Konstantin der Rausgeworfene schießt weiter

Das DuMont-Familiendrama nimmt kein Ende. Auch nach dem Rauswurf des Verlegersohnes Konstantin geht die Schlammschlacht weiter. So hilft es wohl nichts, wenn die DuMont-Blätter sich eine Einmischung in die inneren Angelegenheiten verbitten und Warnungen gegen die Konkurrenz aussprechen. Prompt folgte eine harte Replik von Stefan Niggemeier, die er vorgestern auf seinem Blog unter der Überschrift „DuMont: Kommunizieren wie Nordkorea“ veröffentlichte: „Jetzt sind sie wirklich verrückt geworden bei M. Dumont Schauberg (MDS), und ich meine damit nicht den Verlegersohn.
Seit Wochen demonstriert das Unternehmen, dass es ein Kommunikationsproblem hat, das viel größer ist als der merkwürdige Mitteilungsdrang von Konstantin Neven DuMont. Im Verlag glaubt man, selbst bestimmen zu können, wie viel in anderen Medien über den Machtkampf, der im Haus tobt, berichtet wird. Zunächst versuchte man es mit Totstellen und Schweigen, dann mit einer politbürohaften Verlautbarung. Weil sich beides als untauglich erwies, die Berichterstattung zu stoppen oder wenigstens im eigenen Sinne zu beeinflussen (was außerhalb des Verlages niemanden überrascht haben wird), greift das Haus nun zum nächsten klassischen Mittel und geht zum propagandistischen Gegenangriff über.“

Heute nun meldet sich Konstantin der Rausgeworfene wieder in der von DuMont heiß geliebten Bild Köln zu Wort. Die Gesellschafter und der Aufsichtsrat von Neven DuMont würden unverantwortlich handeln. „Von Anfang an sind Dinge kommuniziert worden, die so nicht stimmen“, kritisiert KND. Das Ganze sei eine PR-Katastrophe, die aber tragische Züge habe. „Die haben geglaubt, alle Menschen würden sich auf ihre Seite schlagen. Seit ich dort raus bin, ist die Qualität dramatisch gesunken.“ Von dem Rausschmiss erfuhr er wohl erst aus dem Internet – was so einiges zum zerrütteten Verhältnis zwischen Vater und Sohn aussagt. Der Streit sei noch lange nicht abgeschlossen – was die Medienjournalisten des Landes sicherlich genussvoll zur Kenntnis nehmen: „Ich habe immer noch keine Begründung für meine Beurlaubung. Und auch kein Angebot zur Vertragsauflösung. Außerdem zieht sich der Verkauf meiner Anteile schon viel zu lange hin.“

Da werden die Weihnachtsgeschenke von Papi in diesem Jahr wahrscheinlich etwas kleiner ausfallen. Trotzdem wünsche ich der Neven DuMont-Familie ein frohes Fest.

Siehe auch:
Geschasster DuMont kritisiert Aufsichtsrat.

Konstantin Neven DuMont verlässt den Verlagsvorstand! Echt trollig!

Der Verlagserbe und Herausgeber der „Frankfurter Rundschau“ Konstantin Neven DuMont will sich angeblich beim Verlag M. DuMont Schauberg aus dem Vorstand zurückziehen. Er denke schon seit einiger Zeit darüber nach, aus dem Gremium auszuscheiden, sagte er dem SPIEGEL. Er sei letztlich „doch mehr auf der kreativen Seite“ zu Hause, nicht so sehr „Verwalter“. Die Idee, dass er in den Aufsichtsrat wechselt, finde er mittlerweile reizvoll. Am liebsten wäre ihm, er könne seine Energie in kleinere Eigenproduktionen etwa über Öko-Themen stecken.

Nach dem ganzen Theater um die Kommentare auf dem Blog von Stefan Niggemeier wäre der Rückzug eine faustdicke Überraschung. Auf der Vorstandsetage des Verlages geht es wohl derzeit recht ungemütlich zu. „Auch wenn es öffentlich niemand äußern mag: Es gibt die Sorge, dass Konstantin seiner Rolle als künftiger Konzernchef nicht gewachsen sei. Bestärkt sehen sie sich in ihrer Annahme durch den Kommentar-Streit“, so der Spiegel.

