#2018 – Das Jahr der Livestreaming-Projekte: Es zählt der Augenblick und nicht die Inszenierung #MediaCampNRW @digitalnaiv @MediaLabNRW @tknuewer

Folgt man den Prognosen von Thomas Knüwer, so erlebten wir in diesem Jahr einen Niedergang der Videobegeisterung und des Livestreamings:

„Auch hier würde ich mir einen Punkt geben. Nur mein Ex-Arbeitgeber ‚Handelsblatt‘ strunzt noch mit seinem neuen Videostudio. Ansonsten aber scheinen mir die Bewegtbildaktivitäten der Verlage bestenfalls zu stagnieren, eher rückläufig zu sein. Und Live-Streaming – gibt es das eigentlich noch? In der Welt des Marketing werden weiterhin Videos produziert, doch auch hier scheint mir die Quantität deutlich gesunken zu sein. Marken realisieren, dass sie angesichts der insgesamt hohen Webvideo-Qualität nur mit wirklich guten Ideen eine Chance haben, im Web Zuschauer zu finden.“

Ich weiß nicht, auf welcher Datenbasis diese Aussage beruht. In dieser apodiktischen Form sind die Aussagen aber falsch. Nur noch das Handelsblatt strunzt mit einem neuen Videostudio? Quatsch. Die taz investiert kräftig in Videoformate und hier vor allem in Livestreaming („gibt es das eigentlich noch?“): „Wir stellen in der Redaktion fest, dass wir durch unsere Live-Berichte neue Leserinnen und Zuschauer gewinnen, die sich zuvor nicht für die taz interessierten und die nun mit Leidenschaft das Projekt der taz unterstützen“, schreibt taz-Reporter Martin Kaul in einem Gastbeitrag für das djv-Magazin „journalist“.

Es sind keine mit großem Budget produzierten Sendungen, keine aseptischen Studio-Aufsager, sondern Berichte mit dem Smartphone: Unformatiertes und rohe Zeugnisse der Geschehnisse. Es zählt der Augenblick und nicht die Inszenierung.

Das ist für den Journalismus essentiell und auch für die Unternehmenskommunikation. Es gehe darum, so Kaul, etwas Relevantes, das geschieht, zu begleiten und sofort zu zeigen. „Das heißt: die Bilder des Geschehens auszuwählen, die Protagonisten, die Stimmung, die vermeintlichen Nebensächlichkeiten, die aber doch für etwas stehen.

Das muss nicht immer die Weltsensation sein, eine Katastrophe oder Überraschung. Es können auch weniger spektakuläre Ereignisse genutzt werden, um das Live-Geschehen zu transportieren. Das gilt für Kongresse, Konferenzen, Messen, Workshops, Ausstellungen, Podiumsdiskussionen, Interview oder Talk-Runden. Charmant sei dabei, etwa via Periscope, eine direkte Kommunikation mit den Zuschauern zu ermöglichen, schreibt Kaul. Das ist nicht nur charmant, das ist die Essenz der Live-Berichte. Die unverfälschte Interaktion mit der Netzöffentlichkeit, die Möglichkeit zur Live-Diskussion über Chats oder sonstige Kommentarfunktionen ohne Freigabeschleifen. Einen weiteren Pluspunkt sehe ich in Möglichkeiten, hinter die Kulissen schauen zu können. Kaul sieht es gar als Chance, ein besseres Verständnis für die Produktionsweisen des Mediengeschäftes zu vermitteln und Vertrauen in den Journalismus wiederherzustellen. Das sei einer der Gründe, weshalb die taz die Live-Formate für interessant und ausbaufähig einstuft. Und das gelte nicht nur für Demonstrationen, Großveranstaltungen und politische Auseinandersetzungen. Live-Formate haben generell das Potenzial, die Welt authentisch zu zeigen und mit Zuschauerinnen und Zuschauern in direkten Kontakt zu treten.

Man könne ungeschnitten am Ort des Geschehens sein, so Kaul. Und da sei auch ok, wenn es mal wackelt:

„Im Leben, lehrt uns das Leben, wackelt es ja auch“, resümiert Kaul.


