Roger Willemsen und die Kunst der Interaktion #bloggercamp #litcologne

Lesung auf dem Literaturschiff

Wie schön wäre es gewesen, den Auftritt von Roger Willemsen, Claudia Michelsen und Christian Brückner auf dem Literaturschiff der Litcologne live ins Netz zu streamen und zu erleben, wie Willemsen in der ersten Sekunde seiner Moderation das Publikum in seinen Bann zieht:

„Wir sind beisammen, es ist eine miese Dienstagnacht in Köln und wir können heilfroh sein, dass wir das Ufer gleich hinter uns lassen und hinaus in die Welt schippern. Machen Sie sich klar, dass wir die Welt verlassen. Denn wir werden Kontinente kennenlernen, Jahrhunderte kennenlernen. Wir werden in Wirklichkeiten geführt, von denen Sie keine Ahnung hatten, dass Sie heute Abend mit ihnen in Berührung kommen würden. Sie wollen bestimmt nicht mit allen diesen Wirklichkeiten in Berührung kommen, aber Sie werden! Die Reportage ist eine Gattung, die ansteckend wirken kann….“

Es lohnt sich, meinen kurzen rund fünfminütigen Mitschnitt der Eröffnungsrede von Willemsen bis zum Ende anzuhören.

Wer keine Karte für die Schiffstour ergattern konnte, muss sich bis zum Sommer gedulden, wenn der WDR 5 den Exkurs über die Reportage als Literaturgattung am 4. August in der Sendereihe „Literatursommer“ ausstrahlt.

Um das hautnah zu erleben, muss man dabei gewesen sein – real oder virtuell. Mit einem Format wie Hangout on Air könnte man diese Atmosphäre hautnah einfangen und eine neue Gesprächsform für Abwesende etablieren. Das wollen wir mit unserem fließenden Un-Buch über die Streaming Revolution unter Beweis stellen. In der gestrigen Sendung des Bloggercamps habe ich die Sprachästhetik von Roger Willemsen in den höchsten Tönen gelobt.

Sie würde sich auch im direkten Austausch mit der Netzöffentlichkeit bewähren und die Interaktion im Social Web beflügeln.

Wir werden uns jetzt auf die Suche begeben, spannende und experimentelle Projekte für das Internet-Streaming zu finden, selbst zu kreieren und zu fördern: Auf den Spuren der TV-Autonomen :-). Do-It-Yourself-Fernsehen bildet die Realität nicht nur ab, sondern bietet echten Einblick. Was diese Entwicklung für ein Potenzial hat, zeigt eine revolutionäre Erfindung der alten Griechen.

Vielleicht sind es zwei Phänomene, die sich auch in der Videokommunikation ausdrücken werden. Sie wurden vom Medientheoretiker Douglas Rushkoff auf der Digitalkonferenz South by Southwest (SXSW) in Austin/Texas vorgestellt. Siehe den Bericht von ausführlichen Bericht von Ulrike Langer:

Narrative collapse: Dramaturgisches Erzählen weicht non-linearen, offenen Erzählmustern. Wie in einem Videospiel hat der Nutzer jederzeit eine Fülle von Optionen.

Digiphrenia: Digitale Plattformen und Werkzeuge lassen uns an vielen Orten zur gleichen Zeit sein.

Um das herauszufinden, haben wir heute eine Umfrage gestartet, die noch bis zum Sonntag der nächsten Woche läuft. Es wäre toll, wenn sich viele daran beteiligen würden.

Man hört und sieht sich.

Sofortheit, wenn und wann ich es will #bloggercamp

Lobo im Aufzeichnungsmodus

Sascha Lobo hat in seiner heutigen Kolumne mit dem Herumgejammer über das Bedürfnis der Internet-Nutzer nach sofortiger Befriedigung aufgeräumt:

„Obwohl Sofortheit und Echtzeit in den sozialen Medien so allgegenwärtig scheinen, lässt sich eine Abkehr von Instantmedien beobachten: Die klassische synchrone Sofortkommunikation Telefonat etwa wird unwichtiger. Stattdessen sind chatartige Kommunikationsformen nach vorn gerückt. Das zentrale Merkmal des Chats ist, dass man sowohl synchron kommunizieren kann wie auch asynchron. Wann man auf eine Nachricht reagiert, ist frei verschiebbar, von unmittelbar sofort bis zum Tag der BERöffnung.“

Die oft kritisierte Beschleunigung, die Informationsflut, die damit einhergehende Ungeduld, die digitale Hektik, die gesamte Netzkultur der Sofortness, sei als Angebot und nicht als Verpflichtung zu betrachten.

