Die politisch naiven und gefährlichen Makroökonomen: Spieltheoretische Egomanen

Über die Ideologen des Raubtierkapitalismus

In einem sehr interessanten Interview mit der FAZ geht der Wirtschaftswissenschaftler und Wissenschaftshistoriker Philip Mirowski der Frage nach, warum sich nach dem Ausbruch der Finanzkrise vor fünf Jahren politisch so wenig geändert hat. Strukturell sei alles beim Alten geblieben. Der Bankensektor sieht fast noch genauso aus wie vor dem Crash. Und noch schlimmer: Die „Schattenbanken“ – vor allem Hedgefonds und die firmenfressenden Private Equity-Schmarotzer – sind unbeschadet über die Runden gekommen.

Aus gutem Grund klagt Mirowski über einen Mangel an Folgen:

„Verändert hat sich nur, dass viel mehr Leute keine Arbeit haben und Regierungen zugeben mussten, dass ihre Haushalte außer Kontrolle geraten sind. Was alles sehr seltsam ist, wenn man die Wucht und Reichweite der Krise in Betracht zieht.“

Und was noch kritikwürdiger ist: Die Gier der Casino-Kapitalisten wird als Betriebsunfall oder Störfall abgetan, Für diejenigen, die gerne spielen, ist es immer besser zu überprüfen online casino nj anstatt zu einem eigentlichen Casino zu gehen.

Und das ist selbst bei den härtesten Kritikern des Finanzkapitalismus zu finden:

„Lesen Sie nur David Graebers Buch ‚Schulden‘, in dem er über fünfzehnhundert Jahre zurückblickt und dauernd enorme Schuldenzyklen ausfindig macht. Eine verständliche Reaktion, aber dass so viele Leute daran glauben, finde ich etwas merkwürdig. Denn die Krise hat ein paar ganz spezielle Aspekte zu bieten. Zuallererst den, dass die Leute es vorziehen, lediglich eine Makrokrise zu sehen, und das ist sie ohne Zweifel nicht. Paul Krugman etwa will nur die Makroökonomie verändern und glaubt, dann sei alles beherrschbar. Aber das ist nicht wahr“, so Mirowski.

Es reicht also nicht aus, sich die Köpfe über makroökonomische Steuerungsfragen heiß zu reden und auf Wunder über Veränderungen von fiskal- oder geldpolitischen Stellschrauben zu hoffen. Das ist politisch naiv und für die Gesellschaft sowie für die Realwirtschaft höchst gefährlich. Für die Makroökonomen ist das ja auch recht bequem. Man disputiert selbstreferentiell über die Frage, ob mehr oder weniger Schulden für die Gesundung von Volkswirtschaften notwendig sind. Ökonomen würden sich ja die Hände schmutzig machen, wenn sie die Motorhaube ihrer Formelwelt aufklappen und die Ölspuren der eigenen Homunculus-Ideologie wahrnehmen müssten. Sie würden dann beispielsweise die schmutzigen Tricks der Eigenkapitalräuber erkennen – also die Raubzüge der Private Equity-Gesellschaften.

Da müsste man schon eine große Portion Staatskunst mitbringen, um mit klugen gesetzlichen Maßnahmen diesen Sumpf trockenzulegen. Ceteris paribus-Modellrechnungen helfen da nicht weiter.

Dabei könnte man das Heuschreckentum relativ gut recherchieren und an die Öffentlichkeit bringen. Wäre eine schöne Aufgabe für die Datenjournalisten.

