Wenn Ökonomik in Journalen versackt: Über Sandkastenspiele und fehlerhafte Excel-Rechnungen @DrLutzBecker1 @UweSchneidewind @AchimTruger

„Die wissenschaftliche Qualifikation muss an oberster Stelle stehen, ansonsten kann der @SVR_Wirtschaft seinem Qualitätsanspruch nicht gerecht werden. Veröffentlichungen in angesehenen internationalen Fachzeitschriften können diese Qualifikation am besten belegen.“

An dieses Zitat von Isabel Schnabel zum Kandidaten der Gewerkschaften für den Sachverständigenrat musste ich denken, als ich die Wiwo-Story über die unheimliche Macht der Journals las. Es ging damals um den von mir sehr geschätzten Ökonomen Achim Truger.

Wie die Auswahl dieser so genannten Top-Journals abläuft, sollte kritisch hinterfragt werden. Das Zählen solcher Zeitschriften und die damit verbundenen Zitationsfaktoren führen zu einer merkwürdigen Kandidaten-Monotonie bei Berufungsverfahren, schrieb ich in einer Replik in Richtung von Frau Schnabel.

In der Wirtschaftswoche wurde die Dominanz der fünf führenden Fachzeitschriften trefflich hinterfragt. Was die US-Magazine betreiben, bedrohe die Themenvielfalt und begünstige Vetternwirtschaft. Letztlich sind es die Herausgeber, die am Ende des Auswahlverfahrens darüber entscheiden, ob ein Beitrag gebracht wird oder nicht. „Der amerikanische Nobelpreisträger James Heckman, selbst Mitherausgeber des ‚Journals of Political Economy, warnt vor einer ‚Tyrannei der Top Fünf‘, die zu stromlinienförmiger Forschung und strategischem Publizieren‘ führe könne“, berichtete die Wiwo.

Man könnte auch vom Arschkriecher-Syndrom sprechen, denn wer eine Karriere im Wissenschaftsbetrieb anstrebt, wird an den Publikationen in den Spitzen-Journals gemessen. Dagegen regt sich zunehmend Widerstand: „Wir wollen versuchen, die Kräfte dafür zu stärken innerhalb und außerhalb der Universitäten, die daran arbeiten, dass Wirtschaftswissenschaften nicht hauptsächlich selbstbezüglich in Journalaufsätzen versacken, sondern dass sie dazu beitragen, ökonomische und gesellschaftliche Probleme zu lösen – anders als das bisher der Fall ist“, so Professor Reinhard Pfriem. In unserer Utopie-Reihe #KönigVonDeutschland haben wir Pfriem zu diesem Thema befragt:

GUNNAR SOHN: Aber es war doch so, dass kurz nach der Finanzkrise 2007 die Zerknirschung noch groß war. Ich erinnere mich an eine Jahrestagung des Handelsblatts unter dem Titel „Ökonomie neu denken”. Damals waren alle bereit zu sagen: Wir müssen uns vom Ideal des homo oeconomicus verabschieden. Wir müssen andere Wege gehen. Es muss eine normative Diskussion geben – also: Wir können nicht so weitermachen wie bisher. Ich habe den Eindruck, bei den Folgeveranstaltungen von „Ökonomie neu denken” ist davon nicht viel übrig geblieben.

REINHARD PFRIEM: Das ist richtig. Im Mainstream von Ökonomik, im Mainstream von Betriebswirtschaftslehre und Volkswirtschaftslehre, ist davon nicht sehr viel übrig geblieben. Aber die ökonomischen und gesellschaftlichen Krisen sind ja nicht vom Tisch. Insofern ist die Frage, wie weit wir es nicht mit einer Konstellation zu tun haben, die der Sozialforscher Wolfgang Streeck auf den Nenner, und auch den Titel, „Gekaufte Zeit” gebracht hat. Die wesentlichen Probleme sind eher aufgeschoben als aufgehoben. Und insofern haben wir bei allen Schwierigkeiten die Hoffnung ja noch nicht aufgegeben, dass es, aus der Krisensituation heraus, tatsächlich doch auch möglich ist, neue Lösungen zu entwickeln und neue Wege zu gehen.

Im Gespräch mit Uwe Schneidewind in seiner Zeit als Präsident des Wuppertalinstituts spielte diese Thematik auch eine Rolle:

LUTZ BECKER: Richard David Precht hat mal von Inseln des Wissens in einem Meer des Unwissens, das wir erschließen müssen, gesprochen. Ich glaube, dass ist das, was in der Ökonomie zu kurz gekommen ist. Also die Bits und Pieces auch wirklich zu verknüpfen. Wenn wir uns heute spiel- theoretische Modelle anschauen, dann sind das ja immer noch Sandkastenspiele, die eben nicht zwingend mit der Realität verknüpft sind, deren Aussagekraft aber irgendwann mal an der Realität gemessen werden muss. Das macht ja unser Leben als Ökonomen nicht gerade leichter.

