Nun gibt es doch keine Welterklärungsmaschine in Zürich, schade!

ETH-Forscher Dirk Helbing

Nach Redaktionsschluss für meine heutige The European-Kolumne erreichte mich einige Mails von Professor Dirk Helbing, die sich mit meinen ironischen Bemerkungen zur angeblich geplanten Welterklärungsmaschine in Zürich beschäftigten. Das Wort „Maschine“, soviel vorweg, sollte man übrigens im metaphorischen Sinne verstehen. Mir ist auch klar, dass da in Zürich keine klassischen Maschinen gebaut werden. Es geht in erster Linie um Software, die allerdings auch ein Stückchen Hardware benötigt – also ganz ohne Maschinen wird man auch an der ETH wohl nicht auskommen. Hier jedenfalls die Stellungnahme von Professor Helbing, die mich gestern Abend erreichten:

Sehr geehrter Herr Sohn,

vielen Dank fuer Ihr Interesse an FuturICT. Ich möchte Ihnen gerne die Gelegenheit geben, sich ein Bild aus erster Hand zu machen.

Zunächst einmal wissen Sie sicher, dass alles, was nicht in Anführungsstrichen geschrieben wird, keine Zitate sind, und so habe ich auch nicht behauptet, dass die Finanzkrise niemand anders kommen sehen hat. Es hat mich auch befremdet, dass der FAZ-Artikel so auf eine Person zugespitzt ist, da das Projekt doch das Gemeinschaftswerk von 160 Wissenschaftlerteams an 84 führenden europäischen Institutionen in 25 Ländern ist.

Es ist auch nicht das teuerste Projekt der Geschichte. Grossprojekte in den Natur- und Ingenieurwissenschaften (CERN, ITER, Galileo, Weltraumprojekte, Nanotechnologie, Gentechnologie etc.) kosten 10x mehr oder sind sogar noch teuerer.

FuturICT möchte auch nicht die Zukunft vorhersagen, sondern den Menschen Instrumente an die Hand geben, die ihnen erlauben, sich besser im Informationsdschungel orientieren zu können. Wir bauen keine Maschine, sondern eine offene Plattform, die alle selbstbestimmt nutzen können, und zu der alle beitragen können (wie gesagt, Maschine als Metapher sehen, gs).

FuturICT möchte weiterhin „digital literacy“ fördern. So, wie man das Lesen und Schreiben irgendwann vom Privileg zum Allgemeingut gemacht hat, was unsere moderne Gesellschaft erst ermöglicht hat, möchten wir auch Daten für die Allgemeinheit zugänglich machen, um ein Informationsökosystem zu schaffen, das der Kreativität aller Interessierten zugute kommen wird, und um neue Möglichkeiten der Beteiligung an sozialen, wirtschaftlichen und politischen Prozessen zu schaffen, im Einklang mit den Zielen der Europäischen Union.

Es ist uns bewusst, dass wir nur einen begrenzten Beitrag leisten können, aber wir denken, wenn jeder einen Beitrag leistet, dann wird Europa die Krise überwinden, besonders, wenn man Plattformen schafft, die Synergieeffekte zwischen den Einzelbeiträgen erzeugen können (also mit der Plattform überwinden wir Krisen in der EU? gs).

FuturICT ist auch ein Projekt, das sich wissenschaftlich mit den Risiken und Chancen des Informationszeitalters auseinandersetzt. Das Projekt hat einen starken Schwerpunkt auf ethischen Fragestellungen – kein anderes mir bekanntes Projekt kümmert sich mehr um diese essenziellen Fragen. Die folgende Folie erlauetert den besonderen Ansatz des Projekts.

Gerne stehe ich Ihnen für Fragen heute abend zur Verfügung (morgen werde ich eine Asienreise antreten).

Mit besten Grüssen,

Dirk Helbing

PS: Hintergrundinformationen finden Sie unter den unten angegebenen Links und in den angehaengten Dokumenten. Einige typischen Fragen zum Projekt beantwortet folgender Blog: http://www.futurict.blogspot.ch/2012/03/futurict-participatory-computing-for.html. Insbesondere hat FuturICT NICHTS zu tun mit: Kristallkugel, Zukunftsprognose, Futurologie, Laplace’scher Dämon, Psychohistory usw.

