Die Rückkehr der Zukunft: Warum der KI-Gartenzwerg nicht unser Leitbild sein darf

Im deutschen Feuilleton der Technologiefragen hat sich ein seltsames Wesen breitgemacht: der KI-Gartenzwerg. Er steht – wie jede gute Allegorie – mit verschränkten Armen in der Landschaft, grummelt über Generative AI, warnt vor Superintelligenz, und behauptet, alles sei Marketing, Trick, Camouflage. Ein „kleiner Mann“, der lautstark gegen die Zukunft protestiert.

Thomas Knüwer hat diese Figur unlängst selbst beschrieben: Die Tech-Szene bediene sich der Dystopien aus Science-Fiction-Romanen, um Träume in die Köpfe zu pflanzen, während gleichzeitig neue Hypes produziert würden . Sein Plädoyer: Kill the Gartenzwerg!

Ich würde ergänzen: Ja, aber bitte nicht mit Gartenschlauch und Schubkarre, sondern mit Realität.

Denn während der Diskurs mit Zwergen kämpft, arbeitet der Mittelstand längst mit Maschinen.

Die neue Zukunftsmacher-Studie zeigt ein Bild, das mit dem Angstnarrativ inkompatibel ist:

  • Produktivitätsgewinne in Bereichen, in denen jahrelang nur Stillstand herrschte.
  • KI wird bereits heute in Service, Produktion, Einkauf, Logistik und HR skaliert – nicht als Science-Fiction, sondern als Werkzeug.
  • Die ersten Unternehmen haben Lernsysteme geschaffen, in denen Mitarbeitende und KI-Agenten in Echtzeit kooperieren.
  • Und vor allem: Losgröße 1 wird zur Denkweise, nicht zur Fertigungslogik.
    Nicht nur Produkte werden personalisiert, sondern Kompetenz, Service, Lernen. Eine stille Revolution, die niemand bemerkt, weil sie keine Marketingfolien braucht.

Das Whitepaper des Think Tank Innovation nennt diese neue Form der Organisation ein hybrides Lernsystem, in dem menschliche und maschinelle Intelligenz nicht konkurrieren, sondern sich verstärken – mit radikalen kulturellen Folgen:

  • transparente Skill-Landschaften,
  • neue Matching-Mechanismen,
  • KI-gestützte Potenzialdiagnostik,
  • kontinuierliche Anpassungsfähigkeit statt statischer Organigramme .

Kurz gesagt: Die Zukunft wird gebaut – nicht beschworen.

Die Angstindustrie der Dystopie

Es ist erstaunlich, dass wir im Jahr 2025 noch immer Debatten führen, die nach 1999 riechen:
„KI macht uns dumm.“
„KI nimmt uns die Autonomie.“
„KI ersetzt das Denken.“

Seltsam: Die empirischen Befunde zeigen das Gegenteil. KI übernimmt Routinen und frisst die Mittelmäßigkeit, nicht die Kreativität. Sie entlarvt Blender, Beschwichtiger, Bürokraten. Sie zwingt Organisationen zum Nachweis echten Wertbeitrags.

Sie macht uns nicht dumm – sie macht uns ehrlich.

Was vielen Angst macht, ist nicht die KI selbst, sondern die radikale Transparenz, die sie erzeugt.

Was wir gerade erleben, ist kein KI-Biedermeier – es ist die Entmachtung der Herkunft

Die wirklich revolutionäre Wirkung von KI liegt dort, wo sie kaum diskutiert wird:
in der Abkopplung von Herkunft und Zukunft.

Wer in klassischen Systemen ohne Musikunterricht, ohne Nachhilfe, ohne elitäre Codes sozialisiert wurde – wie ich selbst in der Gropiusstadt –, der weiß, wie eng Bildungswege und Chancen an soziale Lage gekoppelt sind.

Hyperpersonalisierte Lernsysteme – KI-Lernbegleiter, Skill-Mapping, adaptive Lernpfade – machen damit Schluss.
Sie sehen Potenzial statt Prägung.
Sie verstehen das, was im Curriculum übersehen wurde.
Sie eröffnen Einstiegspfade, die früher verschlossen waren.

Was Knüwer als sprachliche Camouflage kritisiert, ist im Kern eine andere Wahrheit:
Die KI schafft einen Möglichkeitsraum, den die Gesellschaft allein nie gebaut hätte.

Der Mittelstand wird nicht von Dystopien angetrieben, sondern von Effizienz

Und hier liegt die Pointe:
Es sind nicht Google, OpenAI oder die VC-Evangelisten, die die Zukunft formen.
Es ist der deutsche Mittelstand mit seiner pedantischen Ergebnisorientierung.

Wenn ein Maschinenbauer 20 % weniger Ausschuss hat,
wenn ein Versicherer Anfragen in Sekunden statt Minuten löst,
wenn ein Logistiker mit KI-Planung 40 % weniger Umlaufzeiten braucht,
wenn ein Hidden Champion ein KI-System einsetzt, das Kundenservice in Losgröße 1 möglich macht –
dann ist das keine Dystopie, sondern Betriebswirtschaft.

Während im Netz der nächste Weltuntergang diskutiert wird, rechnet der CFO bereits mit neuen Deckungsbeiträgen.

Wir brauchen weniger Alarmismus, mehr Aufklärung – und das in deutscher Sprache

Knüwer weist zurecht darauf hin, dass es hierzulande kaum gut kuratierte Tech-Informationsquellen gibt – Podcasts, Magazine, Plattformen, die die Entwicklungen verständlich machen .
Genau deshalb kippt die Debatte so leicht ins Alarmistische: Die Informationslücken füllen sich mit Fiktion statt mit Fakten.

Doch die Zukunftsmacher-Studie liegt nun vor.
Sie zeigt, wie Organisationen jetzt handeln – nicht später.
Sie dokumentiert, wie KI den Menschen nicht ersetzt, sondern aufwertet.
Sie beweist, dass die Zukunft nicht dystopisch, sondern produktivisch wird.

Kill the Gartenzwerg – aber richtig

Der KI-Gartenzwerg ist ein nützliches Symbol.
Er zeigt, wo die Debatte stehen geblieben ist.
Er zeigt, wie klein das Denken sein kann, wenn man die Zukunft scheut.

Aber er hat einen entscheidenden Fehler:
Er steht still.

Der Mittelstand dagegen bewegt sich – und das schnell.

Und deshalb ist die zentrale Frage nicht, ob KI uns bedroht.
Sondern, ob wir es aushalten, dass die Zukunft größer ist als unsere Angst.

Hier geht es zur ausführlichen Story:

Hier kann man Zukuftsmacher-Studie bei Amazon kaufen.

