Lanier und der digitale Angstschweiß: Vom gescheiterten Unternehmer zum „Internet-Pionier“ #fbm14 #Lebenzerstört

Solche Abbildungen haben mein #lebenzerstört
Solche Abbildungen haben mein #lebenzerstört

Auf der Frankfurter Buchmesse gab es bei einigen Verlagsmitarbeitern ein selbstzufriedenes Lächeln, wenn der diesjährige Friedenspreisträger Jaron Lanier zur Sprache kam. Er spricht das an, was viele andere schon immer mal sagen wollten:

„Das Internet zerstört unser Leben.“

Oder wie es Nico Lumma in einem ironischen Zwischenruf auf Facebook formuliert:

„Die Rückwärtsgewandten haben ihre Vaterfigur gefunden. Alles soll wieder so werden, wie es nie war.“

Lanier bedient zumindest in Deutschland den vorurteilsbeladenen Kanon der Internet-Skeptiker, die am liebsten wieder zur Tagesordnung des traditionellen Geschäfts übergehen wollen. Was der Friedenspreisträger und seine Apologeten in die Welt posaunen, sagt mehr über das Weltbild der Kritiker als über die Wirklichkeit aus, betont Tim Cole, Co-Autor des Opus „Digitale Aufklärung – Warum uns das Internet klüger macht“.

Sie sehen die Menschen als Vieh, das nur stumm wiederkäuen könne und sich im Rudel bewegt. Ohne mediale Hirten könnte man die Zumutungen des digitalen Lebens nicht überstehen.

In Wahrheit geht es beim kollektiven Gejammere um Machtverschiebungen oder um enttäuschte Erwartungen, wie bei Lanier, der das Internet für Maoismus hält und dabei wohl nur seine eigenen gescheiterten Projekte als Risikokapital-Unternehmer kompensiert.

#Lebenzerstört, zumindest das unternehmerische Leben von Jaron Lanier
#Lebenzerstört, zumindest das unternehmerische Leben von Jaron Lanier

Lanier gar als „Internet-Pionier“ zu titulieren, liegt wohl eher am Bestreben der Preisjury des Börsenvereins zur Glanzerhellung des gekürten Autors.

Der mediale Hype um den „Programmierer, Sänger und Autor“, der vor Jahren erfolglos mit Avataren herumexperimentierte, hat eher den Charakter eines „Wrestling-Events“, wie es der Soziologe Gerhard Schulze ausdrückt. Statt Inhalte werden nur Etikettierungen ausgetauscht.

Die einen sind Panikmacher, die anderen Zyniker. Man geht zur Tagesordnung über und sucht sich einen neuen Spielplatz, um „Alarm“ zu brüllen. Am Status quo der digitalen Transformation von Wirtschaft, Politik und Gesellschaft ändert das leider gar nichts.

Die eBook-Verlegerin Christiane Frohmann hat das in einem interessanten Vortrag in der digitalen Arena der Frankfurter Buchmesse als „Angstgemeinschaften“ definiert, die sich bilden, um etwas Erhaltenswertes zu schützen und sich gegen Veränderungen zu sperren.

Man sucht Gleichgesinnte zur Abschottung und zur Ausblendung des nötigen Wandels. Dabei geht es der Content-Startup-Szene gar nicht darum, die Buchkultur in Frage zu stellen. Man sollte allerdings etwas unbefangener mit der Digitalisierung und den virtuellen Gütern umgehen.

Guter Content müsse in einer komfortablen und bezahlbaren Form zur Verfügung gestellt werden. Dem Leser müsse es leicht gemacht werden, digitale Formate abzurufen, fordert Frohmann. Das ist eine Lektion, die man in der Musikbranche mittlerweile gelernt hat.

Und das die Virtualisierung sogar die analogen Verlagsangebote beflügeln kann, belegen die Anbieter von Hörbüchern.

Hier wirken die Abrufe auf iTunes und anderen Plattformen als Katalysator für die klassischen Angebote, wie uns Heike Völker-Sieber, eine der Sprecher/innen des Arbeitskreises der Hörbuchverlage im Börsenverein des Deutschen Buchhandels und Hörverlag-Pressechefin sowie dessen Verlagsleiterin Claudia Baumhöver im Wortspielradio-Interview auf der Buchmesse bestätigten.

Ob das auch bei Hörbüchern so bleibt, kann ich mir allerdings für die Zukunft nicht so ganz vorstellen. Zumindest, wenn es um die CD-Angebote geht.

Bei Vinyl sieht das anders aus, weil es hier mehr Möglichkeiten für die Cover-Gestaltung geht und es eine treue sowie wachsende Fangemeinde gibt.

Vielleicht hilft manchmal auch eine Portion Größenwahn weiter, um Neues zu wagen, wie die Gründer von Sobooks, die Amazon herausfordern wollen.

Gespannt bin ich auf die EDITION SOCIAL von Gerhard Schröder, der beim eBook neue Wege gehen will.

