430 Milliarden Euro Wachstumspotenzial: Warum der Mittelstand jetzt in KI investieren muss

Frank Schätzung und Ranga Yogeshwar auf dem RhAInlandDay in Siegburg

Die Debatte um KI läuft heiß – doch viele Führungskräfte fragen sich, was davon wirklich im eigenen Unternehmen ankommt. Die Fakten sprechen für sich: Alleine der Einsatz von KI im deutschen Mittelstand könnte nach PwC eine zusätzliche Wertschöpfung in Höhe von rund 10–11 % des BIP bringen – das sind etwa 400–450 Mrd. Euro bis 2030. PwC-Experten betonen, dass KI „der Schlüssel zur digitalen Wertschöpfung“ ist: Unternehmen können Prozesse verschlanken, datengetriebene Entscheidungen treffen und damit ihre Innovationskraft deutlich stärken. Dieses Potenzial ist umso wichtiger, als dass Deutschland derzeit nur einen geringen Anteil hochdigitalisierter Branchen hat. Verschärft wird die Lage durch Zögerlichkeit: Deutschland befindet sich bei generativer KI global im Mittelfeld. Experten warnen, dass wir uns keine weitere Verzichtspolitik leisten dürfen – das „Schlafmützen“-Denken muss einem mutigen Gestalten weichen.

Riesiges Potenzial nach PwC

Die PwC-Prognose ist beeindruckend: KI-Einsatz könnte das Bruttoinlandsprodukt bis 2030 um bis zu 11 % steigern. Rechnerisch entspricht das etwa 430 Mrd. Euro zusätzlicher Wertschöpfung, die der Wirtschaft in Deutschland zufließen könnte. Damit ließe sich nicht nur Produktivitätsschub realisieren, sondern auch ein Teil der langjährigen Wachstumsflaute überwinden. PwC weist darauf hin, dass KI neben Effizienzgewinnen vor allem durch neue Geschäftsmodelle und bessere Wettbewerbsfähigkeit wirkt. Anwendungsfälle gibt es zuhauf, von der Qualitätskontrolle in der Produktion bis zur autonomen Prozesssteuerung.

Praxisbeispiele aus dem Mittelstand

Die PwC-Prognosen werden durch die Zukunftsmacher-Studie untermauert: KI ist bei vielen Mittelständlern bereits Alltag und liefert handfeste Vorteile. Effizienzgewinn ist hier das Stichwort: 64 % der befragten Unternehmen berichten messbare Produktivitätssteigerungen durch KI – in einzelnen Prozessen bis zu 80 % schnellere Abläufe. Typische Einsatzfelder sind etwa Chatbots und Automatisierung in Vertrieb und Support, die Durchlaufzeiten verkürzen und die Qualität sichern. So nutzt Miele die KI zur digitalen Qualitätssicherung im Backofenbau. Leistungsfähigkeit steigt, indem KI Mitarbeitende entlastet und Wissen sofort bereitstellt: 91 % der Führungskräfte bestätigen, dass KI das Wissen im Unternehmen umgehend verfügbar macht. Auf diese Weise können sich Mitarbeitende stärker auf komplexe Aufgaben konzentrieren. Wachstum entsteht vor allem durch neue digitale Erlösquellen: Unternehmen mit hohem KI-Reifegrad erzielen bis zu 41 % ihres Umsatzes aus KI-gestützten Services und Geschäftsmodellen. Beispiele aus der Studie reichen von Verlagskonzernen (DuMont) über Automobilzulieferer (EDAG) bis zu Maschinenbauern (Reifenhäuser oder Fiege) – alle schildern, wie KI-Prognosen, datengetriebene Wartung oder smarte Zusatzservices ihre Wettbewerbsfähigkeit erhöhen. In der Summe zeigt sich: KI schafft „vorwärtsgewandte“ Mittelständler, die trotz Gegenwind wachsen. 87 % der Studienteilnehmenden berichten derzeit steigende Umsätze.

Politische Handlungsdefizite

Die Potenziale der KI sind enorm, die Praxisbeispiele ermutigend. Umso deutlicher treten die Versäumnisse ins Licht. Frank Schätzing kritisiert auf dem RhAInlandDay 2025 eine gefährliche Visionslosigkeit: Deutschland gehe lieber „möglichst wenig falsch“ anstatt mutig Neues zu tun. Er fordert eine neue Gestaltungsmentalität: „Deutschland brauche mehr Wagnis und Investition“, gerade auch in technische Spitzenanwendungen. Dieser Weckruf unterstreicht die drängende Realität, dass technologische Zurückhaltung die Zukunftsfähigkeit gefährdet. Ohne gezielte staatliche Impulse zur KI-Ausbildung, zur Digitalisierung der Verwaltung und zur Kapitalbereitstellung für KMU droht der Standort zurückzufallen. Gerade unsere Hidden Champions, Familienbetriebe und digitalen Vorreiter brauchen planbare Rahmenbedingungen, sonst verpufft das Innovationspotenzial.

Ausblick und Appell an die Merz-Regierung

Die Bundesregierung unter Friedrich Merz steht vor einem klaren Auftrag: Jetzt muss der Deutsche Mittelstand als Herzstück der Wirtschaft ins Zentrum der KI-Agenda rücken. Empfohlen werden zum Beispiel:

  • Investitionen erhöhen: Steuersignale sollten gezielt auf KI-Projekte im Mittelstand ausgerichtet sein (Forschung, Cloud-Infrastruktur, Data Excellence).
  • Ausbildung und Zuwanderung: KI-Kompetenzen in der Ausbildung stärken und Fachkräfte gewinnen, damit Mittelständler die Technologiepersonalisierung vorantreiben können.
  • Digitalisierung vereinfachen: Bürokratie abbauen und regulatorische Hürden senken, damit KI-Startups als Zulieferer und etablierte Familienunternehmen ihre Innovationen schnell einsetzen können.
  • Kooperation fördern: KI-Potentialzentren an Hochschulen und Clustern aufbauen, in denen Hidden Champions und Startups zusammenarbeiten, um smarte Produktion und Service-Ökosysteme zu realisieren.

