Der Journalismus braucht keinen Gegner: „Die schlagen den Sargnagel selbst ein“ @klauseck @VBanholzer

Professor Lutz Frühbrodt sieht Content Marketing als weiteren Sargnagel des Journalismus. Er hat das ausführlich auf dem Besser Online-Kongress in Köln erläutert.

Fragt sich nur, wer dafür verantwortlich ist. Klaus Eck von der Agentur d.Tales sieht die Schuld nicht bei den Unternehmen. Firmen wollen unabhängig von den journalistischen Gatekeepern agieren. Das sei aber keine Umgehungsstrategie.

„In manchen Branchen sind diese Gatekeeper gar nicht mehr vorhanden. Etwa in der IT-Industrie. Wie viele Zeitschriften gibt es da noch? Man möchte als Kommunikator gerne mit Medien zusammenarbeiten. Es fehlen aber die Anschlussstellen“, sagt Eck.

Der Journalismus brauche keinen Gegner.

„Die schlagen den Sargnagel selbst ein. Ich finde es schade, dass Medien viele Themen nicht mehr aufgreifen – beispielsweise im Lokaljournalismus. Mit den radikal ausgedünnten Redaktionen kann man nicht mehr umfassend berichten“, erläutert Eck.

Noch trüber sieht es im Fachjournalismus aus. Im Durchschnitt werden dort die Publikationen von 1,5 Personen gemacht. Ein Chefredakteur und vielleicht noch eine halbe Schreibkraft. Das wird dann kompensiert mit vielen „freien“ Autoren.

„Die kommen überwiegend von Unternehmen, die in den Fachmedien ihre Artikel ‚platzieren’. Die Content-Produktion wird ausgelagert“, weiß Eck.

Folge: Auch Fachmedien machen sich überflüssig, weil Unternehmen auf die Idee kommen, solche Formate selbst auf die Beine zu stellen. Die Kompetenzen, die Unternehmen bei Fachthemen haben, gehen viel tiefer. Es sei leichter, meint Eck, aus einer fachlichen Kompetenz eine journalistische Kompetenz zu machen als umgekehrt.

Marken werden also zunehmend zu Sendern, weil sie mit ihren Botschaften bei den etablierten Medien nicht mehr durchdringen. Als integrative Kraft spielt der Journalismus in der Netzwerkgesellschaft eine immer geringere Rolle.

Nach Analysen von Volker Banholzer, Professor für Technikjournalismus und Technik-PR, fehlen Konzepte für eine fragmental differenzierte Gesellschaft. Im Internet dominieren privatisierte Öffentlichkeiten. Der Journalismus müsste Konzepte für diese Netzwerke entwickeln.

„Das tut er aber nicht“, kritisiert Banholzer.

Wenn Unternehmen zu wenig in der veröffentlichten Meinung vorkommen, entwickeln sie eigene Konzepte. Indirekt ist das ein Angriff auf das Deutungsmonopol der Medien.

Social Navigation und persönliche Öffentlichkeit: Neue Theorie der öffentlichen Meinung vonnöten

Meinungsmacht von klassischen Eliten sinkt
Meinungsmacht von klassischen Eliten sinkt

Vor vier Jahren machte ich mir einige Gedanken, ob die klassische Theorie der öffentlichen Meinung, die in den Kommunikationswissenschaften entwickelt wurde, im Social Web noch Gültigkeit besitzt. Was wir über die Welt wissen, so Niklas Luhmann, das wissen wir durch die Massenmedien. Die als „thematische Struktur öffentlicher Kommunikation“ bezeichnete öffentliche Meinung ist deshalb wesentlich das Ergebnis von Selektion auf der Basis von „Aufmerksamkeitsregeln“. Und dieser Nachrichten-Flaschenhals wurde von bestimmten Auswahlkriterien geprägt, die bewusst oder unbewusst zu einer Vereinheitlichung des Medientenors führen – in der empirischen Sozialforschung spricht man von Konsonanz. Medientenor und öffentliche Meinung sind nur in wenigen Fällen nicht deckungsgleich. Mit den sozialen Netzwerken scheint sich das zu ändern. In Heft 8 von Digitalkompakt untersucht die Landesanstalt für Medien NRW (LfM) mit dem Schwerpunkt „Die vernetzte Öffentlichkeit“ dieses Phänomen:

