Medienkompetenz, Bildung via Livestreaming und vernetzte Kunden: Recherchen für das Livestreaming-Buch

Letzte Recherchen Buch

In der gestrigen Bloggercamp.tv-Sendung hatte ich angekündigt, bis zum Wochenende die letzten Recherchen für das Livestreaming-Buch vorzunehmen. Dann verbarrikadiere ich mich am Pfingstwochenende in meinem Büro, um die letzten Schreibarbeiten für das Opus vorzunehmen.

Ende nächster Woche liefere ich das Skript ab – puh. Drei Hangout-Interviews folgen noch. Heute um 14 und 15 Uhr sowie morgen, um 16:15 Uhr. Während der Liveübertragungen könnt Ihr über die Frage-und-Antwort-Funktion von Google Plus noch Mitdiskutieren.

Man hört und sieht sich 🙂

FINAAAAAALE fürs Livestreaming-Buch: Bloggercamp.tv-Sendung heute um 16 Uhr

Livestreaming Buchcover

Ob Deutschland bei der Fußball-WM in Brasilien ins Finale kommt, steht in den Sternen. Bislang hat noch nie eine europäische Mannschaft in Südamerika den Weltpokal gewonnen. Schlechtes Omen. Für unser Livestreaming-Buch gehen wir jetzt in die finale Phase. Hannes und haben sich jeweils zehn Kapitel vorgeknöpft, so dass wir auf rund 250 Seiten kommen mit allem, was mit über Jedermann-TV wissen muss. In unserer Nachmittagssendung gehen geben wir noch einmal einen Ausblick auf das Opus. Es erscheint im September und kann bei Amazon schon vorbestellt werden. Unten findet Ihr die Arbeitstitel der Kapitel, die wir geschrieben haben. Ich selbst werde über Pfingsten die letzten Ergänzungen machen und mein Skript Ende nächster Woche abliefern. Hannes hat wohl morgen seinen finalen Schreibtag. Wer noch etwas beitragen will, sollte sich schnell melden oder vielleicht sogar direkt in die heutige Sendung gehen – ist ein wenig kurzfristig, aber wir lieben Spontaneität.

Ich hätte dann noch am Donnerstag und Freitag die Möglichkeit, mit Euch Hangout on Air-Interviews zu führen. Einfach melden per Mail: gunnareriksohn@gmail.com.

Hier die Kapitel, die sich in der Schlussphase noch etwas verändern werden:

  1. Die TV-Autonomen kommen; Live-Übertragungen – Die Königsdisziplin des Fernsehens ist heute für Jeden machbar; Was braucht man heute um live zu streamen Equipment Technik Kosten; Auf was ist zu achten (Checkliste) Einstellungen; Die Sendung; Vorbereitung; Inhalt Dauer Dramaturgie; Abschnitte Opener / Jingle / Begrüßung / Diskussion / Abschluss Fazit / Hinweis auf die nächste Sendung – Orte.
  2. Jedermann-Fernsehen jenseits vom Massenmarkt; Jeder kann zum Sender werden – Nischen-Fernsehen statt Massenbespassung; Das Fernsehen braucht das Internet – Das Internet braucht das Fernsehen nicht; Zielgruppe Publikum; Bekanntmachung Werbung für die Sendung; Weniger ist mehr Die richtigenund wichtigen Zuschauer sind entscheidend Social Media TV nicht Massenwerbung mit Streuverlusten; Der Marketing Effekt Zuschauer fassen Vertrauen zu den Personen in der Sendung offen für Empfehlungen; Etablierung als Experte über Bewegtbild Höhere Glaubwürdigkeit und Professionalität durch Live-Charakter; Neue Formate – Experimente.

  3. Die besseren Talkshows – Gesprächskultur im Netz, Frische Gäste – frische Formate – Graswurzel-Talk-Kultur; bei Jauch und Co sitzen immer die selben Nasen; Abtesten der Gäste, ob die auch gut rüber kommen. Maulfaule sind kontraproduktiv

  4. Wie wir Kanzlerin Merkel besiegten – Livestreaming und der Rundfunkstaatsvertrag; Überkommene Gesetze – Analoger Rundfunkstaatsvertrag und das Neuland Internet;
    Wie uns in Deutschland föderale Strukturen und Gesetze ausbremsen; Gesetzeslage Rundfunkstaatsvertrag und das föderale Recht der Länder; Rechtliche Rahmenbedingungen und Grauzone; Fall Merkel und die Konsequenzen daraus

  5. Eine bewegende Bilderwelt: Von Gutenberg zur neuen Mündlichkeit im Netz; Streaming und Videos ersetzen und ergänzen lange Texte; YouTube ist die zweitgrößte Suchmaschine.

