Über das Wesen der Zeitung: Eine Utopie

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Der IT-Unternehmer Jörg Friedrich hat sich für die Zeitung in Printform ins Zeug gelegt. Am Wochenende in einem Gastbeitrag für die FAZ und in seiner The European-Kolumne. Sehr löblich, würde er nicht ein Ideal kommunizieren, dass es so schon Ewigkeiten nicht mehr gibt und vielleicht in seiner Reinform nie gab. Die Krise der Zeitung beruhe darauf, dass das Internet das Medium Papier überflüssig mache. Aber wer Zeitung mit Printmedium gleichsetzt, habe das Wesen der Zeitung nicht verstanden, meint Friedrich:

„Viele Menschen, die eine Zeitung lesen wollen, tun dies zu einem bestimmten Zeitpunkt im Tagesablauf, und zu diesem wünschen sie sich das Paket der Informationen, Hintergrundanalysen und Kommentare. Durch den Verzicht auf zeitintensive Produktions- und Verteilungsprozesse einer Papier-Zeitung gewinnt die Zeitung in Zukunft zwar Zeit, so dass der Zeitpunkt des Redaktionsschlusses mit dem des Erscheinens dichter zusammenrücken kann, aber das Besondere der Zeitung wird immer eben dieser Redaktionsschluss sein und die Tatsache, dass er für das ganze Paket gilt, der – wie effektiv auch immer die Produktion einer Online-Zeitung einmal sein wird – einen gewissen Abstand zum Erscheinen der Zeitungsausgabe haben wird, ein Zeitraum, der Abstand schafft zwischen Ereignis und Bericht“, so Friedrich in der FAZ.

Das eigentliche Produkt einer Zeitungsredaktion sei die Ausgabe, die regelmäßig erscheint.

„Regelmäßig heißt, dass der Erscheinungstermin einer Regel folgt, auf welche die Leser sich mit ihrem Lebensrhythmus einstellen können, und dass der Produktionsprozess selbst, der im Erscheinen der Ausgabe mündet, bestimmten Regeln unterworfen ist. Dadurch werden die Qualität und die Individualität jeder Zeitung sichergestellt. Und das macht ihren eigenständigen Wert überhaupt nur möglich“, führt Friedrich weiter aus.

Wie wertet der Autor Zeitungen, die schon seit Jahren und auch vor der Popularisierung des Internets die abgestandene Nachrichtenbrühe der Tagesschau vom Vorabend servieren? Und Redaktionen für den Politik- und Wirtschaftsteil, die sich mit Agenturmeldungen über Wasser halten, die am Vortrag schon von morgens bis abends über Internet, Fernsehen und Radio runter genuldet wurden? Wie viele Artikel beruhen auf Primärquellen? Wie viele Nachrichten wurden von den Redaktionen recherchiert und nicht irgendwo kopiert? Mit Wirtschaftsbloggern war ich mir einig, dass es keinen großen Aufwand macht, Meldungen über Wirtschaftswachstum oder Eurokrise über die jeweiligen Primärquellen zu bekommen. Da muss man sich nur etwas von seiner eigenen Bequemlichkeit verabschieden und den direkten Draht zu Bundesbank, Statistischem Bundesamt, Instituten, Regierungsstellen und sonstigen Institutionen aufbauen.

Wie das Ideal einer Zeitung aussehen soll, hat WAZ-Verlagschef Bodo Hombach skizziert: Die klassischen Medien müssten Gelenkstelle zwischen allen Räumen des öffentlichen Lebens sein, Drehscheibe für Ideen, Arena, Forum, Nische und Nest, Rumpelkammer für Exkurse ins Fantastische, frech, präzise, zivil, Sendbote zwischen Ein- und Ausgeschlossenen, Dolmetscher zwischen oben und unten, Gestern und Morgen, Rand und Mitte, Vor- und Nachdenker, Instrument der Auseinandersetzung und des Zusammengehens, aktuell, flexibel, empfindsam und hart, mit Leidenschaft und Kühle, Katheter für sozialen Problemstau, Kompostecke für Kulturabfall, Schredder für Abgelegtes, Abgenutztes, Abgestandenes, Seismograf für feinste Beben auf der nach oben offenen “Richter-Skala” des Geistes, offen für jede Bitte, aber verschlossen für jeden Befehl.