Für mich war 2018 jedenfalls DAS JAHR der Livestreaming-Projekte. Noch nie konnte ich so viele interessante Live-Formate für Kunden entwickeln: Für IBM (spannende Talks, Konferenzen, HR-Festival auf der re:publica und das Livestudio auf der Cebit), für die Bundeszentrale für politische Bildung (#StreamingKonferenz – größte Konferenz für politische Bildung, die je stattgefunden hat: 46 Sprecherinnen und Sprecher, 40 Konferenzschaltungen, 31 Standorte von Tiflis bis Berlin sowie Bonn, rund 20 Stunden Videomaterial, 12 Stunden Livestreaming mit Moderation, 4 Außenreportagen in Bonn und rund 30.000 Abrufe der Videos am Ende des Projekttages; dann das Festival Politik im freien Theater in München mit Talks, Theaterkritiken um Mitternacht, Blick hinter die Kulissen; Formate, mit denen man Akteure hautnah erleben und politische Botschaften direkt debattieren konnte), für die IHK-Koblenz, für die Fachmesse Zukunft Personal Europe mit Keynotes und dem Studio Z, für den Weiterbildungstag mit spannenden Einblicken in die Welt der Bildungsträger), für Colloquium European Societies in digital Age, für die Zukunftskonferenz in Essen, für die Next Economy Open als virtuelles Konferenzformat für wirtschaftswissenschaftliche Diskurse, für den Finanzdienstleister SKP auf der Caravan Messe in Düsseldorf mit einem elftägigen Livestreaming-Marathon und unterhaltsamen Interviews von Joey Kelly bis Manuel Andrack.

Die auf der Caravan-Messe gemachten Erfahrungen verarbeitete ich für meine monatliche Netzgedanken-Kolumne im prmagazin (Ausgabe Oktober 2018). Hier als kleiner Service die komplette Printversion:

Live ist live, so lautet das PR-Credo von Lars M. Heitmüller, Leiter Marketing und Kommunikation bei S-Kreditpartner in Berlin.

„Das Gefühl, live dabei zu sein und etwas just in dem Moment zu sehen, in dem es passiert, gibt dem Zuschauer ein ganz anderes Gefühl als sich mit zeitlichem Abstand geschnittenes Video-Material aus der Konserve anzuschauen.“ Es passt zur Dialogform in Echtzeit, die wir im Social Web immer mehr einfordern. Die Grundlage für seine Strategien zieht Heitmüller aus dem Cluetrain Manifest, dass schon 1999 das Ende der Geheimnisse proklamierte. „Die vernetzten Märkte wissen über die Produkte der Unternehmen mehr, als die Unternehmen selbst. Ob die Nachricht gut oder schlecht ist, sie wird weitergegeben.” Der Tod der One-Voice-Policy und wesentlicher Gatekeeper sei also keine neue Erkenntnis. „Aber Social Media und die Pluralität der Plattformen haben dazu beigetragen, dass dies offensichtlich wird. Das Live-Zeitalter lebt von der Pluralität der Perspektiven und Kompetenzen. Eine künstliche Verkürzung auf eine ‚regulierte‘ Stimme passt nicht mehr in die Zeit“, betont Heitmüller gegenüber dem prmagazin. Kunden seien zunehmend genervt, wenn sie primär als Rezipienten von Werbung verstanden werden. „Transparentes und dialogorientiertes Verhalten von Unternehmen wird hingegen geschätzt. Man will teilnehmen und mitwirken“, so der Kommunikationsexperte aus der Sparkassen-Finanzgruppe. Als ein Baustein sieht er Livestreaming-Formate.

Sie können können Unternehmen dabei unterstützen, Communities aufzubauen und eine Vertrauensbeziehung zu wichtigen Stakeholder zu entwickeln und zu pflegen. „Livestreaming senkt die Kommunikationsschwelle nicht nur in Richtung des Kunden, sondern auch nach innen. Wer bringt Dinge am besten auf den Punkt? Wer spricht am unterhaltsamsten? Live-Formate wecken ungeahnte Kommunikationstalente in allen Teilen des Unternehmens. Mitarbeiter bekommen eine Bühne und können sich als Markenbotschafter wirkungsvoll positionieren. Ideal für das Employee Empowerment wie für das Employer Branding: Es sollte die neue Lieblingsplattform aller Personalleiter sein. Schließlich hat Livestreaming die Kraft, die ganze heterogene Kraft eines Unternehmens sichtbar zu machen. Das stärkt die Kultur der Organisation“, meint Heitmüller.

