Von Ölkatastrophen und der unergründbaren Bedeutung von weißem Hundedreck: Meyrink-Lesung in Bonn

Der Religionshistoriker Gershom Scholem charakterisierte Gustav Meyrink als Schriftsteller,

„der eine außerordentliche Begabung für antibürgerliche Satire mit einer nicht weniger ausgeprägten für mystische Marktschreierei verband, die sich vor allem in haarsträubenden, teilweise sehr eindrucksvollen, aber nicht ganz ernsten Kurzgeschichten niederschlug, deren literarische Qualität erst in unserer Zeit von Jorge Luis Borges übertroffen worden ist“.

Den antibürgerlichen Habitus kann man vor allem in den Novellen des Bandes „Des deutschen Spießers Wunderhorn“ in fast jeder Textzeile nachempfinden. Er rechnet in seinen phantastischen Geschichten mit Polizei, Militarismus, Spießbürgertum, Kulturbarbaren und Philister ab. Das Werk ist ein Füllhorn an satirischen Formulierungen und klugen Zukunftsprognosen. Etwa in dem Stück „Petroleum, Petroleum“. 1903 geschrieben, aber erschreckend aktuell, wenn man den Textinhalt mit der Ölkatastrophe auf der Bohrplattform Deepwater Horizon im Golf von Mexiko vergleicht.

Thomas Franke, Schauspieler, Grafiker und Kenner der phantastischen Literatur, stellte in der Bonner Literaturbuchhandlung Böttger einen kleinen Ausschnitt aus dem Band vor. Den Anfang macht „Petroleum, Petroleum“. Hier der Audio-Mitschnitt:

Die ersten 20 Minuten gibt es auch als Video:

Thomas Franke liest zum Abschluss seiner Ausstellung „Bilder von Buch zu Buch“ (25.02. bis 05.04.2012) noch einmal am 5. April, um 20 Uhr. Thema: „Geheimnisvolle Bilder“: Phantastische Geschichten von Erckmann-Chatrian, Edgar Allen Poe, Klabund, Marta Lynch, Howard Phillips Lovecraft u.a. Die Lesung findet wieder in der Literaturbuchhandlung Böttger statt.

Pickel, Pubertät und peinliche Momente: Pétur Gunnarsson über die Nöte des Heranwachsenden

Pétur Gunnarsson, der im Oktober 2011 mit dem ersten Teil seiner Tetralogie um Andri Haraldsson, „punkt, punkt, komma, strich“ in der Bonner Literaturbuchhandlung Böttger zu Gast war, stellte gestern gemeinsam mit dem Island-Experten Wolfgang Schiffer den soeben zur Leipziger Messe erschienenen zweiten Teil „ich, meiner, mir, mich“ vor. Beide Bücher sind im Weidle-Verlag erschienen.

Im Mittelpunkt des Romans steht wieder der junge Andri, der von einem Aufenthalt auf dem Land nach Reykjavík zurück kommt und sich neu einleben muss; Mutter und Schwester sind in einen modernen Wohnblock gezogen, er geht in eine andere Schule und findet sich in einem unbekannten Umfeld wieder. Und dazu beginnt auch noch seine Pubertät, er leidet unter Erröten, bekommt Pickel, und sein Interesse am anderen Geschlecht nimmt ungeahnte Ausmaße an. Wilde Jahre zwischen Zigaretten- und Alkoholdunst, Schule und Straße, Stadt und Land – zum Soundtrack der Beatles. Man wird zwar in die 1960er zurückgeworfen. Aber viele Passagen erinnern mich doch stark an meine vier Kinder – eines steht noch in der Blüte des Erwachsenwerdens und erfreut uns täglich mit Szenen, die Pétur Gunnarson so trefflich beschreibt. Etwa auf Seite 14:

„Scham war sein täglich Brot. Er schämte sich für sich selbst, für seine Eltern (oh ja, wir sind schon peinlich, gs), vor allem dafür, dass seine Mutter in einem Milchladen arbeitete. Sein Selbstvertrauen war in alle Himmelsrichtungen verflogen, er unterstand der Öffentlichen Meinung. Kaum war er unter Leute gekommen, schon wurde er rot, errötete aus Angst zu erröten, errötete aus Scham darüber, dass er errötete, errötete, wenn man ihn ansah, errötete, wenn man ihn überging, errötete einfach nur so. Ohne Vorwarnung fing er an rot zu werden, und selbst wenn er all seine Kraft zusammennahm, konnte er den Kopf nicht heben…(heute erröten die Jungs und Mädels aber nicht mehr so schnell, sondern reagieren eher gelangweilt, angeödet oder auch aggressiv bis zur Pöbelei, gs)…Die Unsicherheit hatte zur Folge, dass es ausgeschlossen war, irgendein Risiko einzugehen: Alle versuchten so auszusehen, wie es die Aussehkontrolle vorgegeben hatte. Wenn die Minderwertigkeit aller zusammengekommen war, verwandelte sie sich in Gruppendynamik. Im Schutze der Gruppe konnten sie sich wie Affen benehmen (das hat sich nun überhaupt nicht gewandelt, gs).“

Soweit eine kleine Kostprobe, die auch im ersten Teil der Lesung im Vordergrund stand. Die deutsche Übersetzung wurde übrigens kenntnisreich von Wolfgang Schiffer vorgetragen (als Sprecher auch auf folgender CD zu hören: Die Litanei von den Gottesgaben). Als erfahrener Hörfunk-Mann machte er das brillant. Schiffer verweist auch auf einen Beitrag der Literaturkritikerin Antje Deistler, die den ersten Band für WDR 2 rezensierte und als Überraschung des Jahres titulierte:

„Weniger was Gunnarsson erzählt, macht diesen Roman so faszinierend, inspirierend und hochamüsant, sondern viel mehr wie er es erzählt: Voller treffender Bilder und Vergleiche, und in kurzen, wahren Sätzen, die man sich übers Bett hängen möchte: ‚Eines schönen Tages erwachst du in einer völlig unbekannten Frau zum Leben. Zuerst scheint es, als wolltest du eine Briefmarke werden, dann ein Fisch, als nächstes eine Echse, am Ende ein Lamm. Schließlich erscheinst du in der Gestalt eines alten Mannes, unbekannte Hände schneiden die Nabelschnur durch, Verkäufer und Immobilienspekulanten haben dich lebenslang im Griff.’Einziger Kritikpunkt an diesem ziemlich lustigen und erhellenden Kurztrip nach Island: Er ist zu kurz!“

In aller Ausführlichkeit kann man sich aber die gestrige Lesung anschauen 🙂

Demnächst werden wir die Fortsetzung der Andri-Erlebnisse lesen können. Weidle wird sie wieder herausbringen.

Nächste Veranstaltung bei Böttger: Lesung von Rudy Wiebe „Big Bear“

Siehe auch:

Franke, Scheerbart und die Fabrik lebenslustiger Kreaturen: Erkenntnisse aus dem Retortenpalast

Der kosmische Schwadroneur mit beschränkter Haftung

Juventas und das Ende der abendländischen Philosophie: Premiere einer Zeitschrift in der Buchhandlung Böttger

“Ich war berührt, wie geladen da die Worte sind”: Michael Donhauser-Lesung in Bonn

Henning Ritter, der Atomausstieg und die wohltuende Wirkung der Bescheidenheit

Bonner Literaturzeitschriften zwischen anatomischer Spurensuche und göttlicher Eingebung

Pyramidenklänge: Platon, Korff und die Universalbildung im alten Ägypten

Doofmann, Dorftrottel und Weltbürger – Bachmann-Preisträger Peter Wawerzinek begeisterte in der Buchhandlung Böttger in Bonn

Franke, Scheerbart und die Fabrik lebenslustiger Kreaturen: Erkenntnisse aus dem Retortenpalast

Der phantastische Thomas Franke
Der phantastische Thomas Franke

Gestern wurde in der Bonner Literaturbuchhandlung Böttger eine Ausstellung mit Werken des Collage-Künstlers, Grafikers, Schauspielers und Illustrators Thomas Franke eröffnet: Holzstichcollagen als Ergebnisse parallelweltlicher Beobachtungen unter dem Titel: „mundus parallelus: Die Akademie der Wissenschaftler nach der Planetesimalen Phaetonischen (VW hätte Franke fragen können, warum man eine Luxus-Karosse nicht Phaeton nennen sollte, gs) Katastrophe“.

