Die deutsche Unlust an der digitalen Transformation: Etablierte Märkte müssen erst zusammenbrechen

Neue Ideen für die Netzpolitik gefragt

Wirtschaft und Politik sind in Deutschland seltsam lustlos auf dem Weg in eine vernetzte Ökonomie. Man suhlt sich in den Erfolgen als Exportnation aus den guten alten Tagen der industriellen Massenproduktion und spekuliert auf eine industrielle Renaissance. Auf Facebook oder Google marschiert man wegen des guten Tons, aber intern wird auf den Einsatz von Social Web-Werkzeugen wenig Wert gelegt. Es könnte ja die hierarchische Statik der eigenen Organisation ins Wanken geraten:

„Die meisten warten ab. Das hemmt das Neue beträchtlich und verzögert den Übergang so sehr, dass man in gewisser Weise annehmen kann, es werde gar keinen geben“, moniert der Publizist Professor Gunter Dueck.

Es dominiert die unverkennbare Unlust. Die Verlage haben keine Lust auf eBooks und kapitulieren in Schockstarre vor Amazon, das Fernsehen hat keine Lust, sich mit den nebenbei im Kleinen betriebenen Internetkanälen herumzuschlagen. Banken ergötzen sich an jeder Filiale, die noch offen ist. Die schrumpfenden Tageszeitungen wollen nicht so richtig wahrnehmen, warum sie nur noch halb so dick sind, weil Anzeigen der Sparten Immobilien, Kontakte, Stellenangebote oder gebrauchte Autos auf Portale im Netz und in Smartphone-Apps abwandern.

„Die Unlust ist so sehr spürbar, dass man auch von Abwarten sprechen kann, dessen schlechtes Begleitgewissen durch halbherzige Versuche gemildert wird“, sagt Dueck.

Die Politik ergeht sich in aktionistischer Symbolpolitik und bringt noch nicht einmal die eigenen eGovernment-Projekte erfolgreich auf den Weg – Bund Online dürfte noch als vage Erinnerung abrufbar sein.

„Deutschland verliert international den Anschluss und gleitet ins digitale Mittelmaß ab“, warnt Dr. Roman Friedrich von der Unternehmensberatung Booz & Company.

Er spricht sogar von einer technologiefeindlichen Einstellung der Wirtschaft. Fast alle Branchen seien unterdigitalisiert.

„Wir fallen sogar zurück. Es gibt in Deutschland eine gewisse Technologiefeindlichkeit, auch in Unternehmen. In Nordeuropa gibt es beispielsweise eine viel höhere Affinität zu neuen Technologien“, sagt Friedrich.

Die Frage, wie wir als Gesellschaft und als Wirtschaftsstandort mit der Digitalisierung umgehen, ist nach Ansicht von Thomas Knüwer die größte Herausforderung unserer Zeit.

„Deutschland, vor allem die deutsche Politik, glaubt sie mit einer Verweigerungshaltung beantworten zu können. Das wird nicht reichen“, so der Indiskretion Ehrensache-Blogger.

Und er meint damit nicht nur die Entscheidung von Bundestag und Bundesrat für das Leistungsschutzgesetz, um Verlegern gegenüber Google den Rücken zu stärken, ohne die eigenen Geschäftsmodelle in Frage stellen zu müssen.

„Angesichts der anhaltenden Rechtsunsicherheit ist es keinem Gründer anzuraten, in der Bundesrepublik ein digitales Unternehmen zu starten“, erklärt Knüwer.

Wenn Bundeswirtschaftsminister Philipp Rösler behauptet, dass Deutschland „das coolste Land” sei, ist dies genauso weltfremd und naiv wie der Glaube der CSU-Bundestagsabgeordneten und Vize-Generalsekretärin Dorothee Bär, dass die deutsche Netzpolitik besser werde.

Es sei deshalb nachvollziehbar, so bwlzweinull-Blogger Matthias Schwenk, wenn immer mehr Talente das Land verlassen.

„Schon aus Prestigegründen ist es für junge Deutsche viel attraktiver nach Kalifornien zu gehen und dort zu versuchen, eine Firma aufzubauen. Auch Berlin und andere größere Städte sind unterrepräsentiert und die Politik macht zu wenig, um diese Märkte zu erschließen und neue Arbeitsplätze in der vernetzten Ökonomie hervorzubringen. Wir sind da auf eine komische Art relativ träge.“

Er kann es sich nicht erklären, warum Deutschland eine Verschiebung der Technologien in die vernetzte Welt nicht stärker als Chance begreift und in der Spitze mitspielt. Über Jahrzehnte seien wir als Industrienation immer vorne gewesen. Die Notwendigkeit der digitalen Transformation werde nicht gesehen – auch nicht in den Industrieverbänden.