Zunächst gründen die Käufer eine neue Gesellschaft. Die nimmt ein Darlehen auf und erwirbt damit ein bislang rentabel arbeitendes Unternehmen. Anschließend werden beide Gesellschaften miteinander verschmolzen. Die Darlehensschulden liegen nun beim aufgekauften Unternehmen. Dann wird das ganze Konglomerat in eine GmbH umgewandelt – wegen der geringeren Veröffentlichungspflichten. Das liquide Vermögen wird dann bis zur Grenze des rechtlich Zulässigen an die neuen Gesellschafter ausgezahlt – so etwas nennt man in Branchenkreise „Recap“. Das übernommene Unternehmen wird also nach dem Wieselprinzip wie ein Ei ausgesaugt und danach an einen weiteren Finanzinvestor weitergereicht, der die Reste aufsammelt und verscherbelt. Neudeutsch bezeichnet man das als „secondary buyout“.

Bis ein Unternehmen von den Firmenjägern wieder verkauft wird, müssen darüber hinaus die Schulden zurückgezahlt werden: „Bootstrapping“ also Stiefelschnüren wird diese Technik in der Private-Equity-Szene genannt.

Manche Übernahme-Kandidaten werden auch an die Börse gebracht – das passiert ziemlich selten. Dann haben die neuen Aktionäre das Problem. Am Schluss wartet das Insolvenzverfahren.

Die Private-Equity-Gesellschaften vernebeln ihre Methoden in der Öffentlichkeit und reden lieber von der Notwendigkeit der Restrukturierung, Rekapitalisierung und Wiederbelebung des Übernahmekandidaten. Man wolle Firmen wieder ertüchtigen. In Wahrheit geht es um krumme Geschäfte für Anleger, denen man Erträge von 25, 30 oder gar 40 Prozent verspricht. Die Anleger sind entweder Einzelpersonen – teilweise aus dem Dunstkreis des übernommenen Unternehmens – oder Institutionen. Und die zeichnen die Private Equity-Fonds auf den Cayman Islands. Für diese halbseidenen Geschäfte müssen die „Investoren“ weniger Formulare ausfüllen als bei der Führerscheinprüfung in Deutschland. Die Namen der Aas-Geier werden natürlich nicht preisgegeben. Für alle Akteure auf den Kapitalmärkten der OECD sollten zumindest Offenlegungspflichten gelten, um den Insidergeschäften der Firmenjäger auf die Spur zu kommen:

„Es darf nicht sein, dass Fonds, die auf den Cayman-Inseln registriert sind und so gut wie keine Informationen über ihre Eigentümer oder ihre Geschäftspraktiken herausrücken, zentralen Einfluss darauf nehmen können, wie große und größte Unternehmungen in Deutschland und in anderen Industriestaaten geführt werden“, kritisiert der ehemalige Deutsche-Börse-Chef Werner Seifert.

Das Mindeste, was man von diesen Anteileignern verlangen müsse, sei die Offenlegung ihrer Beteiligungen. Am Beispiel des DSD-Müllkonzerns hätte es wohl einige böse Überraschungen gegeben. Politisch wäre es für die beteiligten „honorigen“ Persönlichkeiten nicht möglich gewesen, ihren Hals aus der Schlinge zu ziehen – da bin ich mir sicher. In Ansätzen hat das Wolfgang Huhn aufgedeckt in einer Reportage über den Grüne Punkt-Müllkonzern DSD. Die Spuren auf den Cayman-Inseln konnten leider nicht aufgedeckt werden – da wäre sonst der eine oder andere Name einer hochstehenden Persönlichkeit der Deutschland AG zum Vorschein gekommen. Hier ein kurzer Ausschnitt des Wolfgang Huhn-Films für die Sendung „die story“:

Mit Offenlegungspflichten wäre es Wolfgang Huhn in den rund 12 Monaten, die er mit Unterbrechungen für die Recherche benötigte, mit Sicherheit gelungen, die Verbündeten im Deal der Firmenjäger ans Tageslicht zu bringen. Das DSD ist übrigens von KKR in einem so genannten Management-Buy-out-Verfahren weiter verkauft worden. Neuer Eigentümer sind der DSD-Vorstandschef Stefan Schreitet und sein Managementteam. Das Management wurde bei der Übernahme von einer Gruppe „privater und institutioneller Investoren unterstützt“, heißt es in einer Presseverlautbarung. Dazu zählte Philippe von Stauffenberg von Solidus Partners, eine Private Equity-Firma mit Sitz in London….