  6. Mobiler Journalismus mit Google Glass; Das Fernsehstudio in der Hosentasche oder auf der Nase; Das Smartphone ersetzt heute ein komplettes Fernsehstudio die Miniaturisierung schreitet voran; Wearable Devices wie die Google Glass werden die bunten Täfelchen ablösen und völlig neue Eindrücke von Ereignissen mit erleben lassen.

  7. Live-Drohnen: Bewegtbilder im Überflug; Miniaturisierung der Technik ermöglicht Live-Aufnahmen aus der Luft. Wie man mit wenig Geld eine Live-Übertragung in HD aus der Luft machen kann.

  8. Vom Ende der Hochglanz-Kommunikation: Warum Unternehmen eine erweiterte Medienkompetenz benötigen; Live ist glaubwürdiger – Kommunikation mit der Zielgruppe auf Augenhöhe
    Reisekosten sparen Pressekonfernzen via Hangout on Air.

  9. Über Kundenservice in Echtzeit; Service live und in Echtzeit – Zeigen statt erklären; Was einem Kunden hilft, können andere danach auch sehen. Live zeigen und dann zur Verfügung stellen.

  10. Ein Blick unter die Motorhaube: Wie Livestreaming funktioniert; Streaming-Technologie im Internet – Plattformen für Livestreaming.

  11. Vom Nutzen der synchronen und asynchronen Kommunikation; Live senden und gleichzeitig aufzeichnen – der Zuschauer entscheidet wann er konsumiert. Schneller kann man ein YouTube Video nicht erstellen. Vor- und Nachteile einer Live-Sendung in YouTube.

  12. Virtuelle Bierproben, Kuhstall-TV und andere Medien-Experimente; Ungewöhnliche Ideen und neue Medienformate – Was man alles daraus machen kann und könnte. Anregungen zu kreativem Nachdenken und Ausprobieren.

  13. Radiomacher auf Youtube; Der Ton bestimmt die Qualität – Live-Sendungen ohne Bild; Warum kompliziert, wenn es auch einfach geht? Wie wir auf die Idee kamen Live-Radio über YouTube zu machen.

  14. Yoga geht auch virtuell; Weiterbildung und How-To Sendungen zum Lernen und Nachmachen; Live-Helpouts oder wie man im Netz zum Spezialisten wird.

  15. Bolzplatzhelden als Fußball-Kommentatoren; Virtuelle Stammtische und Besprechungen – Wie man Mashups mit Livestreaming macht.

  16. Quick-and-dirty-Technik: Smartphone oder Ultrabook statt Ü-Wagen; Kleines und flexibles Equipment ermöglicht schnelle flexible Live-Formate
    Am Beispiel von AGRITECHNICA.TV erklärt wie man in 3 Tagen 20 Sendungen mit 40.000 Abrufen mit 2 Mann generiert.

  17. Das eigene Nachrichten-Studio Greenscreening mit einfachen Mitteln;Teure Technik mit Software ersetzen ermöglicht Fernsehstudio Atmosphäre; BoinxTV und Wirecast Bildmischer am iPad.

  18. Vorbereitung ist alles – Technikcheck für Teilnehmer; Rückkopplungen, Krachmacher, Dark Vaders und andere Live-Probleme; Was alles schief gehen kann, wenn man live sendet. Ausfall von Geräten und Internetverbindungen. Warum das Graswurzel-TV teuer wird, wenn der Anspruch an Ausfallsicherheit und Aussehen steigt.

  19. Den Zuschauer einbinden – Wie klassisches Fernsehen die neuen Möglichkeiten einsetzen kann; Rundshow, Huffington Post, Sarah Hill, Aktuelles Sportstudio.

  20. Live senden ist ein Handwerk – Deshalb gilt üben üben üben!

Man hört und sieht sich um 16 Uhr.

