Der neue Chef als Erwartungsstörung – Zur schwierigen Kanzlerschaft von Friedrich Merz @Bundeskanzler

Bielefeld existiert. Der Zug hält dort, kurz genug für einen Blick aus dem Fenster, lang genug für den Verdacht, dass Deutschland politisch wieder an einem Bahnsteig steht. Ein Anschluss wird angekündigt. Ein anderer fällt aus. Auf dem Gleis gegenüber bewegt sich etwas, das nach Aufbruch aussieht und nach Fahrplan riecht. So begann damals mein Text über Olaf Scholz, Friedrich Merz und Niklas Luhmann. Der eine sollte gehen, der andere kommen. Viele hofften auf eine neue Figur. Luhmann hätte vermutlich erst gefragt, ob die Figur den Dienstweg kennt.

Am 6. Mai 2025 wurde Friedrich Merz im Bundestag zum Bundeskanzler gewählt und vereidigt, nach einem zweiten Wahlgang mit 325 Stimmen. Die weiße Handschuh-Szene im Plenarsaal passte zur Lage: Verfassung, Ritual, Amtseid, Form. Alles hatte seine Ordnung. Sogar die Unordnung hatte eine Geschäftsgrundlage.

Der Fehlstart als Verwaltungslyrik

Merz kam mit dem Versprechen, das Kanzleramt wieder auf Entscheidung zu trimmen. Nach Scholz sollte der Satz kürzer, der Zugriff direkter, die Regierung sichtbarer werden. Der alte Vorwurf lautete: Scholz verwalte die Lage. Die neue Hoffnung lautete: Merz führt.

Luhmanns Humor beginnt dort, wo solche Hoffnungen feierlich werden. Für ihn ist der neue Chef kein Heilsereignis. Er ist ein Organisationsproblem mit Terminkalender. Eine Behörde, eine Abteilung, eine Regierung erhält einen neuen Vorgesetzten, und schon setzt ein leises Rauschen ein. Auf den Fluren wachsen Gerüchte, weil Erwartungen wackeln. Luhmann nennt das fast beiläufig eine Art Ersatzsicherheit. Wer etwas zu wissen glaubt, steigt im Rang der Wartenden. Wer wirklich etwas weiß, schweigt besser.

Der Kanzlerwechsel war daher nie der Wechsel von Stillstand zu Tat. Er war die Einsetzung einer Person in ein Amt, dessen Erwartungen längst vor ihm da waren. Merz betrat kein leeres Kanzleramt. Er betrat ein System aus Ressorts, Akten, Koalitionsarithmetik, Parteifreunden, Staatssekretären, Fraktionsdisziplin, Medienlogik, Brüsseler Terminen, Haushaltslöchern, Verfassungsgrenzen und der täglichen Hoffnung, dass ein Satz am Abend in der Tagesschau weniger Schaden anrichtet als am Morgen in der Fraktion.

Die informale Republik wartet ab

Luhmann unterscheidet die formale Ordnung von der informalen Ordnung. Formal ist alles einfach. Der Bundestag wählt. Der Bundespräsident ernennt. Der Kanzler schwört. Ministerien erhalten Zuschnitte. Zuständigkeiten wandern in Organigramme. Aktenzeichen lernen neue Unterschriften.

Informal beginnt danach die eigentliche Arbeit. Wer hat Zugang? Wer darf widersprechen? Wer übersetzt den Chef? Wer glättet seine Sätze? Wer kennt seine Reizwörter? Wer verhindert, dass ein Ressort aus Versehen Politik macht? Wer bringt dem neuen Chef bei, dass Ministerien nie schlafen, weil Schlaf als Vorgang noch keiner Federführung zugeordnet wurde?

Bei Luhmann dienen formale Erwartungen als „semantisches Bollwerk“. Man kann sich dahinter verschanzen. Man kann Situationen abkühlen, Vertraulichkeit dämpfen, Gegner korrekt behandeln und Feindschaft aktenfähig machen. Das klingt nach Kanzleramt, nach Koalitionsausschuss, nach jenem politischen Deutsch, in dem jeder Satz eine Brandschutztür besitzt.

Merz wollte dieses Bollwerk vermutlich überspringen. Er wollte als Mann der klaren Entscheidung auftreten. Nur hat das System eine Gegenfrage: Welche Entscheidung? In welchem Ressort? Mit welchem Geld? Nach welchem Verfahren? Gegen welche Koalitionslinie? Mit welcher Bundesratsmehrheit? Bis wann? Wer zeichnet mit?

An dieser Stelle stirbt der Macher. Zurück bleibt ein Vorsitzender des Koordinationsbedarfs.

Der Kanzler lernt seine Rolle, die Rolle lernt ihn

Luhmann beschreibt den neuen Chef als Fremden. Das trifft Merz auf besondere Weise. Er kam aus der langen Opposition, aus der Partei, aus Talkshows, aus Reden, aus der Erwartung einer Rückkehr der alten Bundesrepublik in Maßanzug und mit PowerPoint. Doch Regierung ist kein CDU-Parteitag mit Ressortverantwortung. Regierung ist eine Organisation, die den Neuen prüft, während sie ihm Beifall spendet.

Die Umgebung erwartet Zeichen. Ein Satz, ein Blick, eine Personalie, ein Anruf, eine Sitzordnung. Jeder kleine Fehler wird größer, weil die Organisation nach stabilen Erwartungen sucht. Wer Luhmann liest, versteht den ersten Amtsmonat eines Kanzlers als Sozialexperiment im Konferenzsaal. Niemand fragt offen, ob der Neue die informale Karte des Hauses lesen kann. Alle handeln so, als läge sie ihm bereits vor.