Bizarr ist nun auch das Ansinnen des Sekretariats von Konstantin Neven DuMont. Es bitte Niggemeier darum, alle Kommentare, die unter seiner Email-Adresse gepostet werden, zu sperren und nicht mehr zu veröffentlichen. Da hätte er aber einiges zu tun, wie wohl ein so ein Löschungsbegehren zudem genau das Gegenteil bewirkt – müsste sich auch in Köln herumgesprochen haben.

„In der Mail war der Kontakt einer Verlagssprecherin angegeben, an die ich mich ‚bei Rückfragen‘ wenden solle. Tatsächlich hatte ich einige Rückfragen, die naheliegendste davon lautete: Warum? Ich fragte sie also, warum ich solche Kommentare sperren soll, ob das der Wunsch des Verlages oder von Konstantin Neven DuMont sei, ob dem Verlag bewusst sei, dass damit Herr Neven DuMont nicht mehr bei mir kommentieren könne, und ob das beabsichtigt sei? Ich erhielt keine Antwort“, schreibt Niggemeier.

So ein wenig erinnert mich das Ganze an den WeDeppen-Fall.

Trolliges Medienecho und helles DuMont-Entsetzen

Die Affäre um anonym abgegebene Kommentare im Blog von Stefan Niggemeier, die zumindest vom Rechner des Verleger-Sohnes Konstantin Neven DuMont stammen, zieht größere Kreise. Meedia hat das Presseecho zusammengefasst: Die FTD, die Süddeutsche und die FAZ haben den Skandal um „erfundene Kommentatoren“, „wilde Vermutungen“ und „einen mitteilsamen Verleger“ aufgenommen. Gut kommt DuMont dabei nicht weg. Die Financial Times Deutschland (FTD) stellt sogar die Frage: „Wer bin ich und, wenn ja, wie viele?“

FTD-Autor Matthias Oden bringt das Blog-Theater auf den Punkt: “Es ist ein gewaltiger Vorwurf, der da mitschwingt: Ein Verleger, der anonym einen mehrfach für seine Verdienste um die deutsche Medienlandschaft ausgezeichneten Blogger zu diskreditieren versucht?….Und eigentlich wäre Neven DuMonts Antwort schon unangenehm genug für ihn: Mitarbeiter eines Konzernvorstands, die ohne dessen Wissen von seinem Rechner aus Feldzüge gegen den Kritiker des Chefs führen – es gibt Eingeständnisse, die leichter fallen. (Ahnlich habe ich das auch gewertet. Was sagen eigentlich die Verlagsmanager, die für die IT-Sicherheit verantwortlich sind, zur Aussage ihres Vorstandsmitgliedes??????, gs) Aber es kommt noch dicker: Denn Niggemeier zufolge erreichen ihn noch immer Kommentare von Neven DuMonts Computer. Und wenn beide, Neven DuMont und Niggemeier, die Wahrheit sagen, führt das wiederum zu der Frage: Wer greift da gegen den erklärten Willen von Neven DuMonts auf seinen Rechner zu? Wie auch immer die Antwort darauf ausfallen mag, in einem hat Niggemeier wohl recht: ‚Es ist eine bizarre Geschichte.’”

Unruhig ist wohl auch die Stimmungslage verlagsintern. So schreibt die Süddeutsche Zeitung: „Es gibt nicht wenige Leute in der Verlagswelt, und viele davon arbeiten für DuMont, die die Kommunikationslust des jungen Verlegers lustig finden. Doch das Amüsement ist verflogen. Es herrsche ‚helles Entsetzen‘, heißt es aus dem Umfeld der Unternehmensführung. Es geht um eine E-Mailadresse und sehr viele Identitäten. Und es geht um den Ruf des Hauses DuMont.“

Und wenn die Aussagen von Konstantin Neven DuMont zutreffen sollten, stellt sich die Frage nach seinen Qualitäten als Vorstandsmitglied eines großen Medienverlages in Deutschland. Schließlich verantwortet er einen wichtigen Geschäftsbereich: Unternehmensstrategie und Kommunikation.

Eine trollige Verlagsgeschichte

„Ist es denkbar, dass einer der wichtigsten Medienmanager Deutschlands über Monate in diesem Blog unter einer Vielzahl wechselnder Pseudonyme eine dreistellige Zahl von teils irren Kommentaren abgibt, in denen er auf eigene Beiträge verweist, mich und seine Konkurrenz beschimpft, wüste Verschwörungstheorien strickt und seine verschiedenen Identitäten miteinander diskutieren lässt“, fragt sich der Blogger Stefan Niggemeier („Eine systematische Störung“). Es geht immerhin um das Verlegersöhnchen Konstantin Neven DuMont, der im Vorstand der Mediengruppe DuMont sitzt, der unter anderem „Frankfurter Rundschau”, „Berliner Zeitung”, „Kölner Stadtanzeiger” und „Hamburger Morgenpost”, Buchverlage und Radiobeteiligungen gehören. „Es gilt als ausgemacht, dass er das publizistische Erbe seines mächtigen Vaters Alfred antreten soll“, schreibt Niggemeier.

