Siemens-Chef Roland Busch und die Visionen für ein industrielles Metaverse

„Der CEO von Siemens, Roland Busch, hielt während der CES-Keynote eine beeindruckende Rede. Er präsentierte das Konzept des ‚Industrial Metaverse‘, das auch aus Deutschland kommen soll und verschiedene Anwendungsbereiche bietet. Das Industrial Metaverse ist eine Weiterentwicklung des digitalen Zwillings, der die analoge und digitale Welt miteinander verbindet“, schreibt Sascha Pallenberg in seinem Newsletter mit einer sehr spannenden Rückschau auf die CES in Las Vegas.

Tenor des Auftritts von Siemens:

Technologie hat das Potenzial, unser Leben in vielerlei Hinsicht zu verbessern. Sie kann uns unterhalten, heilen, verbinden und schützen. Technologie verändert die Art und Weise, wie wir die Welt sehen, miteinander interagieren und die Zukunft gestalten. Mit Technologie können wir die größten Herausforderungen unserer Zeit bewältigen, wie zum Beispiel die Sicherung der Nahrungsmittelversorgung, den Zugang zur medizinischen Versorgung, die Nachhaltigkeit und den Umweltschutz.

Die CES 2024 ist eine Feier all dessen, was die Technologie der Menschheit zu bieten hat. Es herrscht eine positive Energie und wir bewegen uns mit Hoffnung und Zuversicht vorwärts. Gemeinsam arbeiten wir daran, die Welt zu einem besseren Ort zu machen.

Das industrielle Metaverse ist eine virtuelle Welt, die die reale und die digitale Welt miteinander verbindet. Es ermöglicht uns, das Tempo des Fortschritts zu beschleunigen und dringende Probleme anzugehen. Mit dem industriellen Metaverse können wir Innovationen vorantreiben, Nachhaltigkeit fördern und den Zugang zu neuer Technologie erleichtern. Es ist ein Ort, an dem die reale und die digitale Welt kombiniert werden, um industrielle Innovationen zu schaffen.

Der digitale Zwilling ist ein zentraler Bestandteil des industriellen Metaversums. Er ist keine einfache 3D-Darstellung, sondern eine physikalisch basierte Simulation. Mit dem digitalen Zwilling können wir komplexe Systeme wie Flugzeuge, Stromnetze und Fabriken simulieren und optimieren. Dadurch können wir Probleme frühzeitig erkennen und Lösungen entwickeln, bevor ein physisches Produkt hergestellt wird.

Die softwaredefinierte Automatisierung ist ein weiterer wichtiger Baustein des industriellen Metaversums. Sie ermöglicht es uns, Fabriken effizienter und nachhaltiger zu machen. Durch den Einsatz von softwaredefinierten Automatisierungssystemen können wir Produktionsprozesse optimieren und Energie sparen.

Daten und KI sind entscheidend für das industrielle Metaverse. In hochautomatisierten Fabriken werden enorme Datenmengen generiert. Diese Daten werden mit Hilfe von Edge-Geräten und KI analysiert, um wichtige Muster zu erkennen und verwertbare Erkenntnisse zu gewinnen. Dadurch können wir Prozesse optimieren und in Echtzeit auf Veränderungen reagieren.

Die Integration von generativer KI in Low-Code-Entwicklungsplattformen wie Mendix ermöglicht es jedem, KI-Funktionalitäten in seine Anwendungen einzubinden. Dadurch können auch Nicht-Programmierer von den Vorteilen der KI profitieren und intelligente Anwendungen entwickeln.

Das industrielle Metaverse bietet uns die Möglichkeit, die reale Welt zu verbessern und Probleme anzugehen. Es ermöglicht uns, Innovationen zu beschleunigen, Nachhaltigkeit zu fördern und den Zugang zu neuer Technologie zu erleichtern. Das industrielle Metaverse ist eine aufregende Entwicklung, die uns helfen wird, die Welt zu einem besseren Ort zu machen.

So kann es in diesem Jahr weitergehen.

Meine Bewertung. Über die industriellen Anwendungen wird es den entscheidenden Schub für das Metaverse geben. Das thematisierten wir schon auf der Zukunft Personal im Jahr 2022 im Interview mit Markus Herkersdorf von der Firma TriCAT. Unser Thema: Das Metaverse – ein Balanceakt zwischen Hype und Realität im Unternehmensumfeld.