Diese Maßnahmen müssen Hand in Hand gehen mit einer strategischen Leitlinie, die KI-Forschung ethisch verantwortungsvoll, aber entschlossen fördert. Noch in diesem Jahrzehnt muss klar werden, dass Deutschland nicht weiter skeptisch abwartet, sondern KI als tragende Säule einer neuen Wachstumsagenda begreift.

Die Zahlen sind unmissverständlich: Künstliche Intelligenz kann den deutschen Mittelstand zu einem neuen Wachstumsschub führen. Verpasste Chancen wären angesichts des beschriebenen Potenzials gravierend. Nun ist die Politik am Zug – unser Mittelstand erwartet einen entschlossenen Rahmen, keine bloße Absichtserklärung. Gemeinsam sollten Regierung, Wirtschaft und Wissenschaft die KI-Revolution gestalten, statt sie zu fürchten. Nur so kann Deutschland seine Innovationskraft erneuern und seine Weltmarktführer sichern. Wenn die neue Bundesregierung unter Friedrich Merz jetzt die richtigen Signale setzt, kann der Mittelstand seine Rolle als Motor der deutschen Wirtschaft wieder voll ausspielen und zu einem Eckpfeiler der Wachstumsagenda werden.

🗞️ Daily Brief Bonn #016 – Stimmen, Zeichen, Zwischenräume

Ein Tag zwischen Poesie und Politik, Klang und KI: Acht Bonner Blogs und Stimmen aus der Region zeichnen das Panorama einer Stadt, die zugleich reflektiert und experimentiert.

In der Gesundheitspolitik entwerfen die Grünen Ahrweiler eine Vision für eine moderne, regionale und digital vernetzte Versorgung – ein Thema, das auch für Bonn immer drängender wird.

Kulturell schwingt der Tag leise: Das Gedicht „Selbstgeflüster“ von Christiane Leweke-Ostholt erinnert daran, dass Innenschau Teil der öffentlichen Kultur sein kann. Dazwischen lotet Carsten Agthe mit „Blue Heron – Emulations“ den Raum zwischen analogem Klang und digitaler Präzision aus – Musik als Denkfigur.

Im digitalen Feld testen Benjamin O’Daniel und das Team von Jaeckert & O’Daniel den neuen AI Mode von Google und vergleichen ihn mit ChatGPT – ein Versuch, maschinelle Beratung mit menschlicher Erwartung zu messen.

Zugleich wird es persönlich: Im Podcast „Esel und Teddy“ wird der Alltag mit liebevoller Ironie zerlegt, während der Blog Postwestfale in seiner Wochenchronik über kleine Routinen, Stimmungen und Selbstgespräche reflektiert.

Gesellschaftlich schließt sich der Kreis mit zwei ernsteren Tönen: Hans Conrad Zander fragt im Beueler Extradienst nach dem Sinn der Schöpfung und den Grenzen menschlicher Vernunft, während in Bad Honnef eine Gedenkveranstaltung an die Mahnung gegen das Vergessen und den wachsenden Antisemitismus erinnert.

So entsteht ein Tag, der Bonn in vielen Registern zeigt – nachdenklich, kreativ, experimentell, politisch. Ein Tag, der nicht laut ist, aber bleibt.


Zitat des Tages:

„Bevor es Google gab, gab es Taubes.“ – Walter Sokel

Zahl des Tages: 8 – so viele Stimmen und Perspektiven machten heute die Vielfalt Bonns hörbar.

Hier geht es zur Ausgabe auf ne-na.me:

Europa im Orbit: Warum der neue Strukturwandel auf dem Mond beginnt

Jahrzehntelang gilt der Weltraum als Bühne für romantische Pioniere, amerikanische Superhelden und milliardenschwere Visionäre. Jetzt wird klar: Der Orbit ist kein Symbol, sondern das strategische Fundament der Ökonomie.

Der deutsche ESA-Astronaut Matthias Maurer bringt es in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung vom 9. November 2025 auf den Punkt: Europa darf im All nicht länger „per Anhalter unterwegs sein“.
Wer auf fremde Raketen angewiesen bleibt, riskiert nicht weniger als den Verlust technologischer Selbstständigkeit.

Der Mond rückt damit in den Fokus einer neuen europäischen Strategie. In den ewigen Schatten seiner Polarregionen ruht Wassereis – ein Relikt aus der Entstehungszeit des Sonnensystems, zugleich Rohstoffquelle und Energiespeicher. Aus diesem Eis lassen sich Trinkwasser, Sauerstoff und Wasserstoff gewinnen – Lebensgrundlagen, Energie und Raketentreibstoff in einem. Der Mond wird zur Tankstelle des 21. Jahrhunderts.

Doch der entscheidende Punkt liegt tiefer: Der Aufbau einer europäischen Mondforschung ist nicht nur eine wissenschaftliche Mission, sondern ein Industrieprojekt. Technologien, die für den Bergbau im All entwickelt werden, verändern auch die Wirtschaft auf der Erde – von der Ressourceneffizienz über die Robotik bis zur Energieversorgung.

Was in den Kältefallen des Mondes erprobt wird, kann für Regionen wie das Ruhrgebiet oder das Saarland zur Blaupause werden. Bergbaukompetenz, Maschinenbau, Materialwissenschaft – all das bildet die Basis, um Europas industrielle DNA in die nächste Umlaufbahn zu überführen.

Der Weltraum wird so zur Projektionsfläche des Strukturwandels.
Während andere Nationen längst über extraterrestrische Rohstoffgewinnung nachdenken, entdeckt Europa seine alten Stärken neu – Präzision, Ingenieurskunst, Systemdenken.

Raumfahrt ist kein Zukunftsspektakel mehr, sondern ein Testfeld für die Wiedergeburt der europäischen Industrie. Was einst Kohle und Stahl waren, sind heute Daten, Materialien und Moleküle – gewonnen nicht unter Tage, sondern jenseits der Erde.

Ausführlich nachzulesen unter:

Witzig auch:

Realpolitik? Tot. Wir streamen Moral.