Den Jahreswechsel verbrachte Konstantin Neven DuMont damit, Dutzende Kommentare im Blog von Niggemeier abzugeben, in denen er unter anderem von gefiltertem Brunnenwasser schwärmte, sich vornahm, CO2-Emissionen zu reduzieren und Liebe stärker zuzulassen, und ein Videoblog ankündigte, in dem er politische Lieder und Liebeslieder singt. (Was soll aus diesem Verlag bloß noch werden? gs).

„Nachdem sein Kommunikationsverhalten auch verlagsintern Aufmerksamkeit erregt hatte, war plötzlich Schluss. Am 10. Januar abends erschien noch ein versöhnlicher Kommentar. Es war der letzte, der den Namen ‚Konstantin Neven DuMont‘ trug. Doch auch danach wurden Kommentare abgegeben, bei denen als Absender seine E-Mail-Adresse eingetragen war — keine leicht zu erratende Verlagsadresse, wohlgemerkt. Es spricht viel dafür, dass diese Kommentare auch von seinem Internetanschluss abgegeben wurden“, führt Niggemeier weiter aus.

Im September eskalierte dann die Situation. Der Unbekannte erhöhte dramatisch seine Kommentarfrequenz. „Teilweise gab er an einem einzigen Tag 33 Kommentare ab. Auch die Zahl der verwendeten Pseudonyme nahm dramatisch zu“, so Niggemeier. Allein in den vergangenen sechs Wochen kommentierte er unter über 100 (!) Pseudonymen, die im Blogpost von Niggemeier nachzulesen sind. Teilweise simulierte der Kommentator ganze Dialoge, in denen sich seine verschiedenen Identitäten miteinander unterhielten und gegenseitig bestätigten. Er kündigte drohend an, dass „zahlreiche investigative Recherchen” den „Machenschaften” von Niggemeier auf der Schliche seien.

Noch interessanter ist die Reaktion des Verlagssohnes in einem Interview mit dem Dienst Meedia.

Auf die Frage „Wie ist es Ihnen gelungen, die anonymen Kommentatoren zu überführen?“ antwortet Konstantin Neven DuMont:

„Dank Stefan Niggemeier ist mir das gelungen. Er hat mich auf dieses Problem aufmerksam gemacht.“ Zwei Personen aus seinem Umfeld hätten die Kommentare abgegeben. Er hat sie darum gebeten, keine weiteren Einträge unter seiner Mailadresse zu veröffentlichen.
Sie hatten Zugang zu seinem Rechner. „Im Nachhinein war das natürlich ein Fehler“, so Neben DuMont. Rechtliche Schritte erwägt er nicht.
Er habe noch nie jemanden persönlich angezeigt. Nichtsdestotrotz findet er die Methoden von Stefan Niggemeier bedenklich. Soweit die Antworten.

Ich nehme mal an, dass der Rechner in der Regel im Büro des Verlegers steht. Zwei Personen haben Zugang zu diesem Rechner und können sich dort austoben und fast täglich eine Vielzahl von Kommentaren unter Verwendung von über 100 Pseudonymen im Blog von Niggemeier plazieren und mit sich selbst über Niggemeier diskutieren? Was macht der Verleger in dieser Zeit? Ist er auf dem Klo, in der Kantine, arbeitet er virtuell in seinem Büro, gibt es kein Vorzimmer, kommt jedermann an den Computer des Verlegers, hat er kein Passwort und, und, und? Waren es nur zwei Personen? Waren es enge Mitarbeiter oder Menschen, die einfach zufällig mal hineinspazieren in die heiligen Hallen des Verlages und ein wenig im Netz herumsurfen? Die Replik ist jedenfalls urkomisch. Übrigens auch die direkte Antwort von Neben DuMont an Niggemeier:

„Ulrike Langers These, dass dieser Beitrag Tagesgespräch beim DuMont Verlag werden wird, teile ich ich nicht. Wie gesagt, anonyme Kommentare werden dort nicht ernst genommen.“ Ja aber anonym können diese Kommentatoren doch jetzt nicht mehr sein. Er weiß jetzt, dass es sich um zwei Personen (des Verlages?) handelt, die an seinem Computer fleißig Blogkommentare schreiben. Beispielsweise zum Beitrag „Ein Sandkasten für Konstantin Neven DuMont“. Für den Verlagsflurfunk gibt es also reichlich Diskussionsstoff, da hat Ulrike Lange recht!

