
Um 22.15 Uhr schlagen Funken vor der Bühne hoch. Weißer Nebel zieht unter das Dach, die Scheinwerfer färben ihn violett, rot und gleißend hell. Vor Handmade stehen die Menschen dicht gedrängt. Arme gehen nach oben, Handys leuchten über den Köpfen. Die Band spielt „Jraaduss“ von BAP.
„Manchmohl setz ich he röm un ich frooch mich, woröm.“ Schon die erste Zeile verwandelt den Song in den Kommentar dieses Abends. Viele im Biergarten werden sich bald fragen, weshalb eine Konzertreihe mit 30 Jahren Geschichte, rund 1,3 Millionen Besuchen und einer treuen Gemeinde ohne gesicherte Fortsetzung endete.
„Jraaduss“ erzählt vom Ende einer Beziehung, von Bildern an der Wand und einer Stimme, die im Ohr bleibt. Der Song sucht einen Weg durch den Verlust: „Et muss irjendwo wiggerjonn.“ Vor der kleinen Bühne bekommt dieser Satz eine kommunalpolitische Bedeutung. Niemand weiß, wo es mit dem Sommerfestival weitergeht. Alle wissen, dass es weitergehen könnte.

Auf dem Bühnenbanner steht: „Wir sind Kult.“ Drei Worte, die an diesem 29. August wie eine Bilanz wirken. Nach 30 Jahren, rund 1,3 Millionen Besuchen und 47 Bands allein in der Abschiedssaison endet eine Konzertreihe, deren kultureller Wert längst bewiesen war.
Die Stadt Bonn hat für das Finale eine Verlängerung um 15 Minuten genehmigt. Um 22.15 Uhr muss die Musik enden. Drei Jahrzehnte eintrittsfreie Livemusik erhalten zum Abschied eine kommunale Viertelstunde.
Dirk Dötsch eröffnet den letzten Abend
Zu Beginn sitzt Dirk Dötsch auf der Bühne. Der Gastronom hatte sich diesen letzten Biergartensommer anders vorgestellt. Kurz nach dem Saisonstart verunglückte er. Bereits nach dem Unfall setzte er sich ein Ziel: Er wollte das letzte Konzert selbst eröffnen. Nun sitzt er vor seinem Publikum und erzählt von 26 Jahren, in denen dieser Ort sein Leben bestimmte.
Dötsch kam im Jahr 2000 zum Parkrestaurant. Das Festival bestand damals seit vier Jahren. Er nennt sich den Optimierer einer Idee, die Jürgen Sieger und Walter P. Schnabel 1996 entwickelt hatten. Beide sind an diesem Abend in der Rheinaue.
Seine Rede fällt länger aus als eine übliche Begrüßung. Dötsch dankt den Gästen, den Musikern, den Stadtwerken, seinem Team und seiner Familie. In einer guten Nacht arbeiteten bis zu 30 studentische Kräfte im Biergarten. Acht Sommerwochen bedeuteten für die Beschäftigten lange Schichten und für ihre Familien einen Mann, Vater oder Partner, der kaum zu Hause war.
Dann spricht Dötsch über Menschen, die außerhalb dieser Konzertreihe wenig Gesellschaft erleben. Im Biergarten fanden sie für einige Wochen einen vertrauten Platz. Sie trafen bekannte Gesichter, hörten Songs aus früheren Jahren und gehörten zu einer Gemeinschaft, die weder Mitgliedsausweis noch Eintrittskarte verlangte.
Damit beschreibt er die soziale Leistung des Festivals genauer als jedes kulturpolitische Konzeptpapier. Einsamkeit verliert ihre Macht an Orten, an denen Menschen regelmäßig zusammenkommen. Eine kleine Bühne, ein Bier, eine Bank und ein alter Refrain können dabei mehr bewirken als manche Förderkulisse.
„Et wohr schön, et wohr joot“
Dann übernimmt Handmade. Die Band beendet das Sommerfestival traditionell. Einer der Musiker spielt seit 19 Jahren bei diesen Abschlussabenden. Der Keyboarder war bei allen 30 Ausgaben dabei. Solche Lebensläufe entstehen durch Wiederkehr, Verlässlichkeit und ein Publikum, das jeden Sommer zurückkommt.