PPS: Vielleicht interessiert Sie auch die amerikanische Reaktion auf FuturICT:

http://www.govloop.com/profiles/blogs/the-u-s-needs-a-futurict-program-to-confront-the-challenges-of

http://www.scoop.it/t/futurict-in-the-news/p/3954849835/the-u-s-needs-a-futurict-program-to-confront-the-challenges-of-21st-century-government-govloop-knowledge-network-for-government

Wenn Europa das Projekt nicht durchführt, wird es sicher in den USA entstehen. Auch Japan und China arbeiten an analogen Projekten.

Soweit die erste Stellungnahme von Professor Helbing. Die Nachbemerkung finde ich übrigens schwach. Wenn die EU die 500 Millionen Mäuse nicht locker macht, läuft das Projekt dann anderswo. Wie viel hat das Ganze dann noch mit Europa zu tun?

Was ist nur in dem Gespräch mit den Redakteuren der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung schief gelaufen? Entscheidend sind also nur die wörtlichen Zitate. Ok. Hier kommen ein paar von Professor Helbing:

„Wir brauchen neue Erkenntnisinstrumente. Früher gab es ein Fernrohr, in Zukunft muss es Instrumente geben, die Feedback- und Kaskadeneffekte im Vorfeld erkennen lassen.“

Sind das jetzt keine Vorhersagen?

Oder:

„Für ein visionäres Projekt muss man bis zum Horizont sehen und darüber hinaus denken können“, bemerkt Helbing leise.

Oder:

„Sie müssen sich das wie ein Imax vorstellen“, erklärt Helbing, „und durch Eingriffe in diese räumlichen Visualisierungen können Sie Zukunftsszenarien durchspielen.“

Oder:

„In zehn Jahren werden Computer die Leistungfähigkeit menschlicher Gehirne erreichen“, sagt Helbing.

Davon sind wohl nicht einmal die Forscher für Künstliche Intelligenz überzeugt.

Zur Frage der Warnung vor dem Finanzcrash 2009 verweist Helbing auf einen Aufsatz, der im APRIL 2008 verfasst und nacheinander zu verschiedenen Zeitungen geschickt wurden.

Wenn das eine Warnung vor dem Szenario ist, was sich nach der Lehman-Pleite abspielte, muss man wohl ein Künstler im Verständnis von Aussagen sein, die zwischen den Zeilen stehen. Aber das kann jeder selbst beurteilen. Eine Warnung erkenne ich nicht.

Titel des Artikels: Die Erforschung komplexer Systeme macht Krisen verständlich und vermeidbar

Auszug:

Eine Analyse des heutigen Finanzsystems unter dem Blickwinkel der Theorie komplexer Systeme offenbart also ein differenzierteres Bild als die heutige Bewertung der Krise als einen „grösseren Börsencrash“. Die letzten Monate zeigten alle Anzeichen eines ausser Kontrolle geratenen Flächenbrandes. Die laufen zunehmenden Abschreibungen der Banken zeigen, dass nicht mehr klar ist, was eine „subprime mortgage“ überhaupt ist – der Name für die gegenwärtige Krise ist also irreführend. Aus diesem Grund kursieren auch sehr unterschiedliche Schätzungen hinsichtlich des gesamten Abschreibungsbedarfs in der Grössenordnung von 170 Milliarden (Bank of England) über 400 Milliarden (OECD) bis gegen eine Billion Dollar (IMF) – die Schätzungen liegen also um einen Faktor 6 auseinander.

