahr, dass man nach einer Prüfung Fördermittel zurückzahlen muss – bis hin zum Subventionsbetrug.“

Ein Wort wie kaltes Metall. „Subventionsbetrug.“ Der Staat fuchtelt damit herum wie ein schlecht gelaunter Scharfrichter.

Wer Risiken eingeht, ist nicht Visionär, sondern Verdachtsfall.

Die Innovationsblockade als Staatsziel

Deutschland fördert – aber so, dass niemand gefördert werden will.

Das ist die eigentliche Pointe.
Die Tragödie.
Der Skandal.

Die KfW-Zahlen belegen es:
Die Innovationsquote im Mittelstand stagniert.

Gleichzeitig investiert der Staat Rekordsummen:
88,7 Milliarden Euro F&E – und ein Großteil davon landet nicht in Produkten, Ideen, Patenten, Märkten, sondern im gefräßigen Abgrund von:
Evaluationen. Audits. Arbeitskreisen. Formularhöllen. Sachbearbeiter-Limbo.

Der Förderstaat produziert Förderstaub.
Ein gigantisches Beschäftigungsprogramm für Papier.

Was er produziert:
Schrecken, keine Ideen.

RhAInland Day: Klüwer und Yogeshwar sagen, was keiner sagen will

In Siegburg, mitten ins Gesicht der Mittelstandsrepublik, sagten Tina Klüwer und Julian Yogeshwar das, was jeder spürt, aber kaum einer ausspricht:

Deutschland befindet sich im Innovations-Verteidigungsmodus.

Zu viel Misstrauen, zu wenig Aufbruch.

Die beiden beschreiben eine Wirtschaft, die wie ein alter Boxer im Ring steht: schwer, langsam, misstrauisch, festgeklebt in der Ecke.
Und jeder Antrag, jede Förderrichtlinie, jede „Anlage 6.4a“ ein weiterer Schlag gegen die Rippen.

Wenn schon der Staat jedem Gründer unterstellt, er wolle betrügen, warum sollte er dann investieren?
Warum forschen?
Warum Risiken eingehen?

Dieses Land lähmt sich selbst durch überbordende Kontrolle.
Generalverdacht als Wirtschaftspolitik.

Strukturwandel als Rohrkrepierer

41 Milliarden Euro für die Kohleregionen.
Große Geste. Monumental.

Doch der Bundesrechnungshof lacht bitter:
Die Mittel werden kaum abgerufen.
Die Richtlinien fehlen.
Die Prozesse lahmen.
Die Projekte stecken fest.

Deutschland baut Bürokratietürme, in denen seine Zukunft erstickt.

Der tödliche Satz der deutschen Fördermaschine

„Bitte reichen Sie den Verwendungsnachweis 4.3.1 zusammen mit Anlage F und Anlage F-Revision spätestens drei Monate nach Projektende ein.“

Dieser Satz tötet:

  • Ideen.
  • Investitionen.
  • Mut.
  • Startups.
  • Mittelstand.
  • Zukunft.

Andere Länder haben Visionen.
Deutschland hat „ANBest-EU 21“.
Das klingt schon wie eine Krankheit.

Folge: Freiwilige Rückzahlungen der Fördersumme oder eine Suada an Drohungen von staatlichen Stellen.

Wie es anders geht: USA, Dänemark, Schweiz

Drei Länder, drei Systeme, drei simple Wahrheiten:

USA:
„Wenn ihr investiert, bekommt ihr Steuervorteile. Punkt.“
Der Inflation Reduction Act ist ein Feuerwerk, während Deutschland am nassen Streichholz knabbert.

Dänemark:
„Vertrauen statt Kontrolle.“
Ein Satz, der hierzulande als utopischer Quatsch gilt.

Schweiz:
Keine thematischen Vorgaben.
Keine staatliche Bevormundung.
Einfach Innovation unterstützen.

Und siehe da:
Sie sind innovativste Volkswirtschaft Europas.

Deutschland: Die erschöpfte Republik

Deutschland wirkt wie ein Land, das nicht mehr an sich glaubt.
Ein Land, das Aktenordner liebt, aber keine Zukunft kennt.
Ein Land, das sich in Misstrauen suhlt wie in einer warmen Badewanne.
Ein Land, das Erklärungen verlangt, statt Ergebnisse.

Ein Land, das jeden Innovator behandelt wie einen Schmuggler.

Was zu tun ist – brutal einfach:

  1. 90 % der Formulare abschaffen.
  2. Steuern für F&E radikal senken.
  3. USA-Prinzip: Geld für Output, nicht für Papier.
  4. Dänemark-Prinzip: Vertrauen vor Kontrolle.
  5. Schweiz-Prinzip: Forschungsfreiheit statt Bürokratieorgien.

Oder anders formuliert:

Fördern heißt: investieren.

Nicht: verdächtigen.**

Deutschland muss sich entscheiden:
Will es Zukunft?
Oder Papierkrieg?

Beides zusammen geht nicht.

Pyromanen mit Laternen

„Völker, hört die Signale!“ tönte es am Freitagabend durch die Bonner Innenstadt. Kein Fußballspiel, kein Gewerkschaftsaufmarsch, sondern der winzige Laternenumzug der moralisch Hochgerüsteten, vulgo: Fridays for Future. Man trällerte die Internationale. Wie rührend. Die Erben von Rosa Luxemburg in Funktionskleidung, mit LED-Fackeln und Thermobechern.

Wer sich in der Geschichte ein wenig auskennt – und ich meine nicht TikTok-Historie, sondern das, was man früher Allgemeinbildung nannte –, dem steigen bei dieser Tonlage ein paar andere Signale in die Nase: die Plattenbau-Monokulturen von Bitterfeld, die Chemiekombinate von Nowa Huta, die rauchenden Schlote von Temelin. Kurz: der ökologische Flächenbrand des real existierenden Sozialismus. Ausgerechnet diese Melodie also als Einstimmung auf die nächste Rettung der Welt? Man hätte fast erwartet, dass einer der Sprecher auf einer VEB-Kiste von „Fünfjahreszielen zur Dekarbonisierung“ spricht.

Doch das eigentliche Wunder geschah nicht auf der Bühne, sondern darunter: Niemand, wirklich niemand, sang ein einziges Wort über die grüne Ex-Oberbürgermeisterin, die mit bemerkenswerter Energie aus Abfall die Wärmewende orchestrierte. Oder besser gesagt: schönrechnete. Das politische Meisterstück? Die Müllverbrennung zur erneuerbaren Energie erklären. Chapeau!

