Neun Minuten #TechNews #9vor9 #CIOKuratorLive @axelopp @Digitalnaiv

Wir haben ein wenig überzogen 😉

Jeden Dienstag – wichtige Technews für die Woche. Diesmal mit Axel Oppermann und Stefan Pfeiffer von ciokurator.com

Themen:

FAZ: Kniefall vor Amazon statt Qualitätsjournalismus

Bitkom-Alarmismus

GroKo-Digitalpolitik ohne Revolution

Axel O. Presse-Show:

Multi Cloud Studie

45 Prozent der Firmen wählen aus Kostengründen mehr als einen Cloud-Anbieter

40 Prozent wollen mit mehreren Cloud-Anbietern Risiken minimieren

78 Prozent der Entscheidungsträger in der IT-Branche geben an, dass ihre Unternehmen nach Wegen suchen, mithilfe künstlicher Intelligenz Probleme der Multi-Cloud-Verwaltung zu lösen

Multi-Cloud: 45 Prozent der Firmen wählen aus Kostengründen mehr als einen Cloud-Anbieter

https://www.xing.com/news/insiders/articles/multi-cloud-45-prozent-der-firmen-wahlen-aus-kostengrunden-mehr-als-einen-cloud-anbieter-1175708?xng_share_origin=web

Chip-Markt

Broadcom erhöht (feindseliges) Angebot für Qualcomm auf 121 Milliarden Dollar

https://www.japantimes.co.jp/news/2018/02/06/business/chip-wars-broadcom-raises-hostile-bid-qualcomm-121-billion-quest-top/#.Wnlu5pOdWi5

https://uk.reuters.com/article/us-qualcomm-m-a-broadcom/broadcom-unveils-121-billion-best-and-final-offer-for-qualcomm-idUKKBN1FP1KX

Und Apple wird mutmaßlich in 2018 iPhone Lineup auf Intel setzen; und Qualcomm ersetzen

https://uk.reuters.com/article/uk-apple-qualcomm-intel/qualcomm-shares-fall-as-reports-say-apple-may-scrap-its-chips-idUKKBN1FP22K

Hätten wir auch noch aufgreifen können:

Arbeiter, Mittelklasse, Oberschicht: Wie Facebook seine Nutzer einteilen will

Jobkiller-Prognosen im Rennen um Aufmerksamkeit #FutureWatchDe #DLD18 #wef18

Volkswirtschaftliche Effekte von Innovationen zu prognostizieren, ist fast ein Ding der Unmöglichkeit. Den Wirtschaftsforschungsinstituten gelingt es ja nicht einmal, die Entwicklung des BIP-Wachstums vorherzusagen, obwohl diese „Rechenschieber-Ökonomen“ mit rund 50 Millionen Euro vom Bund finanziert (alimentiert) werden. Dann kommen noch Drittmittel der Länder und anderer Träger hinzu. Aber das sollten wir mal gesondert näher beleuchten.

Wie verhält es sich mit den Arbeitsplatzprognosen in der digitalen Sphäre? Zu den bekanntesten Glaskugel-Wissenschaftlern zählt der Oxford-Ökonom Carl Benedikt Frey, der 2013 als Co-Autor der Studie „The Future of Employment“ davor warnte, dass die Digitalisierung 47 Prozent der Industriejobs in den USA gefährde.

Auf der Digitalkonferenz DLD in München hat Frey jetzt ein paar Thesen nachgelegt,die der Netzökonom Holger Schmidt dokumentiert. Beispiel: „Neue Stellen für Hochqualifizierte werden nur in den Städten geschaffen“. Das sei gut für die Städte, schlecht für die Regionen, in denen sie fehlen. Puh. Was für eine Aussage. Der Trend könnte sich allerdings auch umdrehen, wenn ländliche Regionen anfangen, in Co-Working-Angebote und superschnelles Internet zu investieren.

Auf LinkedIn habe ich auf die Thesen von Frey reagiert. Wichtigste Aussage des KI-Experten Stefan Holtel: Nicht Jobs werden wegfallen, sondern Tätigkeiten. Was sich nachhaltig ändern wird, sind die Arbeitsplatzprofile.

