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Gefahr einer evidenzbasierten Demokratur: Nichts kann als unbezweifelbar gelten

man looking through a microscope
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Für meine eigene Arbeit, meine Recherchen und Ansichten ist ein Leitgedanke des Wissenschaftstheoretikers Hans Albert prägend:

Nichts gilt als unbezweifelbar. Rationale Kritik unterwirft sich weder dem Mainstream, Kampagnen oder dem politischen Konformismus. Sie überprüft ständig Glaubenssysteme, Aussagen, Thesen, Überzeugungen und Ansichten. Empirie, Experimente, Korrelationen und die Untersuchung von Kausalitäten sind wichtig im wissenschaftlichen und auch im politischen Diskurs.

Nur ist es höchst fragwürdig, seiner Geisteshaltung mit dem Slogan „evidenzbasiert“ eine Teflonschicht anzulegen, um unangreifbar zu werden. Ich kann mich noch gut an einen Disput mit einem Marketingprofessor aus Münster erinnern, der krampfhaft nach Bestätigungen seiner Annahmen während der Pandemiezeit suchte. „Die Leute schreien. Und widersetzen sich den Regeln (Bevölkerungsumfragen belegten genaus das Gegenteil, gs). Manchmal muss man halt ein wenig hinschauen.“

Er meinte damit eine Äußerung von Cornelia Betsch gegenüber dem Spiegel. Angeblich würde es einen Zusammenhang zwischen steigender Mobilität der Bevölkerung und den sinkenden Zustimmungswerten zu den Corona-Maßnahmen der Politik geben. Meine Antwort: Korrelation gleich Kausalität? Wir könnten jetzt noch eine dritte Kurve anfügen. Das wäre die Wetterkarte. Daraufhin sagte der Kollege von Frau Betsch auf Twitter: „Klar ist das schöne Wetter auch ein möglicher Grund für gestiegene Mobilität. Die Korrelation zwischen Mobilität und Risikowahrnehmung ist dennoch beträchtlich, und ein kausaler Zusammenhang plausibel. Schließt sich sich nicht gegenseitig aus“, schreibt Frank Schlosser (Twittername @franksh_).

Den genauen Prozentwert konnte er mir dann nicht nennen, zumindest nicht bis zum Abgabetermin meiner Kolumne. Auf der Infografik kann man nur eine kleine Veränderung der Zustimmungswerte erkennen. Die publizierten Thesen wurden wohl gewaltig aufgeblasen. Die präzisen GPS-Daten der Netzbetreiber mit einer Panel-Online-Umfrage zu korrelieren, ist ein gewagtes Unterfangen – höflich ausgedrückt. Es gibt auch Zufälle oder Kontingenz. Dennoch war der Ton von Betsch und Co. höchst apodiktisch.

„Von der Fundierung politischer Entscheidungen in wissenschaftlich generierten und von Experten interpretierten Daten verspricht man sich eine Steigerung ihrer Rationalität, ihres Reflexionsniveaus, ihrer Effizienz und Effektivität. Es gibt aber auch entschiedene Gegner dieser Entwicklung, die in ihr eine gefährliche Tendenz zur Einschränkung von Demokratie und Rechtsstaat erkennen, weil evidenzbasiertes Regieren kollektiv verbindliche Entscheidungen als ‚alternativlos‘ der demokratischen Willensbildung entzieht und damit das Grundrecht der politischen Partizipation empfindlich einschränkt und darüber hinaus im Interesse des Gemeinwohls auch in weitere Grundrechte eingreifen kann“, schreibt Richard Münch in dem Opus „Die Herschaft der Inzidenzen und Evidenzen“, erschienen im Campus Verlag.

Dazu komme noch, dass das „ideologiefreie“ evidenzbasierte Regieren in seinem Steuerungswillen auf eine mehrfach tief gespaltene Gesellschaft trifft, in der die intendierte Sachlichkeit der Politik, die von allen Bürgern als die bestmögliche anerkannt werden soll, Gräben aufreißt und vorhandene gesellschaftliche Polarisierungen noch weiter verschärft.

Die Wissenschaft werde einseitig für politische Legitimationszwecke instrumentalisiert, wenn Maßnahmen auf „Evidenzen“ gestützt werden, die es gar nicht gibt, oder auf einseitig ausgewählte Evidenzen, wobei Gegenevidenzen ignoriert oder heruntergespielt werden.

„Das ist umso mehr der Fall, je mehr die Wahrheitsproduktion im Überschneidungsbereich von Wissenschaft und Politik stattfindet und dadurch Akteure daran beteiligt sind, die keine rein wissenschaftliche Agenda der offenen Erkenntnisgewinnung, sondern andere Interessen, speziell ökonomische und politische Interessen, verfolgen. Sie sind nicht an Erkenntnis per se interessiert, sondern an Erkenntnis, die ihre Interessen unterstützt. Eine Entscheidung ist technologisch rational, wenn das effektivste und effizienteste Mittel zur Erreichung eines spezifischen, genau definierten Zieles eingesetzt wird. Das heißt aber mitnichten, dass sie dann auch politische Rationalität besitzt. Sie verfehlt diese Rationalität, wenn sie die real immer gegebenen Konflikte zwischen unterschiedlichen Interessen und Zielen nicht so zum Ausgleich bringt, dass auch unterlegene Akteure die Entscheidung als legitim anerkennen, Widerstand innerhalb der als legitim definierten Grenzen verbleibt und die Entscheidung so auch de facto Geltung erlangt und befolgt wird.“

