Pyromanen mit Laternen

„Völker, hört die Signale!“ tönte es am Freitagabend durch die Bonner Innenstadt. Kein Fußballspiel, kein Gewerkschaftsaufmarsch, sondern der winzige Laternenumzug der moralisch Hochgerüsteten, vulgo: Fridays for Future. Man trällerte die Internationale. Wie rührend. Die Erben von Rosa Luxemburg in Funktionskleidung, mit LED-Fackeln und Thermobechern.

Wer sich in der Geschichte ein wenig auskennt – und ich meine nicht TikTok-Historie, sondern das, was man früher Allgemeinbildung nannte –, dem steigen bei dieser Tonlage ein paar andere Signale in die Nase: die Plattenbau-Monokulturen von Bitterfeld, die Chemiekombinate von Nowa Huta, die rauchenden Schlote von Temelin. Kurz: der ökologische Flächenbrand des real existierenden Sozialismus. Ausgerechnet diese Melodie also als Einstimmung auf die nächste Rettung der Welt? Man hätte fast erwartet, dass einer der Sprecher auf einer VEB-Kiste von „Fünfjahreszielen zur Dekarbonisierung“ spricht.

Doch das eigentliche Wunder geschah nicht auf der Bühne, sondern darunter: Niemand, wirklich niemand, sang ein einziges Wort über die grüne Ex-Oberbürgermeisterin, die mit bemerkenswerter Energie aus Abfall die Wärmewende orchestrierte. Oder besser gesagt: schönrechnete. Das politische Meisterstück? Die Müllverbrennung zur erneuerbaren Energie erklären. Chapeau!

Die Bonner MVA, dieser hässliche Koloss mit dem thermischen Charme eines Altölkochers, wurde zur Quelle kommunaler Tugend umgedeutet – von der Klimajugend mit keiner Silbe behelligt. Dafür holzte man in Richtung des neuen Oberbürgermeisters, der vor zwei Tagen vereidigt wurde. Man kennt das: Am dritten Tag soll er das Wasser in Wasserstoff verwandeln, am vierten dann bitte die Fernwärme dekarbonisieren, aber mit Gefühl!

Ganz anders die Haltung zu Gaskraftwerken. Diese werden nun von den Laternen tragenden Protestierern als Inbegriff des Fossilen verteufelt – dabei erreichen sie im Vergleich zum Müllofen einen thermischen Wirkungsgrad, der in Bonn als Science-Fiction durchginge. Während moderne GuD-Anlagen bis zu 90 % Effizienz schaffen, röchelt die MVA mit thermisch unter 30 %. Vielleicht war es aber auch nur der Sauerstoffmangel unter den Pappschildern, der das Denken erschwerte.

Und dann war da noch dieses Gefühl, das einen beschleicht, wenn der Protest sich zwar auf das „System“ richtet, aber die lokale Verklärung alter Machtverhältnisse klaglos hinnimmt. Die grüne Oberbürgermeisterin hat das Narrativ von der grünen Wärme aus der Asche geschrieben – und kein einziges Kind hat gesagt, dass die Kaiserin nackt ist.

Nein, stattdessen wird die Internationale gesungen. Ein bisschen Retro-Romantik für die moralische Selbstvergewisserung.

Am Ende fragt man sich, was schlimmer ist:
Die Müllverbrennung an sich.
Oder der ideologische Feinstaub, den sie hinterlässt.

3 Gedanken zu “Pyromanen mit Laternen

  1. Anonym

    „Moralische Hochrüstung“ ist ein verbreitetes Sprachbild, kenne mich aber zu wenig in der Bonner Stadtpolitik aus

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