Angela Merkel und die Leerformeln der Politik – Medien sollten das Funktionärsgeschwätz ignorieren

„Wir haben ganz klar gesagt, wir müssen jetzt zeigen, 2011, 2012, 2013, 2014, die gesamte mittelfristige Finanzplanung muss überschaubar sein, und damit kommt Stabilität und Verlässlichkeit auch in diese Dinge hinein. Trotz aller schwieriger Entscheidungen sage ich: Dieses ist notwendig. Notwendig für die Zukunft unseres Landes. Auch wenn, das will ich ganz deutlich sagen, es ernste Stunden waren und ich es auch für eine durchaus ernste Situation für unser Land halte, aber ich bin optimistisch, dass wir das schaffen können, wenn wir das jetzt auch so umsetzen, und das ist uns in harter Arbeit gelungen.“ So oder ähnlich klingen die Leerformeln von Kanzlerin Angela Merkel zur Rechtfertigung der schwarz-gelben Sparbeschlüsse. Warum kommen Politiker mit ihrer Worthülsen-Rhetorik in jede Hauptnachrichtensendung und dominieren einen Tag später die Schlagzeilen fast aller Tageszeitungen in Deutschland? So schreibt Stefan Niggemeier in der FAZ (Die Sprache der Kanzlerin): „Tragisch ist es allerdings, wenn der interessierte Bürger nicht einmal mehr in den Journalisten Verbündete hat im Kampf gegen die erschütternde Sprachlosigkeit der Mächtigen. Nach der traurigen Präsentation von Wulff als Präsidentenkandidaten, die weniger als vier Minuten dauerte, an deren Ende die routiniert vorgetragenen Leerformeln schon wieder vergessen waren, zeigte sich die Hauptstadtbüroleiterin des ZDF sehr angetan. ‚Dieses war, wie es sein sollte‘, kommentierte Bettina Schausten direkt im Anschluss, ’nämlich eine würdige Präsentation. Alle haben dies kurz und knapp, aber durchaus mit Freude im Gesicht absolviert.‘ Als ‚würdig‘ müsste man demnach ungefähr jeden öffentlichen Auftritt bewerten, der ohne Einsatz von Furzkissen auskommt.“

Wer zwingt eigentlich die klassischen Medien dazu, die täglichen Phrasendreschereien von Politikern aufzugreifen? Beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk ist es sicherlich der Parteienproporz in den Aufsichtsgremien, der als Grund für Hofberichterstattung angeführt werden kann. Warum wird das Gleiche von Nachrichtenagenturen und Tageszeitungen praktiziert? Vielleicht wäre es ein probates Mittel für eine Printmedien-Frischzellenkur, die Reden von Politikern sowie die Verlautbarungen von Parteien und Verbänden zu ignorieren. „Über politische Sprechblasen wahrheitsgemäß berichten heißt ja: In redlicher Absicht die Zeitung mit Schönfärbereien und Irreführungen füllen; je weniger sie davon druckt, desto höher steigt also ihr Wahrheitsgehalt. Halbiert würde dabei auch die schiere Langeweile“, so die Empfehlung des Sprachkritikers und Publizisten Wolf Schneider. Wenn Redaktionen das verschnörkelte Geschwätz und die ritualisierten Statements von Funktionären drastisch reduzieren würden, wäre das Balsam für die politische Berichterstattung. Es steigt die Glaubwürdigkeit und das politische Interesse.

Wenn sich das nicht ändert, hilft nur eins: Abschalten und Abos kündigen.

