„Finance Blog of the Year 2012 – Nominee“

So darf ich jetzt meinen Blog titulieren. Das hat mir Smava mitgeteilt:

Sie wurden mit Ihrem Blog „http://ichsagmal.com/“ für den Finance Blog of the Year 2012 nominiert. Dazu möchten wir Ihnen recht herzlich gratulieren! Ihre Nominierung haben wir auf der Aktionsseite zu unserem Finance Blog of the Year-Wettbewerb erhalten, möglicherweise durch einen Ihrer Leser. Falls das für Sie überraschend kommt, finden Sie hier alle Nominierungen und Informationen zu dem Wettbewerb: http://www.smava.de/4821+Finance-Blog-of-the-Year-2012—Uebersicht.html

Der weitere Ablauf sieht wie folgt aus:
1. Unter allen nominierten Blogs wird eine Jury die 15 besten als Finalisten auswählen

2. Anschließend wird dann unter den 15 Finalisten der Gewinner in einer Abstimmung ermittelt, an der jeder teilnehmen kann

Soweit die Mitteilung. Man kann auch etwas gewinnen. Hauptpreis ist übrigens eine London-Reise.

Um der Jury die Bewertung zu erleichtern, hier eine Auswahl meiner Finanzthemen, die zwar nicht im Vordergrund meiner Berichte stehen, aber auch nicht ganz unwichtig sind:

Die Sache mit dem Geld: Warum man die Hütchenspiele der Spekulatius-Boys verbieten sollte.

Bundesbankpräsident in Köln: Finanzpolitik droht an Inkonsistenzen zu scheitern – Eurosystem darf nicht mit weiteren Risiken belastet werden.

Politische Gesäßgeografie bringt uns in der Finanzpolitik nicht weiter.

Myron Scholes traut sich nach Lindau: Mister Spekulatius beim Treffen der Wirtschaftsnobelpreisträger.

Jenseits von Angebot und Nachfrage: Warum die Ökonomenzunft politischer werden muss.

Reguliert die Börsenbubis! Die Schnöselkrieger auf den Finanzmärkten brauchen strengere Regeln.

BWL-Schnösel und die Leiden der Realwirtschaft #Börsencrash.

Ratingagenturen als Staat im Staate: Die Fehlurteile der Ramsch-Experten.

Soweit ein kleiner Überblick aus der letzten Zeit. Ist ja doch einiges zusammengekommen. Vielen Dank übrigens an Unbekannt für die Nominierung.

Finance Blog of the Year 2012

Myron Scholes traut sich nach Lindau: Mister Spekulatius beim Treffen der Wirtschaftsnobelpreisträger

Morgen wird Myron Scholes in Lindau vor Jungwissenschaftlern auftreten und seine Weisheiten über Finanzmärkte verkünden.

Zur Vervollständigung der Lebensleistung des Nobelpreisträgers veröffentliche ich hier noch einmal einen Auszug meiner The European-Kolumne über die Scharlatane mit Triple-A-Syndrom unter besonderer Berücksichtigung der Rolle von Mister Scholes:

Es sind zwei Herren, die als Symbol des finanzkapitalistischen Wahnsinns in Erinnerung gerufen werden sollten. Myron Scholes und Robert Merton, die für ihre „Verdienste“ sogar mit dem Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften ausgezeichnet wurden. Ihre theoretischen Fata-Morgana-Obsessionen setzten sie in dem Hedge Fonds „Long-Term Capital Management“ in die Praxis um. „Die Instrumente, mit denen sie arbeiteten, waren damals nur einer Minderheit von Eingeweihten vertraut: ABCPs, Carry Trades, CDOs, Optionen, Leerverkäufe, Derivate und andere, noch exotischere ‚Produkte‘“, schreibt Hans Magnus Enzensberger in seinen „Mathematischen Belustigungen“ (edition unseld). In den ersten Jahren erwirtschafteten sie mit einem Eigenkapital von nur vier Milliarden Dollar eine Rendite von 30 bis 40 Prozent. Das biblische Mirakel der Brotvermehrung mutet dagegen kümmerlich bescheiden an.