Die Bonner MVA, dieser hässliche Koloss mit dem thermischen Charme eines Altölkochers, wurde zur Quelle kommunaler Tugend umgedeutet – von der Klimajugend mit keiner Silbe behelligt. Dafür holzte man in Richtung des neuen Oberbürgermeisters, der vor zwei Tagen vereidigt wurde. Man kennt das: Am dritten Tag soll er das Wasser in Wasserstoff verwandeln, am vierten dann bitte die Fernwärme dekarbonisieren, aber mit Gefühl!

Ganz anders die Haltung zu Gaskraftwerken. Diese werden nun von den Laternen tragenden Protestierern als Inbegriff des Fossilen verteufelt – dabei erreichen sie im Vergleich zum Müllofen einen thermischen Wirkungsgrad, der in Bonn als Science-Fiction durchginge. Während moderne GuD-Anlagen bis zu 90 % Effizienz schaffen, röchelt die MVA mit thermisch unter 30 %. Vielleicht war es aber auch nur der Sauerstoffmangel unter den Pappschildern, der das Denken erschwerte.

Und dann war da noch dieses Gefühl, das einen beschleicht, wenn der Protest sich zwar auf das „System“ richtet, aber die lokale Verklärung alter Machtverhältnisse klaglos hinnimmt. Die grüne Oberbürgermeisterin hat das Narrativ von der grünen Wärme aus der Asche geschrieben – und kein einziges Kind hat gesagt, dass die Kaiserin nackt ist.

Nein, stattdessen wird die Internationale gesungen. Ein bisschen Retro-Romantik für die moralische Selbstvergewisserung.

Am Ende fragt man sich, was schlimmer ist:
Die Müllverbrennung an sich.
Oder der ideologische Feinstaub, den sie hinterlässt.

Die heilige Inkohärenz von Köln – Max Ernst, Baargeld und der Kult des Widerspruchs

Paris, Herbst 1882. In einem Atelier ohne Absicht versammeln sich Unfähige mit Talent. Sie nennen sich die Incohérents – die Inkohärenten. Ihr Manifest passt auf einen Lacher: „Zeichnungen von Menschen, die nicht zeichnen können.“ Zweitausend Werke werden eingereicht.
Schwarze Leinwände, weiße Leinwände, betende Schweine, Portraits von Nicht-Anwesenden. Die Jury lost die Preise aus. Der Zufall ersetzt das Urteil, der Spott wird Regel, das Misslingen zur Methode.

Ein Jahrhundert später wird man das Dada nennen. Und noch später wird ein Philosoph namens Feyerabend daraus eine Wissenschaft machen.

Der Ernst des Lächerlichen

László F. Földényi widmet den Inkohärenten in seinem Buch Der lange Schatten der Guillotine. Lebensbilder aus dem Paris des neunzehnten Jahrhunderts (Matthes & Seitz, 2024) ein Kapitel von eigentümlicher Zärtlichkeit.
Nicht als kunsthistorische Fußnote, sondern als Aufstand gegen das Korsett der Vernunft. Er erzählt, wie aus der chirurgischen Stadt Haussmanns, aus den geometrischen Boulevards und hygienischen Blickachsen, eine Gegenbewegung wuchs – geboren aus Überdruss.

Die Inkohärenten entdeckten das Scheitern als Form der Freiheit.
Ihre Ausstellungen waren Feiern der Nutzlosigkeit, der überbordenden Lächerlichkeit, der fröhlichen Entgleisung. „Eine humoristische Wiederkehr der Revolution“, nennt Földényi das.
Wo die Guillotine Köpfe trennte, trennten sie Sinn von Bedeutung. Und lachten.

Man könnte sagen: Sie vollendeten, was 1789 begann – die Befreiung von der Ordnung.

Das betende Schwein

Ein besonders frommes Werk: Cochon priant, das betende Schwein.
Ein Tier, das auf den Knien liegt, mit Heiligenschein und kindlicher Andacht.
Ein Spott auf die Religion – oder ihre Wiederkehr?
Vielleicht war es beides zugleich.

Die Inkohärenten liebten diese Zweideutigkeiten.
Sie nahmen das Heilige ernst, indem sie es lächerlich machten.
Denn die Vernunft, sagten sie, ist nicht die Schwester des Lichts, sondern die Cousine des Schreckens.

Földényi liest in Bonn aus dieser Passage, in der das Schwein zu beten beginnt. Die Zuhörer lächeln, manche lachen. Doch der Text hat etwas Beklemmendes. Denn das Schwein ist nicht das Opfer, sondern das Publikum. Es betet, weil es nichts anderes gelernt hat, als das Absurde zu verehren.

Die Architektur des Nonsens

Der Ort der Inkohärenz ist das Chat Noir, jenes Kabarett am Montmartre, in dem Wein, Elektrizität und Spott zu einer neuen Religion verschmelzen.
Dort formierte sich die Gesellschaft der Hydropathen – eine Trinkergemeinschaft, die sich nach der Heilmethode des Wassers benannte, das sie konsequent mieden.
Ihre Kunst bestand darin, den Ernst zu persiflieren, bis er sich selbst karikierte.

In dieser Atmosphäre entsteht eine Architektur des Nonsens.
Man montiert, collagiert, kopiert und erfindet neu.
Ein Künstler präsentiert ein „zerlegbares Gemälde für kleine Wohnungen“ – das erste modulare Kunstwerk.
Ein anderer entwirft eine „erste Kommunion anämischer junger Mädchen im Schnee“ – ein weißes Quadrat.
Beide vor Malewitsch. Beide vor allem Wissen.

Der Witz ist hier kein Ornament. Er ist der Sturz des Gedankens in seine Wahrheit.

Die Heiterkeit der Enthauptung

Földényi führt eine Linie von der Guillotine zu den Inkohärenten.
Der Schnitt – mechanisch, sauber, rational – wird zum Symbol des modernen Denkens. Trennen, analysieren, segmentieren, sezieren: die Logik der Aufklärung.
Doch jede Trennung erzeugt Heiterkeit, sobald sie zu weit geht.
Das Messer des Arztes wird zur Feder des Satirikers.

Die Guillotine war das erste moderne Kunstwerk, sagt Földényi sinngemäß, weil sie den Menschen in eine ästhetische Kategorie verwandelte: den Kopf und das, was bleibt.

