Ehrenamt gegen politische Ohnmacht

Wer einen Jugendtrainer sucht, einen Kassenbericht verteidigt oder im Gemeinderat um eine Mehrheit ringt, lernt Demokratie im Alltag. Entscheidungen brauchen Zustimmung. Geld verlangt Rechenschaft. Nach einer verlorenen Abstimmung treffen sich die Beteiligten wieder. Sie müssen weiter miteinander auskommen.

Hans Rusinek zählt solche Tätigkeiten zur politischen Arbeit. Sein vierdimensionaler Arbeitsbegriff umfasst Erwerbsarbeit, Care-Arbeit, Selbstarbeit und politische Arbeit. Vereine, Feuerwehren, Bürgerinitiativen und Nachbarschaftshilfe geben Menschen die Erfahrung, ihre Umgebung verändern zu können. Rusinek vermutet im Interview für die Sendung Zukunft Personal Nachgefragt, dass sinkende Ehrenamtsquoten politische Verwerfungen fördern. Eine lebendige Bürgergesellschaft prägt zudem die wirtschaftlichen Aussichten einer Region. Wer internationale Fachkräfte gewinnen will, braucht Schulen, Vereine, kulturelles Leben und ein Umfeld, das rassistische Milieus zurückdrängt.

Wirksamkeit schützt vor autoritären Versprechen

Politische Radikalisierung gewinnt an Boden, sobald Bürger ihre Umgebung als fremdbestimmt erleben. Die Schule schließt, der Bus fährt seltener, das Schwimmbad verfällt. Entscheidungen fallen in entfernten Verwaltungen und Konzernzentralen. Zur materiellen Verschlechterung tritt das Gefühl politischer Ohnmacht.

Autoritäre Bewegungen antworten darauf mit einem einfachen Versprechen: Eine Führungsfigur werde Ordnung schaffen, Schuldige benennen und die Kontrolle zurückholen. Rusinek nennt diese Rückwärtsbewegung Revisionismus. Sie verklärt eine Vergangenheit, die in dieser Form nie existierte, und ersetzt politische Arbeit durch Gefolgschaft. Das Muster erscheint in Parolen wie „Great Again“, in der Forderung nach vermeintlicher Normalität und in Unternehmen, die wieder auf Angst, Kontrolle und Ausschluss setzen.

Das Ehrenamt eröffnet eine andere Erfahrung. Der Vorsitzende kann abgewählt werden. Die Schatzmeisterin muss Auskunft geben. Eine Satzung bindet die Mehrheit. Mitglieder dürfen widersprechen und bleiben nach einer Niederlage Teil der Gemeinschaft. Macht erhält ein Amt, einen Auftrag und eine Frist.

Die zusätzliche Erwerbsstunde fehlt der Bürgergesellschaft

Die politische Forderung nach mehr Erwerbsstunden blendet diese Arbeit aus. Eine zusätzliche Stunde im Betrieb muss an anderer Stelle fehlen: bei der freiwilligen Feuerwehr, im Elternrat, im Sportverein, bei der Pflege eines Angehörigen oder bei der eigenen Erholung.

Rusinek widerspricht daher der Behauptung, Beschäftigte arbeiteten zu wenig. Viele Menschen verteilen ihre Zeit zwischen Beruf, Familie, Pflege und Ehrenamt. Mütter kleiner Kinder würden ihre Erwerbszeit häufig gern ausweiten, finden jedoch keine verlässliche Betreuung. Väter wünschen sich in dieser Lebensphase oft mehr Zeit für die Familie. Rusinek fordert eine Politik, die solche Lebensläufe ermöglicht. Verlässliche Kitas, Pflegeangebote, flexible Arbeitszeiten und sinnvolle Steuerregeln mobilisieren Arbeitskraft wirksamer als moralische Vorwürfe.

Erwerbsarbeit lebt von Tätigkeiten, die keine Unternehmensbilanz erfasst. Care-Arbeit versorgt Kinder und Pflegebedürftige. Selbstarbeit erhält Gesundheit und Leistungsfähigkeit. Politische Arbeit trägt Vereine, Kommunen und gesellschaftlichen Zusammenhalt. Wer allein bezahlte Stunden zählt, unterschätzt die Voraussetzungen wirtschaftlicher Produktivität.

Ein Vereinsregister garantiert keine demokratische Kultur

Vereine können Macht verfestigen, Minderheiten ausschließen und radikalen Akteuren Zugang zu lokalen Netzwerken verschaffen. Ihre demokratische Wirkung hängt von ihren Regeln ab.

Offene Mitgliedschaft, transparente Finanzen, freie Wahlen und wirksame Beschwerdewege gehören zur demokratischen Grundausstattung. Vorstände müssen Verantwortung teilen und Kritik zulassen. Kommunen sollten Vereine beraten, Räume bereitstellen und unnötige Bürokratie abbauen. Unternehmen können planbare Arbeitszeiten schaffen, Freistellungen ermöglichen und ehrenamtlich erworbene Kompetenzen anerkennen.

Der Staat darf Engagierte dabei nicht als kostenlose Ersatzverwaltung behandeln. Wer dauerhaft kommunale Lücken stopft, erlebt Überlastung statt Selbstwirksamkeit. Ehrenamt braucht eigene Entscheidungsspielräume.

Die Republik lernt am Dienstagabend

Rusinek versteht bereits den Arbeitsplatz als politischen Ort. Dort begegnen Menschen Kollegen, die sie sich nicht ausgesucht haben. Sie müssen Unterschiede aushalten, Konflikte lösen und gemeinsam Aufgaben erfüllen. In der Arbeit, schreibt Rusinek, lerne eine demokratische Gesellschaft laufen oder gerate ins Stolpern.

Im Vereinsheim, in der Feuerwache und im kommunalen Sitzungssaal wird diese Erfahrung fortgesetzt. Bürger lernen, dass Macht begrenzt, Kritik erlaubt und eine Niederlage überlebbar ist. Sie erleben, dass gemeinsames Handeln sichtbare Ergebnisse schafft.

Rusineks Vademekum gegen Radikalisierung lautet daher: Die Republik muss ihren Bürgern Zeit, Räume und Rechte für politische Arbeit geben. Wer die eigene Umgebung mitgestalten kann, erhält ein Gegenmittel zu Führerkult, Ohnmacht und der Sehnsucht nach einer erfundenen Vergangenheit.

Wie Rusineks Idee einer demokratischen Arbeitswelt in Politik und Betrieben wirken kann, diskutieren wir am Dienstag, 8. September, um 15 Uhr bei „Zukunft Personal Nachgefragt“. Live im Studio sprechen Heike Riebe, Programmverantwortliche der Zukunft Personal, und die New Work-Podcasdterin Jule Jankowski über Arbeit, Ehrenamt und politische Wirksamkeit. Hinzu kommt mein Vorabinterview mit Hans Rusinek. Die 30-minütige Sendung läuft im Multistream auf LinkedIn, YouTube, Facebook und weiteren Kanälen und gibt einen Ausblick auf die Zukunft Personal Europe in Köln.

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