Die Modelle der preisgekrönten „Wissenschaftler“ beruhen allerdings auf Simplifizierungen der Wahrscheinlichkeitsrechnung. Die Gaußsche Normalverteilung widerspricht der Realität des Marktes. „Dazu kommt noch eine weitere Fehlerquelle. Die Modelle, mit denen Händler, Banken und Versicherungen arbeiten, sind, wie der Mathematiker Yuri Manin sagt, in hohem Maße in der Software ihrer Computer codiert. Damit gängeln diese Programme als eine Art Kollektiv-Unbewusstes das Verhalten der Akteure“, führt Enzensberger aus.

Betonung auf Anal und wenig lyse

Aber gerade die unerwarteten Umstände schaufelten das Spekulationsgrab, in das Scholes und Merton hineinfielen. Der Hedge Fonds LTCM kollabierte 1998, führte zu einem Verlust von über vier Milliarden Dollar und machte einen Rettungsplan notwendig, an dem sich bekannte Namen als Samariter betätigten: Bear Stearns, Lehman Brothers, Merill Lynch, Morgan Stanley und Goldman Sachs – natürlich auch die Deutsche und Dresdner Bank. Scholes wurde zwar wegen Steuerhinterziehung in Höhe von 40 Millionen Dollar verurteilt, arbeitet aber nach wie vor als Fondsmanager. Und Merton? Er lehrt wieder Ökonomie an der Harvard Business School, wo er die Analysten der Zukunft ausbildet – mit Betonung auf Anal und wenig lyse. Für beide Spekulatius-Luschen beantrage ich die Aberkennung des Nobelpreises, wenn das überhaupt geht. Schließlich müssen auch des Dopings überführte Tour-de-France-Sieger ihre Krone wieder zurückgeben.

Vielleicht könnte zumindest irgendjemand im Auditorium nach dem Vortrag dieses Herrn noch ein paar kritische Fragen stellen….

Jenseits von Angebot und Nachfrage: Warum die Ökonomenzunft politischer werden muss


Tissy Bruns hat mit ihrem politischen Tagesspiegel-Essay vollkommen recht: In der zügellosen Achterbahnfahrt der Finanzmärkte offenbart sich der desaströse Zustand unserer Demokratien:

Eine übermächtige Finanzwirtschaft führt Politik und Eliten vor.

Seit dem Crash von 2008 sei das irrationale, gefährliche und unproduktive Meuteverhalten der Finanzakteure in seiner verheerenden Wirkung für die Realwirtschaft auf die politische Tagesordnung gekommen – bis auf die Notoperationen ist nichts passiert. Die Spekulatius-Bubis seien klar im Vorteil, denn sie kennen die Regeln der Vielen und nutzen sie zu ihrem Zweck, während die Vielen die Mechanismen weder durchschauen noch beherrschen können, mit denen Ratingagenturen ganze Staaten abstufen oder Hedgefonds mit Leerverkäufen auf Verlust und Niedergang von Nationen wetten, so Bruns.

Sie sind immer im Vorteil, denn sie verdienen nicht nur an konstruktiven Erfolgen, sondern auch an Niederlagen und Pleiten.

Das Resümee von Tissy Bruns ist ernüchternd:

Die Welt ist aus den Fugen geraten. Denn Marktwirtschaft ist nicht mehr Marktwirtschaft, wenn der erpresserische Druck der Finanzakteure groß genug ist, ihre Risiken immer wieder bei den Steuerzahlern abzusichern. Und Demokratie ist nicht mehr Demokratie, wenn sie nicht mehr hält, was sie verspricht, nämlich eine gesellschaftliche Ordnung, in der die ganz normalen Leute über ihr Leben mitbestimmen und mitreden können.

Ich verstehe nicht, warum bei dieser Gemengelage irgendwelche pseudo-liberalen Irrlichter reflexhaft von Anti-Kapitalismus sprechen, wenn man den Spekulatius-Burschen an die Wäsche geht.

Sie sollten sich vielleicht doch wieder etwas mehr mit Ordnungspolitik beschäftigen und dem Credo des Ludwig Erhard-Beraters Wilhelm Röpke:

Politiker und Ökonomen kümmern sich nicht mehr um das, was „jenseits von Angebot und Nachfrage“ liegt.

