Die Gegner bezahlen den Wahlkampf

Der Spiegel-Titel zu Ulrich Siegmund zeigt, wie Redaktionen, Kritiker und Plattformen gemeinsam jene Aufmerksamkeit produzieren, die sie politisch bekämpfen wollen

Ein Nachrichtenmagazin setzt das Porträt eines Landespolitikers auf den Titel und erklärt ihn zum „gefährlichsten Mann Deutschlands“. Danach beginnt der Betrieb, den der Titel einkalkuliert hat. Journalisten prüfen den Superlativ. Kolumnisten spotten über das Bild. Podcaster verurteilen die Dramatisierung. Medienkritiker sprechen vom Offenbarungseid. Andere Medien sammeln die Reaktionen der Medien auf die Reaktionen der Medien. Der Porträtierte nennt die Aufmachung einen Ritterschlag, signiert Hefte und verwandelt den Angriff in Wahlwerbung.

Binnen weniger Tage ist aus einer Titelgeschichte ein vollständiger Verwertungszyklus geworden. Das Heft liefert den Reiz, die Konkurrenz den Anschluss, das Social Web die Beschleunigung, der Angegriffene die triumphierende Gegeninszenierung. Ein knapp vierstündiges YouTube-Gespräch erreicht fast vier Millionen Abrufe. Über die journalistische Fehlleistung wird so ausgiebig gesprochen, dass ihr politischer Nutznießer überall zu sehen ist. Die Kritik widerlegt den Titel womöglich. Seine Wirkung verlängert sie trotzdem.

Das ist der medienpolitische Kern des Vorgangs: Im Aufmerksamkeitsmarkt bildet Ablehnung kein Gegengewicht zur Reichweite. Sie erzeugt Reichweite. Im April habe ich unter der Überschrift „Nicht jede Provokation ist eine Nachricht“ beschrieben, wie politische Reizproduzenten die Auswahlregeln des Journalismus gegen den Journalismus wenden. Der neue Fall führt einen Schritt weiter. Inzwischen verschafft bereits die ursprüngliche Berichterstattung dem Provokateur zusätzliche Reichweite. Selbst die professionelle Medienkritik arbeitet an seiner Verbreitung mit. Das System korrigiert seinen Fehler und vervielfältigt ihn dabei.

Die Kritik wird zum kostenlosen Vertrieb

Redaktionen verwechseln gern Absicht und Wirkung. Sie wollen warnen, einordnen, entlarven. Das Publikum soll die Botschaft als Warnsignal verstehen. Doch die digitale Zirkulation transportiert keine redaktionelle Gebrauchsanweisung. Ein Titel wird fotografiert, geteilt, parodiert, ausgeschnitten, neu beschriftet und in fremde Zusammenhänge versetzt. Übrig bleiben Gesicht, Name und Superlativ. Aus dem journalistischen Urteil entsteht ein Markenbild.

Auch der Verriss entkommt diesem Mechanismus nicht. Wer die Aufmachung für unverantwortlich erklärt, muss sie zunächst zeigen. Wer den Größenwahn der Schlagzeile beweisen will, wiederholt die Schlagzeile. Wer vor dem politischen Profiteur warnt, befestigt dessen Namen im Gedächtnis. Jeder Widerspruch legt eine weitere Spur zum Ausgangsprodukt. Die Gegenseite übernimmt damit einen Teil des Vertriebs, gratis und aus moralischer Überzeugung.

Das unterscheidet die heutige Lage von einer älteren Medienordnung. Früher konnte eine Redaktion halbwegs kalkulieren, in welchem Rahmen ihr Aufmacher gelesen wurde. Heute besitzt sie zwar noch die Druckerpresse, längst aber nicht mehr den Kontext. Das Titelblatt gehört nach der Veröffentlichung den Plattformen, Gegnern, Fans, Satirikern und Empfehlungsalgorithmen. Eine Redaktion, die diese Anschlussverwertung bei der Gestaltung ignoriert, arbeitet mit einem Öffentlichkeitsmodell aus dem vergangenen Jahrhundert.