Immer dieser moralische Schaum, der uns jeden Morgen entgegenschwappt. Aufkochen, abschäumen, umrühren, Meinung servieren. Wer sich verweigert, ist raus. Pandemie war nur der Anfang, das Symptom, das große Aufräumen der richtigen Gefühle. Jetzt, Jahre später, hat sich der Reflex verselbständigt: erst die Diagnose, dann der Pranger. Klimaleugner, Putinversteher, Palästina-Relativierer, Verpackungs-Verschwender. Alle im selben Dunstkreis der Gerechten. Ein Land im Dauer-Lynch der Gesinnung.

Und keiner redet mehr über Politik. Über Politik! Über die Frage, warum die Mehrwegquote in der Kohl-Ära bei 80 Prozent lag und heute bei 40 herumkriecht. Weil? Trittin-Pfand, Dosenautomaten, PET-Orgien. Weil niemand den Unterschied kennt zwischen Anreiz und Steuer, zwischen Preiswahrheit und Mengensteuerung. Aber Hauptsache: Thermosbecher aus recyceltem Bambus. Selfie mit Jutebeutel. Haltung beim Latte. In der Wirklichkeit: Camouflage.

Wir brauchen Vernunft, nicht Betroffenheitskunst. Marc Aurel, Kants Imperativ, Helmut Schmidt im Geiste: Gelassenheit, Urteilskraft, Pflicht. Nicht dieses ewige TwitterX-Bluesky-Mastodon-Gefühl, das sich an provokativ-frechen Postings wundreibt. Mehr Schmidt wagen, weniger Moral-Schminke. Vernunft als Pflichtübung, nicht als Pose.

Schmidt hätte die Timeline nicht ausgehalten. Dieses permanente Schrei-Turnen, diese rhetorischen Schnellschüsse, die sich für Erkenntnis halten. Er hätte die Zigarette angezündet, den Rauch zur Seite geblasen und gefragt: „Und was genau ist jetzt Ihr politisches Konzept?“ Kein Mensch hätte geantwortet, alle hätten Moral getweetet.

Der Diskurs als Straflager. Das Denken als Risiko. Wer abweicht, kriegt Etikett. Wer nachfragt, steht unter Verdacht. Dabei beginnt alles Denken mit dem Zweifel. Wissenschaftstheoretiker Hans Albert wusste das, Popper sowieso: Falsifikation, nicht Fühlisation.

Vielleicht ist das die eigentliche Zumutung der Gegenwart: dass wir alles durch moralische Schablonen jagen, aber kein Werkzeug mehr besitzen, um Wirklichkeit zu gestalten. Statt Pragmatismus in sittlicher Absicht – Gesinnung in hysterischer Dauerrotation. Kant würde die Augen verdrehen, Schmidt den Kaffee nachgießen, Popper die Hypothese verwerfen.

Kistenkultur – ein Bonner Drama #Stadtmuseum

Manchmal reicht eine einzige Schachtel Luftpolsterfolie, um den Zustand einer Stadt zu lesen. 3.000 Objekte – Gemälde, Statuen, Vasen – verschwinden in Kartons und klimatisierten Lastwagen. Kunstpacker, Spezialfirma, mechanische Präzision. Das Bonner Stadtmuseum wandert ins Depot. Vorläufig, sagen sie. Langfristig ohne Bleibe, sagen die anderen. Für diese Provinzposse braucht es keinen Roman, es reicht ein Blick hinter die Kulissen.

Kein Pathos, keine Ergriffenheit, nur ein fotografiertes Grinsen. Die städtische Presseabteilung hält drauf, als der neue Leiter und die oberste Kulturbeamtin im Entresol zwischen Staub und Spiegeln posieren. Kisten, Klebeband und ein Lächeln, das so tut, als wäre das alles eine Riesenchance. Bonns Geschichte verschwindet im Bunker? Nun, immerhin sieht es hübsch aus. Ein Insider chreibt mir: „Dieses fröhliche Posieren ist der Gipfel der Banalisierung.“ Und fügt hinzu, dass der Mann erst seit einem Jahr im Amt ist, aber schon Lieblingsspiegel aus dem 18. Jahrhundert hat, von denen er aus der von der Vorvorvor-Vorgängerin (man kommt so langsam durcheinander) verfassten Beschriftungskarte erfahren hat. Die Inszenierung ist perfekt: Die große Kultur der Stadt wird zum Selfie‑Accessoire.

Der gleiche Mann, der jetzt antiquarische Brandspuren besingt, hat gerade erst gelernt, wie man einen Spediteur beauftragt. Und die Frau neben ihm lächelt, weil sie das Problem für gelöst hält. Dabei ist die Verlegenheit der Stadtverwaltung kaum zu fassen. Der Bau im Viktoriakarree – verkauft ans Land Nordrhein‑Westfalen. Dort soll ein „Forum des Wissens“ entstehen. Der Name klingt nach Zukunft, aber gegenwärtig ist nur eines: Bonn hat kein Zuhause für sein Gedächtnis, und das seit Jahren. Die Pestalozzi‑Turnhalle war mal im Gespräch, dann die Münsterschule. Nichts ist entschieden. 2028, sagt der Förderverein, ist frühestens eine Interimslösung möglich. Bis dahin bleibt das Museum ein Konzept und ein Aktionswort in Beteiligungsworkshops.

Während die Verwaltung verpackt, verpackt sie auch die Diskussionen. Beteiligungsrunden, co‑kreierte Visionen, „Kultur für alle“ – es klingt nach großer Bürgernähe, doch inhaltlich bleibt es kalt. „Leerstelle, abgebrochene Ausstellungen, depothafter Stillstand, kuratorisches Vakuum“, nenne ich das in einem Kommentar. Und plötzlich schreiben mir die Leute zurück, dass das Museum vorher auch nicht viel besser war: zu versteckt, ohne leuchtenden Eingang, wenig Interesse bei den Jungen. Ein anderer schreibt: Man sollte das Potenzial der Bonner Bürgerinnen und Bürger abschöpfen. Wie bitte? Als wäre das Museum ein Recyclingtonnenprojekt. Daran ändert auch die Beteiligungslyrik nichts: Wenn alles möglich ist, ist nichts notwendig.