Wer die einschlägigen Fachzeitschriften durchblättert oder die von der Europäischen Zentralbank publizierten Aufsätze studiert, wird Röpke recht geben, dass das meiste, was da „unter dem großmäuligen Titel der modernen Ökonomie“ getrieben werde, ein „riesenhafter szientistischer Leerlauf“ sei.

In der Wirtschaftswissenschaft reagieren einige immer noch gereizt, wenn man die völlig überschätzte makroökonomische Theorie demontiert und mehr politisches Bewusstsein einfordert. Wer sich hinter ökonometrischen Modellen verschanzt, ist nicht fähig, politische Strategien zu entwerfen, wie es die Vertreter der Freiburger Schule für die Nachkriegszeit praktizieren. In den hochabstrakten Modellen der Wirtschaftswissenschaft werden entscheidende Faktoren ausgeblendet, die das menschliche Verhalten prägen. Der plötzliche Verlust an Vertrauen, ausgelöst durch die Finanzkrise, der auch die Realwirtschaft lähmt, war in keinem Modell vorgesehen, kritisiert der FAZ-Redakteur Philip Plickert. Erst in jüngerer Zeit bemühe sich die Verhaltensökonomik zu verstehen, welche zum Teil auch irrationalen Motive (zum Beispiel das Herdenverhalten) die Marktakteure antreiben. Zugleich sollten nicht die fragwürdigen Motive der Politik unterschlagen werden, die den Rahmen für die Wirtschaft setzt. Auch hier herrsche wahrlich nicht die reine ökonomische Vernunft, kommentiert Plickert.

„In einem Wirtschaftssystem, das auf den freien Entschließungen und Wirtschaftsakten von Millionen von Individuen beruht, müssen die seelischen Schwankungen, denen diese Entschließungen unterliegen, für das Gleichgewicht des Wirtschaftsprozesses von entscheidender Bedeutung sein, und es entsteht die Frage, ob nicht die wirtschaftlichen Bewegungsentscheidungen im letzten Grunde auf solchen Schwankungen der Massenstimmungen und Massenurteile beruhen. Diese Frage wird von der psychologischen Schule der Konjunkturtheorie bejaht (Pigou, Lavington, Schumpeter)”, erläutert Röpke in seinem Buch „Krise und Konjunktur“, das 1932 veröffentlich wurde.

Mit ermüdender Regelmäßigkeit wiederhole sich in jedem Konjunkturzyklus die Erfahrung, dass sich die Menschen während des Aufschwungs dem Glauben an die ewige Dauer der Prosperität hinzugeben scheinen, während sie in der Depression, von einer düsteren Melancholie ergriffen, das fast an Weltuntergangsstimmung grenzt, von einem „Ende des Kapitalismus“ reden und vergessen, dass bisher noch jede Depression ihr Ende gefunden hat.

„Es handelt sich hier um geistige Massenepidemien, denen nur ganz wenige zu widerstehen vermögen, während die große Mehrzahl sich von der Suggestivgewalt der Massenstimmung fortreißen lässt. Für alle diese seelischen Vorgänge gilt, dass sie sich nicht zu solchen Ausmaßen entwickeln könnten, wenn nicht die Ungewissheit über wichtige wirtschaftlich erhebliche Tatsachen, die Mangelhaftigkeit der wirtschaftlichen Informationen und die Unsicherheit der Zukunft einen breiten Spielraum für bloße Vermutungen und unbestimmte, stark gefühlsmäßig gefärbte Prognosen und damit für Irrtümer aller Art schaffen würden.”

Aber selbst von den einigermaßen feststehenden Tatsachen würde das Wort eines griechischen Philosophen gelten, dass nicht die Tatsachen die Handlungen der Menschen bestimmen, sondern die Meinungen über die Tatsachen. „Das Seelische”, so Röpke, spiele eine aktive Rolle bei der „Überwindung des toten Punktes in der Depression”, wenn es um die Vervielfältigung der Aufschwungkräfte geht.