Siehe auch:

Wir haben keine Ahnung, welchen Effekt die KI da erzeugt hat

Die Geduld der Wahrheit – Jacques Rivière in Köln-Lindenthal

Es gehört zu den seltenen, fast zeremoniellen Momenten des literarischen Lebens, wenn ein Raum sich in eine Zeitkammer verwandelt. Die Bibliotheca Proustiana Reiner Speck, zwischen Bücherwänden und Manuskripten stets ein Ort konzentrierter Gegenwart, öffnete an einem langen Matineetag – von 11 bis 17 Uhr – ein Fenster auf jenen Mann, der weder durch ein Hauptwerk, noch durch eine Schule, noch durch eine Theorie in die Literaturgeschichte eingeschrieben wurde und dennoch ihren Puls veränderte: Jacques Rivière, Kritiker, Lektor, Chefredakteur der Nouvelle Revue Française, Steuermann der Moderne, Freund und Leser Marcel Prousts.

Die Ausstellung zum 100. Todestag, deren Exponate in der gedruckten Übersicht verzeichnet sind – von den frühen NRF-Heften bis zu den politischen Texten über Deutschland Exponate – ist selbst ein Essay: ein Versuch der gedruckten Erinnerung, die nicht monumentalisiert, sondern präzisiert.

Die Stimme, die liest, und die Stimmen, die bleiben

Der Schauspieler und Sprecher Bernt Hahn, ein Interpret von seltenem Taktgefühl, las die Briefe Prousts an Rivière, in denen längst die eruptive Konstruktion der „Recherche“ erzittert, aber noch der Ton der Unsicherheit mitschwingt: der Wunsch, verstanden zu werden, ohne je didaktisch zu werden. Proust spricht zu Rivière wie zu einem, der versteht, dass das Werk eine Maschine der Verzögerungen ist, kein abgeschlossenes Gebäude.

Der berühmte Brief – „Endlich fände ich einen Leser, der ahnt, dass mein Buch ein wohldurchdachtes, streng konstruiertes Werk ist“ – wurde zur Ouvertüre des Tages. Denn Rivière war dieser Leser: nicht geduldig im Sinne einer passiven Haltung, sondern geduldig im Sinn strenger Aufmerksamkeit. Seine Fähigkeit, die Form eines Gedankens in seiner Bewegung zu erfassen, nicht nur in seinem Ergebnis, war der stille Motor seiner Arbeit.

In den Nachrufen – Rivière auf Proust und später Paulhan auf Rivière – liegt eine Art Spiegelung zweier Temperamente: Proust der Solist, Rivière der Architekt; der eine sich selbst überschreibend, der andere ordnend, sortierend, ohne je den Fehler zu begehen, Ordnung mit Stillstand zu verwechseln.

Der Virtuelle Gast: Robert Kopp

Robert Kopp, virtuell aus Paris zugeschaltet, setzte die Linien dort fort, wo die Exponate beginnen: bei Rivière als Schaltstelle der Literatur, der – wie Kopp erinnerte – die NRF nicht nur redigierte, sondern prägte, auch dort, wo sein Name im Impressum nur am Rand auftauchte.

Seine Leistung besteht nicht in der Anzahl seiner Werke – drei Bücher zu Lebzeiten –, sondern in einer berufenen Art zu lesen. Kopp nennt es „friable plasticité“: jene eigenartige Durchlässigkeit, die nur die stärksten Intellekte besitzen, weil sie ihre Form nicht verlieren, auch wenn sie die Formen anderer aufnehmen. Rivière identifizierte sich mit Autoren nicht, um ihnen zu ähneln, sondern um sie zu unterscheiden.

Durch Kopp wurde erneut sichtbar, was die NRF im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts war: eine Republik der Literatur, die sich weigerte, Modebewegungen mit Avantgarde zu verwechseln und die dogmatische Linearität der historischen Schulen – symbolistisch, naturalistisch, futuristisch – durch eine konzentrierte Art des Gegenlesens ersetzte.

Jürgen Ritte und die politische Entgrenzung

Jürgen Ritte, der Kurator der Ausstellung, ergänzte den Blick um jene Dimension, die Rivière in Frankreich umstritten machte: seinen politischen Mut.

Rivière, selbst Kriegsgefangener, war keiner jener naiven Internationalisten, die in moralischer Großgeste die Realitäten übersahen. Vielmehr war er ein Realist der Verständigung. Seine Artikel für die Luxemburger Zeitung – im Auftrag des Industriellen Émile Mayrisch, dem frühen Konstrukteur einer wirtschaftlich fundierten Friedensordnung – zeigen einen Mann, der verstand, dass Europa nicht durch Visionen entsteht, sondern durch konkrete Kooperation: Kohle, Stahl, Verkehrswege, Zölle.

Ritte erinnerte daran, dass Rivière damit vorweggenommen hat, was nach 1951 Montanunion und EWG wurden. Er dachte Europa nicht als kulturelle Konversation – obwohl er sie pflegte –, sondern als technische und ökonomische Verzahnung.

Dass Proust und Rivière gleichermaßen den Nationalismus ablehnten, der in den Jahren nach dem Ersten Weltkrieg in Paris wie in Berlin gleichermaßen wucherte, verleiht ihren Texten eine beachtliche Aktualität. Die „Partei der Intelligenz“, gegen die Proust sich in einem der Briefe empört, könnte ebenso heute auftreten, in anderen Kleidern, aber mit den gleichen Gesteinen moralischer Selbstgewissheit.

Rivière heute – ein Zeitgenosse unserer Verwirrungen

Was macht Rivière gegenwärtig?

Vielleicht dies: Er zeigt, dass Kritik nicht Zerstörung ist, sondern Mittel der Weitergabe. Dass Tradition nicht das Zitieren der Vergangenheit meint, sondern die Pflege jener Verbindlichkeiten, die nicht veralten: Sprache, Maß, Form, Diskussion.

Seine Texte über Deutschland – schwer, tastend, manchmal befangen in den Kategorien seiner Zeit – sind dennoch geleitet von einem Gedanken, der über seine Zeit hinausweist: Die Notwendigkeit eines gemeinsamen Nenners, ohne den kein Dialog gelingt. Kritik war für ihn ein Versuch der Übersetzung.

In einer Epoche, die sich an polarisierenden Kurzschlüssen berauscht, wirkt diese Idee fast utopisch.

Die Ausstellung als Denkfigur

Die Exponate – Briefe, Manuskripte, frühe Ausgaben der NRF, politische Texte Rivière’ und bibliophile Ausgaben von Gaston Gallimard – bilden keine Chronologie, sondern ein Argument.