Aber das ist nur ein Aspekt der zerstörerischen Wirkung des Raubtier-Kapitalismus.

Um das Problem an den Wurzeln zu packen, fordert Mirowski den Rückbau des Schattenbankensektors.

Ebenso wichtig ist es, sich mit dem ideologischen Überbau der finanzkapitalistischen Räuber zu beschäftigen. Warum hat sich das Vampir-System so epidemisch ausgebreitet? Einen Ursprung sieht der FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher in den spieltheoretisch fundierten Mathematikern und Physikern, die sich als Strategen des Kalten Krieges in Szene setzten und nach dem Niedergang des Sowjetimperiums an der Wallstreet als Finanzakrobaten verdingen. Es geht um das Ideenfundament der Homunculus-Ökonomie, in der Menschen zu Automaten degradiert werden.

Und noch penetranter. Im Zentrum der Analysen von Schirrmacher, die er in seinem neuen Buch „Ego“ ausbreitet, steht die RAND Corporation und ihre Arbeit für das Militär. Gespickt mit Wissenschaftlern, die der neoklassischen Schule entstammen.

„Ihre zündende Idee: Sie fragten nicht mehr, wie der Mensch tickt. Sie fragten, wie der Mensch ticken müsste, damit ihre Formeln funktionieren.“

Dieses Abbild eines Menschen geistert als Doppelgänger, Dummy oder ökonomischer Agent durch die Modellrechnungen. Etwa in dem Grundlagenwerk „Spieltheorie und ökonomische Verhalten“ des Universalgenies John von Neumann und seines Kollegen Oskar Morgenstern. Zu den RAND-Vordenkern zählt auch der paranoide und schizophrene Mathematiker John Nash, bekannt geworden durch die Kinoverfilmung „A Beautiful Mind“ mit Russell Crowe in der Hauptrolle. Die politische Tragweite des theoretischen Konstruktes von Nash fielen dabei unter dem Tisch. Beim Glamour-Betrieb in Hollywood ist das nicht verwunderlich. Aber was trieb das Nobelpreiskomitee in Stockholm, Nash im Jahre 1994 mit dem Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften auszuzeichnen?

Nash war es, „der mit anscheinend unumstößlicher Logik bewies, dass das Spiel des Lebens nur dann rational gespielt werden konnte, wenn jeder Spieler vom absoluten Eigennutz und einem abgrundtiefen Misstrauen gegenüber der anderen Seite getrieben war“, schreibt Schirrmacher in seinem Opus „Ego“. Es geht also um das berühmte Nash-Gleichgwicht, dass sich heute in Börsenalgorithmen von Hedgefonds, in Auktionsplattformen, in den mächtigsten Werbealgorithmen der Welt befindet und wohl auch in sozialen Netzwerken. Der große Ego-Automat unserer Systeme, von dem übrigens auch der Google-Chefökonom Hal Varian beseelt ist. Er zählt nach Angaben von Schirrmacher zu Entwicklern der spieltheoretischen Modelle für Google Adwords.

„Damals spielten menschliche und künstliche Hirne millionenfach alle erdenklichen Szenarien durch, die den Feind manipulieren, austricksen, verwirren, motivieren, erschrecken, lähmen und zu Handlungen verführen sollen. Heute geht es darum, mit den Modellen das Verhalten egoistischer Mitspieler vorherzusagen“, so Schirrmacher.

Vielleicht waren Nash und Konsorten auch nur ängstliche Kinder, die sich von allem und jedem bedroht fühlten. So war es jedenfalls beim Ernstfall-Theoretiker Carl Schmitt und beim Untergangspropheten Oswald Spengler. Kleine Hosenscheißer, die im Erwachsenenalter ihre Paranoia auf die Gesamtheit projizieren und sich kein anderes Leben denken können als das Freund-Feind-Schema im Schützengraben. Die Schriften der zu kurz gekommenen Herrenmenschen sind noch heute ein unverzichtbarer Pornographie-Ersatz für Sandkastenspieler. So sah der junge Carl Schmitt sein Dasein als eine Kette von Demütigungen.