Ob mit oder ohne Manifest: Bei vielen Massenmedien werden die Lichter ausgehen

Es gibt das Kommunistische Manifest, das Manifest des Surrealismus, das konsumistische Manifest, das Cluetrain-Manifest und nun das Internet-Manifest. Nach dpa-Meinung soll es ein Beben ausgelöst haben – aber wer spürt denn da wirklich die Schwingungen unter seinen Füßen? Die Autoren haben ihre 17 Behauptungen. als Gegenentwurf zur „Hamburger Erklärung“ formuliert, in der über 160 Verleger Ende Juni einen besseren Schutz des geistigen Eigentums im Internet verlangt hatten. Man kann viele Positionen unterschreiben. Etwa: „Das Internet ist ein Medienimperium in der Jackentasche. Das Web ordnet das bestehende Mediensystem neu: Es überwindet dessen bisherige Begrenzungen und Oligopole. Veröffentlichung und Verbreitung medialer Inhalte sind nicht mehr mit hohen Investitionen verbunden. Das Selbstverständnis des Journalismus wird seiner Schlüssellochfunktion beraubt – zum Glück. Es bleibt nur die journalistische Qualität, die Journalismus von bloßer Veröffentlichung unterscheidet.“ Oder: „Wenn Medienhäuser weiter existieren wollen, müssen sie die Lebenswelt der Nutzer verstehen und sich ihrer Kommunikationsformen annehmen. Dazu gehören die sozialen Grundfunktionen der Kommunikation: Zuhören und Reagieren, auch bekannt als Dialog.“ Richtig ist auch: „Internet-Zugangssperren gleich welcher Form gefährden den freien Austausch von Informationen und beschädigen das grundlegende Recht auf selbstbestimmte Informiertheit.“ Auch die anderen Punkte beschreiben die Realität einer neuen Medienwelt, die von den Großverlagen einfach nicht akzeptiert wird. Pech gehabt. An den System-Defiziten werden die meisten Medienmacher scheitern und das kann uns doch ziemlich Wurscht sein.

Das ist eine Chance für all jene, die ohne große Overhead-Kosten spannende Projekte auf den Markt bringen – und das sogar in Printform, wie beispielsweise Dummy. Das hat Dummy-Herausgeber Oliver Gehrs hervorragend analysiert: „Die großen Verlage sind nur auf ihre Rendite erpicht. Sie wollen keine Innovationen machen. Sie haben alle journalistischen Spielwiesen, die wirklich Spaß machen, gestrichen, weil sie nicht den Renditezielen entsprachen. Ich habe eine denkbar schlechte Meinung von dieser Medienlandschaft, vor allem im Printbereich“, sagte Gehrs beim Medienforum Mittweida schon vor zwei Jahren! Verlage hätten es verschlafen, wirkliche Marken im Internet zu etablieren. Die Online-Auftritte seien lange Zeit nur Abflussrohre der Printausgaben gewesen.

Die Massenblätter seien dazu verdammt, immer den kleinsten Nenner zu finden. Sie müssten an den Studienrat in Heidelberg und an die 25-Jährige in Berlin-Mitte denken. Dieser Spagat würde nicht mehr funktionieren. „Wenn man den Stern oder den Spiegel liest, kriegt man ständig gesellschaftliche Zustände beschrieben, die es so gar nicht gibt. Zumindest nicht in diesen großen gesellschaftlichen Clustern. Diese Gesellschaft, die da abgebildet wird, ist so nicht mehr existent. Etwa die Neue Bürgerlichkeit. Die kann man finden, aber auch genau das Gegenteil. Oder die Neue Gemütlichkeit in Berliner Kneipen (Stern-Bericht). Auch das kann man antreffen. Man könnte aber schreiben, die Neue Kühle in Berliner Kneipen. Es gibt mittlerweile so viele Lebensstile, die nebeneinander existieren. Die Welt wird immer dialektischer“, erklärte Gehrs.

Massenmedien würden noch immer dem großen gesellschaftlichen Kanon hinterherlaufen. Die Zeit für hohe Printauflagen mit einer Million Auflage sei endgültig vorbei. Die großen Tanker mit ihrem Themen-Mainstream ohne Trennschärfe könnten die reale Welt immer weniger abbilden. Daran werden auch die krampfhaften Abwehrschlachten der Verleger nichts ändern. In Zukunft werde es immer mehr Publikationen geben, die vielleicht 80.000 Leser erreichen. Das sei das Dilemma der großen Verlage, die nur in Dimensionen von 250.000 aufwärts rechnen. Ein Heft wie Dummy werde es bei Gruner & Jahr, Burda oder Bauer nie geben. Diese Konzerne könnten nicht in kreativen Einheiten denken. Da müsse jeder als Profit Center dazu beitragen, dass die Verlagsbosse auch schön in ihren Dienstwagen fahren können. Die Verlagskonzerne seien nicht in der Lage, gesellschaftliche Veränderungen zu spüren und publizistisch abzubilden.