„KI und Robotertechnik werden in Verbindung mit der digitalen Transformation eine große Rolle spielen. Die Aussage, in 15 Jahren wird die Hälfte aller Arbeitsplätze wegfallen, macht sich für die Presse gut. Das ist aber keine seriöse Herangehensweise“, kritisiert Holtel.

Dazu gibt es einige interessante Kommentare.

Etwa von Christian M. Bartels:

„Ich sehe sehr viele Parallelen zur Automatisierung durch Industrieroboter in den 70er und 80er Jahren des letzten Jahrhunderts. Es gab massive Streiks, weil die Belegschaften ganzer Fertigungsstraßen durch Roboter ersetzt wurden. Die Voraussagen und Befürchtungen aus dieser Zeit waren mit denen aus den genannten heutigen Studien sehr ähnlich. Können wir nicht die historischen Befürchtungen, Vorhersagen und Fakten auf 2018 übertragen, um dadurch genauere Aussagen zu treffen als die erwähnten Aufmerksamkeitsstudien?“

Oder:

Auf Facebook:
Lama Alpaqqa:

„Solange weder Führungskräfte noch HR-Abteilungen präzise Anforderungsanalysen erstellen, können sie ja weder klare Einstellungsprofile generieren noch ein sauberes Lastenheft für die Automatisierung von Jobs liefern. Dass der Fachkräftemangel zu weiten Teilen auf mangelnder Personalentwicklung, unvaliden Jobkriterien und eben diesem Mangel beruht, ist eine Binse. Aber viele Firmen halten ihre eigene HR-Abteilung noch immmer für das 5. Rad am Wagen und wenn man hinschaut auf welchen Methoden dort noch immer Entscheidungen getroffen werden, dann ist das vordergründig gerechtfertigt, aber leider eben auch ursächlich für den größten Teil der Organisationsprobleme. IT lindert keines der Problem sondern schafft zusätzlichen Bedarf an Kompetenz, die dort aber nicht vorhanden ist mangels methodischer und statistischer und nicht zuletzt psychologischer Expertise. Wie immer wird auch dort der Kompetenzmangel mittels Hierarchie, Verwirrung und Nebelkerzen elegant verschleiert. In der Folge kommen die Berater und versuchen die „Kommunikationsprobleme“ aufzulösen. Nach Jahren sind die entscheidenden Personen dann so weit aufgestiegen, dass der Mangel systemische Relevanz hat und von den ehemaligen Verursachern durch M&A oder Restrukturierungen bis zur Unkenntlichkeit pulverisiert. Da ist KI oder IT dann ein Problem für andere…“

Das sind mal ein paar Reaktionen, die ich herausgesucht habe.

Ich möchte das Thema vertiefen und suche Kenner der Materie für Live-Videos via Skype. Bitte bei mir melden. Aktion läuft unter dem Hashtag #FutureWatchDe

Künstliche Intelligenz und die Trivialisierung des Menschen – Ausblick auf die #NEO17x Session von @condet020274

KI-Forschung und das mechanistische Weltbild der Anwender. Der Mathematiker Conny Dethloff gibt einen Ausblick auf seine Thesen zur Digitalisierung der Arbeitswelt, die er am 10. November auf der Next Economy Open vorstellen wird:

Man hört, sieht und streamt sich auf der Next Economy Open vom 8. (Preview) bis 10. November.

Eventseiten auf Facebook:

Preview.

Und Hauptprogramm.