„Innerhalb weniger Jahre haben soziale Netzwerke den Tagesablauf von Millionen Deutschen verändert. Noch 2008 waren die wenigsten in Online-Netzwerken aktiv, dann kamen die StudiVZ-Welle, der Twitter-Hype und schließlich die Facebook-Revolution.“ Die etablierten Player der Öffentlichkeit, allen voran Journalisten und Politiker, seien durch die rasante Verbreitung sozialer Netzwerke in Zugzwang geraten. „Wenn Medienkonsumenten und Wahlbürger sich zunehmend in ihren ‚persönlichen Öffentlichkeiten‘ aufhalten und sich dort so viel Zeit und Energie konzentriert, muss jeder, der ihre Aufmerksamkeit erringen möchte, auch dort Präsenz zeigen“, so die LfM.

Aber das ist dann eher die Perspektive der etablierten Medien, um wieder Bodenhaftung zu bekommen. Soziale Netzwerke stehen vor allem für eine fundamentale Veränderung der öffentlichen Sphäre. Die öffentliche und individuelle Kommunikation verschwimmen. Und ob ich nun mit meiner eigenen Teilöffentlichkeit wenige oder sehr viele Menschen erreiche oder nicht, vorher war es schlicht unmöglich, ohne großen Aufwand eine eigene Öffentlichkeit herzustellen, die über den Nachbarzaun reichte.

Die neuen Beteiligungs- und Vernetzungsmöglichkeiten verändern die Bildung öffentlicher Meinung, konstatiert auch die LfM und fragt sich, wie eine Gesellschaft angesichts der Inflation persönlicher Öffentlichkeiten noch zu kollektiv verbindlichen Entscheidungen kommen könne. Ohne Gatekeeper gibt es also keine verbindlichen Entscheidungen mehr? Gibt es nicht auch positive Effekte über mehr Pluralität und weniger Möglichkeiten für Propaganda von gut organisierten Interessengruppen? Die Willensbildung verläuft unübersichtlicher und kann schwerer manipuliert werden.

„Wissenschaftler nennen dieses Phänomen ‚Social Navigation‘: Mediennutzer navigieren anders als früher durch den Nachrichtenstrom. Sie werden zunehmend selbst zum ‚Gatekeeper‘ von Informationen, selektieren und empfehlen Informationen aktiv weiter und orientieren sich auch bei ihrem Medienkonsum am Verhalten und den Hinweisen befreundeter Nutzer. Damit verändert sich die Verbreitungsdynamik von Nachrichten in der Gesellschaft, Freunde und Bekannte bekommen mehr Einfluss auf die Wahrnehmung der Welt als früher und laufen klassischen Autoritäten der öffentlichen Sphäre möglicherweise den Rang ab“, schreibt die LfM.

Wie im Verhältnis Unternehmen und Kunden wird auch bei den klassischen Medien der offene Dialog mit der Netzöffentlichkeit relevanter. Einwegkommunikation und ignorante Taktstock-Akteure verlieren dabei an Bedeutung – was einige Journalisten immer noch nicht kapiert haben, wie Dirk von Gehlen treffend analysiert: Dialog mit dem Leser als Reputationsgewinn.

Entsprechend relevanter für die Bildung von öffentlicher Meinung wird das Verhalten der Social Web-Nutzer beim Kommentieren, Weiterleiten und Empfehlen von Nachrichten.

„Der Wiener Kommunikationsforscher Axel Maireder untersuchte 2011 den deutschsprachigen Twitter-Raum und fand heraus, dass von allen Tweets mit einem Link auf einen Medienbeitrag über die Hälfte einen individuellen Kommentar oder eine Wertung enthielt“, schreibt die LfM.