„O Gott, was soll aus mir werden? Wovon soll ich leben? Ich armer Junge, der Zielpunkt der Pfeile des Schicksals, ich vielgeschlagener Unglücksrabe.” Er fühlt sich von der ganzen Welt betrogen, sogar von seinen Zimmerwirtinnen, die angeblich falsche Rechnungen schreiben oder Sachen unterschlagen. „Die Wäsche kam, es fehlte wieder ein Hemd. Ich wurde rasend und geriet in Wut; Ernährungssorgen, Verzweiflung, kleinmütig.”

Das Ganze sagt also mehr über das Menschenbild der Gesellschaftskonstrukteure aus und wenig über die Menschheit – wer kann sich auch anmaßen, über die Gesamtheit aller Menschen zu urteilen.

Problematisch an diesen egozentrischen Theorien ist nicht nur der deskriptive, der beschreibende und erzählerische Teil. Sie postulieren nicht nur Egoisten, sie produzieren sie, kritisiert der FAZ-Herausgeber.

In dieser Schützengraben-Ideologie entsteht vernünftiges Verhalten nicht durch vernünftige Argumente oder einem Streit der Meinungen, sondern durch Drohungen und Angst vor Vernichtung. Diese Rationalität wird auch auf dem Finanzparkett durchgespielt – aufgeladen mit der Kriegsrhetorik der Spekulanten, die von „skalpieren“, „killen“ und „ausblasen“ sprechen und jede Kurs- oder Zinsänderung mit Schlachtgeräuschen über Lautsprecher jagen. Wie beim Drohneneinsatz sehen Trader keine menschlichen Gestalten mehr. Es sind nur noch Lichtpunkte in Form von Zahlen. Sie starren wie bei einer militärischen Operation auf Monitore und verorten die Einschläge, die über Sieg und Niederlage entscheiden. Das Vokabular stammt aus der Zeit der gegenseitigen atomaren Abschreckung:

„Jetzt drohen spieltheoretisch versierte Banken damit, dass ihr Untergang, wenn sie nicht ‚gerettet‘ werden, zum Untergang des gesamten Finanzsystems wird. Die Botschaft lautet in einer atemberaubenden Umkehrung moralischer Verantwortlichkeit: Rettet uns, damit ihr euch nutzt“, führt Schirrmacher aus.

Also die perfide Logik der Too-big-to-fail-Strategen. Es gibt einen einfachen Satz, mit dem man nach Ansicht des Ego-Autors „die unbarmherzige Logik einer automatisierten Gesellschaft und Ökonomie lahmlegen und neue Freiheiten schaffen kann, ganz gleich, ob es sich um todsichere Spekulationen auf die Zukunft von Märkten und ihre Leidenschaften handelt. Der Satz, um die Marionette zu töten, lautet: Die Antwort war falsch.“ Oder eben, die Antwort lautet 42….

Big Data und sonstige Automaten-Regime tötet man auch durch Open Data. Es muss nur deutlich werden, dass diese Algorithmen-Götzen unsere eine Welt vorgaukeln wie beim Märchen „Des Kaisers neue Kleider“. Wäre doch eine nette Idee für eine Plattform zur Entlarvung der Nash-Ideologen.

Siehe auch:
Herrschaft der Vereinfacher: Über Sozialingenieure, Hightech-Kaffeesatzleser, universitäre Gehirnwäscher und nutzenoptimierte Automaten.

Menschen wie Automaten.