„Das aus Sicht der Merkelartigen etwas verstörende Alles,Immer, Sofort bedeutet nicht Reizüberflutung in Echtzeit rund um die Uhr. Sondern nur die jederzeitige Möglichkeit dazu. In der Zwischenzeit kann man rumliegen und das blitzschnelle Twitter Twitter sein lassen. Echtzeit entpuppt sich als leicht irreführender Begriff, zum besseren Verständnis müsste es Wunschzeit heißen.“

Bei der synchronen Sofortkommunkation habe ich diese Wahlfreiheit nicht. Deshalb nerven ja auch Telefonate. Die Erwartungshaltung des Anrufers ist die sofortige Reaktion des Angerufenen. Versucht jemand mich auf dem Festnetz anzurufen und ich gehe nicht ran, weil ich gerade schreibe oder recherchiere oder mich aufs Ohr gelegt habe, ertönt danach sofort ein Anruf auf meinem Mobilfunkgerät. Ignoriere ich auch diesen Anruf, bleibt als nervende Mahnung dann noch eine hektische Ansage auf dem Anrufbeantworter übrig. Manchmal sogar doppelt. Das Telefon ist ein hektisches Unterbrecher-Medium – im Gegensatz zum Social Web.

Das gilt übrigens auch für die Unternehmenskommunikation.

„Im Social Web wird in einer breiteren Forumsform diskutiert. Es gibt kaum noch ein Interesse an einer Punkt-zu-Punkt-Kommunikation. Die asynchrone Kommunikation dominiert“, sagt Genesys-Manager Heinrich Welter.

Tradierte Hersteller und auch Hotline-Anbieter würden die Signale noch nicht richtig deuten. Das dürfte sich irgendwann rächen.

„Dabei sorgt die asynchrone Kommunikation für eine Entlastung der Service-Center. Agenten könnten parallel unterschiedliche Tätigkeiten ausführen, was über das Telefon nicht möglich ist. Auch die Qualität der Beratung steigert sich enorm. Auskünfte über Twitter sind fundierter, weil niemand eine Reaktion in Echtzeit erwartet. Durch den kleinen Zeitvorteil kann man viel besser auf die Ressourcen im Wissensmanagement zurückgreifen und personalisierte Auskünfte erteilen“, so die Erfahrung von Welter.

Ein asynchroner Nutzen entsteht auch beim Einsatz von Live-Übertragungen ins Internet über Dienste wie Hangout On Air:

„Im Unterschied zu einer profanen Videokonferenz liegen die Live-Hangouts als Youtube-Aufzeichnungen vor. Sie bieten unendliche Möglichkeiten der Zweitverwertung via Slideshare, Youtube, Blogs, Xing, Twitter und Co“, sagt Bloggercamp-Mitorganisator Hannes Schleeh.

Es ist also nicht so wild, wenn Ihr morgen unser Bloggercamp-Werkstattgespräch über das Un-Buch-Projekt „Die Streaming Revolution“ ab 18,30 Uhr versäumt. Danach die Aufzeichnung anschauen und eben nicht in Echtzeit kommentieren, sondern auf unseren Blogs oder auf Youtube. Wer dennoch live dabei ist, kann uns via Twitter Zwischenrufe schicken. Hashtag

Unser Gesprächsgast ist übrigens Michael Dreusicke, Gründer und Geschäftsführer von PAUX Technologies. Man hört und sieht sich 🙂

Morgen früh erscheint übrigens noch eine The European-Kolumne von mir über das Thema „Die TV-Autonomen“. Da geht es natürlich um Videokommunikation.

Icon Poet: Eine bewegende Bilderwelt – Von Gutenberg zum Video-Streaming

Icon Poet

Eine Welt verändert sich, wenn sich die Medien ändern, meinte der Schriftsteller Walter Benjamin.

Bilderwelten

Und vielleicht sind es gar nicht so gravierende Veränderungen, die zu einer gesellschaftlichen Veränderung beitragen. Zu dieser Auffassung neigt auch der Philosoph Peter Sloterdijk im Gespräch mit Hubert Burda – veröffentlicht in dem Band „IN MEDIAS RES – Zehn Kapitel zum Iconic Turn“:

Wir scheren uns um Bilderwelten

„Die Griechen haben ja bekanntlich zu den orientalischen Schriftsystemen, die reine Konsonantenschriften gewesen sind, eine kleine Erfindung hinzugefügt, die aus der historischen Entfernung genauso geringfügig erscheinen könnte wie der Übergang bei Gutenberg zum Druck mit den beweglichen Lettern.“

Wir sind im Bilde

Es geht um die Erfindung des autonom lesbaren Textes, weil man zum ersten Mal die Stimme des Autors rekonstruieren konnte – es geht eben um Vokale. Für die Entzifferung der Konsonantenschrift brauchte man immer einen Vorleser, der sagt, wie der Text gesprochen werden muss – „ein Sachverhalt, der im Hebräischen bis auf den heutigen Tag fortbesteht“, so Sloterdijk. Tendenziell sei der europäische Leser also ein autonomer Leser.