„Dass sich die Technologien verändern und verschieben, bekommt kaum einer so richtig mit. Die Politik schläft und von den Industrieverbänden kommt auch zu wenig. Diese alten Herren, die selber noch mit der Hand am Arm arbeiten, können die digitale Sphäre gar nicht nachvollziehen, weil sie es selbst nicht erleben. Da werden die Tagesmappen noch von der Sekretärin ins Chefzimmer reingetragen, um alles sehr schön auf Papier abzuzeichnen. Wer so arbeitet, sieht nicht, was sich wirklich bewegt“, kritisiert Schwenk.

Erst wenn Märkte richtig einbrechen, werde es wohl ein Umdenken geben. Die netzökonomischen Themen stehen aber selbst bei den Internetaktivisten kaum eine Rolle. Es dominieren Debatten über Datenschutz, Staatstrojaner, Netzneutralität oder Urheberrecht. Von den meisten aktiven Bloggern, die sich mit Netzpolitik befassen, werde das Internet als Medium für Inhalte gesehen.

„Das Netz ist aber auch Möglichmacher für neue Geschäftsmodelle und vernetzte Wertschöpfungsketten. Das haben nur wenige Netzaktivisten im Blick. Da gibt es aber auch aus den Forschungsinstituten und Hochschulen zu wenig Unterstützung. Auch von dort müsste mehr geliefert werden“, resümiert Schwenk.

Es folgen in den nächsten Tagen und Wochen Hangout on Air-Gespräche über neue Ideen für die netzpolitische Agenda. Wer an einem Masterplan Internet mitarbeiten möchte, ist herzlich eingeladen.

Morgen ist ein Interview mit Michael Seemann geplant, der vergessen hat, wo vorn ist.

Interessant auch: Open #rp13 – wie man einer Konferenz ihre Seele zurückgibt.

Neue Ideen für die netzpolitische Agenda gesucht!

hangout_snapshot_0 Netzpolitik

Im Bloggercamp-Gespräch mit Matthias Schwenk haben wir darüber sinniert, wie die netzpolitische Agenda erweitert werden könnte – also Themen, die über Datenschutz, Staatstrojaner, Netzneutralität oder Urheberrecht hinaus gehen. Wie steht es mit Netzökonomie? Kommt wenig in den Debatten vor.

Ab der 19. Sendeminute:

Siehe auch: http://ichsagmal.com/2013/03/23/alte-machtelite-verweigert-die-digitale-transformation-wir-schon-war-die-zeit-ohne-faxgerate/

Schnelles Internet. Bundes CIO mit Ministerrang. Öffentliche WLANs in den Kommunen. Digitale Heimvernetzung. Netzintelligenz für die Energiewende. Dezentrale Netzstrukturen. Vernetzungsgrad der Unternehmen (die meisten Branchen sind unter-digitalisiert). Krankenakte digitale Wirtschaft – internationale Wettbewerbsfähigkeit. Netzkompetenz des Nachwuchses. Schule – Uni.

Das sind nur die ersten Stichworte, die mir dazu einfallen. Wie kann man das mit Leben füllen? Was sollte konkret verhandelt werden? Am Ende soll ein Internet-Masterplan herausspringen, der Anfang Mai in Berlin dann weiterdiskutiert werden soll – am Rande der republica.

Dazu möchte ich heute und morgen ein paar Interviews via Hangout on Air (Videointerviews, die live über den Google Dienst übertragen werden) machen. Nicht länger als 10 bis 15 Minuten. Wer hat Lust? (einiges davon kommt verwende ich für meine The European-Mittwochskolumne – Abgabetermin morgen um 18 Uhr – am Dienstag kann ich also nur bis 14 Uhr Interviews führen). Das Thema will ich bis Ende April weiterführen. Wer also jetzt keine Zeit hat, könnte in den nächsten Wochen mit mir etwas vereinbaren. Telefoninterviews mache ich zu diesem Themenkomplex n i c h t.

Wer in der Nähe von Bonn-Duisdorf ist, kann gerne auch zu mir vorbeikommen.