Sie zeigen, wie ein Leben sich nicht in Werken erfüllt, sondern in der Art, wie es andere Werke ermöglicht. Die Ausstellung zeigt Rivière gerade dadurch, dass sie seine Abwesenheit sichtbar macht: Er ist der Redakteur, der Lektor, der uns Korrekturabzüge schickt, der zwischen Proust und Gallimard vermittelt, der eigensinnig ist, aber nicht selbstherrlich, der seinen Namen hinter einer Institution verschwinden lässt, die ohne ihn anders geworden wäre.

Das Dunkel der Welt

Jean Paulhan zitiert im Nachruf Rivière’ letzte Worte:
„Es geht darum, das Dunkel der Welt mit den gewöhnlichsten Worten wiederzugeben.“

Ein Satz, der wie ein Motto über diesem Matineetag stand.

Denn Rivière war kein Mann großer Systeme. Er misstraute Pathos und Theorie. Seine Arbeit bestand darin, in die Werkstätten der anderen zu steigen, dort Licht zu machen und wieder zu verschwinden.

Die Ausstellung in Köln zeigt dies mit einer seltenen Genauigkeit: als ein Bildungsraum, der sich nicht über Größe definiert, sondern über Präzision.

So verlässt man die Bibliotheca Proustiana nach diesen sechs Stunden nicht mit dem Gefühl, einen Autor entdeckt zu haben, sondern eine Art des Denkens:
eine, die uns gerade heute fehlt.

DIE CAMOUFLAGE-KÖNIGE DER MODERNEN LEISTUNGSGESELLSCHAFT

Arbeit ist heute ein Geräusch. Ein konstantes, vibrierendes Ping. Kalender voll, Kopf leer. Diese spezifische Manager-Aura: Ich habe Termine, also bin ich. Die Existenzbehauptung der Executive Class.
Und darunter – unsichtbar wie ein norwegischer Tarnkappenzerstörer – die eigentliche Kompetenz: Die Kunst, Arbeit vorzutäuschen.

Die Japaner nennen es „従業員の沈黙“ – employee silence. Das große Schweigen im Maschinenraum des Kapitalismus. In dem schönen Papier steht es, gestochen scharf analysiert: „沈黙は意図的であり、“何も言わない”という行為ではない“ – „Silence is intentional, not simply the absence of speaking.“
Genau. In deutschen Vorstandsetagen bedeutet Schweigen längst: Karriere machen.

Die Geschäftsreise als Weiterbildungsexpedition

Man fährt nach Dubai, Dublin oder Detmold – vollkommen egal. Wichtig ist nicht der Zweck, sondern die Pose:
„Auf der Reise hatte ich spannende Impulse.“
Impulse: das Managerwort für einen missglückten Espresso im Hotelrestaurant.

Aus jeder Fahrt wird eine „Exkursion“. Der Manager, ein Bildungsreisender. Bildungsbürger auf Firmenkosten. Man sendet abends ein Foto aus der Lobby: Laptop aufgeklappt, leeres Word-Dokument. Betreffzeile: „Reflexionsnotizen“.

Im PDF heißt es messerscharf über Schweigen im Job: „従業員の沈黙は予期しないタイミングで起こる」 – „Silence occurs in unexpected moments.“
Ja. Besonders nach dem dritten Gin Tonic auf einer „Fachkonferenz“.

Die Notiz als Projektprüfbericht

Drei Worte in die iPhone-Notizen: „Meeting diffus, Chef weird.“
Und daraus wird dann ein 18-seitiges PDF:
„Projektstatusbericht Q3/2025 – Maßnahmenkatalog und Handlungsempfehlungen“

Man reichert an: „Handlungsbedarf“, „Stakeholdereinbindung“, „prozessuale Implikationen“.
Fertig ist die Camouflage, das Tarnnetz über der eigenen Inhaltsleere.

Das Papier beschreibt exakt diesen Mechanismus:
„従業員は無関心ではなく、意図的に差し控える“
„Employees don’t lack ideas. They intentionally hold them back.“
Ja. In Deutschland nennen wir das „Ich kläre das noch intern“.

Das profane Telefonat als Telefonkonferenz

Die ultimative Managerinflation: Aus jedem Telefonat wird eine Telko.
„Hatte eben eine wichtige Telko.“
Wichtig = Hans hat gefragt, ob man morgen um elf kann.

Und niemand wagt zu widersprechen. Denn – so steht’s herrlich klar im Papier:
„上司に恥をかかせてはいけない“ – „Don’t embarrass the boss in public.“
Der größte ungeschriebene Dienstweg-Schwur deutscher Management-Bürokratie.

Der Gedanke als Strategiepapier

Gedanken sind wie Fliegen: kurz sichtbar, dann weg.
Außer im Management. Dort werden sie konserviert.
Ein Gedanke → ein One-Pager
Zwei Gedanken → ein Strategiepapier
Drei Gedanken → ein Transformationsprogramm „Horizon 2040“

Im PDF steht über diese psychologische Dimension:
„従業員は ‘確かなデータがない限り発言すべきでない’ と信じている“
„Employees believe they shouldn’t speak up without solid data.“
Deshalb schreibt das Senior Management lieber gleich ein ganzes Papier, statt zuzugeben, dass man über Nacht nur einen Gedanken hatte.

Das Schweigen als Karrierebooster

Die Wissenschaft sagt, es gibt:

  • 黙認的沈黙 – das resignierte Schweigen
  • 防衛的沈黙 – das ängstliche Schweigen
  • 向社会的沈黙 – das altruistische Schweigen
  • 日和見的沈黙 – das opportunistische Schweigen

Im Top-Management gibt es eine vierte Kategorie:
Strategisches Schweigen.
Die Kunst, nie zu sagen, was man denkt, weil man nie weiß, ob man es später brauchen könnte.

Die Regel lautet:
Wer redet, riskiert.
Wer schweigt, steigt.

Das Papier sagt über diese Logik:
„沈黙はキャリアへの悪影響を避けるために生じる“
„Silence occurs to avoid career damage.“
Es könnte direkt aus dem Protokoll einer DAX-Aufsichtsratssitzung stammen.

Die Manager-Metamorphose: Ich tue nichts, also wirke ich viel

Am Ende bleibt die Performance.
Die Simulation.
Das große Als-ob.

Ich tue nichts – aber auf eine Weise, die aussieht, als würde ich alles tun.
Arbeits-Camouflage.
Busy by Design.

Der Manager verwandelt jede Leerstelle in Wirkung:

  • aus Dasein → Präsenz
  • aus Schweigen → Kompetenz
  • aus Abwesenheit → „Ich bin im Austausch mit wichtigen Stakeholdern“
  • aus Ratlosigkeit → „Ich möchte das nochmal strategisch aufsetzen“

Und das PDF bringt es – natürlich unfreiwillig – auf den Punkt:
„沈黙は『正常』に見える行動として長年にわたり常態化する」
„Silence becomes normalized and appears ‘normal’ over time.“

Ja.
So werden Karrieren gebaut.