Plattformen mit vielfältigen Daten gewinnen #watsonat #CIOKuratorTalk

Selbst digitale Champions sind angreifbar. Beispiele von Yahoo bis AOL gibt es reichlich.
Das gilt auch für den Online-Marktplatz eBay: Im Unterschied zu eBay spielt beispielsweise auf dem Marktplatz von BlaBlaCars nicht der Preis die Hauptrolle, sondern vielfältige Daten. Nachzulesen im neuen Buch „Das Digital“ von Viktor Mayer-Schönberger und Thomas Ramge“, erschienen im Econ Verlag:

„Mitfahrer können zum Beispiel die Angebote danach durchsuchen, wie gesprächig der Fahrer ist (daher der Name BlaBlaCar), welche Musik sie mögen oder ob Haustiere mitfahren dürfen – und somit das für sich perfekt geeignete Angebot auswählen. Der Preis spielt in dem Modell nur eine untergeordnete Rolle, denn die Fahrer Fahrer können diesen nur innerhalb einer vorgegebenen Spanne festlegen.“

Andere Plattformen gehen ähnlich vor. Etwa der Reiseanbieter Kayak, die Investmentfirma SigFig oder die Jobbörse Upwork. Es entstehen immer mehr Märkte, die auf vielfältige Daten setzen und dadurch Nutzern helfen, optimale Transaktionspartner zu finden.

Gefragt ist hierbei mehr Intelligenz in der Datenanalyse. Hier müssen nach Ansicht von Karl-Heinz Land die Firmen auf eigene Strategien für Daten, Cloud und Künstliche setzen, sonst hat man im Wettbewerb keine Chance.

Das gelte für Internet-Giganten wie für Handwerker und Bäcker. Schwächen in der digitalen Welt übertragen sich irgendwann auch auf die physische Welt, so Land im Interview auf dem Watson Summit in Wien.

Was denkt Ihr?

Die Autonomen kommen – Über Logistik, Zalando und Schwarm-Mobilität

Zusammen mit meinen Redaktionsassistenten Yoda und Steve Jobs führte ich eine interessantes Live-Interview mit Holger Rieth von Stute Logistics über autonomes Fahren, KI, Robotik und Automatisierung.

Das Ganze läuft unter dem Format-Titel

Habt Ihr Anregungen? Geht das in die richtige Richtung?

Autonome Mobilität: Was verändert sich im Transportwesen? Antworten um 16 Uhr im Livestream

Der autonome LKW fährt 24 Stunden am Tag und er muss keinen Parkplatz suchen.

„Seamless logistics – also die nahtlose Logistik – ist der feuchte Traum der Logistikbranche“, so Professor Lutz Becker in einer FutureHubs-Fachrunde der D2030-Zukunftsinitiative.

Das werde Konsequenzen haben. Was werden dann die LKW-Fahrer machen? Selbst die das Be- und Entladen gehe über Roboter.

„Ich glaube, diese Entwicklung wird sehr schnell kommen, weil der ökonomische Druck so hoch ist. Wenn der LKW den halben Tag steht, brauche ich zwei LKWs. Bei der autonomen Mobilität brauche ich nur noch einen“, sagt Becker.

Das werde die Branche völlig umkrempeln: Keine Wartezeiten, ständige Verfügbarkeit, Reduktion der Ausfallzeiten und vieles mehr.

Hier müssten die Ökonomen im Sinne der Möglichkeitswissenschaft Antworten liefern, fordert Professor Uwe Schneidewind, Präsident des Wuppertal Instituts.

„Was heißt das für so eine Branche, was bedeutet das im Hinblick auf die Arbeitsplätze, die dort verloren gehen, wie nehme ich heute Menschen mit, wie mache ich heute schon Berufsinformationen und weise darauf hin, welche Zusatzqualifikationen vonnöten sind.“

Wie müssen Flächennutzungspläne und Verkehrswegepläne angepasst werden? Welche Gedanken macht sich heute die Politik über die neuen Mobilitätszzenarien, die alles andere als utopisch sind? Wie sieht das die Praxis?

All das diskutiere ich mit Holger Rieth, Bereichsleiter IT von STUTE Logistics in unserem Format #CIOKuratorLive. Um 16 Uhr im Livestream auf YouTube. Debattiert mit über die Chatfunktion von YouTube rechts neben dem Webplayer.

Man hört, sieht und streamt sich gleich

#FutureHubs Exzellente Diskurse über die Zukunft #D2030

Ein großes Dankeschön an alle, die bei den FutureHubs mitgemacht haben.