Der Masterplan Internet – recherchiert mit dem Werkzeug Hangout on Air – kommt natürlich auch ins Un-Buch zur Streaming Revolution.

Siehe auch:

Die Netzgemeinde muss sich ihre Konflikte besser aussuchen.

„Die Deutschen gehen die Sache falsch an“.

PIRATEN zeigen BKA wegen Einkauf verfassungswidriger Spähsoftware an.

Kurze Durchsage an die üblichen Verdächtigen.

Steinbrücks Leistungsschutzleihstimmen für die Piraten.

Warum Lobo recht hat || Eine Analyse des Social Media Buzz zum LSR und Domian.

Zu den AGB-Dikatoren: Geert Lovink: „Facebook ist eine Firma ohne Eigenschaften”

Alte Machtelite verweigert die digitale Transformation: Wir schön war die Zeit ohne „Faxgeräte“

Sehnsucht nach der analogen Gemütlichkeit

Ich sehe den Erfolg der Gestern-Medien bei der Durchsetzung des Leistungsschutzrechtes (LSR) nicht als Niederlage der „Netzgemeinde“, wenn es diesen Einheitsbegriff überhaupt gibt.

Das „Ja“ der Hinterzimmer-Politfunktionäre zu einem Regelwerk, das die Alt-Verleger mit lebenserhaltendem Viagra versorgt, ist die Fortsetzung des Lamento über massive Veränderungen, die mit der Vernetzung von Politik, Gesellschaft und Wirtschaft zusammenhängen.

Es befördert noch einige Jahre die Selbstzerfleischungs-Rituale, Abmahnorgien und Konservierung von überkommenen Geschäftsmodellen. Im digitalen Wettbewerb verlieren wir international immer mehr den Anschluss. Was soll man denn mit Spitzenpolitikern wie Plaudertasche Peer Steinbrück anfangen, denen man die Informatik-Aversionen in jeder Sekunde anmerkt, auch wenn sie rhetorische Attacken gegen die Netzwelt nach einer halben Minute wieder löschen?

Oder mit jovialen Altherren-Weisheiten des Ministerpräsidenten von BaWü, der sich einfach nicht vorstellen kann, über Twitter mit Menschen zu kommunizieren. Winfried Kretschmann sträuben sich die Haare bei dem Gedanken, seine Politik in 140 Zeichen erklären zu müssen. Eher sinniert er über die Epoche, als es noch keine Faxgeräte gab. Das war eine phantastische Zeit.

„Es dauerte, bevor ein Schriftsatz zurückkam. Ein herrlicher Zeitpuffer, um nachzudenken, sich zu besprechen“, so der schwäbische Federkiel-Denker im Interview mit der taz.

Von asynchroner Netzkommunikation, die man nach seinen Interessen auswählen und gestalten kann, hat der Mann noch nichts gehört. Die neuen Medien promovieren ja nur das allgemeine Geschwätz. O-Ton eines grünen Politikers, der Partizipation und Basisdemokratie scheinbar aus seinem Vokabular gestrichen hat.

Gleiches gilt für den parlamentarischen Staatssekretär von Wirtschaftsminister Rösler, der im Bloggercamp-Gespräch noch den großen Otto spielt und vor den negativen Folgen des Leistungsschutzrechts für die digitale Wirtschaft in Deutschland warnt und dann bei der Abstimmung im Bundestag brav sein Händchen zur Zustimmung des Springer-Burda-Lobbyisten-Gesetzes hebt.

Die Rechtfertigungssuada von Steinbrück zum Abstimmungsverhalten der SPD im Bundesrat, die er gegenüber der Zeit losgelassen hat, sollte man übrigens in Stein meißeln für künftige Gesetzesberatungen in der Länderkammer:

„Es wäre sinnlos, im Vermittlungsverfahren auf der Grundlage dieses schlechten Gesetzes deutlich zu machen, was wir alles ändern wollen, wenn wir ein vollständig neues Gesetz fordern.“ Es sei zwar möglicherweise nicht leicht zu vermitteln, aber wenn man im Ausschuss nur verzögern, nicht aber aufhalten könne, „dann ist es doch vernünftig, nicht weiter auf der Grundlage eines Gesetzentwurfes zu debattieren, den man ablehnt“.

Das eröffnet der Regierungskoalition in Berlin ganz neue Perspektiven. Die Gesetze müssen richtig scheiße sein, dann passieren sie auch den Bundesrat.