Wir denken deshalb, dass die derzeitige Diskussion über die Nutzen und Zulässigkeit von Kapitalspritzen der Zentralbanken zu kurz greift. Sie düngen quasi ein Ökosystem, das seine Stabilitätseigenschaften weitgehend verloren hat. Die Frage der Kontrolle eines Systems muss an dafür relevanten und oben beschriebenen Eigenschaften ansetzen. Die Analyse der Faktoren, welche die Systemrobustheit beeinträchtigen oder stabilisieren, bietet dazu Lösungsansätze. Daher ist die Beschreibung sozio-ökonomischer Systeme als komplexe Systeme nicht nur ein leistungsstarker Ansatz zum besseren Verständnis dieser Systeme, sondern auch zur Milderung oder Verhinderung von Krisen. Dies verlangt jedoch einen Ausbau entsprechender Forschungskapazitäten. Die ETH Zürich hat daher kürzlich das Kompetenzzentrum „Coping with Crises in Complex Socio-Economic Systems“ gegründet. Es vereint Forscherinnen und Forscher mit Mehrfachkompetenzen in den Natur-, Wirtschafts- und Sozialwissenschaften, die sich mit der Beschreibung und Stabilisierung von sozialen und ökonomischen Systemen befassen.

Mehr als eine Symptom-Therapie schlagen die Autoren dieses Beitrages nicht vor. Um die Zockereien der Spekulatius-Bubis zu verhindern, müssen bestimmt Geschäfte auf den Kapitalmärkten schlichtweg verboten werden. Da brauche ich keine Simulationsberechnungen. Wer mit Renditeversprechen von über 20 Prozent hausieren geht, ist ein Scharlatan. Ich freue mich übrigens auf das Interview mit Professor Helbing, wenn es denn noch zustande kommt. Das sollte aber schön öffentlich geführt werden – also via Hangout On Air. Versteht sich von selbst 😉

Auf der Suche nach der Welterklärungsmaschine: Von den zweifelhaften Verheißungen eines Supercomputers

Scheitern gehört zur Disruption

In Zürich will ein Professor auf einem Computer das gesamte Weltgeschehen simulieren. Menschliches Verhalten und die Zukunft sollen so berechenbar werden. „Wollen wir das überhaupt“, fragt sich die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung. Besser wäre wohl die Frage, ob wir und der Professor das überhaupt können.

Die Finanzkrise hätte es mit der Welterklärungsmaschine in der Schweizer Metropole angeblich nicht gegeben, der Tsunami hätte nicht 230.000 Menschen getötet, und auch Hitler wäre nicht an die Macht gekommen:

„Wenn alles nur besser gesteuert wäre. Dirk Helbing läuft mit großen Schritten auf das sozialwissenschaftliche Institut der Eidgenössischen Technischen Hochschule in Zürich zu. Der Professor hat es eilig. Er will die Zivilisation retten. Mit Computern, die den Menschen helfen, sich selbst zu steuern. Und um diese Computer zu bauen, braucht Helbing eine Milliarde Euro – die Hälfte davon soll die EU bezahlen“, so die FAS.

Sein Projekt habe es in die letzte Runde des „Future and Emerging Technologies“-Wettbewerbs der EU geschafft – noch nie zuvor wurden so hohe Fördermittel an Forscher vergeben.

„Wenn Helbing und sein Team gewinnen, wollen sie das gesamte Geschehen auf der Welt mit einem Supercomputer simulieren: Sämtliche verfügbaren Informationen über alle und alles, von überall, sollen permanent einfließen. So soll die Zukunft vorhersehbar werden“, führt die FAS weiter aus.

„Ein Jahr vor dem Banken-Crash unterhielt sich Helbing auf einer Konferenz in Dresden mit Vertretern der Europäischen Kommission. Keiner der Experten habe die Finanzkrise kommen sehen, sagt Helbing – außer ihm selbst. Er habe gewusst, dass es Kaskadeneffekte, wie er das nennt, geben würde, und erkannt, dass die Politik das nicht versteht. Da sei ihm klar geworden: Die Zeit ist reif für sein Projekt zur Berechnung der Welt. ‚FuturICT‘, was, entknotet und ins Deutsche übersetzt, ungefähr bedeutet: die Vorhersage der Zukunft mit Informations- und Kommunikationstechnik. Was die Gehirne der Politiker nicht leisten können, müsse die Technik erledigen. ‚Wir brauchen neue Erkenntnisinstrumente. Früher gab es ein Fernrohr, in Zukunft muss es Instrumente geben, die Feedback- und Kaskadeneffekte im Vorfeld erkennen lassen'“, erläutert die FAS.

