
Ein Abend in drei Sprachen
Begrüßt wurde die Autorin kurz und herzlich. Danach gehörte der Raum dem Wechsel der Sprachen. Stella Gaitano las auf Arabisch. Josefine Horz und Wanda Wittig führten durch das Gespräch, übersetzten die englischen Antworten, ließen die deutsche Fassung von Larissa Bender hörbar werden. Arabisch, Englisch, Deutsch: Der Abend bewegte sich über drei Ufer. Kein Satz kam ganz ohne Übergang an. Das passte zu einem Roman, der von Flucht, Übersetzung, Entwurzelung und der schwierigen Rückkehr der Wörter zu den Körpern handelt.
Gaitano bat das Publikum, auch dann zu hören, wenn es das Arabische nicht verstand. Das war keine pädagogische Geste. Es war eine kleine Zumessung von Vertrauen. Man sollte Klang hören, Atem, Wiederholung, Rauheit, Rhythmus. Eine Sprache, die einem fremd bleibt, kann dennoch etwas mitteilen. Man hört, wie ein Satz geht, wie er sich dreht, wie er fällt. Erst danach kam die deutsche Übersetzung. Sie erklärte den Sinn. Der Klang hatte bereits eine andere Arbeit getan.
Mutterschaft ohne Heiligenschein
„Eddos goldenes Lächeln“ beginnt mit Mutterschaft. Doch diese Mutterschaft trägt keinen Heiligenschein. Sie riecht nach Milch, Schweiß, Erde, Krankheit, Tod. Mama Lucy ist das einzige überlebende Kind ihrer Mutter. Zehn Geschwister sterben vor dem ersten Geburtstag. Die Toten liegen noch warm in den Gräbern. Aus solcher Nähe zum Tod entsteht bei Gaitano kein larmoyanter Ton. Sie schreibt eine Welt, in der Leben an Materie hängt: Milch, Haut, Atem, Geruch.
Eine der gelesenen Szenen zeigte Lucy, die überschüssige Muttermilch an einen Baum gibt. Ein Mann aus der Stadt empfindet Ekel. Ihn stört der Geruch. Er will Reinlichkeit, Abstand, eine Ordnung, in der der weibliche Körper aus dem Haus verschwindet. Lucy erklärt den Baum zum Empfänger der Milch. Der Baum wächst. Er wirft Schatten. Seine Blätter verdecken die Sonne. Der Mann sieht den Baum plötzlich, als habe er ihn bis dahin übersehen.
Diese Szene wirkt wie ein Märchen. Sie ist zugleich eine Korrektur des städtischen Blicks. Der Mann sieht Überschuss, Lucy sieht Nahrung. Er erkennt Störung, sie erkennt Kreislauf. Er möchte die Milch in die Toilette verbannen, sie gibt sie der Erde. Der Roman gewinnt seine Genauigkeit aus solchen Verschiebungen. Er erklärt Frauenkörper keiner Theorie. Er zeigt, wie Gesellschaften Frauen auf Mutterschaft festlegen, wie sie aus dieser Rolle Wert, Unwert, Scham, Macht und Abhängigkeit formen.
Lucy besitzt keine Bildungssprache der Stadt. Ihr Denken kommt aus einem Dorf, aus einer Welt der sichtbaren Dinge. Gerade darin liegt ihre Würde. Sie sieht, was andere verachten. Sie erkennt Verbindungen, die der gebildete Blick aus Scham, Ekel oder Überlegenheit abschneidet.
Der Mann bewacht seine eigene Maske
Später trat eine andere Frauenfigur hervor, aus dem nordsudanesischen, arabisch geprägten Milieu, gebildet, mit Simone de Beauvoir vertraut. Sie spricht über Ehe, Sexualität, Beschneidung, Wahlfreiheit. Ihre Sätze zerlegen den häuslichen Frieden als Herrschaftsvertrag. Der Mann darf Erfahrungen sammeln, Fehler machen, zurückkehren. Von der Frau erwartet man Reinheit, Kinder, Dienstbarkeit, eine Biographie ohne Vorgeschichte.
Gaitano führte an diesem Punkt die Gewalt gegen Frauen aus dem Schatten der Sitte heraus. Weibliche Genitalverstümmelung erschien in ihrer Brutalität. Die Autorin beließ es aber bei keiner Anklageformel. Sie zeigte, wie eine Gesellschaft solche Gewalt als Schutz deutet. Viele Mütter glauben, sie bewahrten ihre Töchter. Darin liegt die Härte der Tradition. Ein Gesetz lässt sich ändern. Ein Brauch lebt in Familien, Angst, Scham, Gerede und in der Sorge um die Heiratsfähigkeit der Mädchen.