Die Piraten sollten für diese neo-dadaistischen Kapriolen der Alt-Politiker nicht in Sippenhaft genommen werden. Ihr selbstverschuldeter Niedergang durch die Lust an der personellen Selbstzerfleischung ist nicht verantwortlich für das Abstimmungsverhalten der Altparteien. Es war schlichtweg Blödheit, nicht zu 100 Prozent auf Netzthemen zu setzen, die von den Etablierten nicht verstanden oder nur unzureichend thematisiert werden. Siehe auch: Plädoyer für Laienhaftigkeit.

Es gab bei der Zustimmung zum Leistungsschutzgesetz schlichtweg eine machtpolitische Abwägung: Der Mehrheit der Bevölkerung geht diese Netzdebatte am Arsch vorbei. Und den Verlegern gibt man ein kleines Zuckerle, um im Jahr der Bundestagswahl von den Hütern der Massenmedien nicht abgestraft zu werden.

So bleibt die alte Machtelite noch ein Weilchen unter sich. Man kann Wunden lecken, über alte Zeiten reden und sich gegenseitig auf die Schenkel klopfen, weil die fetten Pensionsansprüche ein Leben ohne digitale Technik möglich machen. Warum sollte man sich da noch mit den Zumutungen der Netzgesellschaft herumschlagen.

Aber wir wollen ja konstruktiv bleiben. Deshalb möchte ich in meiner Mittwochskolumne für das Debattenmagazin The European darüber schreiben, was denn nun auf die Tagesordnung der Netzpolitik gehört? Im Bloggercamp-Gespräch mit Matthias Schwenk haben wir dazu ja ein paar Takte gesagt. Die netzpolitische Agenda sollte erweitert werden und sich nicht nur auf Datenschutz, Staatstrojaner, Netzneutralität oder Urheberrecht kaprizieren.

Netzpolitik werde noch sehr medienlastig gesehen, so Schwenk. Es gehe aber auch um vernetzte Ökonomie, neue Arbeitsformen, schnelles Internet, Digitalisierung von Unternehmen, personalisierter Service, digitale Geschäftsmodelle und, und, und. Es geht also um einen Internet-Masterplan. Da möchte ich am Mittwoch ein paar Denkanstöße geben.

Ein erster Vorschlag von mir. Wir brauchen einen Bundes-CIO mit Ministerrang. Dem Innenministerium sollte die Zuständigkeit für den Bundes-CIO entzogen werden.

Vorschläge erwünscht. Auch Interviews, die ich ganz gerne am Montag führen möchte. Am Dienstag, um 18 Uhr muss das Opus fertig sein.

Siehe auch:

#LSR: Mutlosigkeit.

I accidentally the Peer Steinbrück – Twitter-Account.

Das Leistungsschutzrecht ist kein Sieg, sondern Dokumentation einer Niederlage seiner Befürworter.

Deutschland – Abschied vom Technologiestandort.

Big Data tiefer hängen: #Bloggercamp im Gespräch mit Joachim Graf

Joachim Graf iBusiness

Korrelation sollte man nicht mit Kausalität verwechseln, eine Landkarte hat nicht direkt etwas mit der Landschaft zu tun und eine Speisekarte kann nicht mit der Speise gleichgesetzt werden.

Bei Big Data handelt es ich immer noch um die gute alte Wahrscheinlichkeitsrechnung, die vielleicht schneller Daten verarbeiten kann und deswegen aber noch nicht eineindeutig die Welt erklären kann. Das diskutierten wir mit Joachim Graf von iBusiness für unser Un-Buch-Kapitel „Die Vermessenheit der Big Data-Weltvermesser“. Hier recherchieren wir in Hangout on Air-Runden ein Thema für das Opus „Die Streaming Revolution“.

Auswertung des Werkstattgespräches folgt dann in einem größeren Zusammenhang in einer Version für das Un-Buch.