Die Inkohärenten antworteten mit Parodie.
Sie enthaupteten nicht mehr Körper, sondern Bedeutungen.
Aus der Hinrichtung wurde die Montage, aus der Vernunft der Zufall.

Das ist der Übergang zu Dada – der Moment, in dem der Witz erkennt, dass er tödlich ist.

Das Gesetz des Zufalls

Hans Richter wird später schreiben:

„Wir malten, wie man träumt – zwischen Willen und Zufall.“

In diesen Worten schwingt das Erbe der Inkohärenten.
Was bei ihnen als Spott begann, wird bei Dada zum Prinzip.
Das Fragment wird zur Wahrheit, das Chaos zum Stil.

Arp lässt zerrissene Papierschnipsel auf den Boden fallen und klebt sie dort fest, wo sie landen.
Duchamp verpasst der Mona Lisa einen Bart – das lächelnde Gesicht der Obszönität.
Richter nennt das „die Befreiung des Sehens von der Kontrolle des Auges“.

Földényi hätte gesagt: „Die Guillotine denkt weiter.“
Der Schnitt ist nun der Beginn des Denkens, nicht sein Ende.

Feyerabend: Wissenschaft als Karneval

Ein Jahrhundert nach Lévy, Arp und Richter formuliert Paul Feyerabend das Paradox mit philosophischer Präzision: „Anything goes.“
Ein Satz, den man missverstehen kann, weil er leicht klingt und schwer wiegt.

Feyerabend meint nicht Beliebigkeit, sondern Widerstand.
Er fordert die Wissenschaft auf, sich ihrer eigenen Inkohärenz zu erinnern.
Fortschritt entstehe nicht durch Disziplin, sondern durch Abweichung.

Man kann sagen: Er hat das Denken auf Dada gestellt.
Wie Tzara aus Wörterbüchern Gedichte schnitt, so schnitt Feyerabend Theorien auseinander.
Die Vernunft, sagt er, habe die Welt so sehr geordnet, dass sie sie nicht mehr versteht.

Und plötzlich schließt sich der Kreis:
Von der Guillotine zur Gleichung, vom Lachen zum Labor – der Schnitt bleibt, nur die Haltung wechselt.

Die Schönheit des Bruchs

Was Földényi in seiner Bonner Lesung entfaltet, ist mehr als Kunstgeschichte.
Es ist ein metaphysischer Bericht über den Augenblick, in dem der Sinn sich selbst verlässt.
Die Inkohärenz ist nicht Unordnung, sondern die höhere Genauigkeit des Zweifels.

Das Pariser 19. Jahrhundert erfindet in seinem Überdruss die Ironie als Überlebensstrategie.
Dada verwandelt diesen Überdruss in Spiel.
Feyerabend macht daraus eine Theorie.
Und wir – spätgeborene Erben der Lächerlichkeit – ahnen darin eine Ethik.

Denn nur das Widersprüchliche bewahrt uns vor dem Dogma.
Nur das Unverständliche bleibt menschlich.

Der Kopf denkt weiter

Die Guillotine trennt, aber sie beendet nichts.
Die Inkohärenz setzt den Schnitt fort, bis er Denken wird.
Und vielleicht liegt darin das größte Geheimnis dieser genealogischen Kette – von Lévy zu Arp, von Richter zu Feyerabend, von der Guillotine zu Földényi:

Dass Erkenntnis nicht aus Klarheit entsteht, sondern aus Störung.
Dass das Lachen klüger ist als das System.
Dass der enthauptete Gedanke weiterdenkt.

Und dass im Schatten des Messers – ob Stahl oder Vernunft – das Licht des Spiels aufblitzt.

László F. Földényi: Der lange Schatten der Guillotine. Lebensbilder aus dem Paris des neunzehnten Jahrhunderts.
Deutsch von Ákos Doma. Berlin (Matthes & Seitz) 2024. 302 Seiten, 28 Euro.

Exkurs: Köln-Dada oder die Magie des Rheinischen Zufalls

Jede Stadt, die eine Guillotine verdient, hat auch ihr Dada.
Zürich hatte Tzara, Hannover Schwitters, Paris Duchamp – und Köln, ja Köln, hatte Max Ernst und Johannes Baargeld.
Zwei Männer, die unterschiedlicher nicht hätten sein können: der eine ein Adler, der andere ein Alchimist.
Aus ihrer Kollision entsteht das, was Hans Richter den „rheinischen Sonderfall“ nannte – eine Ironie von solch glühender Klarheit, dass sie zugleich Mystik und Satire ist.

Max Ernst: geboren aus einem Ei im Nest eines Adlers, wie er selbst erzählt.
Ein mythischer Beginn, halb Karneval, halb Offenbarung.
Seine Mutter, sagt die Legende, habe das Ei sieben Jahre lang ausbrüten lassen, bevor er – pünktlich wie ein Bote des Absurden – schlüpfte.
Brühl, sechs Meilen südlich von Köln, ist seither ein Vorort der Surrealität.
Zwischen Reliquienschreinen und Telegraphendrähten wächst ein Knabe auf, der in der Heiligen Ursula ebenso viel Wahrheit erkennt wie im Struwwelpeter.

Köln ist für ihn ein alchemistischer Komplex:
Bier im Norden, Wein im Süden, dazwischen das ewige Gären der Gegensätze.
Ein Kind, das zwischen diesen Polen erwacht, muss sich entscheiden – oder beides trinken.
Ernst tat Letzteres.
Schon mit zwei Jahren leert er heimlich Gläser, blickt auf die Bäume und ruft: „Sieh, Vater, die drehen sich!“
So beginnt die Malerei der Rotation, der späteren frottage, das Denken in spiralförmigen Zufällen.

Der Alchimist und der Advokat

Johannes Baargeld, bürgerlich Alfred Grünwald, Bankierssohn, Jurist, Pazifist, Sammler, Schriftsteller – der ironischste Intellekt der Zwischenzeit.
Er war das Gegengewicht zum Visionär Ernst, wie der kalkulierte Zufall zum traumhaften Instinkt.
Während Ernst die Logik träumte, träumte Baargeld die Logik weg.

