Facebook und die nervigen Wachposten der Volksfürsorge


Der Streit zwischen Datenschützern und Facebook ist von allfacebook.de in aller Ausführlichkeit noch einmal sehr gut zusammengefasst worden. Ich habe mich in meiner Service Insiders-Kolumne fernab von den Sandkastenspielchen etwas grundsätzlicher mit dem Thema beschäftigt. Das Ganze ist ja schon ein Indikator für die netzpolitische Befindlichkeit in Deutschland. Hier ein Auszug:

Die Agitation gegen Facebook, Google und Apple bekommt zunehmend einen provinziellen Anstrich. Aber das passt zur geschichtlichen Tradition des Paternalismus in Deutschland. Die Volkserzieher verbreiten den Irrglauben, dass wir nicht dazu in der Lage sind, eigenverantwortlich zu handeln: „Der Staat als Hüter der Sittlichkeit – das ist ein Vollbeschäftigungsprogramm für Heerscharen von Alarmrufern, Denunzianten und Anklägern“, so der Soziologie-Professor Wolfgang Sofsky. Privatheit, die den Namen verdient, umfasst auch die Freiheit vor unerbetener Belästigung, vor den Zwängen der Gemeinschaft, der Gesellschaft und des Staates. Die staatlichen Datenschützer mutieren immer mehr zu nervigen Wachposten der Fürsorge. Ich möchte aber von diesen Moralaposteln in Ruhe gelassen werden – auch das ist ein Freiheitsrecht!

Intelligente Agenten gegen die Datenflut

Die gleichen Datenschutz-Hysteriker, die Warnschilder gegen die Internet-Giganten aufstellen und Social Plugins wie den Gefällt mir-Button von Facebook als Verführungstechnologien abstempeln, sprechen vom Problem der Datenflut und den gehirnschädlichen Auswirkungen der Netzwelt. Dabei verschaffen gerade die Technologien zur Personalisierung von Daten Ordnung im digitalen Dschungel. Eigentlich dachten viele Experten, dass es erst in rund fünf bis zehn Jahren möglich sein werde, intelligente Software-Assistenten einzusetzen, die unser Verhalten täglich beobachten, daraus ein Profil bilden und unsere Daten weitergeben. Doch mit der App-Economy und ausgefeilten Analyseverfahren ist das heute schon möglich. Der Nutzen dieser virtuellen Helfer liegt auf der Hand: Wir können bessere Fernsehprogramme und Musik im Radio, interessantere Nachrichten, Sonderangebote und personalisierte Werbung abrufen – zugeschnitten auf unsere Vorlieben. Schluss mit der massenmedialen Berieselung. Aber gerade die personalisierten Dienste werden unter Generalverdacht gestellt: „Je subtiler die Werbebotschaft, je weniger sie als solche erkennbar ist, desto eher fallen wir darauf herein. Da die Grenzen des optischen Flächenbombardements sowohl im öffentlichen Raum als auch auf Webseiten mittlerweile erreicht sind, verlagert sich der Fokus mehr und mehr auf die Kontamination des täglichen persönlichen Informationsstroms. Längst geht es im Netz nicht mehr nur um Partizipation, Informationsaustausch und Unterhaltung. Es ist die Spielwiese vielfältiger kommerzieller Anbieter“, warnen die Chaos Computer Club-Sprecher Constanze Kurz und Frank Rieger in ihrem Opus „Die Datenfresser“.

Vernetzte Verbraucher erwarten mehr Sein als Schein

Die Autoren unterschätzen die Kompetenz der vernetzten Verbraucher. „Nutzer teilen Inhalte nicht, wenn sie ihnen nicht vertrauen“, schreibt Salima Richard in dem Beitrag „Psychologische Studie: Warum wir Inhalte im Netz teilen“. Wer dem Kunden nicht regelmäßig Mehrwert biete, gerät schnell in Vergessenheit.

„Konsumenten wollen wichtige Informationen, besondere Angebote und die Möglichkeit andere Nutzer mit ähnlichen Interessen zu treffen. Bietet man das nicht, sehen sich die Fans bei anderen Marken um“, so Richard. Hohle Phrasen der Marketingabteilungen laufen in sozialen Netzwerken zunehmend ins Leere. Führungskräfte, die noch daran glauben, dass die Online-Märkte dieselben seien, die einst ihre dümmliche Fernsehwerbung ertragen haben, machen sich immer noch etwas vor. „Wir haben bei der xy-Schlag-mich-tot-Technologie richtungsweisende Entwicklungen mit Innovationskraft gekoppelt, um effiziente und effektive Prozesse zu ermöglichen sowie Kosten zu senken. Mit High-Perfomance-Lösungen steht bei uns der Kunde im Mittelpunkt, um Wettbewerbsvorteile zu generieren, sich gut aufzustellen und im Bereich der Prozessintegration einen wichtigen Schritt in die Zukunft zu machen.“ Wer diese Botschaften ins Web 2.0 aussendet, erntet kollektive Nichtbeachtung. „Der vernetzte Verbraucher erwartet heute mehr Sein statt Schein“, bestätigt die Marketingprofessorin Heike Simmet.