Ich selbst plane ein eBook im Frühjahr 2015 pünktlich zur Leipziger Buchmesse. Mehr dazu verrate ich in den nächsten Tagen.

Sobooks oder: Das Buch als Website #fbm13 #StreamCamp13

Lobo

Es dürfte ja mittlerweile bekannt sein, wie Hannes Schleeh und ich mit dem Crowdfunding-Buchprojekt über die Streaming Revolution “Hangout on Air” gnadenlos gescheitert sind.

Es sollte ein fließendes Un-Buch sein, um bei einem so dynamischen Technologiethema zum Erscheinen des Werkes nicht sofort wieder hinter dem Mond zu landen. Die Erscheinungsform wollten wir bewusst in der Schwebe halten, um Neuigkeiten sofort aufnehmen zu können. Aber uns war nicht ganz klar, ob das als eBook möglich sein würde.

Entsprechend zweifelnd reagierte die Netz-Community auf unsere Projektbeschreibung. Beim Social Media Club in Bonn gab es bei der Vorstellung unserer Startnext-Idee eine Frage, die mich grübelnd zurückließ: Warum macht Ihr das Buchprojekt nicht in Form einer Website? Anfänglich hielt ich das für Blödsinn.

Streaming Revolution

Etwas später waren wir davon überzeugt, eine Melange aus App, Website und eBook auf den Markt zu bringen. Es gibt einen Startpunkt aber kein Ende des Werkes. Wir halten unser Opus bewusst in der Schwebe, um Neuheiten, die sich bei Streaming-Technologien ereignen, sofort aufzunehmen. Leider kam die Erkenntnis zu spät – der Finanzierungszeitraum war schon fast abgelaufen.

Inspiriert hat uns vor allem Dirk von Gehlen mit seinem Startnext-Buchprojekt „Eine neue Version ist verfügbar“.

“Es geht nicht mehr einzig um das Werkstück, das früher auf analoge Datenträger gebannt wurde. Ein Film, ein Song, ein Text (und alle digitalisierten Werkstücke) werden ihren besonderen Zauber künftig immer mehr aus dem Prozess ihres Entstehens ziehen, denn einzig aus dessen Resultat.“

Crowdfunding-Buchpionier Dirk von Gehlen

Gehlen sieht die Analogie zum Fußball: Die Fans im Stadion wollen mitfiebern, reinrufen, teilnehmen, jubeln und sich ärgern.

“Und das tun sie nicht nur wegen der Resultate. Das tun sie, weil Fans, Spieler und Öffentlichkeit gemeinsam ein Erlebnis schaffen können, das mindestens ebenso wichtig sein kann wie das Ergebnis. In einer Welt, in der die Ergebnisse kopierbar und kaum zu halten sind, könnte der Blick auf das Erlebnis neue Perspektiven öffnen.”

Um so überraschter bin ich jetzt von dem programmatischen Konzept des neuen Verlages „Sobooks“, das am Mittwoch auf der Frankfurter Buchmesse von Sascha Lobo und Christoph Kappes vorgestellt wird.

Im Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung (FAS) hat Sascha Lobo die Idee der Firmengründung ausführlich erläutert. So doof waren wohl unsere Gedanken über das Buch zur Streaming Revolution gar nicht:

„eBook, wie wir sie heute kennen, sind nur das, was die Digitalisierung aus dem Buch gemacht hat – was aber machen Internet und soziale Medien aus dem Buch? Mit Sobooks versuchen wir, das zu beantworten, was allerdings dazu führt, dass jedes Buch, das man auf Sobooks kaufen kann, vollständig im Netz steht.“

Und jetzt kommt es: Bücher seien bei uns eigentlich Websites, schon um die Kraft des Internets zu nutzen. Ein Buch könne verschiedene Formen annehmen – jenseits von Kopierschutz-Systemen wie DRM.

Auch ein Buch könne – rein technisch betrachtet – die Form einer speziellen Website annehmen.

„Vielleicht muss es das sogar, um mit dem Netz seinen vollen wirtschaftlichen und kulturellen Mehrwert auszuschöpfen.“

Wenn das Buch im Browser stattfindet, könne man auch die vielen Instrumente nutzen, mit denen sich hervorragend Informationen verbreiten lassen. Und das gilt auch für die Interaktion. „Sobooks-Leser können im Buch selbst über das Buch diskutieren. Das ist wichtig, weil Bücher das Gesprächsthema Nummer eins sind, und wir glauben, dass es keinen organischeren Ort für diese Diskussion gibt als das Buch selbst.“

Lobo spricht von einem bereichernden Diskussionstrubel und knüpft damit nahtlos an das Dirk von Gehlen-Credo an.

Vielleicht sollten wir unser Streaming-Buchprojekt noch einmal bei Sobooks starten. Wir könnten das auf dem StreamCamp13 am 16. und 17. November in einer Session diskutieren.

Siehe auch:

Dirk von Gehlen: “…das unkopierbare Erlebnis der Teilhabe.”

Drei spannende Buch-Startups abseits des Selfpublishing.