Vor drei Jahren stellte wir uns folgende Frage, also Winfried Felser und icke: Wie können wir die Wirtschaftsentwicklung möglichst zeitnah und granular beobachten? Die Entwicklung von Online-Stellenanzeigen kann als Frühindikator für die Auswirkungen der Krise auf den Arbeitsmarkt gewertet werden. Die Daten sind hierfür nahezu in Echtzeit verfügbar. Hier
Indeed indexiert und aggregiert Jobangebote von tausenden Karrierewebseiten und einer Vielzahl von Personaldienstleistern und Jobbörsen. Die Analyse von bezahlten und unbezahlten Stellenanzeigen garantiert, dass der Gesamtarbeitsmarkt repräsentiert wird. Zudem bekommt man für das Konjunkturpaket einen wichtigen Orientierungspunkt für die notwendigen Maßnahmen. In welchen Berufsgruppen und Branchen muss der Staat jetzt aktiv werden? Das leisten die üblichen makroökonomischen Daten nicht wirklich.
Die Lage im Frühjahr 2020 sah düster aus:
Ging dann im Sommer 2020 weiter runter – weltweit:
Und aktuell?
Die Einstellungsbereitschaft der Unternehmen in Deutschland hat merklich abgenommen. Das ifo Beschäftigungsbarometer sank im Juli auf 97,1 Punkte, nach 98,3 Punkten im Juni. „Gegenwärtig halten sich positive und negative Antworten genau die Waage“, sagt Klaus Wohlrabe, Leiter der ifo Umfragen. „Nahezu alle Branchen werden vorsichtiger bei Neueinstellungen.“
Mit Neueinstellungen ist gegenwärtig nur bei den Dienstleistern zu rechnen, dort vor allem im Tourismus sowie in der IT-Branche. In der Industrie wird verstärkt über Entlassungen nachgedacht, insbesondere in der Chemischen Industrie und der Metallbranche. Auch der Handel neigt dazu, mit weniger Personal auszukommen. Die Rezession im Baugewerbe hat bisher noch keine größeren Auswirkungen auf die Zahl der Beschäftigten. Es gibt bisher nur eine leichte Tendenz, Mitarbeiter zu entlassen.
Würde mich jetzt interessieren, ob die Zahlen von Indeed das ifo-Beschäftigungsbarometer bestätigen?
Lutz Becker auf LinkedIn über das prozyklische Verhalten des Staates:
Flache Hierarchien, Dezentralisierung, dann wieder Fokussierung auf das Kerngeschäft, dann sogleich die Umkehr auf Profitcenter. Immer die gleiche Consulting-Leierkasten-Propaganda mit unterschiedlichen Wichtigtuer-Vokabeln als Opium für Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer.
In der Forschung geht es dem Wirtschaftaftspsychologen Carsten C. Schermuly darum nachzuweisen, wie sich die Innovationsfähigkeit von Unternehmen verbessern lässt, wenn man Sinn, Selbstbestimmung, Einfluss und Kompetenz während der Arbeit erlebt. Im New-Work-Barometer seiner wissenschaftlichen ARbeit gibt es dazu evidenzbasierte Befunde.
Häufig reduzieren Führungskräfte das Ganze nur auf eine Pseudo-Selbstbestimmung. Für die Innovationskraft und Zukunftsfähigkeit von Firmen sei das sehr gefährlich, warnt Schermuly im Interview mit New Management. Wer keinen Einfluss bekomme und seine Kompetenz nicht zur Wirkung bringen könne, reagiert mit innerer Kündigung. Wenn Unternehmen alle vier Dimensionen von Empowerment adressieren, verringere sich die Fluktuation und es steige die Zufriedenheit mit der eigenen Arbeit.
Das psychologische Empowerment und die psychologische Gesundheit der Mitarbeitenden haben einen entscheidenden Einfluss auf die Innovationsfähigkeit von Organisationen.
Ein wichtiger Punkt steht beim Wirtschaftspsychologen Schermuly ganz oben auf der Liste seiner Tipps, „und das ist keine Rocket Science“: Intern sollten sich Organisationen mehr mit Zukunft und Zukunftsdiagnostik beschäftigen. Da kann man den Staat, die Wissenschaft, Verbände, die Privatwirtschaft und auch die Parlamente mit einbeziehen. Und das gar in einem deliberativen Vorgehen. Deliberatio, werte Bundesregierung: Erwägen, überlegen und am Ende entscheiden. Und nicht einfach von oben herab irgendeinen wohlklingenden Befehl in die Belegschaft hämmern. Zukunft gemeinsam festlegen, Ist-Zustand diagnostizieren und dann die organisationspsychologischen Voraussetzungen für die Zukunftsfähigkeit schaffen. Das müsse bis zur Nachtschicht diskutiert werden, empfiehlt Schermuly. Für solch eine Transformation müsse man sich Zeit nehmen. Das gehe auch nicht punktuell oder in Berater-Rein-Raus-Zyklen. Wir wissen als Menschen sehr genau, welche Entwicklungsaufgaben vor uns liegen. „Warum sollte das in einem Unternehmen aufhören?“, fragt sich Schermuly.
Wenn Naturwissenschaftler und Mathematiker Ausflüge in sozial- oder geisteswissenschaftliche Disziplinen machen, als Börsengurus an die Wall Street gehen oder gar Aussagen über politische Fragen tätigen, kommt häufig mechanistischer Unfug heraus. Beim Mathematik-Genie John von Neumann sieht das anders aus. Bei der Entwicklung der Wasserstoffbombe hatten sich für ihn Berechnungsaufgaben ergeben, die sich nur mit verbesserten Rechenmaschinen für Geschütz-Tabellen bewältigen ließen.
„Der hochrangige Geheimnisträger, wissenschaftliche Berater fast aller geheimen Militärprojekte der USA im Zweiten Weltkrieg, durfte aber diesen Zusammenhang auf keinen Fall preisgeben. Schon deshalb musste er die gefundene Maschine tarnen. Dazu verhalf ihm die Metaphorik eines Diskurses, der später als Kybernetik bekannt wurde“, schreibt Wolfgang Hagen in dem Band Cybernetics – Kybernetik, The Macy-Conferences 1946 – 1953.