Umso erschreckender ist die Visionslosigkeit und Visionstabuisierung der Eliten in Deutschland, die wir zur Zeit erleben: „Nicht die Trägheit der Volksseele ist das Problem, sondern die freiwillige Entmündigung der führenden Köpfe des Landes”, bemängelt der Psychologe Stephan Grünewald.

„Besonders die Eliten der Wirtschaft entmündigen sich selbst. Einen entsprechenden Befund haben wir in unserer Studie über die mangelhafte Reformbereitschaft von Entscheidungsträgern festgestellt. Der übergreifende Sinn von Reformen wird weder gesehen noch verstanden. Reform-Politik erscheint entweder als überkomplex oder man hat den Eindruck, dass die verschiedenen Reformstränge nicht zusammenlaufen. Oft wird die Notwendigkeit einer übergreifenden Reform-Idee oder gesellschaftlichen Vision verneint oder ad absurdum geführt: ‚Vision – Illusion – Desillusion!’ Die Visions-Negierung erschwert es, sich für politische Reformen zu begeistern und sie zu eigenen Anliegen zu machen”, so Grünewald, Geschäftsführer des Rheingold-Instituts in Köln.

Die Selbstentmündigung der Entscheidungsträger und ihre systematische Abkopplung von der Reform-Politik bringe sie in eine seelisch kommode Position: „Sie können beim Staat alles einklagen, sind aber selber zu nichts verpflichtet. Vor allem das vehemente Klagen über die Zustände und die Verlagerung des persönlichen Unmuts auf die Politik ermöglicht, aus der selbst hergestellten Ohnmacht herauszutreten. Und die eigene Handlungsstärke zu demonstrieren. Ohnmacht vor sich selbst zu begründen. Gleichzeitig sieht man sich dabei nicht genötigt, selber aktiv zu werden”, erklärt Grünewald.

Die Finanzkrise verstärke diese Denkhaltung und bekommt eine ungeheuerliche Dimension. „Sie erscheint wie ein Schwarzes Loch, was alles zu verschlingen droht. Das macht Menschen noch handlungsunfähiger. In diesem Schwarzen Loch können über Nacht nicht nur Gelder, sondern auch Immobilien und ganze Banken verschwinden. Zurück bleibt ein Ohnmachtgefühl”, sagt Grünewald.

Fatal sei der um sich greifende Zweckpessimismus in der Wirtschaft, der zu einer zweiten krisenhaften Bugwelle führt. Viele Firmen würden sich vorsorglich schon so verhalten, wie es die düsteren Konjunkturprognosen voraussagen. „Das entwickelt sich schon fast zu einem Volkssport. Jeder Vorstandschef will nachweisen, dass er heftig gespart hat”, betont der Rheingold-Chef. Das sei alles andere als visionsfreudig. Die Wirtschaftselite verhalte sich prozyklisch. Besser wäre es, wenn man sich jetzt auf seine Kernwerte besinnen und stärker über Zukunftsprojekte nachdenken würde.

Siehe auch:
Scharlatane mit Triple-A-Syndrom.

Weltweit kolportierte Endzeitstimmung hat fatale Folgen für die Konjunktur – Harvey Nash-Chef plädiert für antizyklisches Verhalten

Bei der täglichen Lektüre der Schreckensnachrichten über eine drohende Rezession der Weltwirtschaft sollte man sich nach Ansicht von Harvey Nash-Chef Udo Nadolski mit dem Informatik-Professor Karl Steinbuch beschäftigen. „Er hat 1979 eine interessante Korrelation entdeckt. Er hat berechnet, dass eine seit 1949 jeweils zum Jahresende vom Institut für Demoskopie Allensbach gestellte Frage ‚Sehen Sie dem Neuen Jahr mit Hoffnungen oder Befürchtungen entgegen’ in dem Prozentsatz der Antworten ‚mit Hoffnungen’ der Entwicklung des realen Bruttosozialprodukts vorauseilt“, schreibt Nadolski in seinem Unternehmens-Blog. Der Verlauf des Optimismus folge wie das Wachstum des Bruttosozialprodukts Zyklen mit einer Dauer von etwa vier bis fünf Jahren und der Optimismus in der Bevölkerung hinke nicht hinter der Konjunktur her, sondern gehe ihr voraus: Zuerst Optimismus, dann Wachstum. Die persönliche Einschätzung der Zukunft sei scheinbar ein besserer Indikator für die Entwicklung der Konjunktur, als die mit großem wissenschaftlichen Aufwand betriebenen Vorhersagen der Wirtschaftsforschungsinstitute. 