Also all das, was man in der Blogosphäre schon wahrnehmen kann durch die Vielfalt, durch das kreative Chaos und der Inspiration der Basis. Kein Territorialverhalten, keine selektive Nachrichtenauslese, kein Auflagendruck, kein Bestreben nach dem absoluten Medienscoop.

Die klassischen Medien “jagen im Rudel”, so Hombach”.

“Kampagnenjournalismus muss nicht mehr organisiert werden. Es ergibt sich wie von selbst. Die Neidhammel umkreisen den Sündenbock.“

In vielen Blättern und Sendern werden Agenturberichte ungeprüft übernommen.

“Man hört und sieht und liest denselben Bericht. Das empfinden die meisten als Bestätigung. Mancher glaubt sogar dem selbst erfundenen Gerücht, wenn es zu ihm zurückkehrt.“

Was Zeitungen permanent als Aufmacher ins Blatt nehmen, ist eine bloße Erinnerung an den Fernsehabend zuvor. Nur noch halb so groß sollten die Tageszeitungen berichten über die Reden von Politikern und die Verlautbarungen von Parteien und Verbänden, forderte der große Journalistenausbilder schon vor einigen Jahren, als das Wort „Zeitungskrise“ noch gar nicht so richtig diskutiert wurde.

“Es gibt weder eine Journalistenpflicht noch ein heißes Leserinteresse, täglich groß gedruckt zu sehen, was da an Versprechungen und Verunglimpfungen abgelassen wird, an Retourkutschen, unseriösen Prognosen und durchschaubaren Lügen. Über politische Sprechblasen wahrheitsgemäß berichten heißt ja: In redlicher Absicht die Zeitung mit Schönfärbereien und Irreführungen füllen; je weniger sie davon druckt, desto höher steigt also ihr Wahrheitsgehalt”, erklärt Wolf Schneider.

Halbiert würde dabei auch die schiere Langeweile. Die Zeiten, in denen eine saturierte Abonnementszeitung durch journalistische Langeweile gar nicht ruiniert werden konnte, seien vorbei: “Omas Zeitung liegt im Sterben”. Wie gesagt, Wolf Schneider ist kein Nerd, sondern ein erfahrener Journalist, der das wohl ganz gut beurteilen kann, was in den Redaktionen abläuft. Mit Häme über den Niedergang des Zeitungsjournalismus hat das nichts zu tun – eher mit Trauer.

Selbst die FAZ kommt finanziell in eine Schieflage. Mit Google hat das übrigens nichts zu tun, wie turi2.de berichtet:

„Das Blatt fährt in diesem Jahr offenbar einen Verlust im zweistelligen Millionen-Bereich ein. Medien-Insider Kai-Heinrich Renner schreibt in seiner Abendblatt-Kolumne von 10 bis 20 Millionen Euro, die am Ende fehlen werden. Grund für den Verlust ist hauptsächlich der Einbruch im Stellenmarkt der FAZ, der für Umsatz und Gewinn des Blattes von immenser Bedeutung ist.

Plädieren jetzt die FAZ-Herausheber für ein Schutzgesetz, um bei Monster & Co. abzukassieren?

Angela Merkel und die Leerformeln der Politik – Medien sollten das Funktionärsgeschwätz ignorieren