Wie unschuldig sind Algorithmen? #D2030 #FutureHubs @FuturICT

Sind Algorithmen unschuldig und neutral, fragen sich Anna-Verena Nosthoff und Felix Maschewski in einem Gastbeitrag für die NZZ und zitieren Mark Zuckerberg, der bei der Debatte über die Verbreitung von Fake News erklärte, es sei schlicht „verrückt“ anzunehmen, seine Firma Facebook habe die US-Wahl beeinflusst, sie stelle nur eine „neutrale Plattform“ dar:

„Auch der CEO der britischen Datenfirma Cambridge Analytica (CA), Alexander Nix, betont die Vorurteilslosigkeit der Technik – zuletzt in seinem Vortrag ‚From Mad Men to Math Men'“, schreiben die Autoren.

Erwähnt wird die These der Mathematikerin Cathy O’Neil: Algorithmen seien „in Code eingebettete Meinungen“. Sie repräsentierten die Werte ihrer Programmierer, operierten per se nicht neutral, würden daher häufig Vorurteile reproduzieren – schliesslich werden die ‚Problemlöser‘ selbst zum Problem.

Ähnlich sieht es der KI-Experte Stefan Holtel.

„Nicht die Algorithmen werden in der KI zu vielen Problemen führen, sondern die Vorurteile, die in den Daten stecken.“

Also Vorurteile, die wir alle in die Daten stecken.

Wenn auf dieser Basis die KI-Systeme ihre unermüdliche Arbeit aufnehmen und Entscheidungen vorbereiten oder sogar selbst treffen, kommt ziemlicher Mist dabei heraus. Kunden, die keinen Kredit mehr bekommen, Versicherte, die Prämienerhöhungen hinnehmen müssen oder gar Netzaktivisten, die als potenzielle Störenfriede der Gesellschaft aussortiert werden. Fast alle Daten, die von Black Box-Maschinen verarbeitet werden, sind von Menschen annotiert worden.

„Wir reichern vermeintlich objektive Daten mit unseren Weltmodellen an. Das wird von keinem Algorithmus hinterfragt“, so Holtel.

Konsequenz: Es fällt uns immer schwerer, die Richtigkeit von Datenberechnungen zu erkennen. Das Ganze ist sogar ein paradiesisches Feld für Trickser, Agitatoren, Autokraten und Machtgierige, sich hinter den Ergebnissen der KI-Maschine zu verstecken und die schmutzigen Entscheidungen auf die Algorithmen zu schieben. Etwa beim Scoring aller Bürgerinnen und Bürger in China. Die Führung der Kommunistischen Partei in Peking installiert „korrekte“ Maschinen als Hausmeister für politische Hygiene. Sozusagen eine Beseelung von toten Apparaten: KI-Maschinen sind wie wir, nur perfekter und unfehlbarer. Der manipulierende Maschinist bleibt dabei unerkannt. Die Drecksarbeit übernehmen Algorithmen – vergleichbar mit der unsauberen Arbeit von Consulting-Firmen, die als Alibi für den Rausschmiss von Mitarbeitern in Unternehmen engagiert werden.

„Wir müssen unser Konzept von Vertrauen in Maschinen überdenken und neu bewerten. Das ist keine technische Frage, sondern eine techniksoziologische und gesellschaftliche, die keine objektive Antwort haben wird, sondern in einem normativen Diskurs entwickelt werden muss“, fordert Holtel.

Sonst entsteht so eine Art Maschinen-Paternalismus. Vergleichbar mit der Einführung der Tabellen-Kalkulation.

„Wie haben uns den Ergebnissen ausgeliefert, die von Excel und Co. ausgespuckt werden. Dabei gibt es eine Vielzahl von Studien, die die Fehlerhaftigkeit von Excel-Tabellen belegen. Wenn wir die einfache Konstruktion einer Tabelle schon nicht verstehen oder kritiklos darauf reagieren, werden wir erst recht nicht verstehen, was in der Interaktion mit Algorithmen abgeht“, mahnt Holtel.