Merkwürdig, dass solche Erkenntnisse immer erst so spät das Licht der Öffentlichkeit erblicken. Professor Helbing hat also alles vorher gewusst. Ihm war also schon 2008 klar, dass Lehman Brothers den Bach runtergeht, die Immobilienblase in den USA platzt und das gesamte Finanzwesen an den Rand des Absturzes gebracht wird. Warum haben wir von diesem Genie diese Weissagungen nicht schon vor fünf Jahren gehört? Das riecht kräftig nach Ex-Post-Schlaumeierei und Wissensanmaßung. In der Wirtschaftswissenschaft verabschiedet man sich gerade von der Planungs- und Vorhersage-Hybris, beerdigt den Rationalitätsmythos homo oeconomicus und muss kleinlaut eingestehen, noch nicht einmal den Konjunkturverlauf eines Jahres richtig prognostizieren zu können. Nun kommt ein zur Sozialwissenschaft konvertierter Naturwissenschaftler daher und predigt die Notwendigkeit einer eierlegenden Welterklärungs-Wollmilchsau. Ich halte das für Scharlatanerie.

„Management der Zukunft findet unter den Bedingungen der Komplexität und Zufall statt. Zufallsfluktuationen und Komplexität erzeugen nichtlineare Dynamik“, schreibt der Wissenschaftstheoretiker Klaus Mainzer in seinem Buch „Der kreative Zufall – Wie das Neue in die Welt kommt“.

In unsicheren und unübersichtlichen Informationsräumen könnten Menschen nur auf Grundlage beschränkter Rationalität entscheiden und nicht als homo oeconomicus. Der Laplacesche Geist eines linearen Managements von Menschen, Unternehmen und Märkten sei deshalb zum Scheitern verurteilt. Auch wissenschaftliche Modelle und Theorien seien Produkte unserer Gehirne.

„Wir glauben in Zufallsreihen Muster zu erkennen, die keine sind, da die Ereignisse wie beim Roulette unabhängig eintreffen. Wir ignorieren Spekulationsblasen an der Börse, da wir an ein ansteigende Kursentwicklung glauben wollen“, erläutert Professor Mainzer.

Zufall führe zu einer Ethik der Bescheidenheit. Es gebe keinen Laplaceschen Geist omnipotenter Berechenbarkeit. In einer zufallsabhängigen Evolution sei kein Platz für Perfektion und optimale Lösungen. Zufällig, spontan und unberechenbar seien auch Einfälle und Innovationen menschlicher Kreativität, die in der Kultur- und Wissenschaftsgeschichte als plötzliche und unvorherbestimmte Ereignisse beschrieben werden. Ohne Zufall entstehe nichts Neues.

„Nicht immer fallen die Ereignisse und Ergebnisse zu unseren Gunsten aus – das Spektrum reicht von Viren und Krankheiten bis zu verrückten Märkten und Menschen mit krimineller Energie“, resümiert Mainzer.

Der Ökonom Friedrich August von Hayek wandte sich 1974 in seiner Rede zur Verleihung des Wirtschaftsnobelpreises gegen die Benutzung der Instrumente der harten Wissenschaften in den sozialen Wissenschaften. Den Boom dieser Methoden in den Wirtschaftswissenschaften konnte Hayek nicht aufhalten, obwohl es immer noch Stimmen gibt, die den Ökonomen eher die Rolle bescheidener Philosophen zuweisen wollen. Hohepriester sind sie jedenfalls nicht.

Professor Helbing sollte wieder zum Bunsenbrenner zurückkehren und sich auf physikalische Vorhersagen kaprizieren. In den Sozialwissenschaften haben mechanistische und formelgesteuerte Instrumente nichts zu suchen. Hat der Helbing meine spontane Meinungsäußerung voraussehen können?

Ich werde das Thema in meiner Mittwochskolumne für das Debattenmagazin „The European“ aufgreifen.

Statements wie immer hoch willkommen. Benötige ich am Dienstag so bis 12 Uhr.