Die Nutzer seien also keineswegs neutrale „Transmissionsriemen“ für journalistische Produkte, sondern liefern ihrem Publikum auch individuelle Schemata für die Deutung der Beiträge. Das war allerdings schon vorher so. Nur beschränkte sich die Multiplikator-Funktion auf Arbeitskollegen, Familie und Freunde.

Es sei durchaus möglich, dass in den persönlichen Öffentichkeiten der Netzwerke strittige Themen anders bewertet und gedeutet werden als in den Massenmedien oder im Bundestag. Noelle-Neumann nannte das „doppeltes Meinungsklima“ – Bevölkerungsmeinung und Medientenor sind in diesen Fällen nicht deckungsgleich. Was früher die Ausnahme war, wird wohl in Zukunft die Regel sein. Die Deutungshoheit der so genannten gesellschaftlichen Eliten und Journalisten kommt jedenfalls im Social Web stärker in Bedrängnis.

„Die Dynamik in sozialen Netzwerken ist nicht so sehr geprägt von tradierten Hierarchien und jahrzehntealten Rollenmustern, sondern von den kurzfristig aufsummierten Handlungen vieler Menschen“, so Maireder.

Damit fallen allerdings die alten Machtstrukturen und Meinungsmacher nicht unter den Tisch.

„Die Potenziale, Deutungsmacht zu erlangen, sind sehr viel breiter verteilt als früher, nicht nur auf klassische Öffentlichkeitsberufe wie Journalisten und Politiker“, bemerkt Maireder.

Und schon das ist ja ein Schritt nach vorne.

„Wir sehen nicht nur mehr, wir sehen unter Umständen auch ganz unterschiedliche Deutungen, und gerade auch von Menschen, die Ereignissen näher sind als jene in unserem Alltagsumfeld. Während der Proteste in Istanbul waren meine Facebook- und Twitter-Newsfeeds voll mit Kommentaren von Menschen vor Ort. Und meine türkischen Facebook-Freunde haben laufend darüber berichtet, die Ereignisse kommentiert und diskutiert. Zum Teil auf Türkisch, aber vielfach auch auf Deutsch oder Englisch – wohl eben weil sie ihre Anmerkungen auch von ihren internationalen Facebook-Freunden, mich eingeschlossen, verstanden haben wollten“, so die Erfahrungen von Maireder.

Dies war sicher nicht bei jedem so, weil jeder andere Kontakte und damit einen anders zusammengestellten Newsfeed hat.

Wie sich öffentliche Meinung in sozialen Netzwerken bildet, ist noch relativ unerforscht. Meine Anregungen, die ich 2010 an Sozialwissenschaftler weitergegeben habe, sind jedenfalls nicht aufgegriffen worden. Fraglich ist für Maireder, ob etablierte Meinungsführer aus der Offline-Welt auch online den Ton angeben – oder ob meinungsfreudige Vielschreiber nerven und ignoriert werden.

Im LfM-Heft werden auch die „erfolgreichsten“ Journalisten auf Twitter dokumentiert (Stichtag 27. November 2013).

Wer von denen ist denn wirklich social und auf Dialog gepolt?

Frank Schmiechen, Vize-Chefredakteur der Welt-Gruppe, 39.939 Follower.

Frank Schirrmacher, FAZ-Herausgeber, 33.063 Follower.

Wolfgang Büchner, Chefredakteur von Spiegel und Spiegel Online, 26.692 Follower.

Holger Schmidt, Focus, 24.193 Follower.

Kai Diekmann, Bild-Chefredakteur, 22.116 Follower.

Christian Lindner, Chefredakteur der Rhein-Zeitung, 16.699 Follower.

Roland Tichy, Chefredakteur der Wirtschaftswoche, 16.183 Follower.

