Politische Veränderungen über Basisbewegungen – Abschied von der Sandkasten-Ökonomie #NEO17x

Die Ökonomie sei ein Ausdruck kultureller Verhältnisse, auch was in ihr für wichtig gehalten und wertgeschätzt wird, bemerkt BWL-Professor Reinhard Pfriem:

„Die gleichen kulturellen Strömungen wirken auch auf die Konstellationen der politischen Kräfte ein. Gerade in einem repräsentativen Parteiensystem. Es war die Vorstellung schon immer naiv, daran zu glauben, dass auf dem Weg des Politischen die Akteure zu Maßnahmen gezwungen werden, die sie selbst nicht machen wollen. Das funktioniert nicht. Wenn man sich das Parteiensystem anschaut sowie das Wahlverhalten der Bürgerinnen und Bürger.“

Staatliche Regelungen bewirken nach Ansicht von Pfriem nur dann positive Veränderungen, wenn es sozial- und gesellschaftspolitischen Druck gibt. Ohne Basisbewegungen hätte es in den 70er und 80er Jahren keinen Fortschritt in der Umweltpolitik gegeben, die letztlich zum Atomausstieg und zur Einführung des Erneuerbaren-Energien-Gesetzes geführt haben. Auf anderen Feldern funktioniere das nicht.

„Denken Sie an die Mobilität, wo der Lobbyismus von Alexander Dobrindt sich ausleben kann und es in dem Autofahrerland Deutschland nach wie vor nicht möglich ist, auch nur Geschwindigkeitsbegrenzungen durchzusetzen.“

Wie sich Eliten abschotten

Liegt es an der Atomisierung oder Entsolidarisierung der Gesellschaft? Pfriem bejaht das.

Der Netzwerkforscher Manuel Castells hat das gut analysiert: Die alten und neuen Eliten (etwa Vulgärkapitalisten wie Peter Thiel – er zählt gar zu den Protagonisten, die sich mit den alten Eliten koppeln und mit der rechts-reaktionären Bewegung in den USA sympathisiert) verbinden sich zur Absicherung ihrer Herrschaft bei gleichzeitiger Desorganisation der Gesellschaft.

Je stärker das Internet die Vernetzung vorantreibt und jeder nicht nur Empfänger von Botschaften ist, sondern auch Sender, desto stärker versuchen sich die alten Eliten abzusetzen, damit es nicht zu einem übermäßigen Vordringen von „gewöhnlichen“ Leuten in die innere Welt der Cliquen und Klüngel kommt. Der Zugang zu den Netzwerken der Herrschenden bleibt versperrt. Nachzulesen im Standardwerk von Castells „Das Informationszeitalter I – Der Aufstieg der Netzwerkgesellschaft“.

Quartiersräte als Bindeglied

Die Zersplitterung der Gesellschaft und der Separatismus elitärer Gruppen ist auch nach Meinung von Pfriem ein großes Problem.

„Es gibt ein grundlegendes Defizit an der Möglichkeit politischer Artikulation“, mahnt der Ökonom Reinhard Pfriem und plädiert für die Entwicklung von institutionellen Formen, die tatsächlich wieder radikale Demokratie ermöglicht: „Es gibt in Berlin in einigen sozialen Brennpunkten der Stadt so genannte Quartiersräte, wo die heterogenen und zukunftsorientiert tätigen Akteure zusammengebracht und mit der darüber liegenden Ebene verkoppelt werden.“

Also ein Bindeglied zu den kommunalen und landespolitischen Instanzen. In der Hauptstadt sind es die Bezirksverordneten-Versammlungen und das Abgeordnetenhaus. Die gegenwärtige Form von repräsentativer Parlamentsdemokratie schwebe schon institutionell über dem, was Menschen wirklich bewegt. Pfriem bringt den Begriff der Agora ins Spiel, also den Ort öffentlichen Verständigung und Kommunikation in der griechischen Antike. Das gilt nach seiner Auffassung auch für die Wissenschaft, die sich transparent zu zeigen und zu rechtfertigen hat sowie ihre von der Gesellschaft alimentierte Funktion unter Beweis stellen muss.