Wie viel Hype steckt im Metaverse? Wie viel Realität lässt sich bereits erkennen? Facebooks Umbenennung in Meta, um ein Metaverse zu erschaffen, ist allgemein bekannt. Doch die Realität zeigt, dass auf operativer Ebene bereits viele Elemente existieren, die dem Konzept des Metaversums entsprechen.

Viele ziehen Parallelen zu Second Life, einem Projekt, das letztendlich scheiterte. Herkersdorf sieht jedoch die Möglichkeit, eine neue Qualitätsebene in aktuellen Formaten zu erreichen. Die Pandemie hat gezeigt, dass viele Dinge über Zoom, WebEx oder andere Tools laufen können. Doch es muss mehr kommen.

Herkersdorf stellt eine provokante These auf: Mit Ausnahme von Montage und Fertigung könnte jeder Bereich potenziell virtualisiert werden. Und er wird es auch, aus Gründen wie Zugänglichkeit, Skalierbarkeit, Kosten, Ressourcenschutz, Umweltschutz, Work-Life-Balance und New Work. Die externen Treiber sind so stark, dass es nur eine Frage der Zeit ist. Auch Hybridarbeit wird stark mit virtuell immersiven Umgebungen zu tun haben.

Im industriellen Umfeld sehen wir digitale Zwillinge, mit denen gearbeitet wird. Selbst die Meisterausbildung kann virtuell ablaufen. Ein Projekt des Fraunhofer IAO in Stuttgart zeigt, dass dies auch das industrielle Umfeld erfasst.

TriCAT hat Lösungen entwickelt, die Schulungen für Unternehmen weltweit virtualisieren. Physische Anlagen, die irgendwo auf der Welt stehen, werden in Echtzeit mit digitalen Zwillingen in einer virtuellen Umgebung verknüpft. Die Manipulation im digitalen Zwilling wird auf die echte Anlage übertragen, dort sieht man die Effekte. Dies könnte die Zukunft sein.

Die Kombination von Airbus-Wartung und Protokollierung bei technischen Überprüfungen ist ein weiteres Beispiel. Dies könnte eine enorme Kostenersparnis bedeuten. In einem Forschungsprojekt im Bereich Biotech-Reaktoren wird die Ausbildung entlang des regulatorischen Prozesses an der Anlage VR-brillenbasiert durchgeführt.

Die Automatisierung durch digitale Technologien ist wahrscheinlich die einzige Möglichkeit, mit dem demografischen Wandel fertig zu werden. Selbst Robotik, KI und Einwanderung werden nicht ausreichen.

In wenigen Jahren werden wir in einer Welt leben, in der viel durch KI unterstützt wird. Entscheidungsfindung, Automatisierung – der Mensch wird nur noch orchestrieren. Um in dieser Welt als aktive Akteure bestehen zu können, müssen wir viel tun, insbesondere im Bereich der Kompetenzen.

Wir müssen uns von wissenszentriertem Lernen in Schule, Hochschule und teilweise im Betrieb verabschieden und hin zu Umgebungen, in denen von Anfang an am Arbeitsplatz gehandelt werden muss. Virtuelle Umgebungen, in denen Kompetenzen am Arbeitsplatz im Arbeitsumfeld erlernt werden.

Dazu passt auch das Gespräch mit Marius Grathwohl vom Maschinenbau-Unternehmen Multivac zu den Industrie 4.0-Entwicklungsmöglichkeiten.

Die Industrie 4.0-Initiative, die ursprünglich als Wachrüttler für die deutsche Industrie gedacht war, hat laut Grathwohl zu einer verstärkten Auseinandersetzung mit Digitalisierung geführt. Er sieht in der Digitalisierung eine große Chance für deutsche Unternehmen, ihre Geschäftsmodelle neu zu erfinden und weiterzuentwickeln. Dabei betont er die Notwendigkeit einer langfristigen Vision und einer schrittweisen Umsetzung von Innovationen.

Ein weiterer wichtiger Aspekt ist die internationale Wahrnehmung der deutschen Industrie. Während Länder wie China und die USA in bestimmten Bereichen der Digitalisierung führend erscheinen, verfügt Deutschland über ausgeprägte Stärken, beispielsweise in der Mensch-Maschine-Kommunikation und in der Entwicklung von Industriestandards. Grathwohl mahnt zu mehr Selbstbewusstsein und Eigeninitiative in derdeutschen Industrie und plädiert für die Entwicklung einer eigenständigen Agenda, die sich nicht nur an internationalen Vorbildern orientiert, sondern eigene Stärken und Potenziale in den Vordergrund stellt.