Wie man unschwer erkennt, bewegt sich Franke in den Gefilden phantastischer Literatur. Als Leser, Entdecker und auch als Buchillustrator – etwa für die legendäre phantastische Bibliothek des Suhrkamp-Verlages.

Die Arbeiten, Collagen und Zeichnungen verweisen methodisch auf Max Ernst und den „cadavre exquis“ – ein Spiel der Surrealisten. Sie entstammen der Welt der Science Fiction, wo die Verschmelzung von Mensch und Maschine stattfindet.

Thomas Franke setzt diese Welt aus Fragmenten und Versatzstücken des 19. Jahrhunderts zusammen:

„Das liegt auch daran, dass er die alten Graphiken liebt und sein ganzes Geld in den Erwerb alter Drucke steckt, um sie zu zerschneiden und neu zu collagieren (ob das mit dem verwertungsrechtlichen Knebel des Handelsbakommens ACTA noch möglich ist? gs). Er dekonstruiert sie und zeigt so, was bereits in ihnen steckt: Die Vermessung des Menschen, der Körper als Maschine, von Maschinen beherrschte Menschen, überwachte Menschen, Entfremdung, Zauberlehrlinge, Macher“, schreiben die Malerin Jutta Reucher und die Verlegerin Jutta Baden im Ausstellungskatalog, den man bei Böttger für 12 Euro erwerben kann.

Franke treibt der Reiz, aus etwas Vorgegebenem neue Welten entstehen zu lassen, zu beobachten, was plötzlich geschieht, wenn er die Details zusammensetzt, die just in diesem Moment philosophische Dialoge miteinander eingehen. Dem konnte er sich nie entziehen:

„Jedes Motiv ist für mich ein Anlass zu assoziieren, andere Geschichten zu erzählen, die Fäden zu fassen, die in eine Fata Morgana hineinführen“, erläutert Franke im Interview mit René Moreau (abgedruckt im Ausstellungskatalog). Er beschäftigt sich mit Zuständen, die schon der Dichter Friedrich Schiller beklagte. Also grapscht er sich nach Jahren reiflicher Überlegung den alten Scheiß, „der zu Schillers Zeiten als Illustrationen gedruckt wurde – als arschkneifenden Hinweis auf die gegenwärtig so antagonistischen Zustände -, kleistert ihn neu zusammen und kommentiert damit die Gegenwart“, so Franke.

Es ist nachvollziehbar, dass Franke auch von dem Werk des phantastischen Literaten Paul Scheerbart magnetisch angezogen wird. Etwa von der Erzählung „Die Fabrik lebenslustiger Kreaturen – Kosmische Existenzkomödie“. Hier erfährt der Leser, wie man die höhere Lebenslust kennenlernt. Es sind Fähigkeiten, genau dort aufzutauchen, wo was los ist und zwar an mehreren Orten gleichzeitig. Etwa durch das Studium des „Anzeigers für pikante Verwirrungen“. Einzige und wirklich nur winzige Voraussetzung: Interessierte müssen sich im Retortenpalast einstampfen lassen, um als neue Kreaturen ein vielfaches Leben führen zu können, das viel lustiger ist als das einfache Leben, das ziemlich langweilig ist.

Eine Kostprobe seiner Rezitationskunst gab Franke im Anschluss an die Ausstellungseröffnung mit Lesefrüchten aus dem Werk von Scheerbart. In den Dialogen erkennt man das Schauspielerische seines Vortrags!

Hier die Aufzeichnung.

Weitere Lesungen von Franke in der Literaturbuchhandlung Böttger folgen: Etwa am 23. März, 20:00 Uhr. Hier rezitiert er aus Erzählungen des des österreichischen Satirikers, Phantasten und Mystikers Gustav Meyrink.