Sie gründeten gemeinsam die Zeitschrift Der Ventilator, ein Pamphlet gegen die Hitze der Vernunft.
Köln-Dada war keine Schule, sondern eine Versuchsanordnung: wie viel Spott verträgt eine Stadt, die ihre Heiligen in Gold fasst?
Sie klebten Fotografien von Hindenburg in barocke Altäre, hängten Spiegelscherben über Kirchenportale, erklärten das Domgeläut zum Orchester des Zufalls.

Wo Schwitters in Hannover sein Merz-Bau-Universum schuf, ein Kathedral-Labyrinth aus Resten, machten Ernst und Baargeld aus Köln selbst ein Werk – eine Collage aus katholischem Rauch, römischem Grundriss und rheinischer Selbstironie.
„Die Stadt als dadaistisches Organ“, könnte man sagen.

Das okkulte Klima

Hans Richter notierte: „In Köln kreuzten sich die mediterrane Sanftheit und der preußische Imperativ, das Ideal der französischen Revolution und die Melancholie des Nordens.“
Man spürt das bis heute, wenn der Dom seine gotische Zunge in den Regen streckt.
Hier herrscht, schrieb Richter, noch der „Geist des Magiers Cornelius Agrippa“.
Und mit ihm die drei Weisen aus dem Morgenland, deren Knochen im Dom ruhen – Relikte einer globalen Ironie, die Köln nie ganz verlassen hat.

Der kleine Max Ernst, in diesem Klima erzogen, beobachtet den Vater beim Malen eines Mönchs im Wald.
Die Bäume, einzeln nummeriert, die Blätter minutiös: Ordnung als Zwang.
Und in diesem Moment, so erzählt er später, ergriff ihn der Schauer des Wortes Einsamkeit.
Es war sein erstes ästhetisches Erlebnis – die Furcht vor der Präzision.

Ernst wächst auf in einem Haus voller frommer Bilder und kleiner Blasphemien.
Als Fünfjähriger läuft er davon, in einem roten Nachthemd, in der Hand eine Peitsche.
Die Passanten halten ihn für das Christkind.
Später malt ihn der Vater als Jesusknaben mit Kreuz.
Daraus entsteht ein Lebensthema: Gottvater als unfreiwilliger Künstler, der Sohn als Rebell der Imagination.
Ein häuslicher Urknall, aus dem das surrealistische Weltall hervorgeht.

Die Philosophie der Zwischenräume

Földényi hätte seine Freude an dieser Biographie: Sie ist eine Dichtung der Inkohärenz.
Die Rationalität des Vaters, der mystische Katholizismus der Stadt, die ironische Intelligenz des Sohnes – alles stößt zusammen und erzeugt Funken.
Man könnte sagen, Köln war für Dada das, was die Guillotine für Paris war: ein präziser Apparat der Zerstörung, der zufällig Erkenntnis produziert.

Zwischen Wein und Bier, zwischen Rom und Preußen, zwischen Kirche und Karneval – hier entsteht ein Weltgefühl des Gleichzeitigen, das später die Collage zur natürlichen Sprache der Moderne macht.
Köln-Dada war, im Unterschied zu Zürich oder Berlin, nie nur Protest.
Es war eine theologische Versuchsanordnung:
Wie weit kann der Mensch die Heiligkeit lächerlich machen, ohne sie zu verlieren?

Nachhall: Der Adler über dem Dom

Schwitters hat in Hannover kein Denkmal, kein Platz trägt seinen Namen.
Auch in Köln steht kein eiserner Ernst.
Doch der Geist der beiden – des hannoverschen Konstruktivisten und des rheinischen Magiers – durchzieht das Land wie eine unsichtbare Ader.

Max Ernst blieb der Denker des Unbewussten mit scharfer Feder, Baargeld der kalkulierte Spieler, der 1927 beim Bergsteigen in der Schweiz verschwand – als hätte der Zufall ihn zurückgerufen.

Köln-Dada war keine Schule, sondern ein Experiment in metaphysischer Physik:
Wie viel Zufall erträgt die Ordnung?
Wie viel Humor das Heil?
Wie viel Wein den preußischen Ernst?

Vielleicht liegt hier, im Karneval der Ideen, der tiefste Sinn des Rheinischen:
dass alles, was lacht, den Himmel ein wenig erschüttert.

Wagt auch mal einen Ausflug zum Magazin Signaturen 🙂

Der Schnitt der Vernunft

László F. Földényi über Paris, die Guillotine und den Traum der Surrealisten

Unsichtbarer Crash: Valves Patch im digitalen Kontinent

Ein unscheinbares Update mit Sprengkraft

In der Nacht des 23. Oktober 2025 veröffentlichte Valve stillschweigend ein kleines Update für Counter-Strike 2. Technisch bestand es aus ein paar Optimierungen und einer Änderung der sogenannten Trade-Up-Mechanik – wirtschaftlich entpuppte sich das geradezu als Erdbeben. Fachportale schätzten, dass der Marktwert von CS2-Skins von etwa 5,8 auf nur noch gut 3,8 Milliarden US-Dollar fiel – ein Verlust von rund 2 Milliarden Dollar binnen eines Tages. Tom’s Hardware berichtet, Valve habe mit dem Patch erlaubt, fünf „Covert“-Skins (rote Skins) zu einem goldenen Messer oder Handschuh zu verschmelzen. Für Großinvestoren mit Millionenbudgets „radierte“ das Update unbemerkt einen „erheblichen Teil ihres Portfolios aus“. In der Szene ging sofort ein Aufschrei um: Inventare verloren massiv an Wert, Handelsplattformen brachen zusammen, Millionen Accounts gerieten in Panik – und außerhalb dieses Kosmos’ blieb das Ereignis nahezu unbeachtet.

Steam als unsichtbarer Wirtschaftskontinent

Steam ist mit seinen Spielern längst mehr als ein Spiele-Store. Aktuelle Zahlen belegen: Die Plattform hat über 130 Millionen monatliche und rund 70 Millionen tägliche Nutzer weltweit Im Oktober 2025 lag die Rekordzahl gleichzeitig online Spielender bei beeindruckenden 41,6 Millionen. Damit bewegt Steam eine eigene „Wirtschaft“ von gewaltigem Ausmaß – ein digitaler Kontinent, den Mainstream-Medien und selbst Studien zur Mediennutzung kaum erfassen. Klassische ARD/ZDF-Onlinestudien messen TV, Social Media, Netflix – von Steam, Discord oder Gaming-Communities ist meist keine Rede. So existiert mitunter ein ganzer Wirtschaftskreislauf, der statistisch schlicht unsichtbar bleibt, obwohl täglich Milliarden Stunden investiert werden. Mehr dazu in unserem Sohn@Sohn-Newsletter.