John von Neumann initiiert und fördert diese Camouflage umso mehr, als die wissenschaftsübergreifende Ausrichtung der Kybernetik dem Computer und den gewaltigen Investitionen zu seinem Bau eine ideale Friedenslegitimation bietet. Von Neumann konnte mit dieser Tarnung in der Nachkriegszeit sein Ziel der Super-Bombe ungestört und erfolgreich fortsetzen.Was er unterschätzte, war die Eigendynamik der kybernetischen Denker, die an einer Generalisierung der mathematischen Berechnungen für selbstkorrigierende Automaten arbeiteten. Zu ihnen zählte Norbert Wiener.
„Die Kybernetik im Wienerschen Sinne propagiert die These, dass in einem ganz konkreten Sinn alles, was Rückkopplung organisiert, als Medium begriffen werden kann. Kybernetik ist die erste Wissenschaft, die programmatisch darauf zählt, dass alles, was berechenbar ist, wie komplex es auch sei, in eine dem individuellen Menschen letztlich überlegene Hardware rückkoppelnder Maschinen gegossen werden könne“, führt Hagen aus.
Die von Norbert Wiener propagierte Generallinie der Kybernetik analysierte von Neumann differenziert. In seiner Rezension zu Wieners Kybernetik-Buch in „Physics Today“ heißt es 1949:
Der Autor sei einer der Protagonisten der These, dass sich sowohl die Wissenschaft als auch die Technik, in naher und ferner Zukunft zunehmend von Problemen der Intensität, Substanz und Energie zu Problemen der Struktur, Organisation, Information und Kontrolle übergehen werden. Jede Aussage dieser Art und Allgemeinheit sei riskant und lädt – nicht ganz unschuldig – zu Fehlinterpretation ein und ist außerhalb ihres technischen Kontextes von zweifelhaftem Wert.
„Von Neumanns Kritik an Wieners Kybernetik mündet in dem Vorhalt der falschen Generalisierung eines für begrenzte Bereiche der Wissenschaft adäquaten Konzepts. Dahinter steckt nicht nur von Neumanns notorische Abneigung gegen Kontinuitätsphysik und metaphysische Naturdeutungen aller Art. Hinzu kamen ja noch von Neumanns tiefe mathematische Differenzen mit Wiener in Bezug auf die Quantenmechanik, die Ergodentheorie und dieTheorie der Automaten, sowie in Bezug auf die Verklammerung der Begriffe Entropie und Information, die nicht Wiener, sondern von Neumann bereits Ende der zwanziger Jahre entwickelt hatte“, schreibt Hagen in seinem Opus „Die Camouflage der Kybernetik“.
Um weitere Mißverständnisse zu vermeiden, bittet von Neumann im September 1949 seinen Freund Norbert Wiener, in öffentlichen Interviews, alle Hinweise auf „reproductive potentialities of the machines of the future“ zu unterlassen.
Die Kybernetik kann beliebig Turing-Maschinen konstruieren, die Turing-Maschinen enthalten und wechselseitig ineinander überführen. „Aber genau deren logische und epistemologische Grundlage, als Meßsystem angewandt auf die Gehirn-Physiologie, scheitert grundlegend. Von Neumann zeigt, dass die Kybernetik an der Konstruktion des Systems scheitern muß, das alle ihre Konstruktionen beobachtet. Es sei denn, man würde Beobachtung, also das menschengemäße Betätigen von Gehirnfunktionen, unsinnigerweise auf ein schlichtes Meßmodell reduzieren. Anders als es die Kybernetiken zweiter Ordnung nach wie vor behaupten, scheitert jedes Re-Entry des Beobachters in das System der Beobachtung, weil wir über die Ergodik der statistischen Gehirnfunktionen nichts wissen“, resümiert Hagen.
Als selbständiger Kalkül funktioniere diese Wiedereinkehr der Logik in sich selbst dann eben bestenfalls nur im Kontext einer universellen Spiritualität. George SpencerBrown, auf den sich alle Second-Order-Kybernetiker und Konstruktivisten so gerne beziehen, hat die Nähe seines Logik-Kalküls zum Spiritualismus der Universalität nicht nur nie verschwiegen, sondern propagiert sie unermüdlich. „Alle konstruktivistischen Theorien, von Bateson bis Luhmann, haben diese Spiritualität ihres epistemologischen Kerns bislang verborgen. So setzt sich die Camouflage der Kybernetik bis heute fort“, schreibt Hagen.
Egal, welche Begriffskaskaden die Kybernetik-Jünger nachliefern, etwa die Homöostase zur Aufrechterhaltung eines Gleichgewichtszustandes eines offenen sowie dynamischen Systems „durch einen regelnden Prozess“, ob sie noch eine Portion Ethos in ihre Zirkelschluss-Aussagen draufpacken oder aus Arschloch-Unternehmen vernünftige Organisationen stricken wollen, es sind Modellschreiner auf Wasserfloh-Niveau. Ihren Worthülsen fehlen schlüssige und überprüfbare Theorien und saubere Beweisführungen. Jede Annahme steht unter Voraussetzungen, die ihrerseits wieder hinterfragt werden müssen.
Auch das Geschäft der Kybernetiker, die sich in der Managementlehre austoben, Menschen und sogar Staaten regulieren wollen oder gar sozialwissenschaftliche Ausflüge unternehmen, steht unter der Bedingung der Rechtfertigung. Mit Demut kann sich eine Disputation nicht entfalten (die ist von mir mal verlangt worden nach einem Streitgespräch). Wer das verlangt, sollte häufiger den Gottesdienst besuchen. Ich nehme mir die Freiheit, Geistesgrößen wie Stafford Beer oder den Google-Chefdenker Ray Kurzweil unter die Lupe zu nehmen. So erklärt Kurzweil Eingriffe in den menschlichen Geist für wünschenswert, weil dadurch Charakterfehler behoben und Leistungssteigerungen ermöglicht werden könnten. Klingt irgendwie nach der Psychotherapie im Zukunftsroman „Clockwork Orange“ von Anthony Burgess.
Es ist an der Zeit, solche Steuerungsheinis in der Öffentlichkeit mit einer kritischen Debatte zu konfrontieren.
Hurra, bald findet wieder die Leitmesse Zukunft Personal Europe in Kölle statt. Sohn@Sohn machen wieder vom 12. bis 14. September Messe TV. Geplant sind 750 Sessions, auf 20 Bühnen und an den Ständen der Aussteller und Partner.