Hausaufgaben hat vor allem die Wirtschaftswissenschaft zu machen: Vonnöten sei eine transformative Ökonomie, die sich von ihren Rechtfertigungserzählungen löst, erläutert Professor Uwe Schneidewind, Präsident des Wuppertal-Instituts. Sie müsse sich von einer Reparaturökonomie zur Orientierungswissenschaft weiter entwickeln:

„Plötzlich haben wir mit Null-Grenzkosten-Produkten und Produktivitätssprüngen zu tun, die das Maß vorangegangener technologischer Metamorphosen deutlich übertreffen. Jetzt würde man sich eine Ökonomie wünschen, die dazu Antworten entwickelt. Wie organisieren wir unseren Sozialstaat, was passiert mit der Geldwirtschaft im Zeitalter von Bitcoin, wie finanziert sich der Staat? Wo sind die Ökonomen als öffentliche Intellektuelle? Sie verkriechen sich lieber in ihren Boxen und machen tolle Experimente und wundern sich über die zunehmende Kritik an der Visionslosigkeit der Wirtschaftswissenschaften.“

Es gebe immer noch zu viele Sandkastenökonomen, meint Professor Lutz Becker, Studiendekan an der Hochschule Fresenius.

„Mein akademischer Lehrer Peter Ulrich hat das mal so schön gesagt: Wir brauchen ein Ethos ganzer Systeme. Wir müssen das immer auf einer höheren Ebene beurteilen.“

Debattenstoff für weitere Diskussionsrunden. Beispielsweise auf der Next Economy Open am 9. und 10. November.

Wer mitmachen möchte mit Subevents, sollte sich einfach bei mir melden.

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Mao, Ludwig Erhard und der Homo Digitalis – Netzökonomischer Käsekuchen-Diskurs in Köln ab 16 Uhr

Ab 16 Uhr springt der Webplayer an.

Mitdiskutieren auf Facebook.

Warum die Ökonomik sich wandeln muss – Diskurs ohne E-Mail-Kommentare @MakronomMagazin

Im Online-Magazin Makronom formulierte Johannes Becker eine kleine Kritik über die pluralen Ökonomen, die angeblich zu viel Fundamentalopposition betreiben.

Nun habe ich mich über die methodischen Schwächen der herrschenden Lehre ja schon einige Male zu Wort gemeldet. Das würde ich auf Makronom auch gerne tun. Dort kann man Kommentare schreiben, muss sie aber über E-Mail einsenden. Sorry. Dat ist noch nicht mal 1.0-Niveau.

Daher verweise ich hier noch einmal auf die Wuppertaler Runde, die die Kritik an der Mainstream-Ökonomik gut zum Ausdruck bringt:

Ein Punkt könnte Johannes Becker schon jetzt beantworten. Das ist in einer Facebook-Debatte zum Ausdruck gekommen. Wie steht es mit der Ausgrenzungspolitik der Mainstream-Ökonomen?

Kritische Ökonomen, wie Ekkehard Kappler, Reinhard Rock oder Hagen Backhaus oder der Wirtschaftsethiker Peter Ulrich. Deren Gedanken wurden von fast allen Ökonomen als Häresie diffamiert, Peter Ulrichs späteres Institut in St. Gallen aus der Ökonomie verbannt. Getan hat sich seither so gut wie nichts, im Gegenteil ist das System seither viel radikaler geworden.

Alles nur Hirngespinste?

Auf ichsagmal.com kann man ohne Beschränkungen disputieren.

Hier noch die komplette Aufzeichnung der Wuppertal Runde:

Der nächste netzökonomische Käsekuchen-Diskurs beschäftigt sich mit dem Thema: Mao, Ludwig Erhard und der Homo Digitalis – Aufbruch zu neuer Theorie und Praxis in Wirtschaft, Wissenschaft, Politik und Gesellschaft. Läuft nach dem Open Space-Prinzip, liebewerteste Makronom-Autoren. Kommt nach Köln. Am Freitagen, den 25. August 2017, um 16 Uhr. Adresse: NetSkill AG, Salierring 43, 50677 Köln.
Anmeldungen via Facebook-Eventseite.

Homunculus-Ökonomie: Wie die Wirtschaftstheorie den unberechenbaren Menschen rauskürzte

Nutzenoptimierter Automat

Frank Schirrmacher schreibt in seinem neuen Buch „Ego“, das in der nächsten Woche erscheint, über eine verhängnisvolle Verschmelzung von Ökonomie, Physik und Gesellschaftstheorie zu einer neuen Praxis der sozialen Physik.