Sonntag, 15:30 Uhr – Live-Podcast: Wortspiel-Radio mit Wolfgang Schiffer

Ab 15:30 Uhr Audio-Livestreaming mit Wolfgang Schiffer und mir. Eine Stunde Literatur. Zwei Themenblöcke: Ausblick auf das WDR-Radio-Feature von Wolfgang Schiffer, das am 14. Juni, um 12:05 Uhr gesendet wird. Und dann beschäftigen wir uns mit dem Jahr 1914. Wie blicken Literaten auf den Ausbruch des Ersten Weltkrieges zurück.

Ihr könnt Euch über die Frage-und-Antwort-Funktion von Google Plus an der Sendung beteiligen.

Man hört sich am Sonntag-Nachmittag 🙂

Siehe auch:

Der Schock der Moderne – Islands Atomdichter. Programmhinweis von WDR 3. Kann neue Poesie ein ganzes Land in Aufruhr versetzen? Offensichtlich – wenn es sich um eine Insel handelt, deren nationale Identität auf einer Jahrhunderte alten literarischen Tradition beruht. In Island brach in den 50er Jahren ein spektakulärer Lyrikstreit aus.

Die Rebellion der Atomdichter: Isländische Lyrik gegen das unbelebte Gelabere.

Verblödet durch Technik? Aber nein, dann könnten wir doch unsere Literatursendung gar nicht machen.

Und nicht vergessen: Wählen gehen!

Die Kunst, Übermächtige zu bezwingen – ichsagmal-Gespräch mit Felix Schwenzel #NSA #Totalüberwachung #rp14

Symbolkraft
Symbolkraft

Die Überwacher der westlichen Welt seien zu schlau, offen die repressive Fratze der Totalüberwachung zu zeigen, meint Felix Schwenzel im ichsagmal-Interview.

Entsprechend sollte man die Gegenseite provozieren, ihr wahres Gesicht zu zeigen. Dafür braucht man Ideen, Geduld, Ausdauer und eine bessere Vernetzung.

Fündig geworden ist Schwenzel im Opus von Malcolm Gladwell „David und Goliath – Die Kunst, Übermächtige zu bezwingen“. Im sechsten Kapitel geht es um das wohl berühmteste Foto der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung, das von dem Associated Press-Fotografen Bill Hudson am 3. Mai 1963 in der Ku Klux Klan-Hochburg Birmingham im Bundesstaat Alabama aufgenommen wurde – im Volksmund auch Bombingham genannt. Das Foto zeigt einen schwarzen Jugendlichen, der von einem Polizeihund angegriffen wird. Für den Vorgesetzten von Hudson, der das Foto über den Ticker in die ganze Welt schickte, verkörpere die Szene einen Jungen, der „sich mit der Ruhe eines Heiligen den gefletschten Szenen des Schäferhundes auslieferte“.

Veröffentlichungen in der New York Times, Daily News, Los Angeles Times, Boston Globe, Chicago Tribune, San Francisco Chronische und Philadelphia Inquirier folgten und veränderten die innenpolitische Gemengelage.

„Als Präsident Kennedy das Foto sah, war er entsetzt, Außenminister Dean Rusk war besorgt, es könne ‚uns vor unseren Freunden im Ausland blamieren und unsere Feinde jubeln lassen‘“, schreibt Gladwell.

Seit Jahren hatten Martin Luther King und seine Gefährten gegen das Dickicht von rassistischen Gesetzen und Regeln in den Südstaaten angekämpft, ohne den großen durchschlagenden Erfolg zu erzielen. Mit der Aktion in Birmingham wendete sich plötzlich das Blatt. 1964 verabschiedete der US-Kongress den Civil Rights Act – als Geburtsstunde sah man die Aktivitäten in Alabama.

Listenkundige Bürgerrechtsbewegung

Die Szenerie in Birmingham war kein Zufall, sondern Teil eines listigen Plans, den der Kampagnenchef Wyatt Walker konzipierte. Sein Auftrag: Im Zentrum des Rassismus eine Krise heraufbeschwören und den Polizeichef Bull Connor zu Übergriffen gegen die schwarze Bevölkerung bewegen. Den geistige Überbau für Walkers Pläne lieferten altbewährte Überlebensstrategien: Unter den Sklaven der Vereinigten Staaten gab es die Tradition der so genannten Trickster – trickreiche Helden in Tiergestalt, die mit kühlem Kopf übermächtige Gegner bezwingen.

Mehr dazu verrate ich in meiner morgigen The European-Kolumne.