Das berühmteste Beispiel ist das Excel-Chaos der Harvard-Ökonomen Carmen Reinhart und Kenneth Rogoff, die ein Optimum für die Höhe von Staatsschulden als finanzpolitischen Leitfaden den Staatsregierungen ins Ohr gemauschelt haben. Es sei ein großer Fehler, den Maschinen Fähigkeiten wie Rationalität und Unfehlbarkeit zuzuschreiben, bemerkt Holtel:

„Das speist sich aus unseren täglichen Erfahrungen. Niemand rechnet Excel-Tabellen nach. 2007 gab es im Intel-Prozessor einen Hardware-Fehler, der dazu führte, dass Excel falsch rechnete. Es gibt diese systemischen Fehler sehr häufig, aber Menschen sind kaum in der Lage, diese Risiken einzuschätzen.“

Der Diskurs über Künstliche Intelligenz müsse differenzierter geführt werden.

„Wir sollten durch Aufklärung oder Machteliten-Hacking Verantwortung übernehmen, um diesen Diskurs adäquat zu begleiten“, resümiert Holtel.

Auf der Berliner D2030 Zukunftskonferenz am 6. und 7. Juli wird dieser Aspekt sicherlich zur Sprache kommen.

Siehe auch: Sozialingenieure und ihre Steuerungsinstrumente für eine „wohlwollende“ Diktatur

@DirkHelbing über Datendiktatur oder Mitmachgesellschaft?

Die irre Kritik von Gründerszene über den Soziologen Harald Welzer

Erste lesen, dann rezensieren, liebwerteste Gründerszene-Redaktion
Erste lesen, dann rezensieren, liebwerteste Gründerszene-Redaktion

„11 irre Thesen zur Digitalisierung – und unsere Erwiderung“, mit dieser klickgeilen Überschrift hat Gründerszene.de im vergangenen Jahr am 29. April auf einen Vorabdruck des Buches „Die smarte Diktatur – Der Angriff auf unsere Freiheit“ von Harald Welzer im Spiegel reagiert. Fast hätte mich die „Replik“ vom Kauf des neuen Opus abgehalten. Aber nur fast. Ich finde es problematisch, auf Grundlage eines höchst fragmentarischen Appetithäppchens substanzielle Aussagen über einen Band mit 319 Seiten zu treffen – erschienen übrigens im S. Fischer Verlag.

Gründerszene hat sich dann gerade mal mit 11 Zitaten aus dem Welzer-Text auseinandergesetzt. In der Tat gibt es da einiges zu kritisieren. Etwa die vielfach in anderen Medien veröffentlichte Losung:

„Am besten schmeißen Sie Ihr Smartphone überhaupt weg und besorgen sich – die gibt’s noch für Rentner – gute alte Handys, die nichts können.“

Entsprechend locker kann man eine Erwiderung formulieren, die ich natürlich auch so schreiben würde:

„Im Schutze seiner behaglichen Eigentumswohnung und Pensionszusagen kann sich Herr Welzer das in seinem Alter ganz sicher leisten. Die meisten anderen Menschen, gerade junge Leute, sind darauf angewiesen, sich zu vernetzen. Die Zukunft wird digital. Ein Rückzug aus der digitalen Sphäre kommt einem ökonomischen und intellektuellen Selbstmord gleich und bedeutet einen Verzicht, die persönlichen Chancen zu nutzen und seine Zukunft zu gestalten.“

Gleiches gilt für das Welzer-Zitat zur Social Web-Abstinenz:

„Ich fühle mich von Shitstorms gegen mich in sozialen Netzwerken nicht betroffen, weil ich nicht in sozialen Netzwerken bin. Mir muss ein Nazi extra einen Brief schreiben, das machen aber nur die ganz alten. Sehr einfach.“

Berechtigte Replik von Gründerszene:

„Glückwunsch. Das ist das Prinzip, nachdem sich Kinder beim Versteckspiel die Augen zu halten, weil sie denken, dass sie dann nicht entdeckt werden können. Funktioniert übrigens in den seltensten Fällen. Mag sein, dass ein 57-jähriger deutscher Professor in der Lage ist, sich einfach aus allem raus zu halten. Es gibt aber eine Menge Menschen, die auf Vernetzung und frei erhältliche Informationen wirtschaftlich angewiesen sind. Shitstorms können übrigens manchmal ziemlich erfrischend sein. Gegenthese: Gerade ein Soziologie-Professor sollte in den Netzwerken vertreten sein. Ist ziemlich interessant dort.“

Soweit, so wohlfeil. Als die Zitate-„Schnipsel“-Jagd publiziert wurde, war das „irre“ Buch von Welzer schon zwei Tage auf dem Markt. Die Bilderbuch-Redaktion von Gründerszene hätte zumindest analog oder auch digital in dem Opus blättern können, um sich nicht nur auf die Kurzversion im Spiegel zu konzentrieren, die am 23. April erschien.

Was die Vorschläge zur digitalen Abstinenz anbelangt, greift Welzer zu kurz. Man kann beispielsweise auf die propagandistisch ausgerichtete Netz-Gegenöffentlichkeit von rechten Nationalisten nicht mit digitaler Enthaltsamkeit reagieren, sondern muss sich Gedanken für die Gestaltung einer digitalen Öffentlichkeit für eine offene Gesellschaft machen, wie es in meinem Gespräch mit Stephan Porombka zum Ausdruck kam.

Aber so abstinent im Internet ist Welzer ja gar nicht, wie man an den Projekten von FuturZwei ablesen kann 🙂

Um den Welzer-Band zu würdigen, lohnt eine ausführliche Lektüre jenseits von Salamiwurst-Content. Vor allem jene Kapitel, die sich mit Originalquellen der digitalen „Vordenker“ beschäftigen. Und zu diesen Stellen würde ich gerne eine Stellungnahme von Gründerszene lesen, denn nach der Snack-Content-Bilderbuch-Klickreihe kam nichts Substanzielles mehr über die Schrift des streitlustigen Soziologen.

Etwa zu den sozialdarwinistischen Thesen, die in Magazinen wie Business Punk herunter geleiert werden – also sozusagen #JungunternehmerPornoheft Produktionen. Welzer benennt die trumpistischen Techno-Freaks, die mit demokratiefeindlichen Statements aufwarten und das mit Coolness-Habitus verkaufen. Etwa die Weisheiten des Trump-Unterstützers Peter Thiel. Er meint, Freiheit sei mit Demokratie nicht vereinbar; seit den 1920er Jahren seien immer mehr Menschen von Sozialleistungen abhängig (geworden) und Frauen gewannen neue Rechte – beides Gruppen, die bekanntermaßen schwer von libertären Positionen zu überzeugen sind – was dazu geführt hat, dass der Begriff kapitalistische Demokratie eine Art Oxymoron geworden ist. Was Thiel zelebriert, ist nach Meinung von Welzer Totalitarismus in Reinkultur und er zitiert hier wieder Thiel:

„Das Schicksal unserer Welt liegt vielleicht in den Händen eines einzelnen Menschen, der den Mechanismus der Freiheit erschafft (also die Freiheit von Herrn Thiel, gs) oder verbreitet, den wir brauchen, um die Welt zu einem sicheren Ort für den Kapitalismus zu machen.“

Das ist in der Tat totalitär und liegt auf der Linie der Machtanmaßung des neuen US-Präsidenten. Dazu zählt auch die bizarre Vorstellung, etraterritoriale Inselstaaten zu schaffen, in der Staatlichkeit, wie wir sie kannten, keine Rolle spielt. Selbstregierte Parastaaten sollen über das Seasteading Institute ins Leben gerufen werden, mitfinanziert von dem Trump-Lakaien Thiel. Von dort aus will man die Welt steuern. Vornehm ausgedrückt: „Competitive governance from the outside“.