Die Ironie: Bonn hat Orte. Windeck-Bunker, Landesbehördenhaus, Pestalozzi‑Schule, alte Münsterschule. Jedes Jahr auf der Liste, jedes Jahr neu verworfen. Anstatt sich zu entscheiden, wird geprüft, nachgedacht, evaluiert. Der zuständige Amtsleiterin entgleiten die Monate wie Luftballons. Dass das Museum jahrelang ohne Räume dasteht, nennt man „Planungsphase“. Die Verantwortliche sagt, man prüfe Interims- und Dauerlösungen. Der Museumsleiter sagt: „Es dauert, solange es dauert.“ (Und lacht. Es gibt ein Foto.)

Das Ganze ist eine Dystopie in Versatzstücken. Während Bonn sich mit gesperrten Straßen und roten Linien als Avantgarde der Verkehrsplanung geriert, schafft es die Stadt nicht, ihre eigene Geschichte zu beherbergen. Man kann sich nur vorstellen, wie in der Bubble‑Wrap‑Hölle die Hologramme der Vergangenheit flüstern: „Wir hatten ein Haus. Wir hatten eine Dauerausstellung. Wir hatten einen Plan.“ Und dann flüstert jemand von draußen: „Ja, aber der Plan war von gestern.“

Die Stadtgesellschaft ist gespaltener, als sie zugeben will. Manchen ist das Museum egal – noch so ein Laden aus der Biedermeierzeit. Andere leiden unter dem Verlust der Identität. Manche freuen sich auf das „Forum des Wissens“ und glauben an die Zukunft. Andere sehen im Umzug nur einen weiteren Abbruch der Bonn‑typischen Kultur, wie beim Stadthaus, wie beim Landgericht. Sie nennen es „Kistenkultur“: Die Dinge überleben, die Ideen sterben.

Man könnte es auch pragmatisch sehen: Vielleicht gibt es irgendwann ein digitales Stadtmuseum, zugänglich per App, interaktiv, jung. Vielleicht braucht es keinen Ort, keine Wände. Vielleicht reicht ein Container voller Datensätze, archiviert zwischen Google und ChatGPT. Aber Kultur entsteht nicht im Lager, sie entsteht im Diskurs, im Austausch, im Raum. Und der fehlt.

Die Wahrheit: Der Spiegel mit den Brandschäden und die 3.000 Kunstwerke werden überleben. Der Museumsleiter wird weiter Lächeln. Die Kulturdezernentin wird weiter moderieren. Die Bürger werden weiter kommentieren. Die Politik wird weiter vertagen. Und der wütende Mann, der diese Zeilen schreibt, erinnert sich an eine Stadt, in der man wenigstens wusste, wo das Gedächtnis steht. Heute weiß man nur: Es steht im Stau, irgendwo zwischen Lager und Vision.

Bonn, 2025. Kistenkultur und Beteiligungsprosa. Eine Lachnummer, wenn sie nicht so traurig wäre. Noch so ein Spiegel, der alles zeigt.

„Riesenwette“ auf KI droht zu platzen – Yogeshwar und Schätzing fordern Europas Denkoffensive #RhAInlandDay

In einem von Julian Yogeshwar moderierten Bühnengespräch beim RhAInland-Day in Siegburg diskutierten der Wissenschaftsjournalist Ranga Yogeshwar und Bestsellerautor Frank Schätzing über die Zukunft der Künstlichen Intelligenz (KI) – und über Europas Rolle darin. Yogeshwar skizzierte dabei ein kühnes Zukunftsszenario: „Ich könnte mir vorstellen, dass irgendwann richtig schlaue Leute in Europa kommen und sagen: Wir haben ein Modell, das viel cleverer ist – es braucht nur einen Bruchteil der Computerpower. Und dann kollabieren die großen Datencenter in den USA“. Mit diesem Kerngedanken – weniger Rechenpower, mehr geistige Effizienz – lieferte Yogeshwar den Aufhänger für eine Debatte, die weit über technische Details hinausgeht. Es geht um nicht weniger als einen möglichen Paradigmenwechsel in der KI-Entwicklung: Setzt Europa auf besseres Denken statt auf brachiale Rechenleistung?

Die Riesenwette auf Hardware

Derzeit dominieren die USA (und in ähnlicher Weise China) das KI-Wettrennen mit einem nahezu unbegrenzten Einsatz von Ressourcen. Tech-Giganten wie OpenAI, Google oder Meta investieren Milliardensummen in immer größere Rechenzentren, spezialisierte KI-Hardware und gigantische Modelle, die nur mit massiver Rechenleistung funktionieren. Yogeshwar spricht von einer „Riesenwette“ auf Hardware-seitige KI-Entwicklung: Immer größere Server-Farmen, befeuert durch leistungsstarke Grafikprozessoren, sollen den Fortschritt erzwingen – sehr zur Freude von Chip-Herstellern wie Nvidia, die als Profiteure dieses Booms gelten. Diese Entwicklung schaukelt sich wechselseitig hoch: Jeder Erfolg eines riesigen KI-Modells animiert die Konkurrenz, mit noch mehr Computerkapazität nachzulegen.

Doch dieses Wettrüsten in den Rechenzentren könnte riskanter sein, als es den Anschein hat. Yogeshwar erinnert daran, dass viele in der Branche bereits vor einer möglichen Blase warnen. Die Logik dahinter: Wenn der Fortschritt ausschließlich von immer mehr Hardwareeinsatz abhängt, könnte ein Punkt kommen, an dem der Ertrag in keinem Verhältnis mehr zu den Kosten steht – oder an dem eine völlig neue Methode das gesamte Modell infrage stellt. Genau hier setzt Europas potentieller Gegenentwurf an.

Europas Gegenentwurf: kognitive Effizienz

Europa verfügt zwar nicht über Tech-Giganten von der Größe eines Google oder Tencent, doch es könnte mit kreativerer KI-Forschung punkten. Yogeshwars Vision zielt auf eine Stärke, die Europa traditionell auszeichnet: Ingenieurskunst und geistige Wendigkeit. Irgendwann, so seine Hoffnung, könnten europäische Forscher ein KI-Modell entwickeln, das mit klügeren Algorithmen denselben Output mit einem Bruchteil der Rechenpower erreicht. Ein solches Durchbruch-Modell würde das bisherige Paradigma auf den Kopf stellen – die gigantischen Server-Farmen der Gegenwart wären plötzlich überdimensioniert und ökonomisch obsolet. Die großen Datencenter würden kollabieren, weil man merkt, dass es auch mit wesentlich weniger geht.