BWL-Schnösel und die Leiden der Realwirtschaft #Börsencrash

Na toll: „An den weltweiten Aktienmärkten herrscht Panik: Die Börsenkurse brechen ein, Experten warnen vor einer neuen Rezession. Die Verluste für Anleger betragen mittlerweile bereits 2,5 Billionen Dollar“, schreibt Spiegel Online. Das haben die Börsenfuzzis und Anal-ysten ja wieder gut hinbekommen. Da kann man eigentlich nur mit dem Sarkasmus von Volker Pispers reagieren. Ein Rundumschlag gegen Investmentbanker und Fondsmanager, „die anderer Leute Geld Gassi führen“. Herrliche Hiebe gegen die Analysten, für Pispers das Widerlichste, was die Evolution hervorgebraucht hat. „Die Eiterpickel des Casino-Kapitalismus. Die BWL-Schnösel.“ Mit 25 von der Uni direkt aufs Börsenparkett – mit Maßanzug, Budapester und Krawatte schwafeln sie ex post schlau daher und wissen alles besser – wenn ein Ereignis schon eingetreten ist. „Da hat man einer ganzen Generation auf der Uni schon ins Gehirn geschissen“, so Pispers.

Früher habe sich dieses Gesindel auf der Kirmes verdingt mit der Glaskugel – und zu den Glaskugelökonomen habe ich hier ja schon einiges zum Besten gegeben. Man sollte diesen Eunuchen der Ökonomie keine Plattform mehr geben. Nirgendwo. Schon gar nicht mehr kurz vor der ARD-Tagesschau oder an sonstigen Stellen des medialen Geschehens – vielleicht mit der Ausnahme, ihre Phrasendrescherei zu entlarven. Das dürfte doch nicht so schwer fallen.

Treffend spricht der Buchautor Wilfried Stadler auch von den unverschuldeten Leiden der Realwirtschaft. Entsprechend berechtigt sind seine Forderungen, das Bankensystem komplett umzubauen. Banken sollten sich darauf konzentrieren, solide Kredite zu vergeben und die ihnen anvertrauten Einlagen abzusichern. „Wirklich nachhaltige Wertschöpfung kann nur aus einer Finanzwirtschaft kommen, die der Realwirtschaft dient“, so Stadler in seinem Opus „Der Markt hat nicht immer recht“ (erschienen im Linde Verlag). Moral hazard-Zockereien müssen schlicht verboten werden – also das Eingehen von Risiken auf Kosten anderer. Investmentbanken, die synthetische Wertpapiere bündeln, müssen dafür auch gerade stehen. Aber was ist denn nun in den vergangenen zwei Jahren an politischen Maßnahmen ergriffen worden – außer Rettungsschirmen und Krisensitzungen.

Experten in Deutschland kritisierten lange vor dem Crash des US-Finanzmarktes das undurchsichtige Geschäftsgebaren der zumeist angelsächsischen Finanzinvestoren. So forderte der Ex-Deutsche-Börse-Chef Werner Seifert gesetzliche Maßnahmen gegen Spekulanten, die von Steuerparadiesen in der Karibik aus operieren. Finanzinvestoren müssten beispielsweise auf den Cayman Islands für eine Registrierung weniger Formulare ausfüllen als bei der Führerscheinprüfung in Deutschland. Investoren wie Carl Icahn oder Private-Equity-Spezialisten wie Kohlberg Kravis Roberts würden sich auf Übernahmekandidaten mit gesundem Cash Flow konzentrieren.

Institutionelle Investoren und Hedge Fonds schlüpften in Deutschland in die Rolle, die ehedem den Großaktionären vorbehalten war. „Sie tun so, als wären sie langfristig denkende Mehrheitseigentümer, aber in den meisten Fällen verschwinden sie genauso schnell wieder, wie sie gekommen sind – allerdings erst, nachdem sie das Management ausgetauscht und umfangreiche Ausschüttungen an die Aktionäre, also sich selbst, durchgesetzt haben“, so Seifert. Für alle Akteure auf den Kapitalmärkten der OECD sollten Offenlegungspflichten gelten.