Hedgefonds Milliardär Nicolas Berggruen schwebt gar eine Meritokratie nach chinesischer Machart vor. Zudem sollen die Stimmen von „wissenden“ Wählern höher gewichtet werden. Die minder Informierten – tja, was macht man mit diesen Leuten…? Auch in den „Parlamenten“ sitzen dann nur Wissende. Wie man die findet, skizziert der Google Außenminister Eric Schmidt im Verbund mit Jared Cohen. „Politikberater“ aus der Informatik und Kognitionspsychologie werden mit Big Data die richtigen politischen Persönlichkeiten herausfischen, mit Algorithmen die Reden und Texte auswerten, über Hirnscans die Reaktionen der Wunschpolitiker auf Stress oder Versuchungen testen und am Ende nur wissende Parlamentarier für die Meritokratie ausspucken. Liest eigentlich irgendjemand die Texte von Berggruen, Thiel, Schmidt & Cohen, die übrigens in Deutschland in sehr seriösen Verlagen erschienen sind (Herder, Campus und Rowohlt), fragt sich zurecht Harald Welzer. Wer nur Snack-Content mit bunten Bilderchen publiziert, ist dazu wohl nicht in der Lage. Welzer kredenzt noch ein paar Beispiele – etwa aus der Programmschrift von Schmidt-Cohen:

„Wir werden für unsere aktuellen und früheren virtuellen Beziehungen zur Rechenschaft gezogen werden….Das Verhalten unserer Bekannten wird positiv oder negativ auf uns zurückwirken….Da Informationen dazu tendieren, ans Licht zu kommen, sollten Sie also nichts abspeichern, das Sie nicht irgendwann in einer Anklageschrift oder auf der Titelseite einer Zeitung lesen wollen….In Zukunft wird dies nicht nur auf jedes geschriebene und gesprochene Wort zutreffen, sondern auch auf jede Internetseite, die Sie besuchen, auf jeden Freund in Ihrem Netzwerk, auf jedes Like, und auf alles, was Ihre Freunde tun, sagen und veröffentlichen“, schreiben die Silicon Valley-Google-Fuzzies.

Wenn das von Leuten verkündet wird, so Welzer, deren Firma die größte und mächtigste Datenmaschine der Welt erschaffen, klingt das wie eine unverhohlene Drohung, die übersetzt aus der subjektlosen Technikwunderwelt der Zukunft in die irdische Gegenwart lautet:

„Wir haben Macht über dich, egal wer du bist und wer du zu sein glaubst! Also sieh dich vor!.“

Aber Schmidt-Cohen gehen noch weiter:

„Jede Anwältin, jede Lehrerin und jede Beamtin muss über ihre Vergangenheit Rechenschaft ablegen, wenn sie vorankommen möchte. Was würden Sie davon halten, wenn Ihr Zahnarzt am Wochenende lange Hasstiraden gegen Ausländer ins Internet stellt? Oder wenn der Fußballtrainer Ihres Sohnes nach seinem Studium zehn Jahre lang Touristen durch den Rotlichtbezirk von Bangkok geführt hat (hier geht wohl die Fantasie bei den Autoren durch, gs)? Unser neues Wissen über unsere Kollegen und Führungspersonen wird beispiellose Auswirkungen auf unsere Gesellschaft haben. Die Dokumente aus unserer Vergangenheit werden uns im Alltag und in der Arbeit verfolgen….“

Hier geht es nicht nur um totalitäres Gedankengut, hier formt man die totalitäre Herrschaft:

„Jeder wird zum potenziellen Richter und Denunzianten seines Nächsten“, schreibt Welzer.

Was sagt die Gründerszene denn zu den politischen Positionen der Silicon Valley-Ikonen? Wie beurteilt sie jetzt im Kontext des Buches die Vorschläge von Welzer zur Verteidigung der Freiheit?

Siehe auch meine Kolumnen zu diesem Thema: Google und die KP China – so groß sind die Unterschiede dann wohl doch nicht. Oder der genaue Titel: Wie brave Staatsbürger mit volkspädagogischen Algorithmen erzeugt werden.