Trump machte aus Empörung ein Geschäftsmodell

Donald Trump hat die Ökonomie des Reizes früher begriffen als viele seiner Beobachter. Während der republikanischen Vorwahlen 2016 genügten ihm Provokationen, persönliche Angriffe und kalkulierte Regelbrüche, um den Takt der Berichterstattung vorzugeben. Andere Kandidaten kauften Werbezeit. Trump brachte Redaktionen dazu, seine Werbung als Nachricht auszustrahlen.

Die oft zitierte Schätzung von mediaQuant bezifferte den Gegenwert seiner unbezahlten Medienpräsenz bis März 2016 auf knapp 1,9 Milliarden Dollar. Über die genaue Umrechnung redaktioneller Aufmerksamkeit in Werbedollar lässt sich streiten. Am Prinzip ändert das wenig. Eine Untersuchung des Shorenstein Center der Harvard Kennedy School zeigte für 2015, dass nur zwölf Prozent seiner Berichterstattung politische Positionen und Überzeugungen behandelten. 56 Prozent entfielen auf Wahlkampf und Rennen. Die Medien berichteten über seinen Aufstieg und beschleunigten damit seinen Aufstieg.

Selbst massive Kritik stoppte das Verfahren später kaum. Im Präsidentschaftswahlkampf fiel seine Berichterstattung überwiegend negativ aus. Aufmerksamkeit blieb dennoch die knappe Ressource, und Trump erhielt mehr davon. Das Shorenstein Center stellte zugleich fest, wie wenig Sachpolitik in der Berichterstattung beider Kandidaten vorkam. Der Konflikt über die Person verdrängte den Streit über das Programm.

Trumps eigentliche Innovation lag daher weniger in einzelnen Botschaften als in der Beherrschung des Nachrichtenzyklus. Er setzte den Reiz. Fernsehsender meldeten die Reaktion. Zeitungen ordneten sie ein. Talkshows diskutierten die Einordnung. Plattformen belohnten den Streit. Am Ende eines solchen Tages hatte die Öffentlichkeit sehr viel über Trump gesprochen und kaum über eine Rentenformel, ein Steuermodell oder ein Infrastrukturprogramm.

Die Rückkehrkampagne von 2024 bestätigte das Verfahren. Eine Provokation jagte die nächste, und ein beträchtlicher Teil der Medienwelt reagierte wie der Pawlowsche Hund: Reiz, Reflex, Reichweite. Aus journalistischer Gegnerschaft entstand redaktionelle Abhängigkeit. Trump brauchte nur noch den nächsten Takt vorzugeben.

Empörung ist keine Gegenmacht

Der verbreitete Irrtum lautet, negative Berichterstattung müsse einem politischen Akteur schaden. Diese Annahme stammt aus einer Zeit, in der wenige Medien über Reputation entschieden. Plattformen messen jedoch keine Zustimmung. Sie messen Aktivität. Ein wütender Kommentar, ein empörter Repost und eine spöttische Parodie melden dem System zunächst das Gleiche: Dieser Inhalt hält Menschen fest.

Die Forschung beschreibt den Mechanismus seit Jahren. Eine PNAS-Studie über moralisch-emotionale Sprache zeigte, dass jedes zusätzliche moralisch aufgeladene Emotionswort die Weiterverbreitung politischer Botschaften erhöhte. Eine weitere PNAS-Untersuchung kam zu dem Ergebnis, dass Feindseligkeit gegenüber der politischen Außengruppe ein besonders verlässlicher Treiber von Interaktion ist. Der Gegner bindet oft mehr als das eigene Programm.