Werden Tatbestände empirisch sauber dargelegt, wie der menschengemachte Klimawandel, heißt es noch nicht, dass die politischen Maßnahmen von Preislösungen bis zu ordnungsrechtlichen Vorgaben zu guten Ergebnissen führen. Beim Heizungsgesetz können wir das gerade live erleben. Da ist wenig evidenzbasiert. Wir bewegen uns im Terrain von Werturteilen und normativen Zielsetzungen. Und die muss man kontrovers, transparent und sachlich aushandeln. Es darf da keine Tabus oder alternativlose Basta-Reden geben.

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Mittelständisches Geschäftsklima im Sturzflug: Jetzt ist Wirtschaftspolitik als Staatskunst gefragt

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Das Geschäftsklima der kleinen und mittleren Unternehmen stürzt im Juni regelrecht ab. Gegenüber dem Vormonat sinkt es um 5,4 Zähler, also fast so stark wie unmittelbar nach dem Gaslieferstopp im vergangenen September. Mit einem Niveau von -11,8 Saldenpunkten liegt der zentrale Stimmungsindikator des KfW-ifo-Mittelstandsbarometers somit wieder deutlich unter der Nulllinie, die den historischen Durchschnitt markiert. Ursächlich ist vor allem ein Pessimismusschub bei den Erwartungen, aber auch die Lagebeurteilung gibt deutlich nach:

Im Spätsommer und Herbst 2022 waren die Geschäftserwartungen so pessimistisch wie zuvor nur während der Finanz- und Coronakrise. Mit Auflösung der Gefahr einer Gasmangellage folgte eine Erholungsrally, doch jetzt befinden sich die auf Sicht von sechs Monaten abgefragten Er- wartungen schon wieder im Sturzflug. Im Juni sinken sie um 7,3 Zähler, nachdem sie im Mai schon um 7,0 Zähler nachgegeben haben, und fallen so auf ein weit unterdurchschnittliches Niveau von -21,7 Saldenpunkten.

Das Geschäftsklima der kleinen und mittleren Unternehmen ist branchenübergreifend rückläufig. Besonders groß fällt das Minus im Juni aber beim Einzelhandel aus, dessen Geschäftsklima um 10,0 Zähler einbricht. Ursächlich ist vor allem ein Absturz der Lagebeurteilungen. Zwar ist es plausibel, dass die Stimmung in der seit langem von realen Umsatzrückgängen betroffenen Branche nachgibt. Das massive Ausmaß der Veränderung ohne ein singuläres Ereignis wie etwa einen Lockdown spricht allerdings für Sondereffekte, die sich in den Folgemonaten umkehren könnten. Mit einem Verlust von 7,5 Zählern auf -18,1 Saldenpunkte sackt das Geschäftsklima im Verarbeitenden Gewerbe ebenfalls besonders stark ab.

Hier sind vor allem erheblich schlechtere Geschäftserwartungen einhergehend mit stark rückläufigen Exporterwartungen (-7,1 Zähler) ursächlich, während sich die Lagebeurteilung nur moderat eintrübt. Sowohl die zuletzt enttäuschende Konjunkturerholung in China als auch die von vielen erwartete technische Rezession in den USA dürften gerade den Ausblick in vielen Industrieunternehmen trüben, hinzu kommen in einigen Branchen Sorgen über die internationale Wettbewerbsfähigkeit und die geopolitischen Schwierigkeiten mit dem wichtigen Handelspartner China.

Der Großhandel, die Dienstleistungen und das Baugewerbe melden im Juni ebenfalls ein rückläufiges Geschäftsklima, wobei die Eintrübung hier jedoch etwas geringer ausfällt. Die Stimmung in den großen Wirtschaftsbereichen Industrie und Dienstleistungen divergiert somit noch stärker als zuvor zulasten der Industrie.

Die Entwicklung des KfW-ifo-Geschäftsklimas im Juni fügt sich ein in die Reihe der enttäuschenden Konjunkturdaten. Verflogen ist inzwischen der kurzzeitige Konjunkturoptimismus vom Frühjahr. Stattdessen befindet sich die deutsche Wirtschaft gerade in einer Art Schwebezustand. Vor allem im Verarbei- tenden Gewerbe fallen die Stimmungsindikatoren inzwischen wieder sehr schwach aus. Sicherlich bedeutet der Pessimismusschub in den Unternehmen ein Abwärtsrisiko für die aktuellen Prognosen der großen Wirtschaftsforschungsinstitute, der Bundesbank oder auch von KfW Research, die zwar alle aufgrund des schlechten Jahresstarts ein leicht negatives Wachstum im Gesamtjahr 2023 erwarten, spätestens ab der zweiten Hälfte des laufenden Jahres jedoch alle von einer mehr oder weniger starken Konjunkturerholung ausgehen.