Und darin sind diese Leute brillant.
Die wahre Kunst ist nicht, etwas zu tun.
Die wahre Kunst ist, so zu tun, als hätte man schon längst alles getan, aber taktisch klug beschlossen, es noch nicht zu erzählen.

Willkommen in der Oberklasse der Leistungsgesellschaft.
Dort, wo Schweigen Gold ist. Und PowerPoints Platin.

Ludwig-Erhard-Gipfel: Teure Tickets, laute Vorwürfe – und viel Heuchelei

Der Ludwig-Erhard-Gipfel wird derzeit als Inbegriff eines politischen Kommerzformats skandalisiert: vierstellige Ticketpreise, Sponsorenpakete, Zugang zu Ministerinnen und Ministern als verkaufsförderndes Argument. Die Vorwürfe: politischer Kontakthof, Käuflichkeit durch Nähe, unzulässige Vermischung von Interessen. Der moralische Zeigefinger ist schnell erhoben – aber er zeigt in mehr Richtungen, als den Empörten lieb sein dürfte.

Denn exakt jene Mechanik, die hier als angeblicher Skandal auftaucht, ist seit Jahren verbreitete Praxis in der Medien- und Veranstaltungsbranche. Wer sich über die Preisgestaltung des Ludwig-Erhard-Gipfels entrüstet, müsste ebenso „Publisher’s Nights“, „Executive Summits“, „Leadership Circles“ oder die diversen Sonderformate großer Tageszeitungen kritisieren – Veranstaltungen, deren Teilnahmegebühren regelmäßig bei 1.000 Euro beginnen und deren Mehrwert gerade darin besteht, Sichtbarkeit und Austausch mit Führungspersonal zu organisieren. Dieses Modell ist nicht neu, nicht geheim, nicht illegitim. Es ist eine normale Form privatwirtschaftlicher Öffentlichkeitsarbeit.

Regierungssprecher Stefan Kornelius hat das im Kern präzise formuliert: Bundesministerinnen und Bundesminister nehmen an vielen Veranstaltungen teil, auch an solchen mit kommerziellem Interesse. Sie erhalten keine Honorare, keine Vergünstigungen, keine Sonderleistungen. Es geht um Sichtbarkeit staatlicher Politik – ein legitimer Teil ihres Amtes. Dass Veranstalter diese Präsenz wiederum nutzen, um Tickets zu verkaufen, ist kein staatliches Fehlverhalten, sondern ein marktwirtschaftliches Geschäftsmodell, das in der gesamten Branche praktiziert wird.

Die Frage, ob die Teilnahme von Regierungsmitgliedern „angesichts der preistreibenden Verkaufsrhetorik“ noch zumutbar sei, wirkt daher vorgeschoben. Denn wer die Mechanismen der Öffentlichkeitswirtschaft kennt – und viele der besonders lautstarken Kritiker kennen sie beruflich sehr genau –, weiß, dass Politik und private Veranstalter seit Jahrzehnten in solchen Formaten aufeinandertreffen. Das war nie ein Geheimnis, nie exklusiv, nie der verborgene Hinterraum der Republik. Es war immer öffentlich, sichtbar, ein Regelinstrument der politischen Kommunikation.

Dass ausgerechnet der Ludwig-Erhard-Gipfel nun zur moralischen Projektionsfläche wird, ist deshalb weniger ein Aufschrei der Integrität als ein Stück politischer Folklore: Der kritisierte Mechanismus ist ubiquitär, aber hier plötzlich skandalträchtig. Die Kritiker attackieren ein System, von dem sie selbst profitieren oder das sie selbst über Jahre akzeptiert haben.

Kurz gesagt: Die Kritiker der Elche sind selber welche.

Wer ernsthaft über Transparenz, Trennung von Interessen und die Rolle politischer Öffentlichkeitsarbeit sprechen will, braucht keine Empörungsdramaturgie – sondern eine ehrliche Debatte darüber, wie Politik heute kommuniziert und wie Medienhäuser Events monetarisieren. Das ist eine legitime Diskussion. Aber sie beginnt nicht mit dem Ludwig-Erhard-Gipfel. Sie beginnt bei der eigenen Teilnahme am selben Spiel.

Die USA überhitzen den KI-Markt – Europa korrigiert den Kurs

Es gehört zu den paradoxen Momenten der jüngeren Technologiegeschichte: Während die großen Plattformunternehmen der USA Milliarden in den Ausbau immer größerer Rechenzentren investieren und sich in der Logik permanenten Skalierens eingerichtet haben, wächst zugleich die Unruhe an den Finanzmärkten. Selbst jene, die am lautesten für künstliche Intelligenz trommeln, bereiten sich inzwischen – wie das Manager Magazin berichtet – hinter den Kulissen auf die Möglichkeit eines abrupten Kurswechsels vor.

Der Grund dafür ist so schlicht wie folgenreich: Die gegenwärtige KI-Euphorie ruht auf einem Ressourcenverbrauch, der sich zwar steigern, aber nicht beliebig fortschreiben lässt. Wer heute an der Spitze bleiben will, muss immer mehr elektrische Leistung, immer komplexere Hardware und immer größere Modelle einsetzen – eine Art Beschleunigungszwang, dessen ökonomische und physikalische Grenzen längst sichtbar geworden sind.

Europa, oft belächelt für seine regulatorischen Reflexe, verfolgt in diesem Technologiesektor unbeabsichtigt eine rationale Gegenstrategie: weniger Wachstumsversprechen, weniger heroische Datenzentren, dafür ein leiser, aber folgenreicher Paradigmenwechsel im Computermodell selbst.

Das Ende der alten Skalierung

Für die Wirtschaft waren die vergangenen Jahrzehnte von einem berechenbaren Fortschritt geprägt. Moore’s Law lieferte den Takt: kleinere Transistoren, mehr Leistung, sinkende Kosten. Doch diese Formel hat ihre Magie verloren. Die Strukturen sind an das atomare Limit herangerückt, die thermischen Reserven ausgeschöpft, der Energieverbrauch klassischer Chips steigt schneller als ihre Leistungsfähigkeit. Forschungseinrichtungen formulieren es nüchtern: Der sequentielle, digitale Ansatz stehe „vor seinem Ende“ – neue Wege der Energieeffizienz seien „dringend erforderlich“.

Die Folgen reichen weit über die Hardwarebranche hinaus. Rechenzentren verbrauchen bereits rund ein Prozent des globalen Stroms, in Metropolregionen deutlich mehr. Und doch verdoppelt sich der weltweite Bedarf an Rechenleistung etwa alle zwei Jahre – getrieben von KI-Modellen, deren Fortschritt sich ausschließlich über den weiteren Ausbau ihrer Größe und Komplexität erklären lässt.

