Plattform-Champion: Wollen nicht alle wie Apple sein? #Bloggercamp.tv

Apple

„Nokia war der Vorreiter bei bunten Handys“, schreibt Sascha Ostermaier in Cashys Blog. Ja Wahnsinn. Unglaublich. Deshalb geht es diesem Flaggschiff auf dem Smartphone-Markt so unendlich gut.

„Die legendären Xpress-On-Cover, die sich damals fast über die ganze Produktpalette von Nokia zogen, wurden mit den Lumia-Smartphones wieder aufgegriffen. Mit einem Augenzwinkern bedankt sich Nokia UK nun bei Apple. ‚Imitiation is the best form of flattery‘ (‚Nachahmung it der beste Weg der Schmeichelei‘) prangt in großen Lettern über einem Bild bunter Lumias.“

Da kommen mir glatt die Tränen. Wie groß muss eigentlich die Verzweiflung beim früheren Gummistiefel-Hersteller sein, um so einen unwitzigen Werbemüll zu verbreiten? Wenn man sich den Mobilfunkmarkt etwas genauer anschaut, wird man erkennen, wer in Wirklichkeit zu den blökenden Kopisten zählt.

Bernhard Steimel hat das richtig analysiert: Apple ist nicht Nokia, denn Apple hat iTunes!

„Was vielfach ausgeblendet wird: Apple agiert schon lange nicht mehr als ein Hersteller klassischer Prägung. Apple hat sich ein Eco-System aufgebaut, in dessen Zentrum iTunes als Plattform regiert. Mit jeden Verkauf eines i-Gerätes wird das App- und Content-Geschäft weiter angefacht. Dabei profitiert Apple bislang von einer sehr hohen Wiederkaufsrate von 90 Prozent. Die Wechselrate berechnet auf die Gesamtheit alle Kunden liegt bei derzeit nur 5 Prozent. Ein Wert, von dem Kabel- und Telefongesellschaften nur träumen können.“

Apple hat in den vergangenen sieben Jahren den Wandel vom Hardware-Hersteller zum Plattform-Anbieter gemeistert. Die iTunes-Umsätze wachsen schneller als jedes andere Apple-Business (das iPad ausgenommen), berichtete vor kurzem der Finanzanalyst Philip Elmer-Dewitt von Fortune:

„What struck me, looking at Apple’s most recent SEC Form 10-Q, is that revenue from the iTunes Store grew faster sequentially (30 Prozent) and year over year (26 Prozent) than every other line of Apple’s business except the iPad (40 Prozent and 29 Prozent, respectively).“

Apple sei kein abverkaufsorientierter Hard- und Softwarehersteller mit von Quartal zu Quartal schwankenden Einkünften mehr, sondern ein Plattform-Konzern mit stabilen, wiederkehrenden Einnahmen, so Steimel. Und alleine das zählt. Im vergangenen Quartal habe Apple vier Milliarden Dollar über Käufe auf iTunes umgesetzt.

„Wenn man die Zahlen auf das ganze Jahr hochrechnet, dann sind diese Einkünfte aus dem iTunes-Geschäft größer als der Gesamtumsatz von Yahoo, Facebook und Netflix zusammen.“

Vodafone mit der Content-Plattform 360 und Nokia mit OVI seien hingegen mit ihren Plattform-Strategien kläglich gescheitert und versenkten etliche Millionen.

Man sollte also künftig nicht nur Statistiken über die Verbreitung von Betriebssystemen veröffentlichen, sondern auch den Erfolg der Plattformen mit Nutzerzahlen sowie Umsätzen und Gewinne darstellen. Zudem ist der Vergleich von iOS und Android ohne Hersteller-Differenzierung schwachsinnig.

Warum will eigentlich Microsoft mit dem Kauf von Nokia den gleichen Weg gehen wie Apple? Wie lange schaut sich Google die Ausbreitung des Android-Betriebssystem noch an, ohne wirklich gute Umsätze und Gewinne zu machen? Der Suchmaschinen-Riese ist ja nicht gerade als Altruist in der Technologiebranche unterwegs.

Vielleicht gibt es in naher Zukunft einen Dreikampf, um über relativ geschlossene Ökosysteme an der Wertschöpfungskette von Hardware, Software und Plattformen möglichst viel zu partizipieren. Was machen dann allerdings Samsung und Co.?

Man könnte auch sagen, die 575 Millionen aktiven iTunes-Konten stellen die Kundenbasis des Softwareunternehmens aus Cupertino dar.

„Vor drei Jahren lagen die Umsätze je Kunde noch bei 400U Dollar pro Jahr, mit der Versechsfachung der Nutzerzahlen ist dieser Wert zwar auf 300 Dollar gesunken. Wer jedoch die Wachstumslinie fortschreibt, wird verstehen, dass selbst bei sinkendem Prokopf-Umsatz iTunes für Apple noch viele Jahre eine Goldgrube bleiben wird“, prognostiziert Steimel, der heute Abend in Bloggercamp.tv, um 19:30 Uhr zu Gast sein wird und auch über Apple sprechen wird.

Da werde ich mit ihm auch über das neue Apple-Authentifizierungssystem mit Fingerabdruck sprechen. Die ersten Reaktionen in Deutschland waren ja ziemlich ätzend.

Unabhängig von der derzeitigen aufgeladenen NSA-Debatte halte ich jedes System für interessant, dass von der Passwort-Flut weggeht. Neu ist das nicht. Aber notwendig auf jeden Fall. Denn das Wuchern von PINS, TANS und Passwörter zur Identitätsprüfung ist lästig, widersinnig und absurd. Vor allem, wenn man irgendwann anfängt, seine Identitäten zu notieren, weil man sonst den Überblick verliert. Eine einfache und sichere Technologie zur Identifikation könnte also ein weiteres Pfund für Apple sein.

Wer heute Abend in der Hangout-Diskussion mitmischen möchte, ist herzlich eingeladen. Einfach bei mir melden, dann hole ich Euch in den Hangout rein.

Man hört und sieht sich.

Wider die pro-aktiven Leerformeln der Change-Schwätzer #HolmFriebe

Die Friebe-Stein-Strategie
Die Friebe-Stein-Strategie

Holm Friebe wagt sich in seinem neuen Buch „Die Stein-Strategie – Von der Kunst, nicht zu handeln“ (Hanser Verlag) gekonnt an ein Genre, das sich im 17. und 18. Jahrhundert großer Beliebtheit erfreute: Der Klugheitslehre. In Deutschland ist in erster Linie das von Schopenhauer ins Deutsche übersetzte “Handorakel” des Jesuiten Balthasar Gracián bekannt. Bertolt Brecht hat die Empfehlungen des spanischen Intellektuellen ausgiebig rezipiert. Walter Benjamin hatte das 1931 im Insel-Verlag herausgegebene Exemplar seinem Freund geschenkt und mit einem Vers aus dem Lied „Von der Unzulänglichkeit menschlichen Strebens“ aus der Dreigroschenoper als Widmung versehen: „denn für dieses Leben ist der Mensch nicht schlau genug“. Brecht versieht 26 der 300 Verhaltensregeln mit An- und Unterstreichungen. Nachzulesen im Brecht-Jahrbuch 23 (1997/98).