Ich sehe den Staat gefordert, die nötigen Investitionen in Infrastruktur, Umwelttechnologien, Wissenschaft und Sprunginnovationen zu tätigen. Nach drei Jahren Pandemie und der darauffolgenden Energiekrise durch den russischen Angriff auf die Ukraine darf die öffentliche Hand keine weiteren Belastungen für die Wirtschaft inszenieren. Das Gegenteil ist jetzt gefragt.

60 Jahre Sachverständigenrat: Wie Kanzlerin Merkel die Empfehlungen der Wirtschaftsweisen weglächelte – Bedeutung des Gremiums ist wieder gestiegen @lino_wehrheim @SVR_Wirtschaft @GrimmVeronika @umalmend @MonikaSchnitz @AchimTruger @MartinWerding

Der Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung (SVR) feiert sein 60-jähriges Bestehen. „Pünktlich zum Jubiläum erlebt das einflussreiche Gremium ein Comeback – und die weiteren Perspektiven sind vielversprechend, meint der Wirtschaftshistoriker Dr. Lino Wehrheim, Autor eines Buchs über die Geschichte der Wirtschaftsweisen“, schreibt der Merkur.

Wie die historische Perspektive zeige, liegt seine öffentliche Resonanz annähernd auf dem Niveau der Anfangsjahre, als der Rat viel Aufmerksamkeit und ein hohes Ansehen genoss, schreibt Wehrheim in dem Gastbeitrag für Merkur.

„Worauf lässt sich das aktuelle Comeback zurückführen? Eine naheliegende Erklärung liegt auf der Nachfrageseite: Pandemie, Ukraine-Krieg und eine gestiegene wirtschaftspolitische Unsicherheit haben den Bedarf an ökonomischer Expertise erhöht. Eine weitere könnte darin bestehen, dass sich offenbar das Selbstverständnis des Rates gewandelt hat“, betont Wehrheim.

Die aktuellen Mitglieder würden sich eher als pragmatische Berater verstehen. Weit entfernt von ordnungspolitischer Belehrung. „Neben einer diverseren Besetzung (Frauenanteil, Internationalität) und einem modernen Kommunikationsstil hat sich der SVR damit im positiven Sinne dem Zeitgeist angepasst, was zuletzt nicht nur für Erregung in konservativen Kreisen sorgte (Stichwort: Energiesoli), sondern auch für das erste Jahresgutachten ohne Minderheitsvotum seit Langem. Dabei ist dieser eher pragmatische, politiknahe Stil nicht völlig neu, ähnliches lässt sich auch für die Zeit des ersten Comebacks um das Jahr 2000 und, mit Abstrichen, für die Anfangszeit feststellen“, erläutert der Wirtschaftshistoriker.

In unserem Utopieband #KönigVonDeutschland äußerte sich der jetzige Wuppertaler Oberbürgermeister kritisch über die Rolle des Sachverständigenrats:

Was generell fehlt, sei eine Ökonomie, die spannende und richtige Fragen stellt: „Das ist der Grund, warum ich gerne an die Uni gehe, weil ich merke: Wow, die behandeln da genau die richtigen Themen, die gesellschaftlich relevant sind. Von dorther wird man dann sehen, dass die Ökonomie automatisch pluraler und sehr viel interdisziplinärer sein muss. Etwa beim digitalen Wandel. Das bekommt man nur in den Griff, wenn ich auch ein technologisches Verständnis habe, wenn ich mich mit den sozialen, gesellschaftlichen, kulturellen Dynamiken auseinandersetze. Dadurch wird das also sehr viel multidisziplinärer und es findet idealerweise auch ein ganz intensiver Austausch mit Leuten statt, die diese Prozesse gestalten. Plötzlich kommen auch Unternehmen und Unternehmer gerne in Unis, um mitzudiskutieren, weil sie merken: Das hilft ihnen.“

Das sei heute alles nicht gegeben, weil sich das Fach nur über seine Methode definiert.

„Du kannst heute Karriere in dem Fach machen, wenn du die irrelevantesten Fragen ökonomisch sauber behandelst“, kritisierte der ehemalige Präsident des Wuppertal-Instituts. Da gebe es keine Inspiration – beispielsweise für die Politik.

„Wenn die Merkel den Sachverständigenrat weglächelt, weil sie sagt: Hey, das kann ich sowieso gleich in die Kiste schmeißen, weil es mir für meine Wirtschaftspolitik keine Orientierung gibt. Und wenn du einen Management-Praktiker fragst, wann er zum letzten Mal aus der Management-Lehre der BWL-Fakultäten einen Impuls bekommen hat, dann muss der ganz lange überlegen, wenn ihm überhaupt irgend etwas einfällt. Diese komplette Inspirationslosigkeit des Faches kann ich nur dadurch drehen, indem ich wieder die richtigen Fragen stelle. Dann ergibt sich der Rest von selbst“, sagt Schneidewind.

Es sei ja schon fast eine paradoxe Situation, dass die kritische Ökonomie, die das bestehende System hinterfragt, heute eher an privaten Hochschulgründungen gedeiht als an den staatlichen. Das sollte so nicht sein, moniert Schneidewind. Was wir ökonomisch erleben, müsse kritisch hinterfragt werden.

