Jeff Jarvis und die pawlowschen Reflexe der alten Medienwelt – Die Zeiten sind vorbei, wo Zeitungen bei den Anzeigenpreisen kräftig zulangen konnten

Jeff JarvisEs ist schon erschreckend, mit welcher Denkweise die Vertreter der alten Welt auf die Thesen von Jeff Jarvis bei den Münchner Medientagen reagiert haben. Der aus New York zugeschaltete Medienprofessor wies darauf hin, dass es sinnlos sei „das alte Medienmodell in den neuen Verhältnissen der digitalen Welt zu konservieren.“ Er empfahl der Runde um den Moderator und Chefredakteur von stern.de, Frank Thomsen, eine „sehr kritische und ehrliche Diskussion darüber, was bei Ihnen schief läuft.“ Die einen schreien nach dem Staat, die anderen verlangen ein härteres Urheberrecht oder sehen generell Google als Sündenbock für die tiefe Krise der Verlage, die allerdings schon weit vor dem Crash der Finanzmärkte einsetzte.

„Jarvis macht es sich zu einfach“, sagte Bernd Ziesemer, Chefredakteur des Handelsblatts. „Mir ist es egal, ob wir Inhalte im Druck oder digital ausliefern – aber wie finanziert man das?“ Falsch sei auch, dass Nachrichten keinen monetären Gegenwert mehr besäßen, so Ziesemer. „Viele Printprodukte sterben, weil sie als Reaktion auf die Krise auf Exklusivität verzichteten.“ Claus Strunz, Chefredakteur des Hamburger Abendblatts, klagte, Jarvis werde als „Onlineguru“ wahrgenommen. „Aber den Ruhm hat er aufgrund seiner Bücher. Und die sind gedruckt.“ Ja, Herr Strunz, genau. Er hat ein Sachbuch geschrieben und keine Tageszeitung, die von Anzeigenwerbung abhängig ist. Da bringen Sie aber einiges durcheinander. Nur die Medienprofessorin Miriam Meckel gab zurück: Die Reputation von Jarvis komme aus dem Netz und seinem erfolgreichen Blog. Sie kritisierte, die gesamte Debatte des Printgipfels sei überholt.

Strunz und Co. sollten zur Kenntnis nehmen, dass Jarvis mit seiner Kritik nicht alleine steht. Die Gründe für den Kreative ZerstörungNiedergang der Printmedien hat beispielsweise auch Journalismus-Professor Stephan Ruß-Mohl hat das in einem Beitrag für „Druckreif“ gut zusammengefaßt: „Die Verlagsmanager haben sich an entscheidenden Stellen verkalkuliert. In der ‚guten, alten‘ Zeit hatten die meisten Blätter regionale oder lokale Oligopole oder Monopole, also eine marktbeherrschende Stellung. Damit konnten sie bei den Anzeigenpreisen kräftig zulangen. Über Jahrzehnte hinweg erzielten sie Traumrenditen, von denen nicht nur viele Verleger, sondern auch so manche Redakteure in ihren Nischen wie die Maden im Speck lebten. Im Internet herrscht dagegen Wettbewerb. Der Konkurrent, der auf dieselben Anzeigenkunden hofft, ist nur einen Mausklick entfernt. Deshalb schrumpfen bei den Werbeumsätzen die Margen, aus denen sich früher Redaktionen großzügig finanzieren ließen“, so Ruß-Mohl.

Für die Werbetreibenden seien das paradiesische Zustände. Sie könnten ihre Zielgruppen ohne allzu große Streuverluste über das Internet sehr viel besser erreichen und müssten das Geld nicht mehr zum Fenster rausfeuern. Und noch ein Trend schröpft die Verlage: Wer nach einer neuen Freundin Ausschau hält oder sein Auto zum Verkauf anbietet, kann online inzwischen gratis oder für wenig Geld seine Ziele erreichen. Hier hilft die Silo-Taktik der Verlagsmanager nicht weiter. Die entsprechenden Portale laufen auch ohne Nachrichten-Content!

Offensichtlich fehlt vor allen Dingen den Medienmachern in Deutschland eine klare Strategie. Zu lange haben sie das Thema heruntergespielt. Sie haben über Jahre das eigene Niedergangs-Szenario verdrängt, kritisiert Ruß-Mohl. Die Medientage bestätigen sein Resümee.

Es lebe der Glühbirnen-Anarchismus

AnarchieÜber die Verbotsidiotie der EU in Sachen Glühbirne habe ich ja schon einiges geschrieben (Rebound-Effekt u.a.).

Inverkehrbringer der Glühbirnen müssen ab dem 1. September mit saftigen Strafen rechnen. Wer nicht spurt, muss im Zweifel 50.000 Euro zahlen. So hoch ist das Bußgeld für Händler, die nach dem 1. September 100-Watt-Glühbirnen ordern. Stern.de hat allerdings auf eine interessante Lücke im Regelwerk hingewiesen. Zitat eines Händlers: „Wenn sich herausstellt, dass nur Herstellung und Einfuhr verboten sind und nicht der Abverkauf bereits produzierter Glühbirnen, werden wir auch nach dem 1. September noch 100-Watt-Glühlampen verkaufen“. Für wie lange die Lager reichen, will er nicht verraten. Also, liebe Baumärkte, deckt Euch mit den Glühbirnen ein, was das Zeug hält.

„Haben die Baumärkte zufällig ein extrem gutes Exemplar im Regal, könnten Glühlampen noch generationenlang in Deutschland brennen. So leuchtet in einem Feuerwehrgebäude im kalifornischen Livermore bereits seit 1901 eine mundgeblasene 4-Watt-Lampe über den Einsatzfahrzeugen. Sie brennt Tag und Nacht und hat ihren Dienst außer bei Stromausfällen und Umzügen noch nicht aufgegeben. Die Webcam, die seit Jahren Wache hält, gab ihren Dienst dagegen schon nach drei Jahren auf“, schreibt der Stern.

Siehe auch:
Der Glühbirnen-Schwindel: Eine neue Verbotsdebatte wie bei Zensursula ist nicht in Sicht.

Glühbirnenverbot ökologisch wirkungslos und gesundheitsschädlich – Industrie freut sich über höhere Margen beim Verkauf der Energiesparlampen.

Exkurs zur Glühbirne – Gutgemeinte Verbote und die Gefahr eines paternalistischen Staates.