Gestern noch bastelten renommierte Naturwissenschaftler an der Atombombe und heute verstrahlen sie mit ihren kruden Formeln, spieltheoretischen Sandkasten-Strategien und mechanistischen Algorithmen die Finanzmärkte. Die zur Sozialwissenschaft konvertierten Mathematiker sowie Physiker wollen Menschen wie Automaten steuern und sind für ihr krudes Sozialverständnis mit Nobelpreisen überhäuft worden. Auch unter den Gurus der Big-Data-Welterklärungsmaschinen des Cyberspace sind sie zahlreich zu finden.

Die von Algorithmen gesteuerte Informationsökonomie bewertet Gefühle, Vertrauen, soziale Kontakte genauso wie Aktien, Waren und ganze Volkswirtschaften – denn auch die Rating-Agenturen arbeiten nach den gleichen Rezepturen, gewähren aber keinen Einblick in ihre alchemistischen Zahlenstuben. Aber nicht erst seit der Herrschaft von naturwissenschaftlichen Renegaten wird in der Wirtschaftswissenschaft ein höchst reduziertes Menschenbild vertreten. Siehe meine heutige The European-Kolumne „Menschen wie Automaten“.

Davon waren auch die Gründungsväter der Betriebswirtschaftslehre beseelt.

„Um das zu einer Wissenschaft zu machen, haben sie sich überlegt, in irgendeiner Weise so tun, als sei das eine Naturwissenschaft“, so Professor Michael Zerr von der Karlshochschule.

Nur, was man berechnen könne und was einen eindeutigen Ursache-Wirkungs-Zusammenhang hat, lässt sich als Wissenschaft verkaufen.

„Also kürzen wir alles raus, was unberechenbar ist – und das ist der Mensch. Wir betrachten einen Homunculus, man nennt ihn auch Homo Oeconomicus, der für sich allein auf der Welt Nutzen optimiert und dann aggregieren wir alle nutzenoptimierten Automaten zu irgendeiner Gesamtmenge“, erläutert Zerr.

Auf dieser Basis leitet man Modelle für wirtschaftliche Entwicklungen ab und provoziert mit dieser reduktionistischen Sichtweise die krisenhaften Verwerfungen, die man mit dem wirtschaftswissenschaftlichen Maschinisten-Handwerk eigentlich bekämpfen wollte.

Wirtschaftliches Handeln sollte eher als kulturelle Praxis verstanden werden, fordert Zerr. Mit all ihren Widersprüchen. Es geht um Macht, Leidenschaft, Beziehungen, Angst und Hysterie, die man nicht mit Formeln abbilden kann.

Daher finde ich den Rat des Black Swan-Autors Nicholas Taleb so reizvoll:

„Hören Sie nicht auf Vorhersagen der Ökonomie“.

Sie unterscheiden sich nämlich nicht vom Ratespiel. Versuch und Irrtum sei der bessere Weg. Oder einfach nur Laie sein, der sich in seine eigenen Angelegenheiten einmischt:

„Die Griechen nannten ihn idiotes, die Römer idiota: Er lebt für sich, vertraut seiner Erfahrung, pfeift auf die Finessen der Theoretiker. Als ‚Idioten’ traten die Apostel an gegen verblendete Welt- und verstockte Schriftgelehrte. Franziskus von Assisi nannte sich einen einfältigen idiota. Luther fand, die unverbildete ‚Albernheit des Laien’ sei für göttliche Botschaften empfänglicher als die eingebildete Gescheitheit der Wissenden. Das ‚Lob der Torheit’ war längst angestimmt, als Erasmus von Rotterdam es besang: Der Humanist verspottete den Bildungsdünkel, spielte Leben gegen Schule aus, Common Sense gegen Dogma, Lachen gegen Tintenernst, erklärte die Torheit zur alleinigen Quelle des sozialen und privaten Lebensglücks“, so der Publizist Ludwig Hasler.

Siehe auch:

Studenten im Bologna-Prozess: Stoff-Bulimie statt Regelbruch – Reinschaufeln, auskotzen, vergessen.