Green Monday fordert Gesetzesoffensive für Kreislaufwirtschaft – Von der Beschaffung bis zur Finanzierung: Zwei Jahre nach dem Start wächst aus der Community ein konkretes wirtschaftspolitisches Programm @bundeskanzler @schneidercar @Umweltbundesamt @DirkMessner @bde_presse

Zwei Jahre nach dem ersten Green Monday zeigt sich, wie stark sich das Netzwerk aus Wirtschaft, Wissenschaft und Finanzwelt zu einem Treiber für nachhaltige Industriepolitik entwickelt hat. Auf der jüngsten Veranstaltung in den Räumen der GLS Bank verdichteten sich die Debatten zu einem klaren politischen Forderungskatalog – von der öffentlichen Beschaffung über Steueranreize bis hin zu neuen Finanzierungsmodellen.

Vergaberecht als Motor der Transformation

Im Mittelpunkt stand das vom Bundesverband der Deutschen Entsorgungs-, Wasser- und Kreislaufwirtschaft (BDE) beauftragte Rechtsgutachten der Kanzlei Becker Büttner Held (BBH). Es belegt, dass die bestehenden Gesetze bereits eine Bevorzugung von Recyclingmaterialien erlauben – sie wird aber kaum genutzt.
„Die öffentliche Hand hat eine historisch einmalige Chance“, sagte Anja Siegesmund, Präsidentin des BDE. „500 Milliarden Euro aus dem Klima- und Transformationsfonds könnten den Startschuss für ein neues Kapitel industrieller Modernisierung geben – wenn sie in Stoffkreisläufe statt in Beton fließen.“

Das Gutachten fordert:

  • einen Vergabegrundsatz der umweltfreundlichen Beschaffung (§ 97 GWB),
  • eine Klarstellung in § 45 KrWG zur bevorzugten Nutzung von Recyclingrohstoffen,
  • und einklagbare Rechte für Bieter, wenn ökologische Kriterien missachtet werden.

Von der Quote zur Pflicht – das Sofortprogramm Kreislaufwirtschaft

Der BDE stellte zudem ein Sofortprogramm vor: Rezyklatquoten im öffentlichen Einkauf, steuerliche Anreize für langlebige Produkte, Bürokratieabbau für zirkuläre Geschäftsmodelle und Versicherbarkeit rückgebauter Baustoffe.
„Zirkularität ist kein Luxus – sie ist Versorgungssicherheit, Klimaschutz und Standortpolitik in einem“, betonte Siegesmund.

Steuerliche Anreize und neue Bewertungslogik

Wilhelm Mauss, Geschäftsführer der Lorenz GmbH & Co. KG, forderte einen Nullsteuersatz für wiederverwendete Produkte. Sein Unternehmen erreicht bei Wasserzählern eine Wiederverwendungsquote von über 80 Prozent: „Wiederverwendung ist kein Rückschritt, sondern ein Fortschrittsmotor.“
Parallel fordert der Green Monday eine bundesweite Einführung des NRW-Modells, das die Bilanzierung gebrauchter Materialien als Vermögenswerte erlaubt – ein zentraler Hebel, um Schuldenbremse und Klimaschutz zu versöhnen.

Finanzierung als Schlüssel – Aysel Osmanoglu fordert neues Scoring

Aysel Osmanoglu, Vorstandssprecherin der GLS Bank, lenkte die Aufmerksamkeit auf die Finanzierungsseite:
„Unser jetziges Scoring belohnt Abrieb und Kauf – nicht Reparatur und Wiederverwendung. Kreislaufwirtschaft beginnt beim Investitionsentscheid.“
Osmanoglu sieht nachhaltige Finanzierungen als Hebel für Rohstoffsouveränität und fordert, Kapitalströme künftig an der Lebensdauer von Produkten und der Ressourceneffizienz auszurichten. Damit könne die Finanzwirtschaft zum „stillen Treiber“ der Transformation werden.

Marktmechanismen und neue Leitplanken

Lars Baumgürtel von ZINQ, das kürzlich mit dem Deutschen Umweltpreis 2025 ausgezeichnet wurde, plädierte für ein drittes Emissionshandelssystem (ETS 3), das auch Ressourcenerhalt bepreist. „Recyclingmaterialien sind ökologisch überlegen, aber preislich benachteiligt – wir brauchen einen korrigierenden Marktmechanismus.“

Vom Fachthema zur Chefsache

Henning Wilts vom Wuppertal Institut brachte es auf den Punkt: „Deutschland kann Entsorgung, aber keine zirkuläre Ökonomie.“ Er forderte, die Kreislaufwirtschaft im Kanzleramt zu verankern – nicht in einer Unterabteilung des Umweltministeriums. Nur ein ressortübergreifender Ansatz zwischen Kanzleramt, Umwelt-, Wirtschafts-, Finanz- und Arbeitsministerium könne Deutschland vom Recyclingweltmeister zur zirkulären Industrienation machen.

7. Die Vorschläge der Community im Überblick

Der Green Monday formulierte einen Aktionsplan, der nun an Bundesumweltminister Carsten Schneider übergeben werden soll:

  1. Zirkuläre Beschaffung als Zuschlagskriterium verankern
  2. Bilanzierung und Bewertung gebrauchter Materialien reformieren
  3. Versicherbarkeit rückgebauter Stoffe ermöglichen
  4. Normenwesen modernisieren
  5. Digitale Materialpässe einführen
  6. Regionale Kompetenzzentren für Kommunen und Mittelstand aufbauen

Kreislaufwirtschaft als Finanz- und Industriepolitik

Die Verbindung von BDE, GLS Bank, Circular Valley Stiftung, Wuppertal Institut und innovativen Mittelständlern zeigt: Kreislaufwirtschaft ist längst kein Nischenthema mehr. Sie wird zur zentralen Industrie-, Finanz- und Standortpolitik der kommenden Dekade.

„Tempo braucht Richtung“, heißt es im Fazit des Green Monday.
Und diese Richtung ist klar: Weg vom Abfall, hin zum Kreislauf – mit Recht, Kapital und Innovation als gemeinsamer Achse.