Siehe auch:

„Wir töten Menschen auf Basis von Metadaten“

Literatur-Lesung: Tusch und Kitz sind für die Katz – Kakerlaken-Weisheiten für den Alltag

Siehe auch: Kakerlaken im Homeoffice: Psychologischer Mumpitz für die Arbeitswelt

Kakerlaken im Homeoffice: Psychologischer Mumpitz für die Arbeitswelt

Mehr wissenschaftliches Denken, werte Herren der Alltagspsychologie
Mehr wissenschaftliches Denken, werte Herren der Alltagspsychologie

„Forscher“ haben festgestellt, dass Kakerlaken schneller laufen, wenn ihnen Artgenossen dabei zuschauen. Mit dieser tierschürfenden Erkenntnis beglücken uns die Psychologen Volker Kitz und Manuel Tusch in einem Spiegel-Beitrag, der in ähnlicher Variante auch in ihrem Buch „Warum uns das Denken nicht in den Kopf will“. Mussten die kleinen Krabbeltierchen komplexere Aufgaben lösen, etwa den Weg aus einem Labyrinth finden, störten die Zuschauer. „Daraus entstand die Hypothese: Bei einfachen Aufgaben steigt die Leistung, wenn andere anwesend sind – bei schwierigen sinkt sie“, so Kitz und Tusch. Der Test funktioniert angeblich auch bei Menschen, behaupten die beiden literarischen Scherzkekse.

„Die Wissenschaftler sagen Probanden, sie müssten sich für ein Experiment eine bestimmte Laborkleidung anziehen – in Wahrheit geht es um das Umziehen selbst: Eigene Schuhe ausziehen, Laborsocken überziehen, Laborschuhe und Labormantel anziehen. Dann sagt man den Probanden, das Experiment finde leider doch nicht statt – sie könnten sich wieder umziehen. Schaut jemand demonstrativ zu, brauchen die Probanden für die ‚leichten‘ Aufgaben – die eigenen Schuhe aus- und wieder anziehen – 30 Prozent weniger Zeit als ohne Zuschauer. Und selbst wenn nur ‚zufällig‘ jemand im Raum ist und gar nicht aufmerksam hinschaut, sind sie immer noch fast 20 Prozent schneller als allein.“

Bei den ’schweren‘ Aufgaben – die ungewohnte Laborkleidung an- und wieder ausziehen – sei es umgekehrt:

„Hier brauchen die Probanden länger, wenn jemand aufmerksam zuschaut oder auch nur ‚zufällig‘ im Raum ist. Für jede Tätigkeit gibt es folglich eine richtige Umgebung: Routineaufgaben erledigen sich leichter im Großraumbüro, hinter einer gläsernen Bürotür oder im Café – und viel schwerer im Einzelbüro oder allein im Homeoffice. Wer vorwiegend komplexe Dinge zu erledigen hat, arbeitet hingegen zurückgezogen am besten.“

Was kann man von diesen biologistischen Kakerlaken-Weisheiten ableiten? Wer einfache Arbeiten verrichtet, sollte in Großraumbüros verfrachtet werden und wer anspruchsvollen Tätigkeiten nachgeht, sollte auch die Vorteile von Homeoffice-Arbeit genießen? Das haben Kitz und Tusch zwar nicht geschrieben, man könnte es im Personalmanagement aber so interpretieren, schließlich ist der Herr Tusch auch als „Coach“ unterwegs und der Herr Kitz verbreitet Erkenntnisse über die Büropsychologie.

Praktiker wie Thomas Dehler, Geschäftsführer des Dienstleisters Value5, halten solche Ableitungen für Mumpitz:

„Schon jetzt fürchten sich viele Arbeitnehmer davor, dass Führungskräfte und der Chef ihre Leistungen bei dezentraler Arbeit nicht wahrnehmen. Sie fürchten sich also, allein das Thema ‚Work at Home‘ für sich zu adressieren. Weiterhin spielt auch eine Rolle, dass dem Konzept ‚Homeoffice‘ häufig eine elitäre Konnotation anhaftet, also eher den Führungskräften vorbehalten ist. Zumindest ist es dort verbreiteter, als etwa bei den Leistungserbringern beim Service. Mit den Kakerlaken-Thesen wird so eine zweifelhafte Denkhaltung in den Führungsetagen sogar noch untermauert.“