„Dafür hat man staatliche Universitäten gegründet, damit es Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler gibt, die frei von ökonomischen Zwängen das System in Frage stellen können. Es ist eine verkehrte Welt: Die staatlichen Häuser legitimieren das weiter und die kritischen Impulse kommen aus privaten Uni-Gründungen.“

Nachzulesen in dem Utopie-Band, erschienen im Klingen-Verlag in Solingen.

Im Laufe der Jahre hat sich mein Bild vom Sachverständigenrat wieder deutlich gebessert, wie auch die Interviews mit den Wirtschaftsweisen untermauern. Hier ein paar Beispiele. Ansonsten einfach Sachverständigrat im Suchfeld von ichsagmal.com eingeben.

Professor Lars Feld über Trickle up und Wirtschafts-Leistung

Bin gespannt auf die Festveranstaltung.

lights over tables and chairs in restaurant

@WinfriedFelser, Ruskin, Roundtable-Gruppen und wirtschaftspolitische Anregungen für eine bessere Zukunft

Winfried Felser bleibt seinen Themen treu und beschäftigt sich mit den Ruskin-Netzwerken, die im 19. Jahrhundert begründet wurden. Die Botschaft seines Beitrags auf LinkedIn: „Wir brauchen eine verbindende Krise, einen gemeinsamen Sinn und viele #NextRuskins. Die Krise und die Idee eines Wirtschaftswunder 2.0 haben wir schon. Was fehlt, sind #NextRuskins als kokreative Vordenker/-macher und viele Netzwerke, die am Ende synergetisch zum Ziel führen.

Hintergrund: Vor 1870 gab es in Oxford keine Professur für Bildende Kunst. Dann wurde John Ruskin auf einen solchen Lehrstuhl berufen. Er schlug in der Universitätsstadt wie ein Erdbeben ein, nicht etwa, weil er über Bildende Kunst sprach, sondern auch über das Empire und Englands unterdrückte Massen; vor allem aber, weil er diese drei Dinge als moralische Fragen behandelte.

„Bis zum Ende des 19. Jahrhunderts lebten die verarmten Massen in den Städten Englands in Not, Unwissenheit und Kriminalität weitgehend so, wie es Charles Dickens beschrieben hat. Ruskin sprach zu den Oxforder Studenten als Mitgliedern der privilegierten, herrschenden Klasse. Er sagte ihnen, dass sie eine prächtige Tradition an Bildung, Schönheit, Rechtsstaatlichkeit, Freiheit, Anstand und Selbstdisziplin besäßen, dass sie diese Tradition aber nicht bewahren könnten und sie dies auch nicht verdienten, wenn sie diese nicht auch an die unteren Klassen in England und an die Massen der Nicht-Engländer auf der ganzen Welt weitergeben würden“, so Carroll Quigley, Tragödie und Hoffnung.

Um sich international im Sinne von Ruskin zu vernetzen, wurde eine sogenannte Round-Table-Organisation geschaffen. 1884 wurde das von Ruskin inspirierte Settlement House gegründet, zu der Arnold Toynbee, Milner, Gell, Greyy, Seeley und Michael Glazebrook zählten. Das war eine Organisation, mit deren Hilfe gebildete Menschen der Oberschicht in den Slums leben konnten, um den Armen mit besonderem Schwerpunkt auf Sozial- und Erwachsenenbildung beizustehen. Das neue Unternehmen im Osten Londons mit P.L. Gell als Vorsitzendem wurde nach Arnold Toynbee, der 1882 im Alter von 31 Jahren gestorben war, Toynbee Hall genannt. Es war das ursprüngliche Modell für Tausende von Häusern der Settlement – Bewegung, wie das Hull House in Chicago.

Die Männer blieben miteinander in Verbindung, sowohl durch persönlichen Briefwechsel und häufige Besuche als auch durch eine einflussreiche Vierteljahreszeitschrift, The Round Table, die 1910 weitgehend mit Sir Abe Baileys Geld gegründet worden war. Im Jahr 1919 schufen diese Männer eine weitere Organisation: das Royal Institute of International Affairs (Chatham House), wiederum hauptsächlich mit finanzieller Unterstützung Sir Abe Baileys, aber auch der Astor-Familie (der Eigentümerin der The Times). Ähnliche Strukturen wie das Institute of International Affairs wurden zwischen 1919 und 1927 in den wichtigsten britischen Herrschaftsgebieten (den Dominions) und in den Vereinigten Staaten gegründet (wo es als Council on Foreign Relations bekannt ist).

Solche Ruskin-Roundtable-Gruppen gibt es auch heute noch in acht Ländern.

Die Folgen des Imperialismus brauchen wir nicht weiter diskutieren. Die sind bekannt. Aber das Grundprinzip der Vernetzung über Round-Table-Gruppen finde ich hochspannend. Da sollen wir über Vernetzungen nachdenken.