Macht KI den Menschen menschlicher? Nachlese zu Forschungsergebnissen des DFKI #Nano #3sat #ZukunftPersonal #OEB #Berlin

Wissenschaftsreporter Eric Mayer misst seine Kräfte mit einem KI-gesteuerten Roboter. In der 3sat-Dokumentation „Ich gegen die KI – Wer ist der bessere Mensch?“ tritt Mayer im Selbstversuch gegen die Maschinen an – vom Armdrücken mit einem Roboter bis zum Wettkampf in der Gefühlsanalyse. Doch im Mittelpunkt steht keine Spielerei, sondern eine ernsthafte Frage: Was passiert, wenn Maschinen anfangen, menschliche Eigenschaften zu imitieren oder sogar zu perfektionieren? Und was macht uns Menschen dann noch aus. Die Antwort fällt überraschend differenziert aus. Weder naive Technikgläubigkeit noch Kulturpessimismus greifen hier – vielmehr zeigt sich eine neue Perspektive: Künstliche Intelligenz könnte den Menschen nicht entmenschlichen, sondern menschlicher machen.

Mensch gegen Maschine – und am Ende gewinnt der Mensch

Die TV-Reportage hält etliche Aha-Momente bereit. Am Deutschen Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz (DFKI) in Saarbrücken schlüpft Mayer per VR-Brille in die Rolle eines Lehrers und scheitert an einem provozierenden Schüler – bis ihn eine KI-Coach namens „Paula“ analysiert und ihm den Spiegel vorhältDie virtuelle Assistentin hat Zugriff auf Mayers Herzschlag, Mimik und Stimme und fällt ein vernichtendes Urteil: Er habe „alles aufgegeben, sich selbst, Alex und den Unterricht“.Tatsächlich wird Mayer im Zwiegespräch mit dem KI-Coach klar, „wie sehr meine eigenen Empfindlichkeiten die Auseinandersetzung mit Alex beeinflusst haben“, räumt er selbstkritisch ein. Die künstliche Intelligenz entpuppt sich hier als verblüffend effektiver Mentor in Sachen Empathie und Konfliktlösung – sie hilft dem Reporter, sich seiner menschlichen Schwächen bewusst zu werden und daraus zu lernen.

Der entscheidende Satz fällt, als Mayer die Entwickler fragt, ob eine solche KI den Menschen bald übertreffen werde. Das sei nicht das Ziel, entgegnen die Forscher – nicht die Maschine überflügelt den Menschen, sondern „sie macht den Menschen besser“. KI als Coach und Katalysator menschlicher Weiterentwicklung: Dieses Fazit der DFKI-Experten zeichnet ein neues Rollenverständnis. Die KI wird nicht als Konkurrent aufgebaut, sondern als Werkzeug, das den Menschen zu neuen Einsichten führen kann. So gesehen, gewinnt am Ende der Mensch, der durch klugen KI-Einsatz empathischer und einsichtiger handeln lernt.

Ein weiteres Beispiel aus der Dokumentation unterstreicht dies: Im Klinikum Frankfurt (Oder) begegnet Mayer dem rollenden Roboter „Lotta“, der in kindlicher Stimme mit einem Patienten plaudert. Die Mission dieses kleinen KI-Assistenten ist ausdrücklich, Menschlichkeit in den oft gehetzten Krankenhausalltag zurückzubringen. Technik soll hier nicht die Pflegekräfte ersetzen, sondern Nähe und Fürsorge spenden, wo Zeitdruck und Effizienz die persönliche Zuwendung erschweren. Zwar wirkt das Gespräch zwischen Roboter und Patient etwas hölzern – „ein bemühter Small Talk, bei dem alle höflich sind“, wie ein Beobachter anmerkt – doch die Stoßrichtung ist klar: KI kann in Nischen springen, wo dem Menschen die Zeit oder Kraft fehlt, und so ein Stück Wärme und Aufmerksamkeit zurückbringen. Ein Roboter, der Nächstenliebe authentisch verkörpert, mag Zukunftsmusik sein; doch als Hilfsmittel, um genau diese menschlichen Werte wieder in den Vordergrund zu rücken, wird KI bereits heute erprobt.

Paradox: Mehr KI, mehr Menschlichkeit

Nicht nur anekdotisch, auch wissenschaftlich verdichtet sich der Eindruck, dass KI als Verstärker genuin menschlicher Stärken wirken kann. Eine aktuelle Meta-Studie des Think-Tanks Zukunft Personal konstatiert eine bemerkenswerte Paradoxie: „Je tiefer künstliche Intelligenz in unsere Arbeitswelt eindringt, desto bedeutsamer werden genuin menschliche Qualitäten“. Was zunächst widersprüchlich klingt, spiegelt einen tiefgreifenden Wandel wider. Tatsächlich belegt die Future Skills-Forschung, dass parallel zum wachsenden Bedarf an technischen Experten die Nachfrage nach Kreativität, Empathie und komplexer Problemlösung steigt Mit anderen Worten: Je mehr Routinejobs Algorithmen übernehmen, desto mehr rückt das in den Fokus, was Maschinen nicht können. Zuspitzt formuliert es das Thesenpapier so: „Die Maschine befreit den Menschen nicht nur von Routineaufgaben, sie zwingt uns, menschlicher zu werden.“ KI erledigt das Banale – und der Mensch hat wieder freie Kapazitäten für das Sinnstiftende.

Diese Entwicklung entlarvt zugleich Mittelmaß und Automatismen. Brynjolfsson und McAfee prägten den Begriff der „Superstar Economy“ – eine Wirtschaft, in der Durchschnittsleistung durch KI allgegenwärtig und billig wird, während echte Exzellenz umso mehr herausragt. Das Thesenpapier beschreibt es drastisch: In einer transparent vernetzten Arbeitswelt wird der wirkliche Wertbeitrag unbarmherzig sichtbar, Mittelmäßigkeit und „Schwätzertum“ werden entlarvt. Was bloßes Mitlaufen war, lässt sich künftig automatisieren; was Kreativität, Charakter und kritisches Denken erfordert, gewinnt an Gewicht. Die höchste Wertschöpfung entsteht nicht im Wettbewerb Mensch gegen Maschine, sondern dort, wo beide komplementär zusammenwirken – indem KI Routine und Daten analysiert und Menschen darauf aufbauend kreative Lösungen und ethische Entscheidungen beisteuern.