Die Bühne ist klein, der Biergarten voll. Direkt vor den Musikern stehen die Fans Schulter an Schulter. Weiter hinten sitzen Gäste an den Tischen und Bierbänken. Manche verfolgen jedes Lied, andere unterhalten sich und steigen beim nächsten bekannten Refrain wieder ein. Der Ort war Konzertfläche, Treffpunkt, Tanzboden und Sommerlokal zugleich.
Handmade spielt Rockklassiker und jene Songs, bei denen das Publikum nach wenigen Takten weiß, was zu tun ist. Die Band muss keine historische Vorlesung halten. Gitarren, Schlagzeug und Keyboard reichen. Immer wieder steigen Arme hoch. Das Publikum bekommt seine eigene Viertelstunde und singt Pink Floyds „Another Brick in the Wall“ mit einer Lautstärke, die weit über den Biergarten trägt.
Später verdichtet sich der Abend. Der Nebel wird dichter, das Licht härter, die Bewegungen vor der Bühne werden größer. Die Bilder zeigen Menschen, die an einem Samstagabend gemeinsam Musik hören, weil die Tür offensteht und der Eintritt frei ist.
„Et wohr schön, et wohr joot, ahm Engk e’ bessje ze koot.“ Die BAP-Zeile beschreibt diesen Abend mit schmerzhafter Genauigkeit. Dreißig Jahre waren schön. Dreißig Jahre waren gut. Und sie waren ein bisschen zu kurz, weil Bonn keinen Übergang vorbereitet hat.
Walter P. Schnabel hat diesen Sommer geprägt
Nach dem Konzert spricht Walter P. Schnabel. Sein Name gehört ins Zentrum dieser Geschichte. Seit 1996 prägt er das Musikprogramm im Biergarten des Parkrestaurants. Drei Jahrzehnte lang wählte er Bands aus, pflegte Kontakte, baute Vertrauen auf und entwickelte aus einer Reihe von Auftritten einen Bonner Sommerkalender.
Die große Resonanz auf das jährliche Programm fiel nicht vom Himmel. Schnabel kannte sein Publikum. Er wusste, welche Gruppen in diesen Biergarten passen, welche Musik Menschen zum Tanzen bringt und welche Mischung sechs Konzerttage pro Woche trägt. Viele Bands betrachteten die kleine Bühne als ihr Wohnzimmer. Aus Buchungen entstanden Freundschaften, aus Auftritten feste Termine.
Am letzten Abend zieht Schnabel Bilanz. Rund 1,3 Millionen Menschen haben das Festival nach seinen Angaben in 30 Jahren besucht. In der letzten Saison verabschiedete er 47 Bands. Diese Zahlen dokumentieren eine der erfolgreichsten populären Konzerttraditionen Bonns.
Schnabel bedankt sich bei seinen „Verbündeten“, die in der Stadt weiter Musik veranstalten. Das Wort trifft die Lage. Eintrittsfreie Konzerte brauchen Sponsoren, Gastronomen, Techniker, Servicekräfte, Musiker, Fotografen und ein Publikum, das kommt, trinkt, isst und den Abend trägt.
Dreißig Jahre lang hielt dieses Bündnis. Nun verliert es seinen gemeinsamen Ort. „Bliev do, wo de bess“, singt Handmade wenig später. Die Zeile klingt wie eine Bitte an Schnabel, an die Band, an das Publikum und an das Festival selbst. Bleibt hier. Haltet euch irgendwo fest. Bleibt, wie ihr wart.
Die großzügigste Viertelstunde der Bundesstadt
Die Verlängerung um 15 Minuten wirkt an diesem Abend wie eine Karikatur Bonner Kulturpolitik. Die Verwaltung gestattet einem Festival mit rund 1,3 Millionen Besuchen, seinen Abschied bis 22.15 Uhr auszudehnen. Dann ist die kommunale Gunst aufgebraucht.
