
Paris, Herbst 1882. In einem Atelier ohne Absicht versammeln sich Unfähige mit Talent. Sie nennen sich die Incohérents – die Inkohärenten. Ihr Manifest passt auf einen Lacher: „Zeichnungen von Menschen, die nicht zeichnen können.“ Zweitausend Werke werden eingereicht.
Schwarze Leinwände, weiße Leinwände, betende Schweine, Portraits von Nicht-Anwesenden. Die Jury lost die Preise aus. Der Zufall ersetzt das Urteil, der Spott wird Regel, das Misslingen zur Methode.
Ein Jahrhundert später wird man das Dada nennen. Und noch später wird ein Philosoph namens Feyerabend daraus eine Wissenschaft machen.
Der Ernst des Lächerlichen
László F. Földényi widmet den Inkohärenten in seinem Buch Der lange Schatten der Guillotine. Lebensbilder aus dem Paris des neunzehnten Jahrhunderts (Matthes & Seitz, 2024) ein Kapitel von eigentümlicher Zärtlichkeit.
Nicht als kunsthistorische Fußnote, sondern als Aufstand gegen das Korsett der Vernunft. Er erzählt, wie aus der chirurgischen Stadt Haussmanns, aus den geometrischen Boulevards und hygienischen Blickachsen, eine Gegenbewegung wuchs – geboren aus Überdruss.
Die Inkohärenten entdeckten das Scheitern als Form der Freiheit.
Ihre Ausstellungen waren Feiern der Nutzlosigkeit, der überbordenden Lächerlichkeit, der fröhlichen Entgleisung. „Eine humoristische Wiederkehr der Revolution“, nennt Földényi das.
Wo die Guillotine Köpfe trennte, trennten sie Sinn von Bedeutung. Und lachten.
Man könnte sagen: Sie vollendeten, was 1789 begann – die Befreiung von der Ordnung.
Das betende Schwein
Ein besonders frommes Werk: Cochon priant, das betende Schwein.
Ein Tier, das auf den Knien liegt, mit Heiligenschein und kindlicher Andacht.
Ein Spott auf die Religion – oder ihre Wiederkehr?
Vielleicht war es beides zugleich.
Die Inkohärenten liebten diese Zweideutigkeiten.
Sie nahmen das Heilige ernst, indem sie es lächerlich machten.
Denn die Vernunft, sagten sie, ist nicht die Schwester des Lichts, sondern die Cousine des Schreckens.
Földényi liest in Bonn aus dieser Passage, in der das Schwein zu beten beginnt. Die Zuhörer lächeln, manche lachen. Doch der Text hat etwas Beklemmendes. Denn das Schwein ist nicht das Opfer, sondern das Publikum. Es betet, weil es nichts anderes gelernt hat, als das Absurde zu verehren.
Die Architektur des Nonsens
Der Ort der Inkohärenz ist das Chat Noir, jenes Kabarett am Montmartre, in dem Wein, Elektrizität und Spott zu einer neuen Religion verschmelzen.
Dort formierte sich die Gesellschaft der Hydropathen – eine Trinkergemeinschaft, die sich nach der Heilmethode des Wassers benannte, das sie konsequent mieden.
Ihre Kunst bestand darin, den Ernst zu persiflieren, bis er sich selbst karikierte.
In dieser Atmosphäre entsteht eine Architektur des Nonsens.
Man montiert, collagiert, kopiert und erfindet neu.
Ein Künstler präsentiert ein „zerlegbares Gemälde für kleine Wohnungen“ – das erste modulare Kunstwerk.
Ein anderer entwirft eine „erste Kommunion anämischer junger Mädchen im Schnee“ – ein weißes Quadrat.
Beide vor Malewitsch. Beide vor allem Wissen.
Der Witz ist hier kein Ornament. Er ist der Sturz des Gedankens in seine Wahrheit.
Die Heiterkeit der Enthauptung
Földényi führt eine Linie von der Guillotine zu den Inkohärenten.
Der Schnitt – mechanisch, sauber, rational – wird zum Symbol des modernen Denkens. Trennen, analysieren, segmentieren, sezieren: die Logik der Aufklärung.
Doch jede Trennung erzeugt Heiterkeit, sobald sie zu weit geht.
Das Messer des Arztes wird zur Feder des Satirikers.
Die Guillotine war das erste moderne Kunstwerk, sagt Földényi sinngemäß, weil sie den Menschen in eine ästhetische Kategorie verwandelte: den Kopf und das, was bleibt.
Die Inkohärenten antworteten mit Parodie.
Sie enthaupteten nicht mehr Körper, sondern Bedeutungen.
Aus der Hinrichtung wurde die Montage, aus der Vernunft der Zufall.
Das ist der Übergang zu Dada – der Moment, in dem der Witz erkennt, dass er tödlich ist.
Das Gesetz des Zufalls
Hans Richter wird später schreiben:
„Wir malten, wie man träumt – zwischen Willen und Zufall.“
In diesen Worten schwingt das Erbe der Inkohärenten.