Vor diesem Hintergrund fordert die Studie eine neue Kompetenzarchitektur. Technologische Fähigkeiten und KI-Literacy – also die Grundkompetenz im Umgang mit intelligenten Systemen – bilden das Fundament. Darauf aufbauend sind digitale Schlüsselqualifikationen die Brücke, um die Potenziale der Technik überhaupt nutzen zu können. An der Spitze aber stehen die menschlichen Metakompetenzen als wahre Differenzierungsfaktoren. Darunter versteht man überfachliche, besonders menschliche Fähigkeiten: Kreativität, Kommunikationsvermögen, Empathie, ethisches Urteilsvermögen, Lern- und Anpassungsfähigkeit – kurz all das, was keine KI imitieren kann, ohne blass zu bleiben. In dem Maße, wie automatisierte Systeme trivialere Aufgaben meistern, steigt der Wert solcher menschlichen Metakompetenzen exponentiell. Die KI wird zum Spiegel, der uns deutlicher als je zuvor vor Augen führt, welche Qualitäten uns ausmachen und wie wir sie gezielt kultivieren können So betrachtet, entfaltet die vielbeschworene KI-Revolution eine zutiefst humanistische Seite: Sie zwingt uns, uns auf das zu besinnen, was uns als Menschen wirklich wertvoll macht – Werte, Mut (im Sinne ethischen Handelns) und Empathie, wie die Studie betont. Diese Eigenschaften rücken ins Zentrum, während reine Statushierarchien und veraltete Machtspiele an Bedeutung verlieren. Der Mensch besinnt sich auf Menschlichkeit, gerade weil die Maschine ihn dazu anhält.

Bildung ohne Privilegien dank KI?

Besonders deutlich zeigt sich die menschenverstärkende Kraft der KI im Feld Bildung und Personalentwicklung. Seit Jahrzehnten klafft hier eine Gerechtigkeitslücke: Individuelle Förderung war oft ein Privileg Weniger – kleine Klassen, Nachhilfe, Privatlehrer für Begüterte. Nun eröffnet KI die Chance, dieses Paradigma aufzubrechen. Das Zukunft-Personal-Thesenpapier spricht von einer „historischen Chance zur radikalen Demokratisierung von Bildung“: Lernen würde „kein Herkunftsthema“ mehr sein, sondern frei zugänglich und (hyper-)individualisiert. Mit anderen Worten: Durch personalisierte, intelligente Tutoren ließe sich Bildungsförderung in Losgröße 1 realisieren – maßgeschneidert für jeden Einzelnen. Tatsächlich ermöglichen revolutionäre KI-basierte Tutoren bereits heute eine beispiellose Personalisierung, indem sie Stärken und Schwächen der Lernenden in Echtzeit analysieren und das Lerntempo sowie die Inhalte individuell anpassen. Dies erschließt neue Chancen für jene, die bisher aufgrund ihrer sozialen Herkunft oder Lernvoraussetzungen keinen Zugang zu hochwertiger Förderung hatten, und führt zu einer fundamentalen Neuverteilung der Bildungschancen.

Die Vision: Standardisierte Bulimie-Pädagogik – das ineffiziente Pauken und Vergessen – gehört der Vergangenheit an An ihre Stelle tritt ein kontinuierlicher, intrinsisch motivierter Lernprozess, katalysiert durch KI-Lernbegleiter und -Coaches. Schulen und Universitäten würden zu flexiblen Lernökosystemen, in denen Lehrkräfte nicht mehr primär Frontalwissen abladen, sondern als Kuratoren und Mentoren agieren. Sie schaffen Lernumgebungen, die Neugier wecken, zum Vernetzen anregen und jeden individuell voranbringen – während KI im Hintergrund Routinen abnimmt, personalisiertes Feedback gibt und den Fortschritt überwacht. Eine aktuelle Stanford-Studie zeigt, dass KI-unterstützte Lernprozesse die Lerneffektivität um bis zu 43 % steigern können. Diese Zahl unterstreicht: Solche Technologien sind kein Sci-Fi, sondern greifbare Verbesserung.

Angesichts dieser Möglichkeiten erscheint die Forderung nach „KI-freien Zonen“ im Bildungsbereich fehlgeleitet. Gewiss, die Sorge ist verständlich: Sollten Kinder nicht erstmal ohne digitale Krücken laufen lernen? Doch ein pauschales Verbot von KI-Tools würde vor allem alte Schieflagen zementieren – jene Bildungsprivilegien, die KI eigentlich aufbrechen kann. Statt KI aus Klassenräumen zu verbannen, kommt es darauf an, sie klug zu integrieren: als Helfer für Lehrkräfte und Lernende, als persönlicher Tutor für alle statt nur für jene, die es sich leisten können. Wichtig ist dabei ein kritisch-reflektierter Einsatz. Weder dürfen wir uns blind auf Algorithmen verlassen, noch die pädagogische Verantwortung an Maschinen abtreten. Aber KI im Unterricht sinnvoll eingesetzt kann den Traum wahr machen, jeden Schüler und jede Schülerin gemäß ihren individuellen Bedürfnissen und Talenten zu fördern – ohne elitäre Schranken. Die Losgröße-1-Didaktik, die früher Privatlehrern vorbehalten war, wird plötzlich massentauglich. Damit lässt sich die eingangs gestellte Frage zuspitzen: Sollte der Bildungssektor wirklich frei von KI bleiben – oder nicht vielmehr frei für KI-gestützte Chancengleichheit werden?

Menschlicher durch künstliche Intelligenz

Die eingangs gestellte Frage – macht KI den Menschen menschlicher? – lässt sich heute mit vorsichtigem Ja beantworten. Künstliche Intelligenz offenbart in vielen Bereichen Eigenschaften des Menschseins wie in einem Kontrastmittel. Sie hält uns den Spiegel vor, verstärkt unsere Potenziale und Schwächen, und schafft so Bewusstsein für das, was uns ausmacht. In Bildungs-, Therapie- und Arbeitskontexten erleben wir bereits, wie Maschinen Routinearbeiten abnehmen und den Raum für Empathie, Kreativität und Ethik vergrößern. Entscheidend ist freilich, wie wir KI einsetzen. Sie macht uns nicht automatisch besser – aber sie kann uns besser machen. Die vorgestellten Beispiele zeigen KI als Spiegel und Verstärker menschlicher Fähigkeiten: vom emotionalen Coaching, das zur Selbsterkenntnis führt, bis zur Lernplattform, die schlummernde Talente weckt.