In den USA und China hat sich daraus ein hochriskantes Gleichgewicht gebildet: Wer im KI-Rennen bestehen will, muss immer neue GPU-Farmen errichten. Nvidia avanciert zum heimlichen Taktgeber der globalen Technologiepolitik. Doch dieser Pfad ist alles andere als stabil. Er hängt an Energiepreisen, Kühlkapazitäten, Rohstoffmärkten – und an der Annahme, dass Rechenpower sich endlos steigern lässt.

Der europäische Gegenentwurf

Europa, das in der digitalen Plattformökonomie zu spät kam, entdeckt nun seine eigentliche Stärke: Grundlagenforschung, Materialwissenschaften und die Fähigkeit, Alternativen zu denken, bevor der Markt sie verlangt.

Analoges Rechnen – ein alter Gedanke kehrt zurück

Analogrechner galten lange als Relikte der Frühzeit. Heute erleben sie eine stille Renaissance. Projekte wie die von der Bundesagentur SPRIND geförderte Entwicklung „Analogcomputer auf einem Chip“ zeigen, wie biologische Vorbilder – parallel strukturierte Nervensysteme – als Blaupause moderner Rechenarchitekturen dienen können. Diese Systeme arbeiten nicht schrittweise, sondern simultan. Sie benötigen nur Bruchteile der Energie digitaler Verfahren und eignen sich für Aufgaben, bei denen traditionelle Hochleistungsrechner längst an Grenzen stoßen: komplexe Signale, dynamische Systeme, Echtzeitoptimierung.

Neuromorphe Chips – wenn Hardware denken lernt

Noch weiter geht die neuromorphe Forschung. Chips, die aus Materialien wie Vanadiumdioxid bestehen oder Memristoren einsetzen, ahmen neuronale Aktivität nach. Fraunhofer-Forscher berichten von Effizienzgewinnen um den Faktor 250 bis 330 gegenüber herkömmlichen Prozessoren.

Diese Architekturen speichern Informationen nicht zentral, sondern dezentral im Materialverbund selbst – ein ökonomischer Vorteil, der weit über die Energiefrage hinausreicht. Denn Rechenleistung wandert zurück an den Rand der Netze: Sensoren, Fahrzeuge, medizinische Geräte. Was lokal verarbeitet wird, muss nicht in Gigazentren transportiert werden.

Photonik und Quanten – der Sprung über das Silizium hinaus

Das Leibniz-Rechenzentrum in Garching demonstriert inzwischen den ersten praxistauglichen photonischen KI-Beschleuniger, der Rechenoperationen über Lichtsignale abwickelt – effizienter und mit drastisch geringerer Wärmeentwicklung als elektronische Varianten.

Parallel dazu treibt die EU ihre Quantenprogramme voran. Sie sollen langfristig nicht die Datenmengen beschleunigen, sondern jene Sonderklassen von Problemen lösen, die klassische Rechner kaum beherrschen – von Materialsimulationen bis zur Kryptografie.

Europa investiert damit in Technologien, die nicht mehr auf der Logik „schneller, größer, heißer“ beruhen, sondern auf einer strukturell anderen Idee von Berechnung.

Der leise Verdacht einer Blase

Die KI-Ökonomie des Jahres 2025 ähnelt in manchem historischen Vorbildern: gewaltige Investitionen, unklare Geschäftsmodelle, ein Glaube an Selbstverstärkung. Jedes neue Modell ist nur deshalb beeindruckend, weil es mehr Rechenressourcen verschlingt als sein Vorgänger. Doch das Verhältnis zwischen Kosten und Nutzen hat sich längst verschoben.

Die amerikanische Strategie, Fortschritt über Skalierung zu erzwingen, wirkt zunehmend wie eine Wette auf Pump – technologisch ebenso wie energetisch. Sie ist anfällig für exogene Schocks: steigende Energiepreise, Lieferkettenengpässe, politische Interventionen.

Europa hingegen, oft skeptisch beäugt, weil es nicht mit gleicher Beschleunigung operiert, könnte genau von dieser Zurückhaltung profitieren. Nicht aus Zufall formulierte Ranga Yogeshwar beim RhAInland-Day ein Szenario, das zunächst provozierend wirkt, aber von wachsender Plausibilität ist: Ein europäisches System, das mit einem Bruchteil der Rechenleistung auskommt, könnte die globale Architektur des KI-Sektors durcheinanderbringen – und im Extremfall ganze Datenzentren überflüssig machen.

Die Kraft der besseren Idee

Europa täte gut daran, diese historische Chance nicht zu übersehen. Es muss nicht die größten Modelle bauen, nicht die kühlstärksten Komplexe, nicht die lautesten Wachstumsversprechen abgeben. Seine Stärke liegt in der geduldigen, ingenieurhaften Verschiebung des Grundprinzips: Nicht mehr Energie in dieselbe Logik gießen – sondern die Logik selbst verändern.

In der Wirtschaft war selten jene Region erfolgreich, die am lautesten skalierte. Erfolgreich war jene, die die nächste Architektur entwarf.

Genau hier entsteht die europäische Möglichkeit: Rechenmodelle, die eleganter statt größer werden, sparsamer statt gewaltiger, intelligenter statt brachialer. Für eine KI-Ökonomie, die nicht auf Verschleiß gebaut ist, sondern auf Effizienz – und damit auf Dauerhaftigkeit.

Die Zukunft des Rechnens wird nicht dort entschieden, wo die größten Hallen stehen.
Sondern dort, wo die besseren Architekturen entstehen.

Siehe auch:

Europa und die verlorene Kunst des Zufalls

Das Archiv als Gegenwelt

Das Tessiner Archiv des Ausstellungsmachers Harald Szeemann – jene 760 laufenden Meter gelebter Intellektualität – ist bis heute ein Monument des produktiven Durcheinanders. Wer es betritt, wandert durch eine Topografie der Unentscheidbarkeit: Zettel, die wie Wurzelwerk von der Decke hängen, Karteikästen, die sich in den Raum schieben wie Zugänge zu verborgenen Gedankenschächten, Schubladen, die mehr flüstern als öffnen. Unter einem Regalbrett, wie ein Credo gegen die Tyrannei der linearen Vernunft, stand einst: „Unordnung ist eine Quelle der Hoffnung.“
Szeemann vertraute der Geste des „blind Greifens“ – ein bewusster Verrat an der Ordnung, ein Bekenntnis zur Irritation als Erkenntnisform.