Es lebe der Mensch! People Centric Companies – Konzepte, Praxistipps und Nutzen“: Bereits das Eröffnungspanel lenkt den Blick auf den Querschnittscharakter von HR-Arbeit. Keine isolierten Disziplinen mehr, sondern eine das ganze Unternehmen durchdringende Haltung soll sowohl den Menschen in der Organisation als auch dem ökonomischen Erfolg guttun. Gesellschaftliche Rahmenbedingungen als Treiber von Big New – Prof. Dr. Karlheinz Schwuchow spricht mit Lucas Kohlmann (Global Head of HR-Strategy von Henkel) und Kerstin Rücker (Director Human Resources & Organization Development, Eckes-Granini) über Demografie, Digitalisierung und Diversität als die neuen Herausforderungen von HR. Weitere Keynote zum Thema „Mastering the Revolution: In fünf Schritten zum Vorreiter im Zeitalter künstlicher Intelligenz“ von Tobias Zimmermann (Head of Insights & Creation, StepStone). Mit dem Dauerbrenner-Thema Fachkäftemangel setzen sich Barbara Wittmann, (Country Manager DACH und Senior Director Talent Solutions, LinkedIn) Kristin Keveloh (Senior Lead Manager, Public Policy & Economic Graph, LinkedIn) und Antonio Gniel (Global Director of Talent Attraction and Acquisition, Lidl) im Panel „Skills-First: Die Lösung für unseren Arbeitskräftemangel?“ auseinander.
Fränzi Kühne, Chief Digital Officer edding, Aufsichtsrätin und Autorin, teilt im Talk mit Moderatorin Janine Mehner ihre Erfahrungen, wie Jobsharing auf C-Level-Ebene im Alltag aussieht, was innovative Unternehmensstrukturen ausmacht und wo die Unterschiede bei der Akzeptanz von digitalem Wandel bei Blue- und White-Collar Workern liegen. Über kreatives Recruiting mit Social Media spricht LinkedIn-Top-Voice Ivana Tadić. Sie ist auf TikTok auch als @bewerbungsqueen bekannt und gibt Tipps, wie Arbeitgeber mit der Kurzvideo-App die Zielgruppe zwischen 16 und 24 erreichen. Für den Impuls out of the box sorgt Highlight Speaker Veit Lindau mit seiner Keynote über Peace and Peak Performance durch angewandte Flowprinzipien.
In Köln unter anderen mit dabei: Branchenführer wie LinkedIn Talent Solutions, rexx systems, Stepstone, Workday, Funke Works, G-P Global Made Possible, meinestadt.de, B.A.D, Urban Sports Club, SAP, Indeed, HeyJobs, Personio.#
The Big New der Formate: Im internationalen Wettlauf um marktfähige Produkte rückt die Innovationsfähigkeit der Workforce in den Fokus. Großkonzerne bauen Learning-Organisation-Units auf, die in iterativen internen Coaching- und Trainingsprozessen Agilität und Kundenzentriertheit fördern. Vertreterinnen und Vertreter dieser Units, allen voran aus der Siemens AG, Digital Industries, Factory Automation, werden in Köln erstmals im neuen Innovative People Lab von Zukunft Personal ihre Arbeitsweisen, Coachingansätze und Impulse vorstellen. Das Innovative People Lab wird als nachhaltige Einrichtung der Zukunft Personal ganzjährig im Web sowie auf den Live-Events erlebbar sein.
Ebenfalls erstmalig in Köln dabei ist der Corporate Influencer Club, initiiert und kuratiert von Klaus Eck. Der Autor und Keynote Speaker beleuchtet das Phänomen Corporate Influencing im Rahmen von Vorträgen, Podiumsdiskussionen und neuen Formaten. Best Practices für Corporate Influencer aus unterschiedlichen Branchen präsentieren der ZP-Community effektive Strategien für maximale Wertschöpfung bei gleichzeitiger Risikominimierung – der Grat zwischen nutzenstiftendem Personal Brand und kontraproduktiver Selbstdarstellung ist bekanntlich schmal.
Innovation und Pleasure ist traditionell ein perfektes Match auf der Zukunft Personal Europe: erst die Würdigung von Unternehmen, die mit frischer Denkweise und zukunftsweisenden Produkten ganz neue Wege im HR-Bereich gehen – mit dem HR Innovation Award. Neu in diesem Jahr: die Kategorie Sustainable HR. Dann Networking und Community-Vibes bei der HR:Motion Party im Tanzbrunnen am Rhein. Genussvoll geht es auf dem Expo Event weiter: Am letzten Veranstaltungstag bieten Ausstellende und Partner im Rahmen des Apero Walks Kulinarisches an. Die Formate laufen live vor Ort, live digital sowie ganzjährig im Web.
Die ZP Europe findet vom 12.–14. September 2023 in den Hallen 4.1, 4.2 und 5.1 der Koelnmesse statt. Weitere Informationen und den Ticketshop finden Interessierte auf der Veranstaltungsseite der Zukunft Personal.
Zukunft Personal: Übersicht Live-Messen
Zukunft Personal Europe: 12. – 14. September 2023, Köln Zukunft Personal Süd: 05. – 06. März 2024, Stuttgart Zukunft Personal Nord: 23. – 24. April 2024, Hamburg
Der frühere Volkswagen-Chef Matthias Müller bezieht nach einem Bericht von Business Insider seit Februar ein Ruhegehalt von über 80.000 Euro im Monat. „Der renommierte Vergütungsexperte Heinz Evers rechnete für Business Insider die Müller-Rente aus. Demnach hat der langjährige Top-Manager einen Anspruch von 62 Prozent auf sein Fixgehalt aus dem Jahr 2016, das bei 1,584 Millionen Euro lag. Daraus ergibt sich ein monatliches Ruhegehalt von 81.800 Euro, macht rund 2700 Euro Rente pro Tag. Damit liegt er knapp hinter dem VW-internen Spitzenreiter, seinem Vorgänger Winterkorn (3100 Euro am Tag). Für Müllers Altersversorgung hat der Autobauer über die Jahre mehr als 30 Millionen Euro zurückgelegt“, so Business Insider.