Un-Buch über Jedermann-TV – Ein Projekt des Teilens und Zusammenarbeitens #bloggercamp #hoa

Streaming Revolution

Im gestrigen Werkstattgespräch über unser Un-Buch (es erscheint als Website und als eBook) zur Streaming Revolution mit und über Hangout on Air – also Videokommunikation, die live ins Netz übertragen wird – wurde uns empfohlen, die Projektidee etwas kürzer und verständlicher zu vermitteln. Hier ein Versuch:

Es gibt Textstrecken, Youtube-Videos mit Demos, Experteninterviews in Hangouts on Air, Lesungen von fertigen Texten in Hangouts on Air mit Unterstützern und Interessenten (um direkt die Verständlichkeit der Texte mit den Lesern zu überprüfen), Vorstellung von neuen HOA-Projekten und, und, und. Ist halt ein fließendes Buch oder Un-Buch mit einem Starttermin aber keinem Endpunkt. Es soll ein Projekt des Teilens und Zusammenarbeitens sein sowie neue Entwicklungen der Videokommunikation immer wieder aufgreifen. Das ist mit einem gedruckten Buch nicht möglich – vielleicht mit Zeitverzögerung in weiteren Auflagen – aber das passiert ja nur mit Bestsellern ;-)

Alles weitere kann man sich in der Aufzeichnung unserer gestrigen Live-Diskussion anschauen. Da braucht man allerdings mehr Zeit. Etwas für die Abendstunden:

Und hier ein Erklärvideo von Hannes Schleeh für die ersten Schritte zum Livestream:

Wer unser Startnext-Projekt finanziell unterstützen möchte, auch über kleine Beträge freuen wir uns sehr, findet hier alle Infos.

Wie öffentlich sind Facebook und Co.?

Antje Schupp wird in der Debatte über die Aktion von Facebook gegen kirchenkritische Meinungsäußerungen des WDR-Moderators Jürgen Domian angst und bange, weil offenbar selbst professionelle Journalist_innen nicht mehr wissen, was Zensur eigentlich ist:

„Nämlich ein von staatlicher Seite unter Strafandrohung verhängtes Verbot, bestimmte Ansichten und Meinungen öffentlich zu äußern.“

Was Facebook hier mache, das ist keine Zensur, sondern eine Form der Kommentarmoderation.

„Möglicherweise eine, die nicht gefällt, möglicherweise auch eine, die staatlich reglementiert werden muss, aber eben keine Zensur.“

Aber natürlich zensiert Facebook Inhalte. Es ist einfach zu kurz gedacht, hier die alte juristische Diktion ins Spiel zu bringen und sich auf Rechtsbegriffe der Vergangenheit zu beziehen.

Es ist eine neue Form der Zensur. Und da reicht es eben nicht aus, Domian den Rat zu erteilen, seine Ansichten eben irgendwo anders ins Netz zu krakeln. Ohne Facebook oder Google findet Netzöffentlichkeit kaum noch statt.

Man müsse deshalb im Netz zu einer neuen Definition von Öffentlichkeit gelangen, sagte Sascha Lobo auf der Republica im vergangenen Jahr. Und er hat recht. Das Twitter, Facebook und Google öffentlich sind, dürfte wohl unbestritten sein. Aber sind sie auch Öffentlichkeit? Hier gebe es große Unterschiede zwischen den USA und Europa.

„Es gibt in Europa das Gefühl der Öffentlichkeit auf einem Platz. Das ist historisch entstanden. Da wurde dieser alte Marktplatz irgendwie zusammen gemorpht. Bei der Dorf-Metapher schwingt die Allmende mit. Das ist ja etwas, was alle benutzen können und allen gehört. Und der Marktplatz ist etwas, wo eine Öffentlichkeit stattfindet. Der Besitz ist dabei zweitrangig – ob nun staatlich oder privat. Genau so eine Definition der Öffentlichkeit brauchen wir für die digitale Welt. Wenn ich postuliere, Facebook ist Öffentlichkeit, dann ist das eine emotionale Definition“, sagt Lobo.

Hier gibt es einen Grundkonflikt, zwischen dem Gespür der Facebook-Nutzer und den juristischen Tatsachen. Der kluge Lawrence Lessig habe den Spruch geprägt „Code is Law“.

„Genau das muss der Kern der neuen Debatte sein. Wir müssen Gesetze haben, um den Raum und die Funktion der Öffentlichkeit zu fassen. Das geht bis zum preußischen Wasserrecht, wo Öffentlichkeit an Seeufern definiert wurde. Da gibt es tausende von Fragmenten, die gesetzlich festgelegt haben, wie diese gesellschaftliche und politische Funktion der Öffentlichkeit zu wirken hat. Und jetzt kommen wir in eine Phase, die über Code geprägt wird“, betont Lobo.