Die Wissenschaft und ihre Direktflüge

Im akademischen Betrieb hingegen dominierte lange das Ideal der Reibungsvermeidung: Frage, Hypothese, Bibliografie, Auswertung. Jürgen Kaube hat diese Haltung präzise skizziert: Man extrahiert, katalogisiert, führt Gedanken an einer disziplinierten Leine. Erkenntnis sollte möglichst friktionslos entstehen – wie ein Direktflug ohne Turbulenzen.

Doch der Zettelkasten des Soziologen Niklas Luhmann stellte diese Idee radikal infrage. Über 90.000 Einträge, verbunden wie ein neuronales Gewucher, verbanden Denken nicht mit Ordnung, sondern mit Weiterdenken. Jeder Zettel war weniger Ablage als intellektuelle Störung. Es gab keinen Anfang, keine Mitte, kein Ende – nur Bewegung.

Die Suchmaschine als Bestätigungsmaschinerie

Vor zehn Jahren schien klar: Die Suchmaschine ist der große Antipode dieser offenen Denkbewegung. Sie verlangte Keywords, nicht Zweifel. Sie sortierte nach Häufigkeit, nicht nach Möglichkeit. Damian Paderta warnte damals, je besser Google werde, desto weniger entdeckten wir.
Der Zufall wurde herausoptimiert. Der Nutzer wurde gespiegelt, nicht irritiert.

Die KI und die Rückkehr der Simulation

Heute jedoch formt eine neue Macht die Wissenslandschaft: generative KI. Sie ist weder Karteikasten noch Google, sondern ein hybrides Wesen – ein System, das zugleich ordnet und entgrenzt. Es weiß alles, was es je gesehen hat, und erzeugt doch ständig Neues.
Aber dieser „Zufall“ ist ein synthetischer. Ein Rauschen, das wirkt wie Inspiration, aber keiner physischen Welt mehr unterliegt. KI entdeckt nicht – sie simuliert Entdeckung. Sie überwindet keinen Widerstand, weil sie keinen kennt.

Genau darin liegt die Gefahr: Ohne Widerstand gibt es keine Überraschung. Ohne Überraschung keine Erkenntnis.

Die europäische Aufgabe

Vor zehn Jahren träumte man von einer Suchmaschine im Geiste Luhmanns. Heute bräuchten wir etwas Kühnere: Eine Infrastruktur der Unordnung, eine Maschine, die nicht bestätigt, sondern destabilisiert. Eine europäische KI, die Serendipität nicht weg-optimiert, sondern provoziert.

Szeemann wusste, dass Unordnung ein Arbeitsprinzip ist. Luhmann wusste, dass Erkenntnis aus Irritation entsteht.

Wir müssen das nicht nostalgisch beschwören. Wir müssen es neu bauen.

Die Hoffnung liegt im Widerstand

Der produktive Zufall ist kein romantischer Restwert der analogen Epoche. Er ist die Voraussetzung für Denken.
Wenn Europa heute eine Rolle im digitalen Zeitalter spielen will, dann nicht als spätes Anhängsel der amerikanischen Effizienzalgorithmen, sondern als Labor des Unerwarteten.

Oder, in Szeemanns Worten:
Unordnung bleibt eine Quelle der Hoffnung.

Die Kunst der Dokumentation – Dresden, Dollase und das Gedächtnis des Geschmacks @pbahners

Die Welt hat viele Archive. Archive der Stimmen, der Steine, der Zahlen, der Zeichen. Aber kaum eines ist so flüchtig wie das Archiv des Geschmacks. Was zubereitet wurde, verschwindet. Was angerichtet wurde, vergeht. Was genossen wurde, bleibt nur als Erinnerung. Oder, wie Jürgen Dollase zeigt: als Dokument.

Patrick Bahners hat im Wissenschaftsteil der FAZ einen dieser seltenen Versuche beschrieben, das Ephemere zu binden. Die Kunst des Festhaltens trifft hier auf die Kunst des Kochens. In der Sächsischen Landesbibliothek – Staats- und Universitätsbibliothek Dresden (SLUB) entsteht in Kooperation mit der TU Dresden ein „Deutsches Archiv der Kulinarik“. Nicht als bloße Rezeptsammlung, sondern als Kulturtechnik: Degustation wird zum Deutungsakt.

In diesem Archiv lagert seit 2023 eine neue Textsorte: die Geschmacksdokumentation. Erfunden von Dollase, konzipiert als kulinarisches Pendant zur musikalischen Werkmonographie. Ein Gericht – etwa die bretonische Rotbarbe auf Holzkohle gegrillt, serviert mit Champagner-Fenchelsauce und Zitronen-Gel nach Mojito-Art im Kölner Restaurant Le Moissonnier – wird zerlegt wie ein Triptychon, analysiert wie ein Gedicht, kontextualisiert wie ein Werk von Bach. Der Teller wird nicht abfotografiert, er wird kartografiert: mit 29 Fotografien, mit Degustationsnotizen, Rezept und Interview.

Bahners beschreibt das eindrucksvoll: „Weil eine Sauce als Begleitung dort nie genügt, sondern die Hauptkomposition durch Seitenstücke auf eigenen Tellern flankiert wird, die sich ihrerseits in mindestens so viele Teile gliedern wie Gallien im Schulbuch.“

Wo könnte ein solcher Versuch besser beheimatet sein als in Dresden? Hier, wo August der Starke nicht nur eine politische Figur war, sondern ein kulturtechnischer Gravitationspunkt. Er sammelte nicht nur Porzellan, er kuratierte. Er tafelte nicht nur, er inszenierte. Die barocke Prachtentfaltung war auch ein Akt der Dokumentation: in Bildern, Bauwerken, Banketten.

Die SLUB als moderner Nachlassverwalter dieses Geistes tut heute dasselbe: Sie sichert das, was sonst verdämmert. Mit Marbacher Ernsthaftigkeit und dem Mut zur Quellenerzeugung.

Denn:

„Bei einer Kunst, deren Produkte dazu bestimmt sind, im Mund zerstört zu werden, […] drängt sich das Verfahren der Oral History im förmlichsten Sinne auf“, schreibt Bahners.

Und er zeigt am Beispiel von Eric Menchon, wie Biografie, Migration, Alltag und Haute Cuisine sich zu einer Essenz verdichten. Kein Exotismus, keine Folklore – sondern die stille Macht des Couscous aus dem normalen Handel. Kein rhetorischer Schaum, sondern eine Spurensuche.

Am 23. Oktober 2023 übergab Dollase der SLUB die ersten fünf Dokumentationen im Beisein der Spitzenköche Jan Hartwig, Claus-Peter Lumpp, Eric Menchon, Oliver Steffensky und Michael Sauter. Am 28. Oktober 2024 folgten Marc Haeberlin, Christian Hümbs, Torsten Michel, Stefan Neugebauer und Joachim Wissler. Dresden wurde zum kulinarischen Erinnerungsort. Und zum Denkmal einer Idee: dass Geschmack nicht vergeht, wenn man ihn ernst nimmt.