Paul Scheerbart-Lesung bei Böttger in Bonn: Der kosmische Schwadroneur mit beschränkter Haftung

Am Samstag gibt es eine Ausstellung in der Literaturbuchhandlung Böttger:

„Bilder von Buch zu Buch“ – Literaturinspirierte Collagen von Thomas Franke

Was mich sehr freut: Zur Eröffnung der Ausstellung liest Thomas Franke Erzählungen von Paul Scheerbart, der zu meinen Lieblingsautoren zählt!!!!! Samstag, 25. Februar 2012, 17 Uhr. Da bin ich natürlich dabei.

Franz Rottensteiner, der die Phantastische Bibliothek im Suhrkamp-Verlag betreute, hat sich intensiv mit dem kosmischen Phantasten Scheerbart beschäftigt:

„Scheerbart (1863-1915) wird unter den verschiedensten Etiketten diskutiert und vereinnahmt, als Vorläufer der Moderne, als Autor von Lautgedichten vor den Dadaisten, als Vorläufer des Surrealimus (1958 erschien in Paris eine Scheerbart gewidmete Ausgabe der Zeitschrift Bizarre mit einer Übersetzung des Perpetuum mobile [1910], die ihn in die Nähe von Alfred Jarry rückt), als Prophet und Vorkämpfer der Glasarchitektur mit Einfluss auf Architekturströmungen der Moderne (Bruno Taut z.B.); man hat ihn apostrophiert als ‚Antierotiker‘ (nach Erich Mühsam er selbst), als ‚Dichter der Sternenwelt‘ (Franz Servaes), als ‚weisen Clown‘ (O.J. Bierbaum), als ‚wiedergeborenen Dionysus‘ (Anselm Ruest), aber auch als ‚literarischen Eigenbrötler‘ (Kurt Aram). Für Arno Schmidt wieder, der das Schreiben als harte Arbeit am Wort sah und nichts hielt von der leichten Eingabe der Muse und dem dichterischen Genius, dem alles ohne Anstrengung zufalle, ohne die Mühe des Korrigierens, war er nur ein ‚kosmischer Schwadroneur mit beschränkter Haftung‘. Natürlich sind auch Scheerbarts Anklänge an die Science Fiction unübersehbar, und einige Kommentatoren haben aufgezählt, was er alles an technischen Neuerungen vorausgesehen haben soll, als fiele Scheerbart als Autor in dieselbe Rubrik wie Jules Verne. Als solcher qualifiziert ihn vor allem seine ‚Flugschrift‘ Die Entwicklung des Luftmilitarismus und die Auflösung der europäischen Land-Heere, Festungen und Seeflotten (1909], in der er in anscheinend paradoxem Zynismus verkündete, der Krieg lasse sich nicht durch Pazifismus überwinden, sondern nur durch die grösstmögliche Perfektionierung der Zerstörungsmittel, durch geballte Luftbombardements, vor denen alle Festungsanlagen und Flotten zunichte würden. Das rückt ihn jedoch eher in die Nähe Jonathan Swifts als die Jules Vernes“, schreibt Rottensteiner.

Scheerbart selbst habe sich als „Phantasten“ bezeichnet, gründete einen kurzlebigen „Verlag der Phantasten“, in dem sein Wunderfabelbuch „Ja… was möchten wir nicht Alles!“ (1893) und die 2. Auflage seines ersten Buches, „Das Paradies, die Heimat der Kunst“ (1889, 1892) erschienen und schrieb früh eine „Ästhetik der Phantastik“ (1894).