Sind diese satten Abfindungen und ist generell die Höhe der Gehälter von Top-Managern gerechtfertigt? Wenn ich mir anschaue, wie die Karrieren im Kreisverkehr der Deutschland AG in DAX-Konzernen verlaufen, dann sind solche Zahlungen, wie an den ehemaligen Chef von VW inakzeptabel.
Professor Martin Hellwig, ehemaliger Direktor des Bonner Max-Planck-Instituts zur Erforschung von Gemeinschaftsgütern. konstatiert, dass sich die Managergehälter in den vergangenen 30 Jahren immer drastischer von den Durchschnittslöhnen entfernt haben. Viele Ökonomen erklärten das mit der neuen Macht der Aktionäre. „Weil die Konzerne sich am Finanzmarkt finanzieren konnten, brauchten sie die Banken nicht mehr, die bei ihnen lange mitregiert hatten. Auch Gewerkschafter oder Staatsvertreter bremsten den Anstieg der Gehälter nicht mehr, so die Theorie. Aktionäre bezahlten demnach nun aus eigenen Stücken so gut dafür, dass die CEOs den Börsenwert ihrer Unternehmen nach oben trieben. Später stellte sich allerdings heraus, dass die CEOs auch dann riesige Summen verdienten, wenn der Börsenwert sank oder die Zukunft gleich ganz verspielt wurde. Und es wurde offenbar, was Hellwig schon länger erkanntmhatte: Die Explosion der Chefbezahlung war nicht die Folge von Aktionärsmacht, vielmehr hatten die Manager es wohl selbst so beschlossen“, schreibt die Zeit.
Das fing in den USA an und als Daimler den den amerikanischen Automobilkonzern Chrysler übernahm, war es auch in Deutschland so weit. Man erinnert sich vielleicht noch an die Exzesse des Herrn Schrempp.
Die Macht lag und liegt nicht bei den Aktionären, die auf dem Papier das Sagen haben. „Die eigentliche Macht in den Großunternehmen liegt bei den Managern“, sagt Martin Hellwig im Gespräch mit der Zeit. „Die Bedeutung von ‚Shareholder- Value’, den Börsenkursen und den Boni, ist nicht etwa von den Anlegern erzwungen, sondern von den Managern selbst gefördert worden.“
Wenn es stimme, dass an der Spitze der Großunternehmen gerade keine Rücksicht auf die vielen kleinen Aktionäre genommen wird, dann muss man wohl deren Macht nicht schwächen, sondern stärken, um die Spitzengehälter unter Kontrolle zu halten. Warum haben sich denn die Vorstandsbosse von den Interessen der Aktionäre abgekoppelt? Es liegt an den fundamentalen Machtverschiebungen in den börsennotierten Konzernen.
Am Aktienmarkt sind immer häufiger die privaten Anleger die Verlierer. Unternehmen buhlen um temporär um ihre Gunst, damit sie eine stärkere Streuung der Aktien erzielen können. Dann aber werden sie wieder vernachlässigt und die großen Investoren bestimmen den Takt. In wie weit dient die Finanzwirtschaft eigentlich noch der Realwirtschaft und welche Rolle spielen dabei die Privatanleger am Aktienmarkt? Spielen dabei überhaupt noch unternehmerische Interessen eine Rolle oder geht es nur um den schnellen Gewinn an der Börse, etwa durch Aktienrückkäufe, die immer mehr in Mode kommen.
Es geht um das so genannte Principal-Agent-Problem – das heißt, die Frage, wie man als Eigentümer die im Auftrag handelnden Personen so steuert und überwacht, dass man nicht systematisch betrogen oder am Nasenring vorgeführt wird. Das Shareholder Value-Prinzip hat das Unternehmertum auf finanztechnische Kennziffern reduziert. Gewinn darf man aber nicht mit wirtschaftlich unternehmerischer Leistung verwechseln.
Heutzutage sind Shareholder keine Aktionäre mehr im Sinne des unternehmerischen Eigentümers, sie sind Dealmaker. Die so genannten institutionellen Anleger halten heute fast 70 Prozent der Aktien, während sie 1950 lediglich 9 Prozent besaßen. Den institutionellen Anlegern geht es in erster Linie um die Turnover-Rate, also um Aktienumschichtungen und weniger um unternehmerische Belange, sonst würden diese Manager die Papiere länger halten.
Mein erster Vorschlag gegen die Exzesse bei den Manager-Gehältern und bei den Abfindungen: Wer an der Bestellung des Aufsichtsrates und über diesen Weg an der Corporate Governance mitwirkt, sollte einer Haltefrist unterworfen werden. Wer das nicht tut, darf in der Hauptversammlung kein Stimmrecht haben. Zweiter Vorschlag: Verbesserung der Transparenz bei den Beteiligungsverhältnissen und Offenlegung von Überschneidungen zwischen Top-Management und institutionellen Anlegern. Institutionelle Investoren und Hedge Fonds schlüpfen auch in Deutschland in die Rolle, die ehedem den Großaktionären vorbehalten war. Für alle Akteure auf den Kapitalmärkten der OECD sollten Offenlegungspflichten gelten.
In einer liberalen demokratischen Ordnung sollte der Staat sich aber nicht in einer hausmeisterlichen oder oberlehrerhaften Weise zum KI-Überwacher aufschwingen. Etwa bei der Drohung mit Sperrungen von KI-Anwendungen.
Genauso fragwürdig sind die dramatischen Fehlprognosen bei den Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt. Anja Kohl erwähnt bei „Wirtschaft vor acht“ wieder das mittlerweile widerlegte Horrorszenario vom Verlust von 300 Millionen Arbeitsplätzen.
Selbst Studienautoren wie Carl Benedikt Frey sind zurückgerudert. „Das Papier, welches wir 2013 veröffentlichten, beinhaltete eine Schätzung des potenziellen Ausmaßes der Automatisierung. Wir sagten uns: Das sind jene Bereiche, in denen Computer noch sehr schwache Leistungen bringen, also in Kreativität, komplexer sozialer Interaktion, in Wahrnehmungs- und Manipulationsaufgaben.“ Bislang ist davon nichts eingetreten. Siehe auch: Arbeitsmarkt-Schwurbeleien von Osborne und Frey über die Auswirkungen von Künstlicher Intelligenz.