Mit sicherem Griff fand Brecht Texte, die er gebrauchen, bearbeiten, verwerten konnte.

„Er hatte bekanntlich keine Scheu, sich die Lektüreerfahrung anderer nutzbar zu machen. Auf diese Weise akkumulierte er eine erstaunliche Menge Lesestoff“, so Helmuth Lethen und Erdmut Wizisla.

Zwei Eintragungen offenbaren die Lust des Dramaturgen, sich kommentierend mit Graciáns Handlungsanweisungen auseinanderzusetzen: an den Rand der Regel „Nicht mit übermäßigen Erwartungen auftreten“ notiert Brecht in der Höhe der Zeile: „Viel besser ist es immer, wenn die Wirklichkeit die Erwartung übersteigt und mehr ist, als man gedacht hatte.“ Eine Weisheit, die auch der Antipode von Angela Merkel im Wahlkampf beherzigen sollte. Genauso wie das Plädoyer von Holm Friebe für eine Kultur des klugen Abwartens. Apple-Gründer Steve Jobs war davon beseelt:

„I am going to wait fort he next big thing.“

„Keine vollmundigen Zielverkündigungen, kein wolkiges Wunschdenken, vielmehr Ausdruck von gut abgehangener Klugheit und Demut vor der Zukunft“, führt Friebe aus.

Dazu passe, dass Steve Jobs sich seit seiner Collegezeit mit fernöstlicher Spiritualität befasste und vom Zen-Buddhismus inspirieren ließ. Auf der Suche nach einem philosophischen Überbau für die Stein-Strategie werde man am ehesten dort fündig: in den fernöstlichen Lehren und den geharkten Steingärten des Zen, deren Ästhetik vor über tausend Jahren von chinesischen Mönchen nach Japan importiert wurde:

„Die Grundprinzipien ‚Kanso’ (Schlichtheit), ‚Shizen’ (Natürlichkeit) und ‚Shibumi’ (Eleganz) kennzeichnen nicht nur die Designsprache von Apple, sondern lassen sich als ethische Maximen im Sinne der Stein-Strategie auf das ganze Leben übertragen“, so das Credo von Friebe.

Dieses Gedankengebäude folgt nicht den monokausalen Ziel-Plan-Vorgaben der westlichen Controlling-Gichtlinge, sondern nutzt eher das Potenzial der Situation. Die Wirksamkeit entfaltet sich nicht mit der Brechstange von Apologeten einer modellierten Kunstwelt, sondern widmet sich den Chancen der vorliegenden Situation. Handeln durch Nicht-Handeln und dabei das Gras wachsen hören. Wer sich also von den pro-aktiven Leerformeln des so genannten Change-Managements lösen möchte, sollte sich den Thesen von Holm Friebe widmen.

Soweit der Auszug meiner heutigen The European-Kolumne, die hoffentlich viele Kommentare, Likes, Retweets und Plusse erntet.

Zur Klugheitslehre siehe auch:

Ovid, Steve Jobs und die Klugheitslehre: Wie man mit Luftstreichen und Gerüchten die Konkurrenz verblüfft.

Über die Unmöglichkeit, in der Netzöffentlichkeit authentisch zu sein.

Die Karriere des Don Alphonso und der Nutzen von Schelmexperten.

Chesterfield als Vademekum gegen Maulhelden im Wirtschaftsleben.

Ei-Phone und heiße Hosen

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So sieht es nun aus, das gebogene iPhone 5. Angeblich ein Anwenderfehler, der zum Garantieausschluss führt. Wenn der Nutzer das Gerät in seine Hosentasche steckt und einer Temperatur von 35 Grad aussetzt, kann es zur Deformation führen. Die Kosten für eine Reparatur muss der Kunde bezahlen.

Ich messe nur selten das Binnenklima meiner Kleidung. Sollte das wirklich die offizielle Position von Apple sein, halte ich das schlichtweg für einen schlechten Scherz. Was passiert eigentlich im Sommer bei 40 Grad im Schatten?

Fragen, die mir der iPhone-Kunde Sascha Schuh im Bloggercamp-Interview beantwortete. Er wird sich jetzt mit Apple direkt in Verbindung setzen. Bin gespannt, wie dieser Fall ausgeht. Wer ähnliche Erfahrungen mit dem iPhone 5 gemacht hat, sollte sich bei uns melden.

Es könnte sich ja auch um ein Montagsprodukt handeln – allerdings würde dann die Argumentation des Herstellers nicht so ganz passen.

Es könnte aber auch ein Indiz für einen generellen Trend in der Elektrobranche sein, den Spiegel Online beleuchtet: Studie zu Geräte-Verschleiß: Der kaputte Konsum.

Wir bleiben am Ball.

Gebogenes iPhone 5: Hosentasche zu heiß, daher Garantieausschluss – Spinnt Apple?

Heute habe ich eine Mail von einem Bekannten aus Bonn bekommen. Und der lässt bei mir immer mehr Zweifel an der Qualität von Apple-Produkten aufkommen. Diesmal die Hardware:

Hi Gunnar,
es war sehr nett mit Dir das Thema Iphone zu diskutieren. Ich möchte noch einml kurz die Fakten zusammenfassen. Mein Sohn hat sein iPhone 5 völlig normal benutzt und es immer in ein Schutzhülle gehabt. Vor einigen Tagen kam er heim und zeigte mir sein in der Mitte gebogenen Smartphone, welches an den Seiten eine Trennung zwischen der Aluminiumschale und der Glasplatte aufweist.

Als nächstes rief ich die Telekom an, die mir maximiale Unterstützung zusagte und dies sogar auch einhielt. Ergebnis: Apple hat festgestellt, dass die hosentaschentemperatur zu heiss ist und deswegen sich das iPhone verzieht. Das ist ein eindeutiger Anwenderfehler und kann gegen die Zahlung von 269 Euro behoben werden. Dass am iPhone was falsch ist, steht nicht zur Diskussion.