Dieses Konzept einer kognitiven Effizienz – mehr Intelligenz im System statt bloßer Rohleistung – hat geopolitische Sprengkraft. Es spielt auf Europas Trumpfkarte an: statt im Hardware-Wettrennen hinterherzulaufen, einen anderen Weg zu gehen. Während Silicon Valley und chinesische Tech-Metropolen auf das Prinzip „viel hilft viel“ setzen, könnte Europa mit „clever statt massiv“ kontern. Das bedeutet Investition in Systemintelligenz: besser auf den Kontext zugeschnittene KI-Modelle, effizientere Algorithmen, eine symbiotische Verzahnung von Mensch und Maschine. Die Grundfrage dahinter lautet: Lässt sich künstliche Intelligenz auch mit weniger Daten und weniger Rechenaufwand auf ein hohes Niveau bringen – durch elegantere mathematische Ansätze oder smartere Nutzung von Vorwissen? Sollte dies gelingen, würde es den aktuellen KI-Markt fundamental verändern und Europa eine verspätete Chance zur Technologieführerschaft bieten.

Noch ist dieses Szenario hypothetisch. Doch in der Diskussion wurde deutlich, dass Europas Aufholjagd in der KI nicht zwingend über das Nachbauen amerikanischer oder chinesischer Rechenzentren führen muss. Stattdessen könnte ein europäischer Weg darin bestehen, Innovationsgeist über Investitionsvolumen zu stellen. Dafür allerdings – so der Tenor des Dialogs – braucht es mehr als technische Finesse: Es braucht vor allem Mut zum Umdenken. Hier kommt Frank Schätzing ins Spiel.

Lähmende Angst und verpasste Chancen

Schätzing, bekannt durch techniknahe Thriller und als engagierter Kommentator, richtete den Fokus auf eine mentale Blockade in Deutschland und Europa: Angst und Visionslosigkeit. Er diagnostiziert eine gefährliche Zögerlichkeit in Politik und Wirtschaft. „Wir waren ein Land, das das Meiste richtig machen wollte – und sind zu einem geworden, das das Wenigste falsch machen will“, hielt Schätzing kritisch fest. Diese Entwicklung über die letzten zwei Jahrzehnte – vom Gestaltungswillen hin zur Vermeidungsstrategie – habe zu einer Kultur der Vorsicht geführt, die Innovation lähmt. Man fahre „auf Sicht, aber ohne Vision“: Politik und Unternehmen agieren nur noch kurzfristig und risikoscheu, statt mutig langfristige Ziele zu formulieren.

Die Konsequenzen dieser Haltung sind laut Schätzing fatal, denn die Chancen liegen auf dem Tisch. Gerade der Mittelstand könnte von KI enorm profitieren – wenn er sich denn traut. Zahlen untermauern diese These eindrucksvoll: Eine aktuelle Studie von PwC beziffert das zusätzliche Wertschöpfungspotenzial durch KI-Anwendungen allein für Deutschlands Mittelstand bis 2030 auf 10–12 % des Bruttoinlandsprodukts, was 400 bis 450 Milliarden Euro entspricht. Es geht also um Hunderte Milliarden Euro, die buchstäblich auf der Straße liegen. Doch vielerorts dominieren Bedenken: Kostet KI Arbeitsplätze? Können wir uns das leisten? Fehlen die Fachkräfte? Schätzings Appell: Diese lähmende Angst müsse dringend abgelegt werden. Weder dürfe die Politik weiter durch zögerliche Regulierung und fehlende Strategie bremsen, noch sollten Unternehmen in der Schockstarre verharren. KI ist eine Anfangsinvestition, so Schätzing sinngemäß – der Nutzen komme oft erst mittelfristig. Aber wer den Schritt nicht wage, riskiere den Anschluss endgültig zu verlieren.

Am Ende wurde klar: Nicht die Maschinen selbst sind Europas Problem, sondern die menschliche Haltung. Weder Yogeshwar noch Schätzing malen dystopische Bilder allmächtiger KIs, die den Kontinent unterjochen. Die eigentliche Gefahr für Europa besteht in Denkfaulheit und politischer Mutlosigkeit. Wenn Europa im KI-Zeitalter ins Hintertreffen gerät, dann weil es an Visionen fehlt – nicht an Rechenzentren. Die Botschaft des Abends lässt sich daher auf einen Nenner bringen: Die Wende gelingt nur mit Köpfchen. Europe’s Schicksal im KI-Wettrennen entscheidet sich weniger an der Zahl der Computer, sondern an der Bereitschaft, groß zu denken und mutig zu handeln. Wie Schätzing eindringlich formulierte: „Wir fahren auf Sicht, aber ohne Vision.“ – höchste Zeit also, den Nebel aus Angst zu lichten und den Kurs auf die Zukunft zu setzen.

Zukunftsmacher-Studie 2025: Der innovative Mittelstand in Deutschland trotzt der Permakrise mit KI, Daten und digitaler Resilienz

Geopolitische Spannungen, schwacher Konsum und globale Unsicherheiten prägen die Wirtschaft – doch der Mittelstand in Deutschland zeigt sich bemerkenswert robust: Laut der neuen Zukunftsmacher-Studie 2025 bewerten 59 Prozent der befragten Unternehmen ihre wirtschaftliche Lage als stabil („grün“), weitere 30 Prozent als moderat („gelb“). Nur eine Minderheit von unter zehn Prozent sieht sich im roten Bereich.