Frei nach dem Motto: “Wenn Siemens wüsste, was Siemens weiß”: Unternehmen besitzen eine Vielzahl von bedeutenden Informationen und Kompetenzen, die im Alltag oft unter der Wahrnehmungsschwelle bleiben. Livestreaming könne einen Beitrag dazu leisten, diese zu heben und sichtbar zu machen, resümiert Heitmüller. 

Solche Live-Formate sind nicht nur für die Unternehmenswelt ein probates Mittel. Gleiches gilt für den Journalismus. Das machte Jay Rosen in einem Beitrag für die FAZ deutlich. „Brief an die deutschen Journalisten“ heißt das Opus:

„Ich werde derjenigen deutschen Redaktion eine Goldmedaille verleihen, die als erste ihre Schwerpunkte in der Berichterstattung öffentlich macht. Ich stelle mir eine Live-Funktion vor, die online frei zugänglich ist, ein redaktionelles Produkt, das wöchentlich oder bei wichtigen Ereignissen aktualisiert wird. Die Punkte auf dieser Prioritätenliste sollten das Ergebnis gründlicher Überlegungen und sorgfältiger Recherchen sein – und natürlich müssen sie die Realität spiegeln und bei den Bürgern ankommen. Wenn jemand in aggressivem Ton fragt: ‚Und was ist Ihre Agenda?‘, schicken Sie ihm einfach den Link. Wenn er nicht zufrieden ist, bitten Sie ihn um Verbesserungsvorschläge. Das böte unter anderem den Vorteil, dass die Notwendigkeit echter redaktioneller Vielfalt sofort sichtbar würde.“

Selbst Redaktionskonferenzen könnten ab und zu im Live-Modus mit Beteiligung der Leserschaft ablaufen. Auch das erhöht die Bindung. Soweit die Netzgedanken-Kolumne. Meine Erfahrungswelt widerspricht der Jahresprognose von Thomas Knüwer. Der Punkt geht definitiv an mich – so unbescheiden möchte ich das mal ausdrücken. Und die nächsten Aufträge für 2019 liegen schon vor. Es geht weiter mit Live-Formaten – hoffentlich auch im Journalismus.

Das ist übrigens dann auch mein Sessionvorschlag für das #MediaCampNRW am 12. Januar in Oberhausen: Ungeschnitten und direkt – Der diskrete Charme des Livestreamings.

Man hört, sieht und streamt sich 2019 . Ich wünsche Euch einen guten Rutsch ins Neue Jahr 🙂

Siehe auch: Das Ende der Videobegeisterung im Marketing und bei Medien, meint @TKnuewer

Update – Reaktionen im Netz:

Lesefrüchte: Über Collaboration-Gurken, Shitstorm-Ängste, Social Web-Hausordnungen und einen automobilen Che Guevara-Fan

Herrlich fand ich heute die „Gurke des Tages“, die die taz-Redaktion ausgesucht hat:

Hurra! „Arkadin, ein führender (warum eigentlich nicht weltweit führend?, gs) Anbieter von Collaboration-as-a-Service-Lösungen (Lösungen kennen wir noch aus dem Chemie-Unterricht, gs), hat heute bekannt gegeben (warum nicht morgen?, gs), dass Cisco SabberJabber den Schwerpunkt seines Unified Communications-Angebots (UC) bilden soll“, so die Lesefrucht der taz. Gefunden in einer Pressemitteilung, die das Schicksal vieler anderen Firmenverlautbarungen teilt. „Wir verstehen zwar kein Wort, freuen uns aber riesig. Denn das ist Pressesprecher-Sprech at it’s best. Und bei solch gelungener Kommunikation ist uns der Anlass total egal, warum wir die Korken knallen lassen.“ Da schließe ich mich an. Bei so einer fantastischen Botschaft muss man den Alkohol fließen lassen. Übertroffen wurde diese prosaische Meisterleistungen bislang nur von der weltweit führenden und gut aufgestellten Firma etracker. Siehe: Der etracker-Laberland-Test: Erste Erfahrungen mit dem BlaBlaMeter.