Ökonomen wie Ronald Bachmann vom RWI untermauern, dass wir froh sein können bei der Überalterung der Gesellschaft, wenn Robotik, KI und Automatisierung den Verlust an Arbeitskräften in den nächsten Jahren ausgleichen können. Ohne qualifizierte Einwanderung werde es nicht gehen.
Es gibt zu viele Phrasendrescher und Wichtigtuer, die sich über Künstliche Intelligenz auslassen. In den USA gibt es Protagonisten in der Digitalszene, die gar nicht so sehr in der KI-Forschung tätig sind, aber um so stärker eine Marketing-Maschine bedienen und dabei zum Teil pseudo-wissenschaftlich agieren. Dazu zählt Wolfgang Wahlster, ehemaliger Chef des Deutschen Forschungszentrums für Künstliche Intelligenz den Dauerredner Ray Kurzweil, der verrückte Thesen ohne eine gewisse Substanz vorlegt. Das habe Folgen: „Das größte KI-Zentrum findet man nicht mehr in den USA, sondern mit dem DFKI in Deutschland. Dass liegt daran, dass wir versuchen, als Ingenieure auf dem Boden der Tatsachen zu bleiben. Wir definieren KI als künftige Informatik. Wir gehen an das Limit des Machbaren. Wir machen keine falschen Versprechen an die Industrie oder an den Staat. Wir bleiben auf dem Teppich. Das hat sich bewährt“, so Wahlster im Gespräch mit Technoloy Review. Man sollte sich davor hüten, extrem überzogene Hoffnungen zu wecken, die dann nur Enttäuschungen hervorrufen.
Entwicklungen zum semantischen Web sind darüber hinaus ein alter Hut, wie Wahlster im Sohn@Sohn-Livetalk unterstreicht:
Im Kern ist das System eine Kopertechnologie, die durch massenhafte Musterkennung lernt, mit Informationen umzugehen, sie zu bewerten und zu ordnen, um daraus neue Aussagen zu generieren. ChatGPT ist also eher eine lernende und sich selbst verbessernde Remix-Maschine, die nützliche Rekombinationen ausspuckt. Entscheidend ist dann immer noch die Intelligenz des Eingebenden. Schlechte Eingabeaufforderungen (Prompts) erzeugen schlechte Ausgaben.
Muss es also ein Verbot von generativer KI in kreativen Berufen geben, wie es in Hollywood gerade diskutiert wird? Oder eine Kennzeichnungspflicht? Das erinnert ein wenig an die Schlachten der Verlage beim Urheberrecht, was in der Regel aber gar nichts mit dem Urheber zu tun hatte und hat:
Collagetechnik, Kombinatorik und Imitation waren schon immer wichtige Vorgehensweisen in Kunst und Kultur. Hellmuth Karasek schrieb 1990 in einem Spiegel-Artikel, dass die Montage von Fundstücken zu den häufigsten Kunsttechniken zählt: Walter Kempowski, Georg Büchner, Thomas Mann, Alfred Döblin, Arno Schmidt, Joseph Roth, Peter Weiss oder Karl Kraus: Sie alle haben abgeschrieben und dazu das Abgespickte zwecks Tarnung auch noch leicht redigiert. „Alle haben sie plagiiert, spätestens seit Büchner mit 23 Jahren mitten in der Sünde des Abschreibens starb, der in seinen ‚Woyzeck‘ teilweise wörtlich zwei gerichtsmedizinische Gutachten einarbeitete und in seinem Stück ‚Dantons Tod‘ wörtlich Redeprotokolle der Französischen Revolution zitierte. Ohne Quellenangabe“, so Karasek. Viele Erzähler, Maler, Musiker der Moderne seien nicht Erfinder, sondern Finder. Und das gelte nicht erst für die Moderne. Shakespeare etwa war so ein Ausplünderer, sein ‚Hamlet‘ wäre heute vor einem Plagiatsprozess nicht sicher.
Der große österreichische Volksdramatiker Johann Nepomuk Nestroy habe keines seiner über 80 Stücke selber erfunden – es sind meist Bearbeitungen französischer Possen, deren Plot er ungeniert übernahm. Auch Walter Kempowski war ein Sammler, ein Kompilator, ein Zusammenträger von Fundstücken „und hat daraus nie ein Hehl gemacht. Im Gegenteil. Er hat über seine Methode stets bereitwillig Auskunft gegeben, hat seine Interview-Collagen mit den TV-Film-Collagen seines Freundes und Verfilmers Eberhard Fechner verglichen: Aufzeichnungskünste einer neuen Volkskunde. Folgerichtig ist Kempowski von der Literatur-Kritik auch als ‚Zettelkasten‘-Literat, als eifriger Jäger und Sammler, als Museumsdirektor einer literarischen Ausstellung beschrieben worden“, führt Karasek aus.
Nur mit dieser Arbeitsmethodik konnte das kollektive Tagebuchprojekt „Echolot“ entstehen. Jörg Drews stellte zurecht fest, Kempowski erfülle das Vermächtnis Walter Benjamins, der sich seine Pariser Passagen als pure Montage von Zitaten gedacht hatte, die so sprechend zu arrangieren seien, dass der Kommentar des Autors überflüssig werde. Auch in der Wirtschaft sind die Kopisten, Kombinierer, Plagiatoren und Imitatoren eine unverzichtbare Quelle des Fortschritts und Wohlstandes.
Besonders die deutsche Industrie, die heute mit dem Patentrecht weltweit gegen die Konkurrenz zu Felde zieht, konnte ihre Rückständigkeit Ende des 19. Jahrhundert durch kluge Imitation kompensieren. „Wie heute die Chinesen haben damals deutsche Maschinenbauer ausländische Erfolgsmodelle in großem Stil eingekauft: Sie zerlegten die Maschinen in England und bauten sie im Siegerland oder im Schwäbischen neu auf. Durchs Nachmachen zu Erfahrung gekommen, haben die Deutschen sodann ihre Maschinen billig ins Ausland verkauft“, so der FAZ-Redakteur Rainer Hank. Er verweist auf ein besonders dreistes Kopistenwerk in Solingen. Dort wurden minderwertige Messer aus Gusseisen hergestellt und mit dem Stempelaufdruck „Sheffield“ veredelt – das galt damals als Markenzeichen der englischen Messerproduktion. „Ironie der Geschichte: Als Abwehrmaßnahme zwang England Deutschland das Label ‚Made in Germany‘ auf, damit man die mindere Ware erkennen sollte. Aber den Deutschen gelang es, das Stigma zum Qualitätssiegel umzuschmieden“, so Hank. Soviel zum Thema Kennzeichnungspflichten.