Lärmschutz und Nachtruhe gelten auch für traditionsreiche Veranstaltungen. Gerichte und Gesetze verlieren ihre Wirkung nicht durch die Zahl der Menschen vor einer Bühne. Dirk Dötsch stellte in seiner Eröffnungsrede klar, dass die Stadt während der vergangenen 30 Jahre im rechtlichen Rahmen vieles ermöglicht habe. Bundes- und Landesrecht setzen Grenzen.
Diese faire Einordnung schützt das Rathaus vor einem falschen Vorwurf. Sie befreit die Bonner Politik keineswegs von ihrer Verantwortung für die Zukunft des Festivals. Das Vertragsende war lange bekannt. Der Sanierungsbedarf des Parkrestaurants war lange bekannt. Die Konflikte um Spielzeiten und Geräuschgrenzen waren lange bekannt. Auch die kulturelle Bedeutung der Reihe konnte niemand übersehen.
Trotzdem erreichte Bonn das letzte Konzert ohne gesicherte Perspektive für die Musik. Die Politik reagiert auf das Ende mit jenem Vertrauen auf Zufälle, das „Jraaduss“ für eine private Krise beschreibt: Luftschlösser bauen, nichts mehr planen, auf nichts mehr warten. Für einen Song taugt diese Verlorenheit. Für eine Stadtverwaltung taugt sie wenig.
Das Gebäude erhält ein Konzept, die Musik eine Hoffnung
Die Stadt sucht einen Erbbaurechtsnehmer für das denkmalgeschützte Parkrestaurant. Der künftige Partner soll das Gebäude sanieren und langfristig bewirtschaften. Rund 150 Innenplätze, 200 Terrassenplätze und ein Biergarten für bis zu 650 Gäste gehören zum Standort.
Die Ausschreibung verlangt einen Sanierungsplan, gastronomische Qualität, wirtschaftliche Stabilität sowie Marken- und Serviceorientierung. Bonn spricht von einem zukunftsweisenden Konzept und der nachhaltigen Entwicklung des Areals. In der öffentlichen Beschreibung des Verfahrens fehlt eine verbindliche Perspektive für die Konzertreihe.
Das Gebäude bekommt Gutachten, Fristen und Kriterien. Die Musik bekommt die Hoffnung, ein kommender Gastronom werde sie aus freien Stücken wiederbeleben. Der Baukörper steht unter Denkmalschutz. Drei Jahrzehnte kulturelle Praxis besitzen keinen vergleichbaren Schutz.
Ein neuer Erbbaurechtsnehmer übernimmt eine teure Aufgabe. Er muss sanieren, investieren und einen wirtschaftlichen Betrieb aufbauen. Eine kostenlose Konzertreihe mit Dutzenden Bands entsteht unter solchen Bedingungen kaum als freundliche Zugabe. Wer ihre Fortsetzung will, muss sie politisch und vertraglich ermöglichen.
Die Stadt hätte frühzeitig ein Übergangsmodell entwickeln können. Sie hätte die musikalische Nutzung in der Ausschreibung verankern können. Sie hätte prüfen können, ob ein eigenständiger Veranstalter die Reihe fortführt. Schallschutz, Bühnenposition, Spielzeiten und Zahl der Konzerttage hätten lange vor der Abschiedssaison geklärt werden können.
Statt eines Fahrplans bekam Bonn eine „Last Edition“.
Der freie Eintritt war das Programm
Das SWB-Sommerfestival war laut den Stadtwerken Bonn die größte eintrittsfreie Konzertreihe des Rheinlandes. Von Dienstag bis Sonntag lief Musik. Besucher mussten weder eine Karte bestellen noch Wochen vorher einen Abend planen. Sie konnten kommen, bleiben und wieder gehen.
Diese Freiheit bestimmte das Publikum. Ältere Menschen trafen auf Studierende, Stammgäste auf Spaziergänger, Rockfans auf Familien. Wer wenig Geld hatte, stand vor der gleichen Bühne wie jeder andere. Kultur wurde Teil des Alltags, frei von Schwellenangst und Vorverkaufsgebühr.