Mit den alten Metaphern würde man scheitern. Man brauche für eine Lösung des Problems wohl Spezialisten aus verschiedenen Disziplinen: Von Ethik, Recht bis Technologie. Etwa eine Ethik-Kommission für virtuelle Öffentlichkeit. Man benötige einen fairen Interessenausgleich. Ansonsten spitzt sich die Frage zu, ob nun das Grundgesetz gilt oder die Allgemeinen Geschäftsbedingungen von Facebook. Wenn der politische Meinungsbildungsprozess auf privaten Servern stattfindet und Mark Zuckerberg nach Lust und Laune virtuelle Existenzen ein- oder ausschalten kann, dann sieht man das Konfliktpotenzial für die Netz-Gesellschaft. Dumm ist also die Disputation über die neuen Sittenwächter des Netzes ganz und gar nicht.

Auch die PR-Doktorin macht es sich etwas zu einfach: Wir disputieren und heulen nicht, werte Bloggerin.

In meiner heutigen The European-Kolumne beschäftige ich mich übrigens mit Big Data, ohne zu heulen: „Die grausame Welt der Daten“ beschreibe ich ohne Weinkrämpfe. Ist eher metaphorisch gemeint.

„Networking ist alles“: Wie man Crowdfunding-Kampagnen zum Erfolg führt #wmbn #bloggercamp

Webmontag im Bonner Waschsalon

Dennis Schenkel von der Plattform Rally.org will die Crowdfunding-Bewegung professionalisieren. Etwa über Fundraising-Roundtable, die auch in Köln gestartet werden sollen.

„Hier kann man Projekte und Plattformen vorstellen, über Erfolgsfaktoren und Probleme diskutieren“, so Schenkel beim Webmontag-Treffen im Bonner Waschsalon in der Kaiserstraße.

Begleitet werde das Ganze mit einem Blog, der in Kürze startet und sich nicht auf das Ausspeien von Nachrichten im Stile eine Aggregators reduzieren soll.

„Crowdfunding ist eine Methode, um Projekte zu finanzieren. Aber nicht durch einen einzigen Geldgeber, wie es Startups in der Regel machen über Risikokapitalgeber, sondern durch viele Investoren. Man sucht sich eine breite Masse, die bereit ist, eine Idee zu unterstützen. Das müssen nicht 1000 Euro pro Person sein. Es sind vielleicht nur fünf Euro. Entsprechend geringer ist die Hemmschwelle bei den Geldgebern. Entscheidend sind die Internet-Plattformen, die das organisieren“, erläutert Schenkel.

Es könne ein soziales Anliegen sein, etwa der Bau eines Kindergartens, oder technische Produkte, Musik, Literatur sowie Kunst.

„Man bekommt also eine Gegenleistung. Das können auch Anteile an einer Firma sein. Bei Spendenaktionen ist es eher ein gutes Gefühl. Bei Wahlkämpfen kann es die Unterstützung eines Kandidaten oder einer Partei sein.“

So wurde Rally vom Präsidentschaftskandidaten Mitt Romney genutzt, um Spenden online einzusammeln – rund 300 Millionen Dollar.

Das alles klingt einfach, sollte aber in der Umsetzung nicht unterschätzt werden. Etwa bei der Auswahl der richtigen Plattform, bei der Kommunikation der Idee, bei der richtigen und verständlichen Präsentation über Videos und Projektblogs, bei der Ansprache von Communities sowie bei viralen Kampagnen im Netz.

„Das ist ein zeitaufwändiges Unterfangen. Es geht um die nötige Aufmerksamkeit, die ich meinen Unterstützern entgegenbringen muss – egal, ob sie mir fünf oder fünftausend Euro geben. Man muss zuvorkommen und ehrlich sein. Aufkommende Fragen müssen direkt beantwortet werden. Wer etwas verschweigt, muss mit dem Scheitern seiner Kampagne rechnen. Also sollte man offen mit Problemen umgehen“, rät Schenkel.

Auch nach der Finanzierung müsse man mitteilen, was mit dem Geld gemacht wurde. Das könnte sich sonst auf Folgeprojekte negativ auswirken.

„Networking ist alles. Man geht zu Events, man redet mit den Leuten, man redet über die eigene Kampagne und animiert andere, die Crowdfunding-Idee weiterzutragen. Wenn meine Kampagne nicht bekannt wird und auf einer Plattform herumdümpelt, kommt auch kein Geld rein“, sagt Schenkel.