Juristisch vollziehbar ist so eine Pflicht nur sehr schwer und erfreut wieder die Abmahnindustrie.
Siehe auch den Social-Media-Schnack von Thorsten Ising und Frank Michna: Tech-Giganten wollen KI-Inhalte zukünftig per Wasserzeichen kennzeichnen
Amazon, Google, Meta, Microsoft, OpenAI und andere KI-Unternehmen haben jetzt der US-Regierung versprochen, ihre KI-Systeme besser vor Missbrauch zu schützen.Die relative Freiwilligkeit kommt damit einer gesetzlichen Regelung zuvor. Die Zusicherung sei ein relevanter Schritt auf dem Weg zur Entwicklung verantwortungsvoller KI, erklärten Vertreter verschiedener US-Unternehmen am vergangenen Freitag in Washington.Die Konzerne haben sich verpflichtet, eine umfassende Regelung zu schaffen, die es Verbrauchern erleichtern soll, KI-generierte Inhalte zu erkennen. Auf EU-Ebene wird derzeit ebenfalls eine weitgehende Kennzeichnungspflicht für KI-generierte Inhalte im Rahmen des umfassenden »AI Act« diskutiert. Link zum Beitrag: https://www.spiegel.de/netzwelt/web/amazon-google-und-co-techunternehmen-sagen-kennzeichnung-von-ki-generierten-inhalten-zu-a-fdd59a51-1e7c-445c-9eb8-5adb1cb5be8a
In den vergangenen 20 Jahren hat sich die Gründungstätigkeit in Deutschland stark verringert. Den Höhepunkt erreichten wir noch zu Zeiten der New Economy. Die Älteren unter uns werden sich noch erinnern. „Trotz einiger Auf und Abs stagniert die jährlich Zahl der Existenzgründungen seit 2018 im Grunde auf sehr niedrigem Niveau. So ist sie 2020 auf ihren bisherigen Tiefpunkt gefallen, hat sich dann 2021 wieder erholt, ist aber 2022 erneut gesunken. Die Gründe für den langfristigen Rückgang sind hauptsächlich erstens der längste Arbeitsmarktboom seit der Wiedervereinigung und zweitens die demografische Alterung. In den letzten Jahren kam dann noch mit Brexit, Corona und Russlands Krieg gegen die Ukraine eine zunehmende wirtschaftspolitische Unsicherheit dazu. Während die Unsicherheit hoffentlich bald wieder sinken wird, ist der Fachkräftemangel gekommen, um auf absehbare Zeit zu bleiben“, schreibt die KfW-Chefvolkswirtin Fritzi Koehler-Geib auf LinkedIn.
Für die deutsche Volkswirtschaft seien das schlechte Nachrichten, denn Existenzgründungen sind wichtige Treiber des strukturellen und technologischen Wandels – und sie unterstützen so die Zukunftsfähigkeit der gesamten Volkswirtschaft. „Gerade auch mit Blick auf die grüne und die digitale Transformation braucht Deutschland neue Unternehmen mit frischen und innovativen Ideen. Mit einer geringer werdenden Anzahl an Gründerinnen und Gründern sinkt das Angebot für Kundinnen und Kunden, der Wettbewerb nimmt ab mit negativen Preis- und Qualitätseffekten und der Mittelstand erodiert, weil Nachfolgerinnen und Nachfolger fehlen“, so Koehler-Geib.
Es fehlen vor allem die Anreize für junge Menschen, ein Unternehmen zu gründen. Etwa Steuerfreiheit für die ersten fünf Jahre, Sonderwirtschaftszonen, Alles-aus-einer-Hand bei der kommunalen Wirstschaftsförderung, ausreichend viele Risikokapitalgeber, schnelle Zuweisung von Geldern über Fördermittel-Töpfe und dergleichen mehr.
„Gründungspläne werden am häufigsten bei finanziellen Herausforderungen abgebrochen, wenn also Finanzierung fehlt oder als zu risikoreich wahrgenommen wird. Finanzielle Gründungsförderung ist also ein wichtiges Instrument, ebenso wie Entrepreneurship Education im Allgemeinen und die Stärkung von Finanzwissen im Speziellen. Darüber hinaus ist Bürokratieabbau eine Maßnahme, die sowohl Gründungen entlasten würde als auch das Interesse am Gründen erhöhen könnte. Denn der Gründungswille leidet auch unter dem wahrgenommenen Bürokratieaufwand“, erläutert die KfW-Chefvolkswirtin.
Was die Finanzierung anbelangt, passiere schon einiges, so die Antwort von Köhler-Geib auf meine Fragen. Etwa den Zukunftsfonds. “Wir haben die Startup-Strategie der Bundesregierung, die muss jetzt umgesetzt werden.” Gründungsbildung sei ein wichtiger Ansatz. Schon in der Sekundarstufe II sollte Entrepreneurship-Wissen vermittelt werden. “Ökonomische Bildung ist in Deutschland ein ganz großes Thema, das viel stärker in den Fokus rücken muss.” Auch die vorhandenen Rollenbilder, die klischeehaft dominieren , seien ein Hindernis für die Zunahme von Gründerinnen.
Sonderwirtschaftszonen hält die KfW-Chefvolkswirtin für eine schwierige Idee. “In Deutschland sollten wir den Anspruch haben, dass das gesamte Land eine Sonderwirtschaftszone ist.” Das wird aber nicht passieren.
Bürokratieabbau sei ein entscheidender Hebel. Es sollte viel schnell möglich sein, ein Unternehmen zu gründen. “Es gibt eine Initiative in Frankreich, dass man innerhalb von zwei Tagen gründen kann.” Zudem sollten bereits ergriffene Maßnahmen, wie die Reform des Insolvenzrechts, besser kommuniziert werden.
Wir brauchen vor allem intelligente staatliche Akzente in der Wirtschaftspolitik. Vor einiger Zeit habe ich die wirtschaftlichen Folgen der französischen Revolution mit den Stein-Hardenbergschen Reformen verglichen.