Höchst amüsant ist der Vorschlag eines Social Media-Beraters, Firmen mit Shitstorm-Ängsten eine Hausordnung zu verordnen, damit nicht alles so durcheinander im Social Web läuft. Gelesen in der Freitagsausgabe des Handelsblattes. Da ich ja eine innige Beziehung zur Hausmeister- und Jägerzaun-Ideologie in Deutschland habe, musste ich diese Weisheiten natürlich in meiner Freitagskolumne für den Fachdienst Service Insiders aufgreifen:

Das klingt irgendwie nach schwäbischen Kehrwochen und nachbarschaftlicher Spionage, um die korrekte Befüllung von Gelben Tonnen und Säcken zu überwachen. Wer ausschert, bekommt Besuch vom Ordnungsamt oder erhält eine Rote Karte und wird als Mülltrennungsmuffel registriert. Wer gegen die Hausordnung verstößt, muss mit Suspendierung rechnen und sich die Maske der Scham aufsetzen. Wer über Richtlinien, Guidelines, Leitbilder, goldene Regeln, Strategien oder Pläne für den Umgang mit dem Social Web palavert, beweist nur, dass er noch knietief in den Befehl-und-Gehorsam-Schleifen der alten Manager-Garde feststeckt. Mit dicken Web 2.0-Budgets, Social Media-Teams, Twitter-Accounts und Facebook-Fanseiten kreiert man noch lange keine Kultur des offenen Gesprächs.

Mit einer Hausordnung hätte es vielleicht auch nicht den legendären Auftritt eines Vorstandschefs aus der Luxuslimousinen-Klasse gegeben. Das wäre unverzeihlich. Dann hätten wir gar nicht die Sternstunde des automobilen Top-Managers mitbekommen, der vor einem Che Guevara-Plakat in Las Vegas hintergründige Analysen über den Kommunismus vorgetragen hat. Ein wahrer Car Sharing-Revolutionär, der sich als „Chief Guerilla Officer“ profilierte.

Ähnlich originell ist die Fürsorge des Hamburger Datenschutz-Bürokraten Johannes Caspar, der mich vor dem Ausverkauf meiner Daten schützen möchte. Gierige Datenspione wie Google und Facebook machen mir jeden Tag zur Konsumhölle. Entsprechend wohlwollend ist mein Kommentar in der absatzwirtschaft ausgefallen:

An ihren Taten sollt ihr sie messen und nicht an der kindischen Anti-Cookie-Like-Button-Leerformel-Rhetorik von Caspar und Co. Am Ende des Tages ist unsere Privatsphäre nicht um einen Millimeter besser geschützt. Im Gegenteil. Wir werden eingelullt und hören nicht mehr die Einschläge, die unsere Freiheitsrechte bedrohen. Personalisierte Werbung und sittenwidrige AGBs zählen nicht dazu. Das soll keine Entlastung für die rüde Geschäftspolitik von Facebook und Google bedeuten. Hier müssen wir in Europa endlich unsere Hausaufgaben machen und den Monopolisten aus Übersee bessere Web-Dienste entgegenstellen. Zurzeit machen die amerikanischen Dickfische einfach einen besseren Job, wie man am Beispiel Amazon ablesen kann.

Etwas ausführlicher auch im Debattenmagazin „The European“ nachzulesen – aber auf Cookie-Niveau.

Es wird wieder einmal um den Datenschutz gerungen. Der Hamburger Beauftragte Johannes Caspar agiert dabei auf Cookie-Niveau, wenn er zuerst an die Sammelwut amerikanischer Konzerne erinnert. Denn auch Vater Staat ist an unseren Festplatten interessiert. Zeit, den Schlapphut zu lüften.

Ob der Caspar meine Fragen bei seinem Vortrag auf der Call Center World in Berlin beantwortet? Ich bin ja auch zugegen und moderiere eine Diskussionsrunde über Welterklärungsmaschinen und die unsichtbare Servicekommunikation. Dienstag, den 28. Februar von 14,oo bis 15,00 im Hotel Estrel, Berlin-Neukölln. Caspar redet vormittags. Da bin ich natürlich dabei und zeichne auf. Schönes Wochenende :-). In Bonn schifft es schon den ganzen Tag.

Unterstützen! Appell gegen die Angriffe auf WikiLeaks

Die tageszeitung und andere Medien veröffentlichen einen Appell gegen die Angriffe auf Wikileaks.

 Das findet natürlich auch meine Unterstützung!