Entsprechend werden wir uns anstrengen, weitere Unterstützer für unser Un-Buch über die Streaming Revolution zu gewinnen. Etwa beim morgigen Bloggercamp-Werkstattgespräch, um 18,30 und am Freitag in Expertendiskussionen 🙂

Der Kreml und die Pressearbeit von Facebook – Reaktionen zum Vorgehen gegen Domian

Facebook-Zensursula

Zur offiziellen Beschwichtigungserklärung von Facebook über das Vorgehen gegen den Fernsehjournalisten Jürgen Domian habe ich der Dame von Facebook noch ein paar Fragen gepostet:

Wer schwingt sich denn bei Facebook zur richterlichen Instanz auf, um zu entscheiden, was gelöscht werden muss oder was nicht? Etwa bei dem Punkt Hass-Reden und Mobbing. Aus welchem Grund wurden denn die Postings von Domian überprüft. Gab es eine Intervention/Beschwerde aus Kreisen der katholischen Kirche. Warum geht man nicht den rechtsstaatlichen Weg, um Gerichte entscheiden zu lassen, ob etwas strafrechtlich relevant ist oder nicht. Was hier abläuft ist Willkür. Wie kann man Sie telefonisch erreichen, Frau Tina Kulow? Habe noch einige Fragen. Die möchte ich als Journalist am Telefon klären.

Dann bekomme ich wohl nach Copy and Paste-Verfahren folgende Antwort von Tina Kulow.

„Hallo Gunnar Sohn hier nochmal „ein Pfund“ Infos zum Thema: Facebook ist eine globale Plattform, auf der sich Millionen von Menschen austauschen, sich untereinander verbinden und Dinge, die ihnen wichtig sind, mit anderen Menschen teilen. Dabei sind Authentizität und Sicherheit von höchster Priorität. Auf Facebook sind echte Menschen aktiv, die ihre echten Freunde finden und echte Geschichten erzählen. Dadurch entstehen echte, authentische Beziehungen, wie auch im realen Leben.

Die Gespräche auf Facebook, und die darin vertretenen Meinungen, sind ein Spiegelbild der Menschen, die Facebook nutzen in ihrer ganzen Verschiedenheit. Um den Bedürfnissen und Interessen einer globalen Bevölkerung gerecht zu werden, schützt Facebook Ausdrucksformen, die den auf dieser Seite angegebenen Standards der Gemeinschaft entsprechen. Informationen dazu finden Sie u.a. in den Standards der Facebook-Gemeinschaft unter: https://www.facebook.com/communitystandards.

Für Facebook ist die Sicherheit der Menschen auf Facebook von höchster Priorität. Grundsätzlich ist es so, dass alle Inhalte, die gegen die Richtlinien verstoßen, umgehend gelöscht werden. Solche Inhalte werden aus einer Kombination von technischen Vorkehrungen, den Nutzern selbst und einem Team ausfindig gemacht.

Nutzer können jegliche Inhalte, die gegen die Richtlinien von Facebook verstoßen, melden. Dies kann jederzeit und überall gemacht werden, d.h. es können z.B. Seiten, Personen, Gruppen, Fotos oder Kommentare gemeldet werden. Nachdem eine Meldung bei Facebook eingegangen ist, wird diese von einem Team überprüft und anschließend eine passende Maßnahme ergriffen.

Weiterhin hat Facebook komplexe Systeme entwickelt, die die Erstellung von Inhalten, die gegen die Richtlinien verstoßen, entweder verhindern oder dies markieren, damit das Team so schnell wie möglich darauf aufmerksam wird. Seit seiner Gründung arbeitet Facebook kontinuierlich daran, die technischen Systeme und Techniken zu optimieren, um proaktiv Missbrauch auf der Plattform zu identifizieren und dagegen passende Maßnahmen zu ergreifen.

Möglicherweise hilft Ihnen diesbezüglich die Erklärung, was passiert, wenn man „Melden“ geklickt hat, noch weiter. Hierzu finden Sie eine Information unter: https://www.facebook.com/notes/facebook-deutschland/was-passiert-nach-anklicken-von-melden/452825074730336.