Denn die Frage lautet nicht nur: Wie hat es geschmeckt? Sondern: Was bleibt?

Die Antwort liegt in der Kunst der Dokumentation. Und vielleicht auch in einem kleinen Kärtchen, auf dem steht: „Langustinen-Mousse, Caponata, Parmesan-Chip, Cidre und Forellenkaviar.“

The Power of Digital Commons – Europas Versuch, das digitale Fundament neu zu denken #Digitalgipfel

Europa hat ein Strukturproblem, das tiefer reicht als jede aktuelle KI-Debatte und jedes geopolitische Schlagwort: Die digitale Infrastruktur des Kontinents basiert zu großen Teilen auf Technologien, Plattformen und Rechenkapazitäten, die nicht in Europa stehen und nicht europäischen Regeln folgen. Die Abhängigkeit ist nicht abstrakt, sondern technisch und politisch konkret: Zwischen Ausfällen globaler Cloud-Netzwerke, extraterritorialen Zugriffsgesetzen und einem Cloud-Markt, der zu über 70 Prozent von drei US-Hyperscalern kontrolliert wird, wächst die Erkenntnis, dass „Digital Commons“ nicht romantische Open-Source-Folklore sind, sondern eine industriepolitische Notwendigkeit.

Die Session „The Power of Digital Commons: Building Europe’s Shared Digital Future“ zeigte, wie weit Europa noch vom eigenen Anspruch entfernt ist – und dass erstmals ein strukturiertes Modell bereitsteht, um diesen Abstand tatsächlich zu verringern. Das neue European Digital Infrastructure Consortium (EDIC) schafft einen Rahmen, der bislang gefehlt hat: eine dauerhafte, verbindliche europäische Architektur für digitale Gemeinschaftsgüter, die nicht auf Memoranden und Pilotprojekte angewiesen ist, sondern auf gemeinsam finanzierte Plattformen und skalierbare Werkzeuge.

Die Logik dahinter ist ökonomisch klar:
Solange jede nationale Verwaltung einzeln beschafft, manuell migriert und proprietäre Insellösungen pflegt, entstehen enorme Transaktionskosten – und keinerlei Skaleneffekte. Die Digital Commons setzen genau an diesem Punkt an: Mit Tools wie openDesk, La Suite oder Docs entsteht erstmals ein europäischer Software-Unterbau, der nicht nur quelloffen ist, sondern auch interoperabel, auditierbar und portierbar. Die entscheidende Innovation ist dabei nicht das einzelne Tool, sondern das Prinzip der geteilten Wertschöpfung: Was in Frankreich entwickelt wird, lässt sich in Deutschland adaptieren, von den Niederlanden betreiben und in Österreich erweitern.

Damit verschiebt sich der Blick auf digitale Souveränität spürbar.
Sie wird nicht länger als Reaktion auf geopolitische Risiken verstanden, sondern als Voraussetzung für Wettbewerb im europäischen Binnenmarkt. Wenn Verwaltungen und öffentliche Einrichtungen auf eigene, europäisch kontrollierte Systeme zugreifen können, entstehen nicht nur Alternativen zu proprietären Großanbietern – es entsteht auch ein Markt, in dem europäische Tech-Unternehmen erstmals planbare Nachfrage vorfinden. EDIC schafft damit den Rahmen, der jahrelang gefehlt hat: eine gemeinsame Beschaffungslogik, gemeinsame Standards und gemeinsame Infrastrukturen.

Ökonomisch betrachtet ist das der entscheidende Hebel:
Digital Commons reduzieren die Fixkosten der öffentlichen Digitalisierung, entlasten Budgets, beschleunigen Implementierungen und erhöhen die Resilienz.
Vor allem aber schaffen sie einen Markt, der groß genug ist, um Innovation zu tragen. Europa hat bislang nicht an Ideen, sondern an Skalierung gelitten. EDIC adressiert genau dieses Skalierungsdefizit.

Gleichzeitig verschiebt sich das Narrativ der digitalen Souveränität.
Nicht Abschottung oder Autarkie sind das Ziel, sondern ein wettbewerbsfähiges Fundament, das Innovation ermöglicht, statt sie durch Fragmentierung zu verhindern. Die Vertreter aus Frankreich, Deutschland, Österreich und den Niederlanden beschrieben genau diese pragmatische Wende: weniger nationale Einzelstrategien, mehr gemeinsam nutzbare Architekturen. Weniger Fokus auf proprietäre Beschaffung, mehr auf offene Standards. Weniger regulatorischer Ballast, mehr Investitionen in Talente und Infrastruktur.

Bemerkenswert ist auch, wie klar die Rolle der Wirtschaft gedacht wird:
Digital Commons sind kein Regierungsprojekt, sondern ein Marktentwurf. Es geht darum, offene Infrastrukturen zu schaffen, die von europäischen Technologieunternehmen genutzt, erweitert und kommerzialisiert werden können. Wer Software-Ökosysteme betrachtet, weiß: Offenheit ist kein Widerspruch zu Wettbewerbsfähigkeit, sondern häufig deren Voraussetzung. Die großen Plattformen dieser Welt wurden nicht trotz Open Source groß, sondern wegen Open Source.

Europas Chance liegt genau darin:
Gemeinsame Infrastrukturen schaffen Raum für Wettbewerb und Innovation, statt ihn durch nationale Silos zu ersticken.

Die Session zeigte klar:
Digital Commons sind kein technisches Detail, sondern ein industriepolitisches Instrument. Sie könnten zu dem werden, was Europa seit Jahren fehlt – einem gemeinsamen digitalen Fundament, das groß genug ist, um einen eigenen Weg zu gehen. Der Erfolg wird sich an der Umsetzung messen: daran, ob die Mitgliedstaaten schnell genug agieren, ob Ausschreibungen nicht wieder in alten Mustern versanden und ob Unternehmen die Community nicht als Randnotiz, sondern als Chance begreifen.

Europa steht im digitalen Wettbewerb unter Druck wie selten zuvor.
Die Digital Commons geben eine strukturelle Antwort darauf.
Ob daraus ein neuer Wettbewerbsfaktor wird oder nur die nächste gut gemeinte Initiative – das entscheidet sich nicht in Konferenzsälen, sondern in den Rechenzentren, Code-Repositories und Verwaltungen Europas.

Kommentar: Merz und Macron auf dem #Digitalgipfel – viel Pathos, wenig Praxis @bundeskanzler @EmmanuelMacron

Es gehört zur politischen Folklore, dass Deutschland und Frankreich sich in großen historischen Linien begegnen – „Motor Europas“, „Herz des Kontinents“, „gemeinsame Verantwortung“. Auf dem Digitalgipfel in Berlin klang all das an. Doch selten zuvor prallten Anspruch und Wirklichkeit so klar aufeinander wie in den Auftritten von Bundeskanzler Friedrich Merz und Präsident Emmanuel Macron.