Die wirtschaftspolitische Bilanz in Folge der Bastille-Erstürmung ist mager, wenn man sich die Entwicklung im 19. Jahrhundert und Anfang des 20. Jahrhunderts anschaut. So lag die Arbeitslosigkeit zwischen 1871 und 1914 in Deutschland bei 1 bis 2 Prozent. In Frankreich bei 6 bis 10 Prozent. Das Volksvermögen 1912 betrug in Deutschland 290 Milliarden Goldmark, Frankreich kam auf 240 Milliarden Goldmark. Die Zahl der Telephone lag in Deutschland 1910 bei 1.076.000, in Frankreich bei 14.616. Hier war Berlin das Silicon Valley der Telekommunikation. Auf ichsagmal.com einfach den Suchbegriff “Heinrich von Stephan” eingeben. Steuerbelastung pro Kopf: Deutschland 35 Mark, Frankreich 66 Mark.
Ähnlich sieht es bei der Erzeugung von Roheisen und Eisenerzen aus, beim Außenhandel, in der Spielwarenindustrie, bei Sparguthaben, bei der Erzeugung von Elektrizität und dergleichen. Entscheidend war dabei die Rolle des Staates: Etwa bei der Reform der Verwaltung, des Finanzwesens und der Gewerbeordnung, die in Preußen in Gang gesetzt wurden. Generell sei die staatliche Wirtschaftsförderung wichtig gewesen, so Philipp Robinson Rössner in seinem Opus “Wirtschaftsgeschichte neu denken”:
Etwa bei der Gewerbe- und Industrieförderung, der Qualitätssicherung von Industrie- und Gewerbeprodukten, der Bereitstellung öffentlicher Güter und Infrastruktur bis hin zur gezielten Importsubstitution und infant industry protection, die bis heute in weniger entwickelten und Schwellenländern bisweilen erfolgreich angewandt wird. “Das im 9. Kapitel bereits geschilderte Beispiel Englands im 18. Jahrhundert ist ebenso ein Exempel positiver Staatsintervention wie die Industrialisierung Preußens und vieler anderer deutscher Staaten im 19. Jahrhundert, wo der Staat und die Regierungen vor allem im Eisenbahnwesen (öffentliche Infrastruktur), bei der chemischen und Hochindustrie oder im Bankenwesen durch kontrollierte Eingriffe z. B. bei der Zollpolitik oder im Handels- und Bankenrecht (Bürgerliches Gesetzbuch) ohne Zweifel positive, d. h. in der Zielsetzung wie auch im Resultat wirtschaftsfördernde Akzente setzten.”
Gute Impulse setzte auch Lars Feld in einem Interview vor gut zwei Jahren. Wir könnten den Föderalismus stärker nutzen für den Standortwettbewerb:
Vielleicht sollte man den Pfaden folgen, die wir in den vergangenen Jahrhunderten erfolgreich entfaltet haben. Also die Vorteile der Kleinstaaterei im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation nutzen: „In vielen deutschen Regionen gibt es jahrhundertealte Kompetenzen, die ihr Licht bis in die Gegenwart werfen. Heute spricht man von industriellen Ökosystemen. So wurden im Schwarzwald seit jeher Uhren gefertigt, was feinmechanische Fähigkeiten erfordert. Schließlich gilt die Uhrmacherei als ‘Schlüsseltechnologie des Industriezeitalters’. Aus dieser Tradition sind in der Schwarzwaldregion mehr als 500 medizintechnische Firmen entstanden“, sagt der Hidden-Champion-Forscher Hermann Simon.
Oder Firmen wie Bizerba auf der Schwäbischen Alb in der Lebensmitteltechnologie und Multivac als Maschinenbauer im Allgäu. Gleiches gilt für Göttingen.
„Wieso findet man dort 39 Hersteller von Messtechnik? Die Erklärung liegt in der mathematischen Fakultät der Universität Göttingen, die über Jahrhunderte weltweit führend war. Eine dieser Firmen gehen auf Prinzipien zurück, die Carl Friedrich Gauss entdeckte. Der frühere Siemens-Vorstand Edward Krubasik bemerkte: ‘Deutschland nutzt die Technologiebasis, die bis ins Mittelalter zurückgeht, um im 21. Jahrhundert erfolgreich zu sein’.”
Seine Grundthese ist einleuchtend: „Ich verstehe New Work als Praktiken in Organisationen, die das Ziel haben, das psychologische Empowerment der Mitarbeitenden zu steigern. Psychologisches Empowerment setzt sich aus vier Wahrnehmungen der Arbeitsrolle zusammen: Bedeutsamkeit, Kompetenz, Selbstbestimmung und Einfluss“, betont der Wirtschaftspsychologe.
In der Forschung geht es Schermuly darum nachzuweisen, wie sich die Innovationsfähigkeit von Unternehmen verbessern lässt, wenn man Sinn, Selbstbestimmung, Einfluss und Kompetenz während der Arbeit erlebt. Im New-Work-Barometer seiner wissenschaftlichen Forschung gibt es dazu evidenzbasierte Befunde.
Bei mir gab es sofort eine Assoziation zur wissenschaftlichen Arbeit von Mihály Csíkszentmihályi, den ich 1990 während meiner Arbeit am National Opinion Research Center (NORC) in Chicago. Seine Botschaft: „Wenn die Unternehmen, die eine wachsende Mehrheit der Bevölkerung beschäftigen, nur dazu dienen, die Gier der Eigentümer zu befriedigen, und dies auf Kosten der Arbeitsbedingungen, der Stabilität des Gemeinwesens und der Gesundheit der Umwelt geschieht, wird die Qualität unseres Lebens – und das unserer Kinder – wahrscheinlich schlechter sein als jetzt.“
„Unternehmensleiter gehören heute zu den einflussreichsten Mitgliedern der Gesellschaft. Während sie alle darauf trainiert sind, Gewinne zu erwirtschaften, sind sich viele von ihnen der anderen Verantwortung nicht bewusst, die ihre neue gesellschaftliche Führungsrolle mit sich bringt“, so Csíkszentmihályi.
Jede Führungskraft, die für Arbeitsplätze Verantwortung tragen, sei verpflichtet, sich folgende frage zu stellen: Wie trage ich zum menschlichen Wohlbefinden bei?