Merz lernte schnell, dass Autorität im Amt kein Besitz ist. Sie muss durch Erwartungen wandern. Sie muss Fraktionen erreichen, Ressorts binden, Medien überstehen, Länder beruhigen, Verbände beschäftigen und Parteifreunde vom frühen Nachruf abhalten. Macht besteht in der Fähigkeit, Alternativen so zu ordnen, dass andere die gewünschte Alternative wählen. Eine Kanzlerstimme allein ordnet wenig, sobald die anderen im System ihre eigenen Anschlussmöglichkeiten rechnen.

Der Sympathieverlust als Systemantwort

Ein Jahr später sieht die Bilanz hässlich aus. Forsa meldete im Mai 2026 nur noch 13 Prozent Zufriedenheit mit der Arbeit von Bundeskanzler Merz; 85 Prozent waren unzufrieden. Mit der Bundesregierung insgesamt zeigten sich in jener Erhebung elf Prozent zufrieden.

Der ARD-DeutschlandTrend verschärfte das Bild im Juni 2026: Nur noch zwölf Prozent waren mit der Arbeit der Bundesregierung zufrieden. Die AfD lag in der Sonntagsfrage mit 27 Prozent vor der Union, die auf 23 Prozent fiel.

Man könnte nun sagen: Merz kann es auch nicht besser. Das wäre politisch bequem und soziologisch zu wenig. Luhmann würde die Person nicht freisprechen, doch er würde sie kleiner machen. Viele Enttäuschungen haften an Personen, weil die Öffentlichkeit Personen braucht. Systeme haben kein Gesicht. Sie geben keine Talkshow-Antworten. Sie stehen selten an Wahlkampfständen. Also bekommt der Kanzler die Rechnung.

Merz eignet sich für diese Rechnung besonders gut. Er hat den Gestus des persönlichen Durchgriffs gepflegt. Wer den Eindruck erzeugt, er könne den Knoten lösen, wird an jedem Faden gemessen. Der Faden reißt dann gern an Stellen, die der Kanzler gar nicht in der Hand hält. Das Publikum sieht trotzdem seine Finger.

Scholz gewinnt als Erinnerung

Noch eine Luhmann-Volte: Vorgänger werden nachträglich brauchbar. Sobald der neue Chef enttäuscht, steigt der alte Chef im Erinnerungswert. Olaf Scholz, einst Inbegriff des bleiernen Regierungssatzes, erscheint plötzlich als Mann, der wenigstens die Geräuschkulisse niedrig hielt. Seine Schwäche verwandelt sich rückwirkend in Stil. Sein Schweigen bekommt im Rückblick den Charme einer Schadensbegrenzung.

Luhmann nennt solche nachträglichen Aufwertungen im Organisationszusammenhang einen Rebecca-Mythos, mit Verweis auf Alvin W. Gouldner und Daphne du Mauriers Roman „Rebecca“. Dort ist die verstorbene erste Frau des Hausherrn abwesend und beherrscht doch das Haus. Alle vergleichen die Nachfolgerin mit ihr. Die Tote wächst durch Entfernung. Genau so arbeitet die Erinnerung in Organisationen. Der alte Chef wird im Kontrast zum neuen Chef neu erfunden. Früher störte Scholz’ Abwesenheit. Heute fehlt seine Geräuscharmut. Früher galt sein Schweigen als Problem. Heute wirkt es wie Emissionsschutz.

Das ist ungerecht, aber funktional. Die Organisation braucht Vergleichsfiguren. Die Öffentlichkeit auch. Scholz dient nun als Messlatte für Enttäuschung. Merz hatte versprochen, diese Latte zu überspringen. Nun liegt er daneben und erklärt, der Boden sei schwierig.

Das Amt lacht zuletzt

Der trockene Witz dieser Lage liegt in der Form. Deutschland wechselte den Kanzler, damit Regierung wieder wie Führung aussieht. Danach zeigte die Regierung, dass Führung zuerst Verwaltung von Erwartung ist. Reformen brauchen Mehrheiten. Mehrheiten brauchen Koalitionsfrieden. Koalitionsfrieden braucht Vertagung. Vertagung braucht Sprachregelung. Sprachregelung braucht Sitzung. Sitzung braucht Vorlage. Vorlage braucht Abstimmung. Abstimmung braucht erneute Sitzung.

So entsteht politische Bewegung im Bundesformat: viel Papier, wenig Richtung, hohe Geräuschentwicklung.

Luhmann hätte daran keine moralische Empörung verschwendet. Er hätte registriert, dass moderne Politik ihre Stabilität aus Enttäuschungsmanagement gewinnt. Wahlen versprechen Wechsel. Organisationen verarbeiten Wechsel. Medien personalisieren Wechsel. Bürger bewerten Wechsel. Am Ende steht wieder eine Erwartung, die auf ihren nächsten Enttäuschungstermin wartet.

Ich hatte es geahnt

Damals, im November 2024, klang die Warnung vielleicht zu skeptisch. Heute wirkt sie fast höflich. Friedrich Merz kam als neuer Chef. Das System empfing ihn wie Systeme neue Chefs empfangen: mit formaler Korrektheit, informaler Vorsicht, kleinen Prüfungen, großen Erwartungen und bald wachsender Enttäuschung.

Der Zug hält wieder in Bielefeld. Auf der Anzeige steht Berlin. Im Abteil spricht jemand von Führung. Ein anderer sucht den Anschluss. Draußen steht eine Stadt, die existiert. Drinnen sitzt eine Republik, die den nächsten Chefwechsel schon als Möglichkeit mitführt. Luhmann hätte wahrscheinlich aus dem Fenster geschaut und gefragt, ob die Verspätung personalpolitisch zurechenbar sei.

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