Solche Ausflüge ins Tierreich gehen nach Auffassung von Dehler meistens schief:

„Es soll auch Versuche und Studien geben, wo man trainierten Springflöhen die Beine ausreißt. Es wäre dann vermessen zu sagen, wenn dieser Floh seine Beine verliert, verliert er auch sein Gehör, auf Anweisung zu springen.“

Menschliches Verhalten kann nicht auf Kakerlaken-Niveau erklärt werden. Als Beispiel können die so genannten Hawthorne-Experimente genannt werden. So wollten „Forscher“ herausgefunden haben, dass Arbeiterinnen auch ohne Lohnerhöhung schneller und besser arbeiten, wenn man freundlich zu ihnen ist und die Wände der Werkstatt gelb anstreicht. Nachdem sich jedoch unter den Beschäftigten herumgesprochen hatte, dass das Management mit seinem Schmusekurs und der Farbgestaltung nur Geld sparen wollte, kam es zu Lohnforderungen und einem Streik. Die Geltung solch dünner Theorien wird spätestens nach dem Bekanntwerden ihrer Absichten und Steuerungsinstrumente obsolet.

Zudem geht es den meisten Unternehmen beim Arbeiten in Großraumbüros nicht um Effekte der sozialen Erleichterung, sondern schlichtweg um mehr Kontrolle.

„Bewegt sich auch jeder? Klappert es? Dann ist es ja gut“, schreibt Wolf Lotter in der Zeitschrift brandeins mit dem Schwerpunktthema „Ruhe!“.

Niemand würde zugeben, dass es hier um Zwangssozialisation geht. Nein, in den Büro-Galeeren geht es natürlich um „bessere Kommunikation“ und „Teamarbeit“. In Wahrheit toben sich auf diesem Feld dubiose Sozialingenieure aus, die nicht einfach nur Arbeitsplätze optimieren wollen, sondern die Menschen gleich mit, kritisiert Lotter.

„Die kleinen, mit halbhohen Sichtschutz-Wänden abgetrennten Arbeitseinheiten in Großraumbüros haben wenigstens einen ehrlichen Namen: Raumzelle. Halb offener Strafvollzug sozusagen, denn wer nicht von anderen beobachtet werden will, der muss sich ducken und schön am Schreibtisch ’sitzen machen'“, wie es der brüllende Chef in Billy Wilders Komödie „Eins, zwei, drei“ unmissverständlich zum Ausdruck bringt.

So funktionieren vielleicht Automaten, aber keine Menschen.

Algorithmen-TÜV und die Ahnungslosigkeit von Minister Gabriel

Alles ist irgendwie verdächtig
Alles ist irgendwie verdächtig

Wir sollten als Gesellschaft unsere Gestaltungsmacht zurückgewinnen, fordert die Schriftstellerin Juli Zeh. Etwa über die Datenschutz-Verordnung der EU, die den Schutz des Einzelnen verbessert und drakonische Strafen vorsieht, wenn ohne Zustimmung der Betroffenen Daten erhoben werden. Die Rechtsverordnung könnte sofort in Kraft treten, wenn sich die nicht deutsche Regierung dagegen sperren würde. Formell wird als Argument von Gabriel und Co. angeführt, die Vorlage würde das Niveau des deutschen Datenschutzes absenken.

„Das ist völliger Quatsch. Ich war mit Sigmar Gabriel kürzlich in einer Talkshow. Er kam mit diesem Argument und konnte dennoch keinen einzigen Punkt nennen, wo der deutsche Datenschutz weitergeht“, bemerkt Zeh.

Trotzdem wollte Gabriel von seiner Haltung nicht abrücken. Da fehle schlichtweg die Kompetenz.

Juli Zeh brachte auch die Einrichtung eines Algorithmen-TÜV ins Spiel. Jeder habe einen Anspruch auf Transparenz. Das könne die Verweigerung eines Kredits (Schufa-Scoring lässt grüßen), die Kündigung eines Arbeitgebers, die Erhöhung von Versicherungsbeträgen oder die Nichteinstellung bei Bewerbungen sein, die auf Grundlage von maschinellen Rasterungen erfolgen. Es handelt sich um Ergebnisse, die in die Biografie eines Menschen existentiell eingreifen.

In bestimmten Anwendungsfeldern haben diese Big Data-Systeme nichts verloren.