„Oder anders ausgedrückt, ein Autodidakt, der auf eigene Faust die Stimme der Ahnen entziffern kann“, erklärt Sloterdijk.

Aus Icons Geschichten schmieden

Ein digitaler Autodidakt, der heute ohne Ü-Wagen, ohne Ausbildung zum Kameramann oder zur Kamerafrau und ohne schweres technisches Gerät Fernsehen machen kann. Bewegtbilder in Echtzeit. Zu jeder Zeit, an jedem Ort.

TV-Produktion nur für die Elite?

Wie sich die Videokommunikation auf die Gesprächskultur auswirken wird, ist Thema meiner Mittwochskolumne für das Debattenmagazin „The European“ und wird auch beim Werkstattgespräch des Bloggercamps zu unserem Projekt „Die Streaming Revolution“ diskutiert ab 18,30 Uhr. Hashtag für Twitter-Zwischenrufe

Wer zu meiner Kolumne etwas beitragen möchte, kann mich morgen (Dienstag) so bis 14 Uhr kontaktieren. Dann könnten wir via Hangout on Air oder Telefon noch Interviews durchführen. Man hört und sieht sich.

Das Spiel Icon Poet ist übrigens recht amüsant. Sollten wir mal in einer Bloggercamp-Sendung spielen. Geschichten nicht aufschreiben, sondern live im Hangout on Air vortragen und darüber abstimmen lassen.

Ein fucking neues Un-Buch: Ideen für unser Crowdfunding-Projekt „Die Streaming Revolution“

Alles fließt

Wie kann man ein Buch verflüssigen, wenn es in konventionellen Maßstäben erscheint? In einer gedruckten Form braucht man gar nicht darüber nachdenken. Und als eBook?

Bei unserem Crowdfunding-Projekt über die „Streaming Revolution – Ein flüssiges (da dachte ich wieder zu sehr an Gerstensaft) fließendes Buch über und mit Hangout on Air“ war uns von vornherein klar, dass wir die ausgetretenen Pfade von Buchpublikationen verlassen müssen. Finanzierung selber über Netzwerkeffekte auf die Beine stellen. Ohne Restriktionen eines Verlages operieren. Keine knebelnde Autorenverträge akzeptieren. Nicht mit irgendwelchen schwerfälligen Vertriebsstrukturen arbeiten. Keine 08/15-Empfehlungen von Lektoren einholen. Zur Republica Anfang Mai in Berlin die erste Version veröffentlichen und dann weiter an dem Projekt arbeiten. Es gibt zwar einen Anfang, aber kein richtiges Ende bei unserem Schaffensprozess.

In der Steuerung des „Buches“ neue Wege gehen. Videos einbauen, andere Navigationsmöglichkeiten einräumen, Suchfunktionen ermöglichen, das Teilen nicht nur auf kleine Markierungen reduzieren und, und, und. Nicht abhängig sein von eBook-Readern, die technisch begrenzte Fähigkeiten aufweisen. Das alles diskutierten Hannes Schleeh und ich mit Michael Dreusicke, Gründer und Geschäftsführer von PAUX Technologies, um unsere nächste Bloggercamp-Schreibwerkstatt am Mittwoch, um 18,30 Uhr vorzubereiten. Ich freu mich schon auf das Gespräch mit Michael.

In unserem Projekt brauchen wir uns nicht an Konventionen halten. Wir können alles neu denken. Fucking neu! Eine Art Un-Buch oder Nicht-Buch, wo es doch auch schon Unkonferenzen und ähnliches gibt. Wenn wir Live-Videos als Rechercheinstrument einsetzen, sollten auch bewegte Bilder in unserem Streaming-Opus im Vordergrund stehen. Wir könnten sogar erklärende Texte über unsere Schreibwerkstätten ins Un-Buch hineinlesen – egal, wo wir gehen und stehen. Auf der Zugspitze oder in der Kneipe.

„Video ermöglicht eine persönlichere Kommunikation, als es das geschriebene Wort jemals bieten kann. Und anders als beim geschriebenen Wort, benötigt Video keine Vorbildung, keinen Duden und keine Schönschrift. Video ist keine Abbild, sondern ein echter Einblick in unser Leben. Video ist gelebte Kulturtechnik“, so Markus Hündgen (@videopunk) in einem Beitrag für die aktuelle Wired-Ausgabe.

Und Hangout on Air ist die technische Revolution für Jedermann-TV – wo doch das klassische Fernsehen die letzte Bastion der massenmedialen Gatekeeper ist – häufig eine Ansammlung von eitlen Selbstdarstellern.