Merz sprach von „radikaler Vereinfachung“, von einem „digitalen Pfad“, den Europa endlich selbst gestalten müsse, und von milliardenschweren Investitionen in Forschung, Infrastruktur und souveräne Technologien. Macron wiederum zeichnete das große geopolitische Panorama: USA versus China, Europa dazwischen – und nirgendwo die Bereitschaft, „Vasall“ zu sein. Beide forderten weniger Bürokratie, mehr Kapitalmarkt, mehr Rechenzentren, mehr Talentförderung, mehr Innovation, weniger Naivität gegenüber Plattformen, weniger technologische Abhängigkeit.

Man konnte diesen Worten mit Gewinn zuhören. Doch nun beginnt der harte Teil.

Denn der deutsch-französische Schulterschluss klingt nur dann überzeugend, wenn er sich an den blinden Flecken der Politik misst: Europa verliert seine digitalen Talente an Kalifornien, seine Plattformmärkte an US-Hyperscaler und seine Hardwarekompetenz an Asien. Und das nicht, weil es an Pathos mangelt, sondern an Umsetzungsgeschwindigkeit. Gerade hier liegt die eigentliche Bewährungsprobe.

Was Merz und Macron zurecht betonen:

  • Die Innovationskraft liegt in den Unternehmen, nicht in den Ministerien. Wer Souveränität will, braucht Industrien, die Weltmaßstäbe setzen – nicht nur Weltregulierungen.
  • Eine digitale Kapitalmarktunion ist überfällig. Solange Europa Geld spart, das anderswo Risiko finanziert, kann es eigene Champions kaum hervorbringen.
  • Der überbordende Regulierungsapparat ist selbst zum Standortfaktor geworden – einem negativen. Die Forderung, die Gesetzesflut endlich einzudämmen, ist richtig und spät.
  • Souveränität bedeutet nicht Abschottung, sondern Alternativen. Diese Einsicht ist zentral – und bisher viel zu selten politischer Leitgedanke.

Was fehlte – und was jetzt kommen muss:

  1. Ein konkreter Zeitplan. Ohne harte Deadlines bleibt der Gipfel eine symbolische Geste.
  2. Eine ehrliche Bestandsaufnahme der Versäumnisse. Europas Rückstand ist nicht gottgegeben, sondern hausgemacht: langsame Vergaben, fragmentierte Märkte, föderale Blockaden, risikoscheue Investitionskultur.
  3. Mut zur Priorisierung. KI, Cloud, Chips, Quanten, Cybersicherheit – alles gleichzeitig funktioniert nur auf dem Papier.
  4. Eine industriepolitische Linie, die nicht im Tagesgeschäft verpufft. Kooperation zwischen Mistral und SAP, Jupiter-Supercomputer, OpenDesk – das sind Bausteine. Aber kein kohärentes System.

Beide Redner betonten, Europa müsse jetzt aus der „Regulierungsfalle“ ausbrechen. Das stimmt. Nur: Dieselben Regierungen haben diese Falle über Jahre mitgebaut. Wer sie nun entschlossen aufbrechen will, muss weniger widersprechen – und mehr liefern.

Der Gipfel zeigt: Der Wille ist da. Die Worte sind groß. Jetzt braucht es Politik, die ebenso groß handelt. Europa hat unbestreitbare Stärken – Forschung, Wissenschaft, Talente, Ingenieurwesen, Märkte. Es mangelt nicht an Potenzial. Es mangelt an Geschwindigkeit, Konsequenz und der Bereitschaft, die gewohnte politische Komfortzone zu verlassen.

Wenn Merz und Macron aus Berlin ein Signal senden wollten, dann dieses: Souveränität entsteht nicht durch Reden. Sie entsteht durch Entscheidungen.
Die Zeit, sie zu treffen, ist knapp – aber noch nicht vorbei.

Personalmanagement bei Hidden Champions – Hermann Simon mit exklusiven Einblicken #ZPNachgefragtDay #OEB #Berlin

Der demografische Wandel stellt insbesondere für kleine, aber hocherfolgreiche Weltmarktführer, die oft abseits der Metropolen angesiedelt sind, eine erhebliche Hürde dar. Mit Blick auf die Session beim Zukunft Personal Nachgefragt Day am 4. Dezember um 15 Uhr erläutert Professor Hermann Simon , wie diese Unternehmen dennoch qualifizierte Talente gewinnen können. Ein zentraler Ansatzpunkt ist das Personalmarketing, das sich auf den lokalen Arbeitsmarkt konzentrieren sollte. „Unternehmen in ländlichen Gebieten können attraktive Arbeitgeber für junge Menschen sein, die lokal verwurzelt sind“, so Simon. Er hebt hervor, dass die Nähe zu Schulen und Berufsschulen für Praktika und Nachwuchsarbeit essenziell sei.

Strategien gegen den Fachkräftemangel

Simon verweist auf Best-Practice-Beispiele wie das Unternehmen Multivac, das mit eigenen Weiterbildungsformaten erfolgreich Fachkräfte bindet. Eine weitere Empfehlung ist das Anbieten von Sprachkursen zur Deckung spezifischer Qualifikationsbedarfe. Für die Talentgewinnung spricht sich der Experte zudem für die Nutzung der regionalen Hochschullandschaft aus, da Deutschland eine breite Streuung von exzellenten Fachhochschulen biete. Unternehmen wie Trumpf kooperieren bereits erfolgreich mit Hochschulen.

Employer Branding als Erfolgsfaktor

Ein weiterer Fokus liegt auf dem Employer Branding. Gerade weil Hidden Champions oft wenig öffentliche Bekanntheit genießen, sei es wichtig, eine starke Arbeitgebermarke aufzubauen. Eine gezielte Marketingstrategie könne hierbei helfen, sich als attraktiver Arbeitgeber zu positionieren.

Die Session verspricht wertvolle Einblicke und praxisnahe Strategien für Unternehmen, die den Herausforderungen des Personalmanagements im Zeichen des demografischen Wandels und globaler Märkte begegnen müssen. Die Video-Übertragung bietet Interessierten die Möglichkeit, die Diskussion direkt zu verfolgen. Sessiongeber ist Professor Karlheinz Schwuchow mit einem Einspieler von Hermann Simon. Am 4. Dezember, um 15 Uhr beim Zukunft Personal Nachgefragt Day zur OEB im Berliner Inter Conti in der Budapester Straße.

Man hört, sieht und streamt sich in Berlin.

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