Social Media-Geschnatter als Stimmungsbarometer

Wer sich in der Medien- und Informationsgesellschaft bewegt, weiß um den besonderen Wert seiner persönlichen Daten. Er entscheidet selbst, wie viel er bereit ist, von sich preiszugeben, um von Angeboten zu profitieren, die für ihn relevant und nützlich sind. Der Wunsch nach einer Personalisierung von Unterhaltungsangeboten, Diensten und Produkten lässt sich in den meisten Fällen nur über die Weitergabe und Verwendung von Nutzerprofilen erfüllen: Wir können nicht das eine ohne das andere haben. Besonders die Beziehung zwischen Konsument und Medienwirtschaft wird noch stärker als bisher auf diesem Tauschgeschäft beruhen. Entertainment und Content werden mit der Preisgabe persönlicher Informationen bezahlt. Entscheidend dabei ist, dass für den Kunden der Nutzen aus diesem Geschäft überwiegt, Leistung und Gegenleistung zumindest im Einklang stehen. Das hat Professor Wolfgang Wahlster vom Deutschen Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz (DFKI) sehr schön auf den Punkt gebracht: Man muss seine privaten Vorlieben mit anderen teilen, wenn man denn besser bedient werden wolle. Wie sonst könne einem im Tante Emma-Laden ein neuer Bordeaux zur Verkostung vorgeschlagen werden, wenn man dort nicht wisse, dass man als Kunde gerade auf Rebsorten aus dieser Weinregion besonders erpicht sei.

Neue Auswertungsverfahren orientieren sich gar nicht mehr auf diverse Sharing-Funktionen, die im Blickfeld der staatlichen Datenschützer liegen. „Soziale Netzwerke, Blogs und Kommentarfelder strotzen nur so vor persönlichen Stellungnahmen. Einige pfiffige Dienstleister schicken Software-Agenten durchs Netz, um die Stimmungen der ungezählten Autoren zu analysieren“, schreibt Jörg Wittkewitz in einem Gastbeitrag für die FAZ. Das Geschnatter bei Twitter, Facebook und Google+ sei ein reich gedeckter Tisch für die Feldforschung über echte Stimmungen der Werbekunden.

Die Facebook-Gefällt-mir-Datenkraken-Bobby-Car-Verschwörung


Ist die Kampagne des Heise-Verlages „2 Klicks für mehr Datenschutz“ nun der Weisheit letzter Schluss in der Diskussion über Social Plugins? So langsam wird es ja eine Frage des Glaubens, ob Konzerne wie Facebook wirklich unlautere Motive im Schilde führen mit den Daten, die man freiwillig preisgibt. An der Spitze der Kritiker marschiert Chaos Computer Club-Sprecherin Constanze Kurz.

Gegenüber Focus sagte sie, jeder müsse selbst entscheiden dürfen, ob er „Teil der Datenfresser-Welt von Facebook werden möchte, wo er sich und sein Privatleben mit jedem Klick entblößt und seine Daten zu Werbezwecken weiterverkauft werden“. Mit Hilfe des „Gefällt mir“-Buttons allerdings, den viele Behörden und Unternehmen auf ihrer Website integrieren, gelinge es Facebook, „das Surfverhalten jedes Bürgers auszuspähen, der ihre Seite besucht“.

Also auch von Nutzern, die nicht bei Facebook angemeldet sind. Davon betroffen seien auch Nutzer, die gerade nicht bei Facebook angemeldet seien. Damit wisse Facebook über seine Mitglieder beispielsweise, ob jemand die Webseite einer Aids-Hilfe oder Schuldenberatung angeschaut habe.