„Wir haben ganz klar gesagt, wir müssen jetzt zeigen, 2011, 2012, 2013, 2014, die gesamte mittelfristige Finanzplanung muss überschaubar sein, und damit kommt Stabilität und Verlässlichkeit auch in diese Dinge hinein. Trotz aller schwieriger Entscheidungen sage ich: Dieses ist notwendig. Notwendig für die Zukunft unseres Landes. Auch wenn, das will ich ganz deutlich sagen, es ernste Stunden waren und ich es auch für eine durchaus ernste Situation für unser Land halte, aber ich bin optimistisch, dass wir das schaffen können, wenn wir das jetzt auch so umsetzen, und das ist uns in harter Arbeit gelungen.“ So oder ähnlich klingen die Leerformeln von Kanzlerin Angela Merkel zur Rechtfertigung der schwarz-gelben Sparbeschlüsse. Warum kommen Politiker mit ihrer Worthülsen-Rhetorik in jede Hauptnachrichtensendung und dominieren einen Tag später die Schlagzeilen fast aller Tageszeitungen in Deutschland? So schreibt Stefan Niggemeier in der FAZ (Die Sprache der Kanzlerin): „Tragisch ist es allerdings, wenn der interessierte Bürger nicht einmal mehr in den Journalisten Verbündete hat im Kampf gegen die erschütternde Sprachlosigkeit der Mächtigen. Nach der traurigen Präsentation von Wulff als Präsidentenkandidaten, die weniger als vier Minuten dauerte, an deren Ende die routiniert vorgetragenen Leerformeln schon wieder vergessen waren, zeigte sich die Hauptstadtbüroleiterin des ZDF sehr angetan. ‚Dieses war, wie es sein sollte‘, kommentierte Bettina Schausten direkt im Anschluss, ’nämlich eine würdige Präsentation. Alle haben dies kurz und knapp, aber durchaus mit Freude im Gesicht absolviert.‘ Als ‚würdig‘ müsste man demnach ungefähr jeden öffentlichen Auftritt bewerten, der ohne Einsatz von Furzkissen auskommt.“

Wer zwingt eigentlich die klassischen Medien dazu, die täglichen Phrasendreschereien von Politikern aufzugreifen? Beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk ist es sicherlich der Parteienproporz in den Aufsichtsgremien, der als Grund für Hofberichterstattung angeführt werden kann. Warum wird das Gleiche von Nachrichtenagenturen und Tageszeitungen praktiziert? Vielleicht wäre es ein probates Mittel für eine Printmedien-Frischzellenkur, die Reden von Politikern sowie die Verlautbarungen von Parteien und Verbänden zu ignorieren. „Über politische Sprechblasen wahrheitsgemäß berichten heißt ja: In redlicher Absicht die Zeitung mit Schönfärbereien und Irreführungen füllen; je weniger sie davon druckt, desto höher steigt also ihr Wahrheitsgehalt. Halbiert würde dabei auch die schiere Langeweile“, so die Empfehlung des Sprachkritikers und Publizisten Wolf Schneider. Wenn Redaktionen das verschnörkelte Geschwätz und die ritualisierten Statements von Funktionären drastisch reduzieren würden, wäre das Balsam für die politische Berichterstattung. Es steigt die Glaubwürdigkeit und das politische Interesse.

Wenn sich das nicht ändert, hilft nur eins: Abschalten und Abos kündigen.

Wenn Nachrichtenseiten Blogs wären: Omas Zeitung liegt im Sterben

Ein interessanter Blog-Beitrag zur Medienszene findet sich unter Medial Digital zum Thema „Das Klickvieh-Gehege – Was Verlage von der Blogosphäre lernen können“ Autorin ist Ulrike Langer, freie Medien- und Marketingjournalistin in Köln
Ausgangspunkt ist der Artikel ”Wie Google News Redaktionen ausbeutet” von Spiegel Online-Redakteur Christian Stöcker. Er beklagt im Kern zwei Dinge: „Erstens: Google bezahlt einige Nachrichtenagenturen neuerdings dafür, ihre Meldungen ganz abzudrucken, anstatt nur darauf zu verlinken. Zweitens: Google aggregiert und verlinkt weiterhin die Schlagzeilen und die ersten Textzeilen von Zeitungsnachrichten, ohne dafür zu bezahlen, obwohl dahinter nur ein Computer-Algoritmus steckt und keine schöpferische Leistung erbracht wird: Die Verlage gehen leer aus – obwohl Google News ohne die Arbeit von Zeitungs- und Online-Redaktionen unmöglich wäre. Richtig. Aber warum gehen sie leer aus? Weil sie sich bis auf wenige Ausnahmen konsequent allen Mechanismen verweigern, die im Social Web zu gutem Karma und letztlich zum Erfolg führen. Die Leser sollen gefälligst auf die geschlossenen Verlagsportale kommen und wenn sie dort sind, werden sie wie Klickvieh behandelt und eingepfercht, damit sie für die Anzeigenkunden genügend Page Impressions generieren“, kritisiert Langer.