„Der von Steinbuch entdeckte Effekt gilt leider auch in umgekehrter Richtung. Die weltweit kolportierte Endzeitstimmung könnte eine gefährliche Abwärtsspirale in Gang setzen: Die wirtschaftliche Dynamik ist nicht nur abhängig von äußeren Faktoren wie Steuerlast oder Arbeitsgesetzen, sondern in hohem Maß auch von Psychologie. Für die Konjunkturentwicklung ist es relevant, wie es zu gleichgerichteten Verhaltensweisen der Bevölkerung bei jenen Faktoren kommt, die Expansion und Rezession beeinflussen; denn erst der Gleichschritt erzeugt die Durchschlagskraft, verstärkt die Wirkung so sehr, dass der Konjunkturverlauf einen schicksalhaften Rang erhält“, so Nadolski.

Als Ursache sei ein sozialpsychologischer Faktor herausgearbeitet worden – Ansteckung. Sie werde ausgelöst durch übereinstimmende Motive der Wirtschaftsakteure, gemeinsame, unter bestimmten Umständen erweckte Vorstellungen, Nachahmung, Übertragung von Gefühlen und überspringende Stimmung. 

„Wenn jetzt kollektiv von Marktversagen und vom Niedergang des so genannten Neoliberalismus gesprochen wird, hat das fatale Folgen. Über 60 Prozent der Bevölkerung in Deutschland setzen auf mehr Staat statt auf mehr Markt“, führt der Harvey Nash-Chef weiter aus.

Unisono vertreten mittlerweile alle politischen Akteure die Auffassung, dass man sich von der liberalen Marktgläubigkeit verabschieden müsse. Dabei blende man die Ursachen der geplatzten Finanzblase gerne aus.

„Verschulden Sie sich. Bei uns kostet der Kredit nur ein Prozent Zinsen im Jahr“, das war über viele Jahre die Botschaft der amerikanischen Notenbank an die Kreditinstitute. Die Banken spielten gerne mit. In Deutschland waren es auffällig viele Finanzinstitute der öffentlichen Hand. 

„Die Finanzkrise ist also im Kern von einer staatlichen Institution ausgelöst worden – durch die legere Geldpolitik der Federal Reserve Bank. Ein Versagen der Marktwirtschaft sieht anders aus. Deshalb sollten wir uns in der Realwirtschaft vom Chorheulen der Wölfe verabschieden und antizyklisch agieren. Investieren, konsumieren, Firmen gründen, zukunftsfähige Produkte und Dienstleistungen entwickeln“, fordert Nadolski.