Ein zentrales Thema in der Diskussion ist die Kreislaufwirtschaft und das damit verbundene Konzept des digitalen Produkt-passes. Hier sieht Grathwohl erhebliche Chancen für den deutschen Maschinenbau, als Treiber und Gestalter von Nachhaltigkeitsinitiativen zu agieren. Die Fähigkeit, effizient und ressourcenschonend zu produzieren, ist ein klarer Wettbewerbsvorteil, den deutsche Unternehmen nutzen können.

Trotz der Herausforderungen, die Industrie 4.0 mit sich bringt, sind die Chancen und Potenziale enorm. Grathwohl betont die Bedeutung von Kooperationen und Ökosystemen, in denen Unternehmen nicht mehr isoliert agieren, sondern als Teil eines größeren Netzwerks. Die Zusammenarbeit über Unternehmensgrenzen hinweg wird immer wichtiger, um komplexe Herausforderungen zu meistern und innovative Lösungen zu entwickeln.

Die Zukunft der Industrie 4.0 in Deutschland hängt maßgeblich davon ab, wie Unternehmen und Politik die Weichen stellen. Die aktuelle Energiekrise kann als Katalysator dienen, um die Digitalisierung in den Bereichen Energiemanagement und Smart Grid voranzutreiben. Grathwohl ist überzeugt, dass Deutschland die Fähigkeit besitzt, auf globaler Ebene eine führende Rolle in der Digitalisierung der Industrie einzunehmen, sofern die vorhandenen Stärken gezielt genutzt und weiterentwickelt werden.

Insgesamt zeigt das Gespräch mit Marius Grathwohl, dass Industrie 4.0 weit mehr ist als nur ein Schlagwort oder eine technologische Spielerei. Es handelt sich um einen tiefgreifenden Transformationsprozess, der die Art und Weise, wie Unternehmen produzieren, kommunizieren und interagieren, grundlegend verändert. Der Weg dorthin mag steinig und mit Herausforderungen gespickt sein, doch die Chancen für Innovation, Effizienz und Nachhaltigkeit sind unübersehbar. Es liegt an den Akteuren in Wirtschaft und Politik, diese Chancen zu ergreifen und die Zukunft der deutschen Industrie aktiv zu gestalten.

Scheininnovationen und Digi-Labs überdecken Defizite der Digitalisierung

Um bei den Digitalthemen in der ersten Liga zu spielen, reicht es für Unternehmen wohl nicht aus, entsprechende Talente oder Startups an Bord zu holen.

„Auch in der Führung muss Kompetenz in Sachen Digitalisierung präsent sein“, fordern Jürgen und Heribert Meffert in ihrem Opus „Eins oder Null“.

Dabei gehe es vor allem um die erste Ebene, die Geschäftsführung und das Aufsichtsgremium, sowie um die zweite Führungsebene.

„Die IT muss als neue Kernkompetenz im Unternehmen verstanden werden, der CDO sollte ein einflussreiches Wort im Führungsgremium mitsprechen – dann klappt es auch mit der Digitalisierung.“

Für die Kulisse passiert gerade eine Menge. Aber ändert sich wirklich etwas in den Führungsetagen?

„Digi-Labs, Innovation-Hubs, Digitalfabriken oder wie immer die deutschen Unternehmen ihre Ableger nennen, sind in den vergangenen Jahren ein fester Teil der deutschen Firmenlandschaft geworden. Ob Daimler, Lufthansa, Thyssenkrupp oder Deutsche Bank – jeder, der zeigen will, dass er die Zukunft anpackt, hat inzwischen ein Labor gegründet. Rund 100 sind es mittlerweile und noch deutlich mehr, wenn man zugekaufte Startups oder IT-Ausgründungen miteinbezieht. Tendenz steigend“, schreibt Capital.

Das Monatsmagazin hat mit der Hamburger Managementberatung Infront Consulting über Monate Dutzende von Laboren besucht. Bislang sind die Ergebnisse ernüchternd: Wirklich Geld habe noch niemand verdient, auch die nicht, die schon länger dabei sind.

