
Man betritt die Buchhandlung Böttger seit jeher wie einen Raum, der weniger verkauft als sammelt. Bücher, gewiss – aber eigentlich Atmosphären. An diesem Novemberabend, als Ulrich Raulff aus „Wie es euch gefällt“ las, geriet der Laden zu einer Art Resonanzkörper für etwas, das im öffentlichen Diskurs fast verschwunden ist: die genaue, langsame, unbestechliche Aufmerksamkeit für das Ästhetische.
Schon die Eröffnung war ein Hinweis darauf: Der Buchhändler Alfred Böttger spricht über die drei Notausgänge. Ironisch zunächst, aber zugleich vollkommen präzise. Geschmack, so wird später klar, ist ja selbst ein System von Ausgängen – Flucht vor dem Hässlichen, Absetzen vom Konformen, Flucht auch vor sich selbst. Guter Geschmack ist immer ein Versuch, einer drohenden inneren Enge zu entkommen.
Was Raulff dann entfaltet, ist nichts weniger als eine Genealogie dieser Fluchtdynamiken.
Die Kindheit des Blicks
Überraschend beginnt Raulff nicht bei Winckelmann, nicht in Rom, nicht im 18. Jahrhundert, sondern am Esstisch seiner Mutter. Teller, Gestecke, die unscheinbaren Dinge des Alltags – dort formiert sich der erste ästhetische Imperativ.
Die philosophische Ästhetik hat diesen Ursprung fast immer vergessen: dass Geschmack – wie Sprache, wie Anstand, wie Scham – zuerst körperlich erfahren wird. Die kindliche Hand, die über ein scheußliches Läufchen fährt, spürt einen Ekel, der noch gar kein Urteil ist, sondern zunächst eine somatische Erkenntnis.
Damit ist der Weg zu Winckelmann schon gelegt. Denn bevor er die Griechen ästhetisch überhöhte, war auch er ein Mann, der am „Eindruck“ ansetzt: am Blick, der sich wiederholt schult, bis er etwas sieht, das nicht mehr „Natur“, sondern Ideal ist.
Winckelmanns Paradox: Imitation als Überwindung
Mit jener eigentümlichen Lust, historische Gewissheiten zu versehren, zitiert Raulff die berühmteste aller Winckelmann-Linien:
„Der einzige Weg für uns, groß, ja unnachahmlich zu werden, ist die Nachahmung der Alten.“
Ein Satz wie eine ästhetische Guillotine. Er trennt ab, was die Moderne glauben wollte: dass Originalität ein solitärer Akt sei, ein Heraustreten aus Traditionen. Winckelmann aber wusste, was erst der 20. Jahrhundert-Formalismus wiederentdeckte: dass Stil immer eine Spannung ist – zwischen Unterwerfung und Abweichung, zwischen Regel und Riss.
Raulff zeigt präzise, wie Winckelmanns Nachahmungsideal selbst eine geheime Kunst des Bruchs enthält. Denn im letzten Drittel der Schrift, das fast niemand liest, beschreibt Winckelmann minutiös, wie die Großen kopierten: Michelangelo, Raphael, Poussin. Sie nahmen die Muster der Alten auf – um sie zu verletzen.
Der Geschmack, so Raulff, entsteht genau dort: im kontrollierten Fehler.
Holly Golightly: die andere Prophetin
Dass Raulff ausgerechnet Holly Golightly an die Seite Winckelmanns stellt, wirkt zunächst wie ein intellektuelles Vexierspiel. Doch in Wahrheit bringt er damit das Unaussprechliche in diese Ästhetik zurück: das Schwanken, die Melancholie, die fragile Komödie eines Lebens im Übergang.
Die Szene, die er liest – fünf Uhr morgens, ein Abendkleid, ein Coffee to go vor Tiffany’s – ist selbst schon eine kleine Theorie. Holly frühstückt nicht: sie therapiert. Die „Seance“, wie Raulff sagt, richtet sich gegen das „rote Elend“, die Depression, die nie beim Namen genannt wird.
Hollywood, nicht Griechenland, liefert mit dieser Figur die zweite große ästhetische Hebamme der Moderne:
Geschmack als Bewältigungsform. Stil als Selbstrettung. Eleganz als Gegenzauber zur Welt.
Holly wird damit – und Raulff spielt das mit großem Ernst aus – zum amerikanischen Echo des europäischen Imitationsparadoxons.
Sie kopiert auch: Kleines Schwarzes, Perlen, Sonnenbrille. Aber sie trägt die Kopie auf eine Weise, die sie aus dem Ornament herausreißt.
Das Weggehen, sagt Raulff, wird bei ihr zur Kunstform.
Und darin gleicht sie Winckelmanns Griechen mehr, als der Historiker eingestehen mag.
Henning Ritter: der geheime Architekt des Abends
Fast unmerklich schiebt sich eine dritte Figur in diesen Abend: Henning Ritter. Nicht als Zitatlieferant, sondern als Schattenintellektueller. Ritter gab Raulff einst jene merkwürdigen Londoner Ankaufslisten – Bücher über Interior Decoration, über die Ästhetik des Wohnens, über Räume als moralische Skulpturen.
Aus diesen Listen, sagt Raulff, sei spät klar geworden, dass er ein Testament vollstrecke. Ritter hatte das Buch über den Geschmack niemals geschrieben. Raulff schreibt es nun – und widmet ihm die Struktur: die Werkstatt hinter dem Text.
Dieser Gedanke ist so schön wie selten:
Dass Geschmack nicht dort entsteht, wo er sich zeigt, sondern dort, wo jemand an etwas herumarbeitet, das niemand sieht.
Wohnen, die intimste Form des Urteils
Gegen Ende, im langen Schwingen der Lesung, spricht Raulff über das Wohnen – als sphärische Aktivität, als ästhetisches Selbstgespräch. Wohnen, sagt er, sei die Stelle, an der die äußerste Nähe zur Welt und die äußerste Distanz zugleich entstehen: Man zeigt sich darin der Welt und entzieht sich ihr im gleichen Atemzug.
Winckelmann hätte vom „reinen Himmel“ gesprochen.
Holly Golightly hätte von Orangenkisten gesprochen.
Beide meinen dasselbe:
Der Raum wird zum Denkakt.

Der Abend als Erkenntnisfigur
Was bleibt nach diesem Böttger-Abend?
Kein triviales Loblied, kein akademisches Protokoll.
Sondern der Eindruck, dass Geschmack – dieses unterschätzte, belächelte, als bourgeoise Nebensache verschriene Phänomen – in Wahrheit eine anthropologische Grundkraft ist.
Geschmack ist Erinnerung.
Ist Trauma.
Ist Nachahmung.
Ist Abweichung.
Ist das ästhetische Nervensystem einer Kultur, die sich selbst zu verstehen versucht.
Und Raulff hat – mit Holly, mit Winckelmann, mit Ritter – gezeigt, dass die Geschichte des Geschmacks nicht von Mode handelt, sondern von unserer Vorstellung, wer wir sein könnten, wenn wir uns nur trauen würden, genau hinzusehen.