Der wohl wichtigste Grundsatz des Organisationsverhaltens, der sich aus den Interviews des wissenschaftlichen Teams von Csíkszentmihályi ergab, war die Bedeutung von Vertrauen, das durch Respekt entsteht. Jede Gruppe von Menschen, die auf ein gemeinsames Ziel hinarbeitet, wird durch eine Kombination von zwei Motiven zusammengehalten: Eigeninteresse und gemeinsames Interesse. Ersteres kann durch externe Anreize erkauft werden: Bezahlung, Beförderung, Prestige. Das zweite Motiv, das gemeinsame Interesse, muss durch eine Demonstration des Respekts für den Wert der Teammitglieder erworben werden. Die Mitarbeiter werden sich nicht in den Dienst der Vision einer Führungskraft stellen, wenn sie nicht das Gefühl haben, dass die Regeln der Organisation gerecht angewendet werden, dass ihr Beitrag anerkannt und ihre Integrität geachtet wird.
Um dieses Ziel zu erreichen, müssen die Führungskräfte einen großen Teil ihrer psychischen Energie in die Förderung des Wohlergehens der Gruppe investieren. Und vor allem müssen sie eine auf Selbsterkenntnis beruhende Selbstdisziplin entwickeln, die sie davor bewahrt, willkürlich und egoistisch zu handeln. Wann immer eine Führungskraft Abstriche macht, Bevorzugung zeigt, ungerecht oder rücksichtslos ist, untergräbt sie das gemeinsame Interesse der Gruppe. Wenn dies oft genug geschieht, wird das einzige Motiv, das die Organisation zusammenhält, der Eigennutz sein. Das senkt nicht nur die Moral, sondern erhöht auch die Betriebskosten der Organisation, weil mehr extrinsische Anreize erforderlich sind, damit die Mitarbeiter ihre Aufgaben erfüllen. Ausführlich nachzulesen in dem Opus „Good Business“.
Albert Einstein forderte: „So einfach wie möglich. Aber nicht einfacher.“ Die Fachzeitschrift absatzwirtschaft und ichsagmal.com versuchten vor einigen Jahren einer alten Herausforderung des Marketings auf die Spur zu kommen: Die Entdeckung der Einfachheit. Das heikelste Stück Technik ist immer noch das User-Interface, die Benutzerschnittstelle. Dort, wo der Anwender das Gerät berührt, wo er Informationen abliest und eingibt, entscheidet sich, ob die Maschine das tut, was sie soll. Nicht, ob die Technik es kann, ist die Frage – sondern ob der Benutzer herausfindet, wie es geht: „Ich bin regelmäßig genervt, wenn ein Produkt mir suggeriert, dass ich zu dumm bin, es anzuwenden“, kritisierte Diplom-Ingenieurin Anett Dylla von der Beratungsfirma Mensch-Maschine-Technik bei einem Expertengespräch in Düsseldorf. Dabei gibt es Produkte, deren User-Interface durch vorbildliche Einfachheit überzeugen wie Bügeleisen, Kaffeemaschinen oder Haartrockner. Es gibt aber auch Geräte, die ihre Benutzer regelmäßig zu Schreikrämpfen, Verzweiflungsanfällen und ohnmächtiger Ergebenheit treiben. Berüchtigt sind Mobiltelefone, natürlich Computer und weltbekannte Betriebssysteme. Viele Hersteller haben nach Meinung Dyllas bis heute nicht begriffen, wie wichtig die Bedienerfreundlichkeit ihrer Produkte für das Markenimage und die Kundenzufriedenheit ist.
Es fehle eine Rhetorik der Technik, so der Tenor der Talkrunde. Ähnliches könne man bei Medizinern feststellen: Sie kommunizieren gegenüber Laien völlig unverständlich. Hier liegt das Problem. Die Unterscheidung zwischen Experte und Laie. Wir alle wechseln ständig unsere Rollen. Wir alle sind in irgendeinem Arbeitsbereich Experten und in diesem Bereich brauchen wir keine Benutzerfreundlichkeit. Es wäre lächerlich, jemandem, der einen Computer programmieren kann, irgendwelche Bildchen anzubieten. Der macht das mit seinem kurzen Programmbefehlen eleganter, schneller, effektiver und wahrscheinlich auch lustvoller. Während wir aber gleichzeitig in fast allen anderen Lebenssituationen Laien sind, also jeder Mensch ist fast immer ein Laie, nur in seinem eigenen Berufsfeld.
Man müsste den gleichen Gegenstand mit einer unterschiedlichen logischen Tiefe behandeln. Lösungen aus dem Privatkundenmarkt haben auch Auswirkungen auf die Investitionsgüterindustrie. Die Einfachheit bei privaten Anwendungen erwartet man auch im geschäftlichen Umfeld. Für Anett Dylla ist das ein wichtiges Kriterium: „Gut gemacht ist, wenn ich zum Beispiel durch ein Menü geführt werde, in dem ich einen bestimmten Schritt vollziehe und dann sofort angesagt wird, was ist der nächste Schritt, oder anhand von Symbolen klar ist, was die nächsten Schritte sind, und wie ich zielgerichtet und stringent ans Ziel komme, ohne noch mal 25 Schleifen zu drehen.“
Die berüchtigten 25 Schleifen kennen geplagte Anrufer vor allem von sprachgesteuerten Telefondialogsystemen. Darüber ärgert sich ein Profi nicht weniger als der normale Kunde in der Warteschleife. Schuld sei häufig veraltete Technik. Der Schlüssel dafür ist nicht nur eine bessere Spracherkennung, an der es oftmals noch hapert. Es könnte auch helfen, wichtige Informationen über den Anrufer und dessen Situation, die an unterschiedlichen Stellen bereits vorliegen, zu bündeln und zusammenzuführen, damit der Kunde schneller ans Ziel gelangt.
Systeme müssen Bedürfnisse des Kunden vorausahnen.
Ob Sprachsteuerung oder Tastatureingabe am Bildschirm – die elementaren Prinzipien für gutes Interface-Design sind Ansicht immer dieselben. Auf einen Nenner gebracht: Anstatt darum zu kämpfen, die Maschine zu verstehen, wollen wir uns von der Maschine verstanden fühlen.
Ist jemand an dieser Story der absatzwirtschaft interessiert? Kann gerne die pdf schicken. E-Mail an mich: gunnareriksohn@gmail.com.
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