UWE SCHNEIDEWIND: Es ist ein schönes Bild diese Inseln des Wissens, weil jede Form von Wissenschaft, jede Disziplin solche Inseln des Wissens erzeugt. Das Wichtige ist meines Erachtens in der akademischen Sozialisation immer wieder anzuerkennen, dass man die durch Beschränkung gewonnene Form der Tiefbohrung, die durch die eigene Disziplin möglich ist, systematisch immer wieder anders ausblenden muss. Man muss sich immer wieder bewusst sein, was da ausgeblendet wird und welche andere Disziplin gerade solche Aspekte sehr viel intensiver beleuchtet. Gerade wenn wir in sehr komplexe reale weltliche Problemlagen hineinkommen, dann braucht es insbesondere diese Haltung des gegenseitigen Respekts. Sich dann zu freuen, dass der Soziologe noch aus einem ganz anderen Blick darauf schaut, dass der Philosoph und Theologe Aspekte beleuchtet, die wir im Zusammenspiel eigentlich benötigen, um Orientierung in solchen Situationen zu verschaffen.

Gerade im deutschen akademischen System gibt es eine ganz eigentümliche Hierarchisierung. Auch innerhalb der ökonomischen Disziplin ist das ja ganz deutlich zu beobachten: Wenn man rechnen kann, wenn man gut Mathematik kann, ist das die intellektuell höhere Form. Da wird hinab geschaut auf diejenigen, die nur mit Worten argumentieren. Und wer das ganz komplexe mathematische Modell kann, ist besser als derjenige, der vielleicht eine etwas einfachere Form von ökonometrischer Studie macht. Da verbaut dieses Hierarchisierte, das sich annähern an andere Wissens- bestände an genau die notwendige Vielfalt, die es braucht. Denn eigentlich kann nur durch eine gute und intelligente Vernetzung der Inseln dann auch Orientierung in modernen Gesellschaften passieren.

GUNNAR SOHN: Aber selbst mathematisch begabten Professoren wie Carmen Reinhart und Kenneth S. Rogoff misslingt die Beherrschung von Excel und die kommen dann zu Schlussfolgerungen, beispielsweise einer Staatsverschuldung, die ziemlich verheerend sind. Immer wenn man die ganze Griechenland-Debatte und Euro-Debatte hört, wird man mit den 90 Prozent konfrontiert und ein Studierender in Amerika hat nachgewiesen, dass die beiden nicht mit Excel rechnen können und gnadenlos viele Fehler gemacht haben. Und wir werden aber immer noch aus der Politik damit konfrontiert. Also so präzise ist dann die Mathematik dann doch nicht – oder besser ausgedrückt: die Mathematik schon, aber die Anwendung von Excel dann nicht.

UWE SCHNEIDEWIND: Das sind jetzt Punkte, wo man sagen muss, dass ein klassisches, nach guten Qualitätskriterien organisiertes System das auch ausschließen müsste. Es ist schon bedenklich, dass das im Hinblick auf die Qualitätssicherung der Datengrundlagen auch bei hoch angesehenen Forschern passieren kann. Es macht einfach deutlich, wie wichtig es ist, dass diese Qualitätssicherungs-Mechanismen und die Transparenz der Datengrundlagen gerade bei einer Wissenschaft, die ganz intensiv in gesellschaftliche, ökonomische und politische Realität hineinwirkt, gegeben sein müssen. Da sind die Naturwissenschaften in den letzten Jahren auch zum Teil sehr aufgeschreckt worden, weil durch die ganz eigenen Karriereanreize und den hohen Druck, in einer ganz bestimmten Form seine wissenschaftliche Exzellenz nachzuweisen, natürlich auch der Druck größer geworden ist, zum Teil sogar Datengrundlagen ganz bewusst zu manipulieren. Aber das liegt wirklich nochmal auf einer zweiten Ebene, wo wir auch Qualitätssicherung brauchen. Das, wo das, was ich dann auch an Kritik geäußert habe, ansetzt, hat viel mehr mit einer Enge, mit einer Hierarchisierung, mit einer Hegemonialisierung, einer bestimmten Form von Insel gegenüber anderen Inseln, zu tun. Diejenigen, die für eine plurale Ökonomik plädieren, wollen genau das aufbrechen.

Das Ganze spricht doch für eine #LangeNachtDerUtopienInDerÖkonomik – Lust und Zeit?

Hier kann man übrigens den Utopie-Band erwerben.

Zum Inhalt:

Über den Autor

gsohn
Diplom-Volkswirt, Wirtschaftsblogger, Livestreamer, Moderator, Kolumnist und Wanderer zwischen den Welten.

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