„Das Geschäft steckt nicht in der Krise – es ist von Krisen geprägt“, sagt Studienleiter Bernhard Steimel vom Smarter-Service-Institut. „Genau darin liegt die eigentliche Stärke der Zukunftsmacher: Sie organisieren sich nicht gegen Krisen, sondern durch sie.“

Wachstum trotz Gegenwind

Während allgemein die Wirtschaft stagniert – das preis-, saison- und kalenderbereinigte Bruttoinlandsprodukt (BIP) lag laut Statistischem Bundesamt im dritten Quartal 2025 bei 0,0 Prozent Wachstum, wachsen 87 Prozent der befragten Unternehmen.

31 Prozent verzeichnen moderate Steigerungen bis zu zehn Prozent, weitere 56 Prozent zweistellige Zuwächse. „Digitale Vorreiter kennen keine Rezession“, so Steimel. Wachstum entsteht, wo Daten, Prozesse und Menschen intelligent vernetzt werden.

Hemmnisse bleiben dennoch: 46 Prozent nennen Konsum- und Investitionszurückhaltung als Hauptbremsklotz, gefolgt von Regulierung (22 Prozent) und Fachkräftemangel (15 Prozent). Die Unternehmen reagieren mit Rückverlagerung von Produktion oder Dienstleistungen aus dem Ausland zurück ins eigene Land (Reshoring), flexiblen Lieferketten und neuen Geschäftsmodellen.

Resilienz wird Systemfähigkeit

Die Studie identifiziert fünf Quellen der Widerstandskraft:

  1. Smartness – vernetzte Produkte und Services
  2. Resonanzfähigkeit – schnelle Reaktion auf Marktimpulse
  3. Entschlossenheit – Investitionen trotz Unsicherheit
  4. Handlungsschnelligkeit – rasche Umsetzung digitaler Projekte
  5. Anpassungsfähigkeit – Stabilität in volatilen Märkten

Steimel fasst zusammen: „Resilienz ist keine reine Haltung, sondern eine Systemfähigkeit – sie entscheidet darüber, ob Unternehmen Krisen meistern oder scheitern.“

KI als Wachstumstreiber

Künstliche Intelligenz ist zum Produktivitätsmotor geworden:
Laut Studie berichten Unternehmen von Effizienzgewinnen bis zu 80 Prozent in einzelnen Prozessen. Besonders im Vertrieb und Service beschleunigen KI-Agenten und automatisierte Entscheidungsunterstützung die Arbeit.

„Der Mittelstand hat die Lektion gelernt: Ein Mitarbeiter mit KI ist ein besserer Mitarbeiter als ohne“, erläutert Steimel. Er prägt dafür den Begriff der AI-infused Company – eine Organisation, in der KI den Menschen stärkt, nicht ersetzt.

Erfolgsfaktoren: Digitalisierung nach innen und außen

39 Prozent der Unternehmen nennen digitale Produkte und Services als Haupttreiber ihres Erfolgs, 26 Prozent interne Prozessautomation, 20 Prozent digitalen Vertrieb.
Ein Maschinenbauer brachte es laut Studie auf den Punkt: „Premiumkunden erwarten heute digitale Zusatzservices – sonst sind wir austauschbar.“

Damit wird Digitalisierung doppelt wirksam: als Effizienzmaschine im Inneren und als Werttreiber am Markt.

Über die Studie

Die Zukunftsmacher-Studie 2025 ist Teil einer seit 2017 laufenden Forschungsreihe zur digitalen Transformation im deutschsprachigen Mittelstand. Für die aktuelle Erhebung wurden 55 Interviews mit Führungskräften aus Industrie, Handel, Dienstleistung und Technologie ausgewertet.
Themenschwerpunkte: Krisenfestigkeit, Wachstum, KI-Reifegrad und digitale Wertschöpfung.
Herausgegeben wird die Studie von Bernhard Steimel (Mind Digital, Smarter-Service-Institut) in Kooperation mit der Convidera Group in Köln.

Die Kurzfassung kann man kostenlos über das Smarter-Service-Magazin herunterladen.

Die Langfassung gibt es über die KI-Compass-Website von Convidera.

Wie das Handwerk mit Künstlicher Intelligenz seine Zukunft baut

Manchmal beginnt der Fortschritt im Morgengrauen – in der Backstube, nicht im Forschungszentrum. Zwischen Mehlstaub und Messdaten, dort, wo Routine auf Präzision trifft, entsteht gerade eine stille Revolution: Künstliche Intelligenz im Handwerk. Was vor wenigen Jahren noch nach Silicon-Valley-Vokabular klang, wird heute in Bäckereien, Tischlereien und Bauhöfen praktisch umgesetzt. Und ausgerechnet diese kleinen Betriebe zeigen, was vielen Konzernen noch schwerfällt – wie man KI in echte Wertschöpfung übersetzt.

Vom Rezept zur Roadmap

Andreas Fickenscher, Bäcker in der dritten Generation, hat nicht gewartet, bis die KI ihm die Arbeit abnimmt. Er hat zuerst Ordnung geschaffen. Prozesse kartieren, Daten strukturieren, Routinen digitalisieren – fünf Jahre Vorbereitung, bevor der erste Algorithmus lief. Heute entscheidet in seiner Bäckerei eine lernende Software, wann Croissants nachgebacken werden. Kameras zählen Produkte in der Theke, Vorhersagemodelle kalkulieren den Absatz. Was früher Instinkt war, ist nun datenbasierte Feinabstimmung – und doch bleibt der Mensch das Maß: der Blick, der Duft, die Hand am Teig.

„Der prüfende Blick auf das Zahnrad bleibt unersetzlich“, schreibt Johannes Winkelhage in der FAZ. Das gilt auch für den Brotteig. KI ersetzt nicht das Handwerk, sie verlängert es.

Entwürfe auf Zuruf

Anke Freund, Tischlerin aus Niedersachsen, geht den umgekehrten Weg: Sie lässt die Kundschaft selbst mit der Maschine sprechen. Ihr Chatbot entwirft Möbel auf Zuruf – „skandinavisch, Eiche, schwebend“ –, generiert binnen Minuten Visualisierungen und spart Tage in der Beratung. Die KI wird zum kreativen Assistenten, nicht zum Ersatz. Für Freund ist das keine technische, sondern eine kulturelle Innovation: Zeitgewinn durch Beteiligung.