„Wir können doch als Gesellschaft klar sagen, was wir nicht wollen. Im Gesundheitswesen haben Prognose-Systeme nichts zu suchen, sollten Entscheidungen im Dialog mit den einzelnen Menschen erfolgen. Algorithmen stellen keine Fragen, sie treffen Entscheidungen über die flächendeckende Auswertung von Daten. Auch im Justizwesen haben solche Systeme nichts verloren.“

Den von Juli Zeh geforderten politischen Diskurs sollten wir endlich beginnen. Ausführlich in meiner The European-Kolumne nachzulesen: Der verdächtige Bürger.

Erinnert sei noch an meine Auseinandersetzung auf Facebook mit einem Big Data-Analysten: Als ich nachfragte, ob er sein System live in Bloggercamp.tv vorführen wolle, wechselte der virtuelle Werkzeugmacher direkt in den privaten Modus und sagte mir klar, dass er gegenüber der Öffentlichkeit keine Bringschuld habe.

„Nur so viel: Wir setzen unsere Software im Klinikbereich ein, um gute von schlechten Patienten zu trennen. Als Auswertungstool, um aufzuzeigen, wo Ärzte Geld verballern.“

Und was ist mit den Patienten, fragte ich nach. Müsste so etwas nicht öffentlich verhandelt werden? Antwort: Offenlegungspflichten sieht er nur gegenüber seinen Auftraggebern und beendete die Diskussion mit mir – zumindest im nicht-öffentlichen Chat. Seine Großspurigkeit im öffentlichen Teil setzte er fort.

Nach der anonymisierten Veröffentlichung seines Patienten-Zitats auf meinem ichsagmal-Blog verfiel er in eine Panikattacke, löschte alle Facebook-Kommentare und proklamierte pauschal, man könne Bloggern einfach nicht vertrauen. Jetzt geht es also um „Vertrauen“ – es geht wahrscheinlich auch um seine Reputation. In diesem kleinen Feldtest ist dem Big-Data-Maschinisten vielleicht klar geworden, um was es geht.

Was passiert, wenn seine Algorithmen ahnungslose Menschen in die Kategorie „schlechte Patienten“ eintüten und sie von den „guten“ Patienten abtrennen? Welche Gewichtungen und Abgrenzungen hat denn der Systemingenieur in sein Prognose-System eingebaut? Bekommt der „schlechte“ Patient Einblick in die Formelstube?

Der verdächtige Bürger und die Entkernung unseres Staatsmodells – Juli Zeh im Theater Bonn

Brisantes Gespräche im Bonner Theater: David Eisermann und Juli Zeh
Brisantes Gespräche im Bonner Theater: David Eisermann und Juli Zeh

Eine in Amerika kursierende Geschichte über die moderne Industrie, die der FAZ-Redakteur Gerald Braunberger erwähnt, geht so:

Ein Unternehmensvorstand und ein Gewerkschaftschef besuchen eine durch Roboter hochautomatisierte Automobilfabrik, in der nur noch wenige Menschen arbeiten. Der Vorstand fragt den Gewerkschafter mit einem hochmütigen Lächeln: „Wie willst du meine Roboter dazu bringen, für deine Gewerkschaft zu streiken?“ Der Gewerkschafter lächelt zurück: „Und wie willst du deine Roboter dazu bringen, deine Autos zu kaufen?“ Die neue Welt der Wirtschaft – die Welt der Daten, der Netzwerke, der Apps und der Roboter – werde nicht zuletzt auch die Bereitschaft zu neuem Denken erfordern, schreibt Braunberger.

Nicht nur das, es wird nach Ansicht der Schriftstellerin Juli Zeh die Bereitschaft zu einem neuen politischen Gestaltungswillen erfordern. Zur Zeit ist das noch nicht einmal in Ansätzen zu erkennen. Auf der Strecke bleiben die Freiheitsrechte der Bürger, sagt Juli Zeh im Gespräch mit dem WDR-Redakteur David Eisermann im Theater Bonn.

Den politischen Umschwung leitete der 11. September ein. Zeh wurde in Bonn gutbürgerlich im Geist der Nachkriegsdemokratie erzogen. Die ersten 20 Artikel des Grundgesetzes saugte sie sinnbildlich mit der Muttermilch auf.