Was bewirkt die Graswurzel-Talkultur? Wird auch das Fernsehen Opfer der zerstörerischen Kraft des Digitalen? Bislang wird ja das so genannte Social TV in der Kategorie des “Second Screen” gesehen – also als Begleitmedium für TV-Sendungen, wo etwa über Twitter “Wetten, dass” mit Markus Lanz hoch und runter kommentiert wird. In dieser Wundertüte steckt vielleicht mehr drin. Das sollten wir in der Schreibwerkstatt mit dem Berliner Professor Ralf T. Kreutzer, Co-Autor des Buches „Digitaler Darwinismus“ vertiefen.

Man hört und sieht sich vielleicht am Mittwoch bei der Bloggercamp-Schreibwerkstatt.

Wie Streaming-Dienste die Kommunikation verändern #cebit #webciety #bloggercamp

Videokommunikation Mittelstand

Videokommunikation ist spätestens seit den Erfolgen von Diensten wie Skype oder Google-Hangout ein beherrschendes Thema für Beruf und Freizeit: Die Popularität dieser Dienste führt auch zu einer stärkeren Nachfrage nach technischen Lösungen, die speziell auf Unternehmen zugeschnitten sind. Davon ist Produktmanager Johannes Nowak vom ITK-Spezialisten Aastra überzeugt:

„Vor allem die Erfahrungen aus der privaten Nutzung übertragen sich auf die Wirtschaftswelt.“

Und das gilt auch für Streaming-Dienste wie Hangout on Air. Das war zumindest der Tenor von Gesprächen, die Hannes Schleeh und ich auf der Cebit geführt haben.

Streaming-Experte Sascha Stoltenow

Sascha Stoltenow hat das am Webciety-Stand sehr schön auf eine griffige Formel gebracht: ‚Was macht Ihr Messestand eigentlich Nachts?’ Oder anders formuliert. Welche Formate biete ich, um auch mit Abwesenden zu kommunizieren. Egal, ob es sich um Messen, Konferenzen oder Kundenveranstaltungen dreht. Hier bewährt sich Echtzeitkommunikation über Streaming-Dienste, die Aufzeichnungen ermöglichen, um auch nach einer Live-Übertragung im Netz präsent zu sein“, sagt mein Bloggercamp-Kollege Hannes Schleeh.

Es reicht eben nicht aus, ein Feuerwerk am Messestand abzufackeln und eine Menge Geld auszugeben, ohne die Möglichkeiten der Interaktion auszuschöpfen. Oder in den Worten von Mercedes Bunz. Man muss das Verfallsdatum Informationen verlängern und sollte dabei auf die Aufmerksamkeitslogik des Netzes achten. Virale Kommunikation über Hangout on Air bietet die Chance, Inhalte immer wieder zu reproduzieren, zu wiederholen und kommentierbar zu machen.

Unterstützer für unser Buchprojekt gesucht

Erich Auerbach hat dazu ein feines Buch geschrieben unter dem Titel „Mimesis“. Es geht um das Nachahmen und Reproduzieren der Realität. Allerdings muss jeder Sender auch Empfänger von Botschaften sein und dafür sorgen, in den Dialog mit der Netzöffentlichkeit zu kommen. So können Unterstützer und Leser unseres Streaming-Buches auch Teil des Schaffensprozesses werden und aktiv in den Schreibwerkstätten mitmischen, die wir jede Woche live übertragen.

Das werden wir in Kürze mit Sascha Stoltenow in einer der nächsten Bloggercamp-Werkstätten für unser Buchprojekt „Die Streaming Revolution“ vertiefen.

Wer unser Crowdfunding-Projekt unterstützen möchte, findet hier alle nötigen Informationen.

Mal schauen, ob übrigens Facebook beim Thema Video mal die Füße hochbekommt.

Warum deutsche Unternehmen anfangen sollten, mit dem Social Web zu spielen #twittwoch #cebit #webciety

Netzspiele

Sascha Lobo hat in seiner Spiegel Online-Kolumne die deutsche Netzkrankheit trefflich beschrieben: Es wird nur das praktiziert, was vermeintlich sicher funktioniert. Dabei missachtet die Wirtschaft hierzulande das wichtigste Erfolgsrezept des Internets: Die ständige Neu- und Weiterentwicklung, die kleinteilige, experimentelle Überprüfung, Mut zum Dauerversuch und Dauerirrtum. Letztlich führt die „German Angst“ vor dem Scheitern im Digitalen zum Scheitern digitaler Projekte.