Die Tischlerei gehört zu den „digitalen Orten Niedersachsens“, ausgezeichnet für ihre Prozessgestaltung. Doch entscheidend ist nicht die Software, sondern der Mut, sie in die Werkstatt zu holen. KI, sagt sie, beginne nicht mit Code, sondern mit Neugier.

Ordnung im Werkzeugraum

Bastian Strauß schließlich hat ein Problem gelöst, das jedes Handwerksunternehmen kennt: das Chaos der Betriebsmittel. 9 000 Leitern, 36 Bohrmaschinen, 300 Feuerlöscher – wer weiß, wo sie stehen? Seine Plattform „Lizard“ digitalisiert das Inventar, lässt Prüfprotokolle per KI auslesen, ordnet Daten automatisch zu. Der Handwerker muss nichts mehr eintippen, die Maschine lernt aus jeder Korrektur. Die Zukunft des Handwerks, so zeigt sich hier, ist nicht Automatisierung, sondern Augmentation – die Erhöhung menschlicher Reichweite durch kluge Werkzeuge.

Die großen Linien

Die drei Beispiele fügen sich in ein größeres Bild. Laut der neuen Studie „Die Zukunftsmacher 2025“ investieren Mittelständler inzwischen 30 Prozent ihres Digitalbudgets in Künstliche Intelligenz – ein Viertel ihres gesamten Technologie-Aufwands. Die Effekte sind messbar: 22 Prozent höhere Produktivität, 20 Prozent Leistungssteigerung, zehn Prozent Ergebnisbeitrag.

Besonders aktiv sind jene Branchen, in denen Prozesse standardisiert und datenreich sind – also auch das Handwerk. Dort entsteht die neue Maturity: datengetriebene Planung, Predictive Quality, smarte Kundenkommunikation. 91 Prozent der Unternehmen setzen bereits auf eigene Company-GPTs als Wissensagenten.

Das Handwerk ist damit kein Nachzügler, sondern Labor für Skalierbarkeit. Was im Kleinen funktioniert, kann im Großen multipliziert werden.

Die Lehre der Praktiker

Aus den Fallbeispielen lassen sich drei Prinzipien ableiten – die gleichen, die auch die Zukunftsmacher-Studie benennt:

  1. Quick Wins schaffen Akzeptanz. Digitale Checklisten oder einfache Assistenten liefern sofort Nutzen und räumen politische Hürden aus dem Weg.
  2. Spezialisierte Agenten statt generischer Tools. Ein Bäcker braucht andere Algorithmen als ein Installateur. Wirkung entsteht, wenn KI die Fachlogik versteht.
  3. Datenhygiene vor Automatisierung. Ohne saubere Prozesse wird nur Chaos beschleunigt.

Zukunft aus Tradition

Was die drei Handwerker eint, ist die Fähigkeit, aus Druck Innovation zu machen. Energiepreise, Fachkräftemangel, Bürokratie – wer im Handwerk bestehen will, muss effizienter werden. Doch Effizienz heißt hier nicht Entfremdung, sondern Wiederaneignung der eigenen Arbeit.

Die KI hilft, Wissen sichtbar zu machen, das bislang in Köpfen verborgen war. Sie übersetzt Erfahrung in Daten und gibt sie an die nächste Generation weiter. So entsteht eine neue Form von Handwerk – digital, aber nicht entseelt.

Und vielleicht beginnt genau hier, zwischen Ofenhitze und Holzduft, das industrielle Comeback, von dem die Zukunftsmacher sprechen.

Siehe auch den Google-Blog:

Fickenschers Rezept für eine erfolgreiche Zukunft mit KI

Zukunftsmacher-Studie ist heute erschienen und kann heruntergeladen werden.

Big Country in der Harmonie Bonn – Die Rückkehr eines blauen Kadetts

Die Nacht begann mit einem Flirren. Kein Licht, kein Effekt, einfach ein Ton – dieser Ton, den man sofort erkennt, wenn man einmal in den Achtzigern gelebt hat. Gitarre wie Wind. Schlagzeug wie Asphalt. Big Country.

Ich stand da, irgendwo zwischen Gegenwart und Erinnerung, und dachte plötzlich an Berlin, an Neukölln, an die FU-Berlin. An die Buckower Clique, an den blauen Opel Kadett, Baujahr 1970. Das erste eigene Auto. Der Lack stumpf, das Radio laut. Ein Sony-Kassettenrekorder, der jede Fahrt zu einem Konzert machte.

„In a big country, dreams stay with you…“

Das Band lief, und wir liefen mit. Nachtfahrten an den Wannsee, Zonenfahrten nach Westdeutschland, Feten in Kellern, die nach Rauch und Hoffnung rochen. Manchmal schaffte ich es, pünktlich zum Samstagsseminar bei VWL-Professor Schmähl an der FU-Berlin in Dahlem: Zukunft der Rente, 8:30 Uhr. Ich saß hinten, Kopf auf dem Tisch, Big Country im Ohr. Der Professor redete von Generationen und Umlageverfahren, ich dachte an Melodien und Mädchen.

Und dann, Jahrzehnte später, stehe ich in der Bonner Harmonie. Bruce Watson greift in die Saiten, als wäre keine Zeit vergangen. Neben ihm sein Sohn Jamie, jung, konzentriert, stolz. Der Sound bricht aus den Boxen, kompakt, ehrlich, unverkennbar. „Fields of Fire“, „Chance“, „Look Away“. Hymnen einer Generation, die nicht laut sein musste, um stark zu wirken.

Ich spüre, wie sich der Raum verändert. Menschen nicken, lächeln, summen. Kein Nostalgieabend – eher ein kollektives Wiederfinden. Wir, die wir damals alles wollten, stehen wieder zusammen. Nicht als Sieger, nicht als Verlierer. Nur als Zeugen eines Gefühls.

Big Country klang nie wie Flucht. Immer wie Ankunft. Diese Gitarren, die klingen, als kämen sie aus den Highlands, wo der Nebel den Felsen küsst. Musik, die aus der Landschaft kommt, nicht aus der Mode.