Was bei ihnen als Spott begann, wird bei Dada zum Prinzip.
Das Fragment wird zur Wahrheit, das Chaos zum Stil.
Arp lässt zerrissene Papierschnipsel auf den Boden fallen und klebt sie dort fest, wo sie landen.
Duchamp verpasst der Mona Lisa einen Bart – das lächelnde Gesicht der Obszönität.
Richter nennt das „die Befreiung des Sehens von der Kontrolle des Auges“.
Földényi hätte gesagt: „Die Guillotine denkt weiter.“
Der Schnitt ist nun der Beginn des Denkens, nicht sein Ende.
Feyerabend: Wissenschaft als Karneval
Ein Jahrhundert nach Lévy, Arp und Richter formuliert Paul Feyerabend das Paradox mit philosophischer Präzision: „Anything goes.“
Ein Satz, den man missverstehen kann, weil er leicht klingt und schwer wiegt.
Feyerabend meint nicht Beliebigkeit, sondern Widerstand.
Er fordert die Wissenschaft auf, sich ihrer eigenen Inkohärenz zu erinnern.
Fortschritt entstehe nicht durch Disziplin, sondern durch Abweichung.
Man kann sagen: Er hat das Denken auf Dada gestellt.
Wie Tzara aus Wörterbüchern Gedichte schnitt, so schnitt Feyerabend Theorien auseinander.
Die Vernunft, sagt er, habe die Welt so sehr geordnet, dass sie sie nicht mehr versteht.
Und plötzlich schließt sich der Kreis:
Von der Guillotine zur Gleichung, vom Lachen zum Labor – der Schnitt bleibt, nur die Haltung wechselt.
Die Schönheit des Bruchs
Was Földényi in seiner Bonner Lesung entfaltet, ist mehr als Kunstgeschichte.
Es ist ein metaphysischer Bericht über den Augenblick, in dem der Sinn sich selbst verlässt.
Die Inkohärenz ist nicht Unordnung, sondern die höhere Genauigkeit des Zweifels.
Das Pariser 19. Jahrhundert erfindet in seinem Überdruss die Ironie als Überlebensstrategie.
Dada verwandelt diesen Überdruss in Spiel.
Feyerabend macht daraus eine Theorie.
Und wir – spätgeborene Erben der Lächerlichkeit – ahnen darin eine Ethik.
Denn nur das Widersprüchliche bewahrt uns vor dem Dogma.
Nur das Unverständliche bleibt menschlich.
Der Kopf denkt weiter
Die Guillotine trennt, aber sie beendet nichts.
Die Inkohärenz setzt den Schnitt fort, bis er Denken wird.
Und vielleicht liegt darin das größte Geheimnis dieser genealogischen Kette – von Lévy zu Arp, von Richter zu Feyerabend, von der Guillotine zu Földényi:
Dass Erkenntnis nicht aus Klarheit entsteht, sondern aus Störung.
Dass das Lachen klüger ist als das System.
Dass der enthauptete Gedanke weiterdenkt.
Und dass im Schatten des Messers – ob Stahl oder Vernunft – das Licht des Spiels aufblitzt.
László F. Földényi: Der lange Schatten der Guillotine. Lebensbilder aus dem Paris des neunzehnten Jahrhunderts.
Deutsch von Ákos Doma. Berlin (Matthes & Seitz) 2024. 302 Seiten, 28 Euro.
Exkurs: Köln-Dada oder die Magie des Rheinischen Zufalls
Jede Stadt, die eine Guillotine verdient, hat auch ihr Dada.
Zürich hatte Tzara, Hannover Schwitters, Paris Duchamp – und Köln, ja Köln, hatte Max Ernst und Johannes Baargeld.
Zwei Männer, die unterschiedlicher nicht hätten sein können: der eine ein Adler, der andere ein Alchimist.
Aus ihrer Kollision entsteht das, was Hans Richter den „rheinischen Sonderfall“ nannte – eine Ironie von solch glühender Klarheit, dass sie zugleich Mystik und Satire ist.
Max Ernst: geboren aus einem Ei im Nest eines Adlers, wie er selbst erzählt.
Ein mythischer Beginn, halb Karneval, halb Offenbarung.
Seine Mutter, sagt die Legende, habe das Ei sieben Jahre lang ausbrüten lassen, bevor er – pünktlich wie ein Bote des Absurden – schlüpfte.
Brühl, sechs Meilen südlich von Köln, ist seither ein Vorort der Surrealität.
Zwischen Reliquienschreinen und Telegraphendrähten wächst ein Knabe auf, der in der Heiligen Ursula ebenso viel Wahrheit erkennt wie im Struwwelpeter.
Köln ist für ihn ein alchemistischer Komplex:
Bier im Norden, Wein im Süden, dazwischen das ewige Gären der Gegensätze.
Ein Kind, das zwischen diesen Polen erwacht, muss sich entscheiden – oder beides trinken.
Ernst tat Letzteres.
Schon mit zwei Jahren leert er heimlich Gläser, blickt auf die Bäume und ruft: „Sieh, Vater, die drehen sich!“
So beginnt die Malerei der Rotation, der späteren frottage, das Denken in spiralförmigen Zufällen.