„Es ist nicht so, dass diese Eigenschaft der technologischen Risikoaversion grundsätzlich schlecht wäre. Überall dort, wo es sinnvoll ist, nur gesichertes Terrain zu betreten, dort, wo kleinste Fehler Katastrophen auslösen können, im Maschinenbau, bei der Fahrzeugherstellung, ist es sogar Ingenieurspflicht. Das perfektionistische Bestreben, jeden Fehler schon vorab auszuschließen, hat so zweifellos zu hervorragenden Industrieprodukten geführt. Im Netz heißt es, dass der fehlerfreie Plan für eine neue Plattform zu 50 Prozent fertig ist, wenn die Idee anderswo schon zehnmal umgesetzt wurde und neunmal davon mit wertvollen Lerneffekten gescheitert ist. Nur vermeintlich sichere Schüsse abzugeben ist auch der Grund für die deutsche Copy-Cat-Unkultur bei jungen Internetunternehmen. Es gibt viele, auch gute Ideen, aber es werden strukturell diejenigen bevorzugt, die ihr Funktionieren bereits bewiesen haben“, so Lobo.

Das digitale Produkt sei nie fertig, sondern wird als ständiges Experiment begriffen, dessen Fehler die Verbesserung ermöglichen. Die großen Netzkonzerne würden sich nach diesem Verfahren minütlich weiter entwickeln. Deshalb wird auch unser Buchprojekt „Die Streaming Revolution“ fließend bleiben. Das haben wir in unserer Bloggercamp-Schreibwerkstatt auf der Cebit noch einmal verdeutlicht.

Auch da werden wir permanent Streaming-Projekte ausprobieren, verwerfen, neu überlegen und verfeinern.

Hannes Schleeh spielt gerne mit Brillen

Vielleicht brauchen wir in Deutschland mehr Persönlichkeiten wie Léo Apotheker. Bei SAP und HP ist er als Vorstandschef kalt abserviert worden. Er mag als Führungskraft gescheitert sein, nicht aber als Visionär und analytischer Kopf für die vernetzte Ökonomie.

„Unternehmenssoftware“, so Apotheker, „muss so leicht konsumierbar werden wie Web 2.0-Dienste oder sogar Videospiele.“

Als Impulsgeber bleibt der Kosmopolit Apotheker aktiv. Er hat den Plan, IT-Unternehmen zu verbinden, die gute Geschäftsideen auf der Basis der digitalen Vernetzung ganzer Industrien haben. Beispielsweise unter dem Stichwort Smart Grids.

Hier könnten europäische Unternehmen im IT-Wettbewerb mit den USA Boden gutmachen. Davon ist auch der Netzwerk-Spezialist Bernd Stahl von Nash Technologies überzeugt, der zu den Geburtshelfern des Blogger Camps zählt.

Man müsse darüber nachdenken, Energie genauso zu routen wie es im Internet mit Datenpaketen geschieht, skizziert Stahl ein wichtiges technologisches Trendthema für 2013. Hier geht es um digitale Grid-Router, um den Strom von Netz zu Netz weiterzuleiten. Für den Erfolg der Energiewende seien Speichertechnologien im Verbund mit intelligenten Routing-Systemen unabdingbar.

“Die Einführung erneuerbarer Energien führt zu Fluktuationen, die man nicht mehr zentral verwalten kann. Man muss also dezentrale Strukturen einführen. Die Grundarchitektur wird dem Internet ähneln. Es wird autonome Stromnetze geben, die untereinander asynchron aber dennoch verbunden sind. Alle Erzeuger werden so etwas wie eine IP-Adresse bekommen”, prognostiziert Stahl.

Damit die vernetzte Ökonomie spielerisch so funktioniert wie Social Web-Dienste, sollten die deutschen Unternehmen wenigsten mal anfangen, soziale Technologien im Arbeitsalltag einzusetzen und nicht mit Verbotsschildern zu agieren, forderte Stefan Pfeiffer von IBM in seinem Vortrag beim Cebit-Twittwoch.

Jeder Mitarbeiter sollte die Chance bekommen, Erfahrungen im Social Web zu sammeln und auch Fehler zu machen, so Pfeiffer.

„Man lernt nur durch Praxis. Wir haben in den Unternehmen immer noch ein Silo-, Sicherheits- und Herrschaftsdenken. Das ist über Jahr hinweg anerzogen worden. Das kann man wohl nur langsam aufbrechen. Jeder einzelne Mitarbeiter sollte aber zumindest persönliche Nutzeffekte kennenlernen dürfen.“

Es reiche dabei nicht aus, nur neue Technologien zur Verfügung zu stellen. Man brauche in Organisationen vor allem kulturelle Veränderungen.

„Es gibt in jedem Unternehmen Mitarbeiter, die eine hohe Affinität zu sozialen Medien haben. Macht diese Mitarbeiter zu Social Media-Botschafter und bindet sie bei der Einführung von sozialen Technologien ein“, so der Rat von Pfeiffer.

Bei IBM sind es schon 4000 Leute, die man bei internen und externen Social Web-Projekten ansprechen und aktivieren kann. Also dann los: Vernetzt Euch!