„Es darf nicht sein, dass Fonds, die auf den Cayman-Inseln registriert sind und so gut wie keine Informationen über ihre Eigentümer oder ihre Geschäftspraktiken herausrücken, zentralen Einfluss darauf nehmen können, wie große und größte Unternehmungen in Deutschland und in anderen Industriestaaten geführt werden“, kritisierte Seifert und fand wenig Gehör. Das Mindeste, was man von diesen Anteilseignern verlangen müsse, sei die Offenlegung ihrer Beteiligungen.

Heutzutage seien Shareholder keine Aktionäre mehr im Sinne des unternehmerischen Eigentümers. „Sie kaufen Aktien nicht als Anleger, um sie wegen des Unternehmens und seiner Leistungsfähigkeit zu halten. An den Unternehmen selbst ist diese Art von Aktionär im Grunde nicht interessiert, sondern an der schnellen Perfomance für die Fonds-Manager und die Zertifikat-Besitzer“, bemängelte der Schweizer Management-Experte Fredmund Malik.

Die 100 größten Money Manager Amerikas verwalten fast 60 Prozent der US-Aktien und da gehe es in erster Linie um die Turnover-Rate, also um Aktienumschichtungen und weniger um unternehmerische Belange, sonst würden diese Manager die Papiere länger halten. Malik plädiert daher für eine Neuregelung des Aktienrechtes. „Wer an der Bestellung des Aufsichtsrates und über diesen Weg an der Corporate Governance mitwirkt, soll eine Haltefrist beachten müssen. Wer das nicht tut, darf in der Hauptversammlung kein Stimmrecht haben“, fordert Malik. Noch 1950 waren rund 90 Prozent aller amerikanischen Aktien in den Händen der privaten Haushalte. Heute seien es noch knapp über 30 Prozent. „Hingegen halten die institutionellen Investoren heute fast 70 Prozent der Aktien, während sie 1950 lediglich 9 Prozent besaßen“, so Malik.

Die Fixierung der Öffentlichkeit auf börsennotierte Schwergewichte verzerrt nach Auffassung von Malik die Wirtschaftsrealität: „Die Shareholder-Brille hat blind gemacht für die überwältigende Zahl der Unternehmen, die immer schon gut funktionierten und auch in der Ära der Wallstreet-Skandale von ihren Prinzipien nicht abrückten.“ Man habe sich von einer verschwindenden Minderheit von geldgierigen Egozentrikern und Wirtschaftskriminellen für ein Jahrzehnt in die falsche Richtung führen lassen. „Dazu kommt, dass seitens einer bestimmten ökonomischen Theorie ein Problem maßlos überbewertet wird, das täglich in allen Ländern millionenfach problemlos gelöst wird, nämlich das so genannte Principal-Agent-Problem – das heißt, die Frage, wie man als Eigentümer die im Auftrag handelnden Personen so steuert und überwacht, dass man nicht systematisch betrogen wird“, führt Malik in seinem Buch „Unternehmenspolitik und Corporate Governance – Wie Organisationen sich selbst organisieren“ (Campus Verlag) aus.

Die wahren Perlen der Unternehmenslandschaft blieben dadurch unentdeckt und unbeachtet. Malik beschränkt seine Sichtweise nicht nur auf den Mittelstand. Er definiert die erfolgreichen Firmen als „Unternehmerisch geführte Unternehmen“ (UMU). „Es geht bei diesem Unternehmenstyp nämlich nicht um die Größe, sondern um die Art der Führung“, stellt Malik klar. Das Shareholder Value-Prinzip habe das Unternehmertum auf finanztechnische Kennziffern reduziert. Gewinn könne man aber nicht mit wirtschaftlich-unternehmerischer Leistung verwechseln. „Die Wirtschaft muss den Deal-Makern und Spekulanten entzogen werden, denn sonst kollabiert das gesamte System in einem Sumpf aus Fälschungen, Korruption und Wirtschaftskriminalität“, warnt Malik. Hier nun ist der Staat gefordert.