„Es fällt auf, dass bisher betriebswirtschaftlich eigentlich fast nichts erreicht wurde“, zitiert Capital Julian Kawohl, Professor an der Hochschule für Technik und Wirtschaft (HTW) Berlin, der die Studie wissenschaftlich begleitet hat. „Kein Unternehmen hat durch sein Lab signifikantes Neugeschäft aufgebaut.“

Was fehlt, sei die Bereitschaft der Konzerne, wirklich im großen Stil Ressourcen zur Verfügung zu stellen. Noch stünden die Labs unter Welpenschutz, heißt es in der Studie.

Controller und die Sucht nach der kurzfristigen Rendite

Noch sei die Begeisterung bei den CEOs hoch. Noch werden die Units von dem verführerischen Parfüm des Neuen umgeben.

„Das aber könnte sich ändern, wenn die Controller kommen und Nachweise für wirtschaftlichen Erfolg verlangen“, schreibt Capital und hätte vielleicht die systemischen Defizite der Deutschland AG stärker unter die Lupe nehmen sollen.

Viele Konzerne und mittelständische Unternehmen leben von der Substanz. Sie setzen nicht auf neue Technologien, sondern auf höhere Preise und Scheininnovationen.

Wachsende Konzentration in wichtigen Branchen und eigentumsrechtliche Verflechtungen schädigen die Innovationskraft, um Zukunftsthemen wie die Kreislaufwirtschaft, die Mobilitätswende und den Klimaschutz zu stemmen. Wir bescheiden uns lieber mit Dumping-Kapitalismus, mahnt Wolfgang Neef, ehemaliger Vizepräsident der Technischen Universität Berlin. Rendite-Geilheit rückt an die Stelle der Qualitätsproduktion.

Value-Engineering statt Qualitätsproduktion

Die Studenten von Neef berichten, dass in der Firma Siemens professionelle Ingenieurarbeit, die ihre Zeit braucht und nicht mit billigsten Mitteln arbeitet, als „Over-Engineering“ geschmäht werde. Es soll stattdessen um „Value-Engineering“ gehen, also Ingenieurarbeit, die primär den Unternehmenswert an der Börse im Blick hat und möglichst geringe Kosten aufweist.

Laut Handelsblatt ist das national und international kein Einzelfall. Statt Produkte zu erfinden, würden sich Firmen im Zahlenjonglieren üben: Statt Wissenschaftler einzustellen, Forschungslabore einzuweihen oder neue Geschäftsfelder zu gründen, baut man die Finanzabteilung aus, in der dann neue Tricks zur internationalen Steuerarbitrage ausgebrütet werden. Laut einer Studie des MIT setzen die meisten Konzerne nicht mehr auf langfristige Grundlagenforschung und angewandte Forschung, sondern konzentrieren ihre Ausgaben auf kurzfristige Ziele. Ein immer größerer Anteil der Patentanmeldungen dient nicht mehr dem Schutz von Innovationen, sondern soll die Anwendung innovativer Technologien durch Konkurrenten blockieren.

Solche Effizienzdogmatik führt zur Sparsamkeit der Geisteskraft, so der Duktus der aphoristischen Schrift „Kritik der grotesken Vernunft“ aus der Feder von Lars Hochmann:

„Jede Gesellschaft hat die Unternehmen, die sie verdient.“

Das muss aber nicht zur fatalistischen Gegenwartsrestauration führen.

„Zukünfte zu gestalten, bedeutet: die Wirklichkeit aufheben lernen“, so Hochmann, der mit seiner Aussage gut zur Programmatik der D2030 Initiative passt. Denn: „Unternehmen sind von Menschen gemacht und damit immer auch anders machbar.“

Ausführlich in meiner Netzpiloten-Kolumne nachzulesen.

Effizienzdogmatik in der Praxis: Microsoft streicht zehn Prozent der Stellen in Deutschland

Wie man innovationshemmende Firmen-Autokraten besiegt #NEO15 @th_sattelberger @olewin

Bühne frei für die #NEO15
Bühne frei für die

Thomas Sattelberger, Keynote-Sprecher der Next Economy Open am 9. Und 10. November in Bonn, vergleicht den VW-Skandal mit den Machenschaften und dem Filz der Fifa und der KP. Man erlebe die Götterdämmerung des Verbrennungsmotors, man erlebe aber vor allem innovationsverhindernde Firmen-Autokratien. Vorher waren es Siemens, ThyssenKrupp, Bahn, Telekom, Münchner Rück/Ergo, Deutsche Bank, Infineon und Daimler. Es seien geschlossene und einfältige Systeme, die das Neue bekämpfen und diskreditieren.