Siehe unsere Roundtable in den vergangenen Monaten:

Das Zusammenspiel von Mensch und KI: Warum Unternehmen jetzt handeln müssen #ChatGPT

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Oliver Gürtler, Leiter des Mittelstandsgeschäftes bei Microsoft, bringt die Potenziale von ChatGPT auf den Punkt: „Der Mittelstand kann sehr schnell punkten.“ Angenommen, ein schwäbischer Maschinenbauer liefere seine Produkte weltweit aus. Auf jedem Teil steht eine spezifische Telefonnummer. Ruft der Kunde an, landet er in Teams, dort übernimmt ChatGPT, trainiert mit den produktspezifischen Daten, als virtueller Agent die Antwort auf einen Teil der Fragen des Kunden.

Was die KI nicht beantworten kann, geht an den Dispatcher. Dieser weiß genau, was bislang schon geklärt wurde und kann ganz anders reagieren. Zum Beispiel eine VR-Brille mit allen Reparaturinstruktionen verschicken, so dass überhaupt kein Servicetechniker mehr vorbeikommen muss.

ChatGPT als Game Changer

Autonome KI-Agenten wie ChatGPT, die Benutzereingaben aufnehmen und diese in kleinere Aufgaben unterteilen können, eröffnen ganz neue Möglichkeiten. Sie können komplexe Aufgaben bewältigen und auf verschiedene Grundmodelle zugreifen, die nicht nur auf Sprache beschränkt sind. Damit öffnen sie eine völlig neue Dimension und sind in der Lage, komplizierte Fragen zu lösen – eine Fähigkeit, die bisher nur sehr begrenzt möglich war.

Tatsächlich könnten KI-Agenten wie ChatGPT das Spiel radikal verändern und es ist höchste Zeit, dass wir uns ernsthaft mit dem Zusammenspiel von Mensch und KI auseinandersetzen. Im Kern geht es dabei nicht nur um die technologische Umsetzung, sondern auch um die Gestaltung neuer Geschäftsmodelle und Arbeitsprozesse. Unternehmen, die sich bereits jetzt aktiv mit diesen Fragen auseinandersetzen, können sich einen entscheidenden Wettbewerbsvorteil sichern.

Fazit

Die Möglichkeiten der künstlichen Intelligenz und speziell von ChatGPT sind beeindruckend und eröffnen Unternehmen neue Chancen. Dennoch: Ohne eine durchdachte Strategie und das nötige technische Know-how wird die erfolgreiche Integration von ChatGPT in die Unternehmensprozesse nicht möglich sein.

Ausführlich in meiner Juni-Kolumne für Haufe New Management nachzulesen. Spendet Beifall. Das würde mich sehr freuen.

time for change sign with led light

Veränderungskompetenz erlernen beim SAP Trainingforum am Donnerstag 22. Juni #SAPTF23: Jetzt noch schnell anmelden

Seit ihr schon angemeldet zum SAP Training und Change Forum? Vor Ort sind wir eigentlich ausgebucht – online sind noch Plätze frei…Hier die Agenda und Anmeldung https://lnkd.in/eW3i4hTC. Seyde und Thomas führen durch das Programm.

Wir haben Sie im Vorfeld interviewt:

Generationsübergreifende Lernkonzepte gefragt #SAPTF23 Interviews mit Lisa Schwarz von MHP und Angelina Mahl von der DSAG-Academy:

Über die Transformation in der Finanzbranche:

Viele gute Themen, die am Donnerstag, den 22. Juni beim Training Forum auf der Agenda stehen.

Ab zur Anmeldung – Teilnahme ist kostenlos.

Blumenberg, Innovationen und transformative Metaphern

Innovationen, in ihrer Unvorhersehbarkeit und ihrem transformativen Potenzial, könnten aus der Perspektive meines Lieblingsphilosophen Hans Blumenberg als Metaphern des Neuen und Unerforschten betrachtet werden. Sie verkörpern den menschlichen Drang, die Welt zu verstehen und zu verbessern, fungieren als Mechanismen des Wandels, die unsere Paradigmen des Denkens und Handelns herausfordern sowie formen.

Blumenberg vertrat die Meinung, dass die Metaphorik das Nächste an der Wahrheit darstellt, fern von jeglicher Ideologie. Dies könnte bedeuten, dass Innovationen als Metaphern für das Verständnis der Welt und unserer Position in ihr fungieren können.

Das Werk von Blumenberg ist geprägt von einer Vielzahl von Themen und Perspektiven. Er lehnte die Idee eines einheitlichen, linearen Geschichtsverständnisses ab und schlug stattdessen einen dialogischen Ansatz vor, bei dem verschiedene Ansichten und Denkweisen nebeneinander existieren und miteinander in Beziehung gesetzt werden können. Sehr löblich in einer Zeit der „Diese-Leute-Empörungs-Rhetorik“. Dieser Ansatz könnte auch auf Innovationen angewendet werden. Sie sind keine linearen Entwicklungen, sondern komplexe, miteinander verwobene Prozesse, die verschiedene Bereiche des menschlichen Lebens beeinflussen und von ihnen beeinflusst werden.