Damit entsteht ein perverser Medienrabatt. Wer sorgfältig über Klimaanpassung, kommunale Finanzen oder die langfristige Stabilisierung der Rente spricht, muss Aufmerksamkeit mühsam erarbeiten. Wer eine Grenze verletzt, erhält sie sofort. Je größer die anschließende Entrüstung, desto billiger wird der nächste Regelbruch. Die Öffentlichkeit subventioniert den Provokateur mit ihrer Abwehr.

Ein Superlativ auf einem Magazincover passt perfekt in dieses Modell. Er soll Alarm auslösen, erzeugt aber zugleich Prestige. Zum „gefährlichsten Mann Deutschlands“ erklärt zu werden, hebt einen Landespolitiker aus der regionalen Begrenzung auf die nationale Bühne. Die Redaktion möchte verkleinern und überhöht. Sie möchte isolieren und verschafft Anschluss. Sie möchte entzaubern und stiftet eine Legende.

Der Skandal frisst die Sachpolitik

Der politische Preis dieser Dauererregung lässt sich kaum überschätzen. Deutschland muss über Klimaanpassung, Rentenreform, Steuern, Energie, Verteidigungsfähigkeit, Bildung, Migration, Pflege und die Leistungsfähigkeit seiner Verwaltung entscheiden. Keine dieser Aufgaben löst sich durch moralische Ranglisten über den jeweils gefährlichsten Politiker. Keine gewinnt durch den hundertsten Streit über eine kalkulierte Entgleisung.

Auf kommunaler Ebene wirkt die Verzerrung besonders grotesk. Im Bonner Wahlkampf ging es plötzlich über Wochen um die bundespolitisch aufgeladene Abgrenzung zu einem Lager, das im Rat keine Schwimmbäder saniert, keine Opernfrage entscheidet und keinen maroden Verkehrsweg repariert. Bonn hat eine Bäderkrise, den Streit um die Bonner Oper, stockende Bauprojekte, Schulprobleme und eine Verwaltung, deren Leistungsfähigkeit die Bürger täglich erfahren. Trotzdem fraß die symbolische Großschlacht jene Aufmerksamkeit, die konkrete Entscheidungen gebraucht hätten.

Genau davon profitieren inhaltsarme Formationen. Sie müssen für viele Zukunftsfelder kein belastbares Konzept vorlegen, solange ihre Gegner bereitwillig über ihre Provokationen sprechen. Die Lücke im Programm wird durch die Fülle der Reaktionen verdeckt. Ein politisches Vakuum erscheint plötzlich als Machtzentrum, weil Kameras, Kommentare und Gegenkampagnen darum kreisen.

Auch Wahlkämpfe, die sich fast vollständig aus Ablehnung speisen, geraten in diese Falle. Das dauernde „gegen“ leiht dem Gegner die eigene Agenda. Die demokratischen Parteien erklären ausführlich, wen man verhindern müsse, und bleiben undeutlich bei der Frage, was sie selbst erreichen wollen. Der Wähler erfährt täglich, welches Schreckbild droht, und viel seltener, wie das Schwimmbad, die Schule, die Rente oder die Brücke funktionieren sollen.

Die Lager bewirtschaften einander

Rechts- und linkspopulistische Akteure erscheinen als erbitterte Feinde. In der Aufmerksamkeitsökonomie sind sie häufig Geschäftspartner wider Willen. Jede Seite benötigt die Entgleisung der anderen, um das eigene Publikum zu mobilisieren. Der Gegner liefert Stoff, moralische Gewissheit und die Begründung für die nächste Eskalation. Beide Lager wachsen am Bild des jeweils anderen.

Professionelle Medien geraten zwischen diese Erregungsunternehmen und werden Teil ihrer Logistik. Ein Post wird zur Meldung, die Meldung zum Kommentar, der Kommentar zum Talkshowthema, das Talkshowthema zum Clip. Was wie öffentliche Auseinandersetzung aussieht, ist oft eine selbstreferenzielle Produktionskette. Sie stellt vor allem eines her: weiteren Anlass zur Auseinandersetzung.