Jan-Eric Peters, Chefredakteur der Welt-Gruppe, 7.468.

Habt Ihr Erfahrungen mit den Twitter-Champions der klassischen Medienwelt?

Precht, der Schleimer

Ob nun der Modephilosoph Richard David Precht den Daumen über Facebook senkt oder nicht, ist mir eigentlich schnurz. Und wie er bei der Grossotagung in Baden-Baden den Printmedien in den Allerwertesten kriecht, ist Beleg für seine Dünnbrettbohrer-Thesen im Allgemeinen und hier im Speziellen. So glänzte er wohl mit einem leidenschaftlichen Plädoyer für die Holzfraktion und einer Philippika gegen die „Pöbelkultur“ im Internet, berichtet W & V. Er balsamierte förmlich die geschundenen Seelen der anwesenden Grossisten und Verleger. Sozusagen eine Rede im Schleim-Modus. Da darf das Märchen nicht fehlen, dass es ja die Aufgabe von Massenmedien sei, nicht in erster Linie zu informieren und zu unterhalten, sondern „Öffentlichkeit über relevante Themen herzustellen“ und so als „sozialer Kitt“ zu wirken. Dies könnten Printmedien besser leisten als das Internet. Das Netz stelle zwar ein unglaubliches Verfügungswissen auf Knopfruck zur Verfügung. Doch wer helfe einem, zu unterscheiden was relevant sei und was nicht? Richard David Prechts These: Trotz vieler intelligenter Blogs, die es im Internet gebe, brauche es Print zum Eintrainieren von Orientierungswissen.

Wer so häufig in Massenmedien auftritt und hofiert wird, scheint wohl selbst die Orientierung verloren zu haben. Wie oft wird das Stück Print versus Netz eigentlich noch aufgeführt? Es ist wenig unterhaltsam. Dabei braucht sich Klein-Precht doch nur ein wenig interdisziplinär umzuschauen, um zu erkennen, dass seine Thesen zwar ausreichen, um den Medienmachern den Hintern zu wischen, ansonsten aber Schrott sind.

So hat Demoskopin Noelle-Neumann die Medienwirkung das relativ gut erforscht in ihrem Buch „Öffentliche Meinung“. Kurzgefasst kann man sagen, dass die Massenmedien die treibende Kraft bei der Bildung von öffentlicher Meinung waren. In der Regel folgte das Meinungsklima dem Medientenor. Nur in Ausnahmefällen wich die Mehrheitsmeinung der Bevölkerung vom Medientenor ab: Noelle-Neumann bezeichnet das als doppeltes Meinungsklima.

Prägend für das Meinungsklima waren die Journalisten in ihrer Funktion als “gatekeeper” – ein Ausdruck des Sozialpsychologen Kurt Lewin. Die gatekeeper entscheiden: was wird in die Öffentlichkeit weiterbefördert, was wird zurückgehalten. “Jede Zeitung, wenn sie den Leser erreicht, ist das Ergebnis einer ganzen Serie von Selektionen”, bestätigte der Medienkritiker Walter Lippmann in seinem Buch “Public Opinion”. Die Umstände zwingen dazu, ein scharfer Mangel an Zeit und Aufmerksamkeit. Und was lassen die Journalisten als “news values” passieren? Den klaren Sachverhalt, der sich widerspruchsfrei mitteilen lässt, Superlative, Konflikte, Überraschungen, Krisen. Die Auswahlkriterien der gatekeeper erzeugen bewusst oder unbewusst eine Vereinheitlichung der Berichterstattung. Indem so die Auswahlregeln weitgehend übereinstimmen, kommt eine Konsonanz zustande, die auf das Publikum wie eine Bestätigung wirkte.

Dazu gab es einen kleinen Witz, der in einer amerikanischen Zeitung erschien.

“Vater, wenn ein Baum im Wald umstürzt, aber die Massenmedien sind nicht dabei, um zu berichten – ist der Baum dann wirklich umgestürzt?”

