
Auf Facebook und Co. schießen wieder Meldungen hoch, die sich an der Altkanzlerin Angela Merkel abarbeiten. Diesmal geht es um das Porträt. Man kann es zu glatt finden, zu staatlich, zu sehr Kanzlergalerie. Man kann auch der Meinung sein, dass 16 Jahre Kanzlerschaft in Deutschland anders erinnert werden müssten. Aber eine Deutung sollte wenigstens am Bild bleiben.
Aus dem blauen Blazer eine monarchische Selbstinszenierung zu machen, ist eine Überdehnung. Merkel steht dort nicht mit Krone, Zepter, Hermelin oder Siegerpose. Sie steht im Blazer, ohne Raute, neben Papieren und einem kleinen silbernen Würfel. Das ist kein Hofstaat. Das ist Kanzleramt.
Gerade die unscheinbaren Gegenstände erzählen mehr als die große Geste, die manche hineinlesen wollen. Auf dem Tisch liegen Papiere, darunter eine gelbliche Umlaufmappe. Das passt zu einem Machtverständnis, das über Akten, Abstimmungen, Ressortlogik, Vorlagen und endlose Verfahren lief. Wer Merkel kritisieren will, findet hier genug Stoff: Papierzeitalter, Verlangsamung, Verwaltungskunst, Kontrolle durch Kenntnis der Vorgänge. Man muss dafür keine Königin erfinden.
Auch der Würfel ist kein Hellraiser-Cube aus der politischen Dämonologie. Er war ein Geschenk von Kai Diekmann zu Merkels Amtsantritt und lag lange auf ihrem Schreibtisch. Auf seinen sechs Seiten steht: In. Der. Ruhe. Liegt. Die. Kraft. Man kann darüber spotten. Man kann darin auch die Signatur einer Kanzlerschaft sehen, die oft auf Abwarten, Sortieren, Verzögern, Prüfen und dann erst Entscheiden setzte. Das ist diskutabel. Aber es ist etwas anderes als die Pose einer Monarchin, die huldvoll auf ihr Volk blickt.
Interessant ist eher, dass Merkel die Raute vermeidet. Sie hätte das leicht als Markenzeichen setzen können. Sie tut es nicht. Damit entzieht sie dem Bild gerade jenen ikonischen Wiedererkennungstrick, den politische Kommunikation sonst liebt. Keine Wahlkampfchiffre, keine Selbstkarikatur, kein Meme für die Nachwelt.
Das Blau wiederum ist nicht automatisch royales Blau. In diesem Bild arbeitet es als staatliche Farbe: sichtbar, fest, distanziert, geeignet für ein Porträt, das irgendwann zwischen Adenauer, Brandt, Schmidt, Kohl und Schröder hängen soll. Natürlich ist das kalkuliert. Offizielle Porträts sind immer kalkuliert. Die Frage ist nur, welche Kalkulation man erkennt. Hier sehe ich keine Verklärung zur Landesmutter auf dem Thron. Ich sehe den Versuch, eine Regierungszeit in Zeichen zu übersetzen: Akten, Amtsroutine, Krisen, Müdigkeit, Selbstkontrolle, ein Rest Schalk im Blick.
Dass Merkel einen jungen, noch nicht etablierten Künstler gewählt hat, spricht ebenfalls gegen die Erwartung einer klassischen Machtdemonstration. Jérémie Queyras musste sie kennenlernen, bevor er sie malen konnte. Genau daraus entstand ein Bild, das nicht brüllt. Es legt Spuren aus. Wer nur Monarchie darin erkennt, sieht weniger das Porträt als die eigene Merkel-Erzählung.
Man darf Merkel politisch hart kritisieren. Eurokrise, Flüchtlingspolitik, Russland, Energie, Bundeswehr, Digitalisierung, alles gehört auf den Tisch. Aber Kunstkritik wird nicht besser, wenn jeder Blazer zum Krönungsmantel und jeder Schreibtischgegenstand zum geheimen Herrschaftssymbol erklärt wird. Manchmal ist ein Würfel ein Würfel. Und manchmal steht darauf ziemlich genau, wie jemand regiert hat.