Die Telekom hat sich bereit erklärt, die Hälfte der Kosten zu tragen, da ihnen die Sache wohl peinlich ist. Apple legt jede Gewährleistung ab. Die Aussentemperatur des Handys darf 35 Grad nicht ueberschreiten. Daher gehört es nicht in die Hosentasche.

Die völlige Verarsche. Wir machen alles mit.

Viele Grüsse

Sascha

Was macht man eigentlich im Sommer mit diesem Teil? Soll man es im Kühlschrank lagern? Oder bietet Apple ein mobiles Kühlaggregat an, um bei 40 Grad im Schatten telefonieren zu können?

Nach unserer Bloggercamp-Sendung um 18,30 Uhr werden wir Sascha so um 20 Uhr zu diesem Fall interviewen. Natürlich auch live übertragen via Hangout on Air. Wer ähnliches berichten kann an Ärgernissen über das iPhone 5, ist herzlich eingeladen, in der Gesprächsrunde mitzuwirken. Entweder mich oder Hannes Schleeh kontaktieren.

Update – Hier einige Reaktionen auf Facebook.

Grandios das Posting von Mark Goodman…

man darf es sich bei fieber nicht auf die stirn legen. übrigens, auch die handflächen haben mehr als 35 grad (wenn man nicht grad tot ist). also nicht anfassen, das gerät. apps kann man auch mit der nasespitze starten, wenn das iphone korrekterweise auf einem tisch liegt (möglichst marmor oder stein, nicht holz, da erlischt die garantie, muahahaha). vielleicht sollte apple die firma m&m kaufen, die schmelzen wenigstens nicht in der hand, da wäre ein technologietransfer angebracht…

Siehe auch:

Der Renegat: Vom Apple-Fanboy zum Nexus 4-Apologeten – Warum das iOS 6 schwächelt.

Apple und die neuronale Kleckskunde: Wie Hirnforscher uns die Welt erklären

Steeeeve!

Wie erkennt man, ob jemand ein iPhone besitzt? Er sagt es dir. Diesen Comedy-Kalauer hat das Redaktionsteam der ARD-Sendung Markencheck noch um eine weitere Facette bereichert. Apple-Kunden sind nicht nur Angeber, sie fallen auch auf die Versprechungen des Anbieters leichter herein. Ihr Gehirn tickt einfach anders. Sie lassen sich von Emotionen steuern und blenden Fakten eher aus als Kunden, die stärker auf das Preis-Leistungs-Verhältnis achten und somit rationaler entscheiden. Wie lässt sich diese These beweisen? Durch Hirnforschung. Man operiert mit der unheimlich repräsentativen Stichprobe von 25 Probanden und durchleuchtet sie mit der so genannten funktionellen Magnetresonanztomographie (MRT). Kombiniert wird die hohe Kunst der medialen Recherche mit dem allwissenden Habitus eines Neurowissenschaftlers, der mit irgendwelchen steilen Thesen in Presse-Vorabmeldungen für Aufregung sorgen soll. Es ist schon erstaunlich, wie hingebungsvoll und kritiklos über die Pseudo-Neuro-Erkenntnisse berichtet wird.

Da muss man nur vom Präfrontal-Cortex labern und schon erstarrt die Öffentlichkeit ehrfurchtsvoll vor diesen neuen Helden in weißen Kitteln. Wer die wissenschaftliche Seriosität der Hirn-Bubis in gesellschaftlich relevanten Fragen anzweifelt, bekommt direkt die Empfehlung zu einem Praktikum in der Psychiatrie, wird als ahnungslos abgestempelt oder ist intellektuell nicht in der Lage, der Genialität der Avantgarde des medizinischen Fortschritts zu folgen – man nennt diese rhetorische Strategie zur Abwehr von kritischen Einwänden auch Manfred-Spitzer-Neuro-Sprech.

Neuro-Sexismus

Die monokausale Kleckskunde mit bunten Hirnbildern ist mittlerweile eine beliebte Allzweckwaffe in Politik, Kriminalistik, Ökonomie, Werbung und Bildung. Da tauchen sogar alte Geschlechtervorurteile wieder auf:

„Gerade das Klischee ‚emotionale Frau – rationaler Mann’ (mit Ausnahme von männlichen Apple-Fanboys, gs) ist wieder gut im Geschäft. So vertritt der Cambridge-Psychologe Simon Baron-Cohen unbeirrt die Position, das weibliche Gehirn sei auf emotionale Analysen und das männliche Gehirn auf das Verstehen von Systemen ausgelegt“, schreibt der Wissenschaftsjournalist Felix Hasler in seinem Buch „Neuromythologie – Eine Streitschrift gegen die Deutungsmacht der Hirnforschung“ (transcript Verlag).

Ein neuronal begründeter Geschlechterwahn auf der Basis von fragwürdigen Hirndaten. Die Kognitionspsychologin Cordelia Fine spricht sogar von Neuro-Sexismus, den es in dieser Ausprägung schon im 19. Jahrhundert gab. Um Frauen von höherer Bildung und Wahlrechten fernzuhalten, wurde schon vor über 100 Jahren die Anatomie des Gehirns bemüht. Die kruden Untersuchungstechniken durch moderne Hirnscanner machen die Befunde nicht wahrer als damals. Mehr dazu in meiner morgigen The European-Kolumne.

Siehe auch:

Kurze Meinung zum Apple-Markencheck.

Skandal-Doku in der ARD – Nicht Apple ist das Problem!

Wer für Apple baut, baut auch für alle anderen – Apple und Foxconn sind nur die Spitze des Eisbergs.

Was bunte Bildchen beweisen sollen: Über die Wissensanmaßung der Hirnforscher #Apple #ARD-Markencheck

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Heute Abend wird bekanntlich der Apple-Markencheck um 20:15 Uhr in der ARD ausgestrahlt. Und in der Programmankündigung heißt es:

„Apple ist bei den Menschen präsent. Apple fasziniert viele. Aber lässt sich diese Faszination auch wissenschaftlich erklären? Gemeinsam mit Neurowissenschaftler Jürgen Gallinat machen wir in Berlin den Check. 25 Personen (!) sehen Bilder von Produkten von Samsung und Apple. Was passiert dabei in den Gehirnen? Es geht für eine Stunde in den MRT. Das Ergebnis: Es gibt einen Hirnbereich, der beim Sehen von Samsung-Produkten aktiver ist – der sogenannte Präfrontale Kortex. Dies ist ein wichtiges Hirnareal, welches mit Entscheidungsfindung, Abwägung und Nachdenken verknüpft ist. Die Überraschung: Bei Apple wird eine andere Hirnregion aktiviert. Und zwar die, die mit dem Mögen und dem positiven Bewerten von Personen verbunden ist. ‚Eine Interpretation könnte sein‘, so Professor Jürgen Gallinat, ‚dass Samsung eher ein Produkt ist, welches mit dem Kopf zu tun hat, während Apple eher ein Produkt ist, welches mit dem Bauch oder dem Bauchgefühl zu tun hat.‘ Und es gibt noch einen weiteren erstaunlichen Befund. Zwei weitere Hirnregionen fallen beim Betrachten der Apple-Produkte besonders auf. Sie werden aktiviert, wenn Menschen ein Gesicht sehen oder emotionale Gesichter bewerten. ‚Das ist außergewöhnlich, weil Apple kein Gesicht hat. Apple ist ein technisches Produkt‘, so Gallinat. Demnach hat Apple es geschafft, ein Gerät zu vermenschlichen“, so der Textauszug von der ARD-Website.