Cebit, Big Data und Datenverbrechen

Big Data-Revolution?

Immer, wenn es um Zukunftsprognosen geht, steigt die Fehlerquote der Rechenmethoden. Auch wenn man schmutziges Big Data zum Einsatz bringt und einfach nur Muster aus der amorphen Datenmasse herausschält. Man operiert mit Annahmen und Hypothesen, die mehr über das mechanistische Menschenbild der Analysten als über die untersuchten Personen aussagen – auch wenn das die zumeist naturwissenschaftlich geprägten Big Data-Gurus anders sehen. Wenn fehleranfällige Maschinen Entscheidungen über einzelne Menschen treffen, etwa bei der Verweigerung von Krediten, hört der Spaß auf.

Es reicht dann auch nicht aus, einen Big Data-TÜV ins Spiel zu bringen, bei dem ich die Möglichkeit habe, die Vorhersagen der automatischen Denunzianten-Systeme zu entkräften. So eine Institution hat Professor Mayer-Schönberger vom Internet Institute in Oxford ins Gespräch gebracht: Algorithmen, die Risiko-Vorhersagen für Internetnutzer berechnen, müssten für Experten einsehbar sein, sagte der Autor des neuen Buches „BIG DATA – A REVOLUTION THAT WILL TRANSFORM HOW WIE LIVE, WORK AND THINK“ im Gespräch mit der Zeit:

„Die Faktoren, die in die Berechnung der Prognose einfließen, müssen transparent sein, und es muss Regeln geben, wie der Betroffene das Ergebnis widerlegen kann.“

Umgekehrt wird ein Schuh draus, Meister Mayer-Schönberger. Die Beweislast muss beim Big Data-Anwender liegen. Wenn er mich ohne meine Zustimmung und ohne Offenlegung der Berechnungsmethoden als kriminellen und nicht zahlungsfähigen Alkoholiker einstuft, kann ich das betreffende Unternehmen oder die Organisation als „Datenverbrecher“ anzeigen und strafrechtlich belangen.

„Das Maß aller Dinge ist meine Bereitschaft, Daten von mir preiszugeben. Hier liegt der Kern von Big Data-Anwendungen. Mein digitales Ich, meine digitale Repräsentanz und mein digitales Beziehungsnetzwerk müssen in meiner Hand liegen. Sozusagen ein Recht auf virtuelle Selbstbestimmung. Die Nutzung dieser Daten kann ich den Big Data-Systemen zu jeder Zeit wieder wegnehmen“, so Unternehmensberater Bernhard Steimel, nachzulesen in meinem Beitrag für die Frühjahrsausgabe der Zeitschrift GDI-Impuls.

Wir sollten uns im netzpolitischen Diskurs nicht länger mit personalisierter Werbung aufhalten, die über Big Data im Internet eingeblendet wird. Ich lasse mich von den blöden Anzeigen nicht zum willenlosen konsumsüchtigen Käufer degradieren.

Anders sieht es mit Entscheidungshilfen von Maschinen aus, die mein Leben beeinflussen und hinter meinem Rücken ablaufen. Deshalb fordern wir (also Bloggercamp-Kollege Hannes Schleeh und ich) die Big Data-Vielschwätzer heraus, in unserer Schreibwerkstatt für das Crowdfunding-Buch „Die Streaming Revolution“ den Giftschrank ihrer Systeme zu öffnen und die Treffsicherheit der Prognosen nachzuweisen. Live und ohne doppelten Boden. Das Ganze fließt ein in das Kapitel „Die Vermessenheit der Big Data-Weltvermesser – Ein Crowdsourcing-Experiment mit Hangout on Air“.

Ansonsten klassifiziere ich die Big-Data-Gichtlinge weiterhin nach der Devise von Hoffmann von Fallersleben:

„Der größte Lump im ganzen Land, das ist und bleibt der Denunziant.“

Was das Ganze mit meinem Zigarettenkonsum und meinen Vorlieben für Gerstensaft ohne Hopfenextrakt zu tun hat, erkläre ich morgen in meiner The European-Kolumne.

Absurde Korrelationen findet man ja schon zahlreich: Je mehr Likes ein Krankenhaus hat, desto weniger Menschen sterben dort.

Verleger sind wie Taxizentralen #lsr

Verleger sind wie Taxizentralen

Richard Gutjahr hat die Absurdität des Leistungsschutzrechtes mit einer sehr trefflichen Analogie zur App „MyTaxi“ erläutert.