Der Journalismus-Professor Stephan Ruß-Mohl sieht es ähnlich: „Die Verlagsmanager haben sich an entscheidenden Stellen verkalkuliert. In der ‘guten, alten’ Zeit hatten die meisten Blätter regionale oder lokale Oligopole oder Monopole, also eine marktbeherrschende Stellung. Damit konnten sie bei den Anzeigenpreisen kräftig zulangen. Über Jahrzehnte hinweg erzielten sie Traumrenditen, von denen nicht nur viele Verleger, sondern auch so manche Redakteure in ihren Nischen wie die Maden im Speck lebten. Im Internet herrscht dagegen Wettbewerb. Der Konkurrent, der auf dieselben Anzeigenkunden hofft, ist nur einen Mausklick entfernt. Deshalb schrumpfen bei den Werbeumsätzen die Margen, aus denen sich früher Redaktionen großzügig finanzieren ließen“, so Ruß-Mohl. Für die Werbetreibenden seien das paradiesische Zustände. Sie könnten ihre Zielgruppen ohne allzu große Streuverluste über das Internet sehr viel besser erreichen und müssten das Geld nicht mehr zum Fenster rausfeuern.

Und noch ein Trend schröpft die Verlage: Wer nach einer neuen Freundin Ausschau hält oder sein Auto zum Verkauf anbietet, kann online inzwischen gratis oder für wenig Geld seine Ziele erreichen. Hier hilft die Silo-Taktik der Verlagsmanager nicht weiter. Die entsprechenden Portale laufen auch ohne Nachrichten-Content!
Offensichtlich fehlt vor allen Dingen den Medienmachern in Deutschland eine klare Strategie. Zu lange haben sie das Thema heruntergespielt. Sie haben über Jahre das eigene Niedergangs-Szenario verdrängt, kritisiert Ruß-Mohl.

Das Internet hat die Autorität der Massenmedien untergraben und sie vom Nachrichtenthron gestoßen. Psychologisch ist das wohl schwer zu verkraften. Braucht uns nicht zu interessieren. Es gibt keine Selektionsmacht mehr, die früher den Nachrichtenstrom in ein Rinnsal verwandelt hat. Auch die Urheberschlachten, Abmahnsysteme der Nachrichtenagenturen und sonstige neuen Strafmaßnahmen gegen die Internetwelt ändern nichts an den technologisch bedingten Änderungen der Geschäftsgrundlage, die Professor Ruß-Mohl dargelegt hat. Die Kohle für Werbung, Immobilien-, Klein- und Kontaktanzeigen wandert immer mehr ins Web ab. Dafür braucht man keine klassischen Verlage mehr. Und auch der mediale Einheitsbrei der Tageszeitungen kann uns gestohlen bleiben. Sehr hübsch übrigens in der September-Ausgabe des DJV-Verbandsmagazins „journalist“ unter die Lupe genommen. „Crossmedial total“ war beispielsweise eine Artikel-Verzahnung des Iran-Korrespondenten Martin Gehlen. „Sein Beitrag über den Schauprozess gegen Clotilde Reiss stand weitgehend identisch nicht nur in der Frankfurter Rundschau und im Kölner Stadtanzeiger, sondern auch in der WAZ, der Westfälischen Rundschau und der Neuen Ruhr Zeitung.“ Identitäten stellte der journalist-Autor sogar bei Zeichensetzungsfehlern fest.

Und wenn man sich die Politik- und Wirtschaftsberichte in Regionalzeitungen anschaut, bekommt man angesichts der Flut von Meldungen der einschlägig bekannten Nachrichtenagenturen das Grausen. Die Gesternzeitungen konkurrieren halt mit der Tagesschau von gestern. Mit oder ohne Manifest. Bei vielen Massenmedien werden die Lichter ausgehen. Gute Nacht!

Ziel sei es nach Angaben von Manifest-Co-Autor Stefan Niggemeier übrigens gewesen, eine Debatte zu entzünden. Dies sei zweifelsohne gelungen, auch wenn sich bislang kaum Verleger zu Wort gemeldet hätten. Er geht aber schon davon aus, dass dies in den Verlagen aufmerksam zur Kenntnis genommen wird. Jo, zur Kenntnis nehmen kann man viel. Passieren wird in den Verlagen wenig.

Siehe auch:
Web verreißt das Internet-Manifest.