Der Soziologe Niklas Luhmann spricht von Aufmerksamkeitsregeln. Er vermutet, dass das politische System, soweit es auf öffentlicher Meinung beruht, gar nicht über Entscheidungsregeln, sondern über Aufmerksamkeitsregeln integriert wird, durch die Regeln also, die bestimmen, was auf den Tisch kommt und was nicht. Die Strukturierung der Aufmerksamkeit erfolge durch die Massenmedien. Thematisierung im Prozess der öffentlichen Meinung vollzog sich nach der Agenda-Setting-Funktion der klassischen Medien.

Die Meinungsmacher spüren, dass diese alten Regeln nicht mehr gelten. Das doppelte Meinungsklima wird wohl bald die Regel und nicht mehr die Ausnahme sein. Die digitale Öffentlichkeit kennt keine Leser, Hörer oder Zuschauer, die von ihr zu unterscheiden wären – siehe das sehr lesenswerte Büchlein von Stefan Münker: Emergenz digitaler Öffentlichkeiten. Hier sind die Medien, dort die Menschen – diese Differenz kann man nicht mehr ziehen.

„Die Angebote im Web 2.0 sind digitale Netzmedien, deren gemeinschaftlicher Gebrauch sie als brauchbare Medien erst erzeugt“, so Münker.

Die Inhalte werden von vielen Millionen Nutzern in der ganzen Welt zusammengetragen, bewertet und geordnet. Das Internet ist eben das, was seine Nutzer aus ihm machen. Klassische Medien produzieren etwas, ohne die Rezipienten zu fragen. Sie senden und drucken, egal ob wir uns das anschauen oder lesen. Youtube sendet nur, wenn ich klicke und auch nur das, womit Nutzer die Seite bestücken.

„Wie im berühmten Schachautomaten des 18. Jahrhunderts (Wolfgang von Kempelen!) ist die Schaltzentrale des Web 2.0 der Mensch”, so Münker. Vox populi bekommt eine ganz andere Entfaltungsmöglichkeit. “Das Internet ändert die Strukturen unserer Öffentlichkeiten, es ändert die Funktionsweisen politischer und gesellschaftlicher Kommunikationsprozesse, es macht es einzelnen einfacher, sich in politische Debatten einzumischen, es macht institutionelle Grenzen durchlässiger und Entscheidungsprozesse transparenter, es ist anders als Massenmedien interaktiv und wird so auch genutzt. Das Internet hat das technische Potenzial für eine demokratische, partizipatorische Mediennutzung”, führt Münker aus und verweist auf Jürgen Habermas, der fest davon überzeugt ist, dass das World Wide Web die Schwächen des anonymen und asymmetrischen Charakters der Massenmedien ausgleiche.

Für Michel Foucault waren die Ausschlussmechanismen der Massenmedien nicht die Ausnahme, sondern die Regel. Diese Spielregeln werden vom Web 2.0 ausgehebelt. Das gilt natürlich auch für die Dünnbrettbohrer-Weisheiten von Precht, die er in seiner massenmedialen Dauerpräsenz aussendet.

Die öffentliche Meinung ist nicht mehr die veröffentlichte Meinung: Warum die Kanzlerin mit dem Internet hadert

Bundeskanzlerin Angela Merkel sieht im Vergleich zu den Zeiten von Konrad Adenauer einen grundlegenden Wandel für politische Akteure:

„Selbst in den 20 Jahren, in denen ich selbst in der Politik aktiv bin, hat sich das politische Geschäft noch einmal erheblich beschleunigt! Nachrichten werden heute sehr viel schneller alt. Die Vielzahl der Medien, vom Internet bis zu den zahlreichen Fernsehsendern, verlangt von Politikern ein immer schnelleres Reagieren. Früher, als es nur zwei Fernsehsender gab, gab es allein schon eine deutlich geringere Anzahl von Nachrichtensendungen, von anderen Formaten mal ganz abgesehen. Die Menschen unterhielten sich morgens am Arbeitsplatz über die gleichen Themen. Heute wird es durch die Vielzahl der Informationskanäle, und besonders durch das Internet, immer schwieriger, ein Gesamtmeinungsbild zu erkennen“, sagte die Kanzlerin im Interview mit der Illustrierten Bunte (habe mir das erste Mal diese Postille gekauft – schrecklich, werde ich nicht wieder machen, gs).