Auch dieser Einwand von Stöcker würde von altem Denken zeugen: „[…] Die Gewichtung und Reihung der bei Google News angezeigten Nachrichten wird durch einen Algorithmus erledigt, der auf der Auswertung großer Nachrichtenseiten basiert. Was bei vielen ganz oben steht, was bei den Wichtigen oben steht, muss wohl wichtig sein, und landet deshalb auch bei Google News am Seitenanfang. Was, das nur nebenbei, auch dazu führt, dass das wirklich Exklusive, das wirklich Originelle bei Google News kaum eine Chance hat“.

Seltsam, kontert Langer: „Erstens haben es Verlage selbst in der Hand, ihren exklusiven Content statt generischer Agenturmeldungen auf ihren Portalen ”oben” zu platzieren. Außerdem ist es in der Blogosphäre genau umgekehrt. Gerade Blogs mit exklusivem Content werden von anderen Blogs am meisten verlinkt und deshalb auch bei Google, Technorati, Rivva und Co. prominent gelistet. Warum sollte das bei Verlagsbeiträgen anders sein, wenn nur genügend Links auf die Seiten führen. Doch dazu müssten sie erst einmal selbst verlinken und geben, statt nur zu nehmen“.

Die Verlags-Websites könnten nach Ansicht von Langer, wenn sie es wollten, mit ihrem riesigen redaktionellen Know-How und Input die Alpha-Blogger entthronen und die wahren Leitwölfe im Social Web sein. Statt hilflose Hüter der Klickviehherde. Nur dann müsste sich auch die journalistische Qualität verbessern. Das hat WAZ-Verlagschef Bodo Hombach in einem Beitrag für Cicero eingefordert. Die klassischen Medien müssten Gelenkstelle zwischen allen Räumen des öffentlichen Lebens sein, Drehscheibe für Ideen, Arena, Forum, Nische und Nest, Rumpelkammer für Exkurse ins Fantastische, frech, präzise, zivil, Sendbote zwischen Ein- und Ausgeschlossenen, Dolmetscher zwischen oben und unten, Gestern und Morgen, Rand und Mitte, Vor- und Nachdenker, Instrument der Auseinandersetzung und des Zusammengehens, aktuell, flexibel, empfindsam und hart, mit Leidenschaft und Kühle, Katheter für sozialen Problemstau, Kompostecke für Kulturabfall, Schredder für Abgelegtes, Abgenutztes, Abgestandenes, Seismograf für feinste Beben auf der nach oben offenen „Richter-Skala“ des Geistes, offen für jede Bitte, aber verschlossen für jeden Befehl. Also all das, was man in der Blogosphäre schon wahrnehmen kann durch die Vielfalt, durch das kreative Chaos und der Inspiration der Basis. Kein Territorialverhalten, keine selektive Nachrichtenauslese, kein Auflagendruck, kein Bestreben nach dem absoluten Medienscoop.

Die klassischen Medien „jagen im Rudel“, so Hombach“. „Kampagnenjournalismus muss nicht mehr organisiert werden. Es ergibt sich wie von selbst. Die Neidhammel umkreisen den Sündenbock“. In vielen Blättern und Sendern werden Agenturberichte ungeprüft übernommen. „Man hört und sieht und liest denselben Bericht. Das empfinden die meisten als Bestätigung. Mancher glaubt sogar dem selbst erfundenen Gerücht, wenn es zu ihm zurückkehrt“.

Was Zeitungen permanent als Aufmacher ins Blatt nehmen, ist eine bloße Erinnerung an den Fernsehabend zuvor. Nur noch halb so groß sollten die Tageszeitungen berichten über die Reden von Politikern und die Verlautbarungen von Parteien und Verbänden. „Es gibt weder eine Journalistenpflicht noch ein heißes Leserinteresse, täglich groß gedruckt zu sehen, was da an Versprechungen und Verunglimpfungen abgelassen wird, an Retourkutschen, unseriösen Prognosen und durchschaubaren Lügen. Über politische Sprechblasen wahrheitsgemäß berichten heißt ja: In redlicher Absicht die Zeitung mit Schönfärbereien und Irreführungen füllen; je weniger sie davon druckt, desto höher steigt also ihr Wahrheitsgehalt“, erklärt Wolf Schneider. Halbiert würde dabei auch die schiere Langeweile. Die Zeiten, in denen eine saturierte Abonnementszeitung durch journalistische Langeweile gar nicht ruiniert werden konnte, sein vorbei; „Omas Zeitung liegt im Sterben“