Als „Wonderland“ einsetzt, sehe ich kurz den Kadett wieder vor mir. Das Licht der Tankstelle, die Dosen im Kofferraum, ein Mädchen mit Dauerwelle, das „Mach lauter“ sagt. Und dann dreht jemand am Knopf, und der Song füllt die Nacht.

So klingt Erinnerung, wenn sie kein Schmerz mehr ist, sondern Musik.

Bruce Watson hebt die Gitarre, lächelt, schwitzt. Die Band spielt, als müsste sie nichts beweisen. Vielleicht ist das das Geheimnis: Wer einmal Teil des eigenen Soundtracks war, bleibt es.

Als die letzten Akkorde verklingen, denke ich, dass wir alle ein bisschen wie dieser alte Kadett sind: verbeult, aber fahrtüchtig. Und dass es Bands wie Big Country braucht, damit man nicht vergisst, wie sich Aufbruch anfühlt.

Der Abend endet ohne große Worte. Kein Feuerwerk, kein Posing. Nur dieser Nachhall – wie Wind über altem Asphalt.

Und irgendwo da draußen, im Kopf, schaltet jemand das alte Kassettenradio wieder ein.
Klick.
Play.

Der Geschmack des Schweigens – Jacques Rivière hundert Jahre nach seinem Tod: Matinée der Marcel Proust Gesellschaft in Köln

Man könnte sagen: Jacques Rivière war der erste, der an der Sprache erkrankte. Nicht, weil er sie verlor, sondern weil er zu genau wusste, was sie anrichtet. In einem Jahrhundert, das den Schmerz katalogisierte und den Krieg ästhetisierte, war er der Mann, der sich weigerte, noch einmal zu schießen – selbst mit Worten.

Am 23. November 2025 erinnert die Marcel Proust Gesellschaft in Köln-Müngersdorf mit einer Matinée an seinen hundertsten Todestag. Doch man wird dort nicht bloß einem Autor begegnen, sondern einem Gewissenszustand, der aus der Zeit gefallen scheint: der Scham des Intellekts.

Rivières Schrift L’Allemand ist kein nationalistisches Pamphlet, sondern ein seelisches Labor. Ein französischer Kriegsgefangener versucht, den Feind zu verstehen – und erkennt, dass das eigentliche Schlachtfeld in ihm selbst liegt. Schon das Avant-propos ist ein Dokument moralischer Selbstprüfung: Darf ein Mensch über andere urteilen, wenn er selbst dem Leiden entkommen ist? Hat er das Recht, Sätze zu veröffentlichen, deren jedes Wort in der Welt ein neues Maß an Schmerz erzeugen könnte?

Rivière war der Denker der Hemmung. Er wog die Sprache, wie andere den Stahl. Für ihn war Schreiben kein Ausdruck, sondern eine Askese. Worte, so wusste er, sind Splitterkörper – sie treffen nicht nur die Gegner, sondern auch jene, die sie aussprechen.

Während Proust die Zeit in Duft und Erinnerung auflöste, versuchte Rivière, sie zu desinfizieren. Proust komponierte Sätze, in denen das Bewusstsein seine eigene Musik hörte; Rivière sezierte das Denken, um es moralisch zu reinigen. Er schrieb, um sich selbst zu entgiften. „Je me débarrasse“, notiert er – ich befreie mich. Nicht vom Feind, sondern von der Versuchung des Hasses.

Diese Nüchternheit, die sich anfühlt wie Fieber, verleiht L’Allemand eine fast körperliche Intensität. Der Text ist ein Akt geistiger Hygiene – eine Reinigung vom Ressentiment. Rivière nennt es „vomir les Allemands“ – er will sie aus sich herausschreiben, nicht um sie zu vernichten, sondern um sie nicht länger in sich zu tragen. Schreiben als Exorzismus, Denken als physische Therapie.

Doch was aus diesem Selbstversuch hervorgeht, ist keine Läuterung, sondern eine Erkenntnis: Der Hass hat kein Gegenteil. Das Gegenteil des Hasses ist nicht die Liebe, sondern das Leere. „Das ist mir egal“ – für Rivière der Urlaut des deutschen Charakters, aber in Wahrheit das erste moderne Bekenntnis Europas. Gleichgültigkeit als Metaphysik: Das war sein Befund, und er bleibt beunruhigend aktuell.

Hundert Jahre später ist diese Diagnose fast prophetisch. Europa, erschöpft von Empörung und Pose, schwankt zwischen moralischem Überschwang und saturierter Müdigkeit. Die Leidenschaft ist zur Rhetorik geworden, die Empfindung zur Funktion. Rivières Blick – scharf, melancholisch, unbestechlich – könnte geradewegs in unsere Gegenwart zielen: ein Zeitalter, das seine Überzeugungen wie modische Accessoires wechselt und im Restzweifel seine einzige Tugend sieht.

Darum ist diese Kölner Matinée mehr als eine Gedenkfeier. Sie ist ein Experiment über die Empfindlichkeit. Reiner Speck, der Proust-Sammler, öffnet seine Bibliotheca Proustiana; Jürgen Ritte spricht über den geistigen Ort Rivières, Robert Kopp über die Spannung zwischen Klassik und Moderne, Bernt Hahn leiht dem Toten seine Stimme. Zwischen Manuskripten, Glasvitrinen und Wein wird man die alte Frage hören: Kann Denken Anstand haben?

Rivières letzter Satz im Avant-propos lautet: Il ne se passera rien du tout. – Es wird nichts geschehen.
Er meinte es als Kapitulation, und doch war es eine Verheißung. Vielleicht ist es genau diese Unwahrscheinlichkeit des Geschehens, die ihn unvergänglich macht.

Am Ende bleibt von Rivière nicht die Lehre, sondern die Geste: das Zögern, bevor man spricht. Die Weigerung, sich selbst für unfehlbar zu halten. Eine Form von moralischer Eleganz, die wir verlernt haben.

Vielleicht wird man, wenn die Stimmen der Matinée verklungen sind und der Nachmittag sich senkt über Köln-Müngersdorf, einen Augenblick lang spüren, was Rivière meinte:
dass jedes Wort, das man nicht sagt, ein gerettetes Leben ist. Sieht man sich am 23. November in Köln-Müngersdorf?