Schon in seinem ersten Essay dieser programmatischen Richtung, „Die Phantastik im Kunstgewerbe“ (1891), verstand er die Phantastik im Gegensatz zum künstlerischen Realismus als eine Kunstrichtung, die hauptsächlich durch die Phantasiekraft wirken will und zugleich die Phantasie des Zuschauers in neue Bahnen zu leiten versucht. „Das Wesen der Phantastik besteht somit in der Eröffnung neuer, weiter Perspektiven.“

„Seine kosmischen Welten, wenn auch wissenschaftsverneinend, märchenhaft und antiempirisch anmutend, haben nichts Übernatürliches an sich; sie entspringen zwar einem Missbehagen an der irdischen faktischen Welt mit ihren Kriegen, Elend, Existenznöten und Lebensqualen, aber sie werden für die wahre, kosmische Wirklichkeit ausgegeben, in der das irdische Jammertal nur ein nicht sonderlich bedeutsamer Unglücksfall einer höheren Welt kosmischer Harmonie, ästhetischer Ordnung und in ihrer Unfassbarkeit erhabener Grösse ist. Aber es gibt den vielbeschworenen ‚Riss in der Wirklichkeit‘ nicht, keinen Konflikt zweier Weltordnungen, einer diesseitigen und einer jenseitigen, keine Andeutung von Supernaturalismus“, schreibt Rottensteiner.

In gewissem Masse sei der Scheerbart’sche Kosmos ein ideales Gegenstück zu seiner eigenen, von Hunger bedrohten bohemehaften Alltagsexistenz, in der er oft mehr flüssige als feste Nahrung zu sich nahm.

„Häufig zitiert wird die von seinem Verleger Ernst Rowohlt gemachte Mitteilung, Scheerbart habe sich von ‚geschabten Heringen auf Brot‘ ernährt. Ähnliche Anekdoten, die den Autor als absonderlichen, eigensinnigen Aussenseiter hinstellen, als schrulligen Kauz und auf Pump lebenden trinkfreudigen Philosophen sind in vielen Darstellungen der Berliner Boheme zu finden. Es scheint, dass er nur dank der Unterstützung seiner immens geduldigen Zimmervermieterin und späteren Frau Anna, des ‚Bärchens‘, die in seinen Briefen an sie, Von Zimmer zu Zimmer (1921) ein liebevolles Denkmal gefunden hat, lange genug am Leben blieb, um 1915 buchstäblich zu verhungern – aus Protest gegen den 1. Weltkrieg, wie man u.a. bei Erich Mühsam lesen kann….Scheerbart stellt nicht nur die Welt, wie sie ist, in Frage, sondern auch die eigenen Ideen; charakteristisch für seine Prosa ist, wie er jeden Anflug von Pathos durch bewusste Schnoddrigkeit, durch banale Einfügungen und clowneske Apercus im Keim abtötet. Scheerbart war, wie alle grossen Humoristen, ein tief melancholischer Mensch, der seine zur Weltverdrossenheit gesteigerten Kritiken der verqueren Moral der bürgerlichen Gesellschaft als Narretei und Possenhaftigkeit tarnt und ihrer Scheinmoral eine radikal revolutionäre antibürgerliche Kunstauffassung entgegensetzt“, soweit die Ausführungen von Rottensteiner, die vielleicht dazu beitragen, sich mal dem Werk von Scheerbart zu widmen.

Zu Thomas Franke schreibt Böttger: 1954 in Köthen geboren, studierte Malerei und Grafik an der Kunsthochschule Burg Giebichenstein und ab 1980 darstellende Kunst an der Ernst-Busch-Akademie und am staatlichen Institut für Theater in Moskau.

Bis 1983 gestaltete er die „Phantastische Bibliothek“ des Suhrkamp-Verlages, wofür er 1982 den „Kurt-Laßwitz-Preis für phantastische Grafik“ erhielt.

Mitte der neunziger Jahre war Franke in über 800 Aufführungen des Monologs „DAS MODELL“, ein Theaterstück nach einer Erzählung von H. P. Lovecraft, in vielen Städten Deutschlands zu erleben. 2001 wurde diese Aufführung für ARTE verfilmt. Mit seiner Produktion „STÖRWERK – MONOLOG FÜR EINEN SHAKESPEAREKÖNIG UNTER EINER NEBENWIRKUNG“ nahm Franke am „New York International Fringe Festival“ teil und erhielt dafür den „Fringe Overall Award for the Best Male Performance“.

Zur Ausstellung in der Buchhandlung Böttger finden bis Anfang April weitere Lesungen mit phantastischer Literatur von Meyrink, Poe, Klabund, Lovecraft, Erckmann-Chatrian, Marta Lynch u.a. statt.