Wahnsinn. Man operiert also mit 25 Probanden. Nicht nur die geringe Fallzahl ist problematisch. Auch der allwissende Habitus der Hirnforscher, die mit irgendwelchen steilen Thesen in der Öffentlichkeit regelmäßig für Aufregung sorgen. Und es ist mehr als problematisch, wie kritiklos Medien mit den Pseudo-Neuro-Befunden umgehen. Da muss nur irgendein Wissenschaftler von Präfrontal-Cortex labern und schon erstarrt die Öffentlichkeit ehrfurchtsvoll von diesen neuen Helden in weißen Kitteln. Wer die wissenschaftliche Seriosität der Hirn-Bubis in gesellschaftlich relevanten Fragen anzweifelt, bekommt direkt die Empfehlung zu einem Praktikum in der Psychiatrie, wird als ahnungslos abgestempelt oder ist nicht in der Lage, der Genialität der Neurowissenschaftler intellektuell zu folgen – Manfred Spitzer-Strategie zur Abwehr von Kritiken an seiner digitalen Demenz.

“Ihre Autorität gewinnen die Erkenntnisse der Hirnforschung vor allem aus den bunten Bildern der funktionellen Magnetresonanztomographie (fMRT). Weil sich dieser Blick ins Innere des Kopfes auch bei lebenden Menschen relativ unkompliziert vornehmen lässt, kann man so einem Hirn auch dabei zusehen, wenn es tut, was es eben tut: Sauerstoff verbrauchen, Glucose verbrennen, Botenstoffe ausschütten, Synapsen bilden”, so die FAZ.

Und in diese bunten Bilder werden willkürlich politische, psychologische oder sonstige Erkenntnisse gegossen.

„Man sollte sehr misstrauisch sein gegenüber den Weisheiten, die aus diesem Bereich kommen und zwar insbesondere wenn sie über die Macht der Bilder erzielt werden. Fast alle Medien würden zur Zeit Bilder der Kernspintomographie veröffentlichen. Da taucht ein Fleck im Gehirn auf, also muss das irgendwas bedeuten”, erklärt Henning Scheich, Direktor des Leibniz-Instituts für Neurobiologie in Magdeburg.

Da gebe es sehr viel Rattenfängerei. Es sei einfach nicht richtig zu glauben, wenn die Birne aufleuchtet und die Aktivierung im Gehirn größer wird, ein besserer Zustand des Gehirns erreicht werde.

„Große Aktivierung im Gehirn bedeutet Unsicherheit des Gehirns. Wenn Sie Aufgaben untersuchen, wie sie gelöst werden, von unsicherem Status bis zum Profi, dann finden Sie eine negative Korrelation mit der Größe der Hirnaktivierung. Der Profi setzt eigentlich nur noch seine spezifischen Mechanismen für etwas ein”, so der Hinweis von Scheich.

Gehirnjogging mit riesiger Hinaktivierung nachzuweisen, sei beispielsweise Unfug. Die kleine Aktivierung, die beim scharfen Nachdenken von einem Profi produziert werde, das ist die eigentliche Aktivierung, die richtig ist.

Der Züricher Neuropsychologe Lutz Jähnke hält den Erklärungsdrang vieler seiner Kollegen für eine „problematische Grenzüberschreitung“.

“Und wer an wissenschaftliche Beweise glaubt, sollte sich einmal die Studie durchlesen, in der ein Team von Psychologen aus Yale vor ein paar Jahren ermittelte, dass selbst absolut unlogische Aussagen Glaubwürdigkeit genießen, wenn dabeisteht, dass Ergebnisse aus dem Hirnscanner ihre Richtigkeit unterstreichen”, berichtet die FAZ.

Die Süddeutsche Zeitung erwähnt den Wiener Arzt und Anti-Aging-Aktivisten Johannes Huber. So sei es angeblich gesund und führe zu einem längeren Leben, wenn man sich von einem anständigen Abendessen fernhält.

“Da er wohl ahnt, dass seine Thesen einer seriösen wissenschaftlichen Prüfung nicht standhalten, streut Huber gerne allerlei Abbildungen von Gensequenzen, histologischen Färbungen und molekularbiologischen Analysen in seine Vorträge. Dieses pseudowissenschaftliche Allerlei ist inhaltlich nur zusammenhangsloser Zierrat, beeindruckt aber viele Zuhörer wie auch die meisten Leser seiner Bücher. Sie verstehen zwar nicht so genau, was da gezeigt wird, denken sich aber: Der Mann kennt sich aus!”

Kleine Empfehlung. Schuster äh Hirnforscher, bleib bei deinen Leisten. Alles andere ist biologistischer Mumpitz.

Siehe auch:

Berliner Forscher: Gehirn reagiert außergewöhnlich auf Apple-Produkte.

Überhaupt nicht hinrissig sind übrigens die Crowdsourcing-Effekte in der täglichen journalistischen Arbeit. Könnte ja auch mal die ARD-Markencheck-Redaktion ausprobieren.

Wie frei ist die privatisierte und kommerzialisierte Netzöffentlichkeit? #Beckedahl #scd3 #BloggerCamp

Markus Beckedahl beim Social Community Day in Köln

Netzpolitik-Blogger Markus Beckedahl hat mit seinem Eröffnungsvortrag auf dem Social Community Day in Köln eine schöne Steilvorlage für die zweite Session des heutigen Blogger Camps um 19,30 Uhr geliefert, wo wir uns bekanntlich mit den AGB-Diktatoren des Netzes auseinandersetzen.