Der Alchimist und der Advokat
Johannes Baargeld, bürgerlich Alfred Grünwald, Bankierssohn, Jurist, Pazifist, Sammler, Schriftsteller – der ironischste Intellekt der Zwischenzeit.
Er war das Gegengewicht zum Visionär Ernst, wie der kalkulierte Zufall zum traumhaften Instinkt.
Während Ernst die Logik träumte, träumte Baargeld die Logik weg.
Sie gründeten gemeinsam die Zeitschrift Der Ventilator, ein Pamphlet gegen die Hitze der Vernunft.
Köln-Dada war keine Schule, sondern eine Versuchsanordnung: wie viel Spott verträgt eine Stadt, die ihre Heiligen in Gold fasst?
Sie klebten Fotografien von Hindenburg in barocke Altäre, hängten Spiegelscherben über Kirchenportale, erklärten das Domgeläut zum Orchester des Zufalls.
Wo Schwitters in Hannover sein Merz-Bau-Universum schuf, ein Kathedral-Labyrinth aus Resten, machten Ernst und Baargeld aus Köln selbst ein Werk – eine Collage aus katholischem Rauch, römischem Grundriss und rheinischer Selbstironie.
„Die Stadt als dadaistisches Organ“, könnte man sagen.
Das okkulte Klima
Hans Richter notierte: „In Köln kreuzten sich die mediterrane Sanftheit und der preußische Imperativ, das Ideal der französischen Revolution und die Melancholie des Nordens.“
Man spürt das bis heute, wenn der Dom seine gotische Zunge in den Regen streckt.
Hier herrscht, schrieb Richter, noch der „Geist des Magiers Cornelius Agrippa“.
Und mit ihm die drei Weisen aus dem Morgenland, deren Knochen im Dom ruhen – Relikte einer globalen Ironie, die Köln nie ganz verlassen hat.
Der kleine Max Ernst, in diesem Klima erzogen, beobachtet den Vater beim Malen eines Mönchs im Wald.
Die Bäume, einzeln nummeriert, die Blätter minutiös: Ordnung als Zwang.
Und in diesem Moment, so erzählt er später, ergriff ihn der Schauer des Wortes Einsamkeit.
Es war sein erstes ästhetisches Erlebnis – die Furcht vor der Präzision.
Ernst wächst auf in einem Haus voller frommer Bilder und kleiner Blasphemien.
Als Fünfjähriger läuft er davon, in einem roten Nachthemd, in der Hand eine Peitsche.
Die Passanten halten ihn für das Christkind.
Später malt ihn der Vater als Jesusknaben mit Kreuz.
Daraus entsteht ein Lebensthema: Gottvater als unfreiwilliger Künstler, der Sohn als Rebell der Imagination.
Ein häuslicher Urknall, aus dem das surrealistische Weltall hervorgeht.
Die Philosophie der Zwischenräume
Földényi hätte seine Freude an dieser Biographie: Sie ist eine Dichtung der Inkohärenz.
Die Rationalität des Vaters, der mystische Katholizismus der Stadt, die ironische Intelligenz des Sohnes – alles stößt zusammen und erzeugt Funken.
Man könnte sagen, Köln war für Dada das, was die Guillotine für Paris war: ein präziser Apparat der Zerstörung, der zufällig Erkenntnis produziert.
Zwischen Wein und Bier, zwischen Rom und Preußen, zwischen Kirche und Karneval – hier entsteht ein Weltgefühl des Gleichzeitigen, das später die Collage zur natürlichen Sprache der Moderne macht.
Köln-Dada war, im Unterschied zu Zürich oder Berlin, nie nur Protest.
Es war eine theologische Versuchsanordnung:
Wie weit kann der Mensch die Heiligkeit lächerlich machen, ohne sie zu verlieren?
Nachhall: Der Adler über dem Dom
Schwitters hat in Hannover kein Denkmal, kein Platz trägt seinen Namen.
Auch in Köln steht kein eiserner Ernst.
Doch der Geist der beiden – des hannoverschen Konstruktivisten und des rheinischen Magiers – durchzieht das Land wie eine unsichtbare Ader.
Max Ernst blieb der Denker des Unbewussten mit scharfer Feder, Baargeld der kalkulierte Spieler, der 1927 beim Bergsteigen in der Schweiz verschwand – als hätte der Zufall ihn zurückgerufen.
Köln-Dada war keine Schule, sondern ein Experiment in metaphysischer Physik:
Wie viel Zufall erträgt die Ordnung?
Wie viel Humor das Heil?
Wie viel Wein den preußischen Ernst?
Vielleicht liegt hier, im Karneval der Ideen, der tiefste Sinn des Rheinischen:
dass alles, was lacht, den Himmel ein wenig erschüttert.
Wagt auch mal einen Ausflug zum Magazin Signaturen 🙂
Der Schnitt der Vernunft
László F. Földényi über Paris, die Guillotine und den Traum der Surrealisten