Der Kunst!Rasen bringt internationale Künstler nach Bonn und gehört zu den Erfolgen der Stadt. Er erfüllt eine andere Aufgabe. Große ticketfinanzierte Einzelkonzerte ersetzen keine achtwöchige Reihe mit freiem Eintritt. Bonn kann beide Formate tragen. Der Erfolg eines Angebots macht den Verlust des anderen keinen Deut kleiner.
Das Sommerfestival schuf Öffentlichkeit im ursprünglichen Sinn. Menschen kamen zusammen, ohne vorher durch Preis, Szene oder Bildung sortiert zu werden. Ein bekannter Song reichte als gemeinsame Sprache. Für eine Stadt, die gern über Teilhabe redet, wäre das ein Grund zur Pflege gewesen.
Mehr als 3.900 Stimmen gegen das Vergessen
Mehr als 3.900 Menschen unterstützen inzwischen die Petition „Rettet das Sommerfestival im Biergarten der Bonner Rheinaue!“. Sie verlangen, dass die Stadt bei der Auswahl des neuen Partners eine Fortsetzung der Konzertreihe ausdrücklich ermöglicht. Auch ein separater Veranstalter soll eine Chance erhalten.
Die Forderung greift weder in die künstlerische Freiheit noch in die unternehmerische Verantwortung ein. Sie verlangt einen Ort, an dem eine solche Reihe weiterhin möglich bleibt. Nach 30 Jahren wäre das die Mindestleistung einer vorausschauenden Kulturpolitik.
Dass Tausende Bürger dafür erst eine Petition unterschreiben müssen, gehört zu den bitteren Befunden dieses Abschieds. Rund 1,3 Millionen Besuche hatten den Wert des Festivals längst belegt. Das Rathaus brauchte keine weitere Bedarfsermittlung. Es hätte handeln müssen, bevor Handmade „Jraaduss“ anstimmte.
Ein Film ohne Ende
Dann läuft die genehmigte Viertelstunde ab. Handmade spielt den letzten Song. Vor der Bühne schwanken die Arme im Takt. Der Rauch hängt unter dem Dach, Funken sprühen, Licht fällt auf Gesichter, die feiern und Abschied nehmen. Manche halten ihr Handy hoch, als ließe sich die Vergangenheit damit speichern.
„Dausendunein Naach“, singt die Band, „’ne Film ohne Schluss“. Dreißig Sommer passen in dieses Bild. Die Konzerte, die Schlechtwetterabende, die vollen Bierbänke, die Studierenden im Service, die Tänzer vor der Bühne, die älteren Stammgäste, die Freundschaften zwischen Musikern und Besuchern: Der Film läuft in der Erinnerung weiter.
Walter P. Schnabel hat das Musikprogramm seit 1996 geprägt. Dirk Dötsch hat den Ort seit 2000 weiterentwickelt. Handmade hat die Saison Jahr für Jahr beendet. Das Publikum war da. „Wat uns keiner mieh nemmp, weil et wohr ess un stemmp“: Die Vergangenheit dieses Festivals bleibt wahr. Kein Vergabeverfahren kann sie nachträglich auslöschen.
Um 22.15 Uhr endet die Sondergenehmigung. Die Instrumente verstummen. Bonn hat seine Viertelstunde gegeben. Für die Rettung einer 30-jährigen Konzerttradition braucht die Stadt mehr Zeit, mehr Phantasie und politischen Willen.
Oberbürgermeister Guido Déus, Verwaltung und Rat müssen die Musik in der Zukunft des Parkrestaurants verbindlich mitdenken. Die Petitionäre, Walter P. Schnabel, Dirk Dötsch, die Stadtwerke und mögliche Nachfolger gehören in ein gemeinsames Verfahren. Die Ausschreibung darf das Festival nicht als nostalgische Fußnote behandeln.
„Et muss irjendwo wiggerjonn – jraaduss.“ Der letzte Song lässt Bonn keine bequeme Ausrede. Weitergehen heißt hier, die Geschichte dieses Ortes fortzuschreiben. Geradeaus, durch die Verträge, Auflagen und Zuständigkeiten hindurch. Der Film braucht ein neues Kapitel.