Besonders treffend fand ich die von Markus vorgetragene Analogie zu Beginn seiner Rede:

„Wie funktionierte früher Öffentlichkeit und wie funktioniert heute noch Öffentlichkeit? Dann gibt es einen Unterschied, ob ich auf einem Marktplatz bin und von meinen Bürgerrechten Gebrauch machen und demonstrieren kann, oder ob ich in ein Einkaufszentrum gehe und dort demonstriere, meine politische Meinung frei äußern möchte und mich mit mehr als drei Leuten treffe. Da kann ich dann sehr schnell vom Sicherheitsdienst des Einzelhändlers vor die Tür gesetzt werden. Wir haben es im Netz mit privatisierten Öffentlichkeiten zu tun, die die Regeln festlegen, wie wir miteinander kommunizieren. Das mag im Moment noch nicht problematisch sein. Aber stellen sie sich mal vor, mehr als 30 Prozent der deutschen Bevölkerung ist bei Facebook unterwegs, was bedeutet es dann, wenn Algorithmen irgendwelche Postings löschen oder komplette Accounts sperren? Den Grund erfährt man als Betroffener vielleicht nie. Oder wenn unterbezahlte und schlecht gelaunte Mitarbeiter von Facebook im mittleren Westen der USA mit einem dort typischen religiösen Weltbild entscheiden, was an Veröffentlichungen auf Basis der Allgemeinen Geschäftsbedingungen moralisch in Ordnung ist und was nicht“, so Beckedahl.

Und das ist schon heute Realität, wenn etwa Apple Apps aussperrt, weil dort Aktfotos gezeigt und von den puritanischen Sittenwächtern in Cupertino als Pornografie gewertet werden. Markus Beckedahl brachte das Beispiel einer Adam und Eva-Karikatur des Intellektuellen-Blattes „New Yorker“. Diese Karikatur wurde von Facebook zensiert – also gelöscht. Und es waren nicht die Brustwarzen des Mannes, die zur Eliminierung führten, sondern die Brustwarzen der Frau, die in kleinen Punkten gezeichnet wurden. Ähnliches könnte mir mit meinem Foto des griechischen Gottes Priapos widerfahren, den ich auf Zypern aufgenommen und gestern gepostet habe. Siehe: Crowdfunding, Beethoven und Viagra für Alt-Verleger.

Wer liest sich die 47-seitigen Geschäftsbedingungen von Facebook schon durch? Fast niemand. Zudem werden sie ständig geändert.

„Facebook diktiert die Bedingungen und wir laufen wie die Lemminge hinterher, weil uns ansonsten die Kommunikation mit anderen Menschen verwehrt wird. Das ist ein großes Problem“, sagt Beckedahl.

Und da reicht der Spruch eben nicht aus, dass ja niemand gezwungen sei, bei Facebook und Co. mitzumachen. Die großen Social Networks repräsentieren mittlerweile den größten Teil der Netzöffentlichkeit und wer dort nicht präsent ist, existiert virtuell kaum noch. Wie gehen wir also mit dieser privatisierten Netzöffentlichkeit um, die von Konzernen bestimmt wird, auf die wir keinen Einfluss haben? Eine Frage, die auf der netzpolitischen Agenda sehr weit oben stehen muss.

Ein Schauplatz für Gegengewichte sieht Beckedahl in Brüssel. Hier werde gerade eine Datenschutz-Richtlinie verhandelt, die für die Europäische Union gelten soll. Amerikanische Konzerne könnten sich dann nicht mehr in Staaten wie Irland verstecken, um strengere Datenschutz-Regeln zu unterlaufen.

Hier die Video-Aufzeichnung des Beckedahl-Vortrages. Zwischendurch ist der Ton leider komplett weg – aus welchen Gründen auch immer. Aber der Teil über die Geschäftsbedingungen kommt glücklicherweise am Anfang:

Zur Sicherheit hatte ich noch eine Audioaufzeichnung gemacht. Die veröffentliche ich morgen auf Soundcloud, denn auch die anderen Passagen des netzpolitischen Exkurses von Markus sollte man sich zumindest anhören.

Update: Hier die Audioaufzeichnung in besserer Qualität:

Um 19,30 Uhr nehmen wir die Steilvorlage von Beckedahl auf und sprechen über Möglichkeiten, wie man sich gegen die AGB-Dikatur der Netzgiganten wehren kann. Man hört und sieht sich nachher. Hashtag für Twitter-Zwischenrufe während Hangout On Air-Liveübertragung #BloggerCamp

Das Ganze ist übrigens nicht nur ein Facebook-Problem! Siehe:

Stand-by geschaltetes Kontrollgremium des Kleingedruckten: Microsoft und die Cloud-Zensur.

Woz warnt vor Benutzungsbestimmungen der Cloud-Dienste #AGB-Diktatur

Über die Facebook-Instagram-Google-Ignoranz im Umgang mit Nutzern: Digitale Kometen können auch verglühen

Die Machtanmaßung der Web-Zensoren: Wie Google & Co. Weltpolizei und Justitia spielen.

Über

Menschenrechte in der digitalen Öffentlichkeit und freiheitsbeschränkende AGBs #rp12

Abschied von der Agora? Warum die Web-Monopolisten nach Zensursula stinken.

Wie merkwürdig sich die Dinge auswirken, wenn Netz-Konzerne Ermittler, Staatsanwalt und Richter in einer Person spielen, belegt mein Interview mit dem Sprecher von Microsoft Deutschland:
“Aber einfach, um das Thema mal zu relativieren: Die Schließung eines Accounts bedeutet in der Regel, dass eine illegale Ursache als Treiber vorliegt”, so Baumgärtner.

Aha, also illegale Ursachen.

Aber wer entscheidet denn nun, was illegal ist? Ist es jemand von Microsoft? Darauf antwortet der Pressesprecher mit einem klaren “Nein“.

“Das müssen unter Umständen die Strafverfolgungsbehörden entscheiden.“

Also vor einer Account-Schließung schaltet Microsoft die Strafverfolgungsbehörden ein?

Darauf antwortet der Sprecher wieder mit einem “Nein“. Das könne man auch nicht so sagen.

In einem demokratischen Rechtsstaat ist es ja normalerweise so, dass eine Hausdurchsuchung richterlich verfügt werden muss, wenn der Anfangsverdacht für Straftaten vorliegt. Eine virtuelle Durchsuchung dürfte da ja nicht anderen Regeln folgen. Unter welcher Voraussetzung durchsucht denn nun Microsoft die Accounts ihrer Nutzer?

“Dazu haben wir die Möglichkeiten, die in den ‚Terms of use’ stehen.“

Schlauer bin ich durch diese Antwort nicht geworden. Werden denn nun die Straftverfolgungsbehörden vor oder nach der Account-Schließung eingeschaltet, wenn der Verdacht auf illegale Handlungen besteht oder erst danach. Darauf antwortet der Pressesprecher: „Danach“. Also erst stellt Microsoft illegales Handeln fest und entscheidet über die Auslöschung der virtuellen Existenz. Der Software-Konzern schafft also Fakten, die zum Ausschluss des Cloud-Kunden führen. Im zweiten Schritt werden die Strafverfolgungsbehörden informiert. Sozusagen eine doppelte Bestrafung.