Der Roman verfolgt die Gewalt bis in die Männer hinein. Peter, eine der männlichen Figuren, sieht als Junge die verstümmelten Körper seiner Schwestern und kann ihnen nicht helfen. Er lernt zugleich, Gefühle zu verbergen. Jungen weinen nicht, heißt es in dieser Welt, und die Beleidigung für einen weinenden Mann lautet: Frau. Das beschädigt Frauen direkt und Männer mittelbar. Die Herrschaft erzeugt Gefangene auf beiden Seiten. Der Mann bewacht eine Maske, die ihm selbst die Luft nimmt.
Der Stock im Zimmer
Die härteste Szene des Abends galt Martha Isai. Ihr Mann schlägt sie seit Jahren. Die Nachbarn kennen ihr Schreien. Ihr Körper trägt Narben, gebrochene Knochen, blaue Flecken. Sie erträgt die Gewalt, weil sie keine Kinder bekommt und sich schuldig fühlt. Eddo besucht sie, sieht Blut, Rippen, den Stock. Dann kippt die Ordnung.
Eddo hält keine Rede. Sie rückt die Verhältnisse zurecht, indem sie Martha an ihren Körper erinnert. Der Mann ist klein, die Frau groß. Der Stock liegt bereit. Die Scham gehört dem Täter. Martha nimmt den Stock. Als der Mann wieder tritt, steht sie auf. Was folgt, ist keine gereinigte Befreiungsszene. Es ist ein Ausbruch. Martha schlägt zurück, zerrt ihn hinaus, setzt sich auf ihn, warnt die Umstehenden. Ihre Frage an die Nachbarn trifft härter als der Stock: Sie kamen nie, als er sie schlug. Nun eilen sie herbei, um ihn zu retten.
Die Szene beruhigt den Leser an keiner Stelle. Sie zeigt Gewalt gegen Gewalt. Sie zeigt auch, wie lange eine Gemeinschaft zuschaut, solange die Gewalt der üblichen Richtung folgt. Erst als die Frau handelt, entsteht Aufregung. Eddos Lächeln blitzt in solchen Augenblicken auf. Kein mildes Lächeln. Ein Zeichen der List, der Energie, der Erlaubnis zum Bruch.
Ein Land aus Stimmen und Wunden
Gaitano sprach über Sudan, über Norden und Süden, Stadt und Dorf, Islam, Christentum, afrikanische Religionen, arabische Macht, koloniale Linien, Bürgerkrieg. Der Roman verwandelt diese Geschichte in Familienbeziehungen. Menschen ziehen vom Süden in den Norden, aus Dörfern nach Khartum, vor Krieg und Hunger in die Stadt. Sie tragen ihre Sprachen, Bräuche, Ängste mit. Der Ort ändert sich, die alten Muster reisen mit.
Gaitano selbst wuchs in Khartum auf. Den Süden lernte sie durch Menschen kennen, die vor Gewalt in die Stadt kamen, durch Familiengeschichten, durch Erzählungen, durch Erinnerung. Der Süden kam zu ihr. So formulierte sie ihren Zugang. Das erklärt die Eigenart des Romans. Er blickt weder ethnographisch von außen noch sentimental von innen. Er setzt Stimmen nebeneinander, lässt sie einander widersprechen, lässt sie irren.
In der Stadt verändert sich auch das Erzählen. Der Anfang kommt aus einer übergreifenden Stimme, passend zum Dorf, in dem alle einander kennen und Lucy von vielen Frauen aufgezogen wird. Dann zersplittert die Perspektive. Die Stadt erzeugt einzelne Stimmen. Jeder Mensch sieht anders, erinnert anders, fürchtet anders. Lucy bleibt zwischen diesen Formen. Sie sieht die Stadt mit Dorfaugen. Ein Glas, ein Raum, ein Geruch: Alles muss sich an dem messen, was sie kennt.
Dieser Wechsel der Erzählform ist kein Kunststück zum Vorzeigen. Er gehört zur Erfahrung der Vertreibung. Wer ankommt, verliert den Schutz des gemeinsamen Erzählens. Die Stadt gibt Bildung, Begegnungen, Auswege. Sie verlangt Vereinzelung. Gaitano macht aus Form eine soziale Diagnose.