Schiss-matische Entlarvung der Herrschenden

Eine Gemengelage, die auch den Renaissance-Schriftsteller und meinen Kolumnen-Namensgeber François Rabelais auf die Palme brachte. Seine Pöbelreden gegen die Herrschenden waren getrieben vom Geist der Erneuerung. Wenn er etwa in seinem Gargantua Pantagruel-Opus die Geistlichen und höheren Stände dem Gespött preisgibt, ihnen Fuchsschwänze und Hasenohren an den Rücken heftet oder das Messgewand des Paters mit Kutte und Hemd zusammennäht. Zog der Unglückliche sein Messgewand wieder aus, streifte er zugleich Kutte und Hemd über den Kopf und stand bis zu den Achseln splitternackt da, zeigte aller Welt seinen Zippidilderich:

„Ei was? Will uns denn der ehrwürdige Pater hier die Opferung und seinen Arsch zum Kuss bieten. Soll ihn das Sankt-Antons-Feuer küssen“, so die schiss-matischen Betrachtungen der oberen Klasse.

Von speckig abgesessenen Anzugshintern

Ähnlich ketzerisch operiert Sattelberger, wenn er auf Twitter postet: „Will Konzernsucht junger Menschen decouvrieren. Die meisten enden mit speckig abgesessenen Anzughintern in der Mitte.“ Oder: „IG Metall wäscht bei VW Hände in Unschuld. Doch Osterloh war Obereinpeitscher in USA. Agierte unverfroren als ‚Co-Manager’. Wir lieben Schutz.“ Und: „Leider persönliche Erfahrungen mit diesem Machtsystem: lässt einen nicht los! Da bin ich ‚Pain in the Neck’ bis ich Besserung sehe.“ Dann noch: „Thema Demokratie fräst sich in Bewusstsein vieler ‚abhängig Beschäftigter’, aber Unternehmen sehen nicht ihre Innovationschance.“

Musterbrecher und Social Labs

Um das Machtsystem der liebwertesten Gichtlinge der Deutschland AG aufzubrechen, bedarf es ein ganzes Sammelsurium an Aktionen, die Sattelberger in Bonn vorstellen wird: Etwa die Öffnung für Musterbrecher, Nein-Sager, Advocati Diaboli. Die Konfrontation mit Akteuren mit erkennbar anderer Handlungslogik. Neue Gruppendynamik durch Auflösung emotionaler Sperren und alter Machtdynamik. Neue Spielregeln und das Auswechseln der Spieler. „Dritte Orte“ schaffen wie exterritoriale Co-Working-Spaces, Ko-Lokationen als Arbeits-, Lern- & Koordinationsorte.

Man benötige das „Reinfräsen“ innovativer Kultur in die alte Arbeitskultur über Social Labs und über Experimentierfelder für „New Work“.

Der Dritte Weg

Die digitale Technik-Welt muss soziale Innovationen auslösen, die von einer Koalition der Veränderer vorangetrieben wird, fordert Sattelberger. Von den organisierten Interessenvertreter im Lager der Arbeitgeber und Gewerkschaften wird man da keine große Unterstützung bekommen, sagt Ole Wintermann von der Bertelsmann-Stiftung.

Es dominiert eher eine unheilige Allianz, etwa bei der Blockade von dezentralen Arbeitskonzepten. „Es findet ja auch eine Dezentralisierung und Atomisierung der Interessen statt jenseits der Tarifpartner“, erklärt Wintermann im Interview auf der IBM BusinessConnect in Köln.

Ausführlich nachzulesen in meiner Gichtlings-Kolumne für das Debattenmagazin The European.

Die Anti-Google-Leimspur von Staat und Konzernen – Staatstrojanische NSA-Weisheiten des Bundesinnenministers

Wer von Google spricht, sollte von der NSA nicht schweigen
Wer von Google spricht, sollte von der NSA nicht schweigen

Konzern-Gichtlinge von Siemens bis Springer sowie europäische Politiker schießen sich auf den Silicon Valley-Riesen Google ein. Vom Recht auf Vergessen bis zu kartellrechtlichen Verfahren reicht der Kanon der Anti-Google-Pharisäer, die mit moralisierendem Getue von eigenen Versäumnissen und Schwächen in der digitalen Sphäre ablenken. Wie viele Kartellverfahren hatte eigentlich Springer schon an der Hacke? Und wie steht es mit den diversen Schmiergeld-Affären von Siemens? Wer wirft den ersten Stein, wo er doch einiges vor der eigenen Haustür zu bereinigen hat?