Weiterhin bietet Facebook einen extra Sicherheitsbereich für Familien. Mit ihm bietet Facebook eine weitere Anlaufstelle für Strafverfolgungsbehörden, Eltern, Lehrer und Organisationen. Diesen finden Sie unter: http://www.facebook.com/safety.“

Daraufhin postete ich: Sie haben meine Fragen nicht beantwortet Tina Kulow. Wer entscheidet, wann etwas als Missbrauch eingestuft wird in Sachverhalten, die den Regeln des Rechtsstaates unterliegen wie beispielsweise üble Nachrede. Wer spielt also bei Facebook eine Rolle, die in einem Rechtsstaat der Judikative obliegt? Auf die AGBs können Sie sich nicht zurückziehen. Facebook ist ein essentieller Teil der Netzöffentlichkeit. Warum wurden die Postings von Jürgen Domian „bearbeitet“? Gab es eine „Beschwerde“? Wer hat da von außen interveniert? Wer hat die Löschung der Postings von Domian veranlasst? Warum war das „nur“ ein Versehen? Und wie kann ich die Pressestelle von Facebook für ein Interview erreichen? Das ist doch alles nicht so schwer zu beantworten. Die Pressestelle des Kreml erreiche ich leichter.

Update 18,30 Uhr: Eine Antwort auf meine Zusatzfrage habe ich bislang von der Facebook-Vertreterin nicht bekommen.

Siehe auch:

Wie die Pressearbeit von Facebook „funktioniert“.

Facebooks Geschichte politischer „Zensur“.

Facebook und die Zensur – Jeder geschlossene Raum ist ein Sarg!

Webmontag in Bonn diskutiert heute über Crowdfunding

Crowdfunding gefällt mir

Dennis Schenkel befasst sich schon seit über zwei Jahren beruflich und privat mit Crowdfunding und Online-Fundraising und veranstaltet in Köln und Berlin den Crowdfunding & Fundraising Roundtable. Durch seine Tätigkeiten bei einem der weltgrößten Crowdfunding-Plattformen, Rally.org, konnte er einen tiefen Einblick in die Industrie erlangen. Heute Abend ist er zu Gast beim Webmontag in Bonn. Um 19,30 Uhr im Waschsalon Innovationspoint in der Kaiserstrasse 1b – nicht weit entfernt vom Hauptbahnhof.

Bin auf seinen Vortrag gespannt. Denn wir laufen ja jetzt beim Projekt über die Streaming Revolution Hangout on Air in eine entscheidende Finanzierungs- und Konzeptionsphase.

Unterstützer können wir noch gut gebrauchen.

Zur Zeit läuft ja noch bis Sonntag unsere Umfrage, in welcher Form wir das Un-Buch rausbringen sollen. Bitte beteiligt Euch auch hier fleißig an der Online-Befragung.

Hier noch mein Wort zum Montag:

Siehe auch:

Die TV-Autonomen kommen.

Krautökonomie mit Beethoven.

Big Data-Zaubertricks hinterfragen

Geniestreich Big Data - im Verkauf

Daten bleiben scheu und grausam, sagt Nikolas Bissantz, Gründer und Mehrheitsgesellschafter von Bissantz & Company, im Interview mit der Zeitschrift GDI-Impuls.

„Es ist schwierig, aus ihnen zu lernen und noch schwieriger, das Gelernte umzusetzen.“

Gute Manager müssten in der Lage sein, das Modell zu hinterfragen, das der Analyse zugrunde liegt.

„Zaubertricks, die wir nicht durchschauen, sind sympathisch – im Varieté. Im Business nicht“, erklärt Bissantz.

Big Data sei ein Sammelbegriff für mehrere Phänomene und gleichzeitig ein verkäuferischer Geniestreich. Im Moment werde mehr Zeit in die Speicherung als in die Analyse von Daten gesteckt.

Derzeitig dehnen fast alle Business Intelligence-Unternehmen ihr Angebot auf das Thema Big Data aus, um damit ein Schlagwort mit hoher Aufmerksamkeit zu bedienen, weiß der IT-Personalexperte Karsten Berge von SearchConsult in Düsseldorf.

„Viele Kandidaten auf dem Personalmarkt, die aus dem Vertrieb oder der Beratung kommen, positionieren sich für Big Data-Stellenangebote, ohne genau zu wissen, was sie dabei erwartet. Ein Manager aus dem Verkauf, der in ein Unternehmen gewechselt ist, um Big Data abzudecken, stellte fest, dass er etwas zu euphorisch war und die internen Voraussetzungen beim neuen Arbeitgeber alles andere als positiv waren. Es gab noch keine Kunden und man arbeitete hoch defizitär“, so Berge.

Mehr zu dem verkäuferischen Geniestreich namens Big Data in meiner Mittwochskolumne für das Debattenmagazin „The European“. Statements zum Thema wie immer gefragt. Bis morgen so gegen 14 Uhr.