„Als Prognose wirkt die Voraussage eines Niedergangs nur, weil sie die Eitelkeit der Lebenden verletzt“

Am Freitag, den 8. April 2011, um 20 Uhr, stellt der Publizist Henning Ritter sein Buch „Notizhefte“ in der Bonner Literaturbuchhandlung Böttger vor (gegenüber vom Bonner Hauptbahnhof).

Das Werk des langjährigen Leiters des FAZ-Ressorts Geisteswissenschaften ist in den vergangenen fünfundzwanzig Jahren entstanden. Es steht in einer langen Tradition, von der französischen Moralistik bis zu Paul Valérys Cahiers. Die Lieblingsepoche des Autors ist fraglos das Jahrhundert Rousseaus und Montesquieus. Vor allem aber interessiert ihn die geistige Konkurrenz zwischen den Epochen und Traditionen, das Unerledigte der Vergangenheit, ihre Lektionen. So entsteht ein Gespräch zwischen den unabhängigsten Köpfen von der Aufklärung bis heute, von Montaigne bis Nietzsche und Darwin, von Büchner bis Canetti, Jünger und vielen anderen – ein Füllhorn voller immer wieder überraschender Lesefrüchte, Entwürfe, Maximen und Reflexionen. Die Notizen bewegen sich zwischen der lakonischen Knappheit des Aphorismus und dem Kurzessay.

So schreibt er: „Die Dinge auf sich zukommen lassen, das bedeutete für Benn: nicht mit der Zeit mitlaufen, denn da werde man von ihr überrannt, sondern stillstehen – dann kommen die Dinge auf einen zu.“

Oder folgende Notiz, die meinem Denken sehr nahe kommt: „Niedergangsprognosen sind schwache Prognosen, mit geringem Risiko, denn sie beschreiben nur die Abschwächung dessen, was ist. Sie sind nicht mehr als Umzeichnungen des Vorhandenen. Niedergang gehört zum Erwartbaren. Als Prognose wirkt die Voraussage eines Niedergangs nur, weil sie die Eitelkeit der Lebenden verletzt.“

In der Kategorie Sachbuch/Essayistik erhielt Ritter in diesem Jahr den Preis der Leipziger Buchmesse. In der Begründung heißt es: Henning Ritters „Notizhefte“ sind ein ungewöhnliches Buch, nicht nur weil es Gelehrsamkeit auf eine leichte Art präsentiert, anmutig, freundlich, nie grimmig, sondern in der Form des Aphorismus, der Reflexion, des Kurzessays, der kritischen Bemerkung. Sprache und Bildung werden hier virtuos gehandhabt. Die „Notizhefte“ erlauben es dem Leser, den Autor beim Gespräch mit dessen Vertrauten aus der Geistesgeschichte zu belauschen. Er erwischt sie in dem Augenblick, da sie sich unbeobachtet glauben und ihre Leidenschaften unverstellt äußern. Es sind dies – und das erhöht das Vergnügen in diesem Fall – Leidenschaften des Denkens und des Formulierens.

Dem Leser erschließen Ritters Notizen Ideengeschichte seit der Französischen Revolution; sie führen ihn auf Trampelpfade, Schleichwege und rasch stellt er, stellt sie fest, dass er mit Ritter rascher vorankommt als mit mancher Monographie, die ihn auf Avenuen locken will. Hier geht es nicht ums Gepränge, sondern ums Unerledigte. Ritter nutzt die Motive alteuropäischen Denkens für die Selbstverständigung über die „Berliner Republik“.

Das Buch beginnt mit einer Frage: „Was wiegt schwerer, moralisches oder intellektuelles Versagen?“ Nach der Lektüre dieses Buches weiß man, dass es unmoralisch ist, sich intellektuell keine Mühe zu geben, sich mit Vorgestanztem zu bescheiden. Gut, dass es dieses Buch gibt – es lädt dazu ein, durch schöne Anstrengung und intensive Plaudereien mit sich selbst bekannt zu werden.