Man könnte sich jetzt zurücklehnen und zur Auffassung gelangen, dass der Suchmaschinen-Konzern die Quittung für sein arrogantes Auftreten bekommt, wo er doch seine Nutzer wie Klickvieh behandelt und sich zum Staat im Staate aufschwingt. Stimmt ja auch. Und es wäre an der Zeit, konkret über Plattformneutralität nachzudenken – aber da kommt von der Politik nichts. Siehe: Wie frei ist die privatisierte und kommerzialisierte Netzöffentlichkeit?

Bei den Angreifern gegen Google sollten wir etwas genauer hinschauen. Etwa bei den Industrie 4.0-Schwätzern, die nicht in der Lage sind, eigene Standards für Betriebssysteme auf die Beine zu stellen, um das Internet der Dinge voranzubringen. Vom Begehren der Verlage, stärker vom Google-Werbetopf abzubekommen und sich hinter Schutzrechten zu verkriechen, brauche ich hier nicht weiter zu schreiben. Das ist hinlänglich bekannt.

Aufpassen sollte man bei den Repräsentanten des Staates. Hier wird eine staatstrojanische Anti-Google-Leimspur gelegt:

Recht eigentümlich rechtfertigt Innenminister Thomas de Maizière die Blockade der EU-Datenschutzverordnung, wo man doch mit so großer Sorge auf die Datenkrake Google blickt. Es sei ja keinesfalls richtig, dass die Bundesregierung die Verabschiedung blockiere. Es gebe halt noch einen großen Abstimmungsbedarf zwischen den Ressorts, zudem muss man auch die Beschlüsse von Bundestag und Bundesrat hinreichend berücksichtigen. Der Innenminister gehe davon aus, nach der Europa-Wahl soweit zu kommen, dass die Verordnung 2015 verabschiedet werden könne, so seine Aussage gegenüber dem Handelsblatt.

Fragt das Handelsblatt den Innenminister:

Was sagen Sie einem Internetaktivisten wie Markus Beckedahl, der erklärt: „Es ist unser Netz, lasst es uns endlich zurückerobern“?

Antwortet des Innenministers:

In der analogen Welt ist es Aufgabe des Staates, die Freiheit der Bürger zu schützen (staatstrojanisches Kichern, gs). Das Gewaltmonopol des Staates schützt den Schwächeren vor dem Stärkeren (zu beobachten in der offensiven Aufklärung der NSA-Totalüberwachung, gs). Ich bin der Meinung, und da streite ich mich gern mit Herrn Beckedahl, dass es sich in der digitalen Welt nicht völlig anders verhält. Zu glauben, dass Freiheit und Privatsphäre im Netz allein durch die Nutzer geschützt werden können, halte ich für naiv (für wie naiv hält der Thomas eigentlich die Bürgerinnen und Bürger?, gs).

Dann wird der Innenminister noch zu Snowden und NSA befragt und da antwortet de Maiziére:

Die A f f ä r e (ein Fall für Sascha Lobo) ist ein Kristallisationspunkt für die Debatte um die Sicherheit im Internet. Es wäre dabei nicht gut, wenn wir uns allein auf die NSA fixieren (hört, hört, gs). Sie schützen Ihr Haus ja auch gegen Einbruch, nicht nur gegen bestimmte Einbrecher (was für ein Vergleich, gs). Wenn die NSA ihre Arbeit morgen einstellen würde, wäre das Internet nur unwesentlich sicherer. Neben den grundlegenden Fragen, die die Veröffentlichungen ausgelöst haben, finde ich es bemerkenswert, dass ein einfacher Systemadministrator Zugang zu solchen Mengen hochsensibler Daten hatte (er könnte dann ja auch diesen Systemadministrator in Deutschland direkt fragen, gs).

Jetzt wird es noch spannender. Handelsblatt-Frage: Was kann der NSA-Untersuchungsausschuss des Bundestags erreichen? Der Thomas antwortet:

Er wird die Affäre nun aufarbeiten, und die Regierung wird ihm die gewünschten Informationen zur Verfügung stellen – soweit das nicht die Arbeit der Nachrichtendienste im Kern oder das transatlantische Verhältnis massiv beschädigt (Stichwort Nato-Truppenstatut und die Einschränkung parlamentarischer Rechte bei der Aufklärung von Spionage…., gs). Denn wir brauchen und möchten eine gute Zusammenarbeit mit den USA – nicht zuletzt für die Sicherheit unseres Landes (mir wird übel, gs).