Oder auch: Narrative Simulationen von digitaler Rebellion

Oder: Trump-Ideologie hinter der Bubblegum-Hippie-Fassade im Silicon Valley

In einem totalitären Klima des Denunziantentums passieren dann solche Sachen: Trump lässt Smartphones von Mitarbeitern nach Signal & Co. durchsuchen

Wäre ein probates Mittel gegen die Monopolsehnsüchte von Thiel & Co.: Rettet das dezentrale Netz #reclaimtheweb

„Wer Big Data anwendet, kann sich an Open Data nicht vorbeimogeln“ #Siri #Alexa #Cortana

Big Data

Wenn Big Data-Algorithmen und sprachgesteuerte Systeme ohne meine Zustimmung anfangen, mich zu klassifizieren und zu stigmatisieren, automatisch meine Bonität herabstufen, einen Wechsel der Krankenversicherung wegen meines vermeintlich exakt berechneten Gesundheitszustandes verhindern oder Personalberatern die Abweisung meiner Stellenbewerbung empfehlen, wird es zu heftigen Gegenreaktionen der Nutzer kommen.

„Das wird noch eine Weile beobachtet und irgendwann reagiert die Gesellschaft“, meint der Systemtheoretiker Gerhard Wohland.

Es folgen Störungen des Systems, die bis zu Boykott und Ausstieg reichen können.

Im Wettbewerb von personalisierten und vernetzten Angeboten werden deshalb nur jene überleben, die einen Vertrauenspakt mit ihren Kunden eingehen, ist sich der Düsseldorfer Unternehmensberater und Smart Service-Blogger Bernhard Steimel sicher.

„Wer Big Data anwendet, kann sich an Open Data nicht vorbeimogeln. Jedes Tracking zur Auswertung von Datenspuren, jede Lokalisierung und jeder Abgleich mit dem Profil eines Internetnutzers darf nur erfolgen, wenn der Kunde es will.“

Friss-oder-stirb-Geschäftsbedingungen könne sich niemand auf Dauer erlauben. Nicht alles, was technisch machbar sei, ist auch kulturell mehrheitsfähig.

„Das Maß aller Dinge ist meine Bereitschaft, Daten von mir preiszugeben. Hier liegt der Kern von Big Data-Anwendungen. Mein digitales Ich, meine digitale Repräsentanz und mein digitales Beziehungsnetzwerk dürfen nicht fremdgesteuert sein. Sozusagen ein Recht auf virtuelle Selbstbestimmung. Die Nutzung dieser Daten kann ich den Big Data-Systemen zu jeder Zeit wieder wegnehmen. Der Datenschlüssel, den ich zur Verfügung stelle, kann abhängig sein vom Zeitpunkt der Nutzung, er kann abhängig sein von Personen, er kann definiert sein für bestimmte Aktionen oder Nutzungsszenarien. Entscheidend ist nur, dass mir die personalisierten Dienste das Leben einfacher machen“, resümiert Steimel.

Die ersten Anbieter, die zu einem neuen Datenpakt mit den vernetzten Konsumenten bereit sind, werden zu den Gewinnern der Netzwerk-Ökonomie zählen. Ein direkter Vertrag könne auch fernab von Facebook und Google über Apps abgeschlossen werden, so Steimel. Dafür eignet sich aber nicht der anmaßende Begriff „Big Data“, sondern eher „Smart Data“.

Das gilt auch für Systeme wie Siri, Alexa oder Cortana, die Stefan Pfeiffer in seinem Blog thematisiert. Unternehmen sollten nach seiner Ansicht für Transparenz und Vertrauen in den Systemen der künstlichen Intelligenz sorgen. Als Beispiel nennt er die Prinzipien seines Arbeitgebers IBM. Klingt vernünftig. Sollten wir auf der Cebit zum Thema machen.

Da haben allerdings einige Tech-Konzerne noch Nachholbedarf. Sinnvoll sind die Dienste – auch für Journalisten. In der Datenpolitik muss allerdings einiges besser werden.

Gute Frage: Können Algorithmen Falschmeldungen entlarven?

Keine Partei beschäftigt sich mit der drängendsten Frage der Digitalisierung – dabei gibt es so viele Fragen.