Update:
So ist das Blogger Camp über die Netz-Diktatoren gelaufen:

Über die Schweinebauch-Verschwörung im Netz und fragwürdige Schutzgesetze #BloggerCamp #hoa

Karnevaleske Verschwörungsrunde

Datenspione sind unterwegs, die ahnungslose Menschen überwachen und skrupellos Online-Einkäufe, Haustüren, Fassaden, Jägerzäune, Vorgärten, Aufenthaltsorte, Hobbys, Reisen, Suchanfragen, Empfehlungen, Verlinkungen, Kommentare, Profile und besuchte Websites registrieren. Die Dunkelmänner des Cyberspace verfolgen nur ein einziges Ziel – sie wollen uns personalisierte Werbung einblenden. Pfui Teufel, das ist niederträchtig, gemein, verschwörerisch, anmaßend, perfide und verdient unsere tiefste Verachtung. Wo kämen wir denn hin, wenn jeder Dahergelaufene meint, uns werbliche Botschaften zu übermitteln, die vielleicht irgendwie den persönlichen Interessen entsprechen und uns zu Einkäufen animieren könnten.

Da ist es doch besser, wenn wir auf Schritt und Tritt mit der klassischen Massenreklame malträtiert werden, die uns langweilt, zum Umschalten des Fernsehkanals animiert oder daran erinnert, schnell noch eine Pinkelpause einzulegen, das Bier kalt zu stellen und den Hamburger in die Mikrowelle zu schmeißen. Der pädagogische Wert der Einweg-Berieselung darf nicht unterschätzt werden. Sie schützt uns vor dem Tanz um das Goldene Kalb, sie bewahrt uns davor, dem schnöden Mammon zu verfallen. Es ist wie mit dem Anti-Raucher-Kaugummi, der nach Aschenbecher schmeckt.

So wirken auch die stets lächelnden und strahlenden Hausfrauen, die uns für Waschmittel begeistern, die gütigen Opas, die ihre Enkelkinder mit widerlich süßen Bonbons beglücken, die schreiend lauten Schweinebauch-Slogans für technischen Schnickschnack, der in jedem Onlineshop billiger angeboten wird, die Heucheleien mit Danke sagender Schokolade, die man sich freiwillig nie kaufen würde und die schmierigen Männer in weißen Kitteln, die uns Ratschläge für die Zahnpflege erteilen. Die Konsumpropaganda in Zeitungen, Zeitschriften, Hörfunk, Fernsehen und auf Plakatwänden, die wir jeden Tag an den Kopf geballert bekommen, ohne uns wehren zu können, ist die gerechte Strafe für eine zu bequeme Konsumhaltung und den um sich greifenden Freizeit-Hedonismus.

Wenn Facebook, Google oder Apple hier ausscheren und perfide Pläne für die Gründung eines neuen Imperiums schmieden und dafür personalisierte Werbung als Baustein für ihre Welteroberungspläne einsetzen, ist das hausmeisterliche Vorgehen der staatlichen Datenschützer und pädagogisch gesinnten Politikern wie Daniel Mack doch zu begrüßen. Oder auch nicht. Es ist wohl reine Effekthascherei, sich als Kindermädchen meiner privaten Daten in Szene zu setzen.

Die Verteidigung des Privaten ist beim Staat in schlechten Händen. Das sollte man generell bedenken, wenn wieder über Verbote, Regulierungen, neue Überwachungsbehörden und sonstige Drangsalierungsmethoden nachgedacht wird. Das fängt beim Rauchverbot an und hört beim Bundestrojaner auf. Vorsorge und Fürsorge des Staates, so der Soziologe Wolfgang Sofsky, seien nur fadenscheinige Versprechen:

„Der Staat ist weder ein Hort der Sittlichkeit noch eine moralische Instanz. Er hütet kein Gemeinwohl und ist auch keine Quelle väterlicher Geborgenheit. Der Staat ist eine Einrichtung zur Beherrschung der Bürger.“

Das entbindet allerdings Google und Facebook nicht von der Pflicht, mich auf Augenhöhe wie einen Kunden zu behandeln, wenn es um die Geschäftsbedingungen geht. Das rechtfertigt nicht das Vorgehen von Apple und Microsoft, sich als Zensor zur Wahrung der guten Sitten aufzuschwingen. Es völlig in Ordnung, wenn mir personalisierte Werbung eingeblendet wird. Es ist nicht weiter problematisch, wenn meine Daten, die ich freiwillig zur Verfügung gestellt habe, für Analysen, Prognosen und Verfeinerungen von Diensten eingesetzt werden. Es ist nicht zu beanstanden, wenn sich die Netzanbieter nach neuen Geschäftsmodellen, Sponsoring-Angboten und Erlösquellen umschauen. Aber es ist einfach eine Unverschämtheit, gravierende Änderungen der Nutzungsbedingungen wie eine geheime Kommandosache durchzudrücken. Ich bin nicht das Klickvieh von Facebook, Google und Co. Allerdings brauche ich keine irrwitzigen Schutzgesetze, wie sie Daniel Mack von den Grünen ins Spiel gebracht hat – gut gekontert von Thomas Hutter in seinem Blogpost „Facebook ist nicht kostenlos – ein paar Gedanken zu einem politisch motivierten Blogbeitrag“.

Warum räumen die Netz-Giganten nicht generell eine Opt out-Funktion ein (Opt in-Modelle, die nicht nur der Datenschutz-Deichgraf in Kiel verlangt, sind nicht praktikabel). Wenn ich einer Sache widerspreche, muss das vom Anbieter respektiert werden und nicht mit Löschung oder Ignoranz bestraft werden. Auch der Spruch, “Du kannst ja Deinen Account kündigen”, ist keine Alternative. Vielleicht bin ich ja mittlerweile beruflich und privat auf diese Dienste angewiesen. Friss oder stirb – so kann man mit den Nutzern nicht umgehen. Besser wäre es, Abweichungen vom Standardprogramm einzuräumen.

Welche netzpolitisch sinnvollen Maßnahmen jenseits staatlicher Volkspädagogik möglich sind, diskutieren wir morgen in der zweiten Session des Blogger Camps von 19,30 bis 20,00 Uhr. Thema: Die AGB-Diktatoren des Netzes. Mit dabei sind: Ralf Rottmann, Constantin Sohn (er sagt etwas über fragwüridge Tribunale in Game-Communities), Hannes Schleeh, Bernd Stahl und Jens Best (wenn er zur Abendstunde unterwegs einen leistungsfähigen Internet-Zugang zur Verfügung hat). Moderation: Icke.