Anstatt vor einer angeblichen Entmenschlichung durch Technik zu kapitulieren oder reflexhaft KI-freie Zonen auszurufen, sollten wir die eigentliche Chance erkennen: Gerade weil uns Maschinen in vielen Tätigkeiten überflügeln, besinnen wir uns auf die Domänen, in denen sie uns nicht ersetzen können – Einfühlungsvermögen, schöpferisches Denken, moralisches Urteil. Wenn wir KI gezielt dazu nutzen, diese Domänen zu stärken, dann bewahrheitet sich die kühne These: Die KI-Revolution macht uns menschlicher. Es liegt an uns, sie entsprechend zu gestalten. Dabei gilt es, weder in naive Technikverherrlichung noch in kulturpessimistisches Lamento zu verfallen, sondern mit klarem Blick und humanistischem Kompass die Symbiose von Mensch und Maschine zu formen. Dann kann KI tatsächlich zum Motor für mehr Menschlichkeit werden – in einer Welt, die diese dringender braucht denn je.

Genau dieses Themenspektrum verhandeln wir auf dem Zukunft Nachgefragt Day in Berlin am 4. Dezember, um 11 Uhr:

Man hört, sieht und streamt sich in Berlin.

Zukunft Personal Nachgefragt Day – Live von der Online Educa Berlin: Vier Stunden Zukunft der Arbeit

Zukunft Personal Nachgefragt Day – Live aus Berlin: Vier Stunden Zukunft der Arbeit
📅 Donnerstag, 4. Dezember 2025 | 10:00–16:00 Uhr
📍 Live von der Online Educa Berlin (OEB) 2025 | Streaming auf LinkedIn, YouTube und Co.


Am 4. Dezember senden wir den Zukunft Personal Nachgefragt Day erstmals live von der Online Educa Berlin (OEB) – Europas wichtigste Konferenz für technologisch gestütztes Lernen und Personalentwicklung.

Ein Tag wie ein Programmheft der Zukunft: Vier Sessions, vier Themen, vier Blickwinkel auf die neue Arbeits- und Lernökonomie. Zwischen Learning Tech, KI und Human Skills geht es um die große Frage, wie Unternehmen, Politik und Bildung gemeinsam die Arbeitswelt von morgen gestalten.


🎬 10:00–10:45 Uhr

1️⃣ Review Zukunft Personal – Erkenntnisse… was bleibt!
Der Auftakt blickt zurück – und nach vorn.
Nach einem Jahr voller Transformation, Fachkräftemangel und KI-Dynamik fragen wir:
Was bleibt von den Impulsen der Zukunft Personal Events 2025 – und was prägt 2026?
Im Mittelpunkt steht die aktuelle Studie des Think Tank Innovation, deren Thesen weit über das Messejahr hinausreichen. Sie liefert Orientierung für HR-Strateg:innen, Entscheider:innen und Innovator:innen – in einer Zeit, in der KI, Datenkompetenz und neue Arbeitsmodelle das Personalmanagement neu definieren.
💬 Mit Stimmen aus Wissenschaft, Wirtschaft und der ZP-Community.
🎯 Ziel: Erkenntnis in Konsequenz verwandeln.


🕚 11:00–11:45 Uhr

2️⃣ Zukunft ohne Nachwuchs? – Was der Fachkräftemangel wirklich kostet
Der Fachkräftemangel ist keine Prognose mehr – er ist Realität.
Er dämpft Wachstum, gefährdet Innovationskraft und wird zum neuen Wohlstandsrisiko.
In dieser Session geht es um harte Zahlen und politische Konsequenzen:
👉 Wie stark bremsen fehlende Kompetenzen die Wirtschaftsleistung?
👉 Was hilft wirklich – Zuwanderung, Ausbildung oder Automatisierung?
👉 Warum scheitern viele Initiativen im Klein-Klein?
Eine Diskussion über mutige Fachkräftestrategien – und über die Frage, ob Demografie zur neuen ökonomischen Schicksalsfrage wird.


🕓 14:00–14:45 Uhr

3️⃣ KI am Arbeitsplatz – Wer steuert hier eigentlich wen?
Künstliche Intelligenz verändert Arbeit in Echtzeit – sie bewertet, empfiehlt, entscheidet mit.
Doch wer behält die Kontrolle?
In dieser Session diskutieren Expert:innen, wie agentische Systeme, Decision Automation und algorithmische Performance-Messung das Verhältnis von Mensch und Maschine neu ordnen.
👉 Was kann HR mit KI – und was muss sie können?
👉 Wie regulieren wir Verantwortung, wenn Entscheidungen in Millisekunden fallen?
👉 Warum die Technologie schneller ist als der Diskurs.
Vom Tool zur Transformation: KI wird zum Betriebssystem der Zukunft – aber nur, wenn wir sie verstehen, gestalten und begrenzen.


🕔 15:00–15:45 Uhr

4️⃣ Wie Hidden Champions neue HR-Pfade gehen
Die Deep-Tech-Wirtschaft wächst – und mit ihr der Wettbewerb um Köpfe.
Robotik, Quantentechnologie, Cybersecurity – die neue industrielle Intelligenz verlangt nach neuen Formen des Personalmanagements.
👉 Wie verändert Deep Tech den Arbeitsmarkt?
👉 Welche Strategien brauchen Mittelständler, um Talente global zu gewinnen und zu halten?
👉 Warum müssen Talentstrategien künftig georealistisch gedacht werden – zwischen Standort, Sicherheit und Skalierung?
Eine Session über die Zukunft der Arbeit im Hochtechnologiesektor – und die Menschen, die sie möglich machen.


🎥 Live von der Online Educa Berlin (OEB) 2025

Die OEB gilt als internationaler Hotspot für Learning Innovation, EdTech und digitale Transformation.
Inmitten von Lern-Apps, AR-Systemen, KI-Tools, Learning-Management-Plattformen und neuen Raumkonzepten senden wir aus dem Epizentrum technologischer Bildungstrends – direkt dorthin, wo Lernen, Arbeiten und Technologie ineinandergreifen.


Der Zukunft Personal Nachgefragt Day verbindet Debatte, Forschung und Praxis – aus Berlin in die Welt.
Ein Tag, an dem Erkenntnis zur Konsequenz wird.
Ein Programm für alle, die Zukunft nicht nur beobachten, sondern gestalten wollen.

📡 Live am 4. Dezember von 10:00 bis 16:00 Uhr auf LinkedIn
Constantin Sohn, Gunnar Sohn & Gäste