Blumenberg war bekannt für seine sorgfältige und umfangreiche Forschung, seine tiefgründigen, oft ironischen Interpretationen und seine Fähigkeit, scheinbar bedeutungslose Anekdoten in sinnvolle Geschichten zu verwandeln. In ähnlicher Weise können Innovationen als Geschichten von menschlichem Einfallsreichtum, Entschlossenheit und Anpassungsfähigkeit gesehen werden. Sie sind mehr als nur technologische Durchbrüche oder wissenschaftliche Entdeckungen; sie sind Ausdruck unserer ständigen Suche nach Bedeutung, Verbesserung und Verständnis.

Blumenberg hat auch darauf hingewiesen, dass die Bedingtheit des Denkens ein grundsätzliches Problem darstellt. Die Art und Weise, wie wir über Innovationen denken und wie wir sie nutzen, ist von vielen Faktoren abhängig, einschließlich unserer kulturellen, sozialen und historischen Kontexte. Daher ist es wichtig, Innovationen kritisch zu betrachten und sie aus verschiedenen Perspektiven zu erforschen.

Insgesamt können wir Innovationen als dynamische, vieldeutige und transformative Metaphern betrachten, die unsere Denkweisen und Weltbilder herausfordern und formen. Sie sind integraler Bestandteil unserer menschlichen Realität und unserer ständigen Suche nach Verständnis und Verbesserung.

Exkurs zu Blumenberg auf ichsagmal.com:

„Bei Jauß im Seminar ging es eher asketisch zu, protestantisch. Bei Blumenberg herrschte das Homerische Gelächter. Bei diesen Treffen konnte man nach einer gewissen Zeit wegen des Rauchs der dicken Zigarren die Hand vor Augen nicht mehr sehen; dazu wurde Likör herumgereicht. Es war unglaublich, wie weltmännisch Blumenberg auftrat. Das war ein neuer Stil, der Blumenbergs außenorientiertem Charakter entsprach, geradezu ein hedonistisches Lebensgefühl, das typisch für die Zeit des Wirtschaftswunders war. Über Philosophie haben wir dabei fast nie geredet. Unsere Hauptthemen waren Autos, die Aufbewahrung von Zigarren im Wäscheschrank, die Märklin-Eisenbahn und die Bequemlichkeiten der neuesten Hausgeräte. Blumenberg war ein Technikfan.“

Nachzulesen unter: Homerisches Gelächter und Kombinationslabyrinthe: Notizen zum 100. Geburtstag von #HansBlumenberg

Auch interessant:

a doctor holding an mri result of the brain

@ingo_froboese: „Das Gehirn ist für mich ein Muskel“ #Achwas

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„Sport macht kräftiger, leistungsfähiger, beweglicher, schneller, koordinierter – so viel ist klar. Aber, dass er auch schlau macht, das ist vielen vielleicht noch nicht so bekannt. Warum Sport schlau macht und wie sportliche Aktivität unser Gehirn trainiert, erklärt euch Professor Froböse in diesem Video“. Und im Video erklärt Froböse: „Das Gehirn ist für mich ein Muskel. Hört sich komisch an, ist aber so. Es ist nämlich trainierbar, genau wie andere Strukturen des Körpers aus“, so der Sportwissenschaftler.

Dann werden die üblichen bunten Bilderchen aus der Neurowissenschaft gezeigt. Was Froböse erläutert, ist für Körper und Hirn sicherlich nicht falsch, nur die Analogie zur Muskulatur ist schräg und man kommt zu zweifelhaften Empfehlungen, die am Ende des Tages ins Leere gehen.

„Man sollte sehr misstrauisch sein gegenüber den Weisheiten, die aus diesem Bereich kommen und zwar insbesondere wenn sie über die Macht der Bilder erzielt werden. Fast alle Medien würden zur Zeit Bilder der Kernspintomographie veröffentlichen. Da taucht ein Fleck im Gehirn auf, also muss das irgendwas bedeuten”, erklärte Hirnforscher Henning Scheich, ehemaliger Direktor des Leibniz-Instituts für Neurobiologie in Magdeburg, im ichsagmal.com-Interview.

Es sei einfach nicht richtig zu glauben, wenn die Birne aufleuchtet und die Aktivierung im Gehirn größer wird, ein besserer Zustand des Gehirns erreicht werde.

„Große Aktivierung im Gehirn bedeutet Unsicherheit des Gehirns. Wenn Sie Aufgaben untersuchen, wie sie gelöst werden, von unsicherem Status bis zum Profi, dann finden Sie eine negative Korrelation mit der Größe der Hirnaktivierung. Der Profi setzt eigentlich nur noch seine spezifischen Mechanismen für etwas ein”, so der Hinweis von Scheich.

Gehirnjogging mit riesiger Hinaktivierung nachzuweisen, sei Unfug. Die kleine Aktivierung, die beim scharfen Nachdenken von einem Profi produziert werde, das ist die eigentliche Aktivierung, die richtig ist. Also noch einmal:

„Große Aktivierung im Gehirn bedeutet Unsicherheit des Gehirns. Wenn Sie Aufgaben untersuchen, wie sie gelöst werden, von unsicherem Status bis zum Profi, dann finden Sie eine negative Korrelation mit der Größe der Hirnaktivierung. Der Profi setzt eigentlich nur noch seine spezifischen Mechanismen für etwas ein”.