Und zur Befragung von Snowden sagt der Innenminister:

Die Bundesregierung hat dazu eine klare Meinung und dabei bleibt es. Dann beruft er sich auf das ominöse Gutachten. Eine Befragung von Snowden könnte deutsch-amerikanische Verhältnis ernsthaft beschädigen. Dieser Punkt überwiegt.

Wer solche schwachen Aussagen zum Super-GAU in der Überwachung von Bürgerinnen und Bürgern vertritt, sollte über die Datenkrake Google schweigen. Zur Datenschutz-Verordnung möchte ich hier noch einmal die Aussagen der Schriftstellerin Juli Zeh in Erinnerung rufen: Die Rechtsverordnung könnte sofort in Kraft treten, wenn sich nicht die deutsche Regierung dagegen sperren würde. Formell wird als Argument von Gabriel und Co. angeführt, die Vorlage würde das Niveau des deutschen Datenschutzes absenken.

„Das ist völliger Quatsch. Ich war mit Sigmar Gabriel kürzlich in einer Talkshow. Er kam mit diesem Argument und konnte dennoch keinen einzigen Punkt nennen, wo der deutsche Datenschutz weiter geht“, bemerkt Zeh.

Trotzdem wollte Gabriel von seiner Haltung nicht abrücken. Da fehle schlichtweg die Kompetenz. Und auch die Bereitschaft, ernsthaft die Freiheitsrechte der Bürgerinnen und Bürger zu stärken. Wer hätte denn Lust, darüber kurzfristig mit mir Hangout-Interviews zu führen? Meldet Euch.

Siehe auch:

Die große Welle gegen Google.

Politiker und Pädophile wollen Google-Links löschen lassen.

Sigmar Gabriel: Unsere politischen Konsequenzen aus der Google-Debatte.

In dubio pro Google?

Stecker-Dummdeutsch oder die prosaische Kraft einer Bedienungsanleitung

Eigentlich wollte ich ja nur ein neues Telefon anschließen und danach telefonieren. Unsere alte Möhre hat den Geist aufgegeben. Klar ist, man muss erst die Basis anschließen – also sowas wie die Parteimitglieder der Grünen bei Vollversammlungen.

Dann kommt der Text der Bedienungsanleitung:

„Zuerst das Steckernetzgerät anschließen. Danach den Telefonstecker anschließen und die Kabel in die Kabelkanäle legen. Bitte beachten Sie: Das Steckernetzgerät muss immer eingesteckt sein, weil das Telefon ohne Netzanschluss nicht funktioniert. Verwenden Sie nur das mitgelieferte Steckernetzgerät und Telefonkabel. Die Steckerbelegung von Telefonkabeln kann unterschiedlich sein. Flachstecker des Steckernetztteiles (warum zwei?? gs) anschließen. Steckernetzteil in die Steckdose stecken. Falls Sie den Stecker von der Ladeschale wieder abziehen müssen, Entriegelungsknopf drücken und Stecker abziehen.“

Uff, da kann man sehr schnell in den semantischen Ergüssen steckenbleiben. Blöd nur, dass das Gerät aus der Steckdose keinen Strom bekommt, liebe Steckerexperten von Siemens. Der Teufel steckt halt im Detail oder in der schlampigen Produktion.