Wirtschaftschancen in Osteuropa

Der Emerging Markets-Experte Jörg Peisert hat ein Faible für Osteuropa. Im Gespräch mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ) sagte Jörg Peisert: „Russland profitiert von massiven Restrukturierungen der Wirtschaft.Laut Peisert spricht für den russischen Markt, dass es sich um das rohstoffreichste Land der Erde handelt. Besonders interessant seien die Ölindustrie und Versorgungsunternehmen: „Die besonderen Chancen dieser Branchen liegen in der Internationalisierung ihrer Absatzmärkte, die sie zunehmend vom russischen Wirtschaftssystem unabhängig macht. Speziell die Öllieferanten profitieren von steigenden Ölpreisen. Aber auch sinkende Preise wirken sich kaum auf die Wirtschaftlichkeit der Rohstoffunternehmen aus.“ Doch auch die Telekommunikationsbranche sei sehr interessant, betonte der Emerging-Markets-Experte gegenüber der FAZ.  Im Gegensatz zu Osteuropa war Lateinamerika lange Zeit das Sorgenkind unter den Schwellenländern. Nach Argentinien geriet unter anderem Brasilien schwer unter Druck. Dazu sagte Jörg Peisert gegenüber der Financial Times Deutschland (FTD) , verglichen mit der Krise in Asien oder auch der Krise in Russland könne man eindeutig feststellen: „Die Schwellenländer sind erwachsen geworden. Nicht nur in Hinblick auf deren wirtschaftliche und politische Situation, sondern vor allem auch in der Wahrnehmung der Investoren. Es werden nicht mehr alle Schwellenländer über einen Kamm geschoren. Stattdessen haben sich deutlich Emerging Markets erster und zweiter Klasse herauskristallisiert. Zur ersten Klasse zählen Osteuropa und Südostasien. Lateinamerika hingegen ist zweit- oder momentan sogar drittklassig.“ Bei den wirtschaftlichen Rahmendaten spielten Osteuropa und auch Südostasien einfach in einer anderen Liga. „Vergleicht man etwa Kriterien wie das durchschnittliche Bruttoinlandsprodukt, die Inflationsrate oder die Verschuldung der Regionen, dann ist der Abschwung Lateinamerikas fundamental gerechtfertigt. Wobei man natürlich auch die psychologische Komponente, das Anlegervertrauen, nicht außer Acht lassen darf. Hier spielen politische Faktoren eine große Rolle.“ Der Emerging Markets-Experte macht sich vor Ort ein Bild der Situation in den einzelnen Ländern. Nach einer Reise nach Argentinien sagte Jörg Peisert gegenüber Finanzen.Net: „Die Leute auf der Straße ergeben sich ihrem Schicksal. Sie sind darüber frustriert, dass sie keine Chancen haben, den sozialen Aufstieg zu schaffen. Denn es gibt in Argentinien keine breite Mittelschicht wie etwa in Deutschland, sondern eine riesige Kluft zwischen Arm und Reich.“   „Das Wirtschaftswachstum zeigt, wie stark die kleinen und flexiblen Volkswirtschaften von der EU-Aufnahme profitieren. Zudem sind die oft noch stärker als die Aktienkurse gestiegenen Unternehmensgewinne zu bedenken“, sagte Jörg Peisert zu Business-Travel. Das schlage sich auch an der Börse nieder: So sei der Baltix-Index seit Anfang 2000 um sagenhafte 469 Prozent gestiegen. Und im Gegensatz zu vielen alten EU-Staaten sei die Stimmung in den baltischen Ländern gut. Es werde konsumiert, überall gebaut und investiert. Besonders der Außenhandel floriere. „Allein in Lettland haben mittlerweile hunderte Unternehmen aus der Bundesrepublik investiert“, so Peisert, der schon seit Jahren auf die Emerging Markets setzt. Und Lettland gehöre außerdem zu denjenigen Ländern, deren politische Stabilität Anlegern keine grauen Haare beschere.  Doch alles in allem blieb Russland doch der Favorit für Jörg Peisert, der gegenüber Welt-Online erklärte, dass die Situation im restlichen Osteuropa eher verhalten sei: „Hier ist die Entwicklung bei weitem nicht so spannend wie in Russland.“ Wichtigster Grund: Länder wie Polen, Tschechien und Ungarn sind schlicht und ergreifend weiter als Russland. Was sich vor allem in der Weise bemerkbar macht, dass sich die Aktienkurse im Durchschnitt zumindest in der Nähe ihres fairen Werts bewegen. Der Trend gehe klar nach Osten. „Dabei stehen die baltischen Staaten ganz vorne in der Tabelle der Wachstumssieger“, wurde Jörg Peisert vom E-Commerce-Magazin zitiert. Der Standort Baltikum biete geringe Arbeitskosten und Sozialabgaben – und vor allem hochqualifiziertes und motiviertes Personal. Allein in Lettland haben mittlerweile hunderte Unternehmen aus der Bundesrepublik investiert. „Die Konjunktur in Mittel-, Ost- und Südosteuropa boomt, aus einst maroden Plansoll-Ökonomien haben sich boomende Volkswirtschaften entwickelt“, so Peisert.