1. Die Angriffe auf Wikileaks sind unangebracht

Die Internetveröffentlichungsplattform Wikileaks steht seit der Veröffentlichung der geheimen Botschaftsdepeschen der USA unter großem Druck. In den USA werden die Wikileaks-Verantwortlichen als „Terroristen“ bezeichnet, es wird sogar ihr Tod gefordert. Große internationale Unternehmen wie Mastercard, Paypal und Amazon beenden ihre Zusammenarbeit mit Wikileaks – ohne dass eine Anklage gegen die Organisation vorliegt, geschweige denn eine Verurteilung. Gleichzeitig wird die technische Infrastruktur von Wikileaks anonym über das Internet attackiert.

Dies sind Angriffe auf ein journalistisches Medium als Reaktion auf seine Veröffentlichungen. Man kann diese Veröffentlichungen mit gutem Grund kritisieren, ebenso die mangelnde Transparenz, welche die Arbeit der Plattform kennzeichnet. Aber hier geht es um Grundsätzliches: die Zensur eines Mediums durch staatliche oder private Stellen. Und dagegen wenden wir uns. Wenn Internetunternehmen ihre Marktmacht nutzen, um ein Presseorgan zu behindern, kommt das einem Sieg der ökonomischen Mittel über die Demokratie gleich. Diese Angriffe zeigen ein erschreckendes Verständnis von Demokratie, nach dem die Informationsfreiheit nur so lange gilt, wie sie niemandem wehtut. 


2. Publikationsfreiheit gilt auch für Wikileaks

Die in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte verbriefte Publikationsfreiheit ist eine Grundlage der demokratischen Gesellschaften. Sie gilt nicht nur für klassische Medien wie Zeitungen oder Fernsehanstalten. Das Internet ist eine neue Form der Informationsverbreitung. Es muss den gleichen Schutz genießen wie die klassischen Medien. Längst hätte es einen weltweiten Aufschrei gegeben, wenn die USA ein Spionageverfahren gegen die New York Times, einen finanziellen Kreuzzug gegen den Spiegel oder einen Angriff auf die Server des Guardian führen würden.

3. Recht auf Kontrolle des Staates

Die Kriminalisierung und Verfolgung von Wikileaks geht über den Einzelfall hinaus. Die Veröffentlichung als vertraulich eingestufter Informationen in solchen Mengen soll verhindert werden. Denn die Menge an Dokumenten liefert der Öffentlichkeit einen weit tieferen Einblick in staatliches Handeln als bisherige Veröffentlichungen in klassischen Medien. Der Journalismus hat nicht nur das Recht, sondern die Aufgabe, den Staat zu kontrollieren und über die Mechanismen des Regierungshandelns aufzuklären. Er stellt Öffentlichkeit her. Ohne Öffentlichkeit gibt es keine Demokratie. Der Staat ist kein Selbstzweck und muss eine Konfrontation mit den eigenen Geheimnissen aushalten.
Wir fordern alle Staaten und auch alle Unternehmen auf, sich diesem Feldzug gegen die bürgerlichen Rechte zu widersetzen. Wir fordern alle Bürger, bekannt oder unbekannt, in politischen Positionen oder als Privatpersonen, auf, für die Einstellung der Kampagne gegen die Meinungs- und Informationsfreiheit aktiv zu werden. Wir laden alle ein, sich an dem Appell für die Medienfreiheit zu beteiligen.

Döpfners Klage über die Gratis-Kultur und was der Springer-Chef vom Götterboten Hermes lernen könnte

Wie von einem anderen Stern wirkte die Rede von Springer-Vorstandschef Mathias Döpfner beim „M100 Sanssouci Colloquium“, dem jährlichen Treffen europäischer Medien-Bosse in Potsdam. Zu diesem Befund gelangt die taz.