Antizyklisch agieren: Harvey Nash-Chef Nadolski weitet Geschäft aus

Harvey Nash-Deutschlandchef Udo Nadolski
Harvey Nash-Deutschlandchef Udo Nadolski
Harvey Nash-Chef Udo Nadolski hatte schon im November 2008 eindrücklich davor gewarnt, wegen der Krisenberichterstattung mit Schockstarre zu reagieren und Investitionen zu stoppen: „Die wirtschaftliche Dynamik ist nicht nur abhängig von äußeren Faktoren wie Steuerlast oder Arbeitsgesetzen, sondern in hohem Maß auch von Psychologie. Für die Konjunkturentwicklung ist es relevant, wie es zu gleichgerichteten Verhaltensweisen der Bevölkerung bei jenen Faktoren kommt, die Expansion und Rezession beeinflussen; denn erst der Gleichschritt erzeugt die Durchschlagskraft, verstärkt die Wirkung so sehr, dass der Konjunkturverlauf einen schicksalhaften Rang erhält. Als Ursache ist ein sozialpsychologischer Faktor herausgearbeitet worden – Ansteckung. Sie wird ausgelöst durch übereinstimmende Motive der Wirtschaftsakteure, gemeinsame, unter bestimmten Umständen erweckte Vorstellungen, Nachahmung, Übertragung von Gefühlen und überspringende Stimmung…Deshalb sollten wir uns in der Realwirtschaft vom Chorheulen der Wölfe verabschieden und antizyklisch agieren. Investieren, konsumieren, Firmen gründen, zukunftsfähige Produkte und Dienstleistungen entwickeln. Die wirtschaftliche Prosperität ist abhängig von der Summe der Einzelentscheidungen“, so die Ausführung von Nadolski im vergangenen Jahr. Nach einem Bericht der Nürnberger Zeitung (NZ) lässt er jetzt auch Taten folgen. Mit der Übernahme des Mobilfunk-Teams von Alcatel-Lucent habe Harvey Nash ein attraktives Geschäftsfeld in der Hand. „Nash hat den Mobilfunk-Bereich mit fast allen Mitarbeitern übernommen. Denen wurde der Wechsel zum neuen Arbeitgeber vom bisherigen kräftig versüßt. Für eineinhalb Jahre bekommen die Mitarbeiter einen Bonus, der das Gehalt praktisch verdoppelt. Und: Nash wickelt nicht ab, sondern baut den Standort nach Aussagen von Nadolski aus: Seit Oktober wurden rund 20 Arbeitsplätze geschaffen. Zusätzlich sind 50 Externe beschäftigt“, so die NZ.

Zielgröße für Nürnberg seien 250 Beschäftigte, die von etwa 100 Spezialisten in einem Test- und Entwicklungszentrum in Vietnam unterstützt werden sollen. In Nürnberg habe man ein hochqualifiziertes Entwicklungsteam mit 170 Ingenieuren« in einem Marktsegment übernommen, in dem Ingenieursmangel herrsche. Alles Fachleute für sogenannte „embedded software“, also „für hardware-nahe Programmierung“. Dieses Know-how sei auch abseits des bisherigen Schwerpunkts Kommunikationstechnik heiß begehrt. Es werde praktisch überall gebraucht, etwa in der Medizin, Luftfahrt oder Verkehr. Potenzielle Kunden seien Siemens und Nokia sowie asiatische Anbieter. Einen ersten Auftrag der schwedischen Firma Ericsson habe Nadolski schon eingefahren. Ein großer Vorteil sei das hochmoderne Funknetz in Nürnberg. „Bei uns lassen sich neue Anwendungen, wie zum Beispiel Kommunikationsfunktionen im Auto oder neue Handy-Familien, inklusive des Netzwerkes komplett simulieren. Das kann kein kommerzieller Anbieter“, so Nadolski gegenüber der NZ.

Potenziale biete beispielsweise die neue Technologie Long Term Evolution (LTE) oder 4G, also die vierte Mobilfunk-Generation. Das konnte man an der Ankündigung von Verizon ablesen, dem größten US-Mobilfunkanbieter, sein Netzwerk in den nächsten Jahren auf LTE umzustellen. Mobilfunk-Experte Dirk Zetzsche von der Harvey Nash-Tochter Nash Technologiesgeht davon aus, dass vor allen Dingen die Länder der westlichen Hemisphäre auf die LTE-Technologie setzen werden. Sein Unternehmen betreibe in Nürnberg bereits ein eigenes Netz für Feldtests der Netzbetreiber.

Generell werde der Trend zu vernetzten Welten für einen wirtschaftlichen Schub sorgen.
Davon geht auch die Studie „IT-Industrie 2020“ von A.T. Kearney aus. Zu den besonders wachstumsstarken IT-Sektoren zählt das Beratungsunternehmen die sogenannten Embedded Systems – IT-Komponenten, die in andere Produkte wie etwa Automobile oder Industrieanlagen integriert sind -, sowie Softwaresysteme. Beide Sektoren sollen bis 2020 um 8,5 beziehungsweise 6,2 Prozent pro Jahr wachsen – und dabei als Nachbrenner für die Gesamtwirtschaft fungieren.