Besonders die Interpretation der bildgebenden Verfahren in der Neurowissenschaft sei eine Herausforderung: „Einerseits eröffnen sie viele neue Perspektiven auf das menschliche Gehirn, andererseits steht die Leichtigkeit, mit der Experimente über zahllose subjektive Phänomene gemacht werden können, in direktem Gegensatz zur Schwierigkeit die Ergebnisse zu interpretieren. Dies hängt nicht nur damit zusammen, dass Experimente oft kein spezifisches Design für die gewählte Fragestellung haben, sondern grundsätzlich mit der limitierten Aussagekraft der Methoden. Sie zeigen eben nur wo überall unter bestimmten Umständen, zum Beispiel bei einem bestimmten Reiz oder Denkmuster Aktivität auftaucht, aber nicht den neuronalen Prozess an dem man ablesen könnte, welche Informationen die Neuronen dort eigentlich verarbeiten und berechnen. Insofern sind viele Interpretationen höchst hypothetisch. Manches wird über die Jahre durch eine Vielzahl von notwendigen Kontrollexperimenten konkreter werden. Die Lösung des Grundproblems, wie etwa ein Denkprozess mechanistisch strukturiert ist, erscheint jedoch bisher in ziemlicher Ferne. In diesem Bereich ist der eher lockere Umgang der Hirnforschung mit Begriffen aus den Geisteswissenschaften ärgerlich“, schreibt Scheich in einem wissenschaftlichen Aufsatz. Gleiches gilt für die Sportwissenschaft – also das Ärgerliche an der Leichtigkeit mit Analogien zur Muskulatur.

Viel wichtiger halte ich die Hinweise von Scheich beim lebenslangen Lernen:

Man sollte sich nicht zu viel vornehmen beim Lernen, sondern eher kleine Pakete und dann immer wieder Erfolgserlebnisse einsammeln. Dann sei das ideal:

Eine schöne Steilvorlage für genartionsübergreifende Lernkonzepte. Wir sollten das am 22. Juni vertiefen:

Digitalisierung und Nachhaltigkeit werden auf der re:publica immer relevanter #rp23

Klasse Auftritt von Dirk Messner, Präsident des Umweltbundesamtes:

Impressionen:

Jacob Taubes und die glattgelutschte Forschungscluster-Mittelmäßigkeit an Universitäten

Der Religionsphilosoph Jacob Taubes zählt zu den wichtigsten Persönlichkeiten, die meine publizistische Tätigkeit und meine wissenschaftlichen Interessen prägten, obwohl ich nie in den Genuss des persönlichen Kontaktes mit Taubes kam. Bei Suhrkamp und auch für Peter Gente vom Merve-Verlag war der jüdische Denker ein wichtiger Anreger für internationale Strömungen im intellektuellen Milieu. Auf ichsagmal.com bin ich darauf sehr oft eingegangen. Patrick Bahners verweist in der FAZ auf eine recht eigentümliche Debatte, die zum hundertsten Geburtstag des 1987 verstorbenen Gelehrten mit der Taubes-Biographie aus der Feder von Jerry Z. Muller losgetreten wurde.

Susan Neiman gehe in ihrer in der „New York Review of Books“ vom 6. April erschienenen, vom „Merkur“ im Maiheft übernommenen Rezension darauf ein, dass Mullers Buch mehrfach die Frage stellt, warum Taubes, der am Jewish Theological Seminary und an der Columbia-Universität in New York sowie an der Hebräischen Universität in Jerusalem lehrte, in Harvard und Princeton forschte und von 1966 an einen Lehrstuhl für Hermeneutik und Judaistik an der Freien Universität Berlin bekleidete, nicht mehr geschrieben hat.

„Der Historiker Muller verrate, so lautet das strenge Urteil der Rezensentin, seine Unkenntnis der Philosophie des zwanzigsten Jahrhunderts. Diese sei nämlich durch die Frage, wie Philosophie noch möglich sei, von der Produktion philosophischer Bücher abgehalten worden. Selbst Wittgenstein habe nur seine Dissertation publiziert und später auch noch widerrufen, legt Neiman dar, ohne freilich unpublizierte Arbeiten oder auch nur mündlich hingeworfene Gedanken von Taubes zu den Problemen der Regularien des Sprechens, Denkens und Handelns anzuführen, deren Erörterung durch Wittgenstein die analytische Philosophie seit Jahrzehnten mit Stoff versorgt. Aber selbst wenn man bei den Themen bleibt, die Taubes tatsächlich beschäftigten, und ein Sample seiner Generationsgenossen, Gesprächspartner und Kollegen bildet, die sich für die Grenzfragen von Philosophie und Theologie unter besonderer Berücksichtigung der Gnosis interessierten: Warum haben denn Hans Blumenberg, Dieter Henrich und Michael Theunissen verkannt, dass sie als Philosophen die vielen Bücher besser nicht geschrieben hätten, die von ihnen in den Bibliotheken stehen?“, fragt sich Bahners.

In der Zeitschrift für Ideengeschichte in der Sommer-Ausgabe geht man noch ausführlicher auf die kritische Taubes-Wahrnehmung ein.