Durch diesen „sehr großen technischen Wandel“ sei es schwerer geworden, „alle Menschen, alle Generationen zu erreichen, denn diese nutzen die einzelnen Medien mittlerweile sehr unterschiedlich“. Erkenntnis der CDU-Politikerin:

„Es gibt nicht mehr nur eine Öffentlichkeit, sondern viele Öffentlichkeiten, die ganz verschieden angesprochen werden müssen.“

Viele junge Menschen informierten sich „ausschließlich über das Internet“ – „und das oft sehr punktuell“. Diese jungen Leute erreiche man über Zeitungen oder auch die klassischen Nachrichtensendungen von ARD und ZDF immer weniger. „Mit dieser Veränderung muss die Demokratie in Deutschland und in den anderen westlichen Ländern umgehen lernen.“

Ob ihr diese Gedanken beim Unkrautzupfen gekommen sind, vermag ich nicht zu beurteilen.

Aber einen wesentlichen Punkt hat sie angesprochen, der auch von der empirischen Sozialforschung genauer untersucht werden sollte. Die Veränderung der Meinungsbildung, die Wirkungen des Internets und der unübersichtlich gewordenen Informationskanäle auf die Bildung von öffentlicher Meinung. Für das 20. Jahrhundert ist das alles gut erforscht, in Deutschland war hier Professor Noelle-Neumann, Gründerin des Instituts für Demoskopie Allensbach, besonders aktiv. Siehe ihr Opus „Öffentliche Meinung – Die Entdeckung der Schweigespirale“.

In diesem Buch werden nicht nur die wichtigsten Erkenntnisse aus der Meinungsforschung zur öffentlichen Meinung präsentiert, sondern ein historischer Abriss von der Antike bis in unsere Tage – wie sich die Social Media-Welt auf die Meinungsbildung auswirkt, ist naturgemäß noch nicht aufgeführt. Kurzgefasst kann man sagen, dass die Massenmedien die treibende Kraft bei der Bildung von öffentlicher Meinung waren. In der Regel folgte das Meinungsklima dem Medientenor. Nur in Ausnahmefällen wich die Mehrheitsmeinung der Bevölkerung vom Medientenor ab: Noelle-Neumann bezeichnet das als doppeltes Meinungsklima.

Prägend für das Meinungsklima waren die Journalisten in ihrer Funktion als „gatekeeper“ – ein Ausdruck des Sozialpsychologen Kurt Lewin. Die gatekeeper entscheiden: was wird in die Öffentlichkeit weiterbefördert, was wird zurückgehalten.

„Jede Zeitung, wenn sie den Leser erreicht, ist das Ergebnis einer ganzen Serie von Selektionen“, bestätigte der Medienkritiker Walter Lippmann in seinem Buch „Public Opinion“.

Die Umstände zwingen dazu, ein scharfer Mangel an Zeit und Aufmerksamkeit. Und was lassen die Journalisten als „news values“ passieren? Den klaren Sachverhalt, der sich widerspruchsfrei mitteilen lässt, Superlative, Konflikte, Überraschungen, Krisen. Die Auswahlkriterien der gatekeeper erzeugen bewusst oder unbewusst eine Vereinheitlichung der Berichterstattung. Indem so die Auswahlregeln weitgehend übereinstimmen, kommt eine Konsonanz zustande, die auf das Publikum wie eine Bestätigung wirkte. Siehe oben auch die Aussage von Merkel:

„Früher, als es nur zwei Fernsehsender gab, gab es allein schon eine deutlich geringere Anzahl von Nachrichtensendungen, von anderen Formaten mal ganz abgesehen. Die Menschen unterhielten sich morgens am Arbeitsplatz über die gleichen Themen.“

Dazu gab es einen kleinen Witz, der in einer amerikanischen Zeitung erschien. „Vater, wenn ein Baum im Wald umstürzt, aber die Massenmedien sind nicht dabei, um zu berichten – ist der Baum dann wirklich umgestürzt?“ Der Soziologe Niklas Luhmann spricht von Aufmerksamkeitsregeln. Er vermutet, dass das politische System, soweit es auf öffentlicher Meinung beruht, gar nicht über Entscheidungsregeln, sondern über Aufmerksamkeitsregeln integriert wird, durch die Regeln also, die bestimmen, was auf den Tisch kommt und was nicht. Die Strukturierung der Aufmerksamkeit erfolge durch die Massenmedien. Thematisierung im Prozess der öffentlichen Meinung vollzog sich nach der Agenda-Setting-Funktion der klassischen Medien.

Merkel spürt, dass diese alten Regeln nicht mehr gelten. Das doppelte Meinungsklima wird wohl bald die Regel und nicht mehr die Ausnahme sein. Die digitale Öffentlichkeit kennt keine Leser, Hörer oder Zuschauer, die von ihr zu unterscheiden wären – siehe das sehr lesenswerte Büchlein von Stefan Münker: Emergenz digitaler Öffentlichkeiten. Hier sind die Medien, dort die Menschen – diese Differenz kann man nicht mehr ziehen.

„Die Angebote im Web 2.0 sind digitale Netzmedien, deren gemeinschaftlicher Gebrauch sie als brauchbare Medien erst erzeugt“, so Münker. Die Inhalte werden von vielen Millionen Nutzern in der ganzen Welt zusammengetragen, bewertet und geordnet. Das Internet ist eben das, was seine Nutzer aus ihm machen. Klassische Medien produzieren etwas, ohne die Rezipienten zu fragen. Sie senden und drucken, egal ob wir uns das anschauen oder lesen. Youtube sendet nur, wenn ich klicke und auch nur das, womit Nutzer die Seite bestücken. „Wie im berühmten Schachautomaten des 18. Jahrhunderts (Wolfgang von Kempelen!) ist die Schaltzentrale des Web 2.0 der Mensch“, so Münker.

Vox populi bekommt eine ganz andere Entfaltungsmöglichkeit.

„Das Internet ändert die Strukturen unserer Öffentlichkeiten, es ändert die Funktionsweisen politischer und gesellschaftlicher Kommunikationsprozesse, es macht es einzelnen einfacher, sich in politische Debatten einzumischen, es macht institutionelle Grenzen durchlässiger und Entscheidungsprozesse transparenter, es ist anders als Massenmedien interaktiv und wird so auch genutzt. Das Internet hat das technische Potenzial für eine demokratische, partizipatorische Mediennutzung“, führt Münker aus und verweist auf Jürgen Habermas, der fest davon überzeugt ist, dass das World Wide Web die Schwächen des anonymen und asymmetrischen Charakters der Massenmedien ausgleiche.

Für Michel Foucault waren die Ausschlussmechanismen der Massenmedien nicht die Ausnahme, sondern die Regel. Diese Spielregeln werden vom Web 2.0 ausgehebelt.

Ich bin gespannt, ob Allensbach diese neuen Regeln näher untersucht und die Theorie der öffentlichen Meinung umschreibt.

Interessant ist das Phänomen, dass der politische Antipode von Frau Merkel, Mathias Greffrath, in der taz ähnliche Sehnsüchte nach der guten alten Zeit der Massenmedien-Monotonie artikuliert. Robin Meyer-Lucht hat das auf Carta sehr schön seziert. Auch die Blogger-Debatte ist sehr interessant. Wo nur sind die Apologeten des herrschaftsfreien Diskurses gelandet?