„Ich habe das alles aufgenommen und für gut befunden – nicht als Folge einer Gehirnwäsche, sondern als ein reflektiertes Ergebnis einer inneren Entscheidung, wie und in welcher Gesellschaft ich leben möchte.“

Zeh zählt sich zum Prototypus der Nachkriegsdemokratin.

„Und dann kam der 11. September 2001 und über Nacht änderte sich zuerst die Rhetorik unserer politischen Führungskräfte – nicht nur auf der anderen Seite des Teichs, sondern auch bei uns. Alles, was man mir 30 Jahre erzählt hatte, verlor seine Gültigkeit. Das war der Moment, in dem ich politisch wurde.“

Der 11. September und die Entkernung unseres Staatsmodells

Sie beschreibt ihr schriftstellerisches Engagement als Reaktion auf die Umkehrung der demokratischen Idee. Bislang galt das Prinzip, der Bürger ist unschuldig und mündig, er ist das Fundament unseres Systems. Jetzt gilt der Maßstab, der Bürger ist potenziell gefährlich, er kann immer auch ein Terrorist sein, er kann in Umtriebe verstrickt sein, wir müssen ihn beobachten. Aufgrund ihrer Verliebtheit in die demokratische Idee fühlt sich die Autorin verletzt:

„Der Verlust des Respekts vor dem Bürger ist der eigentliche Skandal der um sich greifenden staatlichen Totalüberwachung, der Angriff auf die Privatsphäre und die Autonomie. Freier Bürger bedeutet heute gefährlicher Bürger – er könnte ja etwas aushecken. Das ist eine Entkernung unseres Staatsmodells.“

Als das Buch „Angriff auf die Freiheit: Sicherheitswahn, Überwachungsstaat und der Abbau bürgerlicher Rechte“ von Juli Zeh und Ilija Trojanow vor vier Jahren erschien, gab es Snowden noch nicht. Da galten die beiden Autoren eher als Hysteriker und Apokalyptiker. Mittlerweile sind sie von der Realität überrollt worden. Den Verrat der Freiheitsideale verbindet Juli Zeh nicht mit dem Amtsantritt des amerikanischen Präsidenten George W. Bush jr. und seines berüchtigten Stellvertreters Dick Cheney. Diese Personen seien weit weniger wichtig als gemeinhin angenommen wird.

Neue NATO-Strategie – neudeutsch auch „erweiterter Sicherheitsbegriff“ genannt

Schon nach dem Ende des Kalten Krieges und der Auflösung des Warschauer Paktes als östliches Militärbündnis gab es massive Bewegungen in der NATO, die Welt geopolitisch neu zu denken und strategisch so zu ordnen, um Gegnerschaften anders zu definieren.

„Das setzte weit vor dem 11. September ein. Es gibt NATO-Strategiepaiere aus den 1990er Jahren, die belegen, dass der Nahe Osten und die islamischen Staaten als Bedrohung der Demokratie gewertet werden. Man schießt sich auf veränderte Konfliktstrukturen ein. Es geht nicht mehr um Blöcke oder Staaten, sondern um Zellen, Individuen oder Netzwerke. Die ganze Rhetorik wurde biologisch“, so Zeh.

Der Staat werde in Amerika als Organismus oder Körper gesehen. Die Organe werden von Parasiten angegriffen – sie vermehren sich virenartig, um den Staatskörper zu zersetzen. Der Einzelne werde als bedrohlich eingestuft. Die Idee, nicht mehr gegen Staaten, sondern gegen Einzelne zu kämpfen, sei älter als der 11. September.

Das auf dieser veränderten Grundlage die NSA jeden Bewohner des Planeten als möglichen Gegner sieht, ist nach Ansicht der Bonner Schriftstellerin ein völlig logisches Verhalten. Die würden sonst ihren Job nicht richtig machen. Solange man den liebwertesten Schlapphut-Gichtlingen keine Grenzen setzt, bleibt es bei der Strategie der kollektiven Verdächtigung. Und genau hier versagt die politische Elite des Westens. Selbst nach den Enthüllungen von Snowden wird diese Eigendynamik der Totalüberwachung noch nicht einmal in Ansätzen eingedämmt.