Die erste Session von 18,30 bis 19,00 zieht eine erste Hangout On Air-Bilanz und spricht über die Zukunft der Graswurzel-Kommunikation. Gäste sind Moritz Tolxdorff von Techtalk und Ersteller der beliebten Hangout on Air Toolbox, Daniel Fiene, Hangout on Air Pionier und Mitglied des Digitalen Quartetts sowie Wolfgang Bogler aus Saarbrücken. Moderation: Hannes Schleeh. Ick werde da natürlich ooch mitmachen.

Wo der staatliche Schutz im Netz hinführt, kann man aktuell in Augsburg beobachten: Polizei beschlagnahmt in Redaktion Daten eines Foren-Nutzers.

Staatsanwaltschaft durchsucht Räume der Augsburger Allgemeinen wegen Forenbeitrags.

Zur AGB-Diktatoren-Runde passt ja auch der aktuelle Streit mit Google über das angekündigte Re-Design der Bilder-Suche! Siehe: Verteidige Dein Bild.

DVB-T: Teures Spielzeug auf Kosten der GEZ-Gebührenzahler

Unwirtschaftliches Antennen-TV

Wie schon von t3n und viele andere Medien vor einigen Tagen berichteten, steigt RTL steigt aus dem terrestrischen Fernsehen „DVB-T“ aus. Damit werden die entsprechenden Sender künftig nicht mehr über Antenne zu empfangen sein sondern ausschließlich über Kabel, Internet und Satellit. Als Grund gibt die RTL-Geschäftsleitung ökonomische Gründe an.

Der Preis für die Verbreitung sei teuer, die vermarktungstechnischen Möglichkeiten ungünstig. Ab Ende 2014 wird es also kein VOX, RTL, RTL2 und Super-RTL mehr über Antenne mehr geben. ProSiebenSat1 wird wohl folgen. Wen juckt es, werden einige jetzt denken. Über Kabel, Satellit und Internet wird man ja reichlich mit Fernsehen versorgt.

Folgt man dem Szenario von Richard Gutjahr, dann sieht die Zukunft des Fernsehens sowieso ganz anders aus:

Warten, auf das nächste große Ding

„Kluge mobile Geräte (Kommandozentrale) und dumme Bildschirme (Projektionsfläche). Die Inhalte selbst liegen in der Wolke. Fernsehhersteller können Apples Airplay-Technologie lizensieren und in ihre Fernseher integrieren. Für alle anderen Geräte wird es einen Receiver-Stick geben, der nahezu jeden Fernseher in einen Apple-Fernseher verwandelt.“

Ich finde es allerdings wichtig, auf die politisch Verantwortlichen dieser dummen Technologie via Antenne zu verweisen, die noch nicht einmal einen Rückkanal vorweisen kann. Vor zehn Jahren hatte ich dazu einige Beiträge geschrieben. Hier nur ein kleiner Auszug:

Eine Studie der Düsseldorfer Prism Consulting kritisierte damals die Umstellung von analogem auf digitales terrestrisches Fernsehen (DVB-T) scharf: Rein wirtschaftlich gesehen sei die Investition in digitales terrestrisches Fernsehen absoluter Unsinn, heißt es in der Analyse.

„Wenn die Kosten mit der Nutzungscharakteristik zusammengeführt werden, ergeben sich jährliche Kosten pro Fernsehprogramm je nutzender Wohneinheit bei Kabel in Höhe von 14 Cent, bei Satellit 49 Cent und bei Terrestrik 24,50 Euro“, so die Berechnungen von Prism Consulting.

Aufgrund der unterschiedlichen Nutzungscharakteristik von Rundfunk und Fernsehen sehen in Deutschland die technischen Zugänge der Teilnehmer sehr verschieden aus. Den terrestrischen Antennenzugang nutzen beim Radio etwa 85 Prozent der Teilnehmer.

„Hingegen werden beim Fernsehempfang bundesweit nur noch rund acht Prozent der Geräte mit terrestrischem Empfang versorgt, Kabelempfang deckt etwa 55% der Teilnehmer ab, der andere große Teil versorgt sich über Satellit.“

Es müsse also die Frage gestellt werden, ob die geringe Penetration bei terrestrischem Fernseh-Empfang die Einführung von DVB-T wirklich sinnvoll macht.

Schon im heutigen Vergleich mit den alternativen Übertragungsmedien Kabel und Satellit erweise sich die Terrestrik als das weitaus kostspieligste Medium. So würden die Kosten für die deutschlandweite Kabeleinspeisung eines Fernsehprogramms bei rund 2,5 Millionen Euro liegen. Für die flächendeckende Abstrahlung über Satellit liege man jährlich bei über sechs Millionen Euro. Die Ausgaben von ARD und ZDF für die terrestrische Abstrahlung ihrer eigenen Programme betragen zirka 225 Millionen Euro pro Jahr.

Rein wirtschaftlich würden die DVB-T-Investitionen daher keinen Sinn machen und es sei daher auch nicht erstaunlich, dass privatwirtschaftlichen Konzerne und Konsortien daran kaum Interesse zeigen.

Hintergrund der Studie war der Start der digitalen terrestrischen Technik im Ballungsraum Berlin-Brandenburg am 1. November 2002. Die Medienanstalt Berlin-Brandenburg (MABB) forcierte eine harte Umstellung auf digitales terrestrisches Fernsehen. Übrigens auf Kosten der GEZ-Gebührenzahler. Eine so kostspielige Infrastruktur mehr oder weniger flächendeckend in Deutschland zusätzlich aufzubauen, war von Anfang an Schwachsinn.

Mehr Internet und App-Economy wagen: Apple und der lange Schatten des Steve Jobs

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Die hermetischen Strukturen der Apple-Welt garantierten nach Auffassung des Spiegel Online-Kolumnisten Sascha Lobo die zentralen Vorteile seiner Produkte: Einfachheit, Eleganz und Sicherheit.

„Es ist allerdings erstaunlich, dass Apple außer Stande scheint, diese Leitmotive ins moderne Internet zu übertragen, von Cloud bis zur sozialen Vernetzung. Die eigentliche Leistung des Unternehmens ist der Aufbau eines digitalen Ökosystems, bestehend aus Hardware, Betriebssystemen und Konsumplattformen.“

Die Nutz- oder Dienstprogramme des Cupertino-Konzerns würden dagegen oft zwischen Zumutung, Dysfunktionalität und Egalheit pendeln.