„Ein paar Stunden vor der Verleihung des M100-Preises an den dänischen Karikaturisten Kurt Westergaard durch Kanzlerin Merkel und Präsidentschaftskandidaten Gauck behauptete Döpfner allen Ernstes, die Pressefreiheit werde durch das Internet selbst bedroht, sozusagen durch eine schlechte Angewohnheit des Internets: die ‚Gratis-Kultur‘. Die chaotische Struktur des Netzes greife die Pressefreiheit „von innen“ an: „Die Tatsache, dass Informationen aller Art im Netz meist kostenlos erhältlich sind, werden als besonders gute Sache angesehen“, so Döpfner. Die Verlagshäuser hätten alle zu diesem „großen Fehler“ beigetragen. Es gebe eine „beinahe parareligiöse Heils-Ideologie“: Die Open-Access-Bewegung habe eine digitale Welt propagiert, in der Freiheit nur herrschen könne, wenn jede Information für jedermann zu jeder Zeit kostenlos ist – Döpfner zitierte hier Jaron Laniers Worte vom „digitalen Maoismus“. Aufmerksamkeit habe Geld als Währung ersetzt – doch Werbung reiche zur Finanzierung nicht aus. Döpfner: „Indem wir uns der Gratis-Kultur im Internet widersetzen, verteidigen wir unabhängigen Qualitätsjournalismus, verteidigen wir die Freiheit der Presse.“ Merkwürdig. Im vergangenen Jahr war der Medienmogul doch noch von der Unverwundbarkeit der Verlage überzeugt. Als Beruhigungsmittel verwies Döpfner noch auf das so genannte „Unverdrängbarkeitsgesetz“ des ollen Wolfgang Riepl aus der Kaiserzeit (1913).

Der Springer-Chef glaubt wohl an das Rieplsche Gesetz: „Keine neue Mediengattung ersetzt die bestehenden. Medienfortschritt verläuft kumulativ, nicht substituierend. Es kommt immer Neues hinzu, aber das Alte bleibt. Bis heute ist dieses Gesetz unwiderlegt. Das Buch hat die erzählte Geschichte nicht ersetzt. Die Zeitung hat das Buch nicht ersetzt, das Radio nicht die Zeitung, das Fernsehen auch nicht das Radio. Und also wird das Internet auch nicht das Fernsehen oder die Zeitung ersetzen.“ Vielleicht hat jetzt Döpfner irgendwie kapiert, dass dieses Gesetz nie existierte. Siehe: Der olle Riepl und ein Rettungsgesetz, das gar nicht existiert: Warum die Medienhäuser schnell einen Schwimmkurs besuchen sollten.

Statt sich mit angestaubten Doktorarbeiten herumzuschlagen, sollte Döpfner die Schriften des Philosophen Michel Serres studieren. So könnte er ein tieferes Verständnis der Netztheorie erwerben. „Mit den neuen Informationstechnologien leben wir in einer solchen Zeit der Transformation, einer grundlegenden Neuorganisation des kulturellen Netzwerks. Vergleichbar ist der gegenwärtige kulturelle Wandel mit jenen, die mit dem Übergang von oraler Tradition zu Schrift bzw. von der Schrift zu ihrer mechanischen Reproduktion im Druck in Verbindung gebracht werden. Durch diese medialen Revolutionen wurden wesentliche Neuerungen ermöglicht – als Folge der Schrift vor allem die Erfindung der Geometrie, als jene des Drucks die modernen Experimentalwissenschaften; die Konsequenzen der Informationsrevolution kennen wir freilich noch nicht. Michel Serres wagt allerdings die Vermutung, dass sie zumindest ebenso gravierend sein werden wie jene der Einführung der Schrift oder des Buchdrucks“, schreibt Telepolis.
Die ästhetischen Kategorien (also Raum und Zeit) würden sich grundlegend mit den Orten des Wissens wandeln; eines Wissens das sich bislang konzentriert hat – in Bibliotheken, Labors, Büros, Universitäten und Massenmedien. Zogen diese traditionellen Wissensspeicher die Bewegung auf sich, so ist es nun umgekehrt: das Wissen bewegt sich auf die Menschen zu. „Wir leben nicht länger in einem Raum des zentralisierten, sondern in einem Raum des verteilten Wissens, organisieren unsere Netzwerke immer weniger nach einer Logik der Konzentration, sondern vielmehr nach dem Prinzip einer variablen Topologie; das exponentielle Wachstum des mobilen Kommunikationsmarktes illustriert dies bestens. Als Folge dieser Veränderung werden neue Formen des Menschseins, neue Kommunikationsordnungen entstehen“, führt Telepolis weiter aus.

Die Zirkulation des Wissens werde durch Copyrights nicht zu bändigen sein. Das technische Potenzial provoziert immer auch seine uneingeschränkte Nutzung – und sei es durch Piraterie. Schließlich beschütze Götterbote Hermes nicht zuletzt auch die Diebe. So hat das globale Netzwerk des Wissens die Tendenz, die sozialen und politischen Ungleichheiten in der Verteilung von Wissen aufzuheben.