Der Wahrscheinlichkeits-Straftäter

Die Mini-Empörungswelle, die das Abhören des Merkel-Handys hervorgerufen hat, zeigt nach Meinung von Zeh nur, wie groß die Ahnungslosigkeit im Kanzleramt ist: „Die meisten Leute, die in der Regierungszentrale sitzen, verstehen das Problem nicht.“

Die Überwachung und Sammlung ist nur der erste Schritt bei der Demontage von Freiheitsrechten. Durch Snowden ist klar geworden, dass Geheimdienste von der Hybris beseelt sind, menschliches Verhaltens mit den Mitteln der Wahrscheinlichkeitsrechnung vorherzusagen. Profiling mit Algorithmen. Aber was passiert, so Zeh, wenn ein Algorithmus prognostiziert, dass ein bestimmter Bürger mit einer Wahrscheinlichkeit von 85 Pozent straffällig werde – also das Szenario aus dem Kinofilm „Minority Report“ eintritt? Was machen wir dann?

„Halten wir ihn von der Straftat ab, landen wir in einer Präventiv-Gesellschaft und unterwerfen uns den Rechenergebnissen von Maschinen“, warnt Zeh.

Was passiert, wenn diese Prognose-Kandidaten wirklich straffällig werden und die Öffentlichkeit kritisiert die Politik für ihr Nicht-Handeln. Da steigt der Druck im Kessel, entsprechende Anpassungen im Strafgesetzbuch vorzunehmen. Dieser Diskurs werde in der Politik bislang nicht geführt, moniert Zeh:

„Wir laufen der Zeit hinterher und wissen überhaupt nicht, wie wir als Gesellschaft mit diesen technologischen Entwicklungen umgehen sollen.“

Wie wir als Gesellschaft politische Gestaltungsmacht zurückgewinnen können, ist dann Thema meiner morgigen The European-Kolumne.

Das Eisermann-Zeh-Gespräch verdient eine stärkere Verbreitung – also die Audio-Aufzeichnung. Vielleicht könntet Ihr da ein wenig Schub reinbringen. Kann man während der Autofahrt oder beim Bügeln anhören 🙂

Siehe auch:

Schwanger ohne digitale Spuren.

Überwachung und Exzess.

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Literatur-Lesung: Sloterdijk-Exerzitien – Übungsanleitung für das Leben

crop faceless ballerinas standing on tiptoes in ballet studio
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Über die Bedeutung des Übens. Peter Sloterdijk argumentiert, dass das, was den Menschen zum Menschen macht, nicht der aufrechte Gang ist, sondern die Entwicklung des Bewusstseins. Er spricht von einer inneren Aufrichtung und dem Lernen, das Unmögliche als das Leichte zu begreifen.

Sloterdijks Ethik ist nicht einschränkend, sondern erweiternd. Sie ist keine Sollentätigkeit, sondern eine Übungsanleitung für das Leben selbst. Sie besteht darin, sich mit etwas zu verbinden, das nicht religiös codiert ist. Wer so denkt und übt, wird auf seine eigene Verfassung stoßen und aufgefordert, sie zu reflektieren und zu verändern.

Sloterdijk sieht den Menschen als Imperativ des Unwahrscheinlichen. Wie du dich faltest, so wächst du empor. Er bezieht sich dabei auf verschiedene Berufe und Berufungen, von Bauern und Arbeitern über Krieger und Schreiber bis hin zu Athleten, Rhetoren, Zirkuskünstlern, Gelehrten, Instrumentalvirtuosen und Models. Was sie alle verbindet, ist die Art und Weise, wie sie auf sich selbst einwirken und wie ihr Tun auf sie zurückwirkt.

Mit Nietzsche im Hinterkopf entwirft Sloterdijk das Modell einer Anthropologie als Asketologie. In diesem neuen Zweig der Humanwissenschaften werden geschichtlich gewachsene Strukturen und Daseinsformen untersucht und ins Zentrum gerückt. Kultur, Religion und Ethik werden als Übungsmodule betrachtet.

Sloterdijk versucht, nahezu alle Wissenschaften, Übungs- und Lenksysteme des Westens und Ostens gleichzeitig zu erfassen und aufeinander zu beziehen. Dabei zeigt er eine kühne, auch selbstverliebte Maßlosigkeit. Er setzt sich in der Radikalität eines Künstlers mit jedem Strich selbst das Maß.

Siehe auch:

Web 2.0-Exerzitien für Manager.

Literatur-Lesung: Management mit leeren Floskeln

Schöne neue Arbeit – Ein Reader zu Harun Farockis Film „Ein neues Produkt“, erschienen im Verlag der Buchhandlung Walther König.