„Falls Apple plant, mehr Internet zu wagen, bleibt nur der Zukauf eines entsprechenden Unternehmens, potentielle Kandidaten wären Dropbox, Soundcloud und, ja, Twitter“, schreibt Lobo in seinem Jahresausblick.

Für die App-Economy ist der Apfel-Konzern schlecht gerüstet. Wenn ein Apple-Fanboy wie der App-Entwickler und Mobile Business-Experte Ralf Rottmann das Lager wechselt und von der Innovationskraft des neuen Nexus 4 von Google schwärmt, sollten in Cupertino die Warnleuchten angehen. Sein Blogpost “An iPhone lover’s confession: I switched to the Nexus 4. Completely” hat international wie eine Bombe eingeschlagen und mit über 17.000 Likes, Retweets und Google Plus-Empfehlungen die exorbitanten Sascha Lobo-Werte in den Schatten gestellt.

Sein privater Server brach schon eine halbe Stunde nach der Veröffentlichung zusammen. Bei den Hackernews landete er auf dem ersten Platz und selbst die Times zitierte den App-Guru. In der Vergangenheit hat Rottmann regelmäßig andere Plattformen getestet. Dazu zählen auch die Android-Telefone. Spätestens nach vier Tagen ist er wieder wehmütig zum iPhone zurückgekehrt:

„Und dann kam das Nexus 4. Auch hier hatte ich keine hohen Erwartungen. Statt das Gerät wieder bei eBay zu verticken, bin ich hängengeblieben. Eine Rückkehr zum iPhone 5 schließe ich aus“, so Rottmann im ichsagmal-Interview.

Das Google-Gerät sei schneller, besser und mache mehr Spaß. Es habe in der Vergangenheit berechtigte Kritik am Android-Betriebssystem gegeben. Es war langsamer, hakliger und hatte ärgerliche Latenzen bei der Bedienung des Touchscreens. Die Offenheit des Google-Systems brachte Nachteile. Zahlreiche Mobilfunk- und Tablet-Hersteller modifizierten Android und schufen Dutzende von Varianten und Benutzeroberflächen. So war es nur schwer möglich, konsistente und benutzerfreundliche Apps zu programmieren.

Google auf Augenhöhe mit Apple

„Das funktionierte auf den iOS-Geräten von Apple viel, viel besser. Diese Mängel sind weg. Wer heute noch das Gegenteil behauptet, liegt falsch. Zumindest beim Nexus 4. Hier ist Google auf Augenhöhe mit Apple. Und das ist nicht alles. Hinzu kommen Innovationen, die Apple nicht vorweisen kann. Beispielsweise die Interaktion der Apps, die Anbindung der Applikationen an soziale Netzwerke, ohne einen Wechsel bei den Diensten vornehmen zu müssen. Hier wird eine Integrationstiefe erreicht, die iOS nicht ermöglicht. Apple beschränkt den Nutzer und zwingt ihn, um die Ecke zu denken“, kritisiert Rottmann.

Es liege vielleicht an der DNA von Google und der Mashup-Tradition des Suchmaschinen-Giganten. Das Zusammenführen unterschiedlicher Dienste und Kontexte zu etwas Besseren sei die Stärke von Google.

„Unter Android kann man Fotos oder Screenshots ganz einfach in die Dropbox schieben und dann an einem anderen Gerät wieder herausholen. Mit dem iPhone oder iPad geht das nicht, da der Foto-Ordner keine Verbindung zur Dropbox aufnehmen kann. Einzelne Fotos oder Screenshots muss ich deshalb immer per E-Mail schicken, damit ich sie auf meinem Mac-Rechner dann weiterverwenden kann. Auch bei der Geräte-Synchronisation hängt Apple hinterher: Bei Android laufen die Synchronisationsvorgänge praktisch unmerklich im Hintergrund, während das iPhone immer noch regelmäßig an den Mac angebunden werden will“, bestätigt bwlzweinull-Blogger Matthias Schwenk.

Talente prägen die Innovationskraft

Apple habe zu lange und zu viel Energie in das Design und Hardware-Äußerlichkeiten gesteckt und dabei unterschätzt, dass der eigentliche Innovations-Treiber inzwischen bei der Software liegt. Hier könne Google seine Kompetenz voll ausspielen.

„Kurioserweise hat Apple zwar sehr viel Geld auf der hohen Kante, dafür aber so gut wie keine Forschung zu Künstlicher Intelligenz. Bei Google ist das ganz anders. Dieses Thema ist den Gründern seit vielen Jahren geradezu heilig. In dem Maße, wie daraus marktrelevante Produkte entstehen oder sich ableiten lassen wie bei Google Now, hat Google einfach die Nase vorn. Dass Apple hier überhaupt mithalten kann, verdankt man dem Erwerb des Siri-Startups – intern hatte Apple dazu gar keine Abteilung“, weiß Schwenk.

Die Innovationskraft eines Unternehmens werde eben stark geprägt durch die rekrutierten Talente, erläutert IT-Personalexperte Karsten Berge von SearchConsult.

„Besonders der Kandidatenmarkt für die Entwicklung von mobilen Anwendungen ist hart umkämpft. Selbst für Apple dürfte es nicht einfach sein, Kompetenz einzukaufen. Hier steht mehr oder weniger jedes Unternehmen vor der Herausforderung, Spezialisten an Land zu ziehen“, so Berge.

Beim Chip-Design verfüge Apple noch über die besten Köpfe, meint Rottmann. Selbst klassische Hardware-Hersteller könnten das nicht vorweisen.

„Das ist ein Vorsprung, den man nicht über Nacht aufholen kann.“

Das gelte aber nur für die Fertigung und den Technologien, die dafür notwendig seien. Beim Ökosystem für die mobile Kommunikation habe Apple diesen Vorsprung verloren.

„Apple muss den Abstand zwischen den Gitterstäben stark erweitern. Am Besten soweit, dass der Nutzer sich nicht im Käfig wähnt und nur soweit, dass die gewohnte Sicherheit bei Apple noch gewährleistet ist“, fordert der Social Media-Berater und Blogger Camp-Mitorganisator Hannes Schleeh.

Ich bin auf den nächsten Blogbeitrag von Ralf Rottmann gespannt mit Vorschlägen für eine Neuausrichtung beim iOS 7.

Ausführlich ist das in meiner heutigen Kolumne „Der lange Schatten des Steve Jobs“ nachzulesen.

Siehe auch:

Von den Schwierigkeiten ein eBook bei Apple zu verkaufen.

Das nächste große Ding bei Google: Project Glass: Erste Entwickler bekommen Zugriff auf Googles Datenbrille & Mirror API.