„Dieses kleine, unscheinbare Programm ist so simpel wie genial: Nur zweimal auf einen Knopf drücken, und das Taxi kommt. Das Smartphone ermittelt den aktuellen Standort, gleicht die Koordinaten mit verfügbaren Taxis in der Umgebung ab und informiert Fahrer über den neuen Auftrag. Seit Sommer kann man über die App sogar kinderleicht bezahlen.“

Zudem wird der Name und das Foto des Taxifahrers eingeblendet, der Taxifahrer kennt meinen Namen und der Standort seines Taxis wird mir auf einem kleinen Stadtplan angezeigt, so dass ich weiß, aus welcher Richtung das angeforderte Fahrzeug kommt. Missverständnisse sind also ausgeschlossen. Beim Einsteigen begrüßt der Fahrer mich dann noch mit meinem Namen – personalisierter Service nennt sich so etwas. Aber was noch wichtiger ist:

„Keine nervtötenden Warteschleifen mehr am Telefon, bis endlich jemand abhebt und meine Bestellung entgegennimmt. Kein Füße-in-den-Bauch-stehen und sich wundern, wo denn bloß das Taxi bleibt“, so Gutjahr.

Zudem brauche ich in einer fremden Stadt den Telefonisten in der Taxizentrale nicht umständlich erklären, wo ich mich gerade befinde. Ich schließe mich dem Votum von Richard an: Das Ganze ist einfach genial.

„Genial für den Kunden – genial für die Taxifahrer. Weniger genial für die Mittelsmänner, die Telefonisten in den Taxizentralen, die in Zukunft nicht mehr gebraucht werden.“

Vielleicht verstehen jetzt Call Center-Manager, warum die personalisierte Dienste via App oder Web Telefonanrufe überflüssig machen. Kein Kunde ruft gerne eine Hotline an. Wenn sich die virtuellen Dienste auf mein Nutzungsszenario einstellen und eine Software mich automatisch bedient, ist mir das tausendmal lieber.

Aber was hat das denn nun mit dem Leistungsschutzrecht zu tun?

Na die Verlage sind in einer Situation wie die Taxizentralen. Sie haben den Web-Diensten von Google & Co. wenig entgegenzusetzen, so Richard Gutjahr.

„Geld fordern für Ideen, die sie selbst nicht hatten. Das ist es, worum es beim Leistungsschutzrecht geht. Und weil im Herbst gewählt wird, traut sich kaum ein Abgeordneter des Döpfners alte Leier zu hinterfragen. Nicht der Journalismus ist tot, sondern die Geschäftsmodelle. Man hätte diese Entwicklung erkennen und sozialverträglich begleiten können. App-Programmierer ausbilden, statt Taxi-Telefonisten. Datenjournalisten statt Warteschleifen-Musik-Komponisten. Hier haben übrigens nicht nur die Verlage geschlafen, sondern auch die Journalistenverbände, die über Jahre hinweg damit beschäftigt waren, die Zukunft zu bekämpfen, statt den Übergang ins Digitalzeitalter zu begleiten. Das Leistungsschutzrecht, ein unheilvolles Gemisch aus Saturiertheit, Ahnungslosigkeit, und mangelnder Kreativität.“

Das LSR ist ein weiterer Indikator für die Rückständigkeit Deutschlands auf dem Web zu einer vernetzten Ökonomie und Gesellschaft. Siehe auch: Im Land der digitalen Lustlosigkeit. Und meine The European-Kolumne: Lustlos im Netz.

Wie Online-Dienste und Startups auf das Leistungsschutzrecht reagieren, hat Martin Weigert sehr schön zusammengefasst.

Ins Schwarze trifft auch das Blogposting von Michael Seemann: “Institutionen werden alles dafür tun, die Probleme, für die sie geschaffen wurden, zu erhalten“, so eine Erkenntnis des amerikanischen Medienwissenschaftlers Clay Shirky. Zu diesem Zweck haben in der westlichen Welt die starken Institutionen der Massenmedien die Politik – und so die ganze Gesellschaft – für ihre Zwecke in Geiselhaft genommen. Die Knappheit von Information muss gewährleistet bleiben, koste es, was es wolle.

Und wie man ohne Mittelsmänner, also ohne Verlage, Projekte auf die Beine stellen kann, wollen wir mit unserer Crowdfunding-Initiative „Die Streaming-Revolution – Ein fließendes Buch über und mit Hangout on Air“ unter Beweis stellen. Die Finanzierungsphase hat vor gut einer Woche begonnen. Jetzt können Unterstützer sich für unterschiedliche Modelle entscheiden, um das Ganze ins Rollen zu bringen 🙂

Die FDP und das Verlegerschutzgesetz: Otto, find ich nicht gut! #lsr #Bloggercamp

Otto sagt Ja zum Verlegerschutzgesetz

Was hat der FDP-Medienpolitiker Hans-Joachim Otto in seiner Funktion als parlamentarischer Staatssekretär des Bundeswirtschaftsministeriums in unserer Bloggercamp-Sondersendung noch für kritische Töne zum Leistungsschutzrecht gespuckt:

„Ich denke, die Bundesregierung sollte durchaus mit den Verlegern darüber reden, ob wir nicht doch einen Weg finden, der gewährleistet, dass sie ihre berechtigten Interessen durchsetzen und ihren Qualitätsjournalismus auch für die Zukunft retten, ohne in die Gefahr zu laufen, dass neue Business-Modelle damit erschwert oder abgewürgt werden (ab Sendeminute 25).“

Ein Konzern wie Google wäre noch in der Lage, sich die notwendigen Lizenzen für die Veröffentlichung von Nachrichten zu kaufen. Für junge Unternehmen, die Nachrichtenportale oder News-Aggregatoren betreiben wollen, sehe das anders aus. Der Gesetzentwurf, der von der Bundesregierung eingebracht wurde, habe eine Menge Kritik und Fragen aufgeworfen:

„Diese Fragen müssen wir seriös beantworten. Es könnte deshalb im Interesse aller Beteiligten sein, wenn wir statt der Gesetzesmaschinerie zu einer Lösung kommen, die einvernehmlich ist“, betonte Otto.

Branchenlösungen seien der bessere Weg als starre Antworten des Gesetzgebers, die den technologischen Entwicklungen stets hinterherhinken. Allerdings müsste das jetzt schnell gehen, denn die Legislaturperiode endet im Sommer. Es sei jetzt fünf vor zwölf.

Und dann hat dieser Mann es noch nicht einmal für nötig gehalten, sich wenigstens zu enthalten. Otto stimmte mit Ja. So etwas nenne ich Kadavergehorsam.

Verscheißern kann ich mich auch alleine. Gerade mal sechs Bundestagsabgeordnete der Regierungskoalition konnten sich durchringen, gegen das Gesetz zu stimmen.

Soweit zur digitalen Kompetenz dieser Regierung.

Siehe auch:

Der Staat als Steigbügelhalter für Abmahn-Gichtlinge: Als Quellen-Angabe künftig nur noch “Totholzgemeinde”.

Jeff Jarvis hat es auf den Punkt gebracht:

„Aber heute mache ich mir Sorgen um Deutschland. Es ist schon ein industrielles Wunder in einer postindustriellen Zeit, wenn Regierung und Medienunternehmen sich gegenseitig umarmen, um alte Institutionen gegen neue Herausforderungen und Chancen zu verteidigen.“

Big Data und das Ende des Kontrollverlustes

Würde ich dann eher als Frage formulieren. Wenn Beckmann in seiner Talkshow aus der Anzeige eines Big Data-Anbieters zitiert und sich danach alle Gäste in Horrorszenarien ergehen, darf doch noch die Frage erlaubt sein, wie gut die Analyse-Systeme wirklich sind. Jedenfalls werde ich das Thema bis Ende April für unser Streaming Revolutionsbuch recherchieren.

Kapitelüberschrift: Die Vermessenheit der Big Data-Weltvermesser – Ein Crowdsourcing-Experiment mit Hangout on Air. Und damit die Übertreibungen der Beckmann-Diskussion nicht im Nirwana der De-Publizierung landen, haben wir das in unserer Schreibwerkstatt für die Ewigkeit festgehalten. Als erste Wegmarke für weitere Interviews.

Am Mittwoch werde ich das noch einmal in meiner The European-Kolumne etwas ausführlicher beschreiben, um was es mir geht.

Hebeln Big Data-Systeme den Kontrollverlust im Netz aus?

„Big Data greift meist auf Bestandsdaten zurück, die zu einem ganz anderen Zweck erhoben wurden (Tracking, Suchabfragen, Mobiltelefonzellenortung, medizinische Daten, etc.) und korreliert sie mit anderen Datensätzen. Das erlaubt verblüffende Erkenntnisse“, schreibt Kontrollverlust-Blogger Michael Seemann.

Aber wie belastbar sind diese Erkenntnisse, Michael? Darüber würde ich gerne mit Michael und anderen Interessierten in Hangout on Air-Sessions reden.

Morgen geht es auf der Call Center World in einer Paneldiskussion von Genesys um Kundenbedürnisse. Wie gut kann man die denn antizipieren? Neudeutsch: Customer Experience Management. Passt ja zu Big Data. Das Ganze wird von mir moderiert und via Hangout on Air live ins Netz übertragen. Hashtag für Twitter-Zwischenrufe

Start wahrscheinlich so gegen 19,30 Uhr. Vielleicht auch etwas später.

Bin bis Donnerstag also in Bärlin. Am Mittwoch gibt es eine Bloggercamp-Schreibwerkstatt aus drei Städten: Berlin, Barcelona und Nürnberg.

Siehe auch:

Einfach geht vor schön: Was Kunden von Anbietern erwarten.