Übersetzen heißt zurückfragen
Der Abend wurde besonders eindringlich, als Gaitano über Übersetzung sprach. Der Roman ist auf Arabisch geschrieben. Manche Figuren denken aber in Otuho, der Sprache ihrer Herkunft. Gaitano übersetzte beim Schreiben bereits aus einer inneren Sprache ins Arabische. Danach kamen Englisch und Deutsch. Eine Übersetzung begann also lange vor der ersten fremdsprachigen Ausgabe.
Die Übersetzenden stellten Fragen. Sie wollten wissen, wie etwas aussieht, klingt, gemeint ist. Gaitano schickte Fotos, zeichnete, erklärte in Videogesprächen. Eine Wendung aus dem Dorf, ein Lied, ein Bild für Trauer, ein Spottwort, eine Geste: Nichts davon wandert ohne Reibung. Reibung erzeugt Präzision. Die Autorin las durch die aufkommenden Fragen ihr eigenes Buch neu. Was beim Schreiben aus der Tiefe kam, trat ihr nun als Form entgegen.
Darin liegt ein seltener Vorgang. Im Sudan lesen viele den Roman als Teil ihrer Geschichte. Sie prüfen Figuren, Ereignisse, politische Wahrheit. Das ist verständlich. Wer im Stoff lebt, fragt zuerst nach dem Zeugnis. Ein Publikum in anderer Entfernung hört zusätzlich Klang, Struktur, Rhythmus, Gerüche, Perspektiven. Die Übersetzung gibt dem Roman damit eine zweite Lesbarkeit. Sie macht sichtbar, was im Nahblick der Geschichte leicht verschwindet.
Auch der Titel veränderte sich. Im Arabischen führt er zu Eddos Seelen. Die deutsche Fassung wählt das goldene Lächeln. Gaitano nahm diese Verwandlung gelassen auf. Ein übersetztes Buch bekommt ein neues Leben, einen neuen Klang. Der Goldzahn, der im Roman aufblitzt, sobald Eddo Frauen zur Gegenwehr ermuntert, trägt diese Verwandlung. Er ist Spur der Toten und Signal an die Lebenden.
Frauen in der ersten Reihe

Eine Zuhörerin erzählte von ihrem eigenen Sudanbild. Sie sei einst mit europäischer Erwartung nach Khartum gereist und habe Frauen in der zweiten Reihe vermutet. Gefunden habe sie Frauen in Familien, Universitäten, Traditionen, Religionen, Kunstwünschen, Widerständen. Frauen, die Beschneidung verteidigen. Frauen, die studieren. Frauen, die singen, schreiben, gestalten wollen. Jede suche ihren eigenen Weg durch eine Rolle, die enger sei, als sie von außen wirkt.
Gaitano antwortete mit Vorsicht und Zuversicht. In den Städten habe sich viel verändert. Frauen studieren, arbeiten, organisieren sich. Bewegungen gegen Genitalverstümmelung haben den Begriff der Unversehrtheit in Familien getragen. Neue Gesetze existieren. Der Wandel bleibt brüchig. In Dörfern, in armen Gegenden, unter Kriegsbedingungen, in zerrissener Zivilgesellschaft wirken alte Normen fort. Manches geschieht heimlich, gerade weil es offiziell geächtet ist. Heimlichkeit schützt den Brauch und gefährdet die Mädchen noch stärker.
Diese Antwort passte zum Roman. Gaitano kennt keine bequeme Emanzipationsgeschichte. Ihre Frauen retten sich, irren, begehren, versagen, trauern, gebären, verweigern sich, schlagen zurück. Sie sind keine Allegorien. Eddo, Lucy, Martha, Dschalaa, Hayat, Mama Fauziya: Jede trägt eine andere Möglichkeit von Freiheit. Keine Figur deckt die andere zu. Der Sudan erscheint durch sie als verletztes Land, dessen Zukunft eher an Frauen hängt als an den bewaffneten Männern, die überall Geschichte machen wollen und meist Verwüstung hinterlassen.
Am Ende kehrt man zu Eddos Lächeln zurück. Es ist ein goldener Rest im Mund einer Toten, die weiter durch die Lebenden spricht. Vielleicht braucht ein Roman über Krieg, Flucht und Frauen keinen Trost. Gaitanos Buch gibt etwas anderes: eine Schule der Wahrnehmung. Man lernt, auf Milch zu achten, auf Gerüche, auf Narben, auf Lieder, auf das Zittern in einer Stimme, auf einen Stock in der Ecke. Befreiung tritt in dieser Literatur selten rein auf. Sie kommt mit Staub an den Füßen, Blut an den Händen, Trauer im Körper. Und manchmal mit einem Lächeln, das den Männern Angst macht.