Es sei richtig, dass einige Landesdatenschützer die Verwendung des „Gefällt-mir“-Buttons durch die Behörden nicht mehr dulden wollen, sagte Kurz. „Private Daten gehen keinen etwas an“, kritisiert sie. „Facebook will erreichen, dass die Nutzer alles von sich preisgeben. Das kritisieren wir entschieden.“
Man bezahle für den Service mit den eigenen Daten. „Langfristig gibt man einem Unternehmen die Möglichkeit, einen digitalen Schattenriss jedes Nutzers zu erstellen. Facebook könne mit der riesigen Datenbank das Verhalten seiner Mitglieder vorhersagen und manipulieren. In ihrem Buch „Die Datenfresser“ beschreiben Constanze Kurz und ihr Co-Autor Frank Rieger die „Bedrohungslage“ ausführlich: Wie gut können wir wirklich noch den Einflüsterungen der Werbung widerstehen und tatsächlich noch freie Entscheidungen fällen? „Je subtiler die Werbebotschaft, je weniger sie als solche erkennbar ist, desto eher fallen wir darauf herein (für wie doof halten die Autoren die Internetnutzer? gs). Da die Grenzen des optischen Flächenbombardements sowohl im öffentlichen Raum als auch auf Webseiten mittlerweile erreicht sind, verlagert sich der Fokus mehr und mehr auf die Kontamination des täglichen persönlichen Informationsstroms. Längst geht es im Netz nicht mehr nur um Partizipation, Informationsaustausch und Unterhaltung. Es ist die Spielwiese vielfältiger kommerzieller Anbieter….“

Kein Wunder, dass die CCC-Sprecherin Sympathien mit der Initiative des Datenschutz-Deichgrafen Thilo Weichert hegt. Er glaubt ja auch an das Böse hinter den Mauern amerikanischer Internet-Konzerne:

„Was macht ein Amazon, was macht ein Google, vielleicht sogar Facebook? Was machen die mit den Daten, die nicht nur öffentlich zugänglich sind, sondern auch vertraulich sein sollen für die Friends oder das eigene Konto, was nur von einem selbst administriert wird?….Entsprechend hoch ist das Mißbrauchsrisiko.“
Und jetzt kommen wir zum Kapitel Verschwörungstheorie: „Das einzige, was diesen Missbrauch verhindert, ist das ökonomische Interesse der Anbieter. Google und Facebook haben ein ganz massives Interesse, ihre Geschäfts- und Betriebsgeheimnisse nicht an andere weiterzugeben. Deswegen versuchen sie, ihre Dienste sicher zu machen. Aber nicht im Interesse des Schutzes der jeweiligen User, Anwender oder Kunden“, so die Weisheiten des Datenschützers aus dem Norden.

Welcher Anbieter schützt denn die Daten aus anderen Interessen? Vielleicht geht es ja auch um zufriedene Kunden, Loyalität, smarte Dienstleistungen, innovative Angebote. Die Frage ist nur, wie man solche Web-Dienste finanzieren soll?

Die Entscheidung, die jeder frei treffen kann, ist doch simpel: Entweder ich zahle mit meinem Profil oder ich nutze die werbefinanzierten Angebote von Facebook, Google & Co. nicht.

Und zu was verführen uns denn Google und Facebook? Zum Kauf eines Bobby Cars, weil man einen Beitrag über Bobby Car-Rennen im Sauerland empfohlen hat?

Ich möchte hier Facebook und Google nicht heilig sprechen. Siehe meine Kolumne über die virtuelle Identität als Menschenrecht. Aber personalisierte Werbung als mephistophelischen Pakt zwischen Nutzern und sozialen Netzwerken zu klassifizieren, ist doch reichlich kindisch. Verbraucher sind nicht so doof und leicht zu verführen, wie Kurz und Co. glauben. Siehe den Beitrag auf Trickr.de.

Nutzer teilen Inhalte nicht, wenn sie ihnen nicht vertrauen. Laut Edelman Trust Barometer vertauen weltweit nur 56 Prozent der Menschen darauf, dass sich Unternehmen richtig verhalten. Erfreulich für deutsche Unternehmen: Innerhalb eines Jahres nahm das Konsumentenvertrauen um 12 Prozent zu und stieg zwischen 2010 und 2011 von 40 Prozent auf 52 Prozent. Damit liegt Deutschland allerdings immer noch im Mittelfeld. Das meiste Vertrauen haben brasilianische Konsumenten mit einer Quote von 81 Prozent! In den USA sank dagegen das Konsumentenvertrauen auf 45 Prozent, weshalb die Amerikaner zu den „Distrusters“ gezählt werden.

Morgen werde ich das Thema noch einmal aufgreifen in einem längeren Beitrag. Anregungen, Statements zum Thema sind hoch willkommen. Entweder hier als Kommentar posten oder mir per E-Mail schicken: gunnareriksohn@googlemail.com