Thomas Macho könnte ich nicht erinnern, jemals so viele Rezensionen gelesen zu haben, die nicht die neue intellektuelle Biografie, sondern die dargestellte Persönlichkeit verreißen: als Hochstapler, Scharlatan, ja sogar als Dämon und „bösen“ Menschen, der besser vergessen als gewürdigt werden sollte. „Jacob Taubes ist am 21.März 1987 in Berlin gestorben, vor 36 Jahren; am 25. Februar 2023 wäre er hundert Jahre alt geworden. Wie lässt sich der verspätete Zorn erklären?“.

Vielleicht ist es schlichtweg Neid auf eine Persönlichkeit, die als überragender Rhetor wirkte und weniger durch wissenschaftliche Publikationen. Die kürzlich verstorbene Schriftstellerin Sibylle Lewitscharoff ist ihm in Berlin mehrfach begegnet, sie war quasi seine Nachbarin und schreibt in der Zeitschrift für Ideengeschichte folgende Zeilen:

„Er hatte etwas Schlawinerhaftes, war äußerst anregend und zugleich klug, aus seinem Kopf sprühten die Funken, wenn er in guter Verfassung war. Selbst wenn sein Wissen ein wenig fragwürdig war, weil er es mit spontanen Eigenschöpfungen durchkreuzte, setzten seine erstklassigen Erfindungen in den Köpfen der Studenten Tumulte frei, die äußerst produktiv waren. Allerdings erzog er damit auch Faselanten, die ihm nicht gewachsen waren. Besonders deutlich wurde das in einem privaten Kreis, der in der Wohnung von Nicolaus Sombart bei einem Jour fixe zusammenkam. Sombart war schlicht und ergreifend ein eitler Dummkopf, der vom Ruhm seines Vaters zehrte und die Weihen einer großbürgerlichen Herkunft zelebrierte. In seiner Wohnung war der Gang zum Klo mit Nacktfotos seiner Eroberungen geschmückt. Jacob Taubes war gewissermaßen der Glücksfang, der dort seine scharfen Pointen verfeuerte und sehr gern auch den Gastgeber damit düpierte. Sombart ließ sich die Frechheiten gefallen, wahrscheinlich, weil er wusste, dass ohne Taubes die Zusammenkünfte eine trübe, wenn nicht depperte Sause gewesen wären, vermutlich war er auch einfach zu dumm, um die Schärfe der Invektiven seines spektakulären Gastes zu begreifen.“

Auch im Salon von Sombart begegnete ich Jacob Taubes leider nicht, obwohl ich Mitte der 1980er Jahre zum Stelldichein in Charlottenburg eingeladen wurde. Das Urteil von Lewitscharoff über den Dandy Sombart ist übrigens höchst ungerecht.

Christoph Schulte war studentischer Mitarbeiter von Taubes und kann das Bashing ebenfalls nicht nachvollziehen. Er sei im Nachkriegsdeutschland wichtiger als Horkheimer und Adorno gewesen.

„Diesseits neomarxistischer Gesellschaftskritik war der Spross alter chassidischer und talmudistischer Rabbiner-Dynastien und selber Rabbiner, der von Bibel und Talmud bis Chassidismus, Hermann Cohen, Derrida, dem Satmarer Rebben und den Toldot Aharon im Judentum alles kannte und einbringen konnte, aber das in ein Verhältnis zu Heidegger, Neuem Testament, Schmitt, Marx, Ethnologie oder französischem Poststrukturalismus zu setzen wusste, auch als jüdischer Intellektueller zwischen New York, Paris, Berlin und Jerusalem völlig unvergleichlich und einmalig. Das konnte selbst der große Scholem nicht. Und Blumenberg hatte vom Judentum keine Ahnung, wenn auch sonst von allem“, schreibt Schulte in der Sommerausgabe der Ideengeschichte.

„Taubes praktizierte mündliche Tora, mündliche Lehre, wie ein rabbinischer Gelehrter, aber eben mit lauter ebenso anregenden wie unorthodox-anstößigen und unjüdischen Inhalten. Und das auch noch ohne Respekt vor irgendwelchen vermeintlichen wissenschaftlichen Autoritäten. Wer die Person Taubes und diese Art zu lehren nie lebendig erlebt hat, hat etwas Entscheidendes verpasst. Geist kann man nicht auf Flaschen ziehen, nicht wiegen oder auf Buchregale stellen. Er entzieht sich akademischer Kontrolle und Überprüfung, aber wirkt nach. Durch solche mündliche Lehre angeregt, musste man die disziplinierte akademische Arbeit und das Schreiben dann selber lernen, oder bei anderen akademischen Lehrern“, führt Schulte aus.

Wer die intellektuelle, politische und akademische Langeweile betrachte, die heute an deutschen Universitäten herrscht, wo hochspezialisierte, fachlich qualitätsevaluierte, perfekt angepasste, eloquente, glattgelutschte Professor:innen ihre drittmittelrelevante Mainstream-Forschungscluster-Mittelmäßigkeit und Post-Bologna-Geschäftigkeit selbst für exzellent erklären, ist die Erinnerung an Jacob Taubes doppelt wertvoll.

Das hat gesessen. So sehe ich das auch.