Der ökonomische Anreiz ist offenkundig. Empörung verkauft Hefte, Abonnements, Klicks, Werbung und Sendeminuten. Der politische Schaden bleibt dagegen diffus und verteilt sich über Jahre. Sinkendes Vertrauen, wachsende Nachrichtenvermeidung und das Gefühl permanenter Krise erscheinen in keiner Tagesbilanz. Der Digital News Report 2026 beschreibt eine Nachrichtenöffentlichkeit mit wachsender Angst, wachsendem Rückzug und wachsendem Zynismus. Eine Branche, die täglich Alarm produziert, darf den Vertrauensverlust nicht allein dem Publikum oder den Plattformen anlasten.

Journalismus braucht wieder eigene Agenda-Macht

Die Konsequenz kann kein Schweigegelübde sein. Verfassungsfeindliche Bestrebungen, Rassismus, Gewaltfantasien und Angriffe auf Institutionen verlangen Recherche und klare Benennung. Wegsehen wäre journalistisches Versagen. Permanente Verbreitung ist jedoch ebenfalls Versagen.

Entscheidend ist die Rückkehr zur Proportion. Eine Äußerung besitzt Nachrichtenwert, falls sie reale Folgen ankündigt, Macht sichtbar macht, staatliches Handeln betrifft oder eine belegbare Veränderung markiert. Ihr bloßes Empörungspotenzial reicht nicht. Ein Politiker verdient intensive Beobachtung durch Entscheidungen, Netzwerke, Geldflüsse, Personal, Abstimmungen und administrative Folgen. Die Lautstärke seiner Provokation ist kein Relevanzbeweis.

Redaktionen müssten zudem den Folgetest einführen: Welche öffentliche Wirkung erzeugt die gewählte Form? Wird ein Sachverhalt aufgeklärt oder eine Figur ikonisiert? Öffnet die Schlagzeile einen Erkenntnisraum oder baut sie eine Bühne? Erhält das Publikum Belege und Maßstäbe oder bloß einen Superlativ? Diese Fragen begrenzen keinen kritischen Journalismus. Sie schützen ihn vor der Instrumentalisierung.

Vor allem braucht demokratische Politik eine eigene Themenmacht. Wer Populisten klein halten will, darf seinen Tagesplan nicht von ihnen schreiben lassen. Die entscheidenden Konflikte liegen bei der Verteilung knapper Mittel, bei funktionierenden Institutionen, bei Sicherheit, Wohlstand, Bildung und sozialer Verlässlichkeit. Dort muss der politische Streit geführt werden: konkret, überprüfbar, folgenbezogen.

Der gefährlichste Mann ist oft der Aufmacher selbst

Das Spiegel-Cover wird vermutlich als handwerklicher Fehler in Erinnerung bleiben. Seine tiefere Bedeutung reicht weiter. Es zeigt eine Medienordnung, die den politischen Gegner zugleich bekämpft und vermarktet. Der Angriff wird zur Auszeichnung, die Kritik zur Anschlusswerbung, der Verriss zum Linkverteiler.

Demokratische Öffentlichkeit scheitert nicht erst an der Lüge. Sie kann bereits an falscher Gewichtung scheitern. Wer jede Provokation zum Großereignis adelt, überlässt den Provokateuren die Sendeleitung. Wer jede Empörung weiterträgt, vergrößert das Volumen jener Akteure, deren inhaltliche Leere eigentlich sichtbar werden müsste.

Der wirksamste Widerspruch beginnt deshalb mit redaktioneller Selbstbeherrschung. Recherchieren, belegen, Folgen zeigen, Programme prüfen, Macht kontrollieren: Darin liegt die Aufgabe. Der nächste künstliche Alarm darf warten. Eine Demokratie hat Wichtigeres zu besprechen.

Kommentar verfassen

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.